Glaubensfragen IV:

210. Sünde wider den heiligen Geist.
Frage: "Bitte, mir in den Blättern zu antworten, auf die mich Tag und Nacht verfolgende Frage: Wie kann man Gewißheit erlangen, ob man nicht die Sünde wider den heiligen Geist begangen hat? Ich sündige so sehr viel, werde durch stete Krankheit und inneren Unfrieden fort und fort gestraft, und fürchte deshalb so sehr, daß ich die Sünde wider den heiligen Geist begangen habe. Eine Angefochtene." (ungenannt).
Antwort. Schon etliche Male habe ich auf solche Fragen geantwortet. Gleich im Anfang (1873) habe ich auch eine große Abhandlung in drei Abschnitten über die Lästerung wider den Heiligen Geist in den Blättern gegeben. Aber da ich nicht voraussetzen kann, daß alle Leser alle Blätter haben, so will ich nun um so mehr wieder dienen, da ich es begreifen kann, wie peinlich die Anfechtung ist, wenn man sie einmal hat.
Hauptfrage in Obigem ist, wie man zur Gewißheit kommen könne, daß man die Sünde wider den Heiligen Geist nicht getan habe. Diese Gewißheit kann man schon durch eine einfache Belehrung nach der Schrift bekommen; denn es hat sich allmählich viel Menschliches an die Worte Jesu angehängt. Die Hauptstelle nun in Matthäus (12, 31. 32), so wie die andere Stelle in Markus (3, 28-30), welche beide Stellen die einzigen sind in der Schrift, die davon reden, sagt schon gar nichts von einer Sünde wider den Heiligen Geist, d. h. man benennt schon das, wovon der Heiland redet, mit einem falschen Namen. Das bitte ich die liebe Angefochtene sich vor Allem sagen zu lassen; denn an dem kann sie gleich merken, mit welchem Unrecht sie ihre Anfechtung hat. Sie soll einmal nachschlagen, wie es lautet. Nicht Sünde, sondern Lästerung wider den Heiligen Geist ist das, wovon der Heiland sagt, daß es nicht vergeben werde. Man kann auf unzählige Weise auch an dem Heiligen Geist sich versündigen, durch Geringschätzung des Worts, durch Verachtung der göttlichen Offenbarung, durch Übertretungen der göttlichen Gebote, überhaupt durch Alles, was man wider besser Wissen und Gewissen, also wider die Mahnungen des Geistes von oben, tut. Aber das sind Alles Sünden, die vergeben werden können, wie es ausdrücklich auch in jenen Stellen heißt, mit den Worten: "Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben," oder kann vergeben werden. Nur bei der Einen Sünde, welche Lästerung heißt wider den Heiligen Geist, ist es anders. Schon hieraus wird man leicht finden, wie unnötig man sich mit der Sünde wider den Heiligen Geist plagt, wenn man sich keiner Lästerung des Geistes bewußt ist, die man soll begangen haben. Auch das, wenn eine gewisse Lästerung, welche Kranke je und je in sich vernehmen, nur rein innerlich, und nicht zur Tat geworden ist, wie ohnehin auch ganz unwillkürlich, kann unmöglich das sein, wovon der Heiland redet, welcher in Seiner Rede ausgesprochene Worte, nicht stille Gedanken in so starker Weise rügt. Übrigens ist auch das merkwürdig, daß die satanischen Anfechtungen mit Lästerungen, doch eigentlich nicht den Heiligen Geist betreffen, sondern Lästerungen gegen Gott und den Heiland sind und sonst heilige Sachen, von welchen Lästerungen, sogar wenn sie mit Willen laut ausgesprochen werden, in jenen Stellen wiederum ausdrücklich gesagt ist, daß sie vergeben werden können.
Die Angefochtene muß sich also den Ausdruck Sünde wider den Heiligen Geist ganz abgewöhnen und sagen lernen, wenn von dergleichen die Rede ist, Lästerung wider den Heil. Geist. Der Heilige Geist aber ist eine Person, wie der Vater und der Sohn. Man kann nun nach den angeführten Stellen Gott lästern, und man kann wider des Menschen Sohn reden; und Beides ist immer eine Lästerung, die vergeben werden kann. Nur wenn die Person des Heiligen Geistes gelästert wird, kann es, wie der Herr sagt, nicht vergeben werden. Die Person des Heil. Geistes aber wurde damals, als der Herr redete, von den Pharisäern damit gelästert, daß sie von Jesu sagten, Er habe einen unsauberen Geist (Marc. 3, 30), also der Heil. Geist in Ihm sei ein unsauberer Geist, ein Beelzebubsgeist. Sie hatten ja gesagt, Jesus treibe durch Beelzebub, d. h. den Obersten der Teufel, die Teufel aus. Statt in Jesu also eine Innwohnung Gottes, durch die Er fähig werde, Wunder zu tun, anzunehmen, nannten sie Ihn einen vom Teufel besessenen Menschen, der durch den Ihm inwohnenden Obersten der Teufel Seine Wunder tue. Solches war und ist die Sünde, die nicht vergeben werden kann. Es ist die Lästerung wider die Person des Heil. Geistes. Vergeben aber kann diese Lästerung darum nicht werden, weil nach der Schrift der Heil. Geist die erlangte Vergebung versiegeln soll, wie "der Geist Gottes Zeugnis gibt unsrem Geiste, daß wir Gottes Kinder sind." Überhaupt ist alle Wiederbringung des Menschen unmöglich, wenn man den Heil. Geist, der Gottes Heilsplane den Menschen im Herzen verständlich machen, auch durch Männer, vom Geist getrieben, verkündigen soll, für einen Teufelsgeist hält, welcher Erlösung suchende Menschen durch den Heiland und Diener des Worts noch mehr in Netze des Teufels verstricke, als daß sie zu dem ersehnten Heile kämen.
Die liebe Angefochtene nun bitte ich, sich das Alles recht sagen zu lassen; und wenn sie noch so viele Sünden getan hat und täglich viel sündigt, so wird sie doch nicht von sich sagen können, sie habe je einmal die Person des Heil. Geistes, wo dieser bestimmt zu erkennen war, in angeführter Weise oder der ähnlich, als einen Teufelsgeist vor Andern verschrieen, und zwar aus bloßem Neid, wie es bei den Pharisäern war, die es nicht leiden konnten, daß Jesus durch den in Ihm wohnenden Heil. Geist und Seine Werke sollte in ein größeres Ansehen kommen, als sie selber. Gegenwärtig ist es eine Unmöglichkeit, daß überhaupt Jemand den Heil. Geist so lästere, wie es damals geschah, und daß man sich denken könnte, es sei das, was nicht vergeben werden könne, weil uns die Person des Heiligen Geistes erst wieder gegeben werden muß.
Die Angefochtene schreibt auch, sie sündige so sehr viel. Da möchte ich ihr raten, sie möge gegen sich auch in dieser Beziehung nachsichtiger werden. Ihre Sünden sind wohl mehr nur Stimmungen, unwillkürliche Erregtheiten zu Ungeduld, Mißmut, widriger Laune, Heftigkeit, Zorn, Eigenliebe, Empfindlichkeit und dergleichen. Diese Sünden aber alle tut sie nicht mit eigenem Willen. Sie kämpft dagegen, wird aber nicht Meister, weil beständige Leibesschmerzen da sind, und viel innerer Unfriede. Mit Allem wird sie daher keine große Sünderin, sondern bleibt sie ein geplagtes Menschenkind, mit dem man Nachsicht haben muß, wie diese auch der Heiland hat. Sie soll daher auch ihre Krankheit nicht als eine Strafe ansehen für immer neue Versündigungen, sondern für etwas, unter dem sie die Gnade und Freundlichkeit des Herrn erst recht finden soll. An die Gnade muß sie sich halten, und des Heilands als eines Sünden vergebenden Erbarmers sich vergewissern, um auch ein wenig glauben zu können, daß Er Bittenden Erleichterung und Hilfe zukommen lasse. Glaube sie an eine Barmherzigkeit, nicht an eine Härte des Heilandes, die nicht vergebe, an den Versöhnungstod Jesu, und an Seine Macht zu helfen. Tut sie das, so wird's ihr in Allem leichter, wenn sie nur nicht mehr tut, als ob sie diejenige sei, der nicht mehr vergeben werde, die also ewig verloren sei. Der Heiland ist ein Friedensbringer; und Elende und schwer Heimgesuchte sind Seine Lieblinge, als Märtyrer auf eine große Heilszeit, die kommen wird. Ich werde ihrer fürbittend gedenken.
211) An Angefochtene.
Frage. "Mir geht es immer noch schwer. Ob ich wohl schon einige Male Tage und Stunden gehabt habe, da es mir leichter war, und ich mich wieder im Heiland freuen konnte, so wird es doch allemal wieder so dunkel und finster, daß ich nicht weiß, ob das, was ich spürte, auch wirklich vom Heiland war. Das ist mir noch sehr schwer, daß ich nicht beten kann und keinen Glauben und keine Liebe zum Heiland spüre, und daß der Heiland wie vor mir flieht und weicht, und es allemal wieder heißt: du gehörst gar nicht dem Heiland; deine Sache ist noch nie rechter Art gewesen u. s. w. Ich kann es eigentlich gar nicht sagen und schreiben, wie ich's fühle. Wo eben kein Heiland ist, da ist die Hölle; und ich habe so arg Angst vor dem Verlorengehen, daß ich schon gedacht habe, wenn ich nur nicht geboren wäre, und weiß doch nicht, ob ich's auch redlich meine. - Können Sie in Ihren Blättern einige Zeilen als Antwort einschieben?"
Antwort. Da ist viel auf einmal gesagt. Ich habe aber gerne Alles ins Blatt genommen, weil ich wohl Vielen einen Dienst damit tue, die meinen, so sei es gerade auch ihnen, wie's der Brief sage. Diese Alle sind nun auch begierig auf meine Antwort. Wie gerne wollte ich so antworten, daß es den lieben Seelen die Finsternis alle wegnehme. Aber so weit sind wir noch nicht, daß solche Anfechtungen so leicht, wie mit einem Hauch, weggeblasen werden können. Da müssen wir noch auf eine Gnadenzeit warten, in der es so wird. Doch gibt auch jetzt schon der Heiland sehr viel, durch Stillesein und Hoffen. Wer kindlich bleibt und nicht gleich meint, es sei Alles verloren, wenn so allerlei Stimmen sich inwendig vernehmen lassen, wie wenn der Seele ihr Anteil am Heiland will abgesprochen werden, und sie in Angst gebracht werden soll, daß ihre Sache nie etwas Rechtes gewesen sei, kann viel Trost empfinden, wenn er an den ins Fleisch gekommenen Heiland denkt, und an den Gesang der himmlischen Heerscharen dabei. Was ist denn, liebe Seelen, eure Sache? Das ist sie, daß ihr seufzet, arm seid, Leid traget, bekümmert seid um einen Heiland. Ist's das, so machet ihr's ja recht, und ist eure Sache auch rechter Art. Der Heiland sagt nicht: "Selig sind die, deren Sache etwas Rechtes ist," wenn sie's nämlich selber machen wollen; sondern Er sagt: "Selig sind die geistlich Armen; selig sind, die Leid tragen." Glaubet also, daß eure Sache, weil sie nichts Eigenes ist, rechter Art ist. Wenn ihr's aber nicht vermöget, ruhig zu werden, so sorget nicht, oder ist's wenigstens noch nicht gefehlt; denn das Unvermögen wird euch nicht zur Sünde. Um eures Seufzens willen allein schon hat euch der Heiland lieb.
Wenn ihr aber den Heiland nicht fühlet, so müsset ihr Ihn desto mehr glauben. Die, welche nicht sehen und doch glauben, sind ja die rechten Leute; und so auch die, welche nicht fühlen, und doch glauben. Auf Gefühle nimmt der Feind oft Beschlag; aber auf euren Glauben nicht, wenn ihr nicht nachgebet. Auf den kann kein Teufel Beschlag nehmen, wenn ihr nur seufzet: "Führe uns nicht in Versuchung." Ja, oft habet ihr ihn nicht, und habet ihn doch. Glaubet auch an euren Glauben; und dann kommt dazwischenhinein doch auch ein gutes Stündlein. So hat mich's in deinem Briefe gefreut zu lesen, daß du doch oft Tage und Stunden hast, da dir's leichter ist. Aber wie einfältig, wenn du meinst, das sei nichts Rechtes gewesen, wenn's hintendrein wieder dunkel wird! Vielmehr hat's der Heiland als ein Angeld gegeben, daß es noch ganz besser werden soll, weil Er ja da ist, nur ein wenig versteckt. Sonst nur keine Furcht vor der Hölle. Seufzende gehen nicht verloren; denn um ihretwillen offenbart der Herr Seine Herrlichkeit. Schon darum glaube ich, daß die Zeit dazu nahe sei, weil so viel geseufzt wird. Nur daß ich weiß, wird so viel geseufzt auf Erden, daß der Heiland nimmer anders kann, als dreinsehen und helfen. Er kann unmöglich länger verzieh'n. In einer Kürze wird Er die Auserwählten, - und das sind die Seufzenden, merkt's euch! - erretten. Nehmet diese Gedanken in die Weihnachtsfeier herein. Diese segne der Heiland an euch!

III. Fragen.
212. Vom Blutessen.
Frage. "Heute wurde bei uns von etwas gesprochen, über das ich noch nie nachgedacht hatte; und ich möchte es am Liebsten gleich Ihnen sagen und Sie bitten, einige Worte darüber in den Blättern mitzuteilen. Es handelt sich nämlich darum, ob es Sünde sei, wenn man sich nicht vom Erstickten und vom Blut enthalte und davon esse, und ob man den Worten in der Apostelgeschichte (15, 20) nachkommen solle. Ich gestehe, daß ich nie darüber nachgedacht habe. Wenn man mir aber Gottes Wort klar geschrieben entgegenhält, da muß ich doch stutzen und prüfen. Deswegen wäre ich Ihnen für ein Wort recht dankbar."
Antwort. Man kann allerdings, wenn man unerwartet an den angeführten Spruch, dessen man sich nicht klar bewußt gewesen war, erinnert wird, etwas frappiert werden, weil das Verbot des Blutessens so entschieden da steht, und doch alle Christenheit, auch die evangelische, - unter dieser übrigens machen je und je teils Einzelne, teils gewisse Gemeinschaften eine Ausnahme, - sich weder des Erstickten, (denn alles Wild, im Walde geschossen, ist ein Ersticktes, weil das Blut nicht abgelassen wird; vor anderem Erstickten, das auch schädlich wäre, mag's Jedermann ekelnd) noch des Bluts enthält. Es ist um so auffallender, weil die vier Stücke, die verboten bleiben sollten, nicht gleichartig sind. In der ersten Kirchenversammlung nämlich zu Jerusalem, da man die Frage besprach, ob Heiden, die gläubig würden, auch sich beschneiden zu lassen sollen verpflichtet sein, trat Jakobus, der Bruder des Herrn, auf angeführte Zumutung abweisend, mit dem Vorschlag:
Apost. 15, 19-21. "Man mache den Heiden nicht Unruhe, sondern schreibe ihnen, daß sie sich enthalten von der Unsauberkeit der Abgötter, und von Hurerei, und vom Erstickten, und vom Blut. Denn Moses hat von langen Zeiten her in allen Städten, die ihn predigen, und wird alle Sabbatertag in den Schulen gelesen."
Die Versammelten sodann, die Apostel und Ältesten, samt der ganzen Gemeine, ließen einen Brief an die Heidenchristen abfertigen, des Inhalts:
v. 28 u. 29. "Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch keine Beschwerung mehr aufzulegen, denn nur diese nötige Stück, daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut, und vom Erstickten, und von Hurerei; von welchen; so ihr euch enthaltet, tut ihr recht. Gehabt euch wohl."
Götzenopfer nun und Hurerei blieben unter allen Umständen verbotene Stücke; und wer am Götzenopfer sich beteiligt und Hurerei treibt, der sündigt, und sündigt sogar schwer. Da kann man nun versucht sein, zu glauben, es werde wohl ebenso strenge mit dem Genuß des Erstickten und des Bluts zu nehmen sein, weil es in gleicher Linie mit dem Andern stehe, oder gar, wenn man das Eine fallen lasse, so werde es auch mit dem Andern nicht so strenge zu nehmen sein. Da muß man sich aber in Acht nehmen, daß man kein falscher Ausleger der Schrift werde, welches geschieht, wenn man nur nach dem Buchstaben, und nicht nach dem Geist auslegt.
Daß die vier Stücke, um zuerst darüber zu reden, so ungleichartig sie sind, zusammengestellt werden, darf nicht befremden. Zunächst wollten die Apostel in ihrem Sendschreiben kurz sein; und so lassen sie es bei der bloßen Anführung der vier Stücke, auf die sie aufmerksam machen wollten, bewenden, sogar ohne die Bestimmungsgründe, welche Jakobus in seinem Vorschlag vorgebracht hatte, mit anzuführen, indem sie nur kurz schlossen: "von welchen, so ihr euch enthaltet, tut ihr recht." Sonst lag den Aposteln viel daran, die weiteren zwei Stücke, außer dem von dem Erstickten und vom Blut, besonders hervorzuheben. Heiden nämlich, die gläubig wurden, waren nur gar zu sehr versucht, vormaligen heidnischen Freunden zu lieb, mit denen sie doch nicht gar brechen wollten, ein wenig nachzugeben, und beim Götzenopfer wenigstens anwesend zu sein, und an dem Tisch zu sitzen und den üblichen Mahlzeiten beizuwohnen, meinend, das hätte nichts zu sagen, und sie hätten innerlich Freiheit dazu. Wahrscheinlich konnte man auch im Götzenhause seine Mahlzeit halten, wie bei uns in Gasthöfen. Solches aber hätte müssen den Juden anstößig sein, wie es in Korinth der Fall war (1 Kor. 8, 10). Paulus legt es den Korinthern auch sonst ans Herz, daß sie, weil, was die Heiden opfern, sie den Teufeln opfern, nicht sollten in der Teufel Gemeinschaft sein (1 Kor. 10, 20. 21). Ebenso war's mit der andern Unreinigkeit für die Heiden etwas sehr Versuchliches, weil Heiden es gar nicht begriffen, daß man sich sollte dessen enthalten, was bei Niemanden auch nur beachtet wurde. Vor dem Erstickten und dem Blut wollten die Apostel deswegen warnen, weil die Christen mit Nichts die gebliebenen Juden mehr ärgern und abstoßen konnten, als wenn sie dergleichen genößen. Deswegen sagt auch Jakobus, weil an den Sabbaten überall Moses gelesen werde und so die göttliche Vorschrift bekannt sei, solle man sich des Angeführten enthalten, zumal im Anfange die Christen von den Versammlungen in der Synagoge nicht wegblieben, weil sie ja auch als Christen immerhin zum bisherigen Gottesvolke gehören wollten, wie namentlich Jakobus selbst, der sein ganzes Leben hindurch den Juden befreundet blieb, von diesen auch hochgeachtet wurde.
Es lagen also äußere Gründe vor, warum die vier Stücke als solche bezeichnet wurden, bei welchen die Heiden Gewissen und Vorsicht gelten lassen sollten, wenn sie sonst von allem äußerlich Bindenden sollten frei sein. Der gegebene Spruch selbst aber kann unmöglich ein bleibendes göttliches Gesetz sein. Denn nach dem Evangelium gilt der Grundsatz: "Christus ist des Gesetzes Ende." Damit ist gesagt, daß dem Christen nichts Äußerliches mehr von Gott geboten sei, das ihm helfen sollte, gerecht zu werden und die Seligkeit zu erlangen, daß es also seelengefährlich sein sollte, es zu übertreten. Dem Petrus war es bereits in einem Gesicht gezeigt worden, daß er nichts mehr als unrein ansehen, sondern von allem Tier und Gewürm essen dürfe. "Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein", hieß es (Apost. 10, 10-16). Auch Paulus sagt (Kol. 2, 16), daß sich Niemand Gewissen machen lassen solle über Speise und Trank. Ferner sagt er (1 Tim. 4, 4 u. 5): "Alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit Danksagung genossen wird."
Viele aber machen hier die Einwendung, ob da wirklich auch das Blut mit einbegriffen sei, während im A. Testamente ein besonderer Grund angegeben worden sei, warum es Israel habe nicht essen dürfen, weil nämlich im Blut das Leben sei. Solches ist aber mit Bezug auf den Opfergebrauch gesagt. Auf den Altar gehörte das Leben, und darum gehörte auch das Blut dem Herrn, weswegen es ganz frisch ins Heiligtum gebracht werden mußte. Israel sollte daran gewöhnt werden, sein Leben als dem Herrn gehörig zu betrachten, dem es auch geopfert werden sollte, vorbildlich mit dem Leben und Blut des Tiers. Nur wenn alles Blut von jedem geschlachteten Tiere als dem Herrn angesehen, also vom Menschen nicht genossen wurde, hatte Israel genügende Ehrerbietung vor dem Opferblute, welches auch wieder Vorbild des Blutes Christi ist, in welchem gleichfalls das Leben Christi liegend zu denken ist. Mit der Abschaffung der Opfer aber ist jedes Verbot, das eine Beziehung zu den Opfern hatte, gefallen, so auch das Verbot des Blutessens, da der Grund des Verbots keine Bedeutung mehr für uns hätte. Andere sagen, das Blutessen mache roh, eben weil das Leben des Tiers im Blut sei. Man wird aber doch nicht glauben, daß auch nach der Schlachtung im Blute noch das Leben sei. Das Blut freilich warm und roh zu genießen, wird nur ein roher Mensch sich einfallen lassen; aber wenn es so zubereitet wird, wie bei uns, wie kann's roher machen, als das Fleischessen überhaupt; oder wie kann's schädlichen Einfluß auf die Affekte und das Seelenleben des Menschen haben? Gott hat nun einmal das Fleisch ausdrücklich dem Menschen zur Nahrung gegeben; und wie kann Er etwas dagegen haben, wenn der Mensch, so viel er kann und der Gesundheit unschädlich findet, vom geschlachteten Tiere zu seiner Nahrung benutzt? Jedes Verbot, um damit zu schließen, das nicht eine Beziehung hat zur Liebe gegen Gott und den Menschen, muß im N. Bunde als aufgehoben gedacht werden; und all unser Glaube bekommt eine schiefe Richtung, wenn wir auch nur das geringste äußerliche Verbot uns denken, dessen Übertretung unsre Seligkeit gefährdete.
213) Ihre Engel im Himmel.
Frage. "Das schöne und tiefe Wort des Herrn (Matth. 18, 10) über die Kinder sagt uns: ""Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel."" So dürfen wir ja glauben, daß die Kinder unter besonderem Schutze und Obhut Gottes und der heiligen Engel stehen. Wenn ein Kind verunglückt, durch schweren Fall verstümmelt oder zu frühem Tode gebracht wird, so können wir uns fügen in Gottes Rat, der es, wenn auch auf schwerem Wege, frühe der Welt entnimmt und zu Seinem Frieden führt. Wie aber, wenn durch gottlose Menschen ein schuldlos Kind an Seele und Leib verderbt wird, wie, wenn, wie kürzlich erlebt, ein unschuldiges Kind auf die gräßlichste Weise entweiht wird, ehe es getötet wird? Müssen da die unglücklichen Eltern nicht verzweifeln an der Wahrheit jener Verheißung?"
Diese Frage ist schon vor einem Jahre an mich gemacht worden. Ich erinnere mich aber, daß ich sie damals ein wenig bei Seite legte, weil ich sie ungerne beantwortete. Denn es ist immer mißlich, den lieben Gott gleichsam rechtfertigen zu müssen, weil das kaum anders möglich ist, als daß dann die Schuld auf Menschen fällt, Menschen aber sich nicht gerne beschuldigen lassen, namentlich sehr übel gestimmt werden, wenn man bei Unglücksfällen auch nur die Möglichkeit einer Verschuldung voraussetzt. Andererseits ist es auch nicht billig, Menschen mit Argwohn anzusehen, wenn ihnen etwas Widriges widerfährt, als ob sie eine verborgene Schuld haben müßten; und wie Unrecht kann man da Vielen tun? Da ist wirklich nichts besser, als geradezu stille sein, und weder an Gott und Seiner Verheißung verzweifeln, noch mißtrauisch seine Nebenmenschen ansehen. Wir sehen auch, wie beinahe Jedermann es so macht. Alles ist voll Mitleiden, wenn es Jemanden in ein schweres Verhängnis kommen sieht, und drückt dem Unglücklichen gegenüber ein Auge zu, auch wenn von diesem Allerlei bekannt ist, läßt's auch gewöhnlich auf sich beruhen, ohne über Gott klagen zu wollen. Daß man es so macht, ist einerseits von der Liebe geboten, die man gegen Jedermann haben sollte, andererseits von der Ehrfurcht gegen Gott. An jenem Tage, so trösten sich die Meisten, werde schon Alles offenbar werden, und jedenfalls Gott gerechtfertigt dastehen, wie es nun sei.
Will man dennoch im Allgemeinen ein wenig darüber verhandeln, so kann man Allerlei sagen, ohne direkt Andere zu beschuldigen, von denen man ja meist auch nichts weiß; und es ist wichtig, daß man, was man sagen kann, sagt, weil es zur Verhütung von mancherlei Sünde und Übel führen kann. Die welche an der Wahrheit der angeführten Verheißung bezüglich der Engel, welche Kindern beigegeben sind, verzweifeln, wenn diesen etwas grässliches widerfährt, machen jedenfalls einen großen Fehler, wenn sie, einmal stutzig geworden, schon die Möglichkeit einer besonderen Verschuldung von Seiten der Menschen ganz übersehen, daran gar nicht denken. Sie denken an das unschuldige Kind, dem übles geschieht, aber nicht an die etwaige verborgene Schuld seiner Eltern. Sie reden, als ob sich's von selbst verstehe, daß, weil ja am Kind die Schuld nicht liegen könne, diese an Gott liegen müsse. Dem ist aber nicht so: Kinder sind in einem natürlichen inneren Zusammenhang mit den Eltern, von diesen gleichsam noch nicht völlig abgelöst, so daß sie in Nichts von diesen ganz getrennt dastehen, wie denn die Eltern unter dem Schicksale der Kinder meist mehr leiden, als die Kinder selbst, also doch die eigentlich Gestraften sind. Oft muß es nun den Kindern übel gehen, je nachdem die Eltern sind, und zwar namentlich in der Zeit, da die Kinder, als unmündig, noch ganz in der Unschuld sind. Haben Kinder schon etwas von einem inwendigen Menschen an sich, dann stehen sie schon unabhängiger von den Eltern da, mögen diese noch so schlecht sein, und sind sicherer, als ganz unmündige Kinder, ob diesen gleich nichts zu einem eigentlichen oder ewigen Schaden zugefügt werden kann. Es gibt nun Eltern, denen nur an eigenen Kindern heimbezahlt wird, was sie selbst an Kindern Anderer verübt haben, wobei es nicht gerade ganz kleine Kinder zu sein brauchen, indem peinliche Mißhandlungen und Entweihungen auch an älteren Kindern, die man aber so unschuldig nehmen dürfte, als die Kleinen, verübt werden können, und die Eltern derselben können auch bis auf den Tod dadurch betrübt werden. Wie? wenn deren Klage und Seufzen zu Gott aufsteigt und Rache fordert, wie eben das vorkommt, kann das denen, die sich an ihnen vergriffen haben, gut kommen? Kann Gott geneigt sein, den Kindern der Letzteren den verheißenen Engelschutz voll zukommen zu lassen? Da denkt man denn immer nur an die unglücklichen Eltern, deren Kinder schändlich mißhandelt werden, und wagt's über ihnen gar Gott zu beschuldigen, daß Er Seiner Verheißung nicht treu bleibe. Aber es leiden eben nicht bloß unglückliche, sondern böse Eltern, wenigstens schwer verschuldete, mit denen Gott je und je ernst reden will. Dies nur Eins von dem, was gesagt werden kann. Doch ich gehe weiter.
Wenn der Herr von Kindern redet, deren Engel allezeit das Angesicht ihres Vaters im Himmel sehen, so redet Er mit Israeliten, die in einem besonderen Bund mit dem Gott ihrer Väter standen. Um der Eltern willen, die zum Gottesvolk gehörten, bekamen auch deren Kinder Engel, um so mehr, da die Kinder selbst auch in dem Bund mit Gott standen. Andern Kindern kommt gerade nicht derselbe Schutz zu. Stellen sich Menschen durchaus ferne von Gott, daß sie, wie die Heiden, nichts von Gott wissen und den Götzen dienen, oder auch als Christen, nichts nach Gott fragen, so ist die Verheißung, daß ihre Kinder unter Engel Gottes zu besonderem Schutz gestellt seien, keineswegs dieselbe. Gott mag je und je ein übriges tun, tut's auch, wie wir handgreiflich erfahren; aber fordern können wir es nicht von Gott, wenn Er's nicht tut. Wenn in der Heidenwelt neugeborene Kinder, namentlich Mädchen, im Freien dem Tod ausgesetzt werden, oder gar wilden Tieren zum Fraße, oder wenn sie ins Wasser geworfen oder grausam geopfert werden, oder wenn sie jeden Morgen auf den Straßen tot oder lebendig aufgelesen werden müssen, wer ist da zu beschuldigen, oder wie kann man sich denken, daß die Kinder, welche solche Eltern am Leben lassen, unter einem besonderen Schutz der Engel stehen werden? So auch, wenn bei uns Eltern etwa die Vermehrung der Kinder verbrecherisch unterdrücken, wie kann Gott derselbe gnädige Gott über ihren lebenden Kindern sein, und diesen schützende Engel beigeben? Da übt doch Gott im Verborgenen viele Gerichte, und wie müssen da oft die armen Kindlein die Märtyrer werden? Ferner, wenn Eltern mit ihren lebenden Kindern grausam und hart umgehen, oder wenn Erzieher so sind, daß ihre Befohlene beständig vor ihnen zittern, wie kann Gott Beider Kindern mit freundlicher Liebe Engel beigeben? Ferner, wenn man armen Kindern, die des Brots bedürfen, dieses versagt, auf Eltern, die viele Kinder haben, um deren willen gar keine Rücksicht nehmen, ihnen keine Verschonung mit Forderungen zukommen lassen mag, werden da nicht oft die Engel weichen müssen von da, wo man nur Härte und Unbarmherzigkeit kennt? So gibt es außerordentlich Vieles, das man in Frage kommen lassen muß, ehe man Gott beschuldigt, daß Er nicht zu Seiner Verheißung stehe. Auch wenn es Eltern gar nie einfällt, ihre Kinder dem Schutze Gottes anzubefehlen, können da die Engel gleichsam Macht genug haben über die lauernden Mächte der Finsternis? Aber, wie gesagt, es ist schwer und gewagt, viel darüber zu reden, weil es Jedem wehe tut, den es treffen könnte, ohne daß er's gerade so böse meinte, oder wenn man bei ihm voraussetzen wollte, daß er an dem Unglück, das ihm an Kindern widerfährt, selbst Schuld sei. Im einzelnen Fall kann auch Alles täuschen, und tut man am Besten, anzunehmen, daß keine besondere Schuld vorliege, wie es bei Hiob war, der das Zeugnis hatte, daß es seines Gleichen nicht im Lande gegeben habe, der so recht und schlicht und gottesfürchtig gewesen wäre, und das Böse gemieden hätte, der aber doch an Einem Tage alle seine Kinder auf eine schauerliche Weise verlieren mußte, nur allein, um dem Satan den Beweis zu liefern, daß ein frommer Mensch fromm bleiben könne, auch wenn das Äußerste über ihn verhängt würde.
Etwas Besonderes lasse ich auch nicht gerne unberührt. Es ist bekannt, wie Viele verbotene Wege mit Zauberei, Sympathie und Spiritismus gehen, dadurch sie sich in Verbindung mit persönlichen Kräften der Finsternis setzen; und gerade über ihren Kindern lassen sie in Krankheitsfällen allen möglichen Unfug treiben, daß es ist, als ob die Eltern ihre Kinder einer fremden Macht, einem fremden Gott, übergeben wollten. Wenn so, wo bleiben dann die Engel? O wie viele Leiden fallen auf die kleine Kinderwelt, deren gräßliche, oft gänzlich unerklärliche Krankheiten, Gichter und Krämpfe, wir ja genugsam kennen! Warum nehmen doch diese Krankheiten die Engel der Kinder nicht weg, auch wenn oft viel gebetet wird? - Es sind keine Engel da! O beten wir, daß es anders werde! Beten wir, daß Alles weggeräumt werde, was so Vielen unsrer Kinder den Schutz der Engel in Frage stellt! Denn der Jammer ist groß!
Solches denn ein Weniges zur Antwort. Aber es ist mir sauer geworden, weil ich Niemand wehe tun wollte.
214. Versäumnisse gegen Verstorbene.
Frage: "Um priesterlichen Rat in den Blättern wird für folgenden Fall herzlich und dringend gebeten."
"Eine alte trauernde Witwe kann sich aus ihrer Seelenangst und Trübsal über ihre Versäumnisse gegen den geliebten Mann nicht herausfinden, daß sie nicht williger und tiefer in seine künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen einging, und zu viel Teilnahme von ihm für ihre praktischen und materiellen beanspruchte. Sie hofft und glaubt zwar fest, daß ihr Heiland vergeben hat; aber dennoch drücken die Vorwürfe die zarte Seele fast zu Boden. Bis jetzt hat kein tröstendes Wort Eingang in das schwer beladene fromme Herz gefunden. Noch muß ich bemerken, daß ich das seltene innige Verhältnis der beiden wahrhaft im Herrn Verbundenen kannte und mich oft erquickt habe an der Treue und Fürsorge der liebenden Frau für den edlen Gatten."
Antwort. Die Trauer der Witwe über ihre Versäumnisse ist in Wahrheit wohl nur ein tiefgehendes Heimweh nach dem Manne in der eigentümlichen Form, die der Brief beschreibt. Denn aus dem Ganzen geht hervor, daß die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen des Mannes, mit dem sie seelenverwandt war, nach dem Wunsche des Mannes die gute Frau eigentlich doch sehr berührt haben, keineswegs von ihr ganz hintangesetzt wurden; und nun nicht mehr in den Interessen ihres Mannes sich bewegen zu können, macht ihr ein schmerzliches Wehgefühl, das sie in Vorwürfe über Versäumnisse an dem lieben Mann sich übersetzt. Sie hat also mehr gegen ihr Heimweh zu kämpfen, als sich die angeführten Vorwürfe zu machen. Denn diese Vorwürfe müßten doch allmählich verstummen, wenn sie weiß und fest glaubt, daß der Heiland ihr vergeben habe. In Beidem übrigens, sowohl wider das Heimweh, als wider die Vorwürfe, braucht sie einer Hilfe von oben, die das schwache Herz stärke, um durch den Glauben aus Evangelium über Beides hinüberzukommen.
Das Evangelium nämlich, meine ich doch, sollte im Stande sein, in Beidem zu helfen. Das Evangelium lehrt, daß man auch Vater und Mutter und Ehegatten etc. muß verlassen können um des Heilandes willen. Ein Heimweh aber, bei dem man fortdauernd sich quält, zeigt, daß man den Mann mehr lieb habe, als den Heiland; und Solches muß die trauernde Witwe sich nur bewußt werden, um gleich sich aufzuraffen, daß sie ja dem Heiland nicht wehe tue, indem sie meint und klagt, dem Manne, nach dem sie sich sehnt, scheinbar wehgetan zu haben. Ferner lehrt das Evangelium, daß die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen, welche auf Erden den Menschen eingenommen haben, drüben gar keine Bedeutung mehr haben. Solche Interessen muß man auf Erden zurücklassen, gerade, wie den Mammon. Man kann sie so wenig mitnehmen, als diesen, wie auch Paulus sagt (1 Kor. 13, 8): "so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und das Erkenntnis aufhören wird." Was wird also der selige Mann nach dem fragen, ob seine Frau in seinem Leben viel oder wenig seine wissenschaftlichen Interessen mit ihm geteilt habe? und warum will sich die Frau über dem quälen, was längst schon vom Manne vergessen ist? Dieser hat vielleicht einen Schaden darunter gefunden, wenn er, wie's gehen kann, mitunter auch mehr solchen Interessen, als denen des Reiches Gottes, gedient hat, wie auch Paulus Alles für Schaden achtete, auf daß er Christum gewinne (Phil. 3, 7-9). Das Evangelium endlich lehrt uns auch mit der Vergebung der Sünden Alles haben; und wir müssen uns in Acht nehmen, daß wir nicht den Heiland betrüben, wenn wir Seine Vergebung so wenig achten, daß wir ihrer ungeachtet uns fort und fort quälen, über etwas vollends, das nicht auf ein Ewiges, sondern auf ein Vergängliches gerichtet ist. In dem Allem gebe der Heiland der trauernden Witwe, was Not tut; und ich will Ihn auch für sie darum bitten.
215. Die Geister aus Gott.
Frage: "Wenn in 1 Joh. 4, 1-4 gesagt wird, "ein jeglicher Geist, der da bekennet, daß Jesus Christus sei in das Fleisch gekommen, der sei von Gott", soll ich dann Jeden, der mit dem Munde bekennet, Jesus sei Gott und Mensch, was ja so noch Viele tot glauben, auch sagen, für ein Kind Gottes halten? Was will das sagen: Der ist von Gott?"
Antwort: Vor Allem ist zu bemerken, daß nicht von Menschen, sondern von Geistern die Rede ist, welche geprüft werden sollen, ob sie von Gott sind oder nicht. Wie nämlich wahre Propheten einen persönlichen Geist von Gott einst hatten, der in ihnen und durch sie redete, und wie im N. Testament der Heilige Geist, so lange Er persönlich da war, in denen, welche Ihn bekommen hatten, redete und zeugte, so war bei falschen Propheten auch ein persönlicher Geist, der nicht von Gott war, sondern, unter der Obrigkeit der Finsternis stehend, bei Christen sich einschlich, namentlich bei heuchlerischen Christen, die fromm sein wollten und viel gelten, aber nicht dem Herrn, sondern sich selbst dienten. So kam es, daß es im A. Testamente wahre und falsche Propheten gegeben hat, von denen die Einen einen Geist von Gott hatten, die Andern einen, der nicht von Gott war. Auch im Neuen Bunde gab es bald falsche Propheten, die statt des Heiligen Geistes einen fremden Geist in sich hatten, die sich aber für ächte Propheten hielten, und darum eiferten, daß man sie als ächt nehmen solle. So war es notwendig, zu warnen, daß man nicht jeden Geist, der aus Jemand sprach, nur gleich als von Gott annehmen, sondern auf der Hut sein, und prüfen solle, ob er von Gott sei oder nicht, ob man ihm also trauen dürfe, oder nicht. So hat schon Paulus den Korinthern befohlen (1 Kor. 14, 29), Weissager, die in der Gemeine gesprochen hätten, zu richten, ob man ihrer Weissagung trauen dürfe, oder nicht. Johannes nun gibt in obiger Stelle auch einen Rat, wie man sich vor falschen Propheten, wenn man wolle, sicher stellen könne. Geister, die als von Gott aus denselben redeten, könne man, sagt er, an dem prüfen, ob sie bekennen, daß Jesus ins Fleisch gekommen sei. Geister der Finsternis, wenn die Jemanden in Besitz genommen hätten, deutet er an, können solches Bekenntnis unmöglich ablegen. Tun's Geister, so darf man trauen, daß sie von Gott sind, d. h. von Gott gegeben.
Nach der apostolischen Zeit, da der persönliche Heilige Geist bald nicht mehr war, konnte man Jeden, der aus dem Geist zu reden vorgab, und sich dessen brüstete, unbedingt als einen solchen nehmen, aus dem nicht Gott, sondern der Lügner rede. So ist's bis auf den heutigen Tag geblieben; und Somnambulen und Spiritisten sind's, die man vor Allem fliehen muß. Der Geist, der aus ihnen redet, kann sich zu Obigem nie bekennen. Redet aber ein Mensch aus sich, und so auch etwa Somnambulen in ihrem natürlichen Zustande, so kann derselbe freilich mit dem Munde zu Allem sich bekennen; aber ob er ein lauterer Mensch sei und Kind Gottes nach seinem Bekenntnis, das muß auf andere Weise geprüft werden.
216) Vom Licht, das man leuchten lassen soll.
Frage. "Soll ein Christ in jeder Lage des Lebens nach Matth. 5, 14-16 sein Licht leuchten lassen? Ist mit dem Wort Licht Bekenntnis unsres Glaubens gemeint? Ich (eine Deutsche) lebe seit Monaten in der Familie eines Predigers in der Hochkirche. Trotzdem mir ihre Ansichten gänzlich unsympathisch sind, schwieg ich die ersten Wochen, in dem Gedanken, nur durch stilles Wirken auf die Kinderseelen mehr Einfluß haben zu können; denn Glieder der Hochkirche sind sehr unduldsam. Später machte ich mir über mein Schweigen Vorwürfe; denn sie glaubten mich Anhängerin der Hochkirche. Da erklärte ich frei heraus, daß ich nicht ihre Ansichten teile. Mein Bekenntnis hatte nur zur Folge, daß sie sich Alle von mir wendeten, mich als Feindin der Kirche ansahen und mich entschieden mieden. Ich beklage mich nicht um dieser Verfolgung willen, sondern möchte nur wissen, in welcher Weise ich den Spruch des Herrn zu verstehen habe."
Antwort. Die Frage ist schon ein Jahr alt; aber indem sie mir wieder unter die Hände kommt, kann ich nicht umhin, noch eine Antwort darauf zu geben. Wenn der Heiland sagt: "Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten", so meint Er damit nicht, daß man nur soll frei und offen mit seinen Ansichten auftreten, und Widerspruch gegen Andere erheben. Das kann schon darum nicht sein, weil er Niemanden zu verstehen geben mag, das sei Licht, was Einer eben denke, meinend, seine Ansichten seien unfehlbare Lichtswahrheiten; und wie's die Andern hätten, sei's Finsternis. Mit seinen Ansichten vortreten, heißt also nicht sein Licht leuchten lassen, weil es ja mit diesem Licht noch etwas Unsicheres ist. Namentlich müssen Genossen verschiedener evangelischer Kirchen gegen einander duldsam sein, und einander bei dem belassen, was sie sind, wenn sie nur die christlichen Grundwahrheiten festhalten. Wenn wir unser Licht leuchten lassen sollen, so ist die göttliche Art gemeint, die wir als Jünger des Herrn durch das Evangelium angenommen haben. Diese Art ist ohne Worte auffällig und wohltuend, daß Jedermann sich von ihr angesprochen fühlt, ohne viel Darlegen von Bekenntnissen und Ansichten. Das Wesen des Christen kann ohne die letzteren leuchtend sein. Der Heiland hat im Anfang Seiner Bergpredigt das Leuchtende in Seinen Jüngern angezeigt, indem Er von ihnen sagt, sie seien geistlich arm; und als geistlich Arme seien sie erstlich leidtragend und sanftmütig, zweitens gerechtigkeitshungrig und barmherzig, drittens reines Herzens und friedfertig. Wer so ist, der ist ein Licht; und mit solchen Gesinnungen und Stimmungen sollen wir unter den Leuten als Licht leuchten, als ein Licht, an dem Jeder, der es sieht, sich erquickt, schon durch den bloßen Anblick sich angesprochen fühlt.
Wenn ich nun mit Anhängern einer andern Kirche zusammenwohne, so muß ich mich nicht über diese erheben, meinend, nur so sei es Licht, wie ich es habe. Wer sich über Andere erhebt und dadurch sich mit diesen zerwirft, steht nicht im Licht. Er ist mit der Darlegung seiner Ansichten den Leuten nicht nur kein Licht, sondern geradezu ein wenig Finsternis, weil er wehe tut, Herzen trennt, nichts Gutes schafft. Sich auch wenig darum bekümmern, ob man von Andern, die gerne lieben möchten, nun um der erhobenen Widersprüche willen verfolgt wird, ist auch nicht lichtvoll gedacht. Ich sehe namentlich nicht ein, warum man mit Anhängern der Hochkirche sich zerwerfen soll. Ein Unsympathisches sollte man da gar nicht fühlen. Warum soll ich's nicht mit ihnen haben können, da sie das volle Bekenntnis des Evangeliums haben, wie wir auch, wir mitunter wohl auch nicht. Ich kann's immer gut mit ihnen, und sie auch mit mir. Sind sie unduldsam, so sind sie's nur gegen Unduldsame. Unduldsam aber sind Sie, liebes Fräulein, eigentlich doch gewesen, indem Sie so frei heraus ohne Not erklärten, daß Sie der Andern Ansichten nicht teilen könnten. Warum können Sie doch mit ihnen keine Gemeinschaft haben in der Liebe, und in der Freude des Herzens, daß Beide gegenseitig einen Heiland haben? Warum mit Streiten über Ansichten sich entzweien? Das Ansichtswesen gehört nicht in das Kapitel des Lichts, von dem der Heiland sagt, daß man's leuchten lassen soll. Was man liebt, schont, Rücksichten nimmt, trägt, Geduld hat und Nachsicht, das ist Licht; und was trennt, ist Finsternis. Ein Bekenntnis wird von uns nur gefordert, wo der Glaube an Christum, der ins Fleisch gekommen ist, gestorben und auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und wieder kommen wird, gefährdet ist. Wo das nicht ist, muß man kein Störefried werden; oder man ist kein Lichtskind, das sein Licht leuchten läßt.
217. Wiederkehr der Opfer.
Frage. "Warum werden im jüdischen Gottesdienste des Milleniums (tausendjährigen Reichs) laut Hesekiel (s. Kap. 40-48) wieder blutige Opfer gebracht, nachdem solche durch Jesu Opfer am Kreuz im Geiste erfüllt, und von Paulus als abgeschafft erklärt worden sind?"
Antwort. Der angeführte zweite Teil des Propheten Hesekiel (Kap. 40 bis 48) hat so viele Dunkelheit durchs Ganze hindurch, daß man von ihm aus Schlüsse auf die Zukunft nicht machen kann. Schon die Beschreibung des Landes, wie es werden soll, noch mehr des Tempels, der gebaut werden soll, von welchem die Maße bis ins Kleinste hinaus angegeben sind, läßt sich durchaus nicht in eine Anschauung bringen, so viel man es auch versucht hat. Der Prophet, in der Zeit lebend, da der erste Tempel zerstört wurde, denkt sich eine Wiederherstellung des jüdischen Reichs und Tempels, ohne über die später dazwischen gekommene gänzliche Aufhebung aller Opfergebräuche Licht zu haben. Er weiß es also nicht anders, als daß wenn Israel wieder hergestellt sei, Opfer wieder bestehen werden, wie sie immer in Israel waren, auch nach der Rückkehr aus Babylon wieder eingeführt wurden. Weil er aber als Prophet redet, muß Alles eine gewisse geistliche Bedeutung haben, wie ja die Opfer überhaupt nur Vorbilder gewesen sind. Denkt man sich in dem ganzen Abschnitt die Beschreibung des Milleniums oder tausendjährigen Reichs, so ist auch das willkürlich, indem in dem Abschnitt alle Voraussetzungen, die zu einem solchen tausendjährigen Reiche da sein sollten, fehlen. Namentlich ist von einem Christus im ganzen Abschnitte nicht die Rede. Einstweilen, bis das rechte Licht über jene Kapitel in Hesekiel uns zukommt, müssen wir bei dem bleiben, was wir aus dem Neuen Testamente wissen, daß die blutigen Opfer für immer abgeschafft worden sind, da ja schon der Hohepriester zu ihnen fehlt, und da ohnehin ihre Wiederkehr, als ganz unverträglich mit der Heilslehre, undenkbar ist.
Die Leser übrigens wird es interessieren, zu vernehmen, daß noch eine christliche Kirche besteht, welche Opfer um die Osterzeit herum hat. Sie selbst nennt sich die älteste syrisch-chaldäische Kirche, ist aber in der Kirchengeschichte als die nestorianische bekannt. Sie hat noch viele Schriften in der alten chaldäischen Sprache. Diese Nestorianer, von dem Ketzer Nestorius im vierten Jahrhundert, der als Flüchtling zu ihnen kam, so genannt, waren einst ein sehr bedeutendes Missionsvolk durch die Mitte Asiens, bis die Muhammadaner kamen, und zählen jetzt nur noch, teils in Kurdistan, teils in Persien, 200,000. Sie wohnen im ehemaligen Assyrien, etliche Tagreisen von Ninive (welches etwa bei Mosul stand) gegen Osten, in einer hohen Gebirgsgegend, dahin einst unter Salmanassar die zehn Stämme verbannt wurden. Sie glauben daher vom Stamm Ruben abzustammen, und haben jedenfalls noch viele jüdische Sitten, die sie, auch nach ihrer Bekehrung durch den Apostel Thomas, wie sie sagen, beibehalten haben. Die Bergnestorianer in Kurdistan waren bis vor 30 Jahren unabhängig geblieben durch ihre Gebirge, sind aber jetzt von den Türken überwältigt worden. Sie bilden sonst einen fest geordneten Staat, unter einem Patriarchen und vier Fürsten, Malek, d. h. Könige genannt, welche zugleich Diakonen sind. Einer dieser Fürsten, Malek Markus, ist als Deputierter nach England gekommen, um Schutz zu suchen für sein schrecklich mißhandeltes Volk. Er wurde krank, und ist nun seit etlichen Monaten bei mir. Er zeigt eine seltene Bibelkenntnis. Dieser Malek nun erzählt von Opfern mit Schafen, die bei ihnen noch üblich sind, obwohl sein Volk zu den geläutertsten Kirchen des Altertums gehört, so daß man sie schon die Protestanten Asiens genannt hat. Zur Rechtfertigung der Opfer in seinem Lande sagt er, die alten Opfer vor Christus hätten vorwärts das kommende Opfer Christi, das allein giltig sei zur Rechtfertigung, vorbildlich im Auge gehabt; die Ihrigen deuteten rückwärts auf das geschehene Opfer durch Christum zur Erinnerung.
218. Die Hoffnung des Heiligen Geistes.
Frage. "In Ihren Blättern sprechen Sie öfters mit freudiger Gewißheit davon, daß bald die Wirkungen des Heiligen Geistes aufs Neue sich offenbaren würden. In einem Kreise von Freunden, die Ihre Blätter mit großem Interesse lesen, war eine verschiedene Ansicht darüber, wie Sie sich diese Offenbarung denken möchten, ob als eine neue Ausgießung oder als eine verstärkte Wirkung desselben. Die Einen waren der Meinung, Sie erwarteten eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Andern, besonders ein Theologe, hielten's für unmöglich, daß Ihre Worte darüber so zu fassen seien, da Gott nicht zweimal dasselbe tun könne. Der Geist, einmal gegeben nach Seiner Gnade, wirke ewig fort mit und in Seinen Gaben; aber wohl könne und werde eine Zeit kommen, in der Er wirksamer mit und in denselben erscheine, weil die Menschheit sich Seinem Einfluß hingebe, ihn erbitte in Erkenntnis ihres Elends, und dann auch erhalte. Denn Er sei nie aus der Menschheit gewichen, wohl aber von Vielen nicht angenommen, noch erfleht worden. - Da in dieser wichtigen Sache Viele in Unklarheit sind, möchte ich Sie, lieber Herr Pfarrer, hiedurch freundlichst ersucht haben, uns Ihre Meinung hierüber mitteilen zu wollen in Ihren Blättern."
Antwort. Obiger Brief hat mich gefreut, weil er mich erkennen läßt, daß in einem Freundeskreise, ohne Streit und Zank, nur mit einfacher Darlegung verschiedener Ansichten, über die von mir ausgesprochenen Hoffnungen, bezüglich einer Erneuerung der Christenheit durch den Heil. Geist, gesprochen wurde. Recht herzlich grüße und segne ich die Freunde, schon darum, weil ihnen die Hoffnung wichtig ist, und so sehr, daß sie um nähere Auskunft zu bitten sich gedrungen fühlen. Viel weiter kann ich vor der Hand von christlichen Freunden nicht verlangen, als daß sie die von mir ausgesprochenen Gedanken wichtig nehmen, sich für dieselben interessieren, über sie nachdenken, und dann wohl auch bittend in dieser Sache vor den Thron Gottes treten möchten. Verschiedenheit der Ansichten lasse ich mir gerne gefallen, namentlich über die Art, wie die Hoffnungen sich möchten erfüllen, und über das Maß und den Umfang dessen, was gehofft wird, ob man zu einer Hoffnung auf wenig oder viel sich emporschwingen kann, wenn man nur hofft, wenn nur die Augen wieder nach Gaben von oben gerichtet werden, und die Herzen nach einem sich öffnenden Himmel sehen, damit von da herniederkomme, was die Christenheit und Menschheit aufrichten kann. Ich selbst will Niemanden etwas Bestimmtes aufzwingen. Ich habe auch in mir so viel Liebe zu Allen, namentlich wenn sie etwas von Liebe zum Heiland sehen lassen, daß ich bei ihnen mit Nichts anstoßen möchte, wenn ich Ungewöhnliches sage. Ich sage es, meinem Willen nach, immer so, daß ich mit Allen im Geist verbunden bleiben kann, ob sie mich annehmen oder nicht, weil ich, durch meine Schuld geschieden von den Brüdern, lieber nimmer leben möchte. Auch, was ich jetzt schreibe, soll so gemeint sein, daß Jedem die Freiheit bleibe, davon anzunehmen, was ihm beliebt, ohne daß mein Verhältnis zu ihm eine Änderung erleidet, wenn nur sein Herz warm schlägt für Jesum Christum, den Weltheiland.
Meine Bekanntschaft mit der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, zu der ich schon vom 4. und 5. Jahre meines Lebens an, durch fleißiges und unausgesetztes Lesen der Schrift, Grund gelegt habe, hat mich von frühester Kindheit an innerlich nachdenklich, auch stutzig gemacht, ohne daß ich mich darüber äußerte (Letzteres ist eigentlich erst geschehen, nachdem ich als Pfarrer bereits eigentümliche Erfahrungen gemacht hatte), daß eben bei den Gläubigen der Schrift sich so Vieles ganz anders ansieht, als bei unsern Gläubigen. Wie viel namentlich sagt der Herr, und sagen die Apostel von dem Heiligen Geiste; und Alles, was sie sagen, kann ich bei uns nicht so finden, wie sie es sagen. Gaben vollends, wie sie die ersten Christen durch den Heil. Geist gehabt haben, sind ja ohnehin nirgends zu sehen. Es hat mir auch in den besten Erbauungsbüchern, die ich las, und immerhin hochschätzte, etwas gefehlt, von dem, was ich in der Schrift fand. Namentlich die Wirklichkeit nach den Worten konnte ich bei unsern Christen nur gar wenig finden, wenn auch die Worte an die Schriftworte angelehnt waren. Schon in meiner Kindheit daher hatte ich eine Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Etwas, das ich nur in der Schrift fand, und sonst nirgends, und worin ich mir die eigentliche Gotteskraft verborgen dachte. Es war mir das etwas Anderes, als die Lehre, oder die Glaubensartikel, die ich nach der Schrift als richtig, der Form und dem Gedanken nach, erkennen mußte. Den Heiland haben, in mir fühlen, den Geist haben und in mir zeugen hören, wie das sei, das hätte ich so gerne bei mir gefunden. Wenn ich auch etwas fühlte, so war's doch so schwach und unsicher, daß es mich nicht recht befriedigte, zumal ich hierin an Andern mich auch nicht aufrichten konnte. Das Bewußtsein von einer Armut, wie sie nach den Zeugnissen Christi und der Apostel nicht sein sollte, hat mich oft, auch wenn ich mich in einer Andacht fühlte, recht wehmütig gestimmt, besonders weil die besten Empfindungen immer wieder durch kleine Umstände schnell weggewischt werden konnten. Unter all dem aber war es mir nicht gerade um mich zu tun; denn ich mußte mir denken, jedermann werde den gleichen Mangel fühlen.
In Möttlingen nun, Oberamts Calw, wo ich 14 Jahre lang, von 1838 bis 1852, Pfarrer war, bekam ich Gelegenheit, etwas Mehreres zu erfahren; und zwar in der Art, daß mich's an jenes in der Schrift erinnerte, das mir immer gefehlt hatte, und das ich auch in keinem Buch sonst finden konnte, da ich auch wieder Seltsamem, Mysteriösem, Mystischem, das über den klaren Gedanken hinausgeht, immer feind war, wenigstens keinen Geschmack abgewinnen konnte. Ich hatte nämlich einen langen Glaubenskampf für eine Gebundene, die gelöst werden mußte, wie es nun dem Seelsorger, an den sie sich hielt, gelingen mochte. Unter diesem Kampfe wurde ich, ohne zurücktreten zu können, immer tiefer, in unerhörte Gräuel der Finsternis hineingeführt, darunter ich, - ich kann es nicht anders ausdrücken, - gleichsam handgemein wurde mit persönlichen Kräften der Finsternis, aber auch in der Stille einer höheren Unterstützung, und einer besonderen Gemeinschaft mit dem Herrn, mir bewußt wurde. Der Kampf war nicht umsonst, und führte zu einem endlichen Siege, der in dem hauptsächlich offenbar wurde, daß nicht nur jene Person, sondern meine ganze Gemeinde, wie von Banden der Finsternis gelöst erschien, und heilshungrig zu mir kam, ganz unaufgefordert mir ihre Sünden alle aufzudecken, um durch eine Art Absolution Vergebung der Sünden zu empfangen. Da empfand ich etwas von der Herrlichkeit des Worts an den Herzen der Sünder, und, wie mir erst später bewußt wurde, gewissermaßen einen Anfang von dem, was ich in neuester Zeit immer stärker, lebendiger und zuversichtlicher für die ganze Menschheit, - daß ich's gleich heraussage, - hoffe. Als ich einmal in einer Versammlung klar vor Augen sah, was der Herr an der Gemeinde getan hatte, bekam ich plötzlich ein Wehgefühl über dem Gedanken, daß auch diese Gnadenheimsuchung etwas Vorübergehendes, wenigstens später wieder Verschwindendes, sein werde, wenn nicht, - zum ersten Male brauchte ich dieses Wort, - eine neue Ausgießung des Heil. Geistes käme. Von da an ist's mein Einziges, um diese, oder wie es nun nach dem Rat des Herrn werden sollte, zu bitten. Einstweilen trat auch Vieles von dem ersten Feuer zurück; und auch ich mußte unter viel Schwachheit mir durchhelfen. Nur von einer gewissen Gabe für Kranke ist mir etwas geblieben, das auch in 34 Jahren sich nicht nur nicht verloren, sondern neuestens auffallend wieder vermehrt hat. Weil ich aber so ein Weniges von dem bekommen hatte, was der Christenheit abhanden gekommen ist, wuchs meine Sehnsucht nach der Rückkehr des Verlornen. Daß ich hoffen dürfe, wurde mir immer deutlicher durch die Schrift und durch die Propheten; und je mehr in jetziger Zeit Alles, was zum Christentum gehört, im Großen zu verfallen scheint, je mehr auch die Verderbnisse einen Grad erreicht haben, über den hinaus sie kaum ärger werden können, desto gewisser wird mir auch ein Bald meiner Hoffnung, und je älter ich, nun 72jährig, werde, desto mehr.
(Fortsetzung folgt.)
219) Die Hoffnung des Heil. Geistes.
(Fortsetzung.)
Frage, s. Nr. 5, III, 218.
Über all das mich noch mehr hier auszusprechen, kann nicht erwartet werden. Ich möchte nur die, die ein Interesse daran haben, bitten, selbst in den Geist der Schrift einzudringen, namentlich Alles, was auf ein Innwohnen Gottes im Menschen durch den Heil. Geist und Christum sich bezieht, herauszufinden und in Erwägung zu ziehen, um, wie ich ungesucht darauf gekommen, selbst zu fühlen, was uns mangle. Die persönliche Innwohnung des Heil. Geistes kann unmöglich mehr da sein; denn sonst müßte doch mehr Verständigung der Christen unter einander stattfinden. Man müßte reeller auch bei Verschiedenheiten sich lieben, man könnte unmöglich so viel sich zanken und streiten, sogar ausschließen. Überall fühlt man sich arm; und das Band der Herzen, welches nur der Heil. Geist binden kann, ist nicht mehr da. Wie gering sind unsere Wirkungen auf Personen, die Trost, Aufrichtung, Ermahnung, Halt, Besserung von üblen Angewöhnungen und Untugenden bedürften! Wie schwer will's gehen, um Andere zu überzeugen! Wie unwissend fühlt man sich selbst und sieht man Andere hingehen, trotz dem Vielen, das zu lernen und zu hören dargeboten wird! Wie viele innere Zweifel, Angst, Ungewißheit der Hoffnung, und Anderes mehr haben auch redliche Christen ihr ganzes Leben hindurch! Es fehlt die persönliche Innwohnung des Heiligen Geistes, welche bald Alles anders gemacht hätte. Denke ich vollends an die geistigen Zerrüttungen so Vieler, die auch den Character von Besessenen haben, an die Anfechtungen, von welchen alle Menschen etwas haben, an die Gewalt der Sünde im Menschen, wie unmächtig wir solchem Allem gegenüber sind; denke ich an die Kranken, die Gebrechlichen aller Art, welche von Jesu und den Aposteln ausnahmslos geheilt wurden, und die wir, selbst innerlich seufzend, nicht im Stande sind, von ihren Schmerzen zu lösen; denke ich an die Macht des Unglaubens, die immer größer wird, weil nichts von der Macht des Geistes wahrgenommen wird, so muß ich immer wieder notgedrungen sagen: Es fehlt den Christen der verheißene persönliche Heil. Geist. Der von Gott ausgegossene Geist ist so nicht mehr da, als Er da gewesen ist, und sollte doch da sein, weil ohne Ihn Millionen nicht mehr zu retten sind aus ihrem Elend und ihrer Verkommenheit, und doch gerettet werden sollten.
Es wird nun den Lesern erklärlich sein, wie ich wenigstens den Mangel meine, von dem ich immer rede und von dem mich's drängt, zu hoffen, daß er werde wieder von dem Herrn der Herrlichkeit weggenommen werden, von Ihm, der ja ohnehin wiederkommen soll, wenn Alles wird zurechtgebracht sein, nach Seinem Rat und Wohlgefallen. Etwas muß geschehen, wenigstens muß es in die ernstlichste Bitte vor Gott genommen werden, daß es geschehe; und weil ich schon Erfahrungen gemacht habe, wie sie teilweise nur verstärkt wieder gemacht werden dürften, und von denen ich immer mehr innerlich gedrängt werde, daß ich unmöglich schweigen kann, ist mir auch das Bald gewiß geworden. Bald, bald, das ist meine Meinung, wird es geschehen, daß der Herr drein sehen wird, um mit dem zu helfen, was allein helfen kann. Wenn aber mir dieses Bald gewiß ist, so will ich's von Niemanden fordern, daß es ihm werde, wie mir. Ich verlange keinen Glauben an mich und an das, was ich hoffe. Ich wünsche nur mehr Glauben an die Verheißungen der Schrift, Alten und Neuen Testaments, überzeugt, daß Jedem ein Licht auch über das Bald aufgehen kann, wenn er mit seinem Geiste sich tiefer darein versenkt.
Nun aber wird gefragt, wie ich mir das Wiederkehren der Wirkungen des Heil. Geistes denke, was und wann es geschehen müsse, daß sie sich aufs Neue offenbaren könnten. Dabei wird nun gefragt, ob es werde eine neue Ausgießung des Heil. Geistes werden, oder nur eine verstärkte Wirkung des ausgegossenen Geistes, der, einmal gegeben, ewig fortdaure mit und in Seinen Gaben, je nachdem man Ihn annehme, oder um Ihn bitte. Was Letzteres betrifft, so möchte ich nur erst fragen: Wo sind denn die Gaben, mit und in welchen der Heil. Geist jetzt noch fortwirkt, und als ewig wirkend sich zu erkennen gibt? Wenn die Gaben doch irgendwo wären, so müßten sie sich bemerklich machen; aber man weiß nirgends von solchen, wenn auch viel Edles da und dort zu finden ist. Man redet da immer aus einem System heraus, aus einmal aufgefaßteu Grundgedanken, die keinen Halt in der Schrift und ebenso wenig in der Erfahrung haben. Wir werden es mit dem Heil. Geist uns ganz anders vorzustellen haben, als daß Er etwas einmal Gegebenes sei, das ewig fortwirke.
Es wurde nun, nach der an mich gestellten Frage, auch die Einwendung gemacht, daß ich unmöglich werde von einer neuen Ausgießung des Heil. Geistes reden können, die kommen müsse, weil Gott nicht zweimal dasselbe tun könne. Hier wird nebenbei nicht an das gedacht, daß es heutzutage Theologen gibt, die eben an dem sich stoßen, daß in der Schrift so Vieles, ja die ganze Offenbarung, genau genommen, wenn auch in alte und neue geteilt, nur als einmal geschehen sich darstelle. Was erzählt werde, sei damals geschehen, und dann nicht mehr; und daß sich nichts wiederhole, gebe das Recht, endlich den Glauben an einmal Geschehenes aufzugeben. Diese Theologen könnten auch sagen: "Was ist's um die Ausgießung des Heil. Geistes? Wenn einmal geschehen, was haben wir davon? Wer will das Seltsame, das dabei vorkam, und nur Einmal, noch glauben? Wie kann man an eine solche Ausgießung glauben, wenn wir nichts an sie Erinnerndes wieder unter uns sehen?" Wir sehen, das Wort, Gott könne nur Einmal dasselbe tun, ist ein selbst erfundener Lehrsatz, mit dem man, auch wenn man die Offenbarungsgeschichte näher ansieht, gar nicht zurecht kommen kann.
Seltsam muß ich das nennen, wenn Gott nicht soll zweimal dasselbe tun können. Wenn Er doch ein Geschlecht nach dem andern hingehen läßt, wie kann Er der sein, der will, daß für alle nachfolgenden Geschlechter immer nur Einmal Gegebenes ausreiche, auch in dem Fall, wenn dieses nirgends erblickt wird? Nach der Schrift ist es ganz anders. Da ist Gott dem Abraham erschienen, und hat ihm gesagt, daß durch seinen Samen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden. Das genügte aber nicht, als Isaak statt seiner aufkam. Dem sagte es Gott zum zweiten Male (1 Mos. 26, 4); und später sagt Er's dem Jakob zum dritten Male (28, 14). Dem Abraham hat Gott ferner gegeben, Seine Rechte, Seine Gebote, Seine Weise, Sein Gesetz (1 Mos. 26, 5), offenbar die Grundlage von dem Gesetz, welches Gott zum zweiten Mal durch Moses gab. Wenn nötig, tut Gott immer wieder dasselbe. Oftmals ließ Er Feuer vom Himmel fallen beim Opfer. Zweimal ging Israel trockenen Fußes über das Wasser, durch's rote Meer und über den Jordan. Wie Gott auch zweimal und öfter etwas tun kann, zeigt sich am Schlagendsten mit der Wolken- und Feuersäule, die Schechina genannt, welche in der Wüste unter Moses so große Bedeutung hatte, bei der Gesetzgebung, und sonst als zur Führung des Volks. Diese Schechina war später oftmals verschwunden, und kam doch von Zeit zu Zeit wieder. Besonders auffallend kam sie in den Tempel Salomons, da es heißt (1 Kön. 8, 10. 11): "Da aber die Priester aus dem Heiligtum gingen, erfüllete eine Wolke das Haus des Herrn, daß die Priester nicht konnten stehen, und Amts pflegen, vor der Wolke. Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllete das Haus." Wenn aber diese Schechina sich wiederholte, oft erst nach Jahrhunderten, welche im Grunde als äußerliche Gabe vom Herrn ein Vorbild der innerlichen Gabe des Heil. Geistes war, bei welcher ja auch die Jünger als mit Feuer erfüllt, erschienen, wie sollte man sagen mögen, daß der allem Fleisch verheißene Geist nur Einmal an den ersten Pfingsten sollte gegeben worden sein, und nicht wieder gegeben werden können, weil Gott nichts zweimal tue, ungeachtet von dem Wirken des erstmals gegebenen, so gut als nichts mehr übrig geblieben ist, wenn man an das Außerordentliche hinsieht, das damit verbunden war?
(Schluß folgt.)
220. Die Hoffnung des Heil. Geistes.
(Schluß.)
Frage, s. Nr. 5, III, 218.
Soll ich nun mich näher erklären, wie ich mir die neuen Offenbarungen der Wirkungen des Heil. Geistes denke, so muß ich gestehen, daß ich mir die Art und Weise, wie Gott etwa das uns wieder geben werde, was die apostolische Zeit gehabt hat, nie bestimmt vorzustellen oder in mir festzusetzen wagte, indem ich nicht systematisch grübelnd, hinter dem Pult nachdenksam sitzend, auf meine Hoffnungsgedanken gekommen bin. Deswegen bin ich von manchen Fragen, die an mich gemacht werden, überrascht, daß ich nicht gleich weiß, wie antworten, und meine, die lieben Freunde dürften, durch meine Gedanken angeregt, selber nachdenken, wie es etwa sein könne, ohne mich zu einem Lehrmeister in Allem machen zu wollen, der ich ja gewiß nicht sein will. Natürlich muß ich, gefragt, nun antworten, freilich auch zuvor nachdenken. Habe ich mich früher verschiedener Ausdrücke bedient, um möglichst nicht anzustoßen, und gesprochen von einer verstärkten Geistesmitteilung, oder einer erneuerten Ausgießung, oder einer Wiederversetzung in das Frühere, und habe ich gerne etwas beigesetzt, etwa: "Wie das nun sein mag nach dem Willen des Herrn", weil ich nichts festsetzen wollte, so bin ich jetzt, angeregt durch die Frage, auf etwas Bestimmteres gekommen, indem ich es nun fortgesetzte Ausgießungen des Heil. Geistes nennen will; und meine Bitte zum Herrn wäre, Er möchte das Angefangene wieder aufnehmen und fortsetzen, bis es überall hin gegeben sei. Hierüber aber will ich mich näher erklären.
Der Ausdruck nämlich, - um noch einmal ein wenig auszuholen, - den ich übrigens schon oft gehört habe, der Geist einmal gegeben, wirke ewig fort in und mit Seiner Gabe, und brauche nur angenommen oder erfleht zu werden, kommt mir seltsam vor. Der Heilige Geist nämlich soll hienach gegeben und geblieben sein, so daß Er nicht wieder braucht gegeben zu werden. Nun möchte ich aber doch fragen, wo Er denn etwa sein oder aufbewahrt werden möchte, bis es Jemanden einfalle, Ihn zu begehren und zu nehmen, da er Ihn denn gleich haben könne. In der Luft kann Er doch nicht schweben. Er muß, wenn Er geblieben ist, doch irgendwo in Menschen wohnen und sein. Wo sind denn aber nun diese Menschen, die Ihn haben? und wo kommt der Geist hin, wenn diese sterben, bis Ihn Andere wieder annehmen? Nach der Schrift nämlich ist Er eine Person, und als etwas Persönliches war Er den Menschen gegeben, da Er reden, unterweisen, trösten, erinnern, strafen, ermuntern, stärken, in alle Wahrheit leiten, auch Weisheit und Worte bei einer Verantwortung, da es nicht die Apostel waren, die redeten, sondern der Geist, der in ihnen war, geben konnte. Das Alles zielt auf ein Persönliches, das in den Aposteln war. Starben diese nun, wo kam dann das in ihnen wohnende Persönliche hin? Kam es schnell in Jemand anders? Ach, wie liegt's doch nahe, daß es einfach in den Himmel, in Seine Heimat, ging, und nicht gleichsam vorrätig auf Erden blieb, um gelegentlich wieder sich zu einem Besitze zu machen! Ich bitte um Verzeihung, daß ich's so einfältig auseinandersetzte; aber warum sagt man denn auch so sonderbare Einwendungen?
Abgesehen von diesem, frage ich noch einmal: Wo ist denn der gebliebene Heilige Geist? Von welchen Menschen kann man sagen, daß sie Ihn haben? Namentlich wenn Er auch in Seinen Gaben noch sollte da sein, muß doch gefragt werden dürfen: Wo äußern sich denn die Gaben des Heiligen Geistes, wie sie in der ersten Zeit sich geäußert haben? Ich meine, wenn man so redet und sagt, der Heilige Geist, einmal gegeben, wirke ewig fort mit und in Seinen Gaben, habe man doch eigentlich nicht den schriftgemäßen Begriff vom Heiligen Geist. Denn man sagt da etwas, was man sich ganz und gar nicht denken kann. Daß freilich eine Wirkung des Heiligen Geistes empfunden werden kann, namentlich durch Wort und Art frommer Personen, daß ein Wehen des Heiligen Geistes bei der heiligen Taufe, bei der Konfirmation, beim Heiligen Abendmahl, bei jedem Segen, der erteilt wird, Statt finden und eine bleibende Wirkung haben kann, das ist gewiß; und wie hätte das Christentum alle seine Kämpfe bestehen können, wenn auch nach dieser Seite der Heilige Geist gewichen wäre! Wir wissen ja, wie auch die Jünger im Umgang mit dem Herrn vom Heiligen Geiste angeregt wurden, wie sie auch einmal der Herr anblies, um Heiligen Geist ihnen mitzuteilen, ehe der persönliche Heilige Geist über sie ausgegossen wurde, als ein anderer Tröster, wie der Herr sagte. Da ist aber der Heilige Geist immer etwas außer dem Menschen, nichts in ihm Wohnendes, nichts in ihm Zeugendes und Redendes, kein Besitz in ihm, wie es sein muß, wenn das Ursprüngliche soll wiederkehren.
Sehe ich nun die hieher gehörigen Schriftstellen näher an, so ist vor Allem ersichtlich, daß wirklich bestimmt von wiederholten Ausgießungen des Heiligen Geistes die Rede ist. Die auffallendste ist die bei Cornelius, da es heißt (Apost. 10, 44.): "Da Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf Alle, die dem Wort zuhöreten"; und, heißt es weiter (v. 45): "Sie entsetzten sich, daß auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen ward." Es hat also hier wirklich eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes Statt gefunden, die nicht einmal durch die Taufe von Seiten der Apostel vermittelt wurde; und Petrus konnte nachher sagen (11, 15.): "Indem aber ich anfing zu reden, fiel der Heilige Geist auf sie, gleichwie auf uns am ersten Anfang." Ein ähnliches ist's in Samaria gewesen, da der Heilige Geist auf keinen fiel (8, 16.), als sie getauft wurden; und erst als Petrus und Johannes kamen und die Hände auflegten, empfingen sie den Heiligen Geist. Diese Handauflegung war offenbar nur eine Anregung, daß der Heilige Geist vom Himmel fiel, nicht eine Mitteilung, wie durch Menschen, wenn doch (8, 16.) der Heilige Geist auf die Täuflinge fiel, was der Ausdruck ist, für das, was von oben kommt. So heißt es auch nie, die Apostel hätten den Heiligen Geist mitgeteilt; sondern unter der Handauflegung fiel Er, oder kam Er, oder wurde Er empfangen, jedesmal als etwas Neues, Wiederholtes, Fortgesetztes vom Herrn, nicht durch die Apostel Fortgepflanztes. (Über die Ausdrücke fallen, kommen, empfangen s. 1, 8; 6, 16; 10, 44; 11, 15; 19, 6.) Wiederholte Ausgießung war's namentlich offenbar auch über Johannesjünger durch Paulus (Apost. 19, 6).
Nach diesen Stellen war es jedesmal, so oft Jemand den Heiligen Geist empfing, eine wiederholte, eine erneuerte, eine neue Ausgießung oder Mitteilung des Heiligen Geistes von oben; und von einer einmaligen Ausgießung, deren Wirkungen dann von selbst fortdauern sollten, ist gar nicht die Rede in der Schrift. Es ist also der Heilige Geist einfach damit unter den Christen als persönlicher Besitz verschwunden, daß Er auf Niemanden mehr fiel, Niemanden mehr gegeben wurde, auf Niemanden mehr von oben kam, Niemand mehr Ihn empfing. Die Ihn hatten, behielten Ihn, und behielten Ihn wohl bis an ihren Tod; aber die Ihn nicht hatten, bekamen Ihn später nicht wieder. An den Samaritern haben wir ein Beispiel, wie getauft werden konnte, ohne daß der Heilige Geist auf die Täuflinge fiel. Wenn derselbe aber hier noch ergänzt werden konnte, so ist es doch denkbar, daß später oft getauft wurde, ohne daß der Heilige Geist nachher gegeben wurde. Es ist möglich, daß schon in der apostolischen Zeit es nicht mehr Regel war, daß Alle, die getauft wurden, den Heiligen Geist empfingen, da je und je auch von Andern, als den Aposteln, voreilig getauft wurde. In der Folge setzte der Herr die volle Mitteilung des Heiligen Geistes (denn die stillen Wirkungen haben nie mehr aufgehört, auch auf Nichtchristen, sie herbeizuziehen, sich ausgedehnt), wie die Geschichte es deutlich zeigt, nicht mehr fort; und also hat sie aufgehört, in der Christenheit zu sein.
Hienach wäre die Frage leicht zu beantworten, wie das Verheißene, aber jetzt uns Fehlende, wieder werden könnte. Wir haben einfach den Herrn zu bitten, Er möchte die Ausgießung oder Mitteilung wieder fortsetzen, wie sie im Anfang war (11, 15), und dann immer weiter kommen lassen, bis sie über alles Fleisch nach der Verheißung gekommen wäre. Ausgießung kann man es nennen, wenn es dem Herrn gefiele, auf eine kleinere oder größere Gruppe gläubiger Christen zumal Ihn fallen zu lassen. Sonst kann man es ein Kommen auf die Einzelnen nennen, aber immer, auch wenn Handauflegung Statt findet, als von oben her. Fallen wird der Heilige Geist freilich auf Niemanden, der nicht innerlich zugerüstet ist. Wer Ihn aber hat, wird mit Macht, durch Wort und Tat, das Reich Gottes zu fördern im Stande sein, welches ja zuletzt noch alle Geschlechter der Erde umfassen soll.
Ich denke, auf diese Weise sei das Richtigste gesagt, wie ich mir es selber bisher nicht so klar und deutlich gedacht hatte.
221) Zur Offenbarung Johannis.
Frage. "Sollte es Ihnen bei den Betrachtungen, welche Sie gegenwärtig in den Blättern aus Bad Boll über die Weissagungen Jesu Christi, unsers Herrn, darlegen, nicht gefallen, auch auf dasjenige Rücksicht zu nehmen, was die Offenbarung Johannis hierüber enthält? Sollte dieselbe als ergänzend hierbei nicht zu beachten sein? Sicher würde dieses einem Wunsche Vieler begegnen."
Antwort. Um die Offenbarung Johannis als ergänzend zu den Weissagungen Jesu zu beachten, müßte sie klarer und deutlicher vor uns stehen. Sie müßte lichtvoller geschrieben sein, als wir sie finden; und wenn ich für meine Person etwas daraus entnehmen soll, so müßte ich mir bewußt sein, daß ich sie verstehe. Ich verstehe sie aber in der Hauptsache nicht, obwohl ich seit 40 Jahren alle Jahre über sie zu reden veranlaßt bin, nur daß ich in den letzten Jahren meist beim Lesen nichts mehr sage, weil ich früher jedesmal wieder glaubte eine andere, und nun die richtige Erklärung gefunden zu haben; aber auch die letzte ließ mich unbefriedigt. Wir müssen auf den Geist der Weissagung warten, den wir nicht haben, und der allein den rechten Aufschluß uns geben kann.
Die Weissagungen Jesu sind klar, deutlich, für Jedermann verständlich gegeben. Beim Buch der Offenbarung weiß man, wo sie weissagt, selten klar, wie es eigentlich gemeint ist, namentlich ob es Vorgänge in dieser oder in der unsichtbaren Welt sind, ob Menschen eine Rolle dabei spielen, oder mehr die verborgenen Kräfte der Finsternis. Ich wüßte, wenn ich's überdenke, gar nichts nach der Offenbarung zu nehmen, das ich so leicht als ergänzend neben das hinstellen könnte, was der Herr Jesus verkündigt. Ich hätte es von selbst getan, wenn mir's leicht gewesen wäre. Was die Plagen betrifft, deren so viele in der Offenbarung vorkommen, so ist man kaum berechtigt, anzunehmen, daß mit ihnen der Herr 1800 Jahre gewartet hätte, daß sie also nur in den Tagen der Letztzeit eintreten werden. Innerhalb der langen Zeit kann doch Vieles bereits geschehen sein, was angekündigt ist, zumal die Erfüllung als gleich nach der Offenbarung eintreffend oder anfangend angedeutet ist. Sollte der Herr in der Zeit von 1800 Jahren nichts an der Menschheit getan haben, das Andeutungen in der Offenbarung findet? Wohl habe ich früher mehr die Ansicht gehabt, als ob sich Alles wohl auf die letzte Zeit beziehe; aber allmählich ist mir doch das Stillschweigen davon in den Reden Jesu, die entschieden nur die Letztzeit beschreiben, wichtig geworden, daß mir der Gedanke kam, es könnte doch schon Vieles längst erfüllt sein, über das wir also in der letzten Zeit bereits hinüber wären. Man bedenke, wie viel gräuliches die Geschichte der 1800 Jahre in allen Beziehungen aufweist, daß man sich kaum denken kann, daß noch ärgeres vorgehen könne, als längst mehrfach schon geschehen ist. Man denke nur an den schwarzen Tod im 15. Jahrhundert. Was nun eigentlich übrig bleiben soll für die letzte Zeit, kann ich nicht mit Sicherheit herausfinden. Indessen will ich mit Andern nicht streiten, die anders denken und auslegen; aber ich müßte viel mehr Klarheit über das ganze Buch der Offenbarung haben, um wirkliche Ergänzungen aus demselben entnehmen zu können. Die Weissagungen Jesu aber geben mir einstweilen genug, und machen mich nicht einmal lüstern nach anderen.
Der Freund, der die Frage gestellt hat, wird vielleicht verwundert sein, daß mir die Geschichte der Letztzeit nach den Reden Jesu nicht so schwarz vor der Seele steht, als man sie sich gewöhnlich vorstellt. Aber es ist nicht mein Gedanke. Ich habe es ganz aus den Reden Jesu entnommen, die gar Manches gar nicht berühren, wovor alle Welt, wenn die Zeit käme, große Angst hat. Schon von zuletzt wieder sich erneuernden Verfolgungen lesen wir nichts, namentlich auch nichts von einem die ganze Welt beherrschenden Antichristen, der alle Völker im gräulichsten Banne habe wider das Christentum. Wenn aber die Offenbarung von einem falschen Propheten redet, da man wieder nicht weiß, ob der ein Mensch ist oder nicht vielmehr eine verborgene Macht der Finsternis, welche die Menschen bezaubert, so ist es denkbar, daß das Meiste im Grunde schon erfüllt ist. Ohne an Früheres, das hier angeführt werden könnte, zu erinnern, halte ich es für möglich, daß die finstere Macht, wie sie Off. 13 geschildert ist, eben jetzt sich in aller Welt auf eine ziemlich gleiche Weise offenbart, freilich ganz anders, als man sich's gewöhnlich vorstellt. In der ganzen Welt dringt man auf eine gleichmäßige Vernunftreligion, die nichts weniger als ein Christentum, ja diesem völlig entgegen ist, und die man bei uns die Religion der Gebildeten nennt. Sie macht reißend schnelle Fortschritte unter Protestanten und Katholiken, unter Juden und Türken (bei den Letzteren vielleicht weniger), unter Hindu's, Chinesen und Japanesen. Überall ist's die Religion der Gebildeten, auf welche Alles lossteuert, und von welcher die tieferen Begriffe der Sünde und Erlösung gänzlich abgestreift sind. In manchen Zeitschriften und Büchern wird diese allgemeine Religion der Gebildeten bereits als die herrschende angenommen, welcher gegenüber der Standpunkt des Christentums als überwunden erscheint.
Wie sehr da im Verborgenen die in der Offenbarung angenommene Macht der Finsternis in Allem die Hand hat, sieht freilich Niemand; aber während Jedermann nur auf schaurige Erscheinungen wartet, welche die Welt drohen umzukehren, spielt sich Alles unvermerkt in die Hände der Finsternis zu einem vollständigen Abfall. Neben dieser Religion bleibt Alles so ziemlich im Frieden, und das ist wohl gerade das Geheimnis der Bosheit, Alles unter der Hülle des Friedens zum innern Ruin und Verderben kommen zu lassen. Die Frage wäre jetzt nur, ob sich's nicht doch endlich zu einem schauerlichen Friedensbruch und zu einer Zeit gräulicher Verfolgung umschlagen werde. Ich aber sage vorerst nur, der Herr Jesus sagte davon nichts, ohne daß ich, was gefürchtet wird, bestreiten wollte, setze aber doch meine Hoffnung auf die kommenden blühenden Feigenbäume und alle Bäume, die einen höheren Frieden sichern könnten. Sind diese jedoch in der Blüte, so mag mir kommen, was will, etwa auch ein Opposition bildender Antichrist, oder ein Boshaftiger, wie ihn Paulus im Thessalonicher-Briefe schildert (2 Thess. 2, 3-12), da aber auch nur von Verführungen, nicht von Verfolgungen die Rede ist, wiederum mehr durch geistige Kräfte, als durch politische Machtstellungen, die da sein werden.
Unterdessen, so lange der Abfall da ist, hat man freilich wohl noch viel Zorn von oben zu erfahren. Wir sind auch in einer Zeit, da der Lebensdruck einen immer größeren Grad erreicht. Der Jammer, der groß schon ist, kann noch größer werden. Krankheit und Tod kann noch eine große Rolle spielen. Unglücksfälle aller Art, wie sie jetzt schon in umfangreichster Weise sich ereignen, wären immer noch zu fürchten. Gelänge es aber unserem Heilande, bald als Sieger wider die verborgenen und unsichtbaren Mächte der Finsternis näher zu kommen, so könnte sich schnell Alles freundlicher gestalten, auf Sein schließliches persönliches Kommen hin.
Ich erinnere noch an einen Aufsatz in den Blättern, 1875, No. 52, III, 140, wo vom Antichristen in Off. 13 gesprochen wird.
222. Die Trübsal der letzten Zeit.
Frage. "Wie kann die Behauptung und von Vielen als allgemeine Anerkennung aufgestellt werden, daß die künftigen Tage und letzte Zeit noch eine bessere, geist- und gnadenreichere werden soll, da doch nach allen biblischen Zeugnissen im Alten und Neuen Testament sie als eine Abfallszeit uns beschrieben wird. (Dan. 11, 36 f. 12, 1; Matth. 24, 37-39. 25, 1-13; Luc. 17, 26-30; 1 Thess. 5, 1-4; 2 Thess. 2 ganz; 1 Tim. 4, 1-4; 2 Tim. 3, 1-6; 4, 1-5; 2 Petr. 3 ganz; 1 Joh. 2, 18. 19. Judä v. 17-20. Off. 13.). Alle diese Stellen werden genügenden Beweis geben, daß die Letztzeit eine Abfallszeit ist. Von dem an, daß Paulus und Johannes in ihren Briefen reden, daß sich die Bosheit schon heimlich rege, ist es ja bis auf unsre Zeit immer einreißender geworden, neben dem, daß das Evangelium als Sauerteig alle Völker durchdringt, und immer Annahme des Worts und Abfall neben einander hergeht. Joel 3, 1 aber gilt meines Erachtens nur dem Volke Israel, wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist. Denn auch am ersten Pfingstfest hat es zunächst den Juden gegolten; und den Übrigen aus Israel wird es am letzten auch noch gelten."
"Ein Fabrikarbeiter."
Antwort. Gerne will ich auf Obiges von einem Fabrikarbeiter antworten, wenn ich's auch, da ich schon so viel darüber geschrieben habe, diesmal etwas kurz mache. Vor Allem aber bemerke ich, daß ich keine Behauptungen aufstellen will. Ich will nur Biblisches aufsuchen und auslegen, und erbiete mich auch, von Andern mich belehren zu lassen. Ich wünsche nur, daß man nicht einseitig die Bibel nehme, sondern Alles von ihr gelten lasse. Viele noch nicht erfüllte Verheißungen der Propheten läßt man gewöhnlich liegen; und angekündigte schwere Zeiten malt man oft so aus, daß man sie so nirgends in der Bibel finden kann, wie man sich's ausmalt. So macht alle Welt ein saures Gesicht hin, wenn von der letzten Zeit die Rede ist; und ich möchte es meinem Heiland so gönnen, daß Er fröhliche Gesichter bei uns antreffen möge. Daß übrigens meine Schriftgedanken schon allgemeine Anerkennung gefunden haben, sehe ich noch nicht; vielleicht hat aber der Freund, der schreibt, mehr gesehen, als ich. Das aber würde mich sehr freuen.
Vor Allem möchte ich das besprechen, was denn eigentlich nach der Schrift die letzte Zeit ist. Nach der Schrift hat sie schon mit dem Heiland begonnen (Hebr. 1, 1); und die ganze Zeit nach Ihm bis zu Seiner Wiederkunft heißt die letzte Zeit, weil es die letzte Zeit ist, in der Gott geredet hat (Ap. 2, 17; 1 Joh. 2, 18 etc.). Das ist um so begreiflicher, weil diese Zeit keine abgemessene ist, sondern eine solche, die bald, ja alle Tage sich abschließen kann. Somit begibt sich Alles, was die Schrift von kommenden Trübsalen sagt, bereits in der letzten Zeit. Die ersten Christenverfolgungen geschahen in der letzten Zeit. Die falschen Lehrer und Propheten und Heilande zur Zeit und nach der Zeit der Apostel, kamen alle schon in der letzten Zeit. Die Muhammadaner mit ihren schrecklichen Vernichtungskriegen kamen in der letzten Zeit. Die gräulichen Völkerwanderungen, welche die ganze Welt umkehrten, geschahen in der letzten Zeit. Die vielen mörderischen Kriege schon bald nach den ersten Jahrhunderten und bis auf unsre Zeit in entsetzlichster Weise fortgesetzt, geschahen alle in der letzten Zeit. Die vielen Entstellungen des Christentums, die Verderbnisse der Kirchen, wie sie gar nicht ärger sein konnten, sind alle als in der letzten Zeit vorgekommen. Die Reformation und die Stürme, die sie hervorbrachte, kam in der letzten Zeit. Die argen Verfolgungen in der katholischen Kirche, zum Teil bis in die neuere Zeit fortgesetzt, die Verbrennungen von Christen, geschahen in der letzten Zeit. Was war nicht die französische Revolution, die selbst Gott und Christum absetzte? In der letzten Zeit kam sie vor. Wie viele Pestilenz, wie viel Erdbeben, Hungersnot, Feuers- und Wassernot, kam nicht Alles vor, und Alles war in der letzten Zeit. Unsäglich viel gräuelhaftes ließe sich anführen, das in 1800 Jahren geschehen ist, und Alles in der Zeit, welche die Schrift die letzte Zeit nennt (durch Stellen, wie 2 Tim. 3, 1; 2 Petr. 3, 3; Judä v. 18 wird die Sache nicht anders).
Hieraus geht hervor, daß man nicht gerade das Recht hat, beim Gedanken an die Weissagungen der Schrift alle Gräuel der vergangenen Jahrhunderte zu übersehen, als müßten sie sich jedenfalls notwendig noch einmal, und zwar aufs Höchste geschärft, in wenigen Jahren vor der Zukunft des Herrn wiederholen. Vielmehr dürfen wir getrost annehmen, daß Unzähliges bereits erfüllt sei, was der Teufel, der nicht bis auf die allerletzte Zeit wartete, anstellen wollte, um die Menschheit so zu verderben, daß auch das Opfer Christi an ihr soll verloren sein. Wir sind ganz sicher über Vieles hinüber, wenigstens der Hauptsache nach; denn die Kämpfe der früheren Zeit können doch nicht gar umsonst gewesen sein, und haben gewiß uns viel Gewinn eingebracht. So kann keine Trübsal mehr kommen, wie die bei der Zerstörung Jerusalems, die so groß war, "als nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher, und als auch nicht werden wird" (Matth. 24, 21). Bei Vielem dürfen wir geradezu bitten: "Vater im Himmel, laß es mit dem Geschehenen genug sein, und verschone uns vor ähnlichem." Der liebe Freund sagt selbst, daß auch die Abfallszeit schon zur Zeit der Apostel, aber auch in der letzten Zeit angefangen habe, sogar der Geist des Widerchrists; die Bosheit sei damals schon heimlich rege gewesen, und sei bis auf unsre Zeit immer einreißender geworden. Vielleicht soll sie nun in unsrer Zeit durch Hilfe von oben ihr Ziel finden. So führt die Schrift schon Vieles von damals an, als in der letzten Zeit geschehend (vergl. Apost. 20, 29. 30), von dem man nicht anzunehmen hat, daß es noch einmal eine enorme Höhe erreichen werde. Wenn das Kommen Jesu nicht nur unsre, sondern der ganzen seufzenden Kreatur Erlösung ist, über die wir uns freuen sollen, so sehe ich nicht ein, daß es bis zum Kommen Jesu so gräulich hergehen soll, als die gewöhnliche Vorstellung der Christen ist. Wie erquicklich ist nicht das Bild von den blühenden Bäumen (Matth. 24, 32), ehe der Herr kommt; und wie friedlich geht's nicht bei den zehn Jungfrauen zu? Schon hieraus sieht man, wie es vorher noch Tag und helle werden darf, wenn es auch, bis die ersten Zeichen kommen, noch arg zugehen mag. Alle Stellen ferner, die der Freund anführt, sind teils nicht ganz richtig aufgefaßt, teils so, daß man nicht recht weiß, ob sie auf die allerletzte Zeit noch viel austragen, weil es doch schon so unendlich Vieles gegeben hat in den 18 Jahrhunderten der Letztzeit. Die Abfallszeit aber, habe ich erst im letzten Blatt gesagt, sei zu keiner Zeit so groß gewesen, als jetzt, aber so, daß Alles im Frieden bleibt. Das Evangelium kommt immer weiter herunter; und überall ist Friede. Der Abfall, den die fürwitzige Kunst in unsrer Zeit gebracht, als einen eigentlichen Abfall von Christus zu Belial, kann kaum mehr umfangreicher werden, und ist wohl der, von dem es Off. 13, 7 heißt, daß das Tier im Kampf auch die Heiligen überwinden werde, dem auch Allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte sich leibeigen machen (Off. 13, 16). Alles das aber ist wohl in der letzten Zeit, und hat sich von Anfang an eingefressen, als der ärgste Abfall. Aber Viele meinen, das sei keine Abfallszeit, wenn's nicht einen Krach um den andern gebe. Doch in der allerletzten Zeit kann Alles schnell durch den Geist Gottes anders werden!
Ich meine nämlich, man dürfe auch andere Schriftstellen aufsuchen in den Propheten und im Neuen Testament, die anzeigen, daß hinter dem Abfall noch eine Zeit werde sein vor der Zukunft Christi, in der sich der Herr eine Lichtsbahn bereite durch alle Geschlechter der Erde, wie es auch Off. 19, 7 heißt: "Und Sein Weib hat sich bereitet." Wir haben des Abfallswesens und des Jammers schon genug gehabt, daß ich nun denken kann, endlich, endlich werde Gott auch das Bessere, das verheißen ist, kommen lassen. Schon Paulus sagt: "Der Gott des Friedens wird den Satan zertreten (so richtiger!) unter eure Füße in Kurzem," daß also dann ein Besseres eine Weile noch sein werde; und sonst wissen wir, daß "Christus gekommen ist, daß Er die Werke des Teufels zerstöre." Wann soll denn das kommen? oder soll man nicht noch eine Zeit haben dürfen, da Satans Werke zerstört sind? Viele Stellen zeigen, daß der Heiland auch noch eine Siegeszeit auf Erden haben muß. Dazu hilft der wiedergegebene Heil. Geist, der nach Joel über alles Fleisch, nicht über Israel allein, ausgegossen werden soll. Wir wissen, daß wir noch steinerne Herzen haben; wann kommen denn die fleischernen, daß wir die Gebote Gottes zu halten tüchtig werden? Wenn der Herr sagt zu Seinem Sohne: "Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben, und der Welt Ende zum Eigentum," (Ps. 2, 8), so liegt darin, daß die Völker alle werden überwunden werden und Jesu zu Füßen fallen. Kurz, wenn der liebe Freund sich Mühe gegeben hat, Stellen zu suchen, die nur Schauerliches ankündigen sollen, deren er aber nur wenige gefunden hat, so soll er einmal auch die andern Stellen zusammenlesen, namentlich in den Propheten, die von der überschwänglichen Herrlichkeit reden, die Gott noch in dieser Zeit durch Christum über alles Fleisch wird kommen lassen.
223) Melchisedek.
Frage. "Melchisedek (1 Mos. 14, 18 bis 20), war der ein von Gott gesandter Engel, oder der Herr selbst, oder war er ein Mensch, dem Abraham den Zehnten gab? Wir hatten Abends bei Tisch darüber gesprochen und waren verschiedener Ansichten."
Antwort. Melchisedek war weder der Herr selbst, noch ein Engel, sondern ein Mensch, und zwar ein König zu Salem, und zugleich Priester Gottes des Höchsten. Wenn gleich sein Geschlecht und seine Abkunft nicht angegeben ist, so ist doch so Vieles gesagt von ihm, das an einen wirklichen Menschen erinnert, daß man nicht daran zweifeln kann. Was sollte er auch mit dem Zehnten anfangen, den ihm Abram von Allem gab, wenn er kein Mensch war? Die Art aber, wie er in der Schrift steht, macht ihn zum Vorbild Christi. Melchisedek bedeutet König der Gerechtigkeit, und Salem bedeutet Frieden; und sonst heißt er Priester Gottes, des Höchsten. Weil auch von seiner Geburt und Abstammung nichts gesagt ist, kann er auch ein Vorbild des Sohnes Gottes sein, der von Gott kam und ewig ist. David benützt im Psalmen (110, 4) das, daß er König und Priester zugleich heißt, dessen Lebensende auch nicht angegeben ist, um ihn zum Vorbild des verheißenen Christus zu nehmen, der als König und Priester ewig lebt; und der Hebräerbrief (Kap. 7) beweist aus der Psalmstelle, daß sollte mit dem Kommen des Davidssohns das bisherige aaronitische Priestertum abgeschafft werden, indem an seine Stelle das Priestertum nach der Art Melchisedeks komme, d. h. wie es Melchisedek vorbilde, der Priester und König zugleich war.
Umständlich beantwortet wurde die Frage über Melchisedek schon in einem früheren Hefte (1875 Nr. 39 u. 40).
224) Stillings Geistertheorie.
Frage. "Was halten Sie wohl von dem Buche: Theorie der Geisterkunde (über Ahnungen, Gesichte und Geistererscheinungen) von Jung Stilling? Ich würde sehr glücklich sein, im Fall Ihnen das Buch bekannt ist, einige wenige Worte darüber von Ihnen in Ihrem Blatt zu hören. Denn ich lese wieder und immer wieder in dem Buch. Es gibt so viele Aufschlüsse über das Geisterreich, und über die Fortdauer unserer Seele nach dem Tode. Auch sind so viele überzeugende Beispiele in demselben von Ahnungen und Geistererscheinungen, daß das Buch mich in nicht geringe Aufregung versetzt hat. Ich bin deshalb sehr gespannt auf ein Urteil von Ihnen. - Ein Freund des Blattes."
Antwort. Von meiner Jugend her kenne ich das Buch gut, aus einer Zeit, da es noch verboten war. Später habe ich's nicht mehr gelesen, kann aber doch ein Bestimmtes darüber sagen. Ein aufrichtiger, wahrheitsliebender Mann war Stilling; aber eigene Erfahrungen im Gebiet des Unsichtbaren hat er nicht gemacht. Seine Mitteilungen hat er von Andern, die, was sie sagten, wollten gesehen und gehört haben; und die viel in dergleichen wissen, sind selbst in der Regel von der unsichtbaren Welt beeinflußt, also mehr von ihr gebunden, als frei von ihr dastehend. Die Quelle aber ist die unsichtbare Welt selbst, deren Persönliches uns doch ganz unbekannt ist, und das nach Belieben ihr Spiel mit uns treibt, und nur um so mehr, je begieriger wir an ihr lauschen. Man nennt's Dämonen, oder Geister, d. h. abgeschiedene Menschen. Paulus redet auch von Satansengeln. Jedenfalls sind es Wesen, die unter der Obrigkeit der Finsternis stehen, ihren eigenen Willen nicht haben, "ohne ihren Willen" (Röm. 8, 20) unterworfen, und ganz abhängig von dem, der sein Reich wider Gott und die Menschen hat im Unsichtbaren, so weit es noch nicht gestürzt ist durch den Glauben an Christum. Daß es Engel Gottes oder Christi wären, davon kann gar keine Rede sein. Wir sehen also, daß wir uns, wenn wir Unsichtbarem nahen, in einem uns feindseligen Gebiete bewegen. Nennen sich die Geister, woher wissen wir, daß sie die sind, die sie sein wollen? Gesetzt sie sind es, so sind sie unselig, von Gott in der Irre gelassen, und als in ihren Sünden gestorben, noch ganz an ihre Art, wie die nun war, gebunden, die sie im Leben gehabt haben. Daneben sind sie unter der Gewalt des Satans, also zweimal gebunden und geknechtet. Somit darf man in nichts trauen, auch wenn's dem Ansehen nach Wahres ist, ob nicht irgendwie ein Tuck der Finsternis wider die, die sich anködern lassen, verborgen ist. Gar irreführend ist's, wenn Befreiungen, Erlösungen durch Gebet und Fürbitte sollen erfolgen; denn so plump gegeben, hebt's die ganze christliche Lehre auf. Von der eigentlichen Situation der Geisterwelt bekommt man in keinem Fall die richtige Anschauung. Alles wird so gegeben, daß es nur aufreizt, aber nicht zu Gott führt, der Seele keinen Gewinn, nur Schaden bringt. Ahnungen können eintreffen; aber weil sie nicht von oben eingegeben werden, sondern durch sogenannte Wahrsagegeister laufen, die nicht von Gott sind, will mit ihnen irgendwie ungünstig auf die Seelen gewirkt werden. Man erfährt es auch, daß ein Mensch durch sie Gott ferner, nicht näher kommt. Das Wissen der unsichtbaren Welt ist auch ein beschränktes, und bezieht sich nur auf ihr Revier, in welchem sie, nicht Gott, regiert, also Vieles selbst macht, was sie vorher ahnen läßt. Man kann daher durch ernstliches Beten viele Ahnungen unwirksam machen. Mein Rat ist ganz entschieden, daß man mit diesen unheimlichen Dingen sich nicht befasse, sie ungelesen lasse. Wer in die Finsternis hineinsieht, bekommt keine Wahrnehmung vom Licht. Im Licht aber allein, welches Jesus ist, kann's uns wohl sein.
225) Vom allgemeinen Priestertum.
Frage. "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln 1) die Lehre vom allgemeinen Priestertum; ferner 2) vom Aufenthalt derer, die vor, oder die nach der Höllenfahrt des Herrn, unsres Erlösers, verstorben sind, bis zum jüngsten Gericht, endlich 3) die Lehre vom tausendjährigen Reiche. Viele Leser Ihrer Blätter sind sich über alles dieses gänzlich unklar, und möchten gerne von Ihnen Aufschluß darüber haben."
Antwort. Umständliche Abhandlungen über genannte Punkte oder Lehren kann ich nicht geben, weil sie mich zu weit führen würden. Ich kann nur etliche Gedanken geben, an denen sich dann die Leser selbst nach ihrem Gefallen orientieren können, während ich durchaus nicht als der allein rechthabende Lehrmeister dastehen möchte. In jenen drei Lehren gibt es auch sehr verschiedene Ansichten; und zum Streiten möchte ich es nicht bringen. Zuerst spreche ich vom allgemeinen Priestertum.
Wenn man vom allgemeinen Priestertum redet, kann man Verschiedenes darunter meinen. Das Nächste wäre, das unter ihm zu verstehen, daß jeder Christ durch den Glauben an Christum den Zutritt zu Gott habe in allen seinen Anliegen, wie einst der Priester den Zutritt ins Allerheiligste zu Gott hatte. Das Priestertum nach dieser Seite kann man wohl ein allgemeines nennen, sofern Jeder mit seinem Geist unmittelbar vor Gott zu treten das Recht hat. Denn so sagt der Hebräerbrief (10, 19. 22): "So wir denn nun haben, lieben Brüder, die Freudigkeit zum Eingang in das Heilige durch das Blut Jesu, so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen etc." Ebenso heißt es (Hebr. 4, 16): "Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfahen, und Gnade finden, auf die Zeit, wann uns Hilfe not sein wird."
Diese Stellen schließen indessen nicht ganz jede Mitwirkung eines Andern, der mit herzutritt, aus. Denn einmal ist es auffallend, daß viel auch von der Fürbitte die Rede ist, die wir für einander tun sollen; und schon das, daß Zwei mit einander Eins werden, zu bitten, hat seine Bedeutung. Trotz meines sogenannten eigenen Priestertums bin ich hienach auch der Fürbitte Anderer, wenn nicht immer, doch je und je, je nachdem es ist, bedürftig. Diese Fürbitte nun kann Jeder für den Andern tun; und so hat Jeder auch ein gewisses priesterliches Recht gegen Jeden. Gott sieht's an, wenn du bittest für Einen; und dieser hat etwas davon. Es ist also doch nicht recht, wenn Jemand so viel auf sein eigenes Priestertum hält, daß er meint, niemals der Fürbitte eines Andern zu bedürfen, weil er selbst allein es von Gott zu holen habe. Außerdem aber denkt sich die Schrift die Fürbitte eingesegneter Ältesten besonders wirksam. So sagt Jakobus (5, 14): "Ist Jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten von der Gemeine, und lasse sie über sich beten etc." Damit wäre denn doch ein gewisses besonderes Priestertum neben dem allgemeinen angenommen. Freilich heißt's dann auch wieder allgemeiner (v. 16): "Bekenne Einer dem Andern seine Sünden, und betet für einander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." Auch sonst kann der Einzelne, mag er von seinem eigenen Priestertum halten, so viel er will, oft den Andern nicht entbehren. Namentlich in Allem, wo eine Art Wunder, auch zum Gesundwerden, nötig ist, hat Gott den Einen Gaben gegeben, den Andern nicht (s. 1 Kor. 12, 7-10).
Durch alles das ist ersichtlich, wie man so gar sehr in Allem auf das allgemeine Priestertum nicht pochen darf, als bedürfte man unter keinen Umständen gleichsam einer Vertretung vor dem Herrn. Wenn man dann noch daran denkt, daß die Kräfte des Heil. Geistes, welche einst vornehmlich Alle gleich sehr zu Priestern vor Gott gemacht haben, fast aufgehört haben, wenigstens so weit sie außerordentlich waren, so mag man in unsrer Zeit wohl oft um einen Helfer sich umsehen müssen, fürchtend, mit eigenem Bitten und Flehen nicht auszureichen; und weil der Gerechten überhaupt, von denen Jakobus redet, wenige zuverlässige sich finden, so bleibt am Ende nichts übrig, als doch im Amt, zu welchem Handauflegung, nach der Weisung der Schrift, erforderlich ist, eine besondere priesterliche Hilfe, auch in Anliegen des Gebets, je und je sich zu suchen. Was ich aber hier sage, sind nur Gedanken. Wer in Allem, was er von Gott begehren mag, für seine Person immer glaubt auszureichen, der nehme es so, wenn er damit wirklich zurecht kommt.
Das bleibt fest, daß jeder Christ, wenn es mit seinem Glauben richtig steht, und dieser ein rechtfertigender und durch Christum versöhnender ist, direkt, als hätte er den Rang eines Priesters vor Gott, mit allen seinen Anliegen vor Gott, mit Erfolg nach dem Wohlgefallen Gottes, treten darf. Gesetzt aber, es gibt Verirrungen, Versündigungen, mit einem Wort einen Riß in das gute Verhältnis mit Gott, dem Vater unsres Herrn Jesu Christi, ob man dann frei und frank ohne Weiteres allein mit seinen Sünden vor Gott mit Erfolg treten, die Sünden abbitten und für sie Vergebung erlangen kann, das wäre eine weitere Frage; und hier möchte sich noch mehr herausstellen, daß neben dem allgemeinen Priestertum doch noch ein besonderes werde anzunehmen sein, für die durch die Sünden schüchtern und ängstlich gewordenen Seelen. Es gibt nun Christen, die glauben, sie können und müssen immer Alles mit Gott allein abmachen, und brauchen keinen Menschen dazu, der etwa priesterlich für sie bitten sollte. Aber es fragt sich, ob wirklich jeder Christ sich selbst kann priesterlich bedienen, daß es ihm genügt, und er die gewünschte Beruhigung der Seele davon hat. Sein eigener Priester ist nämlich Jeder, der durchaus für sich allein abbitten will, der denn auch, wenn er heiß gebetet hat, sich selbst gleichsam absolviert, indem er es fest bei sich beschließt, daß er nun die Vergebung der Sünden habe, und die Versicherung von Seiten Gottes in sich verspüren dürfe. Ob er nun wirklich Alles, was er gesündigt hat, so vor Gott fertig bringen kann, das könnten wir nur beurteilen, wenn wir sein Inneres durchschauen würden, ob wirklich Seelenfrieden gekommen ist und die Gewissensbisse aufgehört haben.
Eine andere Frage wäre, ob jeder Christ, wenn Andere einer priesterlichen Hilfe bedürfen, wirklich den Priester an ihnen machen kann. Das zeigt Jakobus an, daß wir gegen einander beichten können, wenn er sagt (5, 16): "Bekenne Einer dem Andern seine Sünden, und betet für einander, daß ihr gesund werdet." Priesterlich fühlende Christen sind Alle, die wirklich durch den Glauben gerecht worden sind; und neben einem Bekenntnis vor diesen braucht es nicht gerade immer einer Absolution, indem dann wirklich Versicherung von oben dem Herzen zukommen kann, wovon ich viele Beispiele erfahren habe. Kommt aber, je nachdem eben die Sünde ist, die Beruhigung nicht, wird jeder Christ eine Vergebung darzureichen im Stande sein, die auch im Himmel gilt? Ich habe schon gläubige Christen im Eifer das behaupten hören; aber probiert haben auch diese meines Wissens es noch nie, daß sie förmlich absolvierten.
Wer aber nun Recht habe, das lasse ich Jeden selbst beurteilen, wie ich auch Jeden seinen Weg gehen lassen muß. Den Geistlichen und Seelsorgern, wenn sie den armen Sündern es eben ein Bischen sagen müssen, daß Gott ein Amt der Versöhnung aufgerichtet habe, machen's je und je sogenannte Laien, - ein mir eigentlich unliebsames Wort, - zu großem Vorwurf, daß sie, wie sie sagen, die Gewissen an sich binden wollten, wenn sie sich allein die Kraft der Absolution zuschrieben, und daß sie ein Unrecht an Andern, die auch das Wort treiben, täten, wenn sie dem Worte dieser Brüder nicht den vollen Wert beilegten, wie dem der Seelsorger. Da ich nun auch ein Geistlicher bin, und gerade ein solcher, der manchmal in dieser Sache recht hart angegriffen worden ist, so erkläre ich hiemit, daß ich Niemand je aufgefordert habe, zu mir zu kommen, um mir zu bekennen. Auch als im Jahr 1844 meine ganze Gemeinde (Möttlingen), von selbst einzeln zu mir kam, und mir, ohne mein Zutun innerlich aufgeschreckt, alle drückenden Sünden beichtete, da namentlich der Erste nach öfterem Besuche sagte: "Ich bekomme keine Ruhe, wenn Sie nicht nach Ihrem Amt an mir tun", was mir damals etwas ganz Neues war, - habe ich Niemanden, weder in der Kirche noch privatim aufgefordert, zu mir zu kommen; und bis auf den heutigen Tag tue ich es nicht. Aber mit ungemeinem Drange kommen heute noch Viele, persönlich und schriftlich; und die weise ich nicht ab. Wenn sie aber der liebe Gott oft überraschend schnell und für immer beruhigt, so ist mir's doch eine große Freude, etwas Priesterliches vermittelst des Amtes zu haben. Das allein will ich noch fragen: Warum sind die Ältesten eingesetzt worden unter Handauflegung, wie heute noch? Warum wird von ihnen gesagt (Hebr. 13, 17), daß sie zu wachen hätten über die Seelen, als die Rechenschaft von ihnen geben sollen? Warum ferner heißt Jakobus, wie wir gehört haben, die Ältesten rufen, ohne die Leute auf sich selbst zu verweisen Endlich, warum sagt der Herr, Seine Jünger anblasend, um ihnen Heiligen Geist zu geben (Joh. 20, 20. 23) und eine besondere Befähigung zu erteilen: "Welchen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben", - "was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein?" Wenn das, so muß doch neben dem allgemeinen noch ein besonderes Priestertum sein, und zwar so, daß dieses von jenem nicht verschlungen und weggewischt werden darf. So wär's meine Meinung!
226) Aufenthalt der Verstorbenen.
Frage (s. im vorigen Blatt III, 225): "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln: - 2) Die Lehre vom Aufenthalt derer, die vor, oder die nach der Höllenfahrt des Herrn, unsers Erlösers, verstorben sind, bis zum jüngsten Gericht."
Antwort. Mit solchen Fragen ist unser Einer überfordert. Denn wo sollen wir eine Lehre über den Aufenthalt der Verstorbenen her haben? Es sind zwar ganz kurze Winke in der Schrift gegeben; aber in der Regel sind sie so, daß man keine bestimmte Lehren daraus ziehen kann. Der Phantasie bleibt immer ein großer Spielraum übrig; aber Behauptungen oder Vorstellungen, die in der Schrift nicht ihren Grund haben, zu geben, ist weder ratsam, um mit der Frage zu reden, noch im Interesse der Christen. Man bekommt auch den Eindruck, daß die Schrift es nicht gerne hat, wenn man sich viel über die Dinge im Jenseits befaßt, weil sie eben doch nahezu nichts sagt, wenigstens, was sie andeutet, nicht so sagt, daß man eine Lehre draus machen kann.
Wenn ich übrigens die Frage recht verstehe, so will es mir vorkommen, als wolle darnach gefragt werden, ob nicht durch die Höllenfahrt Christi eine Änderung im Aufenthalte der Verstorbenen eingetreten sei, daß es nämlich seitdem im Jenseits anders aussehe, als vorher. Von Jesu nämlich heißt es, er sei nach Seinem Verscheiden im Geist, d. h. als Geist ohne Leib, hingegangen und habe geprediget den Geistern im Gefängnis" (1 Petr. 3, 19); und Paulus sagt sogar, Jesus sei "hinuntergefahren in die untersten Örter der Erde" (Ephes. 4, 9), wohl auch, um zu predigen. Man sieht es aber, daß der Herr während Seiner Höllenfahrt nur den Geistern hat wollen predigen, ohne in den Verhältnissen des Jenseits, bezüglich des Aufenthalts der Verstorbenen überhaupt etwas zu ändern. Er hat nur als den sich zeigen wollen, der nun als Opfer gefallen sei für die Sünden der Menschen, daß also auch die Verstorbenen, die bisher im Gefängnis waren, wenn sie jetzt glaubten, in einen besseren Stand, ja zum Leben aus dem Tod, gebracht werden könnten. So meinte Er's mit den in der Sündflut Umgekommenen; und so ist es überhaupt mit der Verkündigung des Evangeliums an die Toten gemeint, daß "sie gerichtet wären nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gotte lebeten" (1 Petr. 4, 6). Ob die Predigt Jesu im Reiche der Toten erfolgreich gewesen sei, oder nicht, ist nicht angezeigt. Jedenfalls hätte der Erfolg erst nach der Auferstehung Jesu eintreten können; und wenn da viele Leiber der Heiligen auferstanden, kann das schon etwa als Wirkung der Predigt Jesu im Totenreich angesehen werden. Die Höllenfahrt Jesu allein konnte etwaige Gläubige auch nicht frei machen, weil Jesus selbst erst noch als der für die Sünden der Menschen Gerichtete erschien, nicht als der, der das Seligmachen schon fertig bringen könne. Dies ist auch der Grund, warum die Höllenfahrt überhaupt keine Veränderungen in der Totenwelt verursachen konnte. Die große Bedeutung der Höllenfahrt ist nur, daß sie zeigt, Jesus sei auch für die vor Ihm Gestorbenen da, wie für die Toten überhaupt; und die Zeit wird kommen, da die Erlösung einen über die Maßen großen Umfang gewinnt, über Alles, was Mensch heißt, sei's tot oder lebendig. Ohne Hindeutungen darauf, daß Jesus auch für die Verstorbenen da sei, könnte man es gar nicht begreifen, wie Er ein Weltheiland sein könnte, wenn nach den vor Ihm Hingegangenen gar nichts gefragt würde, auch nicht begreifen, wie überhaupt ein Heiland nötig war, wenn die Verstorbenen auch ohne Ihn hätten zurechtkommen können. Aber eine einflußreiche Tat in die Heilsgeschichte war die Höllenfahrt deswegen nicht.
Mit den Verstorbenen, werden wir sagen können, wenn sie nicht um ihres Glaubens willen "leben, obgleich sie gestorben sind", ist es zunächst vor und nach Christus gleich geblieben. Wer in seinen Sünden stirbt, ohne daß diese durch Christum versöhnt sind, bleibt der Obrigkeit der Finsternis preisgegeben, jetzt, wie vormals, was auch fortdauern wird, bis die Kräfte der Finsternis selbst durch die Kämpfe des zur Rechten sitzenden Heilandes werden überwunden und abgetan sein. Man sieht, daß Jesus, dieweil Er auf Erden wandelte, vornehmlich darauf bedacht war, es zu verhüten, daß fernerhin die Leute in ihren Sünden stürben. Zu den Juden, die Ihn nicht annahmen, sagt Er (Joh. 8, 21): "Ich gehe hinweg; und ihr werdet mich suchen und in euren Sünden sterben." Ferner (v. 24): "So habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden," (was ich, will Er sagen, hätte verhüten können); "denn so ihr nicht glaubet, daß ich's sei, so werdet ihr sterben in euren Sünden." Der Herr redet offenbar aus Mitleiden so, weil Ihm das als das Schrecklichste vorkam, in den Sünden zu sterben. Deswegen verheißt Er so oft das ewige Leben, wenn man an Ihn glaubt. "Ich bin das Brot des Lebens," sagt Er (Joh. 6, 50, 51): "wer davon isset, wird nicht sterben." Er bietet sogar Sein Fleisch zu essen, Sein Blut zu trinken hin (v. 51 bis 56), andeutend, daß Er sich zum Opfer hingebe für die Menschen, damit sie leben, wenigstens das ewige Leben haben möchten, und nicht in ihren Sünden sterben müßten.
Wo nun die unselig Verstorbenen sein werden bis zum jüngsten Tag, möchte die Frage näher wissen. Wir wissen aber genug, wenn wir nur finden, daß sie in eine arge Gefangenschaft kommen. Sie waren hienieden nicht frei, Gebundene der Finsternis. Das sind sie noch viel mehr nach dem Tode, da das Übrige von Freiheit, das sie hienieden noch gehabt haben, ihnen vollends ganz genommen ist, daß sie gar nichts von freiem Willen haben, bis ins Kleinste hinaus Sklaven sind, freilich in großer Mannigfaltigkeit. So sind sie vom Feind wohl auch unstet gehalten, daß man von einem eigentlichen Aufenthalt gar nicht reden kann. Denken wir an die Besessenen. Andere mögen freilich auch einem vorläufigen Gericht Gottes anheimfallen, wie der reiche Mann, welcher Genossen an Allen denen bekommt, die nur auf ein sinnlich genußreiches Leben es abheben, und zwar in der Hölle und Qual, da sie Pein leiden in einer Flamme. Die Totenwelt wird sonst in Mitten der Erde gedacht, und in der Schrift angenommen. Von bösen Geistern unter dem Himmel redet aber auch Paulus. Von solchen, welche dürre Stätten durchwandern, wird auch gesprochen. Andere kommen in die äußerste Finsternis, da Heulen und Zähnklappen ist. So finden wir in der Schrift Einzelheiten, nur flüchtig berührt, die etwas sagen, aber auch wieder nichts sagen, weil man's nicht ausdenken oder ausmalen kann. Indessen geben sie uns genug, um etwa uns anzuspornen, daß wir von Banden, in denen wir hier liegen, noch möchten gelöst werden, um nicht gar in grausen Ketten irgend welcher Art drüben zu liegen. Dahin sollten wir es eben bringen, daß man zu uns sagen könnte, wie Paulus zu den Kolossern (1, 12): "Danksaget dem Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht, welcher uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis, und hat uns versetzet in das Reich Seines lieben Sohnes, an welchem wir haben die Erlösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden!"
227) Vom tausendjährigen Reiche.
Frage, (s. Nr. 11, III, 225). "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln, . . . . . . . 3) Die Lehre vom tausendjährigen Reiche. Viele Leser der Blätter sind sich über alles dieses (auch über Nr. 1 und 2, worüber schon gesprochen worden ist), gänzlich unklar, und möchten gerne von Ihnen Aufschluß darüber haben."
Antwort. Über das tausendjährige Reich, von dem in neuerer Zeit so viel die Rede ist, um das gleich offen zu bekennen, bin ich mir selbst noch nicht gänzlich klar. Es fällt mir schwer, das Viele, das man darüber schreibt, anzunehmen, oder nur ein annehmliches Bild daraus zu entwerfen, weil es mir vorkommt, als bleibe man nicht einfach bei der Schrift, sondern lege außerordentlich viel hinein, wie auf gut Glück, keineswegs so, daß ich in der Schrift eine genügende Notwendigkeit für Alles, was man einlegt, finden kann. Manche geben eine so fertige Zukunftsgeschichte, daß mir's fast unheimlich dabei zu Mut wird, wenn ich mir denken soll, daß Alles einmal nach dem, wie sie sich's fast romanhaft ausspinnen, geschehen solle. Es ist mir wohler dabei, wenn ich alles Auslegen darüber fallen lasse, und nur in's Bedenken nehme, ohne viel auszumalen, was und wie es die Schrift gibt. Einfache Bibelleser möchte ich auch bitten, nicht gar zu viel an dieser Lehre herumzugrübeln; denn zuletzt kann Alles fehlen, während man für's Herz viel ersprießlichere Betrachtungen anstellen könnte. Gänzlich unklar in dieser Lehre bleiben, schadet auch Niemand.
Die einzige Stelle der Schrift, in der man etwas von einem tausendjährigen Reiche finden kann, (das Wort selbst steht nicht da), ist Offenb. 20, 4-7. Zur Ausmalung der herrlichen Zustände in demselben, entnimmt man gerne Vieles den Propheten, namentlich dem Jesajas, (z. B. 11, 6-9; 65, 17-24). Aber es kann sehr die Frage sein, ob wirklich die Zeit der taufend Jahre in der Offenbarung werde so herrlich angelegt sein, wie es nach jenen Stellen wäre. Die angeführten Stellen enthalten schon das Bild von etwas Vollkommenem und Vollendetem, nur nach der Grundlage der Gegenwart geschildert und der irdischen Verhältnisse. Das Vollkommene aber kann in jenen tausend Jahren doch nicht schon sein, eben weil hier die Zeit eine beschränkte ist, während die Propheten das Gute, als das zuletzt Gekommene, ewig fortdauern lassen. So ist auch nach Jes. 65, 17 bereits der neue Himmel und die neue Erde da, welche beide, nach der Offenbarung Johannis, erst werden, wenn alles Gericht vorüber ist. Mit Sicherheit kann man rein nichts aus den Propheten für die tausend Jahre schöpfen; und auf's Geratewohl nur Bilder für diese aus jenen entnehmen, dazu habe ich für mich keine Lust.
Nach der Offenbarung sollen gewisse Auferstandene leben, (d. h. wirklich leben, nicht bloß geisterhaft erscheinen), und regieren mit Christo tausend Jahre. Daß nun die Auferstandenen sollen auf Erden gerade so fortleben, wie früher, und da sein und bleiben unter den andern Menschen, das kann ich nicht annehmen, und wenn die, die es annehmen können, inkonsequent sagen, Christus werde nur ab und zu kommen, obgleich es nicht so dasteht, so denke ich, auch die Auferstandenen werden nur ab und zu da sein. Überhaupt kann ich mir ein königliches und fürstliches Regieren durch Auferstandene über die Menschen auf Erden nicht denken; denn hiebei würden die Menschen ihrer Selbständigkeit zu sehr beraubt, auch ihrer eigenen weiteren Entwicklung, wenn sie am Gängelband so hoher Führer hingehen müßten. Was aber das Regieren betrifft, so stelle ich mir nur das Entgegengesetzte von der Gewaltherrschaft Satans vor. Bisher hatte der Teufel regiert, d. h. der Fürst dieser Welt, der Arge, der im Verborgenen Alles unter sich gebracht hatte. Jetzt ist Satan gebunden; und es kann ein Verkehr der Menschen mit der guten unsichtbaren Welt nun eintreten. Überall machen sich jetzt Einflüsse der Auferstandenen, als von dem Herrn, fühlbar, wie vorher die der unseligen Welt. Sie machen sich in Allem zu Schutz, Belehrung, Warnung, auch Bestrafung fühlbar, aber nicht so, daß sie als Regenten, Könige und Obere sich gebärdeten. Die Menschen fühlen sich frei und behalten auch ihre Freiheit. Anders kann ich mir das Leben und Regieren der Enthaupteten mit Christo gar nicht denken, nur daß jeweilige sichtbare Erscheinungen nicht werden ausgeschlossen sein. Daß es gerade Märtyrer sind, welche in den tausend Jahren in einen Engelverkehr mit den Menschen treten, hat wohl auch seine Bedeutung. Es zeigt an, daß es nötig ist, dem noch lebenden Menschengeschlechte Christum den Gekreuzigten an den Märtyrern gleichsam tausendfältig vor Augen zu malen, um sie desto sicherer zu einer völligen Umkehr aus selbstsüchtigem Leben und Wesen herauszuziehen. Es geht daraus hervor, daß die Menschen in jener Zeit nicht sonderlich hochstehen im Geistlichen, wenn es so viel bedarf, um ihnen weiche Herzen zu geben. Die Auferstandenen sind auch solche, die das Malzeichen des Tiers nicht angenommen, also in kein Verbündnis mit der Finsternis sich eingelassen und an diese gleichsam sich verkauft haben. Sie sollen denn auch den Lebenden den Eindruck geben, wie sie sich rein von allem Abgöttischen, Abergläubischen und Finstern halten müßten, weil nur so ihnen das Beste zukommen könne.
Noch mancherlei Bemerkungen lassen sich machen, nach welchen in den tausend Jahren die Herrlichkeit nicht so groß sein wird, als man sich gewöhnlich vorstellt. Es heißt: "Die andern Toten wurden nicht wieder lebendig." In gleicher Weise sind auch die andern Menschen, die nicht der Verwandlung teilhaftig wurden, auf Erden zurückgeblieben (denn die Auferstehung der Toten in Christo und die Verwandlung der Lebenden nach 1 Thess. 4, 13-18 erst auf die Zeit nach den tausend Jahren zu versetzen, ist eine eigentümliche Willkür). Den auf Erden Zurückgebliebenen muß es aber sehr fehlen; und weil sie so sehr zurückstehen, bedürfen sie der außerordentlichen Pflege der Auferstandenen, trotz dem, daß Satanas gebunden ist. So schnell, wie mit einem Schlag, können sie doch nicht rechte Leute sein. Ferner sind an den Menschen die Auferstandenen Priester Gottes in Christo (v. 6), anzuzeigen, daß die Menschen, ohne sich selbst genug helfen zu können, viele besondere priesterliche Fürbitte, Hilfe, Vermittlung und Absolution bedürfen, um der immerhin großen Freundlichkeit Gottes, die sie erfahren, nicht verlustig zu werden. So sehen sich auch die tausend Jahre als eine Geduldszeit an, die Gott nicht mehr verlängern wird, weil's Ihn zum großen Gericht drängt. Daß sodann Satan nach tausend Jahren los werden muß, ist doch nur, weil sich's mit den Menschen nach und nach wieder verschlechtert, daß es noch einmal einer Sichtung, in der sie sich besinnen können, bedarf, durch erneuerte Versuchungen, die Satan über sie bringt. Endlich ist es auffallend, daß es in tausend Jahren unter der Pflege der Auferstandenen nicht zu einer Bekehrung der Heiden kommen, oder daß der widerchristliche Sinn der Völker Gog und Magog nicht in Güte durch das Wort des Evangeliums unterdrückt werden kann. Wohl ist von einem Heerlager der Heiligen und einer geliebten Stadt die Rede (v. 9), anzuzeigen, daß ein guter Kern bleibt und wird, der auch die Hilfe Gottes durch Feuer vom Himmel erfahren darf; aber nach dem Obigen steht es doch nicht im Geistlichen so glänzend, als man es oft, ohne allen Anhalt an der Schrift selbst, ausmalt. Namentlich kann ich das nicht verstehen, wie manche Ausleger das Aufkommen des sogenannten tausendjährigen Reichs, das Allem nach auch mit Unrecht so genannt wird, wenn es alle Völker umfassen soll, was doch nicht der Fall ist, als den Zielpunkt aller Offenbarung des Alten und Neuen Testaments nehmen.
Mir ist zuletzt auch das noch auffallend, daß nichts von Kräften des Heiligen Geistes gesagt wird, die in den tausend Jahren bemerklich wären. Man macht denen, welche die alsbaldige Wiederkehr des Heil. Geistes für wünschenswert, ja nötig halten, oft die Einwendung, daß sie da etwas begehren, was erst im tausendjährigen Reiche komme. Von Letzterem aber kann ich in der einigen Stelle, welche von diesem Reiche, um auch so zu sagen, redet, nichts finden. Im Gegenteil haben's die Menschen nicht so in sich, wie die ersten Christen durch den Heil. Geist, sondern mehr außer sich durch Einwirkungen und Erscheinungen der Auferstandenen, deren Regiment so fast einen gesetzlichen Charakter hat. Wenn ich denn ganz frei reden soll, so ist's, daß ich annehmen muß, die Offenbarung gehe von der Voraussetzung aus, daß Niemand vor dem Kommen Christi um die Erneuerung des Heil. Geistes bitte; und dieser kann dann auch nicht mir nichts dir nichts nach dem Kommen des Herrn auf die übrigen Menschen fallen. Ohne den Heil. Geist aber bleibt Alles in einem geringen Stande, auch während der tausend Jahre. Wie aber, wenn die Christen bei Zeiten sich's angelegen sein ließen, wieder zum Besitz des Heil. Geistes zu kommen, von dessen Erneuerung die Schrift nicht reden kann, weil sie von seinem Weichen nicht redet, - und zwar noch auf die Zeit des letzten Kampfs, könnte das nicht die Folge haben, daß es gleich und vollständig, ohne die dazwischenfallenden tausend Jahre, zu dem käme, was Christus in Matthäi 24 und sonst, Paulus im Thessalonicher Briefe, und überhaupt viele Stellen des N. Testaments sagen, nach welchen mit dem Kommen Jesu nicht etwas Halbes, sondern gleich etwas Vollendetes wird? Wäre die Erlösung ohne die tausend Jahre, die nach vielen Seiten, so, wie davon die Rede ist, wehmütig stimmen, nicht eine viel völligere, glänzendere und erquicklichere für alle Kreatur? Der Herr heißt uns ohne Unterlaß beten und nicht laß werden. Tun wir das nicht, so muß es gehen, wie die Offenbarung sagt, auch in dem, was wir abwenden könnten. Folgen wir aber Jesu, wie Vieles auch von dem, was sonst Schweres geschrieben steht, könnte dann anders werden, als man meint, daß es absolut notwendig kommen müsse!
Behauptungen will ich keine aufstellen; aber gerne benützte ich die Gelegenheit, meine Gedanken einmal denen zur Prüfung vorzulegen, denen die Schrift allein gilt.
228) Anbetung des Heil. Geistes.
Frage: "Wenn die Lehre der Kirche von drei Personen in der Gottheit und besonders von einer Person des Heiligen Geistes richtig ist, und demgemäß auch zu dem Heil. Geist gebetet wird, wie kommt es, daß die Heil. Schrift nur eine Anbetung Elohims uud Jehova's im A. Testamente, des Vaters und des Sohnes, Gottes und Christi, Gottes und des Lamms, im N. Testamente kennt, und daß sich auch bei den Himmlischen (in der Offenbarung Johannis) keine Anbetung des Heil. Geistes findet?"
Antwort. Was der Fragesteller hier meint und voraussetzt, ist ganz richtig. Eine bestimmte Stelle, in welcher von einer Anbetung des Heil. Geistes die Rede wäre, findet sich nirgends in der Schrift. Ich erinnere mich auch in früheren Jahren, daß ich es nicht vermochte, wenn ich es auch mir vornahm, zum Heil. Geist zu beten. Denn eine Anbetung des Heil. Geistes kann das noch nicht genannt werden, wenn man in der Poesie, oder mit liturgischen Formeln Ihn anredet, wie: "O Heil'ger Geist, kehr bei uns ein." So ist es mir auch von jeher nicht leicht geworden, in liturgischen Gebeten, wie es deren gibt, zuerst zum Vater, dann zum Sohne, und endlich zum Heiligen Geist zu beten. Es widerstrebt etwas in mir; und ich lasse es daher ruhen, ohne mir weitere Gedanken darüber zu machen.
Indem ich aber jetzt gefragt werde, habe ich mehr darüber nachgedacht; und da finde ich, daß es sehr begreiflich ist, daß von einer Anbetung des Heil. Geistes nicht die Rede sein kann, ohne daß Seine Wesensgleichheit mit dem Vater und Sohn darunter not litte. Warum wird der Vater angebetet? weil es von Ihm heißt, daß Er Himmel und Erde gemacht habe, daß Er Alles schaffen könne, was Er wolle, daß Ihm kein Ding unmöglich sei. Weil Solches nur vom Vater gesagt wird, ist Er's, an den wir uns zu halten haben. Er will es auch von uns haben, daß wir Sein Angesicht in allen Nöten suchen. Warum beten wir zu dem Sohne? Von Ihm heißt's, es sei Ihm Alles übergeben im Himmel und auf Erden; Ihm ist alle Gewalt gegeben, vom Vater überlassen. Er sitzt zur Rechten Gottes, nicht zu Seiner Linken, weil Er, nach Seinem Kampfe, statt des Vaters, der tätige Herr sein soll. In Seine Hände wird's vom Vater gelegt, daß Er's tue; und wenn wir zum Vater beten, so tut Er, was wir bitten, um Jesu, Seines Sohnes, willen und durch Ihn. Ohnehin sollen auch alle unsre Bitten an den Vater im Namen Jesu geschehen, was allein schon in sich schließt, daß auch Jesus kann und soll angebetet werden.
Wir haben also für die Anbetung Gottes und Christi förmliche Weisungen in der Schrift. Andeutungen oder Weisungen, daß wir auch zum Heil. Geist beten sollten, finden wir nicht. Der Heil. Geist steht auch in einem ganz anderen Verhältnisse zu den Menschen, als Gott und Christus. Er soll in uns kommen, persönlich bei uns sein. Wie sollten wir denn den Heiligen Geist, der in uns ist, anzubeten nötig haben? Er wird mit unserer Person so Eins, daß es fast einer Selbstanbetung gliche, wenn wir den Heil. Geist anbeteten. Wir haben nur auf Ihn zu hören, Ihn zu beachten, haben Ihm aber nichts anzubefehlen, wie dem Vater und dem Sohn. Es läßt sich denn auch gar nicht wohl denken, wie wir sollten neben dem Vater und Sohn auch noch zum Heil. Geist beten. Überhaupt steht uns der Geist, als ausgehend vom Vater und Sohn, nur zur Verfügung durch den Sohn. Wollten wir etwa die Bitte zu Ihm wagen, Er solle doch, weil längst als Person von uns gegangen, wieder kommen, so bedenken wir nicht, daß Er nicht von sich aus, sondern nur als vom Vater und Sohn gesendet zu uns kommen. kann oder will. Somit schließt Sein eigentümliches Verhältnis sowohl zum Vater, als auch zu uns die förmliche Anbetung des Heil. Geistes geradezu aus. Es ist daher höchst begreiflich, daß von ihr in der Schrift nicht die Rede ist.
229. Saulus und Ananias.
Frage. "Der Herr Jesus, nachdem er den Saulus auf dem Wege nach Damaskus zusammengeschlagen, heilt ihn nicht, sondern schickt ihn zu Ananias. Der mußte ihn lösen. Ist dieses Exempel nicht auch heute noch unbedingt maßgebend für die Christenheit? Einer, der, trotz Ihrer vielen Artikel, bezüglich des Bindens und Lösens immer noch nicht klar ist."
"Jedenfalls hat Paulus dort seine Sünden bekennen müssen, und ist darauf hin erst absolviert worden. Aber das ist mir der Anstoß, daß er das nicht direkt mit Jesu abmachen konnte. Es soll ja doch nichts zwischen den Sünder und das Blut Jesu gebracht werden nach sonst evangelischer Lehre."
Antwort. Bei dieser Frage ist mir das auffallend, daß das Schriftwort dem lieben Fragesteller nicht genug ist. Klar steht's doch da, aber er meint doch, man sollte es anders nehmen dürfen. Unbedingt maßgebend für die Christenheit denkt er, werde es nicht sein, daß Ananias, und nicht der Herr den Saulus heilte. Das ist so ein Herumzweifeln am Wort, dem man sich nicht unterwerfen will. Wie aber dann der liebe Fragesteller bezüglich des Bindens und Lösens je soll klar werden, weiß ich nicht. Denn was ich sage, kann ja das Gewicht nicht haben, wie das Wort Gottes.
Wir können also nur darüber nachdenken, warum der Herr es so gewollt habe, daß Ananias den Saulus heilte, um eine Lehre daraus zu ziehen. Daß nun der Herr den Saulus nicht selbst wieder heilte, sollte begreiflich sein. Denn es wäre gegen Seine Würde gewesen, den, welchen Er wegen großer Schuld eben geblendet hatte, sogleich ohne Weiteres wieder zu heilen. Saulus hatte sich auch an der Gemeine versündigt; und somit konnte der Herr nicht selbst direkt heilen, ohne daß eine Bitte für ihn von der Gemeine ausginge. Saulus durfte auch wohl eine Weile unter der Last der Blindheit einhergehen; und daß er sich vor einem einfachen Jünger des Herrn, der ihm helfen sollte, demütigte, war ihm auch gut. Überhaupt war es nicht die Weise des Herrn, die Wunder, zu welchen Er einmal Jünger befähigte, mit Übergehung dieser direkt zu tun. Wozu sollte denn die Gabe ausdrücklich gegeben sein, wenn sie der Heiland selbst umgehen wollte? Ich meine, so gäbe die Stelle doch etwas, das bezüglich des Bindens und Lösens klar machen könnte. Wenn der Herr bindet, kann nur der Mensch in Seinem Namen lösen.
Daß Saulus dem Ananias seine Sünden bekennen, und dieser ihn absolvieren mußte, ohne daß es der Herr direkt tat, ist dem Fragesteller sogar ein Anstoß. Dieser Ausdruck aber ist dem lieben Freunde wohl nur so entschlüpft. Denn wenn er nachdenkt, darf ihm ja nichts in der Schrift ein Anstoß sein, wenn man's nicht versteht, am allerwenigsten dann, wenn man über einen Lehrpunkt sich nicht klar machen will. Nichts nun ist begreiflicher, als daß der Herr den Saulus nicht direkt absolvieren konnte. Saulus ist ja schon gar nicht dem Herrn mit einer Buße zuvorgekommen. Sodann gilt in der Gemeinde der Satz: "Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen," womit der Herr von sich weg die Vergebung förmlich Menschen überträgt. Der Heiland konnte also einen Sünder seine bösen Sachen nicht mit sich allein abmachen lassen. Namentlich die erste Absolution, die erst in ein Verhältnis zum Heiland setzte, geschah nach der Schrift nie direkt vom Heiland. Bei Saulus war's um so nötiger, daß der Herr es nicht direkt tat, weil es wieder Sache der Gemeine war. Die Gerechtigkeit erforderte es, daß die, welche Saulus bedrängt hatte, Fürbitte taten, wenn er sollte Vergebung empfahen. Hätte sich Keiner gefunden, der es tun wollte, so hätte Paulus kaum ein Apostel werden können. Wenn aber die Absolution durch Jünger geschehen sollte, trat nichts zwischen den Sünder und das Blut Jesu. Der liebe Fragesteller soll also keinen Anstoß daran nehmen, sondern gerade durch die Geschichte des Saulus sich klar machen bezüglich des Bindens und Lösens. Der Herr hat einst auch den Freunden Hiobs nicht direkt vergeben; sondern Hiob hat für sie bitten müssen. Den Hiob wollte Er ansehen (42, 7. 8), weil der recht von Gott gesprochen hatte, nicht die Freunde, weil diese Torheit begangen hatten. Hiob war auch der Gekränkte, und hatte das Recht, es von Gott zu fordern, daß Er die leidigen Tröster es fühlen lassen möge. So muß Hiob seines Rechts sich begeben und Fürbitte tun, wenn den leidigen Tröstern sollte vergeben werden.
(Der liebe Fragesteller hatte noch etwas Besonderes auf dem Herzen, das er mir mitteilte, um für ihn darüber zu beten. Letzteres tue ich. Daneben aber erwidere ich ihm, daß er bezüglich des empfangenen Tadels Unrecht hatte, wenn von Spielerei in demselben die Rede war, daß er also auch nicht hätte sollen so empfindlich darüber werden; denn es hat ihm offenbar geschadet. Wenn er nun nach langer Zeit immer noch Furcht statt Freudigkeit vor jenem Vorgesetzten hat, so bitte ich ihn, ernstlich sich dagegen zu wehren. Am Besten wohl wär's, wenn er mit jenem Vorgesetzten geradezu darüber reden und sich vor ihm demütigen würde. Ich denke, damit werde Alles gut gemacht).
230. Das Weib zu Endor.
1 Sam. 28.
Über das Weib zu Endor (s. 1876 Nr. 21, IV) bin ich abermals gefragt worden. "Wie war es möglich," lautet die Frage, "daß die Zauberin von Endor den Geist des Samuel heraufbeschwören konnte?" Die Fragestellerin meint, es nicht glauben zu können, daß Samuel, der Knecht und Prophet des Herrn, im Tode vom Satan gebunden gewesen sein sollte; und über einen der seligen Geister könne doch die Zauberin keine Macht gehabt haben. Ihre weiteren nicht unfeinen Bemerkungen will ich nicht hersetzen, um nicht zu viele Worte über diese Sache machen zu müssen. Ganz richtig mag es aber doch nicht sein, daß Gläubige des Alten Bundes, obgleich sie nicht in einen völlig seligen Zustand vorerst kommen konnten, nicht hätten frei bleiben können von den Angriffen einer Zauberin, außer wenn's an etwas Wesentlichem bei ihnen gefehlt hatte. Meine Meinung im Allgemeinen ist die, daß man über Unerklärliches lieber stille sei, und vorerst es auf sich beruhen lasse, aber nie sage: "Das kann ich nicht glauben." Wir müssen Alles, wenn's klar da steht, unbedingt glauben.
In diesem Fall aber könnte man auch fragen: "Warum hat doch Gott diese Geschichte überhaupt so umständlich in der Schrift aufzeichnen lassen, namentlich wenn eine so delikate Geschichte gar einen so großen Propheten angeht, wie Samuel war? Sollte doch nicht etwas Wichtiges damit angedeutet sein? Wir lesen (v. 3): "So hatte Saul aus dem Lande vertrieben die Wahrsager und Zeichendeuter." Als Beweis nämlich, daß man Israel nicht fluchen könne, sondern es segnen muß, führte einst Bileam an (4 Mos. 23, 23): "Denn es ist kein Zauberer in Jakob und kein Wahrsager in Israel." Wo Zauberer sind, gibt's viel Fluch auf viele Leute. Sie sind streng im Gesetz verboten; und wenn Saul sie vertrieb, weil sie eben auch allmählich Boden gewonnen hatten, so geschah es gewiß auf Anregung Samuels. Nun bleibt aber doch zu Endor, einer israelitischen Stadt, eine Zauberin verschont. Wie kam das? Denn die Leute wußten ja von ihr. Hat nicht etwa Saul, oder gar Samuel selbst, bei ihr, weil sie keine gemeine Person war, durch die Finger gesehen? Gesetzt, Samuel hatte auch eine Schuld der Nachlässigkeit dabei, da wahrscheinlich auch eine göttliche Weisung zu der Vertreibung der Zauberer Statt gefunden hatte, so ist es nicht zu verwundern, wenn Samuel, heraufbeschworen, zu Saul sagen muß (v. 15): "Warum hast du mich unruhig gemacht, daß du mich heraufbringen lässest?"
Bis hieher habe ich gerne geantwortet, um es Jedem ernstlich nahe zu legen, daß er sich doch in keiner Weise an unheimlichen Sachen beteilige, und namentlich in seinem Hause nicht Geheimes dulde. Schon diese Duldsamkeit kann ernste Folgen haben. Viele wollen in Allem wenigstens eine Probe machen, und Augenzeuge von dem, was Andere tun, sein, ohne zu bedenken, wie schnell geheime Bande über den unvorsichtigen und naseweisen Menschen durch die List des Satans geschlungen sind. - Sonst aber bitte ich, jene Geschichte selbst lieber liegen zu lassen, als Auskunft über dieses und jenes zu suchen, die man doch nicht mit Sicherheit geben kann. Jedenfalls haben wir auch gar kein Verständnis dafür.
Völlige Befreiung von Sünden.
Frage: "Ein rechter Balsam auf meine Wunden, welche mir die Bande der Sünde machen, die aber schon einigermaßen ihre Macht verloren haben, sind mir stets die Worte der Schrift: ""So wir unsre Sünden bekennen, ist Er treu und gerecht, daß Er sie vergibt, und uns reiniget von aller Untugend."" Meine Frage ist nun die: Dürfen wir nach diesen und anderen ähnlichen Verheißungen auf völlige Befreiung von bewußten Sünden und Banden in diesem Leben hoffen? Das Lied: O Durchbrecher aller Bande etc. ist oft meine Herzenssprache und Gebet; besonders der Vers:
Laß, die teuer sind erworben,
Nicht der Menschen Knechte sein.
Denn so wahr Du bist gestorben,
Willst Du uns auch machen rein,
Rein und frei und ganz vollkommen,
Und verklärt ins beste Bild.
Der hat Gnad' um Gnad' genommen,
Welchen Deine Füll' erfüllt.
ist mir oft ein sehr großer Trost; und meine Seele hofft auf völlige Befreiung, um dem Herrn recht dienen zu können."
Antwort. Mit großem Interesse, wenn auch jetzt kurz, antworte ich auf diese über's Meer her an mich gekommene Frage eines Ungenannten. Seine andere Frage das nächste Mal. Daß es der Heiland auf eine völlige Befreiung von Sünden abgesehen hat, hat Er ausdrücklich gesagt mit dem Worte (Joh. 8, 36): "So euch der Sohn frei macht, seid ihr recht frei." Es ist gar nicht möglich, daß Er nicht sollte solche Gedanken in Seinem Herzen gehabt haben; denn sonst wäre alle Seine Hilfe nur eine halbe. Wo aber Gott ist und hilft, muß es ein Ganzes werden. Wenn Er auch sagt: "Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht," so deutet Er damit an, wie sonst in der Schrift es zu finden ist, daß Mächte der Finsternis Gewalt über den Sünder bekommen, von denen er selbst sich nicht befreien kann. Jesus aber ist gekommen, daß Er die Werke des Teufels und Alles, womit der Teufel den Menschen vergiftet hat, zerstöre. Da kann sich's dann wieder nicht um ein Halbes handeln.
Eine andere Frage ist die, ob Alles gleich so völlig werden konnte, wie es beabsichtigt war. Denn alles braucht seine Entwicklung und seine Zeit. Ich glaube nun wohl, daß, wer damals sich völlig dem Herrn Jesu hingegeben hat, völlig frei werden konnte, auch von aller Gebundenheit des Teufels, weswegen Er so bestimmt sagt: "Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben, kommt nicht ins Gericht, ist vom Tod ins Leben hindurchgedrungen," was bereits eine völlige Befreiung voraussetzt. Aber bei Vielen konnte das doch nicht so werden, wie nicht einmal bei den Jüngern allen. Denn der Mensch ist selten ganz gegen den Heiland, wie Er es gegen ihn sein will. So blieb denn das verderbte Herz mit all seinen bösen Stücken (Matth. 15, 18-20), welche Letztere nichts Anderes sind, als Kräfte der Finsternis. Nun kam der Heilige Geist; und durch den hätte auch der Mensch, wenn er allein auf Ihn gesäet hätte, und nicht auch daneben auf's Fleisch (Gal. 6. 8), wenigstens allmählich völlig frei werden können. Augenblicklich war er's nicht, weswegen Paulus sagt: "Wir sollen durch den Geist des Fleisches Geschäfte töten" (Röm. 8, 13), ferner (6, 12): "Lasset die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten." Lüste sind geblieben und also die Keime zur Sünde. Wer sie nicht überwand, blieb Knecht der Sünde.
Allmählich aber trat der persönliche Geist von den Christen zurück; und nun ist keine Kraft mehr da, zu völliger Befreiung uns hindurchzuarbeiten, wenn wir immerhin auch durch Buße und die Gnadenmittel viel gewinnen können. Sonst müssen wir damit zufrieden sein, daß wir trotz der Überreste der Sünde in uns durch das Blut Christi können aus Gnade gerecht und selig werden, auch frei von den Ansprüchen der Finsternis. Wenn's aber auch so jetzt ist, so kann der Heiland den ursprünglichen Plan, völlig frei zu machen, nicht aufgegeben haben. Wir dürfen also mit Zuversicht hoffen, daß noch neue Zeiten der Christenheit und Welt bevorstehen. Der Heiland herrscht ja, bis Er alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt hat. Wie schnell kann Sein Sieg wider die Finsternis völlig werden, daß seine Folge auch auf uns hereintritt. Die Verheißung des Geistes, wenn auch jetzt nicht erfüllt, muß doch noch allem Fleisch zu gut kommen. Die steinernen Herzen müssen noch in fleischerne verwandelt werden (s. Hes. 36, 26. 27., vergl. auch 5 Mos. 30, 6). Auf diese Zeit, die aber nach meiner Überzeugung bald kommen wird, müssen wir warten. Dann wird Alles neu und frei. Einstweilen freuen wir uns des barmherzigen Heilands, der den Redlichen unter aller ihrer Schwachheit gewiß bleibt.
232. Wertschätzung des Gegenwärtigen.
Frage: "Eine andere kurze Frage (s. Nr. 16, III.) möchte ich mir noch erlauben zu stellen. Ist es nicht gefährlich für unsere Seelen, in Erwartung neuer Geistesausgießung, das, was wir bereits besitzen, gering zu schätzen, oder gar nicht zu achten, auch mit dem, was wir jetzt haben, und haben können, keinen Gebrauch zu machen, in dem Gedanken, daß doch keine rechte Frucht entstünde? Ich habe oft darüber Kämpfe und keine volle Klarheit. In Erwartung neuer und größerer Gnadengaben ist es mir oft, als ob man gegenwärtig nicht die nötigen Segnungen im jetzigen Christenstande augenblicklich erwarten dürfte; und das stört meine Freude und Hoffnung."
Antwort. Auch diese Frage, mit der vorigen (s. Nr. 16, III.) von einem Ungenannten über's Meer an mich gekommen, beantworte ich gerne. Ein ähnliches ist mir schon oft vorgehalten worden, und zwar in gegnerischem Sinne, wie wenn man von den Erwartungen der größeren Gaben des Geistes lieber schweigen sollte, damit man das Gegenwärtige nicht geringschätzen lerne. Da käme es auf das hinaus, man solle eben Alles laufen lassen, wie es laufe. Denn wenn es einmal dem Herrn gefiele, mehr zu geben, so werde Er es tun, ohne daß wir vorher darüber viel Worte machten. Wenn mit diesem Zuwarten nur geholfen wäre, so wäre es schon recht. Aber im Reiche Gottes muß Alles erbeten sein. Jene Witwe hat müssen beten: "Herr, rette mich von meinem Widersacher"; und wenn sie nicht gebetet hätte, so hätte der harte Richter ihr nicht geholfen. Der Heiland legt uns ferner im Vaterunser Bitten in den Mund, die wichtig sein müssen, weil ohne solche Bitten das, was sie enthalten, auch nicht geschehen würde. Wenn kein Mensch ernstlich betete: "Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe", wie übel müßte es nach diesen Richtungen aussehen. Auch als einst die babylonische Gefangenschaft aufhören sollte, hat müssen ein Daniel ernstlich darum beten, daß es auch wirklich geschehe. Man kann also von Hoffnungen, wenn sie berechtigt sind, nimmer schweigen, weder im Gebet, noch im Zeugen davon, damit die Schar der Beter sich mehre.
Unser Fragesteller aber meint's nicht in gegnerischem Sinn. Er will es nur besprochen haben, wenn Gefahr da zu sein schiene, daß man Naheliegendes möchte brach liegen lassen, um ein Zukünftiges erst zu erwarten. Er fürchtet auch sich selber, es möchte ihm, was er habe und haben könne, geringer werden, über dem eifrigen Festhalten der Hoffnung. Da müssen wir aber unterscheiden, wie wir's überhaupt mit der neuen Ausgießung des Geistes meinen. Wollen wir sie vorzüglich um unseret-, d. h. der Gläubigen willen, oder für die Gesamtheit der Menschen? Wir, die wir den Heiland kennen, und etwa auch schon schätzen gelernt haben, was wir an Ihm haben, können erstlich, im Gefühl unserer Schwachheit, für uns in unserem Teile die größeren Gaben wünschen, oder zweitens Andern zu lieb, die dadurch leichter für's Reich Gottes zu gewinnen wären. Was das Erstere betrifft, so müßte der ein rechter Thor sein, der, was er hat an geistlichen Gaben, darum nicht mehr schätzen wollte, weil er die Aussicht bekommt, größere etwa in einer Kürze zu erlangen. Ehe er das Größere hat, muß ihm das Wenige genügen, das er hat; und wenn er ob der Hoffnung das Geringere geringschätzt, so steht er schon gar nicht recht in seiner Gesinnung zum Herrn, und will er namentlich etwas sein vor dem Herrn, daß es in den geistlichen Hochmut hineingeht. Diese Gefahr kann freilich bei Jedem eintreten; aber es dient ihm zur Verantwortung, eine Gnadenhoffnung so zu mißbrauchen.
Ich bin aber überhaupt nie recht dafür, daß ein Christ neue Gnadengaben vorzüglich um seinetwillen erwarte, damit es ihm leichter werde, im Kampfe wider die Sünde zu überwinden, über die Anfechtungen der Finsternis Herr zu werden, ein helleres Licht über die Glaubenswahrheiten und über die Schrift zu bekommen, die inneren Regungen der Sünde niederzuschlagen, sonst auch an Kraft des Glaubens, an wirksamem Gebet zu seiner Besserung und Herstellung an Leib und Seele zu gewinnen. Wünschenswert wäre das Alles wohl; aber daß man es, ohne viel Neues zu bekommen, durchbringen könne, dafür haben wir ja unzählige Beweise, wie auch davon, daß, wer das Geringe nicht achtet, großen Schaden leidet. Das Bessere für uns selbst soll uns daher nicht so sehr vorne anliegen, außer so weit wir durch Gebet und Treue zunehmen können. Denn wir werden doch nicht sagen wollen, das Seligwerden sei uns unmöglich, oder auch nur erschwert, wenn wir nicht größere Geistesgaben bekommen. Wenn's auch schwer geht, so muß es doch gehen, daß wir durch Einfalt des Glaubens unsre Seelen erretten, und zwar je treuer, desto besser, mitten unter den Versuchungen der argen Welt. Andererseits dürfen wir auch nicht meinen, daß es dann unfehlbar für uns gewonnen wäre, wenn wir höhere Geisteskräfte besäßen. In der apostolischen Zeit waren ja die Kräfte da; aber der Kampf blieb fast derselbe, wie wir in Röm. 6 und sonst lesen. Die Gefahr, auf das Fleisch zu säen, statt auf den Geist, und dadurch das Verderben zu ernten, war noch nicht abgewendet. Es kann auch von uns mehr gefordert werden, wenn wir mehr Kräfte haben, wie der Heiland sagt: "Wer da hat, (nämlich bei der Abrechnung) dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, das er hat." So kann selbst das Besitzen größerer Gaben gefährlich werden, wenn wir etwa jetzt meinen wollten, das, was wir haben und haben können, reiche nicht aus zu unsrer Seligkeit. Wir müssen durchaus fest dabei bleiben, daß wir genug haben, um unsre Seelen zu retten, daß auch des Herrn Gnade und Freundlichkeit nach Seiner Verheißung uns verbleibt, wenn wir an Ihn uns halten. Wie töricht also, in Erwartung des Größeren das Geringere geringschätzen! Wenn ein Hungriger nur wenig Speise vor sich sieht, wird er diese liegen lassen, weil er Verlangen nach mehr hätte? Sonst gilt hier das Wort Jesu: "Wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht"; und wer sein einiges Pfund vergräbt, kommt desto gewisser in die Finsternis, da Heulen und Zähnklappen ist.
Was uns verheißen ist, hat Bezug auf die Erlösung der ganzen Kreatur, die noch so sehr im Argen liegt; und ihr gegenüber soll unser kleinlichter Egoismus nicht oben an stehen. Es gibt wohl noch Seelen, die es vermögen, mit dem, was da ist, durchzukommen; aber wem ist nicht bekannt, wie klein ihre Zahl ist? Unzähligen steht das, was sie noch haben, nicht einmal zu Gebot, weil's ihnen nicht dargereicht wird, und weil die Mächte der Finsternis Alles verderbt haben. Das Wort ferner, auch wo es lauter gepredigt wird, hat nicht mehr die Kraft, auf Viele einzudringen, und verderbte Herzen zum Herrn zu führen, wie es sein sollte. Die Macht, viel auszurichten, ist überall gehemmt. Der Fürst dieser Welt ist überall Herr; und das Reich Gottes kommt immer weiter zurück, statt vorwärts. Das Elend der Menschen häuft sich in außerordentlichem Grade, weil keine Hilfe dagegen vorhanden ist, und Kräfte des Geistes zur Hebung von allerlei Übel uns fehlen. So liegt Alles darnieder; und so bleibt es, wenn nicht der Herr sich näher herzumacht, mit Kräften aller Art, das Ersterbende wieder zum Leben zu bringen, und was noch ganz erstorben ist, aufzuwecken. Der Jammer nach innen und außen ist so groß, daß man sollte Tag und Nacht bitten und flehen, der Herr möge drein sehen und endlich das tun, wodurch die ganze Kreatur, auf welche es ja im Evangelium abgesehen ist, zu ihren Rechten kommen kann, zu dem ihr verheißenen Anteil an Jesu und Seinen Gnaden.
Hier nun ist freilich auch eine Gefahr vorhanden für die, welche noch etwas haben, daß sie, wenn sie auf Andere wirken sollen, sei's berufen oder unberufen, denken, sie lassen lieber Alles liegen, es helfe ja doch nichts, und man bringe es zu Nichts, wenn der Herr nicht mehr Kräfte zuteilen würde. Diese Gefahr ist allerdings groß. Bedenke aber Jeder wohl, wie denn doch noch so manche Seele angefaßt wird, und so Vieles aus dem Verderben durch unsre Treue im Wort herausgerettet werden kann. Das Alles ginge verloren, wenn wir, wie verdrossen über geringe Erfolge, die wir vor uns sehen, wollten gar nichts mehr tun. Die so sich stellen, mögen auch zusehen, daß es ihnen nicht zu großer Verantwortung gereichen wird, wenn sie ihr Pfund im Schweißtuch vergraben, unter dem Vorgeben, sie können doch nicht ernten, wo nichts gesäet sei, statt daß sie zu retten suchen, was noch gerettet werden kann. Wie bedeutungsvoll wird auch Alles, was wir tun, eben auf die Zeit, da der Herr mit neuen Kräften Alles wird frisch in die Hand nehmen, um es zum großen Ziel der Vollendung aller Dinge zu bringen!
233. Von Unversöhnlichen.
Frage. "Zur Stelle: Sei willfährig deinem Widersacher bald (Matth. 5, 25). Soll man Jemand, mit dem man einst in Mißhelligkeiten geriet, und der auf keine Versöhnung einging, auch nach langer Zeit und in der Ferne noch, besonders, wenn oft wie ein Bann auf Einem liegt, zu einer versöhnten und freundlichen Stimmung zu bewegen suchen, damit er nicht einst als Ankläger vor Gott erscheinen möge; oder soll man die allgemeine Sündenvergebung sich auch für diesen speziellen Fall zueignen, und sich derselben getrösten?"
Antwort. Sogenannten Mißhelligkeiten liegen nicht immer Beleidigungen und Kränkungen von Bedeutung zu Grunde; und es sind mehr nur unangenehme Berührungen ungleicher Charaktere, die sich nicht recht gegenseitig vertragen. In solchem Fall ist es nicht recht, in minder freundlichen Stimmungen nur gleich Unversöhnlichkeit vorauszusetzen. Immer wieder erneuerte Versuche, durch umständliche Besprechungen Versöhnungen auszuwirken, können nur ungünstig wirken, und Unversöhnlichkeiten erst herbeiführen. Besser ist es, still zu sein, und den Andern als versöhnt zu nehmen, gar nicht anzunehmen, als ob widrige Gesinnungen nur da wären. Ist vollends viele Zeit verstrichen und hat man sich lange nicht mehr gesehen, weil man auch räumlich von einander getrennt ist, so muß man die Sachen ohnehin auf sich beruhen lassen, und nicht immer an den früheren sogenannten Mißhelligkeiten sich aufhalten. Diese sind in der Regel verschwunden, wenn man sie nur verschwunden sein läßt, und bei erneuerten Begegnungen nichts als Liebe, Zutrauen und Herzlichkeit zeigt.
Sind es aber wirkliche Kränkungen, die man sich gegen Jemanden hat zu Schulden kommen lassen, Kränkungen, die eine Vergebung von Seiten der Gekränkten wünschenswert machen, zu der aber die Gekränkten sich nicht hergeben wollen, so kommt Alles darauf an, ob der kränkende Teil wirklich das Seine getan habe, um eine Vergebung und Versöhnung zu erlangen. Wird aber die dargebotene Hand der Versöhnung hartnäckig zurückgewiesen, so fängt der Gekränkte an, wenigstens vor Gott, der schuldige Teil zu werden. Verkläger kann er nicht mehr sein; und er ist zu bedauern, daß er mit seiner Unversöhnlichkeit Gefahr läuft, der Vergebung seiner Sünden durch Christum verlustig zu gehen. Dieses aber soll dem Teil, der gekränkt hat, auch zu Herzen gehen, stets dessen eingedenk, daß er auch diese Unversöhnlichkeit des Andern mit seinem Betragen verschuldet hat. Übrigens ist es auch hier oft mit der Unversöhnlichkeit nicht so ernstlich gemeint. Viele machen über das, was sie angegriffen hat, nur nicht gerne viele Worte, und sehen es lieber, daß man Alles für bereinigt nehme, ohne lange Auseinandersetzungen gegen einander. Letztere sind immer zu vermeiden. Lerne man stille sein, aber daneben lieben, freundlich und demütig sich bezeigen, auch Vertrauen dem Andern zu äußern. Aussöhnungen ohne Worte, aber durch die Tat bezeigt, sind immer die Besten. Sündenvergebung vor Gott darf man sich jedenfalls zueignen, wenn man für sich liebende und friedfertige Gesinnung zu erkennen gibt.
234. Zu Jesajas 65.
Frage. "Nach der köstlichen Beschreibung wahrhaft himmlischer Seligkeit, welche in Jesajas 65 dem Vers 20 in den Versen 17-19 vorausgeht, verstehe ich nicht, wie plötzlich in v. 20 wieder so bestimmt vom Tode die Rede sein kann. Es wäre mir von großer Wichtigkeit, Ihre Auffassung der Stelle zu erfahren, und ob sie den Auslegern beistimmen, welche die Erfüllung obiger Weissagung im tausendjährigen Reich erwarten, dabei sich die Ausleger von dem nahe liegenden Einwande, daß der Prophet hier nicht den Zustand des tausendjährigen Reichs malen könne, indem er v. 17 von einer neuen Erde und einem neuen Himmel rede, verwahren durch die Erklärung, daß der alttestamentliche Prophet das noch nicht aus einander zu halten vermochte, was der Apokalyptiker periodisch forderte."
Antwort. Wir müssen bei der Auslegung der Propheten, namentlich wenn sie die künftigen guten Zeiten, die Erlösungszeiten, die Schlußzeiten nach großen Kämpfen, das angenehme Jahr des Herrn, beschreiben, das nicht aus dem Auge verlieren, daß sie immer nur im Irdischen bleiben, nie über das Irdische hinausgehen und etwa Seligkeiten eines außerzeitlichen, oder eines himmlischen Lebens beschreiben. Alle Eröffnungen, die sie bekommen, bleiben zunächst diesseits. Über dieses hinaus wird den Propheten des Alten Testaments nichts eröffnet, und zwar so bestimmt, daß es sogar schwer ist, die Einzelheiten, die sie verkündigen sollen, geistlich zu deuten. Sie trösten sich auch nicht, wie wir, eines himmlischen Lebens, das ein Ersatz sein werde für die Mühseligkeiten dieser Zeit, oder das sie erlangen, um dem Jammer dieser Zeit, der nun einmal nimmer anders sich machen könne, zu entfliehen. Sie bleiben durchaus auf irdischem Boden, und mit Bezug auf das Jenseitige wird ihnen für gewöhnlich nicht das Geringste gesagt. Ihre Hoffnung einer herrlichen Zukunft ist also nur auf die Aufhebung des Fluchs gerichtet, der auf der Erde lastet, wobei aber das irdische Leben nicht verändert werden soll.
So hat schon Lamech, der Vater Noah's, von diesem seinem Sohne, als er geboren wurde, gesagt (1 Mos. 5, 29): "Der wird uns trösten in unsrer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat." Lamech denkt also, beim Gedanken an eine Erlösung, nur an die Aufhebung des Fluchs, der über die Erde und das menschliche Leben durch die Sünde gekommen ist, und läßt daher alles Gute, das er verheißen sich denkt, in die irdischen Tage hereinkommen, daß sich's so glücklich auf Erden leben lasse, als es der Herr bei der Schöpfung der Erde und des Menschen gewollt hat, da es hieß: "Gott sahe an Alles, was Er gemacht hatte: und siehe da, es war sehr gut" (1 Mos. 1, 31).
Dies ist ganz deutlich auch in dem Abschnitt, über welchen gefragt wird, in Jes. 65, 17-25 zu erkennen, da von Kindern und Jünglingen und alten Leuten die Rede ist, von Weinbergen, Häusern, Geburten, von Lämmern und Löwen, von Rindern und Schlangen etc., wobei nur vorausgesetzt ist, daß kein Verderben und kein Schade mehr da sein werde, das das irdische Leben verbittere. Wenn also v. 17 von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist, so besteht das Neue nicht in dem, daß die ganze Natur des Himmels und der Erde werde umgewandelt werden, und daß ein vom bisherigen irdischen Leben verschiedenes müßte geführt werden, sondern in dem, daß alles Schädliche und Verderbliche, wie es nicht nur als Keim in der Erde nun liegt, sondern auch durch Einflüsse des Himmels, der Luft und der Planeten, fortwährend verursacht wird, werde weggenommen werden, und daß aller Fluch, durch die Sünde gekommen, werde aufhören. Anders sieht sich's an, wenn in der Offenbarung (21, 1 ff.) auch von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist; denn dort ist viel gesagt, das andeutet, daß zugleich auch ganz andere Verhältnisse werden eingetreten sein. Es wäre dieses ein weiterer Blick, den die Weissagung gibt, und den die Propheten des Alten Testaments noch nicht hatten.
(Schluß folgt.)
235. Zu Jesajas 65.
(Schluß.)
Frage, s. Nro. 18, III, 234.
Es fragt sich nun, wie sich die Verherrlichung des Irdischen, da sie als Verheißung gegeben ist, erfüllen werde. Die herrliche Erdenzeit ist so dargestellt, daß sie werde bleibend sein und lange werde fortdauern. Ja, es ist nicht angedeutet, daß nach ihr etwas Anderes kommen werde. Man kann nun sagen, der Herr habe den Propheten nichts über die Grenzen des Erdenlebens hinaus kund tun wollen; und so blieb nichts Anderes übrig, als alles selige Leben ins Irdische zu versetzen, oder nur von einem irdisch seligen Leben der Lebenden zu reden, und dieses der Zeit nach unbegrenzt zu nehmen. Dies schließt aber nicht aus, daß der Herr in der Folge Veränderungen im Leben der Seligkeit auch auf Erden nach Seinem einstweilen verborgen gehaltenen Rat werde eintreten lassen, und daß Er allmählich das Irdische werde in ein Himmlisches verklärt werden lassen. Die Seligkeit der Menschen, ob sie irdisch oder himmlisch leben, wird in der Zukunft nicht ab-, sondern zunehmen, unter welchen Verhältnissen das nun auch sein mag. Aber gewiß ist die Aussicht eines verbesserten Irdischen, nach den in den Propheten gegebenen Schilderungen.
Indem ich dieses ausspreche, meine ich es nicht, wie viele neuere Ausleger, die Propheten hätten die Sachen noch nicht auseinander zu halten gewußt. Nach manchen Seiten ist das richtig; aber bei dem, um was sich's hier handelt, ist es doch kaum anzunehmen. Denn nicht der Prophet redet, sondern der Herr redet, wie wir deutlich in der besprochenen Stelle es finden. Der Herr aber muß wissen, was Er sagt, und jedenfalls für die Verbesserung des Irdischen etwas vorhaben, das man nicht gleich vergeistigen darf. Die Ehre Gottes, so zu sagen, erforderte es, daß die durch die Schlange eingetretenen Verderbnisse in und außer dem Menschen nicht damit geheilt würden, daß die verderbte Welt zerstört und eine neue hergestellt werde. Nein, die verderbte Welt selbst soll wieder in ihr Ursprüngliches, Unverderbtes zurückgeführt werden, zum Beweis, daß denn doch der Herr noch mächtiger ist, als der Satan, und daß man Ihm nichts verderben kann, das Er nicht anders wieder sollte gut zu machen wissen, als daß Er nun lieber selbst Alles vollends zusammenschlage. Wir haben also wirklich eine irdische Zeit zu erwarten, die so sein wird, wie sie der Herr durch den Propheten schildert, da nichts als Wonne und Freude da sein, und alles Böse und Verderbliche weg sein, im Übrigen aber Alles gerade so fortgehen wird, wie im Jetzigen die Anlage dazu vorhanden ist.
Man kann nun hiebei verschiedene Gedanken haben. Ich erwähne zuerst dessen, was viele Ausleger tun, daß sie die herrlichen Zeiten des Erdenlebens, welche die Propheten schildern, in das sogenannte tausendjährige Reich versetzen, wie sie die Zeit von 1000 Jahren nennen, von welcher Off. 20, 5 ff. die Rede ist. Ich habe aber schon in Nr. 13, III, 227 dargetan, daß diese tausend Jahre nicht so herrlich geschildert werden in der Offenbarung, daß die Schilderungen der herrlichen Zeiten durch die Propheten darauf paßten. Ich sehe überhaupt nur schwer an diese tausend Jahre hin, die so schmerzlich schließen, und kann nur denken, daß der Herr werde lieber gleich bei Seinem Kommen den Abschluß alles Jammers auf Erden machen wollen, wenn wir bittend Ihn angehen, zumal der Verzug sonst so groß ist und anfänglich nicht angenommen war. Aber abgesehen davon, so passen die Herrlichkeitszustände, welche die Propheten schildern, auch darum nicht auf die tausend Jahre, weil diese ein Ende haben, jene aber ein Fortdauerndes darstellen, das nicht wieder in eine Verschlimmerung zurückfallen wird. Die Propheten schildern das Letzte, das Ziel der Gnadengedanken Gottes, welche wenigstens nicht mehr rückwärts gehen werden, wenn auch Umgestaltungen der Seligkeiten sollten später eintreffen, in fernerer Zukunft. Was Gott wiederhergestellt hat, das bleibt und wird nun bleiben, so lange nicht die Freundlichkeit Gottes Höheres in Aussicht bringen wird, davon den Propheten schon darum nichts gesagt werden konnte, weil ihnen über das neutestamentliche Jenseits nichts offenbar war. Den Propheten wird nur angezeigt, daß das zeitliche Leben so werden würde, wie es ursprünglich Gott im Plan hatte; und um dieses recht anschaulich zu machen, darf vorausgesetzt werden, daß es nach der Wiederherstellung will als in die Länge und ewig fortgehend geschildert werden. Eben damit soll auch uns der Eindruck gegeben werden, wie wunderbar der Herr Alles wieder in seine rechte Ordnung bringen werde. Diese Voraussetzung kann angenommen werden, weil mit allem Weiteren, das Gott noch vorhaben mag, wenigstens kein Rückschritt im Gewonnenen mehr werden wird.
Eine totale Umwandlung der ganzen Schöpfung mag wohl Gott im Weiteren im Sinn haben, die aber ihren Grund nicht mehr in dem hat, was gottwidrige Mächte verderbt haben. Das Letztere muß ohne eine solche Umwandlung verbessert oder wiederhergestellt werden. Wenn auch Petrus (2 Petr. 3, 10. 12) von einem Zergehen der Himmel, einem Schmelzen der Elemente und einem Verbrennen der Erde an des Herrn Tag redet, so muß offenbar nach den sonstigen Stellen der Schrift hier nicht vergessen werden, daß das Alles erst in Folge der Zukunft oder des Tags des Herrn, etwa nach längerer Zeit, nicht sogleich geschehen kann. Wie Vieles, das beim Kommen des Herrn sich verlaufen soll, muß vorher werden, wie es auch von Jesu selbst vorausgesagt wird. Eigentümlich sind die Worte Davids (Ps. 102, 26, 27), in welchen eine Ahnung liegt, wie überhaupt die erste Anlegung des Himmels und der Erde, und alles Gewordene, als ein Vergängliches veralten kann, und darum einer Erneuerung von der Hand des Schöpfers, vielleicht in ein Unvergängliches, und dann erst Ewiges, bedarf. Es heißt: "Du hast vorhin die Erde gegründet, und die Himmel sind Deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber Du bleibest. Sie werden alle veralten, wie ein Gewand. Sie werden verwandelt, wie ein Kleid, wenn Du sie verwandeln wirst." Über die Zeitfolge einer solchen Katastrophe etwas zu bestimmen, haben wir zu wenig Halt in der Schrift; und darum dürfen wir auch das von Petrus nicht als bestimmend der Zeit nach nehmen. Jedenfalls bleibt eine Verjüngung der irdischen Verhältnisse nach den Propheten gewiß, ob sie nun von kürzerer oder längerer Dauer sein mag, wiewohl das Geweissagte vom Standpunkte einer längeren Dauer ausgeht, wie aus dem ersichtlich ist, daß des Menschen Tage sein werden, wie die Bäume, und daß Menschen von hundert Jahren noch Knaben oder Jünglinge genannt werden.
In der großen irdischen Heilszeit nun, außer welcher ja zur Zeit der Propheten keine andere bekannt ist, weil das Leben der Ewigkeit im Jenseits noch völlig uneröffnet ist, wird auch mit dem Menschen eine große Umwandlung vorgegangen sein. Er wird den Heiligen Geist haben, wird statt des steinernen Herzens ein fleischernes Herz haben, wird innerlich so gestellt sein, daß er von Herzen dem Herrn dient, "in Seinen Geboten wandelt, Seine Rechte hält und darnach tut" (Hes. 36, 26. 27). Auch die Kräfte der Finsternis in ihm werden ihn verlassen haben. Die irdische Heilszeit macht sich also auch darum groß, daß die Menschen nicht mehr als Sünder hingehen und sich unter einander plagen und verderben. Indessen, - und damit kommen wir auf den Hauptpunkt der vorgelegten Frage, - mögen wir es begreifen, daß die Sünde, weil die menschliche Freiheit nicht aufgehoben ist, nicht gerade ganz werde ausgeschlossen sein. Bis der Mensch nur auch aus der Gewohnheit der Sünde ganz heraus kommt, braucht's immer noch Kampf; und da sagt unsre Stelle (Jes. 65, 20) voraus, daß es noch Mutwillssünden geben könne, wie sie in jetziger Zeit namentlich der Jugend, die aber als hundertjährig in der Neuzeit gedacht wird, eigen sind. Die Sünde aber wird dann gleich mit dem Tod bestraft werden, damit nicht wieder ein allgemeines Verderben einreißen könne. So kann es in v. 20 heißen: "Die Knaben von hundert Jahren" (nämlich wenn sie sündigen) "sollen sterben; und die Sünder von hundert Jahren sollen verflucht sein." Ihre Bestrafung wird noch weiter gehen, und wohl zu der Pein werden, in welcher die von früher her Verfluchten sein werden. Wenn übrigens sonst die Menschen ihre Tage erreichen werden, ohne zu frühe hingehen zu müssen, wenn ferner "die Tage meines Volks sein werden, wie die Tage eines Baums" etc., so ist ein endliches Hingehen auch angenommen, aber doch eines Sterbens nicht gedacht. Statt des Sterbens, können wir, nach der Analogie der Menschen, welche bei der Zukunft Christi werden verwandelt und dem Herrn entgegengerückt werden in der Luft (1 Thess. 4, 17), hinzudenken, daß auch Verwandlung und Entrückung aus dem irdischen Leben hinausbringen werde, wie ja überhaupt das ewige Sein bei dem Herrn nach der neutestamentlichen Offenbarung das eigentliche Ziel der Erlösung sein wird. Während also die Einen entrückt werden zur Seligkeit, gibt es welche, die wohl auch nicht sterben, wie man jetzt stirbt, sondern in die Pein, d. h. den andern Tod, entrückt werden, und auf diese Weise sterben. So viel sagt die Weissagung der Propheten. Sonst aber haben wir noch an eine wirkliche Umwandlung des Himmels und der Erde, die kommen werde, zu denken, wie Off. 21 es bestimmt uns in Aussicht stellt. Wie es dann werden wird, ist uns nicht eröffnet.
236. Die Mitleidenschaft.
Frage: "Ich möchte Sie bitten, über 1 Kor. 12, 26. 27 uns Einiges zu sagen, da von der Mitleidenschaft der Glieder die Rede ist." - Die Stelle lautet: "Und so Ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr seid aber der Leib Christi, und Glieder, ein Jeglicher nach seinem Teil."
Antwort. Die Frage ist schon alt; aber ich fand eben erst wieder das Blättchen. Der Apostel geht von dem aus, wie es die Glieder des menschlichen Leibes haben. Hat ein Glied des Leibes Wehe, so kommt leicht eine Empfindung des Wehes auch an andere, zuletzt an alle. Ich habe selbst dieser Tage etwas davon erfahren. Als ich meine linke Hand verstaucht hatte, so war mir's, wenn ich mit der rechten Hand schrieb, als fühlte ich in dieser ganz den nämlichen Schmerz, wie in der linken; und etwas später hatte ich ein Kranksein durch den ganzen Leib. Umgekehrt kann die Erquickung und Linderung, die ein Glied erfährt, den ganzen Leib munter machen. Solches wendet der Apostel auf die Christen an, welche den Leib Christi ausmachen und Glieder sind. Sie haben selbst Weh oder Freude, je nachdem sie's bei andern Gliedern wahrnehmen; sie leiden oder freuen sich mit den andern, als ob es sie selber wären. So wie es Christen haben oder haben sollten, haben's nicht gerade auch andere Menschen oder Genossenschaften. Denn diese sind nicht in gleicher Weise Eins geworden, als es vom Herrn bei Christen angelegt war, welche alle durch die Gnade und den Geist Christi gleichsam Ein Wesen und Eine Person werden sollten. Gegen die apostolische Zeit aber sind wir hierin weit zurückgekommen; und den Mangel unsres jetzigen Christentums können wir in nichts mehr sehen, als in dem, daß es nicht mehr so ist, wie der Apostel sagt, und nur hie und da bei enge verbrüderten Christen in etwas sich noch zeigt. Die Unempfindlichkeit, namentlich gegen die, welche Wege des Verderbens gehen, übersteigt alle Grenzen; und wie wenig fühlen die Meisten bei dem Gedanken, daß so Viele sollten verloren gehen! Pauli Wort lehrt uns seufzen: "Ach, hilf, Herr, daß Deine Christenheit Ein Leib wird, dessen Glieder Alles versuchen, um Niemand, so es möglich wäre, verloren gehen zu lassen." Wie sollten doch unsre Gefühle durch Alles hindurch andere werden, beim Anblick namentlich des Wehes, das so herzzerreißend überall sich vor unsre Augen stellt! Ich hoffe, der Herr werde es bald bessern.
237. Pflege des Gewissens.
Frage. "Einzelne Fälle, in denen man im Unrechttun sich dadurch bekräftigte, daß man es betend Gott vortrug, erschreckten mich. Offenbar hielten die Betreffenden sich zu jenem Unrechttun verpflichtet, ihr Gewissen war also ein irriges geworden. - Ferner, Gläubige erkennen später Manches als Unrecht, was sie ehedem für erlaubt hielten. Ihr Gewissen schlief also. - Durch Erweckung des Gewissens an den göttlichen Geboten und durch seine Zurechtweisung vermittelst des Wortes Gottes wird das Gewissen in heilsame Pflege genommen werden. - Möchten Sie sich nun hierüber aussprechen, wie wir das Gewissen zu schärfen und zu pflegen haben!"
Antwort. Die Frage hat mich in viel Nachdenken gebracht; aber ich weiß nicht, ob ich meine Gedanken faßlich niederschreiben kann. Ich versuche, das in der Frage Enthaltene einzeln zu besprechen.
Im Unrechttun durch Beten sich bekräftigen, scheint freilich - seltsam genug, - eine häufig vorkommende Sache zu sein. Es kommt wenigstens oft vor, daß ein Mensch sagt, wie sich verteidigend, da dann jedermann sich zufrieden geben soll: "Ich habe darüber gebetet," als ob dann Alles recht wäre. Solche Menschen wollen gleichsam eine göttliche Antwort vernommen haben, daß das recht sei, was in Frage war. Manche schlagen Sprüche auf; und paßt ihnen ein Spruch nicht, suchen sie einen andern, bis sie einen solchen finden, der etwa sagt: "Tue, was dir unter Händen kommt." Der arme Mensch bedenkt nicht, daß, wenn Jemand auf eine Antwort erpicht ist, auch ein Fremdes, Finsteres ihm etwas ins Ohr sagen kann. Oft fällt mir auch der Wahrsager Bileam ein. Der fragte in der einen Nacht den Herrn, ob er gehen solle. Es hieß Nein. Ein zweites Mal fragt er wieder. Dann hieß es Ja. Er geht; aber die Eselin hat ihn zurechtweisen müssen. So wollen Viele, wenn sie sich zu etwas entschließen sollen, z. B. zu einer Heirat, sich durch Gebet klar machen, gleichsam eine Weisung von oben sich geben lassen, durch ein bestimmtes Gefühl, das ihnen werden soll. Häufig beten sie sich aber nur in ihr Gewünschtes hinein, selbst wenn sie klar wissen könnten, wie viel ihrem Wunsch entgegenstehe. Sie aber beten drauf und drein; und plötzlich ist's ihnen, als wüßten sie das Rechte, - und wie sehr ist's oft gefehlt. Denn was ist's? Eben das, was sie sich gewünscht hatten, das aber ihr Inneres ihnen verbieten möchte. Wohl oder übel muß nun, was sie wollen, das Rechte sein, und muß die Bekräftigung ihnen von oben zugekommen sein. Gewissen, und durch Gebet Gewordenes, wie oft ist das zweierlei. Ich verbiete in vielen Fällen geradezu das förmliche Beten über eine bestimmte Sache. Ich sage: "Denke nach! Prüfe die Sachen mit dem Verstand, und dann dein Inneres, ob's Ja oder Nein sagt." Sagt's Ja, wozu dann das viele Wortmachen im Gebet, um zum Entschluß zu kommen. Sagt's Nein, warum sich durch Gebet in die Versuchung führen, daß das innerliche Nein soll gar ein göttliches Ja werden, während dir die Stimme Gottes in dir viel näher ist und viel klarer entgegenkommt, als durch dein langweiliges, - verzeih' mir den Ausdruck, aber der Herr heißt ja nicht viele Worte machen, - Beten.
So ist es nun auch beim Unrechttun. Der Mensch hat das Gefühl, daß etwas unrecht oder Sünde sei, was er tun will. Nun betet er, wie wenn er dem lieben Gott auseinandersetzen wollte, daß es in diesem Falle erlaubt sein dürfte. Der liebe Gott soll also durch bestimmte Eindrücke solchem Menschen gestatten, was sonst gegen Sein Gebot wäre. Jedenfalls meint der Mensch, der fromm sein will, wenn er nur vorher gebetet habe, werde es recht sein. Solcher Mensch hat eigentlich gar kein Gewissen. Das Gewissen, welches unterscheidet zwischen gut und böse, möchte gerne reden, und sagt's klar, was das Rechte sei. Aber man läßt es nicht gelten. Man streitet mit dem Gewissen, weil Allerlei den natürlichen Menschen zum Gegenteil reizt. Will nun der Mensch sonst fromm sein, so betet er; oder er will eigentlich gegen sein Gewissen an Gott appellieren. Das ist der Übelstand, daß der Mensch nur gar zu oft keine Furcht Gottes hat. Er tut, als ob, was die Furcht Gottes verbiete, unter Umständen, wenn nicht gut, doch auch nicht unrecht oder verboten sein könne. Er läßt sein Gewissen, die Stimme Gottes in ihm, nicht gelten, meint etwa auch, wenn er in Josephs Fall wäre, denken zu können, er dürfte wohl dem Begehren der buhlerischen Frau nachgeben, ohne, wie Joseph, zu sagen: "Sollte ich ein so groß Übel tun, und wider Gott sündigen?" So kann ein Mensch, auch der fromm sein will, morden, ehebrechen, stehlen, betrügen, falsches Zeugnis geben, auch zaubern etc., sein Gewissen durch fromme Redensarten, oder wie die Frage sagt, durch Gebet, beschwichtigend. Der Mensch aber, der durch Gebet zum Unrechttun bekräftigt werden will, hat kein irriges Gewissen, sondern ist geradezu ein gewissenloser Mensch, der Gottes Willen weiß, aber nicht tun will.
(Schluß folgt.)
238. Pflege des Gewissens.
(Schluß.)
Forts. von 237 in Nr. 20. Die dort gegebene Frage enthielt verschiedene Abteilungen, deren erste bereits beantwortet ist. Die zweite Abteilung lautet:
"Ferner, Gläubige erkennen später Manches als Unrecht, was sie ehedem für erlaubt hielten. Ihr Gewissen schlief also."
Antwort. Der Fall kommt freilich oft vor, daß man lange etwas für erlaubt hält, das man später als ein Unrecht erkennt. Auch sogenannte Gläubige oder Bekehrte, die eine ernste oder religiöse Richtung angenommen haben, treiben gewisse Sünden fort, ohne daran zu denken, daß sie wirkliche Sünden seien. Ja, ich weiß Fälle, da Jemand, wenn lange in der Bekehrung gestanden, ohne von gewissen Sünden frei geworden zu sein, gar nicht sich überzeugen ließ, daß ein wirklicher Christ dieses und jenes nicht mehr treiben dürfe, weil es Sünde sei. Ich hörte vor Jahren, daß ein Sklavenhändler noch drei Jahre lang nach seiner Bekehrung den Handel fortsetzte, ohne im Mindesten innerlich darüber angefochten zu sein. Sünden wider alle Gebote, vom ersten bis zum letzten, können auch von Gläubigen je und je ohne Bedenken fortgesetzt werden, und zwar mitunter, ohne einen Hehl daraus zu machen. In der Regel freilich tut man Unrechtes doch mehr nur im Verborgenen, aber doch so, daß man innerlich sich entschuldigt und rechtfertigt.
Ein schlafendes Gewissen kann man's nun in allen den Fällen nennen, wenn in dem Menschen nicht die geringste Empfindung von einem Unrecht kommt, das an dem hafte, das er tue. Dies wird namentlich dann sein, wenn der Grund, warum etwas ein Unrecht sein soll, nicht klar da liegt, oder vom Menschen übersehen wird. Warum soll man nicht Geheimnisse treiben, zaubern, Sympathie brauchen dürfen etc.? Viele begreifen das nicht; und sie tun's, weil ihr Gewissen scheinbar nichts dagegen hat. Schläft aber wirklich ihr Gewissen? Ich mache die Erfahrung, daß mir Alle, die ich darauf aufmerksam machen muß, bekennen, es sei ein Widerstreben in ihnen gewesen, so oft sie's getan hätten. Das Gewissen war also da; aber die Furcht Gottes fehlte. Wie aber, wenn Viele selbst in schlechte Häuser gehen, und sich vorspiegeln, als ob sie damit nichts Unrechtes täten? wenn sie überhaupt allerlei ins Gebiet der Wollust Einschlagendes treiben, - wie hätte ich da so Manches zu sagen! - und bei sich beschließen, daß es keine Sünde sei? Wie ferner, wenn sie allerlei Betrug, Lüge zu ihrem Vorteil und zum Nachteil Anderer für erlaubt halten; wogegen nicht das Geringste einzuwenden sei? wenn man auch mit List und scheinbarem Recht Anderer Hab und Gut an sich zu bringen sucht, meinend, ganz ruhig im Gewissen bleiben zu dürfen, weil man ja sonst dabei seine Schuldigkeit getan habe? Wird in diesen Fällen allen das Gewissen schweigen? Nein, es schläft nicht, es mahnt; aber man will's nicht gelten lassen, streitet mit ihm, betäubt's am Ende. Wo fehlt's da? nicht am Gewissen, sondern - an der Furcht Gottes; und wenn solche Sünder sich dennoch zu den Gläubigen, zu Bekehrten schätzen, im Beten, in Andachten, in Kirchenbesuchen, nicht zurückbleiben, ja auf den Bänken ernsterer Christen je und je sitzen, so sind sie bitter zu beklagen. Denn drüben sind sie eben nichts Anderes, als Übeltäter, die der Herr nicht kennt, da Entschuldigungen gegen das Gewissen dort nichts gelten.
Immerhin kann in Manchem das Unrecht, das in ihm liegt, ganz versteckt liegen, daß es auch das Gewissen nicht berührt. Aber auch hier nenne ich das Gewissen nicht schlafend. Es fehlt dem Menschen an Erleuchtung und an Erkenntnis. Er hat eine Belehrung nötig, die ihm das aufdeckt, was in einer Handlungsweise oder Gewohnheit, namentlich im Verkehr mit Andern, Unrechtes und Sündliches liegt. Von da an legt sich dann das Gewissen darein, und kann der Mensch nimmer anders, wenn er fromm fein will, als nach dem neuen Erkennen sich halten. Wir müssen uns aber in Acht nehmen, nicht in unrechter Weise schroff gegen uns selbst zu werden. Es gibt gewisse Dinge, über welche viel Fragens ist, ob sie erlaubt seien oder nicht. Da kann nun Jemand Zeiten haben, da hält er sie für erlaubt, und wieder andere, da er sie für Sünde hält. Hier müssen wir aber wohl beherzigen, daß in das Gebiet wirklichen Unrechts und wirklicher Sünde nur das gehört, worin nach irgend einer Seite die Gebote Gottes übertreten werden; und in Allem hat man nur darauf zu sehen, ob, was man tue, einem wirklichen Gottesgebot zuwiderlaufe oder nicht. Das Gewissen zupft, sobald ein Gottesgebot will unbeachtet bleiben; und wer ihm nicht folgt, hat kein schlafendes Gewissen, sondern nicht Furcht Gottes genug. Will aber scheinbar das Gewissen zupfen, wo es sich um kein Gottesgebot handelt, da muß man etwa eingegebene Klugheit, guten Rat und Vorsicht, von dem eigentlichen Gewissen unterscheiden.
In der vorgelegten Frage heißt's weiter: "Durch Erweckung des Gewissens an den göttlichen Geboten und durch seine Zurechtweisung vermittelst des Worts Gottes wird das Gewissen in heilsame Pflege genommen werden. - Wie haben wir denn wohl das Gewissen zu schärfen und zu pflegen?"
Antwort: Um ein Wort über die Schärfung und Pflege des Gewissens zu sagen, müssen wir unterscheiden zwischen Erkenntnis der Gebote und Halten der Gebote. Dieses Beides ist zur Pflege des Gewissens notwendig. Auslegung der Gebote Gottes und des Worts Gottes überhaupt und die Erlernung der Beziehungen zum Leben, kann Alles, was im Gewissen liegt, zu einem Ausdruck bringen. Je feiner und gründlicher wir auslegen, desto entschiedener und klarer werden die Aussprüche des Gewissens. Es ist daher nichts nötiger, als daß man immer umfassender die Gebote, wie sie in der Schrift sowohl Alten als Neuen Testaments sich finden, sich zum Bewußtsein bringe, um ein scharfes Urteil zu bekommen über das, was gut und recht ist nach allen Seiten. In dem Grade, als wir im Erkennen der Gebote Gottes zurückstehen, werden wir's auch am richtigen Wandel fehlen lassen. Indessen kann das Gewissen abermals stumpf werden, wenn der Mensch, was er vom Gesetze lernt, nicht tut, sich keine Mühe gibt, das Erlernte auch wirklich zur Tat zu bringen. So weiß der Mensch Alles; und doch schweigt das Gewissen zu Allem, weil die Furcht Gottes, die nicht bloß lernen, sondern auch tun will, fehlt. Es bleibt ungeschärft und ungepflegt. Die eigentliche Pflege des Gewissens geschieht damit, daß der Mensch alles Erkannte vor Gott auch ins Tun zu bringen suche. Am Menschen selbst liegts, nicht am Lehrer. Es kann Keiner dem Andern sein Gewissen pflegen, wenn er's nicht selber pflegt durch Vergegenwärtigung Gottes und durch Furcht Gottes. Man kann dem Menschen alles Material geben, das zum feinsten Gewissen führen sollte; aber es ist Alles umsonst, wenn der Mensch innerlich unfromm bleibt, und sich nichts drum bekümmert, ob seinem Gewissen Genüge geschehe oder nicht. Wer sich aber im Kleinsten schon übt, des Gewissens Zeugnisse zu tun, der schärft und pflegt sein Gewissen bis zu immer größerer Vollkommenheit. Daß es so werde, dazu will ja Gott noch fleischerne Herzen geben, und Seinen Geist, dessen Erneuerung wir wieder hoffen. Wie Viele gingen ohne das mit all ihrem Wissen verloren!
239. Zeugnis des Geistes
nach Röm. 8, 16.
Frage: "Wie darf ich den Spruch Röm. 8, 16 verstehen: " "Derselbige Geist gibt Zeugnis unsrem Geist, daß wir Gottes Kinder sind" "? Wie kann ich dieses Zeugnis erkennen, ohne fürchten zu müssen, mich zu täuschen? Auf mein Fühlen darf ich mich doch nicht verlassen, auch nicht auf mein Glauben, da dieses von jenem so vielfach beeinflußt ist, und Beides zusammen unter dem Einfluß so mancherlei Dinge steht. - Der 14. Vers: " "Welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder," " ist mir oft tröstlich; aber ich meine, es müsse unter diesem Zeugnis noch etwas Anderes verstanden sein."
Antwort. Da wir heute, da ich dieses schreibe, das heilige Pfingstfest gefeiert haben, hatte ich Veranlassung über das Wesen des Heiligen Geistes, welcher über die Jünger ausgegossen wurde, umständlicher mich zu äußern, und aufs Neue mir klar zu werden. Da ist mir nach Joh. 14, 16. 18 (meinem Predigttext) namentlich wieder recht klar geworden, wie der Heiland keine bloße einwirkende Kraft von oben, sondern etwas Persönliches aus Gott unter dem Heil. Geist versteht. Derselbe soll ja ein anderer Tröster sein statt Jesu. Wie Jesus nach Seiner Person für Seine Jünger ein Tröster, Berater und Freund war, so sollte, weil Er wegging, an Seiner Statt als anderer, d. h. zweiter Tröster der Heil. Geist gegeben sein, der zugleich Seiner Abkunft nach nichts Geringeres sein sollte, als Jesus war. Derselbe sollte aber in den Jüngern, in ihnen selbst sein, und ewiglich bleibend, d. h. überall, wo sie gingen und stünden, ohne je sie zu verlassen, so lange sie in dieser Zeit lebten.
Vermittelst dieses Geistes sollten die Jünger nicht Waisen sein; denn mit Ihm kommt Jesus selbst auch wieder unsichtbar zu ihnen. Ohne ein Persönliches von oben aber sind wir Waisen; und haben wir ein Persönliches von oben, so sind wir nicht mehr Waisen. Sind wir nun durch den Heil. Geist nicht mehr Waisen, so muß Er etwas Persönliches sein, und zwar etwas Persönliches aus Gott, wie es Jesus gewesen ist, welcher Seiner Abkunft nach das Wort, ewig bei Gott und selbst Gott, war. Von diesem Geist nun sagt Paulus auch in unsrer Stelle, er sei kein knechtlicher, sondern ein kindlicher Geist, durch welchen wir rufen: "Abba, lieber Vater!" Weil der Geist etwas aus dem Wesen des Vaters ist, so werden wir durch Ihn, wenn wir Ihn bekommen, verwandt mit Gott, als aus Seinem, unsres Vaters, Wesen stammend, wie Kinder aus dem Wesen ihrer Eltern stammen. Es ist also durch den Geist ein natürlicher Zug einer Kindesliebe in uns, wie ihn Kinder gegen ihre Eltern haben. Statt dessen aber sagt unser Spruch noch bestimmter, der Geist gebe Zeugnis unsrem Geiste, daß wir Gottes Kinder sind. Wir haben einen angebornen Geist in uns, auch aus Gott, dem's der in uns hereinkommende Heil. Geist aus Gott sagt und bezeugt, daß wir Gottes Kinder sind.
So ist es nach der Schrift mit dem Heil. Geiste und dem Zeugnis des Geistes gemeint. Wenn wir aber offene Augen haben und aufrichtig sein wollen, so müssen wir gestehen, daß wir es so nicht mehr haben. Einer Persönlichkeit, die in uns neben unsrem Geiste als aus Gott wäre, werden wir uns nicht mehr bewußt. Wir können nicht mehr eine wirkliche Stimme als vom Heil. Geiste in uns als Zeugnis vernehmen. Es kann eine Beruhigung über uns kommen; es kann uns wohl werden beim Gedanken, daß wir etwa Kinder Gottes seien. Aber so, als ob's uns ein Freund, eine Stimme von oben, förmlich sagte, wir seien's, haben wir's nicht. Es gibt zwar Christen, die meinen, sie hätten solche Stimmen in gewissen Augenblicken in sich gewonnen; aber wir dürfen sicher annehmen, daß es falsche Stimmen seien, an dem erkennbar, daß sie außerordentlich schnell und schroff wechseln. Die nämlichen Christen, welche eben überglücklich über die Stimme, als wären sie's, gewesen sind, hören plötzlich wieder die entgegengesetztesten Stimmen, die ihnen sagen, sie seien verloren, und seien viel zu große Sünder, als daß sie je glauben könnten, als Kinder Gottes angenommen zu werden. Wenn's so wird, wie kann die vorherige Stimme eine ächte gewesen, die sie so glücklich gemacht hatte? Ebenso ist es allgemeine Christenerfahrung, wie viele Mühe, Sorgen und Kämpfe viele Christen haben, bis ihnen, wie sie sagen, das Kindschaftsbewußtsein gewiß geworden ist. Immer und immer wollen ihnen Zweifel kommen. Sie beten und ringen mit dem Heiland; und mitunter machen sie sich's mit solchem ängstlichen Eifer immer ungewisser und unsicherer. Wenn wir das recht erwägen, so werden wir doch mit Sicherheit annehmen dürfen, daß wir nicht mehr so gestellt sind, wie einst die ersten Christen, des Heil. Geistes nicht mehr in ähnlicher Weise teilhaftig. Daß es anders bei uns ist, läßt sich schon an dem erkennen, daß wir nie etwas Besonderes erfahren, weder an Kindern, noch in späterem Alter, daß uns der Augenblick des Empfangs des Heil. Geistes gewiß würde, wie das in den ersten Zeiten war, da ein Feuerschein sichtbar wurde. Jeder konnte es aufs Bestimmteste von sich sagen, wenn er den heiligen Geist bekommen hatte (vergl. Gal. 3, 2); und Jeder sah es auch an Andern, daß der Heil. Geist auf sie fiel, weil eigentümliche Zeichen äußerlich sichtbar waren, die unwidersprechlich waren.
Indem es so ist, macht sich's auch mit dem Zeugnis, das der Geist unsrem Geiste gibt, daß wir Gottes Kinder seien, bei uns anders. Dieselbe Sicherheit oder Bestimmtheit haben wir nicht mehr, wie man sie ehemals hatte. Solches gibt schon die an mich gerichtete Frage zu erkennen. Denn die fragende Person ist sich ihres Zeugnisses nicht gewiß. Sie steht in der Furcht, sie könnte sich auch täuschen, und möchte deswegen wissen, wie sie's erkennen könnte, daß sie in keiner Täuschung sich befinde. Daß dessenungeachtet der Geist Gottes sich ihr bezeigte, geht aus ihrer Rede auch hervor. Sie verspürt etwas von dem Wehen des Windes, wie einst Nicodemus (Joh. 3, 8), der wohl das Sausen hörte, aber nicht wußte, woher es käme, und wohin es führe. Wir werden daher der fragenden Person immer etwas Bestimmtes sagen können, das sie gewisser macht, wenn sie sich auch je und je mit der Furcht plagen muß, ob's auch bei ihr seine Richtigkeit habe. Nur so viel ist klar, daß sie, wie ja immer in unsrer Zeit, das Zeugnis des persönlichen Heiligen Geistes in sich nicht vernimmt. Denn wer dieses hat, dem bleibt's, weil's ja ewiglich bei ihm bleibt. Wer den Heil. Geist in sich hat, hat Ihn bleibend, und steht über allen Zweifeln erhaben, wie wir auch kein Beispiel im Neuen Testamente finden, daß Jemand, der den Heil. Geist gehabt hätte, je wieder, so für die Langeweile, wie man's bei Vielen in unsrer Zeit sindet, in Zweifel über seinen Gnadenstand gekommen wäre. Wollte freilich einst um einer Sünde willen, in die sie sielen, ihr Herz sie verdammen, so konnten sie doch auch, ohne so erschrecklich untröstlich zu sein, ihr Herz wieder vor Gott stillen und Freudigkeit zu Gott bekommen (Joh. 3, 19-21). (Schluß folgt.)
240. Zeugnis des Geistes
nach Röm. 8, 16.
Frage, s. Nr. 22, III.
Fortsetzung und Schluß der Antwort.
Nach dem Bisherigen hat bei uns die Frage, wie wir die Richtigkeit des Zeugnisses in uns, daß wir Gottes Kinder seien, erkennen können, ihre Berechtigung. Denn so gewiß in der apostolischen Zeit durch den Besitz des persönlichen Heil. Geistes das Zeugnis war, so unsicher und schwankend ist es bei uns ohne diesen Geist. Es gibt in unsrer Zeit Christen, die schnell damit fertig sind, zu glauben, sie seien im Reinen, oder sie haben in sich das Zeugnis des Heil. Geistes, daß sie Gottes Kinder seien, ohne daß sie genügende Buße oder Erkenntnis ihrer selbst zu erkennen geben. Es gibt auch religiöse Richtungen, welche im Flug den Leuten das Zeugnis des Geistes glauben beibringen zu können, da es eben auch an den rechten Vorgängen dazu fehlt. Wissen wir doch auch davon, wie ganze Versammlungen hingerissen wurden, daß sie sich im Nu als innerlich glückliche und heilige Leute fühlten, weil sie glaubten, etwas innerlich empfangen zu haben von dem heil. Geist, das sie selig mache. Aber weil alle Vorbereitungen dazu im Inneren fehlten, bekam's den Charakter von Schwindel oder magischen Einwirkungen, letzteres besonders, wenn gar künstlich wollte eine Ausgießung des Heil. Geistes erzwungen werden, ohne daß in genügender Weise Buße und Erkenntnis der Sünden, und Einsicht in die Person und das Wirken Jesu gefordert wurde. Wo dergleichen Forderungen unterbleiben, oder oberflächlich behandelt werden, ist's nie etwas echtes, was man sich gehoben fühlt; und der geringste Windstoß genügt, das Gebäude innerlich zusammenzustürzen. Je und je wollen's die Leute mit fortgesetztem heißem Beten erzwingen, daß ihnen vernehmbar gesagt werde: "Deine Sünden sind dir vergeben." Wer auch sonst drauf aus ist, etwas zu hören, mag zusehen, wer mit ihm rede. Wenn der Feind tröstet, gehts glatt zu, und wird jede Beängstigung verwischt, und über Alles Beruhigung gegeben. Aber wie wandelbar ist solche Stimmung, daß sie plötzlich ins vollkommenste Gegenteil umschlägt!
Wie aber kann ich doch zu völliger Gewißheit kommen, daß ich als Kind Gottes mich nehmen, und das Zeugnis in mir als ächt nehmen darf? Ich antworte: wenn wir immer und immer uns selbst aufs Genaueste prüfen, wie wir stehen, und so, daß wir stets uns selbst richten, wie Paulus verlangt (1 Kor. 11), daß es vor dem Heil. Abendmahl geschehen soll, so müssen wir doch wahrhaftig auf ein Richtiges und Sicheres kommen. Ich erlaube mir, hier niederzuschreiben, was unser württemb. Konfirmationsbüchlein, welches alle Kinder auswendig lernen, zur Selbstprüfung sagt.
Frage 63. Was heißt denn sich selbst prüfen? - Antw. Sich selbst prüfen heißt, in sein eigen Herz und Gewissen gehen, und seine Buße, Glauben und neuen Gehorsam fleißig erforschen.
Frage 64. Wie prüfen wir unsre Buße? - Antw. Wenn wir uns selbst erforschen, ob wir unsre Sünden auch ernstlich erkennen, vor Gott bekennen, herzlich bereuen, verabscheuen und Leid darüber tragen.
Frage 65. Wie prüfen wir unsern Glauben? - Antw. Wenn wir in unsern Herzen wohl erkundigen, ob wir Jesum Christum auch recht erkennen, und uns einig auf Sein Verdienst und Gnade verlassen.
Frage 66. Wie prüfen wir unsern neuen Gehorsam? - Antw. Wenn wir genau untersuchen, ob wir uns mit Ernst vorgesetzt, von nun an die Sünde zu hassen und zu lassen, hingegen Gott gefällig zu leben, und in wahrer Liebe Gottes und des Nächsten durch Gottes Gnade zu verharren.
Ich meine, wer so, sich prüfend, vor seinem Gott und Heiland steht, der kann unmöglich in der Täuschung sein, wenn er glaubt und fühlt, er sei ein Kind Gottes. Ein Leben und Hausen mit dem Gewissen ist ein Leben mit Gott, als eines Kindes mit dem Vater. Wenn du denn auch mit solcher Prüfung zur Beichte gehst und priesterliche Absolution empfängst, und zum Tisch des Herrn, da dir der Leib und das Blut Christi dargereicht wird, wie wird dir doch hiebei, wenigstens in etwas, eine dauernde Versieglung von oben im Herzen zukommen, daß du ein Kind Gottes seiest. Fehlen kann's dir nimmermehr, auch unter Schwächen, Gebrechen und Fehltritten, die immerhin noch mit unterlaufen mögen.
241. Umfang der Verheißung des Heil. Geistes.
Frage: "Es drängte sich mir kürzlich der Gedanke auf: Da der scheidende Heiland den Heil. Geist den Seinen "als Tröster" verheißen hatte, damit sie nicht ganz "Waisen" blieben, so haben wir wohl nicht denselben Anspruch. Die ganze Kraft der göttlichen Sendung ließ sich auf die kleine Gemeinde nieder; und jetzt sind Gemeinden, und Gott sei Dank, auch Gläubige, über die ganze Erde verbreitet. Hat da nicht der Heil. Geist, um die Seinen zur Heiligung zu bringen, ein zu weit verbreitetes Gebiet, um in der ursprünglichen Kraft eine oder die andere Gemeinde zu bevorzugen? Ich gebe nur meinen Gedanken an, der auch vielleicht weit entfernt ist vom Wahren."
Antwort. Die Frage neigt sich zu dem Gedanken hin, daß die Ausgießung des Heil. Geistes in der Fülle, wie sie kam, ein besonderes Geschenk für die Apostel und für die erste kleine Gemeinde gewesen sei. Diese sollten den Heil. Geist als "Tröster" haben, damit sie nicht ganz "Waisen" blieben, und bekamen also die ganze Kraft der göttlichen Sendung. Da bemerke ich zuerst, daß der Heil. Geist nicht in dem engeren Sinne Tröster heißt, daß Er trösten sollte für den Verlust Christi. Vielmehr bedeutet das Wort, das mit Tröster übersetzt ist, den Unterweiser, Lehrer, Ermahner, Führer, dann auch Tröster, kurz das, was jeder Christ bedarf, um durch Alles hindurch eine innere Leitung zu haben. Wenn ferner die Jünger nicht Waisen sein sollten, so gilt das auch von anderen Christen. Alle, wer sie seien, sind Waisen ohne Christum, nicht bloß die, die Christum gehabt haben und dann nicht mehr hatten, sondern auch die, die Ihn nie gehabt haben, aber haben sollten. Wir brauchen Jesum als notwendigen Helfer und Heiland. Denn dazu ist Er überhaupt gesandt, daß das Menschengeschlecht nicht mehr sollte als Waise, fern von Gott und einer Gemeinschaft mit Gott, hinleben, sondern einen sicheren Führer haben, an dessen Hand es ihnen nicht fehlen kann. Mit dem Heil. Geist nun wird eine Stellvertretung Christi den Menschen gegeben, weil Alle einen Anspruch an den persönlichen Christus haben. Persönlich auf Erden aber brauchen wir Jesum nicht mehr, wie Ihn auch die Apostel entbehren konnten, wenn wir den persönlichen Heil. Geist haben, mit welchem auch Christus uns gegeben ist, so daß nur der Mensch sich als Waise fühlt, der den Heil. Geist nicht hat. - Wenn die Frage weiter bemerkt, daß eben darum, weil die erste kleine Gemeinde solchen Trost in ihrem Waisenstand bedurfte, die ganze Kraft der göttlichen Sendung bekommen habe, wie Andere nicht, und wenn die Frage den weiteren Schluß daraus zieht, es sollte eigentlich immer eine Gemeinde sein, welche als eine bevorzugte da stehe bezüglich der ursprünglichen Kraft des Heil. Geistes, was aber schwer sich verwirklichen lasse, weil das Gebiet, innerhalb dessen der Heil. Geist zur Heiligung zu wirken hätte, ein zu viel verbreitetes sei, als daß eine Gemeinde irgendwo könnte bevorzugt werden, so beruhen diese Vorstellungen alle nicht auf einem Schriftgrund, und lassen sich also auch nicht festhalten. Es wird überhaupt in der Schrift nie ein Maß zwischen Mehr oder Weniger bezüglich des Heil. Geistes angegeben. Wo der Heil. Geist ist, ist Er immer etwas Völliges. Nur mit Bezug auf Christum heißt es (Joh. 3, 31): "Denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maaß;" und selbst bei dieser Stelle ist der Ausdruck auffallend, weil der Spruch, in welchem nicht ausdrücklich steht, daß Gott Jesu den Geist nicht ohne Maaß gebe, ein Allgemeines zu sagen scheint.
Daß der Heil. Geist nicht in einer Weise der ersten Gemeinde völlig gegeben wurde, daß wir sollten nicht denselben Anspruch haben, ist aus vielen Stellen der Schrift ersichtlich. Schon das Wort Johannis des Täufers, der, welcher nach ihm komme, werde nicht mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen, schließt eine Bevorzugung Etlicher aus. Sodann sagt der Herr (Joh. 7, 38. 39): "Wer an mich glaubt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen." Da macht der Evangelist die Bemerkung: "Das sagte Er aber von dem Geist, welchen empfahen sollten, die an Ihn glaubten." Hier wird nichts von einem Vorzug der Einen und der Andern gesagt. Vielmehr sollen Alle gleichmäßig, wenn sie nur glaubten, den Heiligen Geist empfahen. Auch an den ersten Pfingsten, da der Heilige Geist auf die Jünger fiel, und in so auffallender Weise, daß ein großes Zusammenlaufen des Volkes entstund, wollten die Apostel nicht als solche dastehen, die irgendwie etwas empfangen hätten, das nicht Allen jetzt offen stehe. Deswegen sagt Petrus (Apost. 2, 38): "Tut Buße, und lasse sich ein Jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden; so werdet ihr empfahen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euer und eurer Kinder ist die Verheißung, und Aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird." So sagt auch Paulus (Gal. 3, 13. 14), daß Christus ein Fluch für uns geworden sei, damit der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu, und wir also den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben." Überall wird der Heil. Geist als ein gleichmäßiges Gemeingut Aller genommen; und nirgends ist eine Andeutung davon, daß den Aposteln oder der ersten Gemeinde eine Bevorzugung zu Teil geworden sei, wiewohl wir immerhin es selbstverständlich finden, daß gerade die Apostel, als die eigentlichen Zeugen von Christo, ein Besonderes empfangen mußten, weniger bezüglich der Gabe des Heil. Geistes überhaupt, als bezüglich ihres Zeugnisses, daß sie darin nicht irreten, weil ja nach dieser Seite kein anderer Christ für sie hätte einstehen können. Aber sonst ist Allen, und namentlich auch den Knechten Christi, durchaus das Gleiche verheißen, was die Apostel hatten.
Daß ferner etwa eine einzelne Gemeinde als eine bevorzugte dastehen sollte, ist nirgends in der Schrift angedeutet, es wäre denn, daß zuletzt hätte sollen eine Konzentration für Alle irgendwo werden, da dann das prophetische Zion und Jerusalem sein sollte, von dem aus die Fäden der Gemeinschaft durch die ganze Welt liefen. Das wirkliche Jerusalem schien's im Anfange zu sein, konnte es aber nicht bleiben; und später bildete sich nirgends ein anderes sogenanntes Zion und Jerusalem als Haupt der Gemeine Christi auf Erden, ohne gerade mehr Gaben, als andere Orte hatten, zu besitzen. Zunächst ist etwas dergleichen nirgends von den Aposteln oder ersten Christen auch nur angestrebt worden, wie sich's denn auch hätte von selbst machen müssen, wenn die Christenheit keine Rückschritte gemacht hätte. Aber wenn wir auch weit zurückgekommen sind bezüglich der Gaben des Heil. Geistes, so dürfen wir die Hoffnung haben, es werde Alles wiederhergestellt und dann erst recht aller Welt geschenkt werden, weil ja der Herr den Heil. Geist noch über alles Fleisch ausgießen will.
Es ist endlich sonst auch die Meinung geäußert worden, als ob der Heil. Geist, der im Grunde immer derselbe geblieben sei, darum schwächer erscheine, als in der apostolischen Zeit, weil Er unter viele Millionen sich verteilt habe, die nicht mehr in der gleichen Fülle den Heil. Geist haben können, wie zur Zeit, da "die ganze Kraft der göttlichen Sendung" nur auf Wenige verteilt war. Diese Meinung aber setzt die große Gottesgabe des Heil. Geistes sehr herunter, wenn sie soll in dem Maaß für die Besitzer geschwächt erscheinen, als sie mehr Teilnehmer habe. Es sieht sich das an, wie wenn Jemand sagen wollte, der liebe Gott könne mit Seiner vollen Hilfe und Kraft jetzt weniger unter den Menschen herumkommen, weil's deren so viele geworden seien. Nein, nicht an einer Schwäche, sondern an einem Mangel des persönlichen Geistes leiden wir, wie wir denselben durch Sünde und Abfall uns zugezogen haben. Aber dem Herrn ist's ein Leichtes, wenn Seine Zeit da ist, durch die ganze Welt ein gleichmäßiges Licht des Heil. Geistes zu verbreiten. Käme doch bald diese Zeit!
242. Der böse Geist vom Herrn.
Frage. "Beim Lesen der Geschichte des Königs Saul sind mir schon oft die Worte aufgefallen: "Es kam über Saul ein böser Geist vom Herrn," oder "Gottes" (1 Sam. 16, 14-16.; 23; 18, 10.), welcher Ausdruck bei der jedesmaligen Erwähnung des Gemütszustandes Sauls mit denselben Worten angeführt wird. Möchten Sie sich darüber aussprechen, wie dies zu verstehen ist. Da doch ein Geist, der von Gott ausgeht, unbedingt nur ein guter Geist sein kann, so kann ich mir nur denken, daß ein böser Geist, so zu sagen, vom Herrn die Erlaubnis erhalten, über Saul zu geraten, um ihn zur Strafe über seinen Fall zu plagen und zu peinigen. Aber auffallend ist doch immerhin die sich gleichbleibende Bezeichnung: "Der böse Geist vom Herrn", oder "Gottes", der, wie ich glaube, sonst nirgends in der Bibel sich findet."
Antwort. Der Ausdruck in der Geschichte Sauls kann allerdings auffallen. Aber schon das ist auffallend, daß kaum irgendwo im Alten Testament sonst es vorkommt, daß böse Geister auf Menschen gefallen seien. Besessene hat es in Israel fast nur zu den Zeiten Jesu gegeben. Es war ein Vorrecht, das Israel hatte, oder ein besonderer Schutz vom Herrn, daß die bösen Geister ihm nicht durften so zusetzen, wie anderen Völkern. Die Israeliten standen viel freier da; und es wäre noch besser gegangen, wenn sie nicht in verbotene Sachen, wie Abgötterei, Wahrsagerei, Zauberei, Totenfragerei sich so vielfältig eingelassen hätten; denn an diese Sachen hängen sich vornehmlich Angriffe von Dämonen und Besessenheiten. Weil es also etwas Ungewöhnliches war, und bei Saul gewissermaßen als etwas Neues erschien, wollte die Schrift nicht bloß vom bösen Geiste reden, sondern vom bösen Geiste Gottes oder vom Herrn, als vom Herrn besonders zugesendet.
Man kann aber auch noch Anderes als Grund anführen. Weil nämlich Israel nicht von vorne herein und für gewöhnlich der Plage der Dämonen ausgesetzt war, war es Bedürfnis, es so auszudrücken, daß nicht gleich ein Israelite denken dürfte, sein Vorrecht oder sein Schutz sei gefallen, daß er also von nun an solcher Plage ausgesetzt und der Willkür der Dämonen preisgegeben sei. Deswegen muß es ausdrücklich heißen: "Ein böser Geist vom Herrn," nicht aus Seinem Wesen kommend, sondern von Ihm gesandt; denn damit wird das Unglück, das über Saul kam, ein Ausnahmsfall, ihm mit besonderem Bedacht von Seiten Gottes zugesendet. Es muß überhaupt immer ins Auge gefaßt werden, daß kein Dämon nach eigener Willkür einen Menschen überfallen oder einnehmen darf. Es bedarf eines Befehls von Gott, oder einer ausdrücklichen Genehmigung von Seiten des Herrn, wie das bei Allem, was dem Satan zugeschrieben wird, der Fall ist. Erst in späterer Zeit, da der Verfall des Volks so groß war, wie zur Zeit Jesu, konnte man's weniger Befehl oder Genehmigung von Seiten Gottes nennen, als eine einfache Zulassung oder ein Geschehenlassen, was aber jedenfalls auch nie wegzudenken ist.
Auch das ist nicht zu übersehen, daß in der Schrift, namentlich in den ältesten Büchern derselben, immer bestimmt angenommen ist, daß Alles, was aus dem Unsichtbaren an die Menschen kommt, als von Gott kommend zu nehmen sei, wenn es von unsichtbaren Wesen, die über dem Menschen stehen, ausgeht. So wird nicht einmal immer Gott und Satan unterschieden. Solches machte sich erst in späterer Zeit anders, und genau genommen, erst in den nächsten Zeiten vor Christo. Da war's also Sprachgebrauch, zu sagen: "Böse Geister vom Herrn", als direkt von Ihm kommend, wiewohl sie nur von dem Herrn gesendet sind. Wenn es also auch einerseits wahr ist, daß von Gott, als dem Vater des Lichts, wie Jakobus sagt, lauter gute und vollkommene Gaben kommen, so heißt es doch auch wieder andererseits, nach Jesaja (45, 7.), da Gott sagt: "Der ich das Licht schaffe, und schaffe die Finsternis; der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches Alles tut." Bekannt ist auch der Spruch: "Es kommt Alles von Gott, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armut und Reichtum." So mußte Hiob das Unglück alles, das über ihn kam, als vom Herrn annehmen, ungeachtetet es Satan tat, zu dem der Herr gesagt hatte (Hiob 1, 12.): "Siehe Alles, was er hat, sei in deiner Hand etc." Dem Hiob aber fiel es gar nicht ein, anders zu denken, als der Herr habe es ihm genommen, wie Er es ihm gegeben hatte.
Weil wir einmal daran sind, so wird man mir's gestatten, allerlei Gedanken noch anzuhängen. Bei Saul war's etwas Eigentümliches. Als er König wurde, kam der Geist des Herrn über ihn, daß er mit einem Male alle Fähigkeiten besaß, deren er zum Regieren bedurfte. Später wurde er verworfen; und nun heißt es (1 Sam. 16, 44.): "Der Geist des Herrn wich von ihm; und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig." Dieser böse Geist aber kam nur ab und zu über den König. Oft war Saul ganz frei von ihm; und ein ander Mal überfiel's ihn so gewaltig, daß er gleichsam in Wutanfälle geriet. Dessen ungeachtet konnte man den Saul nicht in der Art besessen nennen, wie wir von Besessenen im Neuen Testamente lesen. Er wurde nur immer überfallen, und so, daß ihn der Geist sehr unruhig machte. Weil er aber nicht gerade besessen war, so hatte das Harfenspiel eine günstige Wirkung auf die Stimmung des Königs; und der böse Geist wich von ihm. Es geht daraus hervor, daß Saul sich hätte bemeistern können, wenn er fromme Gedanken gefaßt hätte, wie Davids Gesang sie ihm eingab, und wenn er nicht düsteren, eifersüchtigen und mißmutigen Gedanken sich hingegeben hätte. So oft er aber sein Gemüt gehen ließ, und innerlich leidenschaftlich wurde, fand der böse Geist vom Herrn Eingang bei ihm, daß er das Ärgste vollbringen konnte, wie einmal den Mord der ganzen Priesterfamilie. Immerhin war er nicht gehindert an der Regierung; und er zeigte auch in jener Zeit viel Einsicht und Überlegung, die nur durch sein böses Gewissen getrübt wurde.
Wir sehen, wie der böse Geist noch nicht volles Recht an Saul bekam, auch seine Sinne zu verwirren. Immer noch bestand ein gewisser Schutz vom Herrn, der dem gesendeten bösen Geist nicht Alles zuließ. Später, da die Finsternisse so gut Eingang gefunden hatten in Israel, wie unter andern Völkern, ja fast noch mehr, wie die Geschichte Jesu zu erkennen gibt, hatten die bösen Geister gewissermaßen Freiheit, sich nach Belieben hinzuwenden, wohin sie wollten, weil kein Hindernis dagegen in der Gesinnung von Tausenden vorhanden war. Wenn's so ist, dann ists böse Zeit. Auch in unsrer Zeit könnte man wohl glauben, die Finsternisse dürften mit den Menschen anfangen, was sie wollten. Dem ist es oft auch so, wiewohl doch nur scheinbar, wenn die Menschen nichts dagegen tun. Sie können aber viel verhüten, wenn sie, um kurz zu reden, gleichsam ihre Türpfosten mit dem Blute Christi bestreichen, daß der Verderber nicht herein kann, oder wenn sie sich mit dem Glauben an Christi Versöhnung waffnen. Aber auch, wenn es so ist, hat man sich doch immer unter jedem Geiste, der in einen Menschen fährt, einen bösen Geist von Gott zu denken, da ja nicht einmal ein Sperling vom Dach fällt, ohne den Willen des himmlischen Vaters.
Bei Saul kann man übrigens auch noch andere Gedanken haben. Wir wissen aus der Geschichte Hiobs, daß, als auf einen Tag die Kinder Gottes kamen und vor den Herrn traten, auch der Satan unter ihnen kam. Dieser hatte also noch Zugang zu den Beratungen, die Gott mit seinen Vertrauten, welche Kinder Gottes heißen, pflog. Er war noch nicht ausgeschlossen; und weil er unter den Beratungen Erlaubnis bekam, den Hiob anzutasten, so war er in wirklichem Sinne ein böser Geist von dem Herrn für Hiob. Ebenso lesen wir 1 Kön. 22, wie alles himmlische Heer um den Herrn stand zur Rechten und zur Linken, und dann der Herr sagte: "Wer will mir den Ahab überreden, daß er heraufziehe und falle zu Ramath in Gilead?" Da dann ein Geist auftrat, der es tun wollte, und dann auch durfte, als falscher Geist in aller Propheten Mund. Der war denn auch ein böser Geist vom Herrn in besonderem Sinne. So war's damals, da der Fürst dieser Welt noch nicht ausgestoßen, und der Verkläger noch nicht verworfen war. Wie gar anders war's doch noch damals, da, sozusagen, selbst die Umgebungen des Herrn noch nicht geläutert waren. In ähnlicher Weise konnte auch über Saul ein böser Geist vom Herrn gekommen sein.
243. Der Gemordete.
Frage. "Wenn der Mörder volle Begnadigung gefunden hat, darf man dann wohl annehmen, daß der Gemordete in seinen Sünden zur Verdammnis hingefahren sei?" - Mir selbst ist freilich schon das Wort (Matth. 24, 40) gekommen: "Zween werden auf dem Felde sein. Der Eine wird angenommen, und der Andere wird verlassen werden." Andererseits kann ich mich kaum dem Gedanken verschließen, der Herr werde mit solchen, die ganz ungewarnt weggerafft werden, in der Ewigkeit einen andern Weg gehen, als mit denen, welchen Er noch eine Zeit der Bereitschaft läßt."
Antwort. Wenn ich in den Blättern, einer in solchem Unglück stehenden Familie zum Trost, auf obige Frage Antwort geben soll, so erinnere ich vor Allem daran, daß es nicht leicht ist, auf solche Fragen zu antworten, weil man keine Anhaltspunkte in der Schrift hat. Da muß man sich in Acht nehmen, daß man nicht Unrichtiges nach der einen oder andern Seite hin sagt, weil es nach beiden Seiten Fehler bringen kann. Oft aber ist wohl in der Schrift von etwas nicht die Rede; und doch könnte man in gewissem Sinne eine schriftgemäße Antwort geben, wenn nur nicht die Vorstellungen der Christen außer der Schrift so sehr aus einander gingen, da man mit Allem, was man sagt, Anstoß erregen kann. Da sagen die Einen: "Wie der Baum fällt, so liegt er;" und mit diesen kann man dann nicht weiter reden. Andere machen die Seligkeit gar schnell fertig, und zwar mit aller ihrer Vollkommenheit; und diese erschweren mit dieser ihrer Ansicht auch wieder das Reden über Solche, die unvorbereitet gestorben sind. Endlich gibt es auch Solche, welche drüben Fortentwicklungen annehmen, wie hienieden; und damit will Vieles in der christlichen Lehre nicht klappen. Man muß also sehr vorsichtig gehen, um allerlei Klippen zu vermeiden. Was ich hier sage, soll daher nur ein Versuch sein. Auf die Freundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes aber dürfen wir immerhin bauen, wie sie sich auch erweisen möge, namentlich ob uns erkenntlich, oder nicht.
Ich gehe von der Geschichte des reichen Mannes und armen Lazarus aus, und frage: "Wie kam's, daß jener in der Hölle und Qual, dieser im Schoße Abrahams war?" Beide können nicht von selbst und willkürlich so gestellt worden sein; und das eigentliche Gericht kann noch nicht erfolgt sein, weil ja der Menschensohn einmal wird der Richter der Lebendigen und der Toten sein. Es muß also ein gewisses Vorgericht bestanden haben für den Zustand in der Ewigkeit bis auf den Tag Jesu Christi. Dieses Gericht aber, durch welches von Engeln etwa, die dazu bestellt sind, entschieden wird, wo Jeder hingehöre, kann nicht einseitig, nicht parteiisch gehalten werden; und namentlich, wenn nicht eigentliche Sünden zum Tod, um mit Johannes zu reden, vorhanden sind, kann der Mensch bei einem unvorhergesehenen Tod nicht so scharf behandelt werden, als wenn er den Tod längere Zeit vor Augen gehabt hat. Letzterer, wenn er sich nicht bekehrt, wenn er nicht göttliche Gedanken bekommt, wenn er gleichgiltig gegen das Wort von der Versöhnung, und unbußfertig bezüglich seines ungöttlichen Wandels geblieben ist, hat, auch wenn nichts besonders Beschwerendes vorgekommen ist, einen Sinn der Härte und Unbeugsamkeit, der ihm bei jenem ersten Gerichte hoch angerechnet werden kann, wie dem reichen Manne im Evangelium. Der Andere, der innerlich bei dem Tode, der ihn überrascht hat, auch nicht besser stand, aber doch vielleicht eine Art hatte, daß er hätte leichter in sich gehen und fromm und gottesfürchtig sich bezeigen können, wenn ihm Zeit dazu gelassen worden wäre, wird doch sehr glimpflich bei jenem Gerichte wegkommen. Er wird, was ja der Richter wohl unterscheiden kann, weniger als ein unbekehrter, denn als ein unglücklicher Mensch angesehen werden, und ein um so leidlicheres Örtchen bekommen, als er das, womit er seinen Mörder etwa gereizt, (Eifersucht war im obigen Falle Grund des Mords), mit dem Tode hat büßen, also seine Strafe tragen müssen. Seit Gott die Welt durch Christum versöhnte, wird unversehends Sterbenden, wenn sie sonst guter Art waren, und kein Arges wider sie zeugt, gewiß Vieles aus Gnaden vergeben, auch wenn im Stand der Bekehrung nicht Alles in der Ordnung ist. Das Blut Jesu Christi kann doch nicht gar zu weit weg sein für sie. Denn man bedenke, wie viele Tausende oft, namentlich durch Krieg oder Wasser, hingerafft werden, welche meist nichts weniger als fertig sind; wie übel wären diese alle daran, wenn keine Rücksicht, schon gleich nach dem Tode, obwaltete!
Immerhin aber mag Vielen, wenn sie auch in einen Ruheort kommen, nicht das werden, was ihnen bei völliger Bekehrung geworden wäre, wenn sie auch am jüngsten Tage zur wirklichen Seligkeit noch gelangen. Die Rücksicht hierauf dürfte daher auch ein Abhaltungs- oder Schreckmittel sein für Rachsüchtige, oder, wenn ich sie nennen soll, die nach dem Leben Anderer stehen. Das aber ist auch gewiß, daß die Meisten der plötzlich Sterbenden kaum vorbereiteter geworden wären, wenn sie erst später in anderen Verhältnissen stürben, und daher in dem noch einen Vorteil haben, daß sie nicht noch größerer Sünden sich teilhaftig gemacht haben. Sonst trösten wir uns eines Heilandes, der gerne bei Allen Barmherzigkeit sich rühmen läßt wider das Gericht.