aaa137) Nach dem Tode.
Frage: "Würden Sie nicht die Güte haben, in Ihren Blättern folgende Fragen ausführlich zu besprechen?"
"Werden die Gläubigen gleich nach ihrem Tode ihren Heiland schauen dürfen? und kommen sie zur Ruhe und zum Frieden, wenn gleich die völlige Seligkeit erst bei der Auferstehung des Leibes eintritt?"
"Nicht wahr, sie gehen in den Himmel, und nicht in den sogenannten Hades ein?"
Antwort. Hier wird eine Frage an mich gemacht, die ich genau nicht nach der Schrift beantworten kann. Wenn ich also darauf antworten soll, so muß ich's aus mir selbst tun, was fast schon nicht recht ist, daß ich's tue. Ich sollte daher geradezu sagen: "Ich weiß es nicht." Indessen kann man mit Manchem doch nach der Schrift zurechtkommen; und das will ich denn versuchen. Aber sicher machen möchte ich Niemand. In unsrer Zeit ist man so gar sehr gewohnt, den Sterbenden die volle Seligkeit zuzusichern, oder Verstorbene in der höchsten Seligkeit sich zu denken, dabei man nicht viel darnach fragt, ob auch wirklich vor dem Tode Alles in Ordnung gebracht ist, was nach der Schrift doch am Seligwerden hindern könnte. Da denke ich mir oft, daß Manches drüben sehr getäuscht sein werde, und nicht nur nicht gut, sondern sogar übel ankomme, während sich's nach der einmal gewöhnlichen Oberflächlichkeit das Beste versprochen hatte. Ich mache es daher gerne schon mit dem Seligwerden ein wenig ernst, und muß das, damit Jedes vorher sich besinne und recht besinne, ehe es zu spät wird. Denn nicht so schnell wird drüben gut gemacht werden können, was hier versäumt worden ist. Vielleicht steht's meist an bis an den jüngsten Tag.
In der Frage ist von Gläubigen die Rede. Wer sind aber die Gläubigen in unsrer Zeit? Man ist in unsrer Zeit gar schnell damit fertig, Jemand so gläubig zu nehmen, daß man denkt, es fehle ihm nicht. Auch mit sich selbst ist man sehr nachsichtig; und wenn man nur einig ist mit dem Bekenntnis, denkt man sich schon gesichert. Dem ist aber sicher nicht immer so. Denke ich nur an den in der heutigen Andacht behandelten Spruch: "Ein Jeglicher sei gesinnet, wie Jesus Christus auch war." Wie viele nennen sich gläubig, ohne daß ihr Glaube auf ihre Gesinnung Einfluß hat! Wenn auch, wie gar selten ist's etwas Völliges? Viele werden wohl anders und besser, als die ungläubige Welt. Aber in Vielem nehmen sie's nicht genau; und sie tun, wie wenn um dessen willen, daß sie in Vielem besser sind, als andere Leute, ihnen auch in Vielem durch die Finger gesehen werde. Dafür habe ich aber in der Schrift keine Bürgschaft. Wenn der Herr z. B. sagt: "Mit welcherlei Maß du missest oder richtest, wirst auch du gerichtet, wird dir gemessen werden," so steht's eben einmal da; und wenn ich unbillig, ungerecht und hart bin, und unnachsichtig, so kann das vom Heiland sehr übel genommen werden. Bereut man's, und nimmt man's in die Buße, so wird's wohl wieder gut; aber wie selten überzeugt sich ein Mensch davon, wenn er zu viel gegen seinen Nächsten getan hat. Andere haben im Geheimen noch Schlimmeres getan. Manche bereuen's und bekennen's; und wie viel es ausmachen muß vor Gott, sehe ich eben an den Bekennenden, die dann erst versöhnt mit Gott sich fühlen, wenn sie bekannt haben. Andere tun eben das nicht, und meinen, sie zwingen's mit ihrem Gebet, obwohl sie's eigentlich nie zwingen. Wieder Andere kommen schon durch Übertretungen des ersten Gebots in einen Bann, weil sie mit Finsterniskräften durch Sympathie und Anderes gebuhlt haben. Von diesem Banne werden sie aber nicht gelöst, wenn sie nichts dagegen tun. Dann gibt es auch unnütze Worte, von welchen der Herr sagt, daß man von Jedem derselben Rechenschaft geben müsse. Das muß denn auch durch Buße vor dem Herrn gut gemacht werden. So gibt's allerlei Sachen an den Gläubigen, die sie einfach auf sich liegen lassen; und dann, wenn sie sterben, soll geschwind Alles weg sein. Das mag denn wohl möglich sein, wenn die Generalbuße des Menschen eine lautere ist, daß er sich ganz und völlig unter's Gericht Gottes zu stellen weiß. Aber dann wollen ihrer Viele recht schön und erbaulich sterben; und sie meinen, so klein in der Buße sterben, sei kein schöner Tod. So heucheln sie sich eben in ein Schönes hinein, in einen starken und fröhlichen Glauben; wie mag es aber dann oft sein, wenn sie drüben erwachen! Viele sind selbst mit ihrem Glauben Knechte der Menschen geworden, indem sie sich zu etwas Besonderem, geschieden von andern Gläubigen, verbunden haben, und außer diesen Niemand kennen, mit Niemand geistliche Gemeinschaft suchen. Da gibt's auch einen Bann; denn sie haben sich doch eigentlich mehr an Menschen und Menschensatzungen gebunden, als an den Heiland, und halten sich ferne von der Brüderwelt im Großen. Der Heiland will aber "ein Heiland aller Menschen sein, sonderlich der Gläubigen."
Das Alles sind so Sachen, die in keinem Fall mich so allgemein sagen lassen, daß die Gläubigen gleich nach dem Tode werden ihren Heiland schauen dürfen. Ich meine auch, man fordere da wie zu viel, und bedenke nicht genug, wie ungöttlich im Ganzen doch hienieden unsre Art bleibt, wie vielen Spuck uns die Eigenliebe macht, selbst die Eigengerechtigkeit unter dem Schein des alleinigen Vertrauens auf den Heiland, man bedenke auch nicht, wie sauer es dem lieben Heilande geworden ist mit Seinem Leiden, um aus so vielen Fäden der Finsternis, die uns oft bis in den Tod noch insgeheim umschlingen, uns herauszukämpfen. Zudem hat der Heiland einen auferstandenen Leib, wir nicht; und da scheint auch eine volle Begegnung mit dem Herrn gar nicht sich zu passen, es darum auch kaum möglich zu sein, nur so geschwind aus unsrem irdisch natürlichen Wesen heraus den Heiland zur Rechten Gottes zu schauen, Ihn, der zugleich immer noch ein Kämpfer ist, wider alle Seine und unsre Feinde, da wir denn mögen auch gar oft schlechte Mitkämpfer hienieden gewesen sein, indem unser Glaubensleben im Ganzen fast nur eine unkräftige, durch Glaubenstaten sich nicht auszeichnende Sentimentalität ist. Übrigens steht auch in dem bekannten Spruch: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben," nichts davon, daß das Seligsein werde in dem alsbaldigen Schauen des Herrn bestehen. Die Stelle sodann, da Paulus (2 Kor. 5, 1-10) ächten Gläubigen eine himmlische Behausung in Aussicht stellt, wenn sie die irdische Hütte ablegen, eine Behausung, die, wie es scheint, ein einstweiliger Ersatz für den Leib, der im Grabe liegt, sein soll, läßt die Möglichkeit wenigstens hoffen, den Herrn zu sehen. Aber sehen wir nicht in unsrer armen Zeit zu viel dran hin. Denn ich meine, wer diese Behausung bekomme, müsse doch schon ein Gläubiger sein, wie wir ihn im Grunde nur selten in unsrer Zeit uns denken können; und für uns selbst müssen wir ohnehin bescheiden sein.
Machen wir uns doch nicht so schnell und fest so große Hoffnungen; und seien wir zufrieden, in des Heilandes Hände zu kommen, völlig erlöst von der Obrigkeit der Finsternis. Der Heiland wird für uns recht sorgen, daß es uns wohl wird, wenn's nicht wesentlich an uns fehlt, bis auf den Tag der Offenbarung der Kinder Gottes, da wir Ihn Alle sehen werden, wie Er ist, wenn wir auch vorher das Höchste, das Schauen des Herrn, nicht sollten erlangt haben. Zur Ruhe, zum Frieden können wir kommen; getröstet können wir werden, wenn wir auch abermals in ein Warten uns versetzt fühlen. Überlegen wir nur das recht fleißig, wie weit wir völlig in einem Glauben stehen, der in der Liebe tätig ist, und in der Verleugnung geübt. Alles kommt, um viel, und das höchst Mögliche, zu erlangen, darauf an, wie wir glauben.
Ob wir in den Hades kommen, oder in den Himmel, wird auch noch gefragt. Ist der Glaube recht und völlig, ganz nach der Zufriedenheit des Herrn, antworte ich, so geht's nach dem Wort des Herrn: "Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben, ob er gleich stürbe." Der, der das ewige Leben hat, kommt nicht in den Hades, wird nicht berührt von dem andern Tod, welcher das unselige Todtsein ist in der andern Welt. Es mag und wird dann sicher auch ein Sein im Himmel sein. Es kommt aber wieder darauf an, ob wir mit unsrem Glauben auch wirklich das ewige Leben haben. Wenn nicht, so mag es minder gute Zwischenzustände geben, die im Allgemeinen mit dem Wort Hades bezeichnet werden, von denen aber die Schrift nichts Näheres uns sagt. Große Erlösungen, auch aus der großen Trübsal drüben (Off. 7, 14), mag es gegen das Ende im Unsichtbaren geben. Möge nur uns das Wort des Herrn wichtig bleiben, daß wir trachten sollen nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, auch, was so ernst der Heiland sagt (Luk. 13, 24): "Ringet darnach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet; denn Viel werden, das sage ich euch, darnach trachten, wie sie hineinkommen, und werden's nicht tun können." Die Möglichkeit aber, das ewige Leben, wie hier, so dort, zu haben, ist gegeben durch den Glauben an Jesum Christum.
138) Vom Ausleihen.
Frage. "Kürzlich schilderten Sie in Ihren Blättern sehr überzeugend, daß der unser Nächster sei, der auf unsre Hilfe rechne. Ich werde nun, wo ich selbst ja in Kummer und Sorgen der Nahrung lebe, fortgesetzt von noch Ärmeren um Darlehen angegangen. Mir blutet das Herz; und ich kann es den armen Leuten nicht abschlagen, so sehr dies auch die Vernunft mir gebietet, und ich fast regelmäßig in die größeste Verlegenheit darnach gerate. Kann ich nun in solchen Fällen, oder muß ich nicht viel mehr da der Vernunft folgen?"
Antwort. Wenn ich in den Blättern sagte, der sei mein Nächster, der auf meine Hilfe rechne, so kann Jemand auch falsch rechnen. Das tut Jeder, der nur meine Gutmütigkeit, den Ruf meiner Gottesfurcht, meine Bereitwilligkeit, zu helfen, auch meine Leichtgläubigkeit gegen den, der mir etwas vorsagt, ausbeuten will, sei's auch in einer Not, in der er sich befindet, ohne meine Verhältnisse und mein Vermögen dabei in's Auge zu fassen. Rechnen kann Jemand auf meine Hilfe nur, wenn er sich bewußt ist, daß ich helfen kann. Das will er sich oft nicht bewußt werden, weil er eben nur an sich denkt, und nach dem nichts fragt, wie mir's dabei gehe. Ein Solcher aber ist geradezu ein Erpresser; und gegen einen Solchen, der auch da erpressen will, wo es bis auf's Blut geht, weil er eine weichliche Gutmütigkeit, der gleich das Herz brechen will, vor sich sieht, hat der Christ nach dem Worte Gottes keine Verpflichtung. So sagt Paulus zu den Korinthern (2 Kor. 8, 12), die er dringend zu Beisteuern nach Jerusalem aufforderte: "Denn so Einer willig ist, so ist er angenehm" (nämlich vor Gott), "nach dem er hat, nicht nach dem er nicht hat." Bei Einem, der ein Darlehen fordert, muß man, und ganz besonders, wenn man selbst ein schweres Auskommen hat, das sehr in's Auge fassen, ob er ein Gewissen habe, oder nicht, nämlich für den, von dem er fordert. Da man das von einem ferner Stehenden nicht leicht prüfen und herausfinden kann, so habe ich ihn als ganz fremd zu nehmen, der unter den vorliegenden Verhältnissen nicht mein Nächster ist, obwohl er auf mich rechnet. Ich darf einfach zu ihm sagen: "Ich habe es nicht," ohne mich dessen zu schämen, wie ich auch versucht sein könnte. Auch ein Anderer, der es etwa hätte, hat das Recht zu sagen: "Gehe dahin, wo man dich und deine Verhältnisse kennt; ich kann dir nur ein Almosen geben." Sehr oft sagt ihm das bestimmt sein Gefühl, ohne eine Ader von Geiz oder Lieblosigkeit dabei zu fühlen.
In dem, daß du fast regelmäßig, wie du schreibst, hintendrein in die allergrößeste Verlegenheit kommst, darfst du ein sicheres Zeichen erkennen, daß deine Weise mit Darlehen nicht die richtige ist. Es geht weder bei dir, dem Gebenden, noch bei bei dem Fordernden, göttlich zu; denn sonst müßte ein Segen auf deinen Darlehen ruhen, indem dir Gott zu ersetzen wüßte, was du in wirklicher göttlicher Selbstverleugnung aus Barmherzigkeit gegeben hast. Du erfährst aber, daß Gott nicht dabei ist in der Art, wie du's machst, wenn du deine Vernunft nichts gelten lässest, die eigentlich hier ebenso gut dein Gewissen genannt werden könnte. Vernunft und Gewissen sind oft nahe bei einander. Dem Gewissen zuwider läuft es, unbedachtsam zu geben, namentlich wenn man auch an Weib und Kinder zu denken hat, und wirkliches Vermögen keines da ist, wenn also das etwa vorrätige Geld nur die eben eingenommene Besoldung ist, die aber notwendig auf eine gewisse Zeit strecken sollte. Wider das Gewissen läuft's, auf solche Weise gewissermaßen Gott zu versuchen, der aus einer Lage, in die man sich selbst gesetzt hat, gleichsam wunderbar wieder heraushelfen soll. Wie da Mancher an einen ungebührlich Fordernden Darlehen gegeben hat, kann er selbst in die Lage kommen, weil ihm nicht heimbezahlt wird, Andere um Darlehen anzugehen, gewissermaßen selbst auch an Andern ungerecht zu werden, denen man auch nicht so leicht Wort halten kann. Das ist aber nicht das Rechte, zuerst hingeben, und dann an Andere fordern. Ich weiß da wirklich keinen andern Rat, als der Vernunft zu folgen, und zwar eben darum, weil das Gewissen mit hereinspielt.
Vieles wäre über die vorliegende Frage noch zu sagen; aber ich habe keine Lust, dieses Thema, das ein sehr ungemütliches ist, weil man nie bestimmte Regeln geben kann, weiter auszuführen. Im Einzelnen gebe ich gerne Rat; aber in's Allgemeine geht es nicht, weil die Einzelfälle zu verschieden sind. Ich warne nur, durch Worte Jesu, wie die: "Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will," nicht zu verkehrter Handlungsweise sich treiben zu lassen. Der Heiland will nur gegen Geiz und Härte reden. Es gibt aber Fälle, wo man, ohne Geiz zu haben, nicht gibt und geben darf, und ohne hart zu sein, nicht ausleiht und darleihen darf. Der Heiland hat keine steife Regel geben wollen, und verlangt für Alles, wie die rechte Gesinnung, so Vernunft und Überlegung. Am Allerwenigsten heißt Er geben, was man eigentlich nicht hat, obwohl man's im Augenblick scheinbar hat. Auch sein Herz muß man sich nicht über Alles bluten lassen. Hiefür gibt's herzzerreißendere Dinge unter den Menschen. Denn wenn ich in Geldverlegenheiten der Leute nicht helfen kann, so muß ich denken, der im Himmel lasse die nicht im Stich, welche ihr Vertrauen auf Ihn setzen, der Alles vermag, und nicht auf Menschen, die selbst nichts haben.
139) Gebetsstunden.
Frage: "Ist es auch das Richtige? ist es biblisch und nüchtern, wenn ein größerer Kreis von Frauen oder Jungfrauen zusammenkommt, um mit einander aus dem Herzen zu beten, was oft lange dauern kann? Mir klopft das Herz mächtig dabei; denn ich komme so leicht dazu, entweder auch nach schönen Worten zu suchen, oder aber Andere im Stillen zu kritisieren."
Antwort. Es ist mir freilich wohl bekannt, wie überall unter Freunden, die ein ernstlicheres Streben haben, Gebetsvereine sich bilden, welche Gebetsstunden halten, in welchen immer Eins das Andere mit Beten ablöst. Sie beten aus dem Herzen, d. h. nicht aus Büchern. Man geht dabei von dem Gedanken aus, daß Beten not tue, auch vom Herrn ernstlichst befohlen sei. Ich bin aber immer der Meinung gewesen, namentlich seit ich in meiner Jugend vor mehr als 50 Jahren auch etliche Male dabei war, daß es so der Heiland nicht meine, wenn Er allezeit beten heiße, auch nicht meinen könne, einmal, weil Er das Kämmerlein anbefiehlt, da man im Verborgenen beten soll, sodann, weil Er nicht viele Worte machen heißt. In jenen Betstunden aber ist's nicht ein Einsamsein im Kämmerlein, und ist jenes Scheinen vor Andern dabei, also gerade das, wovor der Heiland warnen will. Auch wenn Eins um's Andere betet, daß es lange dauert, werden doch sehr viele Worte gemacht, ganz gegen die Weisung des Herrn. Denn da gibt's unzählige Wiederholungen, oder erkünstelte Variationen, oder ein Haschen nach schönen und eifrigen Worten. Die Fragestellerin ist aufrichtig genug, das von sich zu sagen, wie sie in Versuchung komme, nach schönen Worten zu suchen, oder über Andere zu kritisieren. Wenn man nun sagt, man bete aus dem Herzen, so ist es allerdings so nach dem Wort des Herrn: "Was zum Munde herausgehet, das gehet aus dem Herzen" (Matth. 15, 8); aber wenn Er hinzusetzt: "und das verunreiniget den Menschen", weil "von innen aus dem Herzen herausgehen können arge Gedanken, auch Hochmut und Unvernunft" (Marc. 7, 23), so hätten die Betenden doch sehr sich zu fragen, ob sie aus ihrem Herzen nur Gutes hervorbringen. Es ist aber zu fürchten, daß Allerlei aus dem bösen Herzen mitläuft, was doch eigentlich den Menschen verunreinigt, mitunter selbst Sticheleien, während seine Worte nur Bitten um ein reines Herz aussprechen. Das Herzensbeten vor Andern ist jedenfalls eine gefährliche Sache.
Solches gebe ich übrigens nur zu bedenken. Wer fühlt, daß er sich mit dem Beten in genannter Weise wirklich verunreinigt, der schweige lieber und lasse Andere beten, die so stehen und es so machen, daß sie sich nicht verunreinigen. Sonst kann man auch in anderer Weise mit einander beten. Liest man Gottes Wort oder sonst geistlich Kernhaftes mit einander, und spricht man darüber, Alles auf's Herz zur Besserung und Erbauung beziehend, so ist das das köstlichste Beten, unter welchem Gott etwas geben kann, indem Eins dem Andern zugleich liebend Handreichung tut. Wenn man bloß betet, gibt man immer aus, und nimmt nichts ein. Da kann man sich sehr erschöpfen und ausleeren, daß man nach dem Gebet weniger hat, als vorher. Die Andern haben ohnehin nichts davon, weil auch Jedes nur geben, nichts nehmen will. Der liebe Heiland kann aber da nichts geben, schon darum, weil Er nicht gesagt hat, daß man so beten soll, sondern es anders gesagt hat. Wenn vor der Ausgießung des heiligen Geistes jene 120 alle stets einmütig bei einander waren, mit Beten und Flehen (Ap. 1, 14), so denke man ja nicht, daß sie einander mit Beten abgelöst haben. Der Hauptnachdruck liegt in dem einmütig bei einander Sein (Ap. 2, 1). Da redeten sie viel vom Heiland, Seinen Taten und Worten; und drunter hinein ließ Eines beliebig etliche betende Worte fallen. Alles aber war vor dem Herrn, also nur Beten. O, verstünden wir's, mit einander so zu beten, daß, wie die gegenseitigen Reden, so auch die Seelen in einander flößen, vermittelst des Heiligen Geistes, auch ohne eigentliche Gebetsworte.
140) Vom Antichristen
nach Off. 13.
Frage: "Ist die Stelle in der Offenbarung Kap. 13 vom Antichristen wörtlich zu verstehen, oder nicht? Wird derselbe als wirklicher Mensch auftreten, oder ist darunter nur der Unglaube und die Irrlehre zu verstehen?" - Bitte um gefällige Antwort in den Blättern."
Antwort. Mit dieser Frage bin ich überfordert. So viel ich auch schon über das Kapitel nachgedacht habe, habe ich nie etwas darüber herausgebracht, das mich befriedigt und ermutigt hätte, zu glauben, Andere könnten mir Beifall geben. Ich bin aber nicht gerne Einer von denen, die gewagte Auslegungen geben, welche Niemand mit ihnen teilen kann. Ich möchte daher auch den Fragesteller bitten, das Kapitel einstweilen ruhen zu lassen, bis etwa in der kommenden Letztzeit Klarheit darüber werden kann.
Das Kapitel übrigens teilt sich in zwei Teile; aber in Beiden wird mir's schwer, einen Menschen, wie den Antichristen, zu denken. Das erste Tier, vom Meer aufsteigend, also wohl über's Wasser kommend, mit seinen Häuptern, Hörnern und Kronen, ferner einem Pardel, Bären und Löwen gleich, kann ich auf keine Weise mir auslegen. Der Drache wohl gibt ihm die Macht; aber ein Mensch kann es nicht wohl sein, weil es geheilt von seiner tödlichen Wunde, die es, anders gedeutet, durch Christi Erscheinung auf Erden bekommen haben könnte, die Bewunderung des ganzen, sage, des ganzen Erdbodens wird. Wenn man ihm nicht bei kann, wird nicht der Eindruck gegeben, daß militärische Macht dasselbe unüberwindlich macht, weil es mit einer solchen nicht einen Einfluß über Alle, die auf Erden wohnen, bekommen könnte; und mit lauter Lästerungen gegen Gott könnte eine militärische Macht es nicht über alle Geschlechter, Sprachen und Heiden gewinnen. Man kann sich also nur eine unsichtbare, widergöttliche Macht unter dem Tiere denken, die einen gewaltigen Einfluß über alle Menschen gewinnt, diese gleichsam verzaubernd, gegen welchen sich die Heiligen eine Zeit lang wehren, bis auch sie erliegen, gleichfalls gefangen von Kräften der Finsternis, die eine vollkommene Ungöttlichkeit allerwärts machen. Rätselhaft ist mir das Aufkommen dieser heimlichen Macht auf 42 Monate, welche Zahl immer auf die Letztzeit zielt. Sollte sie nicht früher schon sich geltend gemacht haben? Bloßer Unglaube oder Irrlehre kann sie nicht sein; denn sie ist persönlich, wenn auch nicht menschlich, wird aber allerdings in ihrer Wirkung auf Beides hinauslaufen, doch so allgemein, wie da angenommen wird, schwer zu verstehen. Ich berühre hier nur Einzelheiten, um zu zeigen, wie sich mir nichts zu einem verständlichen Bild auf den Antichristen reimen will.
Nun kommt, nach einem scheinbar angenommenen Sturz des ersten Tiers (v. 10), das zweite Tier mit seinen großen Zeichen. Was dieses sein soll, verstehe ich wieder nicht, weil es nach den 42 Monaten etwa kommen sollte. Den Worten nach scheint es auf einen Menschen zu zielen, aber doch auch wieder nicht. Das Bild des Tieres, das redet, und das wieder alle Menschen bezaubert, ist mir unerklärlich, und so auch, was vom Nichtkaufen und Nichtverkaufen gesagt ist, wenn's in der ganzen Welt so werden soll, ebenso, was das Malzeichen sein soll. Daß Alles mit einander dem Tiere sich ergibt, mit wenigen Ausnahmen, ist mir schwer zu denken, weil es aussieht, als ob gar kein Gegengewicht von Seiten Christi da wäre, ihm Schranken zu setzen. So, wie es da steht, sieht sich's an, als ob Alles mit einander für Christum auf Erden verloren wäre; wo bliebe aber dann das siegreiche Kommen Jesu? Auf einen Menschen bezogen, steht mir's zu gräulich und zu allmächtig da; und so muß ich wieder an eine verborgene, heimliche, nur durch Machtkräfte über den Menschen sich kennbar machende Macht der Finsternis denken, die Anleitung zu teuflischen Kräften aller Art gibt. Ich meine aber doch, da müßten auch Gegenkräfte von Seiten Christi sich regen. Solches sage ich nur, um anzudeuten, wie ich mir rein nichts aus dem gegebenen Gräuelbilde machen kann, wenn nicht seine Hauptbedeutung in die unsichtbare Welt fällt. Die Zahl 666, als eines Menschen Zahl, ist mir insofern ganz unerklärlich, als unsre Alphabete nicht zugleich auch Zahlen sind, wie das hebräische und griechische, und zum Teil das lateinische. Wie in unsrer Zeit eines Menschen Namen aus der Zahl 666 für Jedermann erkenntlich werden soll, ist mir ein Ding der Unmöglichkeit.
Ich habe genug gesagt, um zu bitten, daß man sich mit diesem Teile der Offenbarung nicht eher befassen möge, als bis die Erfüllung kommt, wenn nicht der wiederkehrende Geist der Weissagung lehrt, daß Alles auf eine vergangene Zeit geht. Denn es ist eigentlich ganz so gegeben, daß es vor seiner Erfüllung, oder ehe ein neuer Geist der Erkenntnis von oben wiedergegeben ist, gar nicht verstanden und erklärt sein will. Wenn wir, - das ist meine feste Überzeugung, - vor der Zeit, oder ehe wir das Zeug dazu haben, etwas daraus machen wollen, erscheint's als eine vollkommen unfruchtbare Arbeit.

III. Fragen.
141) Weibliche Arbeit am Wort Gottes.
Frage: "Wie weit darf denn die weibliche Arbeit am Worte Gottes gehen? - Ich erlaube mir, noch etwas näher über diese Frage mich zu erklären. Ich habe bisher immer gemeint, es sei mehr Sache der Geistlichen, oder auch der Brüder aus der Gemeinschaft, den Kranken geistlichen Zuspruch zu bringen; und der weibliche Dienst an ihnen bestehe mehr darin, sie leiblich zu erquicken. Ich selbst mag auch zu keinem Kranken gehen, ohne ihm irgend etwas, wäre es auch noch so wenig, zur Erquickung zu bringen. Doch habe ich gefunden, daß ihnen auch das Wenigste wohl tut, wenn man sie nur freundlich liebend anredet oder anhört, ohne daß ich viele Worte mache. Lieber leihe ich irgend ein gutes Buch. Aber in der Erkenntnis den Kranken zu fördern, das verstehe ich nicht."
Antwort. Nach der weiteren Ausführung, die der Brief enthält, handelt sich's bei der Frage nicht um die weibliche Arbeit am Worte Gottes überhaupt, indem nur für Krankenbesuche ein Rat gewünscht wird, wie weit nämlich Frauen den Kranken geistlichen Zuspruch, etwa durch Auslegung des Wortes Gottes, zu bringen haben, wenn sie sich's zur Aufgabe gemacht haben, Kranke zu besuchen. Kranke nun unterweisen oder unterrichten wollen, - ich gebe eben hier meine einfältige Meinung, - halte ich nicht für die Aufgabe derer, welche Kranke besuchen. Nicht einmal Geistliche legen es auf Unterweisung an, weil sie das Gefühl haben, daß das nicht gerade das Passendste ist, was man bei Kranken, die oft auch schwach sind, tun kann, außer so weit es zur Aufrichtung und Stärkung im Glauben nötig ist. Jedenfalls gehen sie nur so weit auf Unterweisungen ein, als die Kranken selbst durch Fragen, oder sonst Äußerungen, Anlaß dazu geben. Es gibt allerdings Kranke, namentlich Angefochtene, welche allerlei Fragen machen, die auch nicht immer leicht zu beantworten sind. Es bedarf da viel Weisheit und Umsicht, um immer das Richtige zu sagen, und so zu sagen, daß es den Kranken wirklich dient. Oft müssen sogar eingehende Besprechungen und Belehrungen geradezu vermieden werden, weil dieselben nur aufregen. Frauen aber sollten's um so mehr zu tiefer gehenden Unterredungen mit Kranken nicht kommen lassen. Denn im Allgemeinen werden sie doch wohl, daß ich so sage, das Zeug dazu nicht immer haben; und wenn sie's meinen, können sie sich auch irren. Es nimmt sich auch nicht gut aus, wenn Frauen so sehr die Lehrer machen und sich gebärden, als dürfe man bei ihnen mit Allem kommen, und wüßten sie gleich Rede und Antwort zu geben. Da können bald die Grenzen überschritten sein, innerhalb deren sie, als Frauen, zu bleiben haben. Geht's in die Auslegung des Wortes Gottes hinein, so werden sie auch nicht immer für das Richtige beschlagen sein; und so legen sie wohl auch allerlei Willkürliches in's Wort hinein, womit nichts Gutes gemacht wird. Überhaupt sollten Frauen, - ich meine die Jungfrauen immer mit, - darum, daß sie Kranke besuchen, nicht gleich meinen, jetzt müßten sie lehren und hätten die Kranken ihre Schüler zu sein. Dies gefällt ebenso wenig, als wenn sie je und je tun, als wären Kranke immer Leute, die man zu bekehren habe, während die Besuchenden sich als fix und fertig darin benehmen. Kranke, auch wenn sie arm sind, sind an und für sich nicht besser und nicht schlimmer, als die Besuchenden, wie sie auch an und für sich darum nicht unverständiger und unwissender sind, weil sie arm und krank sind. Sie haben's wohl nicht immer so im Munde; und man hat sich in Acht zu nehmen, sie nur gleich aller Erkenntnis baar zu nehmen, wenn sie schweigsam sind oder ungeschickt sich ausdrücken. Sie können im Herzen oft redlich und lauter stehen, wenn sie nicht eben durch Besuchende, denen sie gerne zu Gefallen sind, verderbt worden sind.
Wer Kranke besucht, tut am Besten daran, wenn er nicht gleich so voran geht mit dem Geistlichen, damit es nicht auf ein ungeschmacktes Wortmachen mit frömmelndem Tone hinausläuft. Schon die Liebe und Ehrerbietung, die man allen Menschen schuldig ist, fordert, daß man die Kranken zunächst als solche nehme, die im Ganzen als Glieder der Gemeine Christi, richtig stehen zum Glauben und zum Worte Gottes, und nicht als solche, die gleichsam nur auf die Besuchenden zu warten haben, um auch einmal etwas in's Herz zu bekommen, das sonst ganz leer wäre ohne sie. Die besten Voraussetzungen von den Kranken müssen also die Besuchenden mitbringen; und diese sollen das Gefühl bekommen, daß Beide sich gleich stehen, als bedürften jene dieser eigentlich nicht. Die Besuchenden müssen nur mit der Teilnahme wohl tun, und erfüllen ihre Aufgabe damit am Besten, daß sie zu erkennen geben, es sei nur Teilnahme, warum sie kommen, da es dann nur heißen soll: "Freuet euch mit den Fröhlichen, und weinet mit den Weinenden." Weiteres eigentlich braucht's gar nicht; denn Teilnahme ist das wirksamste Bildungsmittel. Selbst wenn die Kranken ungebildet sind und aus Mangel an Bildung etwas Unfeines an sich haben, darf man sie nicht als des Christlichen baar nehmen, nur etwa als solche, die im Ganzen schon christlich sind, aber eben auch ihre Fehler haben, wie die Gesunden. Wenn ich so rede, denke man nicht vorschnell, im Schwabenland sei's unter dem Volke besser, als manchen Orts anderswo. In evangelischen Landen ist's nirgends so schlimm unter dem Volke, als man oft meint, wenn man die Ungleichartigkeit der Erziehung, auch im Leben, nicht in Anschlag zu bringen weiß. Ich hab's draußen auch schon recht lieblich gefunden, auch da, wo Andere strammer urteilten.
Zunächst also bedürfen die Kranken von Seiten der Frauen des geistlichen Zuspruchs so gut als gar nicht, außer, so weit sie diesen nicht begehren. Die Kranken müssen selbst in Allem vorangehen; und die Besuchenden können teilnehmend fragen, sonst bescheiden anhören. Wenn die Kranken Allerlei wissen und erzählen von Erfahrungen, die sie gemacht haben, so nehme man diese freundlich und teilnehmend hin, ohne schnell hofmeisterlich drein zu reden oder zu korrigieren. Auch über ihre Lebensverhältnisse, Berufssorgen, Notstände, Bekümmernisse über Familienglieder lasse man sich erzählen. Können und dürfen die Kranken in solchen Sachen redselig sein, so ist ihnen das die größte Erbauung, obgleich sie dabei fast allein reden, und Besuchende mehr nur schweigend sich verhalten. Sein Herz, auch bezüglich der äußeren Anliegen, ausleeren dürfen, tut jedem Menschen wohl; und fällt's in ein anderes liebendes Herz, so gibt das seinem Herzen übrig genug. Machen die Kranken Fragen, so sollten die Besuchenden nicht nach einer angenommenen Schablone antworten, sondern wie sie's im Herzen haben und aus dem Herzen geben möchten. Auch eines: "Das weiß ich nicht," oder: "Da fragt man mich zu viel," oder: "Darin habe ich noch keine Erfahrung gemacht," darf sich eine Besuchende nicht schämen. Mit dieser demütigen Art, bei der sich die Besuchende nicht über die Kranken stellt, sondern eher unter sie, besonders wenn's auch Altersungleichheit fordert, erbaut sie ungemein, weil dann Alles lieblich vom Herzen zum Herzen geht und wirkliche Liebe und Teilnahme atmet. Der Ton der Belehrung aber tut Kranken niemals wohl, und wie wenig, wenn's gar als von oben herab kommt!
Da habe ich denn etliche Gedanken geschrieben. Ich bitte, sie mit Nachsicht aufzunehmen!
142) Bitte um den heiligen Geist.
Frage. "Kürzlich habe ich einen Prediger der Freikirche Folgendes öffentlich aussprechen hören: ""Habt ihr jemals gebetet um die Gabe des heiligen Geistes, so seid überzeugt, felsenfest überzeugt, daß ihr Ihn empfangen habt. Denn der Heiland spricht: So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten."" So der Prediger. Ist dem nun wirklich so? Das bestimmte Wort des Heilandes spricht dafür; aber ich weiß, durch Ihre Blätter sonst belehrt, daß es mit der Gabe des heiligen Geistes in unsrer Zeit nicht ist, wie zur Zeit der Apostel. Wenn Sie nun in Ihren Blättern darauf antworten wollten, wäre ich, und vielleicht noch manche andere Seele, Ihnen sehr dankbar."
Antwort. Zunächst wollen wir uns doch über den Spruch verständigen, was er eigentlich sagen will. Der Heiland will Anleitung geben, daß man in allen Anliegen den Vater im Himmel bitten solle, also auch wenn man eines Brots oder Fisches bedürftig wäre. Wie kein Vater, gleichsam ärgerlich über den Bittenden, einen Stein oder eine Schlange hinbieten würde, so werde der Vater im Himmel auch die Bitten in rechter Weise gewähren. Da sagt nun Lukas (11, 13), Er werde denen, die Ihn bitten, "heiligen Geist" geben. Man hat das aber mit dem zu vergleichen, wie derselbe Spruch in Matthäus (7, 11) gegeben ist. Da heißt es, statt "heiligen Geist", Er werde "Gutes" geben. Es sind also "heiliger Geist" und "Gutes" gleichbedeutend genommen; oder das "Gute", das Gott gibt, wird als durch den "heiligen Geist kommend", als "etwas vom heiligen Geiste", bezeichnet. Alles Gute, das dem Menschen zukommt, läuft durch den heiligen Geist, wie auch vom Heiland gesagt ist, daß Er Seine Wunder "in Kraft des heiligen Geistes" getan habe. Wollen wir auch beachten, daß es bei Lukas nach dem Grundtext nicht heißt: "den heiligen Geist", sondern nur "heiligen Geist". Mit jenem wäre allerdings der persönliche heilige Geist gemeint, wie mit diesem nur etwas vom heiligen Geist. So bläst einmal (Joh. 20, 22) der Heiland Seine Jünger an, und sagte: "Nehmet hin heiligen Geist," (nicht: "den heiligen Geist"), weil offenbar da der Heiland noch nicht den Pfingstgeist geben konnte und wollte, sondern nur "etwas vom heiligen Geiste", wie es nämlich den Jüngern zur Erteilung der Sündenvergebung nötig war.
Wenn also jener Prediger in der angeführten Stelle meint, der Heiland wolle sagen, bei jeder Bitte um den heiligen Geist werde alsbald die Gabe des heiligen Geistes, als eine bleibende, gegeben werden, so ist er ganz irrig daran; denn der Heiland will nur sagen, auf jede Bitte hin gebe der Vater etwas durch den heiligen Geist, d. h. Gutes. Anders kann Er's ja dort nicht meinen. Denn weder das Volk, zu dem der Herr sprach, war zur Erhörung der Bitte um den heiligen Geist geeignet; noch konnte damals schon die Gabe des heiligen Geistes gegeben werden, "weil Jesus noch nicht verklärt war" (Joh. 7, 39). Er kann daher nur sagen wollen, der Bittende gehe mit dem, was er für seinen Bedarf zum Durchkommen brauche, beim Vater im Himmel nie fehl, und Er selbst, Sein Geist, sei ihm erbötig.
Jener Prediger versteht überhaupt gar nicht, was es um die Gabe des heiligen Geistes ist, die als bleibend im Menschen verheißen wurde. Denn wenn er die Leute erst mit nachdrucksvollen Worten überreden muß, daß sie es glauben sollten, sie hätten die Gabe des heiligen Geistes, so haben die Leute das gewiß nicht, was die Schrift unter dem Heiligen Geiste versteht. Hätten sie den, so müßten sie's selber wissen, daß sie Ihn haben, und müßten's auch andere Leute an ihnen sehen, wie das in der alten Zeit gewesen ist. Es ist aber eine üble Sache, Jemanden im Geistlichen überreden wollen, es felsenfest zu glauben, daß er das, um das er einmal gebetet habe, habe, während er's doch selber nicht fühlt, und auch andere Leute an ihm nicht merken. Aber so hat man's in unserer Zeit, man überredet die Leute Allerlei, wie sie's glauben sollen, daß sie heilig, daß sie gerecht, daß sie selig seien; und auf wie schwachen Füßen ruht der Beweis! Läßt sich aber Jemand etwas einreden, von dem er die Überzeugung nicht in sich selber hat, wie sehr kann der betrogen sein! Sonst ist es unerklärlich, wie gerade die Bitte um den Heiligen Geist so schnell und unfehlbar soll erhört werden, während die Erfahrung zeigt, wie viele andere Bitten, wie wenn ein Blinder um das Gesicht, ein Tauber um das Gehör bittet, immerhin ein Kleineres, als der heilige Geist wäre, dieser Zeit unerhört bleiben. Übrigens hat vor der Hand der Einzelne nicht für sich um die bleibende Gabe des heiligen Geistes zu bitten, sondern um die Rückkehr des persönlichen Heiligen Geistes überhaupt, und sonst mehr nur um Gaben des Heil. Geistes, oder um Gutes, durch den Geist gewirkt.
143) Zum heiligen Advent (Weihnachtsfest).
Frage unter obiger Überschrift. "Die Adventsglocken haben die heutigen hohen Festtage freundlich eingeläutet; und die Herolde des Herrn haben gerufen: ""Dein König kommt sanftmütig."" Zugleich erging weithin der Mahnruf, den hohen Gast nicht an der Herzenstüre warten zu lassen, sondern Ihm freudigen Einlaß zu gewähren. Wenn nun ein Friede und Trost bedürftiges Herz auf das Kommen des göttlichen Sohnes sehnsüchtig gewartet, dennoch aber von Seiner Nähe und Seinem Einzug einen fühlbaren Eindruck nicht bekommen hat, und sich darüber traurig und gebeugt fühlt, wie stimmt obiges ermunterndes Schriftwort mit der tatsächlich nicht erfolgten Erfüllung; und was kann die heilsbedürftige Seele tun, um sich jenes Kommen des Herrn anzueignen? Ist Belehrung möglich, so wäre man dafür in hohem Grade dankbar."
Antwort. Lieber Freund, es hat mich angeheimelet, als ich den Anfang deiner Frage las. Denn die Glockentöne Stuttgarts an den Festtagen sind mir wohl bekannt, so auch die Posaunen von den Kirchtürmen herab, auch die feierlichen Chorgesänge in den Kirchen, und die festliche Art, wie gewöhnlich gepredigt wird. Die Festtage in Stuttgart, meiner lieben Vaterstadt, gehören zu den schönen Erinnerungen meiner Jugendzeit. Stuttgart hat sich da ein Schönes aus der alten Zeit bewahrt; und man kann auch die Wahrnehmung machen, daß unter seiner Einwohnerschaft eine freudige, ja andächtige Bewegung ist, wenn sie die Festbezeigungen vernimmt. Es ist doch ein schönes Bekenntnis darin, das mich vor dem Herrn freut für meine Vaterstadt; und ich meine immer, es müsse ihr noch vergolten werden, wenn die Zeit kommt, die meine Seele seit länger bewegt, obgleich das Einverständnis mit den Hoffnungsgedanken, die ich so fest in mir habe, dort sehr gering ist. Der Heiland aber gilt ja noch dort im Bekenntnis; und durch die Lüfte mögen's die Engel tragen dahin, wo es mit einem feierlicheren Lobgesang zusammenfällt. Wenn's irgendwo heißt: "Alle Luft Jauchzend ruft: Christus ist geboren!" so meine ich, müsse solche Luft doch vorübergehend geheiligter sein, als sonst.
Das nun, lieber Freund, wirst du nicht wünschen, daß die Bezeigungen der Festfreude an den heiligen Tagen weniger sein sollten, weil oft auch sehnsüchtige Gemüter weniger fühlbaren Eindruck davon bekommen, wenigstens nicht genug nachhaltigen Eindruck. Wenn du aber willst über Letzteres ein wenig erstaunt sein, ja traurig und mißstimmt werden, so laß mich etwas ausholen. Denke dich in die Scene hinein, da der Engel des Herrn mit Seiner Klarheit vor die Hirten trat, und ausrief: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids." Kaum hatte Er's gesagt, so war die Menge der himmlischen Heerscharen da, die sangen: "Ehre sei Gott in der Höhe, und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!" Das waren doch große Festaugenblicke. Was ist aber den Hirten davon geblieben? Bekamen sie's leichter auf dem Felde bei ihren Herden? Sind sie von den Wehen und Übeln des Lebens befreit worden? Sind sie innerlich andere Leute geworden? War ihre Sehnsucht gestillt? Hatten sie die angekündigte Freude? Empfanden sie's, daß nun Gott Wohlgefallen an ihnen habe? Ich denke, von Allem blieb fast nichts bei ihnen. Eine Zeitlang fühlten sie sich gehoben von der herrlichen Erscheinung. Aber allmählich wurde die Erinnerung immer schwächer; und vielleicht nach Jahren war ihnen Alles mehr wie ein Traum, als eine Wirklichkeit. Denn die Mühseligkeiten, Bekümmernisse und Anfechtungen des Lebens können den armen Menschen ganz entleeren von allem Höheren, wenn dieses nicht immer neu sich macht. Von dem gekommenen Heiland war und blieb ohnehin damals 30 Jahre lang alle Spur verschwunden. Was war nun die Freude, welche die Hirten gehabt haben? Es war die Freude der Hoffnung, daß endlich die große Erlösung, wenn sie auch noch auf sich warten lasse, kommen werde, weil der Anfang dazu gemacht war. Sie freuten sich nicht bereits in die wirkliche Freude herein, sondern sie freuten sich nur auf Hoffnung.
Denken wir weiter nach. Der Heiland ist nach 30 Jahren offenbar geworden in Israel. Welch großes und wunderbares Licht erschien ihm da? Aber, - hat's durchgeschlagen? Nein, sie nahmen's ja nicht an, wurden immer kälter gegen dasselbe, trotz des vielen Guten, das sie erfuhren; und zuletzt riefen sie über Ihn: "Kreuzige, kreuzige Ihn!" War das die Freude, die damals dem Volk widerfuhr? Die Freude blieb bei Wenigen. Ist nun aber kein Heiland da, weil Israel Ihn verwarf? Wir wissen, Er ist auferstanden. Wie wurden die Jünger so froh, da sie den Herrn sahen? Aber nur die Jünger, - außer ihnen blieb zunächst Alles in der Finsternis. Nun fiel der heilige Geist auf sie; und schnell verbreitete sich durch sie das Licht nach allen Richtungen. Da hat's viele Freude- und Trost bedürftige Herzen gegeben, auch unter den Heiden, die mit Jubel den gekommenen Heiland aufnahmen, und über Seinem Besitz, weil selbst auch der Geist Christi sie erfüllte, bis über die Himmel sich erhoben fühlten. Aber nur diese, denen das Herz geöffnet wurde! Wer Ihn nicht aufnahm, nicht kindlich genug sich für Ihn hergab, dem fehlte es; dem hat der Heiland auch nichts gebracht. So ging's durch einen großen Teil der Welt hindurch. Da waren Glückliche und Unglückliche, Selige und Unselige neben einander; und so ist's bis auf den heutigen Tag geblieben, nur daß den Glücklichen und Seligen durch das viel abgeht, daß es die Andern nicht auch sind. Wenn ich mich denn auch an den Festen freue, so durchgeht mich immer doch noch große Wehmut, weil die Freude im Grunde doch nicht verwirklicht ist, und weil so viele Tausende und Millionen Seelen sind, die von einer Christfreude auch nicht die geringste Empfindung haben. Aber ich freue mich dennoch, selbst für diese, und zwar wieder auf Hoffnung, der Tag werde schon kommen, da die Herrlichkeit Gottes in Christo mir und aller Welt noch werde offenbar werden.
Doch das berührt die Frage noch nicht hinreichend. Du sprichst von einem Freude- und Trost bedürftigen Herzen, das auf das Kommen des Sohnes Gottes, nämlich in's Herz hinein, wartet, aber von Seiner Nähe und von Seinem Einzug keinen fühlbaren Eindruck bekommt. Da muß ich dir aber sagen, daß wir von dem Ursprünglichen gar weit zurückgekommen sind, und mehr als je auf das Hoffen, nicht auf's Haben und Genießen gewiesen sind. Der Herr ist uns in Wirklichkeit nicht mehr so nahe, als Er war, und wir nun allerdings sehnsüchtig wünschen, ohne es erlangen zu können. Das ist davon hergekommen, daß man im Allgemeinen eben sonst nicht mit dem Heilande lebt, innerlich sich nicht von dem, was Er ist, nährt, nicht genug seinen Geist vom Irdischen zum Himmlischen erhebt, auch nicht genug tut, um in Allem eine göttliche Art an sich zu bekommen. Kommt nun ein Fest, so soll auf einmal der ganze Heiland da sein und im Herzen einkehren. Das kann nun einmal nicht sein, ehe ein Neues kommt, das uns dem Ursprünglichen wieder näher bringt. So hat Niemand in unsern Tagen den vollen Genuß von den Festen. Derjenige aber hat am Wenigsten Genuß, der, den Mangel durch's Ganze übersehend, nicht durch das Hoffen genießen, nur eben für sich jetzt in der Gegenwart recht viel haben und empfangen will, ohne das Völlige in der Zukunft sich zu denken. Wir müssen Hoffnungsleute sein, welche, denkend, was jetzt nicht ist und nicht sein kann, das komme noch, sich freuen. Wer im Stande ist, mit mir, dem Schreiber dieses, das große Zukünftige nahe sich zu denken, wie ich's nun einmal in mir hoffe und erwarte, der hat die größte, jetzt mögliche Freude und selige Empfindung, hat auch Genuß bei den Festen, aber stets von einer Sehnsucht durchzittert, die auch wieder einigen Schmerz in sich birgt. So habe ich's, lieber Freund. Ich bin der freudigst und schmerzlichst Erregte an den heiligen Festtagen. Aber glücklich macht mich's, weil mir der gekommene Heiland gewiß ist, und zwar als ein solcher, dessen heilbringende Herrlichkeit erst noch, und wohl bald, offenbar werden muß. Unter solchen Gefühlen der Freude und der Sehnsucht erfahre ich dann auch noch besondere Gnaden, die mich's oft fast vergessen machen, welche Kluft noch zwischen der Menschheit im Großen und dem Herrn ist.
Hiemit grüße ich dich herzlichst, lieber Freund!
144) Trübsalsaufgabe.
nach Ap. 14, 22.
Frage: "Wollen Sie in Ihren Blättern das Wort besprechen (Ap. 14, 22); ""Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen."" Es scheint dem Vieles bei Vielen zu widersprechen."
Antwort. Die Stelle, auf welche die Frage sich bezieht, wird doch sehr mißverstanden, wenn man meint, ihr widerspreche Vieles bei Vielen, insofern etwa, als man viele gute Christen sieht, die eigentlich keine Trübsale durchzumachen haben und doch so stehen, daß man sie des Eingangs in's Himmelreich wert erachten kann. Paulus nun spricht mit Jüngern in Kleinasien, in deren Städten er, nachdem er sie kurz vorher bekehrt hatte, noch einmal eine Rundreise machte. Vorher noch war er in Lystra so gesteinigt worden, daß sie ihn als tot zur Stadt hinausschleiften, ihn, dem sie vorher als einem Gott hatten opfern wollen. Gerade die Lebensgefahr, in der er gewesen, drängte ihn, die neu gewonnenen Christen noch einmal zu besuchen, um sie stark zu machen zu den vielen Trübsalen, in denen sie fort und fort um des Evangeliums willen, das sie besonders bei den Juden verhaßt machte, sich besanden. Von Derben aus, wo er zuletzt predigte, besuchte er wieder Lystra, eben die Stadt, in der sie ihn gesteinigt hatten, und Iconien und Antiochia; und da heißt es: "Sie (er und seine Gefährten) stärketen die Seelen der Jünger, und ermahneten sie, daß sie im Glauben blieben, und daß wir durch viel Trübsal müssen in das Reich Gottes gehen."
Unter Trübsalen also sind hier keine andere, als solche verstanden, die man unter Feinden um des Evangeliums willen durchzumachen hat; und von Trübsalen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben, ist da gar nicht die Rede. Paulus redet überhaupt mehr nur mit Bezug auf jene erste Trübsalszeit, die für Alle entstand, die sich zum Glauben bekannten, eine Trübsalszeit, die mehrere Jahrhunderte durch fortdauerte, bis endlich das Christentum einen festen Boden gewonnen hatte. In dieser ganzen Zeit mußte man, - es ging eben nicht anders, - viele Trübsale durchmachen; und man mußte sich's gefallen lassen, wenn man in's Reich Gottes eingehen wollte. Wenn Paulus aber sagt: "Wir müssen", so ist das nicht so gemeint, als seien die Trübsale etwas Notwendiges, ohne welches der Eingang in's Reich Gottes, wenn dieses mit der Zukunft Christi käme, nicht möglich wäre. Sie können da sein und nicht da sein; sind sie aber da, so müssen wir durch sie hindurch, wenn wir nicht des Reiches Gottes unwürdig erscheinen wollen. Das griechische Wort bei "wir müssen" hat den Sinn: "Wir sind schuldig, verpflichtet, uns geziemt es, wenn's nun einmal nicht anders geht, es ist uns auferlegt, durch viele Trübsale hindurch zu gehen." Damit ist aber nicht gesagt, daß immer und immer Trübsale da sein müssen; und nur wir müssen uns, wenn sie da sind, in sie schicken, sie uns gefallen lassen, und dürfen nicht durch sie am Glauben irre werden.
Der Gedanke also, den Viele in den Worten Pauli finden, als ob Trübsale überhaupt eine durchaus notwendige Sache seien, um selig zu werden, ist nicht im Mindesten ausgesprochen, entbehrt auch aller sonstigen Begründung. Im Gegenteil gibt uns das Evangelium, die große, Leib und Seele erquickende Freudenbotschaft, viele Versicherungen, daß es sonst im Leben uns nicht gerade übel gehen muß, wir vielmehr viel Segen, Gnade und Hilfe in allen Dingen, wenn wir in lauterer Gemeinschaft mit dem Herrn stehen, uns versprechen dürfen. Wenn es heißt: "Alle eure Sorge werfet auf den Herrn; denn Er sorget für euch," so ist uns doch damit Großes zugesichert; auch wenn der Herr uns gute Gaben verspricht, wenn wir den Vater bitten würden, und keine Steine, oder Schlangen, oder Skorpionen, so ist doch damit Befreiung von vielen Übeln angekündigt. So heißt uns auch Paulus Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung tun, auf daß wir ein geruhliches und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit (1 Tim. 2, 2). Es können und sollen also künftige Genossen des Reichs gar wohl hienieden ein geruhliches und stilles Leben führen. Ferner sagt Paulus (1 Tim. 4, 8) von der Gottseligkeit, daß sie "die Verheißung habe dieses und des zukünftigen Lebens," d. h. daß wir durch sie auch für's irdische Leben viel Segen und Hilfe gewinnen. Überhaupt ist es möglich, "zu leben und gute Tage zu haben," wenn Petrus (in 1 Petr. 3, 10 ff., nach Psalm 34, 13 ff.) uns Räte gibt, wie wir das erlangen können. Daß es der Heiland für uns auf ein verhältnismäßig glückliches Leben in dieser Zeit abhebt, zeigen alle Seine Wunder. Wer litt und Trübsal hatte, wurde von Ihm geheilt und aufgerichtet. Wenn Er ferner die Mühseligen und Beladenen zu sich einladet, um sie zu erquicken, kann Er doch nicht sagen wollen: "Aber dann geht's euch erst recht übel; denn nur durch viel Trübsal könnet ihr ins Reich Gottes eingehen." Wie könnte Er dann Sein Joch sanft und Seine Last leicht nennen?
Außerdem gibt der Herr für uns Verheißungen, nach welchen wir von Übeln aller Art durch Gebet frei werden können, nicht nur von Krankheiten, sondern auch von anderer Not. Denn, was wir bitten, - so war's nach dem Sinn des Herrn, - sollte uns widerfahren, und so, daß zuletzt unsre Freude vollkommen würde. Wenn es in dieser Beziehung anders geworden ist, und Gebetserhörungen von den Meisten nicht nach Wunsch erfahren werden, so ist das nur ein Beweis, daß wir vom Ursprünglichen weit abgekommen sind. So gibt es viel Unheilbares in der Welt, und haben auch wahre Christen viele Trübsale in ihrem Leben durchzumachen. Da geschieht es denn, daß Viele damit sich trösten, daß sie denken, auch diese Trübsale seien erforderlich zum Eingang in das Reich Gottes; und hiefür berufen sie sich gerne auf unsern Spruch. Es ist aber nicht recht, aus Übelständen, wie sie einmal da sind, wenn sie nicht bloß bei Ungläubigen, sondern auch bei Gläubigen sich finden, nur gleich notwendige Übel zu machen, die eben sein müßten. Da wäre es viel besser, nur um so ernster beim Herrn anzuhalten, daß wieder eine bessere Zeit kommen möchte, in welcher das, was eigentlich nicht sein sollte, wieder wegkomme. Die, welche Ernst machen mit solchen Bitten, machen auch bereits die Erfahrung, daß sie nicht umsonst bitten, und zwar in so hohem Grade, daß man sie verstehen sollte, wenn sie an die Nähe einer Heilszeit glauben, in welcher Gott überschwängliche Güte wieder erzeigen wird, selbst an Gebrechlichen, wie Blinden, Tauben, Lahmen, Aussätzigen etc., insbesondere an solchen, von welchen man alles Recht zu sagen hat, daß sie vom Teufel übel geplagt werden. Einstweilen freilich ist der Kampf noch groß, und zwar nicht nur mit der Welt, sondern auch mit dem Fürsten der Finsternis, bis dieser, wie schon Paulus erwartet hat, würde unter unsre Füße zertreten sein. Da bleibt's für Viele, auch zur Verwirklichung des endlichen Siegs nach dem Rat des Herrn, Aufgabe, Alles sich gefallen zu lassen. Wo es um des Herrn willen etwas zu tun oder zu leiden gibt, müssen wir dran, oder wir verscherzen, wenn wir uns weigern, in der Sache des Herrn Trübsale auf uns zu nehmen, das ewige Leben, nach den sonstigen klaren Worten Jesu. So sind auch Trübsale möglich, wie sie ein Hiob gehabt hat, der dem Satan hat beweisen müssen, daß er auch unter dem Härtesten seinem Gotte treu bleiben konnte. Durch solche vom Satan erzwungene Leiden macht Satan selbst die größte Einbuße. Denn, wenn es auch nicht geradezu gesagt ist, so lautet doch die Rede des Herrn an den Satan, wie in einem Gerichtston: "Du aber hast mich bewegt, daß ich ihn (den Hiob) ohne Ursach verderbet habe." Es gibt das einen Fingerzeig, wie Satans endlicher Sturz unter lauter Geduldsproben der Kinder Gottes kann bewerkstelligt werden. Dies auch die Bedeutung der letzten Trübsale, die bekanntlich noch erwartet werden.
Schließlich bemerke ich noch, daß für Manche Trübsale aller Art, wie sie im täglichen Leben vorkommen können, etwas Notwendiges sind, wenn sie nicht verloren gehen sollen, nur daß Solches nicht gerade in unsrem Spruche gemeint ist. Viele bedürfen einer Züchtigung, um in der Ordnung zu bleiben; und hieher gehört das Wort Petri (1 Petr. 4, 1): "Wer am Fleisch leidet, der höret auf von Sünden." Daß aber dergleichen Züchtigungen Regel sein sollten, ist gar nicht gesagt. Wer ohne harte Züchtigung in der Furcht des Herrn bleibt, der wird auch nicht gezüchtigt werden, ohne für den Eingang in's Reich Gottes etwas fürchten zu müssen. Daß es auch ohne viele und besondere Trübsale gehen kann, und für Unzählige gehen darf, können wir vielfältig vor Augen sehen. Umsonst hat der Herr uns auch nicht beten heißen: "Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel."
145) Die Symbolik der Schrift.
Frage: "Hat in der Bibel alles Äußerliche im Sinne der "neukirchlichen Schriften" seine symbolische Bedeutung? oder: ist diese weitgehende Symbolik ursprünglich (biblisch gewollt) oder willkürlich?"
Antwort. Die neukirchlichen Schriften kenne ich nicht. Ich kann also mit Bezug auf das, was in ihnen steht, und wie sie's nehmen, nicht reden, bleibe also einfach und ohne Seitenblicke bei der Frage stehen, ob alles Äußerliche in der Schrift seine symbolische Bedeutung habe. Freilich ist mir auch da nicht klar, was unter dem Äußerlichen verstanden sei, und fast sollte ich beispielsweise Einiges wissen, um nach Wunsch etwa antworten zu können. Vielleicht aber kann ich nur um so unbefangener etwas Allgemeines über die sogenannte Symbolik der Schrift schreiben, wie etwa ein einfacher Christ, der's nicht vom gelehrten Standpunkt aus nimmt, darüber denken kann. Bekannt ist es mir, wie man von jeher, namentlich von der Zeit der Reformation an, symbolische Auslegungen, besonders der Geschichte, geliebt hat, mitunter nicht ohne Übertriebenheiten, Seltsamkeiten und Willkürlichkeiten. Auch Luther hat sich darüber ausgesprochen, ohne gerade solchen Auslegungen das Wort zu reden, doch auch ohne ganz dagegen zu sein, weswegen er selbst auch je und je neben den rechten, auch symbolische Auslegungen gegeben hat, aber mehr nur nachgebend, und zu zeigen, daß er's auch verstehe, wenn Andere so viel draus machen wollten.
Man kann sich darauf berufen, daß je und je im Neuen Testamente Geschichten des Alten Testaments symbolisch gedeutet werden, namentlich Geschichten von Patriarchen, sonst großen Männern, und von Propheten. So sagt der Herr vom Propheten Jonas, daß dessen Errettung aus dem Bauch des Fisches Seine Auferstehung vorbilde. Paulus insbesondere benützt Vieles aus der Geschichte Abrahams; und besonders auffallend ist seine symbolische Auslegung im Galaterbriefe über den Berg Sinai, mit Bezug auf Hagar, der Mutter Ismaels. Bekannt ist auch, wie der Hebräerbrief, außer dem, was er von den Israeliten in der Wüste gibt, umständlich von dem Könige Melchisedek, als einem Vorbilde Christi, redet. Sieht man übrigens diese Auslegungen alle näher an, so haben sie meist die Absicht, die Juden davon zu überzeugen, wie alles, was mit Christo gekommen ist, im Alten Testamente vorausgesagt oder vorbildlich enthalten sei. Man hatte eine so große Achtung vor dem Alten Testamente, als einer Offenbarung Gottes, daß man in Allem Christum vorgebildet fand. Deswegen konnte der Herr zu den Juden sagen: "Suchet, (oder: ihr suchet) in der Schrift, denn ihr meint, ihr habet das ewige Leben drinnen; und sie ist's, die von mir zeuget." Von dieser hohen Bedeutung des Alten Testaments geht der Herr immer aus, auch wenn Er den Jüngern, die nach Emmaus gingen und nachher den Aposteln (Luk. 24, 44), aus Mose, den Propheten, zu welchen auch die geschichtlichen Bücher gehören, und den Psalmen nachwies, wie Alles, was mit Ihm vorgegangen sei, namentlich Sein Leiden und Seine Auferstehung, entweder förmlich, oder vorbildlich vorausgesagt worden sei. In diesem Sinne forschten auch die von Beroe (Ap. 17, 11) täglich in der Schrift, ob sich's also hielte, wie Paulus sagte. Wenn nun auch nach Paulus die Lehre feststand, daß "alle Schrift von Gott eingegeben" sei (2 Tim. 3, 16), und nach Petrus (2 Petr. 1, 21), daß "die heiligen Männer Gottes geredet haben, getrieben von dem heiligen Geiste," so kann und muß man annehmen, daß der heilige Geist es vornehmlich darauf richtete, daß Vorbilder auf die Person Jesu und das Heil durch Ihn in Allem sollten zu finden sein, daß Alles sollte, so zu sagen, von dem kommenden Christus, dem Ziel aller Offenbarung, durchleuchtet sein. Diese Vorbilder freilich haben doch mehr nur den Charakter von Anwendungen auf Christum, wie wir sie auch sonst gerne bei der Schrift machen, als von wirklichen Weissagungen. In Christo ab er ist das Ewigwahre und Höchste erschienen. So ergab sich's gleichsam von selbst so, daß namentlich Aufzeichnungen über alles mit dem Volke Gottes Geschehene, als auf Christum zielend, so sich machten, daß namentlich in den Männern Gottes etwas Christusähnliches, eben als Vorbild auf Christum, sich darstellte. Daher die Leichtigkeit, mit der so Vieles auf Christum als selbstverständlich bezogen werden kann. Für die Juden in der Zeit Christi, wenn sie mit frommem Sinne die Bibel ansahen, hatten daher alle nachgewiesene Vorbilder, Anwendungen, Gleichnisse, etwas Ueberzeugendes, dem sie nicht direkt widersprachen, wie wir aus manchen Stellen in den Evangelien, in der Apostelgeschichte und in den Briefen entnehmen können. Etwas vom Geist Gottes Gewolltes oder von selbst in Offenbarungsgeschichten sich Ergebendes, war sicher dabei; aber daß es auch die Verfasser der Schriften so wollten, außer den eigentlichen Propheten, ist doch nicht anzunehmen.
So lange nun die Symbolik der Schrift in angeführter Weise genommen wird, kann man sie wohl gelten lassen, nur daß sie eigentlich meist für uns keine Bedeutung mehr hat. Wir brauchen Zeugnisse von Christo nicht erst einer Symbolik der Schrift zu entnehmen, die wir etwa mühsam aufsuchen. Wir können uns daher mit den symbolischen Auslegungen, welche das Neue Testament gibt, begnügen, ohne gerade neue zu suchen. Denn einen Gewinn von Letzteren würden wir gerade nicht haben. Wo sich's mit Leichtigkeit und unbestritten machen läßt, mag man das Vorbildliche auf Christum gelegentlich mit anführen; aber von Eindrücken auf die Zuhörer darf man sich davon nicht viel versprechen, besonders weil man gar leicht übertrieben und spielend, mitunter selbst seltsam, darunter werden kann. Eine weiter getriebene Symbolik hat aber auch das Gefährliche an sich, daß man dann aus dem wirklichen Texte nicht viel macht, der oft sehr bedeutsam wäre, und so geradezu verloren geht. Symbolische Deutungen ferner, wenn sie nicht selbst wieder vom Geiste Gottes eingegeben werden, wie die im Neuen Testament angeführten, werden meist etwas Nutzloses und Unfruchtbares sein, weil sie unsicher sind und zu Neuem, sonst nicht Bekanntem, nichts austragen können. Vollends gar in allem Äußerlichen eine Symbolik suchen, wäre mir nicht möglich, weil's nicht erbaut und bessert, auch nicht erleuchtet. Eine Behandlung der Schrift aber, die nicht erbaut und bessert und erleuchtet, ist sicher nicht nach dem Sinn des Herrn.
146) Vom Schlafen in der Kirche.
Frage: "Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie die Güte hätten, in Ihren Blättern "das Schlafen beim Hören des Worts Gottes" zu besprechen. Einem lieben Bruder, dem es ein großes Anliegen ist, von diesem bösen Übel doch befreit zu werden, würden Sie einen großen Dienst tun, und gewiß Manchem. Denn es sind leider so Viele mit solchem Schlaf behaftet. Woher rührt es? und wie kommt man los von ihm?"
Antwort. Schon einmal habe ich mich in den Blättern über obiges Schlafen geäußert, doch vielleicht zu kurz. Ich will heute umständlicher darüber reden. Daß es eine sehr häufige Schwachheit und Plage ist, weiß ich wohl, da mir's oft geklagt wird. Manche Andere machen sich freilich nichts daraus, und scheinen noch einen Genuß an einem solchen süßen Schläfchen zu haben, suchen sich daher gerne ein dunkles Bügelchen aus. Es wurde mir das auch schon bekannt. Doch zur Sache.
Jenes Schlafen hat erstlich oft einen ganz natürlichen Grund. Leute, die genötigt sind, den ganzen Tag und tief in die Nacht hinein angestrengt zu arbeiten, und darunter auch viele Bewegungen zu machen, fallen alsbald in Schlaf, wenn sie nur ruhig sitzen müssen. Daher kommt es bei Dienstboten besonders häufig vor, daß sie's schwer haben, wach zu bleiben; und nicht immer darf man es ihnen hoch übel nehmen. Des Nachmittags wirkt auch die Verdauung der genossenen Speisen, und besonders wenn man auch getrunken hat, - ich meine nicht gerade zu viel in üblem Sinne, - auf ein schwer überwindliches Schlafen ein. Trinken auch vor der Morgenkirche ist nicht Allen dienlich zum Wachen. Sonst können Leibesschwächen da sein, wie beständige Müdigkeit in den Gliedern, die schläfrig machen, besonders wenn Andere üble Nächte haben, daß sie überhaupt nicht schlafen können, oder im Schlaf gestört sind, wie durch Kinder. Da ist der Schlaf verzeihlich, und mitunter, wie mir auch schon gesagt wurde, fast wohltuend. Ich rate Solchen nicht, die Kirche des Schlafes wegen zu meiden. Der Herr kann's den Seinen auch schlafend geben. Sie können dennoch Segen haben. - Bei Vielen bekommt man den Eindruck, daß sie absichtlich dadurch sich wach erhalten, daß sie bei sich fremde, erregende Gedanken aufsuchen, auch allerlei Phantasien. Was sage ich? Junge Leute, die sich des Schlafs erwehren wollen, können auch damit sich helfen, daß sie Unzuchtsgedanken bei sich bewegen, da sie denn sehr wach aussehen; und es wäre besser, sie schliefen. Denn sie holen sich in der Kirche nichts Gutes. Man muß daher auch gegen ihr jeweiliges Schlafen nicht gar zu strenge sein. Manches ließe sich noch sagen; aber ich lasse es. Wo das Schlafen verzeihlich ist, habe ich auch den Leuten schon den Rat gegeben, lieber ein wenig sich gehen zu lassen, weil sie dann, wenn sie wieder aufwachen, desto aufmerksamer und frischer zuhören können. Ungeschickt ist es freilich oft, wenn die Vorträge nicht anregend genug sind, oder, wie man sagt, über die Köpfe gehen und nicht verstanden werden oder überhaupt zu kühl und matt sind, da dann Viele gar nicht recht wissen, warum sie in der Kirche sitzen, und vor Langeweile einschlafen. Wo es so ist, gebe ich den Schläfern den Rat, sie sollen das Evangelium, den Text, zur Hand nehmen, und für sich Punkt für Punkt betrachten und sich nahe zu legen suchen. Überhaupt bemerke ich nebenbei, daß es eine rechte Untugend geworden ist, daß die Leute so oft die Evangelien nicht vor sich haben, ja nicht einmal nachlesen. Da bin ich oft auch über die Buchbinder manchen Orts, namentlich in großen Städten, recht böse, daß sie so viele Gesangbücher, um diese für feine Leute recht dünn zu machen, ohne den Anhang binden und zu kaufen geben, mitunter gar keine andere vorrätig haben, also den Kirchgängern das Nachlesen der Texte unmöglich machen. Wer's ernst nimmt mit Kirche und Predigt, sollte ein solches Gesangbuch nie kaufen, da er dann auch nicht einmal zu Hause zum Lesen des Evangeliums kommt. Aber Viele wollen's gerade so! Das Wort Gottes hat eben keinen Klang mehr im Lande! Doch, die sich über Schlafen beklagen, haben in Obigem einen Rat gehört.
Viele zweitens schlafen darum so gerne in der Kirche, weil sie eigentlich geistlich satt sind. Ich kenne Viele, die man zu den Frommen zählt, die regelmäßig in Kirchen und Versammlungen schlafen. Kaum setzen sie sich, so sind sie schon nicht mehr da. Das sind die, welche mit dem, was sie haben und sind, ganz zufrieden sind. "Sie sind befriedigt," sagte einmal Einer scherzhaft über sie, "und haben also das Recht, zu schlafen!" Sie sind fertig in ihren Gedanken, und haben auch nicht das geringste Streben, weiter zu kommen. Ja sie brauchen nicht einmal eine Erinnerung an das Ihre; denn mit dem sind sie immer, wenn sie reden sollen, gleich und auch fast wie im Schlafe parat. So sind sie, auch wenn all ihr Wissen nur in einem kleinen Kreise sich bewegt. Es interessiert sie nichts, weil man mit nichts ihnen etwas geben kann. Von Allem meinen sie auch, daß sie's schon wüßten. Daher können sie mitunter von neuen Gedanken, die ihnen wirklich fremd sind, so biblisch sie sein mögen, weil dieselben sie in ihrer Sicherheit stören und darum ihnen unbequem sind, sogar ärgerlich werden, und geben sich darum aus Ärger oder absichtlicher Unaufmerksamkeit dem Schlafe hin, indem sie denken und sagen, das seien neue Sachen, die man nicht bedürfe. Sie seien groß und alt geworden, und als erfahrene Christen anerkannt, ohne dergleichen. Einen neuen Schwung in etwas sich geben, wollen sie auch nicht. Was soll man dazu sagen? Die läßt man halt schlafen. - Indessen gibt es auch unter denen, die sich über ihr Schlafen beklagen, solche satte Christen; sie merken's nur nicht. Hier wäre also ein Punkt, den ich diesen Schläfern recht ernstlich an's Herz legen möchte, sich zu prüfen, ob sie nicht auch zu den Satten gehören, die nicht einmal eine Freude daran haben, etwas von einer neuen Seite anzufassen, die überhaupt gewohnt sind, nichts aus der Kirche mit fortzunehmen, weil sie's wohl etwa gerne hören, aber sich nicht wichtig sein lassen. Nun klagen sie über ihr Schlafen, vielleicht aber nur, weil's Andere sehen, vor denen sie sich schämen. Wenn ihr Geist aber nicht Willens ist, etwas zu empfangen, das sie auch nachher bei sich bewegen wollten, so schlafen sie fast wohl, und lassen so Alles gleich über sich hinunterlaufen, wenn's nachher doch an ihnen hinunterfallen soll. Den Redlichen aber, die sich auch das Gesagte sagen lassen, möchte ich den Rat geben, sich etwas Behältliches aus der Predigt zu sammeln, und sich anzugewöhnen, das zu Haus bei den Ihren zu repetieren, wie man's oft Kindern aufgibt, daß sie dann in der Schule über die Predigt ausgefragt werden. Auf diese Weise kommt bei dem Kirchenbesuch etwas heraus, besonders wenn man sich noch weiter gerade das zum Nachsagen recht merkt, was man für sein Verhalten zur Besserung seiner selbst, in was es auch sei, hören darf. Sie sollen sich so Mühe geben, Täter des Worts zu sein, und nicht bloß Hörer, die nichts wissen, als zu sagen: "Das war eine schöne Predigt!" Sind sie immer bloß Hörer, so sind sie lieber auch vollends Schläfer.
Drittens können's auch häufig Anfechtungen von Seiten der Finsternis sein, wenn wider Willen so viel Schlaf kommt. Wie's der Teufel gerne aus dem Herzen nimmt, so kann er auch dafür sorgen, daß gar nichts in's Herz kommt, indem er in einen Schlaf wiegt. Es gibt Kranke, bei denen das ganz offenbar ist. Aber von diesen absehend, will ich nur das bemerken, daß schon die Sattheit eine Umhüllung von finsteren Mächten ist. Sie ist ein Bann, der von innen heraus nicht begierig und eifrig sein läßt, etwas zu hören, das geistlich fördern könnte. Als in einem Bann stehend, schlendern Viele gedankenlos in die Kirche und Versammlung herein und wieder heraus, ohne nachhaltige Wirkung auf sich zu verspüren. Ohne diesen Bann würden sie sich vorher durch Aufblick zum Herrn sammeln; und wer das tut, gewinnt viel zur Abwehr finsterer Einflüsse. Merke man sich's, daß vorausgehende Andachtsstimmung, ohne diese erst in der Kirche zu erwarten, am Meisten wirkt gegen die Schlafsucht.
Damit meine ich genügend geantwortet, auch Winke gegeben zu haben, wie man des Schlafens los werden könnte. Indessen muß der erneuerte Geist von oben wecken. Als ich (1838) in meine frühere Pfarrei kam, hatte ich Anfangs die vollsten Kirchen mit andächtigen Zuhörern. Nach und nach wurde ich den Leuten gewohnt; und das Schlafen riß so sehr ein, daß sie zuletzt in ganzen Reihen, wie dazu exerziert, schlafend da saßen. Mir wurde fast das Predigen entleidet. Besonders seufzte ich einmal (1842) am Karfreitag noch in der Sakristei. Da fiel's auf einmal wunderbar und fühlbar auf mich. Ich betrat die Kanzel, eigentümlich gehoben, und predigte von der fortdauernden Liebe des Gekreuzigten, bewiesen gegen die Feinde, gegen die Mutter und Johannes, gegen den Schächer. Es war mir etwas gegeben; denn noch steht jene Predigt in Mancher Erinnerung. Zum ersten Male blieb Alles wach; und wie ein Strom fiel, was gepredigt wurde, in die Herzen. Von da an blieben immer die Leute wach, wurden auch immer ernstlicher und andächtiger in aller Stille; und nach anderthalb Jahren, nachdem auch Anderes inzwischen vorgefallen war, brach's durch zu der bekannten großen Erweckung. Damit will ich sagen: Wir brauchen neue Erregungen von oben, brauchen neue Kräfte des Geistes, brauchen eine Gnadenheimsuchung, nur auch, um wach zu werden! Was ich damit noch weiter sagen will, mögen sich die Leser selbst denken.
147) Vom Bleiben in Jesu.
Frage: "Sie haben mir schon einmal eine Frage, die Heiligung betreffend, eingehend beantwortet. Meine jetzige Frage fällt in dasselbe Gebiet. Sie lautet: "Was heißt in Christo bleiben?" Dieses Wort vom Herrn selbst (Joh. 15, 1 ff.) vielfach gebraucht, außerdem im Neuen Testament aber weniger angewandt, bildet ja wohl das Zentrum des christlichen Lebens. Aber eine praktische, eingehendere Auslegung, eine Anwendung aufs tägliche Leben selbst habe ich noch nirgends gehört und gelesen, würde daher für eine Beantwortung der Frage sehr dankbar sein."
Antwort: Der Heiland gibt in der Rede, in der Er sich als den rechten Weinstock hinstellt, den Jüngern zu verstehen, daß sie Reben an Ihm geworden seien, also gleichsam in Ihn hineingewachsen, so daß der Weinstockssaft auch durch sie strömt, der nämliche Geist aus Ihm in ihnen fließt. Solches ist damit geworden, daß sie um des Worts willen, das Er zu ihnen geredt hatte, namentlich daß Er der Heiland sei, rein geworden sind (v. 3). Sein Wort hat den natürlichen Saft, der verdorben war, wie bei allen Menschen, aus ihnen entfernt, und sie offen gemacht für den Saft des Weinstocks. Wenn wir auch die Rede des Herrn (v. 7) ansehen: "So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben", so macht für das Zusammenwachsen mit Jesu das Alles aus, daß man Seine Worte in sich aufnimmt und wirken läßt, durch welche denn auch alsbald der Geist Christi, den ja Seine Worte tragen, mitgeht. Wer die Worte Jesu nur oberflächlich an sich hinkommen läßt, und so, daß sie keinen Einfluß ausüben zur Verdrängung des Natürlichen und Sündlichen im Menschen, der wächst schon gar nicht als ein Reben in Ihn hinein, weil er auch nicht rein wird durchs Wort, und das Wort nicht einmal Buße und Vergebung der Sünden zur Folge hat und keinen Gnadenstand schafft. Um Eins zu werden mit Jesu brauchts gar nichts, als daß man Seine süßen und ernsten, Seine strafenden und belehrenden Worte sich recht zu Herzen gehen läßt, und dieselben immer und überall, wo sie hingehören, bei sich bewegt, um immer reiner und immer göttlicher zu werden.
Hieraus geht nun klar hervor, was es um das Bleiben in Jesu ist. Die Gemeinschaft mit Christo bleibt, wo die Liebe zu Seinem Worte und der Einfluß desselben auf Reinigung stetig fortgeht und bleibt, ohne daß der Mensch sich von Anderem, das Jesu fremd ist, oder wider Jesum, sich beeinflussen läßt. Läßt der Mensch mehr und mehr Natürliches statt dem Göttlichen, Weltliches, Sündhaftes in seinem Herzen gelten, so wird die Gemeinschaft mit Christo lockerer; und zuletzt kann sie ganz aufhören, wenn's in hohem Grade so wird. Dann wäre es aus mit dem Bleiben in Jesu. Dann bringt der Reben auch keine Frucht mehr; und da kann's geschehen, daß der Vater solchen Reben an Jesu wegnimmt (v. 2), d. h. die innere Gemeinschaft mit Seinem Sohne nicht mehr gelten läßt. Wenn nun der Herr sagt: "Bleibet in mir," so will das sagen: "Stellet euch nicht so, daß euch mein Vater von mir wegnehmen muß." Befördert aber wird das Bleiben durch das Gleiche, was zu Reben macht, durch fortgehendes Festhalten der Worte Jesu mit Allem, was sie besagen, und so daß sie ins Leben hereinwirken, einen neuen, göttlich fühlenden Menschen machen. Alles liegt also daran, daß man nicht gleichgiltig, schlaff, träge gegen die Worte Christi werde, die man von Jesu hört und gehört hat; denn dann hört man auf, sich der Welt gleichzustellen, und kann man täglich seinen Sinn verneuern, zu prüfen, welches da sei der gute, der wohlgefällige und vollkommene Gotteswille" (Röm. 12, 2).
Ich denke, so sei die Auslegung praktisch und eingehend gegeben, um auch zu einer Anwendung auf's tägliche Leben zu führen.
148) Vom Beten ohne Unterlaß.
Frage: "Der Apostel sagt 1 Thess. 5, 17 "Betet ohne Unterlaß." Ist dieses der normale Zustand des Christen, so sind wir in dieser erregten, bewegten Zeit weit davon abgekommen; aber viele Christen suchen nach Stärkung durch Verinnerlichung. Das Wort des Apostels gibt das Mittel dazu an. Aber in nichts ist der Mensch ungeschickter, hilfloser, abgeneigter, als in Übertragung des Geistlichen ins praktische, tägliche Leben. Wie viel wert würde es mir, und gewiß vielen Andern sein, einmal zu hören, wie denn solches Wort des Apostels Leben und Wahrheit werden könne; und so erlaube ich mir, es Ihnen zur Besprechung in den "Blättern" vorzulegen."
Antwort: Begreiflich ist es, daß die Worte: "Betet ohne Unterlaß" nicht nach unserem gewöhnlichen Beten aufzufassen sind. Denn da würden sie ja besagen, man solle unaufhörlich auf den Knien vor Gott liegen und betende Worte gegen Ihn richten. So stünde der Spruch auch in geradem Widerspruch mit der Mahnung des Herrn, im Gebete nicht viele Worte zu machen. Der Spruch kann überhaupt schon gar nicht auf das, wie man sonst betet, angewendet werden. Denn "ohne Unterlaß" ist ein zu starker Ausdruck, als daß man ihn etwa in die Worte übersetzen könnte: "Betet recht oft und fleißig", oder: "Betet, so oft es nur immer möglich ist." Denn immer würde "ohne Unterlaß" mehr besagen. Das Beten ist also hier ganz anders zu nehmen. Es kann darunter bloß die betende Richtung des Geistes zu Gott verstanden werden. Da kann man sagen, eine betende und bittende Richtung nach oben sollte ohne Unterlaß da sein; oder es sollte kein Augenblick sein, da Gott den Menschen nicht als betend vor Ihm, oder als vor Ihm in Seiner Gegenwart stehend, findet. Es ist das, wenn David sagt (Ps. 123, 1): "Ich hebe meine Augen auf zu Dir, der Du im Himmel sitzest." Da vergleicht er auch das, wenn unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott, sehen, mit dem, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren und die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen sehen, ohne ein Wort zu sagen. Diese Richtung nach oben kann in jedem Geschäft und überall vorhanden sein, mitten unter Gesprächen, selbst andern Gedanken, die man zu den Besorgungen für's Irdische braucht. Wer abgetrennt von Gott, ohne die Augen nach Ihm zu richten, etwas unternimmt und tut, kommt leicht in verschiedener Weise aus den rechten Schranken. Man denke nur, wie viel unrechte Gemütsbewegungen, wie viel Ärger, Zorn, Eitelkeit, Neid, Stolz, Geiz, Empfindlichkeit, auch überflüssige Sorgen, wegfallen würden, wenn man statt hierauf das Gemüt zu Gott richtete. Es gibt keine Regel, die zugleich so wenig kostet und so wenig Anstrengung erfordert, die so bedeutend auf die ganze Art des Menschen zu wirken vermag, als eben die Regel, die mehr als guter Rat, denn als Befehl aufzufassen ist: "Betet ohne Unterlaß." Wie viel Schutz und Bewahrung, wie viel Behütung vor den Netzen der Finsternis, wie viel Errettung und Erhörung könnte man denn auch nebenbei ohne alle Mühe erfahren, wenn wir unter Allem betend vor dem Herrn stünden! Denn zwischen uns und dem Herrn stiegen die Engel Gottes beständig auf und nieder. Seien wir nur ein wenig frömmer, als gewöhnlich; dann geht's!
149) Über Schriftstellen.
Frage: "Hier lege ich Ihnen wieder Fragen vor, auf Stellen der Schrift bezüglich, über welche ich gerne einige Klarheit hätte."
1) Über Joh. 12, 31 und Joh. 14, 30 (hiezu 16, 11). "Wie soll man die zwei Verse verstehen: Joh. 12, 31 und Joh. 14, 30. In dem ersten heißt es: "Nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen", und in dem Letztern: "Denn es kommt der Fürst dieser Welt."
Antwort. Wenn in der ersten Stelle der Heiland sagt, der Fürst dieser Welt werde ausgestoßen, so war das nicht so gemeint, als würde derselbe völlig abgetan und alles seines bisherigen Einflusses auf die Welt beraubt. So schnell kann es der heilige und gerechte Gott auch mit finsteren Wesen nicht machen, weil Er nicht als allmächtiger Gott nur dreinfahren und verderben will. Es muß auch gegenüber der Kräfte der Finsternis, die ja als Ankläger der Menschen da stehen, nach Recht und Gerechtigkeit gehen, weil es Wesen sind, die, wie der Mensch, Freiheit bekommen haben, bei welcher ihnen Spielraum gelassen werden muß, bis sie sich selbst verderben, oder bis der Herr ein Recht über sie bekommt, wirklich gewaltsam mit ihnen zu verfahren. So lange sie nun sagen können zu Gott: "Wie magst Du uns den Menschen zu lieb, die doch selbst deine Feinde sind, verderben?" konnte nicht gegen sie vorgegangen werden. Das Recht wider den Fürsten der Finsternis bekam Gott durch Jesum, aber eigentlich erst nach Seinem Kreuzestode. Mit Bezug auf diesen sagt der Herr: "Jetzt wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen", d. h. verliert er alle weitere Rücksicht Gottes auf ihn, nach welcher Gott bisher schonend gegen ihn verfahren ist, weil derselbe ohne Ursache wider Jesum stand. Solches schließt aber nicht aus, daß der Fürst dieser Welt noch Versuche anstellen darf, es über Jesum, den er allein zu fürchten hatte, zu gewinnen; und ohne irgend ein Recht dazu zu haben, kommt er, Jesum zum Tod zu befördern. Jesus sagt nun: "Ich werde fort nicht mehr viel mit euch reden; denn es kommt der Fürst dieser Welt und hat keine Macht an mir." An Andern, die derselbe etwa nach Zulassung Gottes zu töten sich erlaubt, hat dieser Fürst eine Macht, weil sie um ihrer Sünde willen als Knechte an ihn gebunden sind. An Jesu aber hatte er keine Macht, weil dieser keine Sünde getan hatte. Wenn der Fürst nun dennoch Jesum zum Tode bringt, so tut er damit das größte Unrecht, das ihn aller ferneren Schonung unwürdig macht. Wer an Jesum fortan glaubt, kann sich auch des Fürsten der Finsternis erwehren, weil dieser ausgestoßen ist. Indessen wird derselbe auch so nicht völlig abgetan, weil er immer noch Gott vorhalten kann: "Die Menschen dienen mir ja meist als Knechte; und an Jesum glauben sie nicht, oder nicht recht." Es kommt also darauf an, daß die durch Jesum gerecht Gewordenen, nicht nur für sich, sondern ins Ganze, den Kampf zur völligen Beseitigung des Fürsten der Finsternis auf sich nehmen, bauend auf Christi unschuldig vergossenes Blut; und tun sie das nicht, so bleibt dem Satan noch viel Macht, wie er gegenwärtig gewaltig sich regt, um doch noch, wenn möglich, Alles zu verderben. Wenn nun Paulus schon sagt (Röm. 16, 20): "Der Gott aber des Friedens", der endlich Frieden in der Schöpfung will, "wird Satanas in Kurzem unter eure Füße treten," so ist uns damit angezeigt, weil's doch noch nicht geschehen ist, wie das einmal geschehen werde. Gerichtet ist der Fürst dieser Welt schon (Joh. 16, 11), weswegen es möglich ist, mit ihm fertig zu werden, wenn man den Kampf gegen ihn ernstlich wagt. Unter der Leitung des Herrn wird das schon geschehen.
2) 1 Tim. 2, 15. "Wie ist dieser Vers zu verstehen, oder das Wort: "Sie wird aber selig werden durch Kinderzeugen?" Das will doch nicht heißen, daß auf den Frauen, die keine Kinder bekommen, ein Unsegen liege?"
Antwort. Paulus redet hier nicht von dem Weibe überhaupt, sondern nur von einem solchen, das im Fall ist, Kinder zu bekommen. Auch redet er nicht von einem solchen, das, obwohl verheiratet, kinderlos bleibt. Er redet also von Müttern, die Kinder zeugen und haben, die an dem genug tun für die Seligkeit, daß sie Kinder zeugen und in dem treu sind, was weiter daran hängt. Nun hatte er vorher schon gesagt: "Einem Weibe", (und er meint da auch ein verheiratetes) "gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei." Ein Weib, ledig oder verheiratet, hat oft den Drang, etwas Besonderes für das Reich Gottes zu tun, und hält sich für verpflichtet dazu, als schade es ihrer Seligkeit, wenn sie es nicht tue. Einer Ledigen nun können allerlei Wege offen stehen, etwas für den Herrn in engerem Sinne zu tun, obwohl es auch da als zur Seligkeit notwendig nicht betrachtet werden darf, - nur, daß sie nicht gerade lehren soll, wie Prediger. Ein Weib aber, das Kinder zeugt und hat und erzieht, soll sich, will Paulus sagen, des Besonderen enthalten und bei ihrem Mutterberufe bleiben, ohne zu fürchten, daß sie sich für die Seligkeit um etwas vertürze, wenn sie nicht auch Weiteres dem Herrn zu lieb tue. Paulus will sie auf ihre Kinderstube beschränken. Da soll sie Treue beweisen; und Treue hierin genügt ihr zur Seligkeit, kann ihr dazu noch für diese sehr förderlich werden. Weiteres wird von ihr nicht gefordert; und Gott hat vielmehr Wohlgefallen an ihr, wenn sie ihres eigensten Berufes wartet, und sonst sich nicht in Geschäfte und Aufgaben einläßt, durch welche sie von ihrem eigensten Berufe mehr oder weniger abgezogen wird. Wie dürften sich das viele Mütter merken, die oft mit viel Zeitverschwendung an allerlei Vereinen sich beteiligen, da ihre Kinder häufig mehr, als recht und ihnen gut ist, der lieben Mutter entbehren müssen. Nur das Eine wird von der Mutter gefordert, "daß sie bleibe in der Liebe und der Heiligung samt der Zucht." Frauen aber, die kinderlos sind, haben gar nichts aus dem Worte Pauli für sich zu nehmen. Diese haben Freiheit, mehr zu tun, nur bezüglich des Einen beschränkt, daß sie nicht sollen Herren ihrer Männer sein, sondern ihnen dienen, wenn das auch erforderte, sich von Mancherlei, nach dem sie Verlangen hätten, abzuziehen.
3) Joh. 16, 7. "Warum mußte Jesus hingehen, um den Tröster zu senden? Konnte der Heilige Geist nicht kommen, während Jesus noch in der Welt war?"
Antwort. Der Heilige Geist wird auch der andere Tröster genannt, welcher an Jesu Statt den Jüngern zukommen und in ihnen bleiben soll. Dieser Tröster, der persönliche heilige Geist, war in Fülle in Christo auf Erden, aber noch nicht so, daß Er in gleicher Fülle auch in andern Menschen sein konnte, dieweil Jesus auf Erden war. Deswegen sagt Johannes (7, 39), von dem Geist redend, welchen empfangen sollten, die an Jesum glaubten: "Denn der heilige Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verkläret." Um den heiligen Geist auch Andern mitteilen zu können, gehörte das dazu, daß Jesus verklärt war, also nicht mehr auf Erden, sondern auf Seines Vaters Stuhl sitzend. Sein Opfer für die Sünden der Welt mußte vollbracht sein; und der heilige Geist sollte ja dazu dienen, den Gekreuzigten in den Seinen zu verklären (16, 14). Er mußte, was Er den Jüngern darreichte, von dem, was Jesu ist, nehmen und verkündigen. Der heilige Geist kann nicht ohne die innigste Beziehung zu Allem, was Jesus uns geworden ist, gleichsam von Ihm weg auf andere, noch nicht eigentlich versöhnte Menschen kommen. Wir müssen's wichtiger nehmen mit dem heiligen Geist, daß der nicht ohne Weiteres unversöhnten Menschen zukommen kann, wie Ihn auch die Welt nicht empfangen kann. So setzen in unserer Zeit Viele den Heiligen Geist nur herunter, daß sie meinen, Er könnte so geschwind in unsre Armseligkeit persönlich hereinkommen. Da muß noch Vieles voraus geschehen. Das wird zur Antwort genügen.
Wenn noch weiter eine Auslegung über Psalm 68 verlangt wird, so ist das zu viel gefordert für die Blätter.
150) Über 1 Petr. 2, 8.
("Darauf sie auch gesetzt sind")
Frage: "Dürfte ich wohl um eine Erklärung der Stelle 1 Petr. 2, 8 bitten, namentlich der Schlußworte, die nach wörtlicher Uebersetzung lauten: " "Wozu sie auch gesetzt sind." " (In der lutherischen Uebersetzung fehlt nämlich "auch").
Antwort. Vielen Lesern werde ich wohl diesmal langweilig werden, weil die Auslegung des Worts einige Subtilität erfordert. Zur Verdeutlichung will ich die Stelle ganz hersetzen. Petrus sagt, an Jes. 28, 16 erinnernd:
v. 6. "Darum stehet in der Schrift: Siehe da, ich lege (setze) einen auserwählten köstlichen Eckstein in Zion; und wer an ihn glaubet, der soll nicht zu Schanden werden."
v. 7. "Euch nun, die ihr glaubet, ist er köstlich; den Ungläubigen aber ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben, und zum Eckstein worden ist,"
v. 8. "Ein Stein des Anstoßens und ein Fels des Ärgernisses; die sich stoßen an dem Wort, und glauben nicht dran, darauf sie gesetzt sind." - Letzteres nach richtigerer Auslegung: "Die sich, nicht glaubend an das Wort, d. h. weil oder indem sie nicht an das Wort glauben, stoßen," (nämlich verstoßen, zu Schaden und Verderben. Vergl. Matth. 21, 42 etc. und Röm. 9, 33.) "dazu sie auch gesetzt sind", nämlich sie auch, wie der Stein selbst.
Wenn man nämlich übersetzt: "die sich stoßen an dem Wort," so ist schon der Seelenschaden, den sie sich durch das Anstoßen, gleichsam Anprallen an den Stein, zuziehen, gar nicht betont, wie doch gewiß Petrus will. Anstoß und Ärgernis ist nicht in dem Sinn, wie wir's uns gewöhnlich denken, genommen, "daß sie nicht dran glauben," sondern in dem Sinn, "daß sie sich am Stein verderben." Nach Röm. 9, 33 geschieht das damit, daß sie sich um die Gerechtigkeit bringen, durch die sie selig werden könnten, daß sie dagegen nur um so mehr, als sie den Rettungsweg verschmähen, Schaden und Verderben, auch einstweilige Verdammnis. sich zuziehen. Denn ein bloßes Nichtglauben des Worts wäre noch kein Anstoßen zu Schaden und Verderben. Aber der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist ja Christus, den Gott zum Eckstein gemacht hat. Christus selbst ist also der Stein des Anstoßens und der Fels des Ärgernisses für die Ungläubigen, nicht das Wort. In jenem Satz steht also "sie stoßen oder verstoßen sich" für sich; und sonst ist zu verbinden: "Sie glauben nicht an das Wort." Weil sie nicht an das Wort von Christus glauben, wird ihnen Christus, der ihnen zum Heil dienen sollte, ein Stein des Anstoßens, der Beschädigung ihrer selbst. Der Heiland sagt (Matth. 21, 44): "Wer auf den Stein fället, der wird zerschellen; auf welchen er aber fällt, den wird er zermalmen." Am Wort von Christus, wenn man's nicht glaubt, kann man allein sich nicht zerschellen; aber wer nicht an's Wort glaubt, bekommt's mit dem Eckstein, Christus, zu tun, fällt dem Gericht des richtenden Christus anheim. Der Sinn ist also, und die Worte leiten von selbst darauf hin: "Sie stoßen, zerschellen sich an dem Stein, d. h. an Christo, indem sie nicht an das Wort glauben." Sie nehmen Schaden an sich und ihrer Seele. Man kann sich's, weil die Satzverbindung des Tertes etwas frei ist, noch deutlicher machen, wenn man das Relativwort: "Welche", das etwas weit auf "die Ungläubigen" (v. 7) sich zurückbezieht, auflöst, wie man das oft kann und muß, mit: "Sofern sie sich stoßen oder verstoßen, indem sie nicht an das Wort glauben", wird nämlich der Stein ihnen ein Stein des Anstoßens und des Ärgernisses. Derselbe ist's, sofern sie, dem Wort nicht glaubend, sich stoßen und verderben an dem Stein. Christus wird denen, die an Ihn glauben, ein Geruch des Lebens zum Leben, und denen, die nicht glauben, ein Geruch des Todes zum Tode (2 Kor. 2, 15. 16).
Die Ungläubigen also, die nicht an das Wort von Christo dem Gekreuzigten, welcher zu Zion gepredigt und als Eckstein gesetzt ist, glauben, zerstoßen, zerschellen, verderben sich an dem, was ihnen Leben und Seligkeit hätte bringen sollen. Nun wäre die Frage, wie die Worte zu nehmen sind: "Darauf sie auch gesetzt sind". Zum Voraus abzuweisen ist die Beziehung auf das Ungläubig sein, als ob sie, nicht zu glauben, gesetzt wären. Denn wenn es heißt: "Welche, dem Wort nicht glaubend, sich zerstoßen, so kann das: "Worauf sie auch gesetzt sind", nur auf das Anstoßen gehen. Zum Anstoß sind sie also gesetzt. Wie der Eckstein gesetzt ist (so wörtlich in v. 6 "ich setze", st. "ich lege"), so sind sie auch gesetzt, sich daran zu stoßen. Eigentlich heißt es: "Sie sind gesetzt worden", erst durch ihren Unglauben dazu gesetzt worden. Sie wären's nicht, wenn sie glaubten. Weil sie aber nicht glaubten, war's gerichtliche Folge für ihren Unglauben. Mit diesem Unglauben kommen sie nicht unbeschädigt davon. Man könnte denken: "Was tut's, ob man glaubt, oder nicht glaubt?" wie Viele wirklich denken. Aber durch den Unglauben setzen sich die Menschen in ein verdammendes Gericht hinein, werden sie gesetzt zum Anstoß, zu ihrem Schaden und Verderben nach Leib und Seele. Solches hört auf, sobald sie glauben. Wie sie durch den Unglauben zum Anstoß gesetzt find, so durch den Glauben zum Heil und zur Aufrichtung an dem Eckstein.
Auf diese Weise kommen wir in richtiger Weise über die im ersten Augenblick frappant lautenden Worte hinüber. Stellen dieser Art sollte man doch immer genauer und sorgfältiger besehen, ehe man durch den ungenauen Ausdruck einer Uebersetzung sich zu dem abnormen Satz treiben läßt, Gott habe die Einen Menschen zum Glauben, die Andern zum Unglauben vorherbestimmt oder gesetzt. Immer fehlt es an der richtigen Auslegung, wenn man mit diesem Sinn eine Bibelstelle auslegen will.
151. Zuvor versehen.
nach Röm. 8, 29. 30.
Frage: "Ich bitte um eine Erklärung der Worte Röm. 8, 29. 30, namentlich mit Rücksicht auf die Ausdrücke: Zuvor versehen, zuvor verordnet."
Antwort: Hier haben wir es abermals mit einer Stelle zu tun, welche die Anhänger der Prädestinationslehre gerne vorschieben, um ihre Lehre als eine schriftgemäße zu verteidigen. Wir werden es aber gleich anders finden. Paulus spricht von denen, die nach dem Vorsatz berufen sind (v. 28), d. h. nach dem Vorsatz, den Gott von Ewigkeit her zur Erlösung der Welt hatte. Dann fährt Paulus fort:
v. 29. "Denn welche Er zuvor versehen hat, die hat Er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde Seines Sohnes, auf daß derselbige der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern."
v. 30. "Welche Er aber zuvor verordnet hat, die hat Er auch berufen; welche Er aber berufen hat, die hat Er auch gerecht gemacht etc."
Es konnten nämlich nicht gleich alle Menschen zumal berufen werden. Es mußte mit Etlichen ein Anfang gemacht werden, die als Erstlinge galten. Paulus redet nun mit Bezug auf diese Erstlinge der Gläubigen, zu denen er selbst gehörte, und mit denen Gott angefangen hat, Seinen Vorsatz zur Welterlösung auszuführen. Diese sind die vorher, besser voraus Versehenen und voraus Verordneten, vor den Andern und Vielen, die nach ihnen versehen (erkannt, angenommen) und verordnet werden würden. An ihnen hat Gott der Welt gezeigt, was Er an allen Geschlechtern der Erde tun werde. Wie man's an ihnen, mit denen Gott den Anfang machte, sah, so sollte es Allen bestimmt sein. Diese Auffassung wird durch Jakobus deutlich, der sagt (1, 18): "Er hat uns gezeuget nach Seinem Willen, durch das Wort der Wahrheit, auf daß wir wären Erstlinge Seiner Kreaturen", d. h. der durch Ihn zu neuen Kreaturen Wiedergeborenen. Wie Christus "der Erstgeborne aller Kreaturen", (nicht: "vor allen Kreaturen", wie unrichtig übersetzt), ist (Kol. 1, 15), so die ersten Christen die Erstlinge dieser Seiner Kreaturen. Wohl kann man sagen, daß Gott, der ja Alles voraus bestimmt hat, so auch das, wer den Anfang machen sollte, vorausbestimmt habe; und die Erstlinge, d. h. die ersten Christen überhaupt, dürfen's als eine große Gnade achten, daß sie erwählt worden sind, den Anfang zu machen derer, "die gleich sein sollten dem Ebenbilde Seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern" (Röm. 8, 29). - Daß so die angeführte Stelle nichts mit der sogenannten Prädestinationslehre zu tun hat, ist leicht einzusehen.
152. Über Versicherungen.
Frage: "Kürzlich wurde öffentlich geäußert, es sei ein Mangel an Gottvertrauen, wenn man sein Mobiliar etc. in einer Versicherungsanstalt versichert. Gott könne uns auch ohne das vor Gefahr schützen etc. Bitte, antworten Sie in Ihrem Blatte auf die Frage: ""Zeugt es von Mangel an Gottvertrauen, wenn man in Versicherungsanstalten seinen Grundbesitz, Mobiliar, Vorräte, Ernten etc. versichert?"" - Ich habe bis jetzt geglaubt, es heiße viel eher Gott versuchen, wenn man solche Vorsichtsmaßregeln verachtet. Der Herr braucht doch äußere Mittel, um Seinen Segen uns zuzuführen, obgleich es nur eines Wortes bedürfte, um uns selbst von allem zeitlichen Übel zu erlösen."
Antwort. Ich kann es immer nicht recht verstehen, wie man es gegen die gewöhnlichen, geordneten, ehrlich eingerichteten, und unter Staatsaufsicht gestellten Versicherungen haben kann, namentlich wenn es sich um Versicherungen in dem in der Frage Aufgezählten handelt. Daß man es Mangel an Gottvertrauen nennt, sich zu versichern, ist mir besonders auffallend. Denn Gott verweist uns doch selbst immer wieder an unsre Mitbrüder, daß sie uns helfen sollen, oder daß Seine Hilfe durch ihre Hände laufen soll. Er schickt nicht vom Himmel her unsre irdischen Bedürfnisse; sondern das Wohlwollen und Helfen der Menschen soll sie schaffen. Machen's nun die Menschen mit einander aus, wie sie's machen wollten, daß in besonderen Nöten geholfen und recht geholfen werde, wer will da drein reden und sagen, es sei wider das Gottvertrauen, wie sie's machen? Alle sind doch angewiesen, Opfer zu bringen, wo's Not tut; und bringt man diese zum Voraus, daß sie sicher zur Zeit da sind, was soll an dem Unrechtes sein? Wir sollen nun Hungrige sättigen, Durstige tränken, Nackte bekleiden. Wie kann der Einzelne das immer tun? Wenn nun Alle mit einander daran sich beteiligen, daß geschehe, was geschehen soll, heißt das nicht eher dem Gebote der Liebe nachkommen, als daß man's als etwas wider den Glauben nehmen dürfte? Was ist aber der Glaube und was das Gottvertrauen, wenn die Liebe dabei geschmälert wird? Sollte es nicht auch möglich sein, seine Beiträge mit einem Aufblick zu Gott einzulegen, daß sie, wenn nicht mir, doch Andern zu gut kommen möchten? Wenn ich etwa den Glauben habe, daß mich das Unglück nicht treffen werde, wie denn Viele von sich schon so eingenommen sind, daß sie denken, sie werde Gott verschonen, soll ich dann sagen: "Mich trifft's nicht, darum gebe ich nichts?" Beileibe nicht! Menschen müssen sorgen, und auch ich, wenn Jemand Alles etwa durch Brand oder Hagel verloren hat. So hat auch der Herr einst dem Hiob wieder aufgeholfen, damit, daß die Brüder umher wieder Grund legten zu einem Besitztum, das dann Gott segnete (Hiob 42, 11). Wenn wir daher von Gesellschaften, die sich, getrieben von Teilnahme, meist auch unter Aufsicht des Staats, gebildet haben, zurückbleiben, und zwar meinend, Gottvertrauen haben zu müssen, daß Gott wieder gebe, was Er nehme, während Er's doch durch Menschen tut, so wird damit der Glaube geradezu umgekehrt, daß es den Schein hat, ich beteilige mich nicht, weil ich den Menschen zutraue, daß sie mir helfen werden. So wird unvermerkt der Glaube an Gott zu einem Vertrauen auf Menschen; und wie sehr das trügt, das erfährt man ja.
Die, welche in keine Versicherungen sich einlassen, werden hienach auch unbarmherzig und hart gegen ihre Mitmenschen, denen sie über Gebühr unerschwingliche Opfer aufbürden, den Verunglückten zu helfen, weil ja nicht Gott unmittelbar, sondern Menschen Geld, Kleider und Anderes geben müssen. Oder wollte man gar wider Gott trotzen, als sagte man: "Hat mir's Gott genommen, so soll Er mir's auch wieder geben", als müßte Er's geradezu vom Himmel herab regnen lassen? Wir wissen aber, wie bedrängt namentlich Menschenfreunde sind, unter der tausendfältigen Not, die sie umgibt, wenn sie überall helfen sollen, und das beim besten Willen nicht vermögen. Warum nun diesen so große Steuern auflegen, wie unversicherte Verunglückte müssen, wenn diese doch sonst hätten sich helfen können? Man besinne sich, wie viel jeder Privatmann eigentlich geben sollte, um nur auch aufs Notdürftigste dem zu helfen, der bis zum Bettler herabgebrannt oder verhagelt ist; und wenn auch Viele gerne viel tun wollten, sie können's eben nicht. Namentlich sollen die, welche von Versicherungen abraten, sich besinnen, ob sie Verunglückten nur auch so viel geben, als die unterlassene Einlage erfordert hätte. Dann bedenken wir, wie klein der Kreis ist, aus welchem sich die Verunglückten etwas versprechen können, während die Gesellschaften einen viel größeren Kreis umfassen, aus welchem sie leicht ihre Mittel erheben.
Die Verweisung auf Gottvertrauen scheint oft gar nichts Anderes zu sein, als daß man zum Bedürftigen sagt: "Gott berate euch, wärmet euch, sättiget euch", aber nichts gibt, was des Leibes Notdurft ist, wie Jakobus sagt (2, 16). Die Sachen stehen so, daß es sogar Pflicht sein kann, sich zu versichern, weil nur die Beteiligung Vieler eine Gesellschaft lebensfähig machen kann. So weiß ich aus meiner Jugend, daß Hagelversicherungsgesellschaften lange kein Gedeihen hatten, weil zu wenige Landwirte sich an ihnen beteiligten. Da spielte aber sicher unter dem Schein eines Gottvertrauens der Geiz seine Rolle mit. Ihr Gottvertrauen war, daß sie etwa dachten: "Ich vertraue auf Gott, daß Er mich schonen werde; deswegen lege ich nichts in eine Kasse." Gesetzt aber, du wirst verschont, und dein Nachbar beschädigt, wirst du so leicht diesem nur auch so viel geben, als du für dich hättest einlegen sollen? Da wird das ganze Gottvertrauen gar nichts Anderes, als geheimer Geiz. Tue denn das Deine, wo's von dir gefordert wird, nicht um deinetwillen, daß ich so sage, sondern um Anderer willen, die zuletzt auch dir einen Dank wissen, daß du zu einer schönen Gabe, die sie empfangen, mitgeholfen hast. Wie sehr erschrickt man auch, wenn man von unversicherten Leuten hört, die ins Unglück gekommen sind; denn man weiß nur wenig Rat für sie!
Bei großen Kalamitäten, welche an Einzelne kommen, haben wir überhaupt zu bedenken, daß sie als an Alle gekommen anzusehen sind. Wir können doch nicht sagen, die Verunglückten hätten's vor Andern verschuldet, daß sie so schwer, fast über die Maßen, heimgesucht worden sind. Sie sind vielmehr die, welche zur Beachtung für Alle, das trifft, was Alle treffen sollte, wie der Heiland sagt: "So ihr euch nicht bekehret, so werdet ihr Alle gleich also umkommen." Namentlich der gänzliche Ruin, der jene trifft, soll uns eine Anzeige sein, wie die Gottlosen einen gänzlichen Gerichtsruin vor sich sehen, wenn sie sich nicht umwenden. Sollen wir aber nun die Getroffenen nicht entschädigen für das, worin sie ein Beispiel für Alle sein sollen? Raten wir aber von Versicherungen ab, so wälzen wir's auf die Einzelnen, die's trifft, und nehmen diese als die allein Schuldigen, während sie nur gleichsam die Märtyrer für alle sind, und vielleicht als solche viel weniger schuldig, als manche Andere. Was ist es denn nun Sonderliches, wenn die andern Alle voraussorgen, daß diejenigen, die an ihrer Statt den Schrecken haben, den Schaden nicht allein tragen müssen? Wer sich nicht versichern läßt, unterläßt's oft mit dem Selbstvertrauen eines Gerechten, den's nicht treffen werde; und wer sich versichert, fürchtet für sich, als einen Sünder, den Zorn, den er wohl verdient hätte. Wer nun macht's besser? Darum, wo Liebe und Teilnahme zusammenwirken zu Gunsten hart Betroffener, da sollst du nicht zurückstehen und sagen: "Ich tue nicht mit; mein Gewissen erlaubt es mir nicht."
Wohl ist mir bekannt, wie man sich unter dem Versichern auch sehr versündigen kann. Da sage ich aber nur: Halte dich rein von Allem, was wider dein Gewissen läuft. Besonders bei sogenannten Lebensversicherungen kann man's mitunter auch sehr zu seinem Schaden machen, und da doch oft so, daß es wider das Gottvertrauen läuft. Man kann aber keine Regeln geben. Wer in der Furcht des Herrn steht, hat in sich einen Mahner, auf den er achten soll.
153. Vom Bleiben an der Rede Jesu
Frage: "Was meint der Heiland, wenn Er vom Bleiben an Seines Rede spricht (Joh. 8, 31 u. 37)?"
Antwort. Um das zu verstehen, müssen wir den Zusammenhang, in welchem es steht, näher ansehen. Es heißt:
Joh. 8, 30 u. 31. "Da Er Solches redete glaubten Viele an Ihn. Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an Ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger."
Da waren also Juden, die um der Rede Jesu willen an Ihn glaubten; und zu diesen sagte Er, eben an der Rede, über welcher sie an Ihn gläubig geworden seien, sollen sie bleiben. Was hat Er denn nun geredet? Weiter oben (v. 12) hatte er gesagt, Er sei das Licht der Welt, und wer Ihm nachfolge, Sein Jünger werde, der werde nicht wandeln in Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben. An dieser Rede nun blieben die Juden, wenn sie sie festhielten, also wenn sie wirklich Ihn als das Licht nahmen, das die Welt aus der Finsternis und zum Leben führe, während außer Ihm Alles Finsternis sei. Dann hat Er weiter (v. 24) gesagt: "So ihr nicht glaubet, daß ich's sei", (nämlich der von oben herab v. 23, daher Er gekommen, ist um zum Leben, oder nach oben zu führen aus der Welt heraus), "so werdet ihr sterben in euren Sünden", ohne nämlich vorher, weil nicht ins Licht gekommen, Vergebung der Sünden erlangt zu haben. Ferner hat Er gesagt (v. 28): "Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet", nämlich ans Kreuz, "dann werdet ihr erkennen, daß ich's sei." Überhaupt weist Er darauf hin (v. 29), daß Ihn der Vater gesandt habe, daß der Vater mit Ihm sei, was einschließt, daß man durch Ihn zum Vater komme. "Denn der Vater", fährt Er fort, "lässet mich nicht allein; und ich tue allezeit, was Ihm gefället". So hat der Heiland geredet; und darauf hin heißt es: "Da Er aber Solches redete, glaubten Viele an Ihn", nämlich, um es kurz, wie Er selbst, zu sagen, daß Er's sei. Dann ermahnt Er sie, doch ja an Seiner Rede, die sie angenommen, zu bleiben, weil sie erst dann Seine wahren Jünger wären, die denn auch durch Ihn frei werden würden (v. 32 ff.).
Die Rede Jesu also, die wir zuerst recht zu Herzen nehmen sollen, ist, daß Er anzeigt, wie Er es sei, an den die Menschen sich zu halten haben, wie Er nämlich vom Vater, von oben her gekommen sei, wie durch Ihn oder mit Ihm der Vater den Menschen nahe gekommen sei, wie Er also aus der Finsternis, die ja den Vater nicht in sich hat, herausführen und zur Freiheit von der Sünde (v. 34. 36) erhebe, wie Er ferner dafür sorgen könne, daß, wer an Ihn glaubt, nicht in seinen Sünden sterben müsse, weil er Vergebung der Sünden gewinnt, und wie Er mit diesem Allem das Licht sei, das die ganze Welt durchdringen werde, und wie, so weit Er als Licht Eingang finde, die Finsternis aufhöre. Das sind die wichtigsten Punkte, die wir uns sagen lassen müssen, und so, daß wir sie wirklich glauben, und durch sie an Jesum glauben. Nun aber kann es geschehen, daß man dergleichen annimmt und glaubt, und so auch an Jesum glaubt, aber in der Folge doch wieder flüchtig darüber hingeht, und das Gewonnene in sich nicht lebenskräftig werden läßt, von denen nicht zu reden, die wieder davon abkommen, was bei jenen Juden möglich war. Auf diese Weise wird's, daß man nicht bleibt an der Rede Jesu, und doch kein eigentlicher Jünger Jesu wird. Bleiben an Seiner Rede heißt also, nicht nur sie sich nicht mehr rauben lassen, sondern auch sie festhalten, sie allezeit wichtig nehmen, sie nie aus dem Auge verlieren, sie auf sich und seinen Geist und sein Leben wirken lassen, daß sie nicht als totes Kapital im Menschen liegt, sondern in ihm zu einem Licht wird, darinnen er sicher und fröhlich wandelt. So wird man ein wirklicher, eigentlicher Jünger Jesu. Jene Punkte alle aber sind der Art, daß Viele sie wohl wissen, ohne eigentlich an ihnen zu bleiben, oder ihren Geist auf ihnen ruhen zu lassen. Wo das ist, da ist man eben Jesu Jünger nicht. O, wie viele Hörer und Wisser, auch Glaubende, haben wir, und wie wenige Jünger Jesu!
Wenn in der Frage auch auf Joh. 8, 37 hingewiesen ist, wo der Herr zu ungläubigen Juden sagt: "Ihr suchet mich zu töten; denn meine Rede sähet nicht unter euch", so ist damit gesagt, daß sie Alles, was Jesus von Seiner Person gesagt hatte, nicht glaubten und annahmen, also nur um so mehr zum Haß gegen Ihn entzündet wurden. Da hat also die Rede Jesu gar nicht eingeschlagen, und konnte von einem Bleiben an ihr nicht die Rede sein.
154. Vom Heiligen Geist.
Frage: "Es gibt eine ganze Reihe von Stellen in der Schrift, in welchen von "Geist" die Rede ist. Der persönliche Heilige Geist kann da nicht gemeint sein, scheint mir, vielleicht aber das, was im zweiten Blatt dieses Jahrgangs "heiliger Geist" genannt wurde. Beispiele sind 2 Tim. 1, 7, Eph. 1, 17, Gal. 5, 16, 2 Kor. 4, 13, Sach. 12, 10 etc."
Antwort. Das Wort Geist wird freilich unzählige Male in der Schrift gebraucht, wo es nicht den Geist bedeutet, welchen die Apostel am Pfingstfest erhielten, und den ich, um Ihn als etwas Besonderes zu bezeichnen, den persönlichen Heiligen Geist nenne. Ja, man kann sagen, überall, wo das Wort Geist nicht in einer Beziehung steht zu der Geistgabe, welche die ersten Christen empfingen, ist es anders zu nehmen. Indessen bedeutet Geist doch immer etwas von oben an oder in den Menschen Kommendes, vermittelst dessen Dieser Außergewöhnliches zu tun, oder göttliche Worte auszusprechen, oder in göttliche Gesinnungen hineinzukommen befähigt wird. Man kann da häufig den Geist auch eine Gotteskraft nennen, die über den Menschen kommt, und dann nur vorübergehend, nicht bleibend, nur zu etwas Bestimmtem dienend, mitgeteilt wird. Diese Kraft, von Gott kommend, kann man auch nicht etwas Unpersönliches nennen. Denn aus Gott kann nichts Lebloses kommen. Es kann nur etwas sein, das Leben hat, und, weil es Leben hat, persönlich ist. Wie soll man's denn nehmen, wenn der Herr sagt: "Sie werden Alle von Gott gelehret sein?" oder wenn Er zu Petrus sagt: "Das hat dir nicht Fleisch und Blut geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel?" Bei Beidem muß man sich das Lehren oder Offenbaren als durch den Geist geschehen denken, der also nicht unpersönlich sein kann, jedoch ohne daß hier gerade an den eigentümlichen Pfingstgeist zu denken ist. Ich brauche also die vielen Stellen, welche in der Frage angegeben werden, nicht durchzugehen, indem ihre Erklärung aus dem Angeführten von selbst sich ergibt. Wenn Paulus (Eph. 2, 2) von einem Wandel der natürlichen Menschen redet, "nach dem Lauf dieser Welt, und nach dem Fürsten, der in der Luft herrschet, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens", so ist da auch persönlich Finsteres gemeint, das im Menschen wirkt. Diesem entgegengesetzt ist das persönlich Göttliche, und jenes, wie dieses, wird Geist genannt, eben weil es persönlich ist. Nur tritt in Beidem das Persönliche nicht in das Bewußtsein des Menschen; und dieser fühlt in sich für gewöhnlich nur sich, nicht ein Fremdes in sich. Beim Pfingstgeist aber war das Unterscheidende das, daß das Persönliche des Geistes aus Gott dem, der Ihn empfing, persönlich fühlbar und vernehmbar wurde. Eben weil es hier ein Innwohnen des Heiligen Geistes, nicht bloß ein Einwirken war, nenne ich's bei jenem persönlich, bei diesem nicht, obwohl es auch innerlich ist.
Es liegt mir nämlich daran, es bestimmter auszudrücken, was ich unter dem Heiligen Geist verstehe, den ich erwarte, weil mir oft der Einwand gemacht wird, wir hätten Ihn ja, und hätten Ihn schon durch die heilige Taufe empfangen. Anzudeuten, daß ich's anders erwarte, als wir's schon haben, bezeichne ich den früheren Pfingstgeist als einen persönlichen, zum Unterschied von dem, wie wir Ihn jetzt noch haben. Nach dem nämlich, wie der Herr vom Heiligen Geist redet, der kommen sollte, ist derselbe ein im Menschen redender und sich kundgebender Geist, der von Jesu in uns zeugt, Ihn in uns verklärt, der auch innerlich vernehmbare Weisungen aller Art gibt. Seine besondere Persönlichkeit liegt auch in dem, daß Er der andere Tröster heißt, oder Ersatz und Stellvertreter für die Person Jesu, und daß die Jünger durch Sein Bleiben in ihnen sich nicht als Waisen fühlen sollten. In Ihm hatten die Jünger Jesum selbst; und Er sollte auch in ihnen ihr beständiger Begleiter auf allen ihren Wegen sein. Das Alles, wie es der Herr den Jüngern, und den Christen überhaupt, verspricht, haben wir so nicht mehr, oft wohl etwas davon vorübergehend spürbar, aber nicht in gleicher Weise vernehmlich. Auch das Zeugnis des Geistes, daß wir Gottes Kinder seien, ist besonders als ein starkes und sicheres betont, wie wir's in gleichem Grade und gleich sicher nicht mehr haben. Wenn ich also von der Hoffnung rede, daß es wieder werden möchte, wie im Anfang, so rede ich dabei gerne von dem persönlichen Heiligen Geist, der uns werden möchte, damit es gleich deutlich erscheine, wie ich etwas Anderes und Völligeres nach der Schrift erwarte, als in unsrer Zeit den Gläubigen zu Teil wird.
Das Besondere des Heiligen Geistes, außer Seinen gewöhnlichen Wirkungen, ist am deutlichsten ausgedrückt (Joh. 7, 39) mit den Worten Johannis: "Das sagte Er aber von dem Geist, welchen empfahen sollten, die an Ihn glaubten; denn der Heil. Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verkläret." So spricht ein Jünger, der doch sonst gewiß schon unter dem Einfluß des Heil. Geistes stand. Unter Anblasen ferner gibt der Auferstandene den Jüngern "Heiligen Geist"; und dennoch verweist Er sie vor der Himmelfahrt auf die Verheißung des Vaters (Apost. 1, 5) und sagt: "Ihr aber sollt mit dem Heil. Geiste gelaust werden, nicht lange nach diesen Tagen." Dann kam Pfingsten; und der Tod Christi sollte die Wirkung haben, daß Alle, die glaubten, auch die Heiden, den verheißenen Geist empfingen (Gal. 3, 14). Wie an Pfingsten, so fiel auch sonst der Geist auf eine äußerlich sichtbare Weise auf die Gläubigen. Aus Allem geht hervor, daß etwas Anderes verheißen und einst gegeben war, als wir's noch haben, da wir ja wohl der Allen bereit stehenden Gaben des Heil. Geistes noch uns erfreuen dürfen. So oft nun im Neuen Testamente zu Christen gesprochen wird, wie sie wandeln sollten nach dem Geiste, wie sie auf den Geist säen sollten, wie ihnen mit dem Heil. Geiste der Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht (2 Tim. 1, 7), der Geist der Weissagung und der Offenbarung (Eph. 1, 17), der Geist des Glaubens (2 Kor. 4, 13) gegeben sei, wird stets an den erhaltenen Pfingstgeist erinnert. Wir aber können immerhin, was an diesen Geist sich knüpfte, auch in uns, durch den Geist gewirkt haben, namentlich die Frucht des Geistes, welche Paulus so schön schildert (Gal. 5, 22). Was aber die Sehnsucht nach dem Pfingstgeiste oder nach dem persönlichen Heil. Geist, oder nach der erneuerten Ausgießung des Heil. Geistes, in uns erweckt, ist das, daß nur durch Ihn die Frucht des Geistes allgemeiner durch alle Geschlechter der Erde, und völliger kommen kann, während ohne Ihn, wie wir mit Ängsten sehen, auch bei uns Alles sehr auf die Neige gekommen ist.
155. Das Sonnenweib.
Off. 12, 1-6.
Frage: "Kürzlich habe ich in der Offenbarung, Kap. 12, 1-6, gelesen; und da wünschte ich sehr eine Erklärung zu vernehmen, weil ich jetziger Zeit fast vermute, daß es eine christliche Gemeinde angehe. Wer ist das Weib mit der Sonne bekleidet? wer der Mond unter ihren Füßen? Was die Krone von 12 Sternen auf ihrem Haupt? Mit was ferner ist sie schwanger? Was sind die Geburtswehen? Was ist's um ihre Ernährung? Dürfte ich Sie bitten, in Ihren Blättern mir einige Erklärung zu geben?"
Antwort. Im Allgemeinen gebe ich nicht gerne Auslegungen der Offenbarung, wenn sie über die bloße Besprechung und Darlegung des Textes hinausgehen sollen, weil ich zu einer Auslegung nicht nur müßte für mich selbst das Gefühl der Sicherheit haben, sondern auch ihre Annehmlichkeit bei Andern sollte voraussetzen können. Ich möchte auch nicht der sein, der sich anmaßen wollte, vor Andern eine richtige Auslegung geben zu können, zumal es der Ausleger so viele gibt, die immer wieder es anders sagen, und zugleich das allein Richtige zu sagen glauben. Über obige Stelle aber kann ich schon ein Wort reden, weil sich da mit einfacher Auseinandersetzung des Textes viel Sicheres sagen läßt; und ich rede auch gerne darüber, weil das sogenannte Sonnenweib schon zu vielen Verirrungen Anlaß gegeben hat, namentlich unter dem Volke, da je und je Eins glaubt die Bestimmung zu haben, das Sonnenweib zu sein. Es will mir auch vorkommen, als ob der Fragesteller, Einer vom Volke, etwas Besonderes im Auge habe, das er zu denken geneigt ist, weil er nämlich jetziger Zeit fast vermutet, daß es eine christliche Gemeinde angehe, auf welche nun etwa auch die Auslegung zielen soll. Er denkt vielleicht, - habe ich bei ihm Unrecht, so haben doch Andere schon so gedacht, - an eine bestimmte christliche Gemeinde, die er zu der Würde des geoffenbarten Sonnenweibes glaubt erheben zu dürfen. Darum möchte ich zum Voraus jeden Leser bitten, daß er nicht auf eine bestimmte Erscheinung in irgend einer, ihm bekannten Gemeinde sein Auge richten möchte, als ob mit Beziehung auf diese in der Offenbarung etwas gesagt wäre. Wir werden später darauf zurückkommen.
Mit den letzten Versen des 11. Kapitels (v. 15-19) ist ein gewisser Kreis von Weissagungen geschlossen worden, die bis an die Pforten des Ausgangs aller Offenbarungsgeschichte führen. "Der Tempel Gottes wurde aufgetan im Himmel, und die Arche Seines Tempels ward in Seinem Tempel gesehen." Dies war die Folge von großen vorausgegangenen Kämpfen, die mit einem Sieg endeten, worüber im Himmel triumphiert wurde (v. 15 bis 18). Denn "alle Reiche sind des Herrn und Seines Christus geworden", daß also im Grunde nur noch das Letzte zu fehlen scheint. Das Nachfolgende aber, von Kap. 12 an, geht nicht direkt weiter, sondern wendet sich zunächst wieder rückwärts, indem es gewisse Einzelheiten nachträglich beschreibt, die teilweise der Zeit nach in das Frühere hereinzufallen scheinen, ehe der Tempel Gottes aufgetan wurde im Himmel. Namentlich wird etwas Zusammenhängendes über die Gemeinde Gottes auf Erden, bis zu ihrem Anfang hinauf, gegeben, und zwar über den eigentlichen Kern derselben, wie es mit ihm im Alten Bunde war, und im Neuen Bunde werden würde. Denn die Gemeinde Gottes im Alten und Neuen Testamente ist nur Eine, nur Ein Haus, Eine Familie Gottes auf Erden (vergl. Hebr. 3, 2-6), weswegen das Weib, von dem jetzt die Rede wird, durch beide Perioden hindurch als ein und dasselbe angenommen ist. Wir lesen nun:
Kap. 12, 1. "Und es erschien ein groß Zeichen im Himmel: Ein Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen; und auf ihrem Haupte eine Krone von zwölf Sternen."
Zweierlei Zeichen im Himmel werden uns vorgestellt, hier das Eine, das Weib vorstellend, weiter unten (v. 3) ein großer roter Drache. Der Ausdruck "im Himmel" bezeichnet überhaupt die unsichtbare überirdische Welt, in welcher dem Johannes zuerst ein Reflex von dem, was Gott getan hat und tut, dann ein Refler von dem Widersacher erscheint. Der Kampf zwischen Licht und Finsternis ist in der unsichtbaren, wie in der sichtbaren Welt, hat seine Hauptschwingungen in jener, seinen Boden in dieser Welt. Die Bildung der Gemeinde Gottes auf Erden, welche letztere das Weib jetzt heißt, hat ihre Vorgeschichte im Himmel gehabt; und diese erscheint dem Johannes als großes Zeichen im Himmel. Die Wurzel der Gemeinde selbst, vermittelst deren aller Sieg durch die ganze Schöpfung werden soll, ist auf Erden. Da wird das Volk Gottes, das Volk Israel, weniger in seiner Gesamtheit, als nach seinem besseren Teil, der an den Gnadenverheißungen festhielt und erwartungsvoll an diese hinblickte, auch vermittelst seines Glaubens wirksam war, das Weib genannt. Israel gilt nach den Propheten, in seiner Einheit, als die Verlobte Gottes, mit welcher Gott einen engen, gleichsam ehlichen Bund geschlossen hatte.
Wenn dieses Weib nun vorgestellt wird als mit der Sonne bekleidet, und mit dem Mond unter ihren Füßen, und mit einer Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupte, so ist damit auf Abraham und Sara, oder in weiterem Sinne auf die Patriarchen und deren gläubige Frauen, und auf die 12 Stämme Israel hingewiesen. Hierauf kann auch der Traum Josephs führen (1 Mos. 37, 9), den er seinem Vater erzählte, daß ihn däuchte, die Sonne und der Mond und 11 Sterne neigten sich vor ihm, was gleich dahin ausgelegt wurde, daß sein Vater und seine Mutter und seine 11 Brüder darunter verstanden seien. Abraham nun heißt die Sonne, weil von ihr aus der Glaube als eine Sonne durch sein Geschlecht hindurch leuchtete, oder er über diesem als eine Sonne schwebte, dasselbe bekleidete. Mit dem Glauben Abrahams ist eine Sonne in der Menschheit aufgegangen mitten in der dichtesten Finsternis der ganzen Menschheit. Sie leuchtete wohl nur über seinen Nachkommen, die somit das Weib heißen mit der Sonne bekleidet; aber sie steht nun doch als ein großes Zeichen im Himmel, das nicht mehr verdrängt wird, sondern endlich sein volles Licht über die ganze Menschheit auswerfen wird, sofern sie Alle zuletzt noch, wie Abraham, sagen müssen: "Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke" (Jes. 45, 23. 24). Wie wichtig namentlich Abraham und Sarah als die Grundsäulen des Volkes Gottes galten, ist auch aus Jesajas (51, 1. 2) zu ersehen, da es heißt: "Schauet den Fels an, davon ihr gehauen seid, und des Brunnen Gruft, daraus ihr gegraben seid. Schauet Abraham an, euren Vater, und Sarah, von welcher ihr geboren seid" etc. Hell leuchtete fortwährend die Sonne und der Mond mit den 12 Sternen durch das Volk Gottes hindurch, wenn auch nicht durch alle seine Glieder, doch so, daß immer wenigstens ein Kern blieb, und zwar in allen Geschlechtern, von solchen, die das Glaubenslicht, das auf die Zukunft der Erlösung ausschauete, mehr oder weniger stark in sich erhielten. - Wir lesen weiter:
v. 2. "Und sie war schwanger, und schrie, und war in Kindsnöten und hatte große Qual zur Geburt."
Mit dieser Schwangerschaft des Weibes wird die Erwartung eines Messias, eines großen Helfers und Erlösers, mit welcher Israel schwanger war, ausgedrückt. Weil's auf die endliche Geburt eines Sohnes aus dem Volke hinausläuft, wird die Erwartung eine Schwangerschaft des Weibes genannt. Die Empfängnis des Weibes begann mit der Verheißung, die Abraham erhielt, da zu ihm gesagt wurde: "In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde." Mit dieser Verheißung wurde der Keim in Abrahams Geschlecht zur Geburt des Weltheilandes gelegt. Derselbe pflanzte sich durch die ganze Dauer Israels bis auf Christum fort, und kam zu immer größerer Klarheit und Bestimmtheit, namentlich durch die Propheten. Das Leben des Kindes, daß ich so sage, des Kindes, das, wenn die Zeit erfüllet wäre, geboren werden sollte, wurde 1000 Jahre nach Abraham unter David gleichsam gefühlt. Das Kind wuchs gleichsam im Mutterschoße des Volkes; und seine Pulsschläge wurden den besonders in der Prophetenzeit empfunden. Je länger es anstand, desto schmerzlicher wurden die Wehen, die ja kein Ende nehmen wollten; und die Gläubigen in Israel, wenn ihrer auch nur Wenige waren, namentlich zur Zeit Christi, schrieen wie ein Weib in Kindsnöten. Man denke an einen Simeon, der nicht eher sterben wollte, als bis er den Verheißenen gesehen hätte. Unter der großen Qual der Geburt ist auch die große Schwierigkeit verstanden, mit welcher die Eltern Christi zu kämpfen hatten, da es kaum denkbar war, daß in jener Zeit ein so wunderbar Geborner konnte ein Bestehen haben unter einem schrecklich entarteten und Gott entfremdeten Volke. Wir sehen, wie die Offenbarung mit einfachen Worten die Bedrängnis schildert, unter welcher Christus geboren wurde.
(Schluß folgt.)
156) Das Sonnenweib (Schluß).
nach Off. 12, 1-6.
Frage s. voriges Blatt.
Antwort, Forts. Wir fahren fort, den Abschnitt der Offenbarung, den wir zu besprechen angefangen haben, uns vorzuhalten. Es heißt weiter:
v. 3. "Und es erschien ein ander Zeichen im Himmel; und siehe, ein großer roter Drach, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häupten sieben Kronen."
Der Himmel, in dem das andere Zeichen erschien, ist die uns unsichtbare Welt über uns, den eigentlichen Gotteshimmel ausgenommen, aus welchem heraus das erste Zeichen kam, das mit und seit Abraham erschienen war, den der Herr aus Seinem Himmel heraus berief und von seinem Vaterlande weg nach Kanaan gehen hieß. In der ganzen Schöpfung, auch im Unsichtbaren, ist viel Abfall gewesen; und der große rote Drach kann als der Repräsentant alles Abfalls in der übrigen Schöpfung angesehen werden, der den Abfall auch unter die Menschen brachte, woran die Schlange im Paradies erinnert. Derselbe wurde immer unruhiger und regsamer, je näher es zur Geburt des Kindes kam. Der rote Drache hatte aber auch seine Repräsentanten auf Erden; und diese sind unter den 7 Häuptern, und 10 Hörnern, und 7 Kronen verstanden, neben eben so vielen Hauptmächten, welche die irdischen Macht- und Gewalthaber beeinflußten. Ein näheres Auslegen dieser Häupter und Hörner und Kronen würde zu einer Spielerei führen, an die ich mich nicht wagen möchte. Die Zahlen dürfen auch nicht bestimmt genommen werden, sondern sollen nur den Eindruck von einer Vielheit von Mächten uns geben. Da Alles zugleich in die Unsichtbarkeit spielt, läßt sich auch für das auf Erden nichts Sicheres anzeigen, selbst wenn man das römische Reich wollte mit hereinnehmen, bei dem aber immer die verschiedenen Häupter und Hörner und Kronen unverständlich blieben. Auch verschiedene geistige Mächte innerhalb der Menschenwelt, aber angeregt durch unsichtbare Mächte, könnten darunter angezeigt sein. Der Hauptgedanke, den wir festzuhalten haben, ist, daß Alles im Himmel (außer dem Gotthimmel) und auf Erden sich feindselig gegen das Weib stellte, das den Welterlöser, den Sieger über alle Feinde Gottes, gebären sollte. Daher das Weitere:
v. 4. "Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne, und warf sie auf die Erde. Und der Drach trat vor das Weib, die gebären sollt', auf daß, wenn sie geboren hätte, er ihr Kind fräße."
Die Anfangsworte können wir einstweilen nicht verstehen, weil wir über die außerirdische Schöpfung und ihre Geschichte, namentlich Geschichtliches, das in den Sternen vorgegangen ist, nichts wissen. Denn die Sterne selbst sind es ja nicht, welche der Drache auf die Erde warf, sondern Wesen, die im Zusammenhang mit den Sternen waren, und, als gerichtet, fern von Gott standen. Was wir allein hienach aus der Stelle entnehmen können, ist, daß massenhaft Heere satanischer Wesen, oder Wesen, die in den Dienst des Drachen hereingezogen wurden, etwa abgefallene Engel, die Welt erfüllten, deren Verderben auf's Äußerste zu treiben. Wir können nicht anders, denn unter Anderem an die großen Verderbnisse uns erinnern, welche eben um die Zeit der Geburt Christi in der Hauptstadt Rom und sonst zu ihrer grauenvollsten Höhe kamen. In welcher Weise die eingeworfenen Wesen sich verderblich machten, das bleibt uns wieder ein Rätsel, und wartet auf eine Erklärung, wenn etwa durch eine neue Ausgießung des Geistes Gottes auch über die Bedeutung und das Wesen, über die Macht und den Einfluß, der Finsternis uns Licht gegeben wird. Uns soll jetzt nur der Eindruck gegeben werden, wie der Drache Alles versuchte, um entweder die Geburt des Kindes zu verhindern, oder das geborene Kind aus dem Wege zu schaffen, oder auch in seine Netze zu ziehen, oder demselben so entgegenzustehen, daß sein Einfluß auf die Erlösung aller Kreatur sollte unwirksam gemacht werden. Aus der Geschichte aber wissen wir schon Einiges, welchen Gefahren das Knäblein ausgesetzt war, daß es sollte schon in seinem Beginnen getötet werden. Welche Anstrengungen und Kämpfe es im Unsichtbaren erforderte, bis es zu einem triumphierenden Einzug in die Welt durch die englischen Heerscharen kommen konnte, ist uns verborgen geblieben. Die Geburt geschah nun eigentlich leicht; und mit der Geschichte des Knäbleins ging's auch seinen Ordnungsweg, wie wir lesen:
v. 5. "Und sie gebar einen Sohn, ein Knäblein, der alle Heiden sollte weiden mit der eisernen Rute. Und ihr Kind ward entrückt zu Gott und Seinem Stuhl."
Dieser Vers zeigt an, daß auf die Zeit der Geburt Jesu die Umstände im Kleinen und Großen sich so geebnet hatten, daß die Geburt des Knäbleins ohne Gefahr, wenn auch nicht ohne Sorge, erfolgen konnte. Alle Zurüstungen der Finsternis wurden zunicht gemacht; und all ihr finsteres Sinnen und Lauern war umsonst gewesen, weil der Glaube der betreffenden Personen Alles überwand. Das Knäblein wurde geboren, als ob nichts im Wege gestanden wäre. Der Engel Schutz, durch den Glauben hergerufen, war zu groß, als daß die Hölle mit all ihrem Vornehmen hätte etwas dawider ausrichten können. Das erste große Zeichen im Himmel, (v. 1), das erschienen war, hat's über das zweite Zeichen im Himmel, den Drachen, gewonnen. Weiteres aber wird nun von dem Knäblein nicht gesagt, als seine Bestimmung, alle Heiden mit der eisernen Rute zu weiden. Die Rute heißt eisern, nicht als eine wehtuende, sondern als eine, die auch am Härtesten nicht zerbrach, unzerbrechlich war, und über Alles es vermochte. Er setzt's durch und führt's zuletzt Alles herrlich hinaus, daß alle Heiden Ihm untertan werden. Die Rute aber, welche die Heiden schlägt, ist das Wort vom Kreuze, das seine unbezwingliche Macht nicht verlieren und in der letzten Zeit erst recht und völlig noch offenbaren wird. Vom Leben und Wirken, vom Sterben und Auferstehen des Knäbleins, als es zum Manne erwachsen war, wird in unsrem Gemälde nichts erwähnt, weil es im Grunde hier nicht am Platze war. Bloß Seiner Entrückung zu Gott und Seines Stuhls wird gedacht, wodurch die Erhebung Christi zum Thron Gottes, zur Rechten Seines Vaters, ausgedrückt ist, von welchem aus es Ihm gelingen soll, zuletzt alle Heiden unter sich zu bringen und zu weiden, wenn auch zunächst Seine Mutter, das Weib, die Grundveste der Gemeine auf Erden, in vielfaches Gedränge kommt, unter den noch fern stehenden, gleichsam in der Wüste sich befindenden Menschen. Von diesem Weibe, der Mutter des Knäbleins, wird nun gesagt:
v. 6. "Und das Weib entflohe in die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott, daß sie daselbst ernähret würde 1260 Tage."
Wir haben bei dem Weibe, der Mutter des Knäbleins, von der eigentlichen Mutter Maria abzusehen. Diese ist nur die Stellvertreterin, das Werkzeug, der großen Mutter. Genau genommen ist Christus das Erzeugnis des Volkes Gottes, welches durch seinen Glauben und seine sehnsüchtige Erwartung den Heiland der Welt gleichsam unter dem Herzen getragen hat, wie eine Mutter im Schoße ihr Kindlein. Dieses Weib nun, die Gemeinde, ist auf Erden geblieben, während ihr Kind zu Gott entrückt wurde, hat aber in dem nun ein Großes gewonnen, daß ihr Sohn (des Menschen Sohn) fortan, der zur Rechten Gottes sitzt, ihr Schutz und Haupt ist, der's ihr nicht mehr fehlen lassen kann. Wie sie aber vorher das alte Bundesvolk vorgestellt hat, so jetzt zugleich das neue mit; oder vielmehr das alte hat eine neue Gestalt bekommen, als nun nicht mehr dem Herrn, dem Gott Israels, allein zugehörig, sondern auch Dem, den Er gesandt hatte, und der nun mit Ihm auf gleichem Throne sitzt, auch nun bemüht, sich zu erweitern über alle Völker der Erde.
Von diesem Weib nun heißt es, sie sei in die Wüste entflohen. Die Wüste steht hier im Gegensatz zum gelobten Land. In Letzterem hat das Weib ihre Heimat, ihren Mittelpunkt. Aber das war nun nicht mehr so; und die von ihrem Samen, nun Christi, hatten kein Bleibens mehr im gelobten Lande, da ihre bisherigen Obersten wider sie waren. Sie entflieht, entwickelt und nährt sich in der Wüste, auf bisher heidnischem Boden, und hat da nun ihren Schutz von oben, wie bisher in Jerusalem. Sie muß sich in der Wüste, mitten unter Heiden, wo sie nur konnte, zu konzentriere suchen. Wenn es nun heißt, sie hätte da einen Ort gehabt, bereitet von Gott, so deutet das auf einen Ort hin, der ihr als ein anderes Zion und Jerusalem dienen sollte. Daß ein solcher Ort in der ersten Zeit gewesen sei, ist nicht erkennbar. Es gab keine Stadt oder Gegend, die sich als den Mittelpunkt der Gemeinde, oder als den Fluchtort des Weibes, ansah, oder als solcher angesehen wurde. Korinth etwa konnte eine Bestimmung der Art gehabt haben (Apost. 18, 9. 10); aber bald ging es nicht mehr lauter daselbst zu, trotzdem, daß "sie da keinen Mangel hatten an irgend einer Gabe." Sie entwanden sich nicht genug dem Character der Wüste. Waren etwa die sieben Gemeinden der Offenbarung der bezeichnete Ort? Ganz bestreiten wird man das nicht können, wenn ihre Engel sieben Sterne genannt werden in der Hand des Herrn, der unter den sieben goldenen Leuchtern oder Gemeinen wandelte, was als ein Geheimnis dem Johannes zum Schreiben gesagt wurde (1, 19. 20; 2, 1). Auch heißt es nach jedem Sendschreiben: "Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinen saget." Aber noch während des Bestands dieser Gemeinen hätte der Herr kommen sollen; denn ihnen wurde die Zukunft des Herrn als nahe vorgestellt. Indessen verfielen die Gemeinen; und allmählich ist der Verzug eingetreten, von dem wir schon öfters gesprochen haben. So hatte eigentlich das Weib keinen Zufluchtsort besonderer Art, den ihr Gott bereitet hätte. Später machten sich wohl gewisse Städte zu hierarchischen Mittelpunkten, namentlich die vier Patriarchensitze Antiochia, Alexandrien, Konstantinopel (Byzanz), und Rom. Allein Zufluchtsorte "für die Übrigen von des Weibes Samen, die da Gottes Gebot halten und das Zeugnis Jesu Christi haben," kann man diese Stätte nicht nennen, die selbst wieder zu einer geistlichen Wüste wurden. So müssen wir immer noch sagen, sei ein bestimmter Ort in der Wüste, d. h. auf dem Boden, auf welchem bisher die Heidenwelt gestanden war, für das Weib, für die lauteren und ächten Glieder am Leibe Christi, nirgends zu finden, kein Zion, auf welchem Offenbarungen Gottes und Kundgebungen der Kraft Christi, als ein Sonnenlicht, in's Große strahlten. Wir wissen zwar, daß überall durch die ganze Erde christliche Gemeinden verbreitet sind, daß an manchen Orten auch viel Glauben herrscht und Anerkennung Christi. Aber hervorstechend, daß man sagen könne, das sei's, dahin auch die Heiden in Scharen liefen, zu lernen die Wege Gottes (Jes. 2, 2. 3), ist nirgends durch die ganze Welt ein Ort zu finden, zumal da die Bekenner Christi schon im Bekenntnis so gar sehr auseinander stehen. Ist aber ein solcher Ort nicht da, so muß man ihn auch nicht voreilig machen; und das tun alle die, die jetzt geschwind von dieser oder jener Gemeinde oder Erscheinung in der Kirche es sagen und aussagen wollen, sie sei es. Ehe es neue Entwicklungen im Reiche Gottes durch den Geist von oben gibt, kann ja schon gar nicht von Gott ein Ort zubereitet werden. Denn ein solcher Ort müßte auch Spuren einer besonderen Gotteskraft an sich tragen, wenn er als ein von Gott bereiteter soll da stehen.
Sehen wir unsern Text näher an, so wird die Zeit, in welcher das Weib einen Ort haben würde, von Gott zubereitet als Zufluchtsstätte für sie, auf 1260 Tage angegeben. Diese Zahl ist eine solche, die durch die ganze Offenbarung immer wiederkehrt, auch unter dem Namen 42 Wochen, oder drei Zeiten und eine halbe (Jahr). Erwägen wir das, so werden wir plötzlich an das Ende versetzt, oder an das, was zu allerletzt vor der Zukunft des Herrn geschehen wird; und die Zubereitung des Orts, in welchem die Überbleibsel der Gläubigen (s. v. 17) ernährt werden, durch neue Geistesstärkungen von oben, fällt erst in die angegebene letzte Zeit, wenn der Sieg über den Drachen wird erkämpft sein, daß er im Himmel verworfen wird und nur noch auf Erden seine Wut versucht (v. 7-13). Deswegen wird des angekündigten Orts noch einmal erwähnt (v. 14 ff.), da das Weib vor dem Angesichte der Schlange sich zu wehren und siegreich zu erweisen hat.
Der Zeit zwischen der Entrückung des Knäbleins zu Gott und der 1260 Tage wird nicht weiter gedacht; und es ist so gegeben, als ob mit der Entrückung des Knäbleins auch die Zeit der Ernährung in der Wüste begänne. Im weiteren Sinne war's nun so, wenn auch ein bestimmter Ort noch nicht gegeben wurde; aber das Besondere fehlte. Die Schrift aber will über die Zeiten nichts Näheres sagen und redet immer, als ob so gut als kein Verzug wäre. Für uns liegt darin ein Wink, daß der Verzug eigentlich nicht sein sollte, als durch Saumseligkeit derer auf Erden veranlaßt. Sodann ist durch die Zahl der Tage wenigstens so viel angezeigt, daß, was in dieser Zeit geschieht, auf die Letztzeit zu beziehen ist, wir also auf die Zubereitung eines bestimmten Orts, das dem Weibe als ein Zion dienen sollte, erst zu warten haben, und wenn er wird, das Ende vor uns sehen. Auf diese Weise ist die ganze Zeit der christlichen Kirche bis dahin in der Offenbarung völlig übergangen, wie wenn sie gar nicht wäre; und wir haben's so zu nehmen, daß alle Zeit, von der Zeit an, da die Offenbarung geschrieben wurde, wenigstens in unsrer Stelle, völlig übergangen wird. Volle 1800 Jahre bis heute sind geradezu als nicht seiend angenommen. Denn die 1260 Tage sind die letzten vor der Zukunft Christi. In diesen letzten Tagen wird das Weib, in der Wüste, welche für uns nun die Bedeutung der zerfallenen, gleichsam geistlich verwüsteten Christenheit oder Welt überhaupt hat, einen aller Welt erkennbaren Ort bekommen, in welcher sie wunderbar genährt und gekräftigt wird, wohin sich Alles herflüchtet, was sonst durch die Schrecknisse der Finsternis bedrängt ist. Es ist daher solcher Ort kein Fluchtort außer der Christenheit, sondern in ihr, da die Übrigen vom Samen des Weibs ihren Halt haben. Fest und unerschütterlich werden diese im Glauben aushalten, zugleich zur Stärkung des Ganzen, auch unter schweren Zeiten, Verfolgungen und Ängsten, bis mit der Zukunft Christi Alles wird vollendet werden. Denn die Anfeindungen des Drachen, so zornig er ist, werden alle umsonst sein (v. 17).
So sehe ich das 12. Kap. der Offenbarung an. Ich lasse mich aber auch belehren. Denn rechthaberisch will ich nichts gesagt haben.
157) Die Lebenserhaltung.
Frage: "Ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wollten Sie in Ihrem Blatte mir Antwort geben auf die Frage: ""Ist der Mensch nach Gottes Willen verpflichtet, Alles, was in seiner Macht und seinem Vermögen steht, anzuwenden, um sein Leben zu erhalten, selbst wenn's scheint, als nütze das Leben Niemanden mehr auf Erden?""
Antwort. Wenn der Fragesteller über erwähnte Verpflichtung aus dem Worte Gottes, in welchem ja allein der Wille Gottes erkannt werden kann, belehrt sein will, so wüßte ich nicht, auf was in der Schrift ich hinweisen sollte. Mir ist nicht das Geringste bekannt, daß irgendwo in der Schrift die Verpflichtung uns nahe gelegt würde, wir sollten Alles, was in unsrer Macht und in unsrem Vermögen stünde, anwenden, um unser Leben zu erhalten. Ein solches Wort würde uns schon Gott gegenüber zu viel einräumen, der doch eigentlich Herr über Leben und Tod ist, als müßten wir's mit dem Leben aus eigener Macht erzwingen. Wenn denn auch Gefahren des Todes, wie Krankheiten, von Gott kommen, so kann doch keine Stelle in der Bibel sich finden, in der uns Gott sagte: "Widerstehe mir, so viel du kannst, daß ja mein Vorhaben, dich sterben zu lassen, nicht gelinge." Die Schrift dagegen heißt uns mehr geduldig sein und der Hilfe des Herrn harren, während eine Gesinnung, nach welcher man alles nur Erdenkliche, selbst mit dem Wagnis seiner und der Seinigen Existenz, gegen das, was Gott gefügt hat, vornehmen will, fast eine rebellische zu sein scheint. Was also über ein gewisses natürliches Maß hinausgeht, das ein gottesfürchtiger Mensch wohl erkennen mag, kann in der Schrift nicht, ohne daß sie sich selbst widerspräche, als eine Verpflichtung gefordert werden. Solche Verpflichtungsregel würde auch nicht gut zu den Anforderungen sich reimen, daß man unter manchen Umständen sein Leben nicht schonen soll, wie es Fälle gibt, da, wer sein Leben erhalten will, es verlieren wird, und wie von Dienern des Worts gerühmt wird, daß sie ihr Leben nicht lieb gehabt hätten bis in den Tod. Wenn man nun nebenbei doch Alles mit Aufwendung aller Macht und alles Vermögens versuchen soll, sein Leben zu erhalten, so ist es sehr schwer, die Grenze zu finden, wie weit man sich schonen soll. Selbst der Feigling oder Flüchtling im Kriege wäre in etwas gerechtfertigt. Ärzte auch sind verpflichtet, ihr Leben nicht zu schonen, bei Tag und bei Nacht sich herzugeben, die gefährlichsten Kranken zu besuchen. Wie kämen sie da in Not, wenn es einen Befehlsspruch gebe, mit allen Mitteln sein Leben zu erhalten! Jeder Christ soll das Äußerste, auch mit Gefahr seines Lebens, versuchen, um Andern zu dienen und zu helfen. Wie Vieles dürften, wenn ein Schriftbefehl vorläge, Viele nicht tun, was ihrer Gesundheit Schaden droht, und doch ihr Gewissen sie tun heißt. In der Schrift steht also der Art nichts. Diese nimmt es nur selbstverständlich, daß ein Mensch nicht darf fahrlässig mit seiner Gesundheit und seinem Leben umgehen, sagt aber nichts Besonderes dazu; und nach ihr wird einmal der, der im Dienste für seine Mitwelt sein Leben aufopfert, besser angesehen sein vom Herrn, als wer nur gleich zurückgetreten ist, wo er Gefahr für sein Leben fürchtet. Auch der wird mehr gelten, der stille und ruhig der Hilfe des Herrn harrete, als wer Alles in Bewegung setzte und dran rückte, um etwa seinem Leben einige Tage zuzusetzen.
Die Frage ist hauptsächlich darauf gerichtet, ob der Mensch insbesondere in Krankheiten verpflichtet sei, Alles dran zu rücken, daß ja die Krankheit nicht zum Tode führe. Gehe ich mit Rücksicht hierauf an die Schrift, - denn außer dem, was die Schrift sagt, kann ich von keinem Willen Gottes reden, - so finde ich, daß sie sich gar nicht darauf einläßt, den Menschen auf äußerliche Mittel zu weisen, daß er wieder gesund werde, wenn auch im Gesetz Einiges für Israel vorgeschrieben war, da es aber auf eine wunderbare, nicht natürliche Hilfe hinauslief. Umgekehrt wollen Viele auf das hinweisen, daß es dem Könige Assa sehr zum Vorwurf gemacht wurde, daß er in einer Krankheit an seinen Füßen nicht den Herrn gesucht habe, sondern die Ärzte (2 Chr. 16, 12). Ich berühre das nur um derer willen, die vielleicht erwarten, daß ich diese Stelle hier nicht unbeachtet lasse. Denn davon bin ich weit entfernt, aus dieser Stelle etwas gegen ärztliche Behandlung entnehmen zu wollen, da jedenfalls hier unter Ärzten zaubernd wirkende Personen verstanden sind, deren Art in keine Vergleichung mit der ärztlichen Behandlung unsrer Zeit zu bringen ist. Aber Stellen, in welchen bei Krankheiten äußerlichen Mitteln eine große Bedeutung zugeschrieben wird, lassen sich keine finden. Das aber ist gewiß, daß in unsrer Zeit, um auf Assa zurückzukommen, doch auch Leute sind, die mit verbotenen Mitteln, mit heimlichen Künsten, mit Sympathien, Aberglauben und Zaubereien, bei welchen allen der Herr nicht mitwirkend sein kann, sich zu helfen gewohnt sind; und wenn diese auch den Grundsatz haben, Alles zu versuchen, koste es, was es wolle, und sei's, wo es wolle, ob's Zauberei sei, oder nicht, um ihr Leben zu erhalten, so sind diese wider die Schrift und fallen auch in das Gericht des Königes Assa.
Wenn in der Frage betont wird, ob man Alles dran zu setzen habe, sein Leben zu erhalten, so wird vorausgesetzt, daß man sichere Mittel wisse, von deren Wirkung man mit Bestimmtheit die Erhaltung seines Lebens erwarten dürfe. Hier ist aber ein großes Fragezeichen zu machen. Ich will nun nicht davon reden, daß nach der Schrift eigentlich der Herr allein Arzt ist, auch wenn man Mittel anwendet, wie sie Gott darreicht, und daß man den Mitteln nie so viel einräumen darf, als wären sie's, und sie allein, die durchschlagend hülfen. Aber das erfährt doch Jedermann, daß man Vieles anwendet, von dem man sich Alles verspricht, ohne etwas zu erreichen. Wenn ich nun Alles, was in meiner Macht und in meinem Vermögen steht, anwende, um mein Leben zu erhalten, so sollte ich doch dessen gewiß sein, daß es etwas nütze; und nur wenn ich dessen wirklich versichert bin, darf ich etwa Alles dran setzen. Aber auf's Geratwohl Alles versuchen, das möchte nicht recht, möchte sogar Sünde sein. Wir wissen, wie viele Ratgeber immer da sind; und Alle versprechen Alles, so widersprechend sie einander sind. Da gibt es nun Kranke, die ohne Weiteres jeden Rat annehmen, und ihr Letztes dran rücken, um ihm nachzugeben, meinend, sie müßten Alles für ihr Leben tun. Wenn nun auch Ärzte sich widersprechen, was ja vorkommt, was berechtigt die Kranken, auf den Einen Alles zu bauen, auf den Andern nichts, und nun frisch mit aller Macht auf das, was jener sagt, loszugehen? Wie können sie Alles dran setzen, selbst den Ruin einer ganzen Familie riskieren, welche oft ihren letzten Pfennig dran geben muß? Wie unsicher Hunderte von Ratschlägen oft sind, das liegt ja offen am Tage. Von Gott aber voraussetzen, daß Er, um zu helfen, das Äußerste und Abenteuerlichste vom Kranken verlange, das heiße ich nicht fromm von Gott denken. Das heiße ich keinen Glauben und kein Vertrauen; und für diesen Fall weiß ich in meinen Blättern nichts zu raten.
In der Schrift ist kein anderer Rat den Kranken gegeben, als daß sie sich sollen zum Herrn halten. In unsrer Zeit kann man das freilich nicht durchführen, allein sich an den Herrn zu halten, obwohl dieses an und für sich schon nicht Alles ausschließt, was man sonst in der Schöpfung Gottes zu seinem Guten benützt. Denn des Herrn unmittelbares Wirken ist meist nicht, und sonst nur schwer zu erlangen, weil wir nicht in der Zeit der Wunder stehen, wenn diese auch wieder kommen kann. Aber wenn die Schrift konsequent von allem Andern, was etwa der Gesundheit aufhelfen könnte, schweigt, so liegt darin jedenfalls ein Wink, daß man, wenn man, wie nötig, menschliche Hilfe und Mittel braucht, nicht sich so stelle, als ob man gerade hievon alles Heil zu hoffen habe. Ich muß für den Glauben an den Herrn, der nicht ganz ferne ist, mir etwas offen lassen. Das tue ich aber nicht, wenn ich Alles anwende, was nur in meiner Macht und in meinem Vermögen steht; denn hiebei wird einfach nichts nach Gott gefragt. Wenn ich also fast bis an's Ende der Welt gehe, um Heilung zu finden, wenn ich von einem Arzte zum andern laufe, wenn ich Notabilitäten, die Hunderte von Meilen entfernt sind, mit fast unerschwinglichen Kosten berufe, wenn ich sonst allerlei Abenteuerliches tue, wie ja das so viel vorkommt, wenn man sogar in den letzten Stunden noch Allerlei mit Kranken vornimmt, als ob man's dem lieben Gott verwehren wollte, den Tod eintreten zu lassen, so ist das Alles wider den Glauben; und in der Regel zeigt sich der Unsegen und die Strafe dafür in dem, daß Alles umsonst ist, was man mit Anstrengung aller seiner Kräfte und mit Aufbieten alles seines Vermögens vornimmt. Denn es ist, als ob der Herr, der für ein kindlich gläubiges Gemüt immer zu haben ist, nur um so ferner träte, je mehr der Mensch die Hilfe von sich aus schaffen will, sei's mit oder wider den Herrn. Wer daher bescheiden in dem Kreise, an den er gewiesen ist, verbleibt, und mehr nur das Nächstliegende benützt, ob's viel oder wenig ist, überzeugt, daß doch eigentlich die Hilfe von oben kommen muß, der wird's am Besten treffen. Weil er darunter auch Vertrauen zu Gott hat und Glauben beweist, und auf Anderes, das nicht Gott ist, sein volles Zutrauen nicht wirft, dem wird der Herr am Leichtesten nahe kommen können, daß sein Leben erhalten wird. Denkt er sich vollends in eine Heilszeit hinein, die endlich wieder kommen wird, und wagt er's, von dieser aus ein Voraus sich zu erbitten, so mag er es inne werden, wie er so am Besten für sich sorgt.
Wenn die Frage endlich das berührt, ob man viel auch für die Erhaltung eines Lebens zu tun verpflichtet sei, das Niemanden mehr auf Erden zu nützen scheine, so muß ich denn doch sagen, daß die Rücksicht auf die Nützlichkeit eines Lebens für dessen Erhaltung nicht in besonderen Betracht kommen darf. Jedes Menschen Leben muß für uns gleiche Bedeutung haben, wenn sich's um seine Erhaltung handelt. Ich möchte Niemanden zu verstehen geben: "Was sorgst du so sehr für dein Leben, und rückst du so viel an seine Erhaltung, da dein Leben ja eigentlich keinen Wert mehr hat." Das ist nicht richtig gedacht und gesprochen; und solcherlei Gedanken sollten nicht bestimmend sein. In Obigem aber ist genug gesagt, zu zeigen, daß ich ein Leben darum nicht vernachlässige, wenn ich nicht alle meine Macht und all mein Vermögen für dasselbe aufwende.
158) Abermals über die Symbolik der Schrift.
Frage: "Ihre Antwort in Nr. 5 über die Symbolik der Schrift hat meine bisherige Anschauung des Alten Testaments ganz umgestoßen. Wenn wir nicht das Symbolische darin finden, so hat es ja für uns gar keine Bedeutung mehr, wie z. B. das 3. u. 4. Buch Mose, wo nur (?) von den Opfern und dem Tempelbau geschrieben ist. Dann haben die liberalen oder modernen Prediger, wie sie in Holland genannt werden, Recht, wenn sie sagen, die Schreiber der Bibel seien nicht immer vom Heil. Geiste erfüllt gewesen. Daher hätte Vieles gar keinen Wert für uns. Das Vorbildliche des Opferlamms auf Christus nehmen sie nicht an; und da sie im Alten Testament nicht Alles vom Heil. Geist eingegeben halten, so streichen sie auch Vieles im N. Testament. Wenn wir die Zeugnisse von Christo nicht mehr einer Symbolik der Schrift zu entnehmen brauchen, so haben eigentlich nur die noch nicht erfüllten Verheißungen in den Propheten eine Bedeutung für uns? Wenn sie in Ihren Blättern mir darüber Aufschluß geben könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar."
Antwort. Wenn Ihre bisherige Anschauung des Alten Testaments, sofern Sie nur in der Symbolik desselben einen Wert finden, durch meine Antwort ganz umgestoßen ist, ist das ganz recht. Sie müssen dem A. Testamente ohne seine Symbolik auch einen Wert beilegen lernen. Warum soll denn Gottes Wort nicht auch geradeaus etwas Wertvolles geben können, wie andere Schriften, und nur durch eine Umdeutung wertvoll werden? Jene übertrieben gehaltene Symbolik, die in Allem, auch im Geringfügigsten, nur gleich nach dem Symbolischen forscht, ist für den, der ihr sich hingibt, nur ein Bibelräuber. Denn vom geraden Sinn hat er dann nichts, und von seiner hineingelegten Symbolik wenigstens nichts Sicheres; und somit hat er gar nichts von der Bibel. Diese ist ihm wie geraubt. Ich bitte Sie, das A. Testament einmal ganz nur so zu lesen, wie's da steht, und darüber zu denken, nicht daraus hinaus. Es wird Ihnen viel Großes und Erbauliches darbieten, und gewiß mehr, als Sie von Ihrer symbolischen Auslegung bisher gehabt haben. Daß freilich Zeremonielles und Gottesdienstliches, namentlich auf Opfer Bezügliches, wie es der Herr befohlen, symbolische Bedeutung hat, habe ich ja zugegeben; und ich gebe es jetzt noch zu. Denn es ist der Schatten von dem Wahrhaftigen, und muß eine ideelle Unterlage haben, die an der Hand des N. Testaments viel Licht und Erbauung geben kann. Daß aber am Tempelbau jedes Maß und jede Form und jeder Stein und jeder Nagel soll eine geistliche symbolische Bedeutung haben, ist zu viel verlangt. Vieles erforderte da nur das natürliche Ebenmaß. Ein Techniker kann viel dran lernen, wie er etwas Bauliches symmetrisch, geschmackvoll und praktisch richtig dem Alttestamentlichen nachmachen oder dieses für seine Arbeiten verwenden kann; und es mag ihm da viel Wertvolles oder Interessantes sich darstellen. Denn auch im Äußerlichen, das der Herr angibt, kann nur ein Vollkommenes gegeben sein. Wer freilich nicht Techniker ist, kann ja dann Vieles überschlagen, ohne zu murren, daß das keine Bedeutung für ihn habe. So kann jeder Christ auch sonst Manches überschlagen, das sehr bedeutungsvoll ehemals war und jetzt noch für gewisse Leute, an dem er selbst aber nichts mehr hat. Verliert aber damit das A. Testament im Ganzen an Wert für uns, wenn Äußerliches uns nichts mehr gilt?
Was Sie aber von den liberalen oder modernen Predigern sagen, gehört doch eigentlich nicht hieher. Denn wie sollten diese der heiligen Schrift mehr Wert beilegen, wenn man dieselbe nicht natürlich einfach, sondern geistlich verkünstelt soll ansehen lernen, um etwas Rechtes in ihr zu finden? Denn jene modernen Ausleger wollen das Wort, wie's da steht, ansehen, und nicht den Ausleger, der draus macht, was ihm beliebt. Wenn wir also das Wort als solches auslegen, daß etwa auch Liberale merken könnten, es sei doch etwas Rechtes an der Bibel, so tun wir gewiß besser daran. Nur ein oberflächliches Lesen dessen, was da steht, kann zu einem Widerspruch führen. Geht man's aber nach dem direkten Inhalt und wirklichen Wortsinn durch, ohne Nebengedanken mit hereinzuziehen, die nicht da stehen, so kann Mancher in sich gehen und das wirklich Göttliche anerkennen. Wenn aber die Liberalen streiten und leugnen wollen, und sagen, es sei nicht Alles, sogar nichts, vom Heiligen Geist geschrieben, so ist das ihre Sache; und ihnen habe ich Göttliches nicht mundgerechter zu machen, als es ist. Mit einer symbolischen Auslegung werde ich sie nicht kurieren oder anders stimmen. Zeugnisse von Christo ferner, dem kommenden Weltheilande, gibt ja das A. Testament viele, und zwar direkt gesagt, ohne daß man sie erst durch eine Symbolik herausdeuteln muß. Wenn keine anderen Zeugnisse von Christo im A. Testamente wären, als die man durch symbolische Auslegung herausbringt, so wäre es mit ihnen übel bestellt, namentlich für den, der mit einer berechtigten Vernunft Alles geradeaus vor sich sehen möchte. Anwendungen freilich können immer von Allen gemacht werden.
Wenn Sie es endlich bedauern, daß das A. Testament, außer den Propheten mit ihren Verheißungen, gar keine Bedeutung mehr für uns hätte, wenn man jene weitgehende Symbolik nicht gelten lasse, so möchte ich Ihnen doch bessere Augen wünschen für das Herrliche des A. Testaments in Geschichte und Lehre, namentlich für die persönlichen Bezeigungen Gottes in Israel, welche uns bis auf den Tag Jesu Christi eine Aufrichtung gewähren, weil sie auch Hoffnung geben zur Wiederkehr ähnlicher Kundgebungen Gottes. Wie sehr wünschte ich, daß das Verständnis für das A. Testament, und zwar eben für das, wie es da steht, wieder aufkäme! - Haben Sie die Güte, sich diese Aufschlüsse gefallen zu lassen; und versuchen Sie es, eine andere "Anschauung" des A. Testaments sich anzugewöhnen, als eine solche, durch welche Sie um den eigentlichen Inhalt desselben bisher gekommen sind.
159) Vom rechten Kämpfen.
Frage: "Bitte um die Besprechung von 2 Tim. 2, 5. Was heißt recht kämpfen? und was gehört dazu? Was für eine Herzensbeschaffenheit gehört dazu, um sieghaft kämpfen zu können? Was kann der Mensch seinerseits tun, um die vom Herrn Jesu uns versprochene Waffenrüstung auch wirklich anlegen oder sich ihrer wirksam bedienen zu können?"
Antwort. Der Spruch, um den sich's hier handelt, ist an Timotheus gerichtet, welchen Paulus eben vorher einen Streiter Jesu Christi genannt, und mit einem Kriegsmann verglichen hat. Er lautet also:
v. 5. "Und so Jemand auch kämpfet, wird er doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht."
Wir sehen, daß der Spruch zunächst nicht jeden Christen angeht, sondern mehr die Diener des Worts, die in eigentümliche Kämpfe hineinkommen, die nicht jeder Christ hat, weil sie vor allerlei Menschen für das Evangelium einzustehen, dieses auch immer weiter auszubreiten, oder fortwährend in Andern zu befestigen haben. Für das Wort nun kann man schon kämpfen. Man kann aber auch laß und schwach kämpfen, verkehrt und verzagt, nicht mit genügendem Eifer. Man kann nebenbei sich zu viel in Zeitliches einlassen, oder wie Paulus sagt (v. 4), in Händel der Nahrung sich verflechten, und so der Hauptsache, für die man zu kämpfen hat, Abbruch tun. Weil denn mit einem solchen Kämpfer nicht genug geholfen ist für das Reich Gottes, und diesem viel von seiner Kraft auf Nebendinge abgeht, ist derselbe kein guter Streiter, und kann dem nicht gefallen, der ihn angenommen hat, nämlich Christo, als dessen Stellvertreter er sich zu bezeigen hat. Kronen sind nun hauptsächlich denen verheißen, die in Christi Namen das Reich fördern, Seine Kämpfe auf sich nehmen und dasselbe seinem Ziele und Siege entgegenführen. Zu diesen Kämpfern wird gesagt, wie dort dem Engel der Gemeine zu Smyrna (2, 10): "Fürchte dich vor der Keinem, was du leiden wirst. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Zu dem Engel der Gemeine zu Philadelphia sagt der Herr (3, 11): "Halt', was du hast, daß Niemand deine Krone nehme," nämlich, wie's dort gemeint ist, unter der Versuchung, welche über der ganzen Welt Kreis kommen werde. Von sich selbst sagt auch Paulus in unserem Briefe (4, 8), ihm sei hinfort beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, weil er einen guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und Glauben gehalten habe. Diese Krone hat nun jeder Kämpfer, dem der Kampf für das Reich Gottes aufgelegt ist, zu erwarten. Aber gekrönt wird er doch nicht, ob er auch kämpft, wenn er nicht recht kämpft, wenn er sich den Kampf nicht in vollem Sinn anbefohlen sein läßt. Sonst lesen wir von der großen Schar, die Niemand zählen kann (Off. 7, 9), daß sie wohl weiße Kleider und Palmen in die Hände bekommen wird, aber nicht gerade Kronen auf das Haupt.
Der Spruch, der in Frage steht, wird hienach doch für gewöhnlich nicht recht angesehen, wenn man ihn so ganz auf den Glaubenskampf zur eigenen Seligkeit bezieht, den immerhin jeder Christ zu bestehen hat. Indem man das tut, legt man einfältigen Christen, die still und unbescholten in der Furcht des Herrn hingehen, ein Joch auf den Hals, indem man sie an dem Spruch sich abängstigen läßt und in beständiger Furcht erhält, ob sie auch rechte Kämpfer wären, die ihre Seligkeit glücklich erreichen, dabei sie über dem, was recht kämpfen heiße, immer verlegen und ängstlich sind, und nicht zur Ruhe kommen können. Das Wort gekrönt nimmt man dann für selig, wie wenn es hieße: "So wird er doch nicht selig, er kämpfe denn recht." Das wäre doch eine harte und unevangelische Rede. Auch der Fragesteller ist in große Angst versetzt, und möchte von der Herzensbeschaffenheit etwas hören, die zum siegreichen Kampfe tüchtig mache. Auch mit dem Weiteren, das er sagt, gibt er den Eindruck, daß er, den Spruch ansehend, das Seligwerden sich doch sehr schwer denkt. Der Glaubenskampf des gewöhnlichen Christen ist aber nicht so schwer; und das Evangelium verlangt eigentlich nur einen lauteren Sinn, bei dem der Mensch nicht doppelt ist, d. h. wohl in etwas des Herrn, aber zu gutem Teile der Welt. Der lautere Sinn kommt schon über die Anfechtungen hinüber, deren es allerdings viele gibt. Er sucht sein Gewissen frei zu erhalten, weiß seine Augen auf den Herrn zu richten, und bestrebt sich eines Einssein mit dem Herrn in allem seinem Vornehmen. Gibt's drunterhinein Fehler, so demütigt er sich, ohne eigentlich aus dem Geleise sich bringen zu lassen. Dergleichen Gedanken sich und seinen Mitchristen fleißig vorhalten, ist viel besser, als sich und Andere mit dem abängstigen, es könne fehlen, ob man auch kämpfe, wenn man nicht recht kämpfe. Kämpfe denn nur recht, d. h. mit lauterer Furcht des Herrn, auf daß du los wirst von Stricken der Finsternis; so kannst du's gar auch noch zu einer Krone bringen. Aber der Spruch will von dem Seelenkampf nicht reden. Die Waffenrüstung ferner besteht nach Eph. 6, 14 ff. in Wahrheit, Gerechtigkeit (Rechtsein), Friedensliebe, Glauben, Hoffnung, Wort Gottes. Was braucht's weiter, als daß man sich um das Alles vor dem Herrn beeifere? Da muß ich's eben einfach angreifen, muß einen Ernst dazu haben und festen Willen. Von jenem lockeren Sinn, der mit Leichtigkeit in allerlei Sünden sich bewegt, glaube ich hier nicht reden zu müssen.
Bei einem Apostel und Diener des Worts, namentlich in den alten Zeiten, gab es noch ganz andere Kämpfe durchzumachen, da es darauf ankam, ob sie sie recht kämpften, oder nicht. Sie waren im Allgemeinen ganz blutt gestellt, und unaufhörlich darauf angewiesen, in Ungewöhnlichem sich durchzuglauben, ohne zu sehen. Da konnte ihnen die Versuchung nahe treten, doch auch ein wenig äußerlich für sich zu sorgen, was bei einfachen Christen ungefährlich ist, bei ihnen aber wohl; und ehe sie sich's versahen, hatten sie mehr Sorge für ihr Fortkommen, für ihr äußeres Bestehen, waren sie also "in Händel der Nahrung," wohl auch Mammonssinn, verflochten und Anderes mehr; und damit litt ihr Kampf für das Reich Gottes not. Sie konnten blöde und feige, ängstlich, zaghaft und verleugnend sich benehmen, um sich Leiden zu ersparen, oder üble Nachreden, oder Verfolgungen, da sie zu viel auf sich selbst sahen und alle Energie für den Kampf um den Herrn und Seine Sache verloren. Waren sie denn auch berufen, Arbeiter Christi zu sein, und sich mit ihrem ganzen Menschen für den Dienst Christi herzugeben, und sie betrugen sich, um plump zu reden, wie Hunde, die man zum Jagen tragen muß, da war's mit der Krone aus, die sie als Überwinder oder Streiter Christi zu hoffen hatten. Daß sie aber sollten so schnell auch der Seligkeit verlustig werden, ist nicht gesagt, sei's, daß es etwa bei ihnen ginge, wie bei den Arbeitern, deren Werk durch's Feuer bewährt wird, und die, wenn sie auch des Schaden leiden, doch selbst selig werden, doch so, als durch's Feuer (1 Kor. 3, 15).
Ich meine, der Fragesteller hätte an dem Gesagten genug, um nachzudenken, und sich auch mit kindlichem Vertrauen zur Gnade Gottes in Christo zufrieden zu stellen.
160) Unbekehrte Geschwister.
Frage: "Wie verhält man sich zu seinen Geschwistern, die zwar äußerlich ein ehrbares Leben führen, von denen man aber nicht sagen kann, daß sie ein neues Leben begonnen hätten und sich auf dem Wege befänden, der zum Heil führt, von denen sogar Einige die Freuden dieser Welt noch lieb haben und genießen, Andere wieder an die Erhörung des Gebets nicht recht glauben können, und mit denen man wegen Entfernung nur im Briefwechsel steht. Schon längere Zeit hat mich diese Frage beschäftigt, habe aber noch keine Gewißheit darüber finden können. Der teure Gottesmann, R. Baxter, stellt es zur Gewissenspflicht, eindringlich mit der Ermahnung zu sein, daß sie sich von der Welt lossagen, und nicht eher zu ruhen, bis die Mühe von Erfolg sei. Andere ebenso ernste Männer raten davon ab. Da ein Versäumen schwer verantwortlich ist, ein falsches Verfahren aber ebenfalls von großem Nachteil sein kann, so möchte ich hiemit durch Ihre Blätter um Ihre Ansicht bitten."
Antwort. Auf Geschwister, mit welchen man mehr nur im Briefwechsel steht, läßt sich doch aus der Ferne durch ermahnende Briefe nicht einwirken. Man hat schon gar nicht den rechten Eindruck, ob es mit ihnen, wenn sie doch einmal äußerlich ein ehrbares Leben führen, so schlimm stehe, daß für sie Alles zu fürchten wäre, wenn sie etwa aus der Zeit gerufen würden. Ist aber die Differenz zwischen den Nahen und Fernen nicht auffallend, so hat das Viele Ermahnende der Einen gegen die Andern etwas sehr Drückendes und Weh tuendes, wird also zu Gutem gerade nicht führen. Alles aber hängt doch davon ab, ob Jemand im Glauben an Jesum Christum stehe, der aus Gnaden selig macht, weil Er denen, die an Ihn glauben, die Vergebung der Sünden zusichert, daß nichts mehr sie verklagen oder verdammen kann. In diesem Glauben steht Mancher, ohne daß er es besonders zur Schau trägt; und wenn er ein ehrbares Leben führt, hat man kein Recht, sich's von ihm zu denken, daß er nicht in dem seligmachenden Glauben an Christum stehe. Der Fragesteller kommt, was mich befremdet, auf das gar nicht zu reden, wie er sich das Verhältnis seiner fern wohnenden Geschwister, auf die er doch wirken möchte, zu Christo denkt. Wie er überhaupt auf diese wirken mag, ohne vor Allem vom Heiland zu reden, und den ihren Herzen nahe zu bringen, verstehe ich nicht. Wir müssen doch vorsichtig sein, daß wir uns nicht den Schein geben, als ob wir auf ein echtes Christentum wirken könnten, ohne des Namens Jesu zu gedenken, während doch gewiß ist, daß in keinem Andern Heil ist, und kein anderer Name den Menschen gegeben ist, darinnen sie selig werden, denn allein der Name Jesu.
Es nimmt mich auch an Baxter Wunder, dessen Worte angeführt worden sind, daß er nur das zur Gewissenspflicht stellt, daß man eindringlich mit der Ermahnung sei, sich von der Welt loszusagen, und daß man nicht eher ruhen soll, bis die Mühe von Erfolg sei. Hier wird doch das eigentliche Evangelium mit seiner heilsamen und züchtigenden Gnade nicht gebührend in den Vordergrund gestellt. Erst wenn man, gedrungen von der Liebe Christi, von der Welt sich lossagt, hat dieses Lossagen eine Bedeutung zum Seligwerden, da es ja sonst auch ein Streben der Eigengerechtigkeit sein kann. Die Forderung an Jemand ferner, sich von der Welt loszusagen, hat etwas sehr mißverständliches und Unbestimmtes. Denn die Welt ist in unsrer Zeit nicht mehr dieselbe, wie sie in der apostolischen Zeit gegenüber von Christen war. Damals waren die Heiden oder wirklichen Götzendiener mit ihren lockenden Verführungen die Welt, mit welcher die Christen keine Gemeinschaft haben konnten. Eigentliche Heiden gibt es bei uns keine mehr; und so heißt man Welt, was man will, sehr häufig auch in unrechter Weise, wie wenn das Welt wäre, wo Viele in geselliger Freude je und je bei einander sind, oder wenn man in Kreise kommt, in welchen eine gewisse Form der Frömmigkeit nicht zur Schau getragen wird. So lange aber nichts Sündliches und nichts Widergöttliches, nichts Profanes und Unsittliches bei dieser sogenannten Welt vorkommt, kann man doch nicht vor ihr warnen, mit Beziehung auf Schriftworte, als gehe sie den Weg der Verdammnis. Nicht von der Welt überhaupt, denn da fordert man zu viel, sondern von gewissen namhaft zu machenden Dingen, wie sie etwa der sündigen Welt angehören, hat man sich loszusagen. Da mag es denn Manches geben, vor dem man entfernte Geschwister und sonst Personen, für die man sich interessiert, abmahnen kann, wiewohl es auch da Punkte gibt, bei welchen es sehr in Frage kommt, wie weit man sie als ungeeignet verbieten soll. Es gibt da Engherzigkeiten, und Schroffheiten, welche die Einen vor den Andern haben, aber nicht diesen Andern ohne Weiteres als Pflicht aufbürden dürfen. Überhaupt hat das viele Ermahnen in die Ferne immer zwei große Übelstände, nämlich den, daß der Ermahnende zu sehr über den sich stellt, den er ermahnt, und dann den, daß der, welcher ermahnt wird, in wehtuender Weise sich gerichtet fühlt.
Um auf die Worte des Fragestellers zurückzukommen, so ist es doch sehr schwer, Jemanden vorzuhalten, man könne sich von ihm nicht denken, daß er ein neues Leben begonnen habe. Worauf soll sich diese Ermahnung gründen, wenn doch das Leben ehrbar und anständig ist, also wohl auch nach dem Gewissen geführt wird. Ferner soll vorgehalten werden, die Geschwister gehen noch nicht den Weg, der zum Heil führt. Wenn aber etwa Glauben an Christum da wäre, wie auch das ehrbare Leben nicht fehlt, so kann man doch nicht sagen, daß sie den breiten Weg gehen, der zur Verdammnis abführe. Freilich lieben einige noch die Freuden dieser Welt und genießen sie. Aber da kommt es doch viel darauf an, was das für Freuden sind. Es gibt Freuden, die gar nicht von Gott abführen, die auch dem lieben Gott nicht mißfallen. Unschuldige Freuden aber können auch dankbar gegen Gott machen, und die Liebe zu Ihm stärken. Es kommt also hier immer nur darauf an, ob Sündliches mit unterlaufe, oder nicht. Ist's ein Sündliches, so darf man wohl in's Gewissen reden, und soll man's, wenn man dessen gewiß ist, tun. Aber Vorsicht bedarf's, daß man nicht etwas rügt, bei dem sich's doch eigentlich anders verhält; und dann macht der Vorhalt böses Blut. Endlich erwähnt der Fragesteller dessen, daß die Geschwister an die Erhörung des Gebets nicht recht glauben können. Hierüber kann man in die Ferne nicht viel Vorhalt machen. Wir wissen ja, wie der Glaube an das Gebet, d. h. daß man auffallende Erhörungen erwarten dürfe, überhaupt sehr sehr selten ist. Aber eigentümlich ist, daß Viele dennoch beten, auch wenn sie nicht gerade Großes sich davon versprechen. Ein kindliches Gemüt redet gerne seinen Gott und Heiland an, ob es nun vor Augen viel davon habe, oder nicht. Deswegen kann man ja immerhin freundlich aufmuntern, das tägliche Gebet nicht zu versäumen, und an das anschließen, was wir dem Heiland, der Sein Leben für uns gelassen hat, schuldig sind, daß wir namentlich kindlich an Ihn und Seine Gnade glauben, und durch diesen Glauben immer fester zu allem Guten werden.
Es wurde mir nicht leicht, auf die gemachte Frage zu antworten, weil sie zu viel Unbestimmtes enthält, und namentlich des Hauptnervs zur Bekehrung nicht erwähnt. Einen Turm kann man nicht bauen, ehe man Grund gelegt hat. So kann man auch auf ein neues Leben bei Jemanden nicht wirken, ehe eine Wärme für den Heiland und feste Glaubensüberzeugungen geworden sind. Daß Jesus sei in's Fleisch gekommen, gelitten habe und gestorben sei, dann auferstanden und zu Gott erhöht sei, um Alles auf Sein Wiederkommen hin sich untertan zu machen, das ist den Herzen nahe zu legen; und ehe die Herzen damit gewonnen sind, werden sonstige Ermahnungen mehr schaden als nützen, weil die Gemahnten eigentlich so gut als nichts daraus machen können. Sonst soll denen, die sich für Angehörige interessieren, Hauptsache bleiben, fleißig für sie in ihr Kämmerlein zu gehen und den Heiland um tägliche eigene und Anderer Bekehrung anzurufen.
161) Das Leiden am Fleisch.
Frage: "Ich wünschte so gerne in Ihren Blättern Aufschluß über 1 Petri 4, 1, oder die Worte: "Wer am Fleisch leidet, der sündiget nicht." Sie wissen, wie ich schon viele Jahre schwach und krank bin und viele Schmerzen leiden muß. Aber die Versuchungen zur Sünde bleiben eben nicht aus. Sie sind vielleicht anderer Art, als bei Gesunden; aber Kleinglauben, Trotz und Verzagtheit, Undank, Ungeduld etc. können Kranke oft sehr anfechten, und leider auch überwältigen."
Antwort. Wenn man die angeführte Stelle näher ansieht, möchte man doch finden, daß sie eigentlich nicht von leiblicher Krankheit redet, wie sie auch, wenn man sie meint auf leibliche Krankheiten beziehen zu müssen, immer etwas frappiert. Den Wert von leiblichen Krankheiten, bezüglich einer Befreiung durch sie von Sünden, finden wir doch sonst nirgends in der Schrift ausgesprochen. Denn wenn auch Paulus vom Pfahl im Fleisch redet, der ihm gegeben sei, damit er sich nicht der hohen Offenbarungen, die ihm geworden, überhebe, so läßt sich das doch hieher nicht beziehen. Ein Jahre langes Hinsiechen in empfindlichen Krankheiten stimmt schon mit dem nicht überein, daß denn doch in der apostolischen Zeit solchen Krankheiten durch den Glauben und durch Glaubensmänner, welche die Gabe hatten, gesund zu machen, entschieden gesteuert werden konnte. Sieche, wie die liebe Fragestellerin eine ist, die ich seit mehr als 20 Jahren nicht anders als siech kenne, obwohl's am Glauben nicht gefehlt hätte, waren doch in der apostolischen Zeit unter Christen nicht denkbar. Man fühlt sich daher sehr gedrungen, die Worte: "Wer am Fleisch leidet, der höret auf von Sünden," näher anzusehen, ob sie nicht doch eigentlich anders zu nehmen seien, als man sie dem Ausdruck nach gewöhnlich nimmt. Der ganze Vers heißt:
1 Petr. 4, 1. "Weil nun Christus im Fleisch (d. h. an Seinem Leibe) für uns gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn, (d. h. so rüstet euch mit dem nämlichen Sinn, nämlich die Leiden standhaft und unbescholten zu ertragen); denn wer am Fleisch (an seinem Leibe) leidet, hört auf von Sünden," (oder unterläßt das Sündigen). v. 2. (frei übersetzt): "so daß ihr in der übrigen Zeit eures irdischen Daseins nicht mehr den menschlichen Lüsten, sondern dem göttlichen Willen lebet."
Hier wird also das, daß Christus im Fleisch für uns gelitten hat, mit dem zusammengestellt, was sonst Einer etwa auch am Fleische leidet. Bei Christus nun sind's keine Krankheiten gewesen, die Er für uns gelitten hätte, sondern Mißhandlungen am Leibe, die Ihm Seine Feinde zufügten. Wenn das, so kann unser Leiden am Fleisch hier auch nichts Anderes sein, als Mißhandlungen am Leibe, die es durchzumachen gibt um des Evangeliums willen. Kurz, es ist nicht von Krankheiten im Spruche die Rede, sondern sonst von Trübsalen durch die Feinde des Evangeliums, ob die Trübsale nun schon da sind, wie damals oft, oder erwartet werden, da sie auch einen Einfluß wider das Sündigen haben. Noch deutlicher wird das, wenn wir, was dazwischen steht, näher ansehen. Wir sollen, heißt es, weil Christus für uns so viele Leiden an Seinem Leibe durchgemacht hat, uns mit demselbigen Sinn, d. h. Kreuzessinn, wappnen, sollen uns mit dem nämlichen Sinn rüsten, ähnliches leiden zu wollen, als es Christus gelitten hat, so daß wir dem Sinn nach, wenn wir diesen wirklich haben, eigentlich immer am Fleisch leiden, und dadurch vom Sündigen frei erhalten werden. Auf diese Weise macht sich der Sinn der Rede Petri dem ähnlich, was Paulus im Römerbriefe sagt, da es heißt:
Röm. 6, 5. "So wir aber samt Ihm gepflanzet werden zu gleichem Tode, so werden wir auch der Auferstehung gleich sein;" - v. 6. "Dieweil wir wissen, daß unser aller Mensch samt Ihm gekreuziget ist, auf daß der sündliche Leib aufhöre, daß wir hinfort der Sünde nicht dienen."
Alles hängt davon ab, daß wir fortan, nachdem wir gläubig geworden sind, nicht mehr, wie Petrus sagt, "der Menschen Lüsten, sondern dem Willen Gottes leben," nicht mehr (v. 3) "wandeln nach heidnischem Willen in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichen Abgöttereien." Von dem Allem sollen wir im neuen Leben des Glaubens abgebracht werden. Das geschieht aber nicht gerade damit, daß Gott allerlei Krankheit auflegt, damit man unfähig werde, in oben genannten Sünden sich zu ergehen. Sonst hätten ja müssen eben die Christen fortan die kränkesten Menschen werden, damit sie in der Ordnung blieben, während gerade sie so große Verheißungen haben, von allen Krankheiten befreit zu werden. Das Aufhören der Sünden vielmehr, will Petrus sagen, wird bei uns, wenn wir uns allezeit lebhaft in die Leiden versetzen, welche Christus, der Gekreuzigte, ausgestanden hat, eben weil sie für uns erduldet worden sind, und wenn wir eben darum beständig es bei uns bewegen, in den Sinn und Gedanken uns hineinversetzen, daß wir dasselbe Leiden vorkommenden Falls wollten auf uns nehmen. Mit diesem Sinn oder Kreuzessinn sollen wir uns waffnen wider die Sünde; und tun wir's, so sind wir die, die am Fleisch leiden, ob wirklich oder nur gedacht, und die aufhören von Sünden. Wir wappnen uns mit demselben Sinn, den Christus gehabt hat, daß wir nämlich wollten das Kreuz geduldig ertragen, keine Schmach und Schande scheuen, das eigene Leben nicht lieben, unter dem Kreuze Glauben, Liebe und Hoffnung beweisen, und dem Willen Gottes leben. Dieser Kreuzessinn, mit dem wir uns, wie Petrus sagt, waffnen sollen, schließt die ganze göttliche Rüstung in sich, wie sie Paulus Eph. 6, beschreibt. Wer nun mit diesem Kreuzessinn sich waffnet und rüstet, ist eben derjenige, der am Fleisch leidet, wie er denn auch damals nicht gerade lange darauf zu warten brauchte. Es ist ihm immer, als ob er mitten in diesen Leibestrübsalen, die ihm Feinde antun, sich befände, für welche er sich jeden Augenblick bereit erklärt; und eben damit ist er derjenige, der aufhört von Sünden, das Sündigen unterläßt, namentlich bezüglich der Punkte, die Petrus (v. 2. 3) erwähnt. Bei ihm wird auch das erreicht, was Paulus in obiger Stelle sagt, daß der sündliche Leib aufhört, und er hinfort der Sünde nicht dient. Wir müssen uns, wenigstens war's damals so, allezeit als ein Opfer ansehen lernen, das jeden Tag auf die Schlachtbank gefordert werden kann; und das ist ein beständiges Leiden am Fleisch, unter dem ganz von selbst die Sünde aufhört, das Sündigen unterlassen wird.
Hienach ist also der Spruch Petri nicht auf die Krankheiten zu beziehen, welche je und je Christen, auch gläubige Christen, ihr ganzes Leben hindurch leiden müssen. Es soll aber hier damit nicht gesagt sein, daß nicht wirklich Gott je und je, und sogar häufig, durch Krankheiten aller Art die Leute in einer gewissen Zucht erhält. Es ist oft große Gnade, wenn Gott, der voraussieht, was in Jedem steckt, und welchen Versuchungen Jeder vornehmlich ausgesetzt ist, durch Leibestrübsale voraus dafür sorgt, daß ein Leben der Sünde verhütet wird. Viele, welche ihre verdorbene Natur eben unter Krankheiten oft recht kennen lernen, mögen mitunter mißmutig werden, daß Hemmschuhe ihnen angelegt sind, dann aber danken sie auch wieder Gott, wenn ein Schrecken sie überfällt, was aus ihnen geworden wäre, wenn sie volle Freiheit gehabt hätten. Indem aber das so ist, kann es doch nicht als ein unfehlbares Verheißungswort in der Bibel stehen, daß, wer durch Krankheiten am Fleische leide, von Sünden aufhöre. Es kann gut tun und kann viele Bewahrung durch Krankheiten vorkommen, aber die Beispiele sind auch nicht selten, daß kranke Menschen durch ihr Kranksein eher tiefer in Sünden hineinkommen, als von ihnen gereinigt werden. Selbst grobe Sünden aller Art unterbleiben nicht immer durch Kranksein. Wie sehr sich oft auch Kranke unerträglich machen durch Anforderungen an Gesunde, durch Härte und Unbarmherzigkeit gegen diese, ist wohl bekannt, und mitunter sind sie auch höchst bedauernswert, wenn man sieht, wie Eigenliebe, geistlicher Stolz, Selbstüberhebung über Andere, Rechthaberei, übertriebene, schwärmerische Frömmeleien ihnen viel Not, Sorge und Bekümmernisse machen, wie auch die liebe Fragestellerin Allerlei weiß, dessen sie sich vor dem Herrn anklagen muß. Indessen müssen wir immer glimpflich über Kranke urteilen, auch bezüglich der besonderen Krankheitssünden, die bei ihnen hervortreten, und die wohl von Gott, wenn sie nicht Tyrannen und Plagegeister für Andere werden, nicht so hoch angerechnet werden. Das ist jedenfalls gewiß, daß man so sehr, wie man oft tut, nicht braucht herauszustreichen, als ob man mit Kranksein leichter in den Himmel komme und darum ein Unrecht tue, wenn man sich Vieles durch Glauben wollte vom Herrn wegbitten. Vom Herrn Hilfe erlangen, muß doch auch etwas Heilsames für den Menschen sein, williger dem Herrn zu leben, sonst hätte Er einst nicht mit so großer Bereitwilligkeit allen Kranken geholfen. Wir dürfen daher auch wieder eine Gnadenzeit erwarten, in welcher der Herr Seine Heilungskräfte offenbaren wird. Übrigens dürfte doch auch der am Kreuze Christi gelernte Kreuzessinn bei jedem Leidenden, auch bei Kranken, Manches anders machen, daß man freier von Sünden würde. Stellen wir uns nur vor, daß wir auch das Äußerste zu leiden willig sein wollen, weil Jesus für uns so viel am Kreuze gelitten hat! O, wie viel könnte der am Kreuze Christi gelernte Kreuzessinn auch bei unsern Kranken ausrichten, zum Aufhören der Sünden!
162) Das Trösten mit Gottes Willen.
Frage: "Es ist fast allgemein Gewohnheit unter den Menschen, wenn sie in Not und Unglück kommen, sich und Andere zu trösten, mit Reden, wie: "Es ist Gottes Wille; Gott hat es so gefügt etc." Nun glaube ich zwar fest, daß auch kein Haar von unsrem Haupte fallen darf, ohne Gottes Zulassung. Aber andererseits wird es mir doch schwer, anzunehmen, daß Alles, was uns widerfährt, gewissermaßen vorherbestimmt ist, und mit unsrem eigenen Sein und Tun keinen rechten Zusammenhang hat. Wenn ich mein und andrer Menschen Leben betrachte, scheint es mir im Gegenteil, als ob sich Jeder sein Schicksal, so zu sagen, selbst herbeiführe und ein auffälliges Eingreifen Gottes verhältnismäßig selten sei. Was denken Sie darüber?"
Antwort. Wenn man sich mit dem Worte tröstet: "Es ist Gottes Wille, Gott hat es so gefügt u. dergl.," und namentlich Andere so tröstet, so ist damit doch noch nicht gesagt, daß man Alles als vorherbestimmt nehme und als außer Zusammenhang mit des Menschen Sein und Tun. Der Wille Gottes, ob ich, was mir widerfährt, verschuldet habe, oder nicht, ist jedenfalls in Betracht zu ziehen. Denn die Folgen meines Tuns sind nicht immer dieselben. Viele tun ganz dasselbe, ohne daß ihnen etwas Übles widerfährt; und da ist also stets ein Gotteswille da, wenn mein Sein und Tun verschiedene Folgen trägt, ohne daß ich mir Rechenschaft geben kann, warum es das Eine Mal so, das Andere anders wird. So ist auch der Gedanke, daß Jeder sich selbst sein Schicksal herbeiführe, je nachdem er sich halte, keineswegs richtig. Denn so recht und gut, daß es ihm nur gut gehen könne, beträgt sich kein Mensch. Geht's ihm gut, so muß er's als eine Gnade Gottes rühmen; denn wenn er sich selbst und seine vielen Fehler ansieht, könnte es ihm auch schlimm gehen, und begreift er's nicht, daß es ihm gut geht. Wiederum sehen wir bei Vielen, die nicht zu loben sind, kein ihrem Tun entsprechendes Schicksal. Es ist, als ob der liebe Gott ihnen Narrenfreiheit ließe, daß ihnen Alles hinausgeht. Wieder Andern geht es sehr schlimm, und scheint Alles entgegen zu sein, ohne daß man's begreift. Kurz, zu dem fehlt viel, daß Jeder sein Schicksal selbst herbeiführen könne, obwohl immerhin etwas daran ist. In Unzähligem kann man wirklich nur mit Gottes Willen und Seiner besonderen Fügung sich trösten, weil's rätselhaft ist, warum die Zustände gut oder böse werden.
Mit Gottes Willen sich trösten, ist doch immer besser, als mit dem Zufall sich trösten, wie Viele tun, weil's wirklich oft ein Spiel des Zufalls zu sein scheint. Wenn man sich Gott als den denkt, der sich um uns bekümmert, und der als der Barmherzige von uns angesehen sein will, auch wenn Er es uns übel gehen läßt, so ist Sein Wille selbst uns schon ein Trost, auch wenn wir etwa ein böses Gewissen haben. Bei jener Tröstung ist nur noch nicht Alles gesagt, und das, warum etwa Gottes Wille sich so oder so gemacht haben könnte, nicht mit erwähnt. Denn wenn Gott auch Ursache hatte, es so oder so gehen zu lassen, so ist immer Sein wirklicher Wille dabei. Sehe ich nun auf Andere, denen es übel geht, so kann ich doch ihnen nicht zu verstehen geben, sie werden's wohl auch verdient haben. Denn ob man nun von ihnen etwas wisse oder nicht, so wäre es lieblos, unfein, unzart, teilnahmslos, sie im Elend daran zu erinnern. Wenn wir aber nicht richterisch denken dürfen, so ist die tröstende Redensart: "Schicke dich in Gottes Willen" immer die beste und wohltuendste, ja einzig richtige, weil sie aufrichtige Teilnahme verrät, ohne stille Beschuldigung. Auch mich selbst darf ich vor Andern so trösten, daß ich mich des Willens Gottes getrösten wolle, wie Hiob, der sagte: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobet," oder: "Haben wir Gutes empfangen von Gott, und sollten das Böse nicht auch annehmen?" Für mich selbst freilich darf und soll ich im Kämmerlein immer noch weiter fragen, ob der Herr nicht etwas meine, wenn Schweres eintritt, ob's nicht eine Mahnung, eine Strafe, eine Züchtigung sei und dergleichen. Aber das gehört dann nicht an die große Glocke, kann höchstens mit einem priesterlichen Seelsorger oder sonst priesterlichen Freunde besprochen werden.
Außerdem ist doch auch wohl zu beachten, daß wirklich Vieles geschieht, bei dem wir uns den Grund nicht denken können, also rein mit dem Willen Gottes und Seiner Fügung uns trösten und aufrichten müssen, unsern frommen Sinn damit bezeugend, daß wir nach Gottes Willen auch gerne mit Geduld leiden. Es ist ein ernster, tiefgehender Kampf, besonders in unsern Tagen, zwischen dem Licht und der Finsternis. Auch Kräfte der Finsternis dürfen Vieles an uns versuchen, ohne daß wir ihnen direkten Anlaß gegeben haben, da es sich darum handelt, daß wir wach erhalten werden, und die Gelegenheit benützen, Geduld, Ausdauer und Glauben auch unter dem Schwersten zu beweisen, wie es bei Hiob gewesen ist. Insbesondere wer dem Herrn näher angehört, kriegt seinen Kampf und Leidensteil vom Herrn aufgelegt, um Ihm durch unsern Glauben und unsre Geduld zu helfen, über die Finsternis Herr zu werden, wie Er ja noch alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße legen muß. Diese unsre Leidensportion ist rein nur Gottes Wille und Fügung; und wir dürfen uns sogar freuen, daß wir vom Herrn gewürdigt werden, etwas für Ihn und für Sein Reich leiden zu dürfen, wie auch Paulus sagt (Röm. 5, 3): "Wir rühmen uns auch der Trübsale."
Die Hauptsache ist also die, daß wir jene tröstenden Redensarten: "Es ist Gottes Wille, Gott hat es so gefügt," mit frömmerem Sinne aussprechen und auslegen lernen. Der Gedanke: "Gott will's," sollte uns zu einem Ernst und Eifer für Ihn entflammen, und uns stacheln, doch ja Ihn nicht mit Ungeduld, Verzagtheit, Mißmut zu betrüben, vielmehr Ihm zu zeigen, daß wir Seinem Willen, auch wenn wir ihn nicht verstehen, mutig und getrost parieren wollen, da er ja doch immer der Beste ist, sonst uns vor Ihm zu demütigen, wenn wir eine Schuld bei uns fühlen, aber auch Ihn zu bitten, durch Hilfe und Errettung, die Er uns zukommen läßt, als ein siegreicher Held wider die Mächte der Finsternis aufzutreten. "Geduld und Glauben der Heiligen" (Off. 13, 10) ist's, was zuletzt noch "Satan unter unsre Füße bringt" (Röm. 16, 20).
163) Gebrauch des Heil. Abendmahls.
Aus einem Briefe. "Hier ist es Sitte, nicht so oft zum Heil. Abendmahl zu gehen, vielleicht zweimal im Jahr; und ich glaube, unsere Geistlichen halten sich auch daran. Die Meisten gehen nur Einmal. Ausnahmen mag es natürlich geben. Soll ich mich daran halten?"
Antwort. Wenn man an das denkt, daß in keinem Andern Heil ist, und kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden, als der Name Jesu, der für uns gestorben und auferstanden ist, so kommt es mir doch vor, daß zweimal, oder gar nur Einmal im Jahr das Heil. Abendmahl nehmen, zu wenig ist, und fast ein Beweis zu sein scheint, daß dem Herzen der Gekreuzigte noch nicht wichtig genug geworden ist. Der Heiland sagt auch: "Das tut, so oft ihr es trinket, zu meinem Gedächtnis." Da ist es mir, als wolle er unser Andenken an Sein Leiden und Sterben oft haben. Es tut Ihm wohl, daß wir eine Art Teilnahme gegen Ihn bezeigen, und mindestens Seine Hingabe für uns schätzen. Wenn wir denn vollends wissen, daß Er im Brot und Wein sich selbst uns darbietet, eine Personsmitteilung von Ihm aus an uns beim Heil. Abendmahl Statt findet, so sieht es doch gar nicht gut aus, daß uns das nicht wichtiger und wertvoller ist, um es öfter empfangen zu wollen. Auch öftere Reinigung von unsren Sünden, die wir beim Heil. Abendmahl finden, sollte uns ein Anliegen sein, namentlich, wenn wir so gar sehr Alltagsmenschen geworden sind.
Wenn ich nun Raten soll, so meine ich, Einmal sei fast Keinmal, wird's auch oft, wenn an dem Tage, da ich's gewohnt bin, ein Hindernis eintritt. Zweimal ist etwas mehr, aber nicht genug. Man dürfte wohl sagen, etwa Viermal, - nur nicht steif gesetzlich, - möchte recht sein, aber dann nicht gerade immer an den großen Festtagen, die für sich schon erheben, sondern abwechselnd zwischen denselben mit einer nur kleineren Anzahl von Abendmahlsgenossen. Einem zu häufigen Genusse möchte ich nicht das Wort reden.
164) Zum brünstigen Beten.
Frage: "Wie verhält sich die Forderung eines ernstlichen, anhaltenden und selbst brünstigen Gebets zu jener anderen des Stilleseins und Hoffens, der willenlosen Ergebung, des Anheimstellens an den Herrn?" - In dem Worte: "Rufe mich an in der Not etc." werde ich zum Reden aufgefordert, in der andern Stelle aber: "Im Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein," zum Schweigen."
Antwort. Der Fragesteller hat zweimal geschrieben, indem er dachte, weil die Antwort auf die im Februar geschriebene Frage noch nicht erfolgte, der Brief könnte verloren gegangen sein. Ich bekomme aber seit meiner Aufforderung so viele Fragen, daß ich nicht rasch genug auf alle antworten kann. Auch wird es mir schwer, die älteren aus neueren Briefen herauszufinden. Weil meine Zeit sehr beschränkt ist, muß ich gewöhnlich die Briefe mit den Fragen vornehmen, wie sie mir in die Hand kommen. Ich bestrebe mich aber, möglichst auf alle Fragen Rücksicht zu nehmen. Nur berühren sie öfters Punkte, die früher schon besprochen worden sind, oder weiß ich sie nicht recht zu formulieren. Da möchte doch manche Frage unbeantwortet bleiben. Oben erwähnten, verloren geglaubten Brief habe ich übrigens wieder gefunden.
Derselbe geht von dem aus, daß "in der heiligen Schrift an so vielen Stellen durch Lehre, Gleichnis und Exempel das ernstlichste und anhaltendste Gebet empfohlen werde, daß überhaupt die unablässige Übung des Gebets, der lebendige Verkehr mit Gott für den Christen Lebensbedingung sei." In diesem und Anderem, das der Brief enthält, wird mir zu viel gesagt, und finde ich Gefahr, aus der Nüchternheit und Einfalt herauszufallen und in ungebührliches Wortmachen hineinzukommen, wie es doch der Heiland nicht will. Umständlicher kann ich hierüber jetzt nicht reden, habe auch schon öfter mich ausgesprochen, wie man mit der sogenannten Übung des Gebets vorsichtig sein müsse, und wie gewisse Worte, wie: "Ihr sollt allezeit beten und nicht laß werden," ferner: "Betet ohne Unterlaß", zu verstehen seien, um nicht in Übertriebenes hineinzukommen. Ich beschränke mich auf ein Wort darüber, wie die Sprüche: "Rufe mich an in der Not," und "durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein," gegen einander auszugleichen seien, da in jenem zum Reden, in diesem zum Schweigen aufgefordert werde.
Wenn die Schrift so viel auffordert, daß wir alle unsre Anliegen vor Gott bringen, in Allem Ihn bitten und namentlich in der Not Ihn anrufen sollen, da er zu erhören bereit sei, so kann solch Bitten und Anrufen unmöglich ohne Worte geschehen. Wenn ich nicht auch ausspreche vor Gott, was ich will, so ist es ja eigentlich gar kein Beten. Aber man kann auch so beten, daß endlich dem Beter könnte von oben zugerufen werden: "Jetzt sei aber einmal auch still; was machst du denn unablässig fort, wie wenn Gott kein Ohr hätte, dich zu hören, und wie wenn Er erst hundertmal müßte die Sachen gehört haben, bis Er endlich erhöre." Wir sehen also, daß das anhaltende und unablässige Beten doch sehr beschränkt werden muß. Wenn ich z. B. krank bin, etwa ein bestimmtes Leiden habe, soll ich denn da anhaltend fortmachen, und gar nicht nachlassen, immer wieder das Gleiche zu sagen, oder gar viel nebenherum dem lieben Gott vorzuhalten, warum es so nötig sei, daß Er erhöre? Da gibt's Leute, die nehmen sich vor, Viertelstunden, oder gar halbe Stunden lang fortzubeten, daß es mir eigentlich ein Rätsel bleibt, wie sie das vermögen, oder daß es ihnen nicht am Ende ausgehen soll. Wenn sie denn da dem lieben Gott gleichsam einen Zwang auflegen wollen, so zeigen sie einen Unglauben und eine Unart gegen den lieben Gott, daß es wohl zu begreifen ist, wenn sie mit solchen Gebetsübungen so gut als nichts erlangen.
Aus dem geht hervor, daß wir wohl anrufen dürfen und sollen, und zwar mit Worten, daß wir aber auch wieder stille sein sollen, wenn wir's getan haben. Wir müssen also den Mund auftun lernen einerseits zur Anrufung Gottes, müssen ihn aber auch wieder schließen lernen, um stille zu sein. Wenn wir übrigens stille sind und hoffen (Jes. 30, 15), so ist das Stillesein doch auch ein Reden. Denn Hoffen ist auch eine Rede, nur eine Rede ohne Worte. Wenn David seine Augen aufhebt zu den Bergen, von welchen ihm Hilfe komme, und denkt (Ps. 121, 1. 2): "Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat;" und "wenn die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, und die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frauen, und so auch unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott, sehen, bis Er uns gnädig sei" (Ps. 23, 2), so ist das Aufblicken, das Schauen und Sehen nach dem Herrn und Seiner Hilfe, auch ein Reden, aber ein Reden ohne Worte. Überhaupt muß der Christ neben dem Gebet mit Worten auch beten lernen ohne Worte, reden mit Gott ohne Worte, wie mit Worten, wenn er nicht durch ewige und brünstige Gebetsübungen aus der Fassung, zuletzt gar von Sinnen kommen will, wie mir Beispiele bekannt sind. Wer's aber lernt, wie's die Schrift meint, dem wird leichter geholfen und der kann auch stark sein. Man kann nämlich auch dem lieben Gott mit seinem unablässigen brünstigen Schreien so drein reden, daß das, was Er vorhat, keinen rechten Fortgang haben kann, indem dann auch die Anklagen des Feindes sich stärker herbeimachen; und dann gibt es einen Durcheinander, unter dem's mit Allem nichts zu werden droht. Wenn aber der Herr gesagt hatte (Jes. 30, 15): "Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein," setzte Er hinzu: "Aber ihr wollet nicht." So ist's heute noch. Ihrer Viele lassen sich nichts mehr sagen, sie machen mit ihrem Beten gerade fort wider die Schrift.
Übrigens hat der Herr im Propheten noch ein Anderes im Auge, wenn Er zum Stillesein auffordert. Statt stille ist man auch oft aufgeregt, verzagt, mißmutig, scheuchig und triebig auf alles Mögliche hinein, wie einst die Israeliten, wenn Gefahr von außen kam. Da konnte es einen Durcheinander von Schreien geben, daß man sein eigen Wort nicht mehr hörte; und wie Vieles wollte man ausmachen, sich zu helfen, während so leicht mit einfachem und kindlichem Vertrauen zu Gott geholfen wäre und die nötige Stärke und Kraft käme. Also, - rufe nur Gott an, aber unter Stillesein und Hoffen!
165) Zum Amt der Schlüssel.
Frage: "Die Aufsätze in Ihren Blättern über das Amt der Schlüssel haben auch in unsern Kreisen Anlaß zu Erörterungen gegeben, jedoch ganz entgegengesetzter Art. Man fragte: Wenn der Absolution durch Menschen so großer Wert beigelegt wird, wo bleibt dann die unmittelbare, persönliche Vergebung durch den Heiland selbst, von der doch in tausend Stellen der Schrift die Rede ist. Ich selbst kann mich sehr gut in die in den Blättern ausgesprochenen Gedanken finden. Aber manchen Lesern würde es gewiß lieb sein, wenn dieser Punkt noch näher erörtert und dadurch Mißverständnissen vorgebeugt würde."
Antwort. Es wird mir schwer, über klare Bibelworte mich zu vereifern, als ob die in diesen Worten liegende Lehre meine Lehre wäre. Ich habe nur zu sagen, was da steht, und klar zu machen, daß es da steht, so daß, wer widerspricht, nicht mir, sondern dem Wort widerspricht. Wie nun jene Worte vom Amt der Schlüssel lauten, ist bekannt. Zum Lösen wird den Aposteln und Dienern des Worts Tüchtigkeit durch den heiligen Geist gegeben; und wer nicht durch sie gelöst wird, bleibt ungelöst, was in dem "behalten" liegt. Wie man, wenn man diese Stelle liest, zu einer unmittelbaren Vergebung, die eigentlich ganz den Character einer Selbstabsolution hat, noch Mut haben kann, begreife ich nicht. Übrigens bedenken wir, daß der Heiland schon durch die Taufe Seine Vergebung mittelbar gemacht wissen wollte; und daß Andern, als Getauften, Sündenvergebung werde, also ohne Taufe, das steht doch nirgends in der Schrift (vergl. Joh. 3, 5). Daß aber Getaufte, die in der Gemeinschaft mit dem Herrn stehen, vom Herrn selbst in Vielem Vergebung erlangen können, liegt schon im Begriff der einmal real erlangten Vergebung. Getaufte jedoch können auch Sünden tun, welche die Vergebung durch die Taufe aufheben, also abermals durch Vermittlung der Diener des Worts zu vergeben sind. Das liegt in dem Grundsatz bezüglich des Lösens und Bindens, das der Herr viermal in der Schrift anführt. Von den oben gedachten tausend Stellen möchte ich aber gerne nur ein Dutzend wissen. Wie ihm aber sei, so übersehen jene deine Freunde ganz, was Großes doch das ist, Seiner Sündenvergebung gewiß zu werden, wenn ich sie nicht nur mir denken und vorstellen, und wenn ich mich nicht in das Gnadengefühl hineinzwingen muß, sondern wenn ich's nach dem Befehl Jesu Christi und an Seiner Statt durch berufene Personen erhalte, durch welche auch eine Mittheilung und Versieglung des Geistes dabei dargereicht werden kann. Gewagt bleibt's immer, nur auf sich selbst und sein Gefühl sein volles Vertrauen setzen zu wollen, daß man habe, was man doch auch möglicherweise nicht haben könnte. Der Heiland hat uns keine größere Liebe tun können, als die, daß Er sich durch Seine Diener uns persönlich machen wollte, um der Vergebung gewiß zu machen. Aber freilich, die Leute wollen sich lieber allein vor dem Herrn im Kämmerlein demütigen, und wie sie da ungesehen von Menschen sind, so auch ungesehen vom Herrn unmittelbar bedient sein. Der Heiland aber will nach jenen Stellen unter Umständen eine markiertere Selbstdemütigung, doch so, daß sie auch wieder vor Ihm geschieht, weil sie vor Seinen Stellvertretern geschehen soll.
166) Über eheliche Verbindungen,
nach 1 Kor. 7, 39 u. 2 Kor. 6, 14.
Frage: "Sie haben erlaubt, Fragen zu stellen, daß ich es wage, Sie um die Auslegung von 1 Kor. 7, 39 und 2 Kor. 6, 14 (im Brief steht irrig 6, 41) zu bitten. Findet der Schluß der ersten Stelle "allein, daß es in dem Herrn geschehe" seine volle Erfüllung in der kirchlichen Trauung? oder verbietet die zweite Stelle Verbindungen zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen?"
Antwort. Die erste Stelle, deren Auslegung gewünscht wird, lautet:
1 Kor. 7, 39. "Ein Weib ist gebunden an das Gesetz, so lange ihr Mann lebt; so aber ihr Mann entschläft, ist sie frei, sich zu verheiraten, welchem sie will, allein, daß es in dem Herrn geschehe."
Der Schlußsatz: "Allein, daß es in dem Herrn geschehe" will nur das Andere: "Welchem sie will," beschränken. An und für sich hat eine Witwe oder Jungfrau Freiheit, jeden Beliebigen zu ehelichen; aber wenn sie gottesfürchtig sein will, wird sie nicht unbedacht, oder gar im Leichtsinn, oder durch betrüglichen Schein geblendet, oder mit Nichtbeachtung der Ihrigen etc. zufahren. Vielmehr wird sie im Stillen den Herrn vor Augen haben, vor Ihm es erwägen, ob die Umstände nicht so sind, daß die Verbindung Ihm mißfallen könnte. Namentlich hat sie zu überlegen, ob ihre Gemütsart, ihr Herzensbedürfnis und ihre Stellung zum Herrn bei einem Manne, um den sich's handelt, Rechnung findet. Sonst denkt der Apostel freilich nicht an den Act der Trauung, sondern an die Wahl vornehmlich, welche die Jungfrau trifft. Aber ich glaube doch, daß eine Jungfrau, welche gerne auch des Segens von oben gewiß sein und darum die Diener des Worts mitbeteiligt wissen möchte, es sehr in Überlegung nehmen sollte, ob ein Mann, der gegen die kirchliche Trauung ist, ihr das zu werden verspricht, was sie wünscht. Wohl hat sie, wie in jenem Briefe, weil bei den Frommen auch nicht gerade immer Alles recht sei, zugegeben wird, im Allgemeinen nicht nötig, in der Wahl eines Nicht-Gläubigen allzu strenge zu sein. Aber nicht-gläubig kann man auf verschiedene Art sein. Es kann Jemand gleichgiltig sein, nicht gerade unter die Frommen gezählt, und darum nicht-gläubig genannt zu werden, wie das da und dort der Fall ist; oder er steht in wirklichem Widerspruch gegen Kirche und Kirchenglauben, vollends in der Art, daß er den Widerspruch durch die Verweigerung der kirchlichen Trauung vor aller Welt zur Schau trägt. In letzterem Fall möchte eine gottesfürchtige Jungfrau doch zu viel wagen, sich mit einem solchen Manne zu verbinden; und weil einmal die Verhältnisse sind, wie sie sind, so wäre es auch dem Wort Pauli entgegen: "Allein, daß es in dem Herrn geschehe," will es ja dort dann geflissentlich außer dem Herrn geschehen.
In der zweiten Stelle (2 Kor. 6, 14) heißt es: "Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen." Hier sind unter den Ungläubigen eigentliche Heiden verstanden, an deren Götzendienst die Christen sich nicht beteiligen sollten, wie das war, wenn sie etwa zu Mahlzeiten mit Götzenopferfleisch im Götzenhause sich einladen ließen. Auf unsre Ehen läßt sich also der Spruch Pauli nicht voll anwenden, da ja jedenfalls beide Teile getaufte Christen sind, und darum um so leichter der ungläubige Teil, wie Paulus von Heiden sagt (1 Kor. 7, 14), durch den gläubigen geheiligt werden kann. Ein Ziehen am fremden Joch wäre es für den gottesfürchtigen Teil nur dann, wenn dieser sich vom ungläubigen Teile ganz einnehmen ließe zu seinem Wesen. Anders aber ist's doch, wenn der gottesfürchtige Teil seinen Glauben und seine Treue zum Heiland behält, und Hoffnung hat, behalten zu können, indem der andere Teil ihm nicht in den Weg tritt. Aber besinnen, wohl besinnen darf man sich wohl, ehe man sich auf eine unwiderrufliche Weise hingibt!
167) Von unheimlichen Leuten.
Frage: "Wie hat man sich zu verhalten, solchen Menschen gegenüber, von denen man entschieden den Eindruck hat, sie seien im Bunde mit unheimlichen Kräften?"
Antwort. Davon, daß Jemand, wie man sagt, im Bunde mit unheimlichen Kräften stehe, finden wir nichts in der Schrift; und wir tun wohl daran, wenn wir solche Vorstellungen ohne Weiteres fallen lassen. Man soll sich also auch nicht von Jemand den Eindruck, vollends den entschiedenen Eindruck, geben lassen, daß er in einem solchen Bunde stehe. Es gibt wohl Leute, an die sich Finsteres gehängt hat, das unheimlich auch auf Andere wirkt; aber daß diese in einem sich bewußten Bunde mit der Finsternis stehen, und absichtlich auf Andere unheimlich wirken, folgt daraus noch nicht. Denn sie sind einfach unglückliche Leute, wie es Geisteskranke gibt, deren Gegenwart auch unheimlich wirkt. Ich bitte dich daher, gerade die Menschen, die dir den Eindruck geben wollen, als hätten sie sich verbündet mit der Finsternis, durchaus nicht als bösartige, sondern als unglückliche Leute anzusehen, für die man beten muß, daß sie Gott von Eingenommenheiten möchte frei machen, die etwa da sind. Jedenfalls ist es sehr wider die Christenliebe, mit Argwohn gewisse Leute anzusehen, als ob sie insgeheim auf üble Einwirkungen von ihnen aus dächten, wie man unter dem abergläubischen Volke von bösen Leuten redet, die von Jedermann gefürchtet und geächtet werden. Es kann nichts Widerchristlicheres geben, als das. Sonst aber lerne man sich unter den Schutz des Höchsten stellen, den man gewiß hat, wenn man einfältig und lauter ohne eigene finstere Hintergedanken zum Herrn aufblickt.
Eines übrigens kann ich da nicht unberührt lassen, wie diejenigen Personen, die sich mit Taschenspielereien, Schwarzkunst, Aberglauben, Sympathie, Spiritismus verschiedener Art, abgeben, und sich recht mit ihrem Geist drauf werfen, der Art werden, daß man sie fast als solche ansehen kann, die wenigstens in einer gewissen Weise Werkzeuge der Finsternis sind, und die wohl, weil sie ihr Wesen offenkundig treiben, gemieden werden dürfen und sollen, auch um des Zeugnisses willen wider ihr Tun und Treiben. An denen, die heimliche verbotene Künste der Zauberei, um es kurz so zu bezeichnen, treiben, auch wenn sie Gutes, wie Heilungen, damit bezwecken wollen, lagert sich gerne auch etwas ab, vor dem Andere unwillkürlich eine Scheue bekommen, die bis zu einem Schauder sich steigern kann, wie man das besonders mit Zigeunern erfährt. Mir ist es aber auch schon vorgekommen, daß selbst solche Leute, die für sich viel brauchen, wie man sagt, und die vielerlei Aberglauben und unrechte Künste aufsuchen, um sich aus allerlei Nöten zu helfen oder einen Glücksfund zu machen, in ihrer ganzen Erscheinung etwas Unheimliches und Abstoßendes bekommen. Da suche man vor Unrechtem zu warnen, so viel man kann; aber man hüte sich auch, nicht selbst sich zu Ungeschicktem betören zu lassen, dabei man gar riskiert, an sich selbst unvermerkt eine Unheimlichkeit für Andere zu bekommen.
167) Zur Konfirmation.
Frage: "Werden die zu konfirmierenden Kinder nicht methodisch zur Heuchelei angeleitet, wenn sie öffentlich Bekenntnisse und Gelübde ablegen müssen, die mit dem Sinn und Geist, der sie beseelt, im Widerspruch stehen? Ist's nicht gewissenlos, von einem Knaben zu verlangen, er solle geloben: "Ich entsage der Sünde," während man gewiß weiß, er breche sein Gelübde noch am selbigen Tag?" - Der Fragesteller redet dann noch von einer Anstalt, in welcher die Schüler auch den entsprechenden Unterricht erhalten, auch feierlich und mit Segenswunsch entlassen werden, aber weder Bekenntnis noch Gelübde ablegen dürfen. "Ich glaube," fährt er fort, daß durch die bei uns übliche Weise die Gewissen eingeschläfert, das Ansehen der Kirche aber durchaus nicht gestützt oder erhöht wird."
Antwort. Bei uns werden im Allgemeinen die Kinder im 14. Jahre konfirmiert. Da möchte ich nun zum Voraus bemerken, daß der Fragende wohl zu schwarz an die Kinder hinsieht, wenn er sie sich so gar sehr mit Sinn und Geist, der sie beseele, im Widerspruch findet mit dem Bekenntnis und Gelübde. In einem Widerspruch befinden sich ganz sicher nur wenige, fast keine Kinder, auch die unartigen nicht. Man macht allerwärts die Erfahrung, daß so ziemlich alle Kinder, auch die, welche sonst zu den schlimmeren gehören, Ernst und Andacht zeigen, und so, daß man sie sich nur Eins mit dem Bekenntnis und Gelübde denken kann, wenn sie es auch am Halten des Letzteren fehlen lassen. Es ist ihnen im Augenblick so, wie man's von ihnen fordert, so daß ihnen selbst die Forderungen an sie inneres Bedürfnis sind. Man sage einmal zu den Kindern: "Ihr dürft mir nichts versprechen; denn wenn ihr's nicht haltet, habe ich euch zu Heuchlern gemacht." Wie niederschlagend müßte doch das auf die Kinder wirken!
Als einst Josua den letzten Landtag hielt (Jos. 24), sagte das Volk: "Das sei ferne von uns, daß wir den Herrn verlassen und andern Göttern dienen." Josua aber sagte, ungefähr wie obiger Fragesteller: "Ihr könnet dem Herrn nicht dienen; denn Er ist ein heiliger Gott, ein eifriger Gott, der eurer Übertretung und Sünde nicht schonen wird. Wenn ihr aber den Herrn verlasset und einem fremden Gott dienet, so wird Er sich wenden, und euch plagen, und euch umbringen, nachdem Er euch Gutes getan hat." So sagte Josua, wie wenn er das Volk auffordern wollte, lieber den Herrn nicht zu bekennen, und keine Versprechungen Ihm zu machen. Dem Volk aber ist das unerträglich; und es sprach zu Josua: "Nicht also, sondern wir wollen dem Herrn dienen." Wie da dem Volke, so ist's gewiß allen unsern Kindern an dem ihnen groß dastehenden Tag Bedürfnis, sich zum Herrn zu bekennen und Ihm sich zu versprechen, mag's auch in der Folge werden, wie's will. Aber schon das Bekenntnis und Versprechen hat einst Israel seinem Gott lieb und wert gemacht. Werden nicht auch Engel zu unsern Kindern herniedersehen, wenn sie nur bekennen und versprechen, und mit dem Munde öffentlich ihren Heiland heiligen? Daß es so ist, das fühlen auch die Erwachsenen. Viele der Letzteren sind das ganze Jahr nicht andächtig; aber wenn ihre Kinder konfirmiert werden, da sind sie's, sind's oft sogar auch solche, die nie sonst in die Kirche gehen. Alle diese Macht der Konfirmation auf die Gemüter liegt allein im Bekenntnis und Versprechen, das die Kinder ablegen. Auch solchen Kindern, die einen schiefen Unterricht empfangen haben, ist am Konfirmationstage die Andacht nicht fremd; und nicht mehr sündigen wollen, liegt ihnen vorne an. Warum soll man sie das nicht sagen lassen? Oder wie kann dieses eine Anleitung sein zu methodistischer Heuchelei? Der Fragende sieht aber doch sehr schroff drein, wenn er ein Versprechen unpassend findet, "während man gewiß wisse, der Knabe breche sein Gelübde noch an selbigem Tage." Man heißt da oft auch gar zu schnell Alles nur gleich Sünde und ein Brechen des Gelübdes, wenn man etwas von der unbesonnenen Art der Jugend sieht, die man in sittlicher Hinsicht nicht immer so scharf taxieren darf. Ich möchte vor Allem den Fragenden bitten, etwas glimpflicher von den armen Kindern zu denken, die man wohl in großer Gefahr weiß, aber auch eines guten Willens noch fähig sieht, ob dem Einem das Herz brechen möchte, daß er nicht zur Kraft kommt. So ist es denn auch hart, wenn gefragt wird, ob es nicht gewissenlos sei, Kinder geloben zu lassen. Mit solchen Ausdrücken wird zu viel gerichtet; und den Seelsorgern, die meist so viel Mühe und Herzensanliegen bei der Konfirmation zeigen, tut es wehe, wenn mit so scharfem Messer drein geschnitten wird, wenn sie gerade durch ihren Eifer sollten mit schuldig werden, daß die Gewissen eingeschläfert werden, oder gar das Ansehen der Kirche not leide.
Der Fragende denkt, daß es wohl genügend sei, feierlich und mit Segenswunsch die Kinder zu entlassen, ohne persönliches Bekenntnis und Gelübde. Will man aber anfangen, dieses Beides von der Konfirmation auszuschließen, so muß man's auch bei der Taufe weglassen; denn die Konfirmation ist nur die Repetition des bei der Taufe von den Paten an der Kinder Statt geschehenen Bekenntnisses und Gelübdes. Denn die Taufpaten sagen: "Ja, ich glaube; ja, ich widersage, oder entsage; ja, ich verpflichte mich von ganzem Herzen." Diese Antworten müßten alle wegfallen, weil man Gefahr läuft, Vielen sei's nicht so, wie sie sagen. Wie aber kann man dann segnen? wie taufen? Das Kind, oder die an des Kindes Statt reden, sollen sich zu gar nichts hergeben, sollen weder bekennen noch sich verpflichten; und der Heiland soll dennoch das Kind an Kindesstatt annehmen. So müßte man denn auch bei der Trauung sehr sachte tun, daß man die Eheleute nicht zu viel sich versprechen läßt. Auch die Pfarrer sollte man bei der Ordination kein Bekenntnis und keine Verpflichtung aussprechen lassen, aus Furcht, man mache sie zu Heuchlern. Auch bei Beichte und Abendmahl müßte Alles, was an Bekennen und Verpflichtung streift, wegfallen. Wo wollte es doch aber hinaus, wenn vor dem Altar und vor dem Herrn Niemand sollte zu einem Bekenntnis und zu einer Verpflichtung angehalten werden? So dürften wir nur frischweg zu den Heiden gehen. Denn da bekennt Keiner und verpflichtet sich Keiner!
Kehren wir zur Konfirmation zurück, so muß doch offenbar Bekenntnis und Verpflichtung zu einem Zeugnis über die Kinder geschehen. Es muß geschehen, damit sie überlegen, was von ihnen als Christen erwartet wird im Bekennen und Tun. Täuschen sie die Erwartungen, so ist's für sie gefehlt, so wie so, keinenfalls mehr, wenn sie bekannt und gelobt haben, als wenn nicht. Vor der Gemeinde muß bekannt werden, und müssen Versprechungen gemacht werden, damit auch die Alten im Geist wieder erneuern, was mit ihnen einst vorgegangen ist; und wie oft fühlen sich die Alten nach einer mitgemachten Konfirmation wieder neukonfirmiert, was nur Bekenntnis und Gelübde wirken kann. Wie sehr aber Alles bis auf die letzten Augenblicke hinaus bedeutungsvoll werden kann, wer will das in Abrede ziehen? und wie viele Kinder durch das persönliche Bekenntnis und Gelübde bewahrt werden vor dem ewigen Verderben, wenn sie auch lange untreu gewesen sind, wer will das leugnen? Ich bitte also den lieben Fragenden, mit dem, wie es ist, zufrieden zu sein, und Gott zu danken, daß in der Jugend noch so viel Zug zu Bekenntnis und Gelübde da ist. Daß man freilich die Gelübde nicht zu hart mache, namentlich nicht schwören lasse, ist wünschenswert. Den lieben Bruder aber, der in seiner Anstalt Bekenntnis und Gelübde geradezu abgeschafft hat, wie der Fragende sagt, möchte ich sehr bitten, es wohl zu überlegen, ob er's den Kindern, der Gemeinde und dem Herrn gegenüber recht mache. Ich fürchte, der Herr rechne es ihm nicht zu einem Lob an.
168) Die Angst vor dem Abfall.
Frage. "Ich habe große Angst vor dem Abfall. In den großen Verfolgungszeiten ist der Teufel auf Holzschuhen gekommen. Wird er aber nicht in den letzten Zeiten auf Samtschuhen gehen und die Seelen gefangenführen, daß sie unvermerkt in seine Netze verstrickt werden? Werden die bösen Geister in der letzten Zeit eine große Macht bekommen, die Menschen zu verführen? Es steht 1 Tim. 4, 1: ""Der Geist aber sagt deutlich, daß in den letzten Zeiten werden Etliche von dem Glauben abtreten, und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel."" Wie ist das zu verstehen?"
Antwort. Vor dem Abfall, meine ich, brauchen wir keine so große Angst zu haben. Es kommt Alles darauf an, daß man sich nicht von Fremdem, Neuem, Eigenem, das Jemand daherbringt, einnehmen läßt. Ob der Verführer auf Holzschuhen oder auf Sammetschuhen kommt, das ist einerlei. Ich muß mir nur zum Grundsatz machen, daß ich von Niemand etwas annehme, das wider den nüchternen Glauben ist, in dem ich erzogen worden bin, ja das diese nüchterne Glaubensart, oder die Kirche, die ihr huldigt, verdächtig macht. Da sind die auf Samtschuhen, sollte man glauben, nicht so gefährlich, als die auf Holzschuhen. Denn je mehr sie schmeicheln, und je sanfter sie sich stellen, und doch Neues daherbringen, desto gewisser weiß man, daß man es mit falschen Propheten in Schafskleidern zu tun hat. Die liebenswürdigen Charaktere, wenn sie Neues bringen, muß man nur immer meiden; und in ihre Sachen muß man sich nur nicht einlassen. Wer das tut, hängt sich eben an Menschen, und nicht an den Herrn. Jeremias aber sagt (17, 5): "Verflucht ist," (d. h. einem Fluch setzt sich aus), "der Mann, der sich auf Menschen verlässet, und hält Fleisch" (Menschenlehre) "für seinen Arm, und mit seinem Herzen vom Herrn weicht." Am Verfänglichsten ist es, wenn die Leute sagen: "Was der oder jener bringt, ist gar nichts Anderes, als was wir auch haben, gar nichts Neues. Es stimmt ganz mit dem überein, was wir sonst gelehrt sind; es ist ganz dasselbe." Diese Menschen sind die ärgsten Verführer, die es in der Welt gibt, wenn sie sagen: "Er bringt ja Alles auch, es fehlt nicht an diesem und nicht an jenem Artikel." Denn sie tun, als ob sie zu nichts verführten, und verführen doch. Gibt man dann der neuen Sache sich hin, so fühlt man sich bald in Fremdem und Neuem, fühlt sich geschieden von bisherigen Glaubensgenossen, und kann nicht mehr zurück, weil man schon wie in einen Bann geschlagen ist. Die letzten Zeiten des Abfalls dürfen Niemanden Angst machen, der bei Zeiten anfängt, Alles und Alles zu meiden, was in eine gesonderte Gemeinschaft hineinführt, und wenn der Unterschied auch noch so gering ist. Jeder Eintritt in eine Besonderheit, die vom Allgemeinen scheidet, ist ein Abfall, weil sie vom Glauben an Christum, als den Weltheiland, abzieht. Du bist also vollkommen gesichert, wenn du dich absolut frei erhältst von jeder Besonderheit, in die man dich hineinlocken will; denn dann bleibst du auch von der antichristlichen Besonderheit frei. Aber wie Viele wollen eben ihre Lust büßen, wie Mäuschen am Speck der Falle!
Ob die bösen Geister in der letzten Zeit eine besonders große Macht bekommen werden, zu verführen, wird gefragt. Ich glaube nicht; denn ihre Macht wird auch geschwächt sein. Sie wird daher nicht größer werden, als sie bisher war. Aber so viel ist gewiß, daß diese Macht nur über die Naseweisen und Lüsternen groß ist, die Alles prüfen und kosten wollen, vor keiner Falle sich scheuen, etwa auch sagen: "Was tut's, wenn ich hingehe?" Bleib' weg, wo du nicht hingehörst, und wo du merkst, daß sie etwas Fremdes dir darbieten wollen. Was hast du alle Neuheiten zu prüfen, mit denen man Leute fangen will? Unvermerkt nimmt man den, der etwas Neues bringt, für einen Heiland; und da heißt's: "Versäume nichts; eile, daß du nicht zu spät kommst." Merke dir, wo sie mit einer Hast dich nur geschwind hintreiben wollen, da schürt - wer? Ohnehin denkt Keiner an den Spruch (Luc. 17, 23): "Und sie werden zu euch sagen: "Siehe hie, siehe da. Gehet nicht hin und folget auch nicht." Die Naseweisen, die es sind unter dem Schein, daß sie prüfen wollten und müßten, weil man ja Alles prüfen soll, sagen sie, fühlen im Augenblick eine Kappe über sich geworfen. Sie sind plötzlich und unvermerkt gefangen, aber nicht unvermerkt, weil sie nicht weggeblieben sind. Das möchte wahr sein, daß in der letzten Zeit die Finsternis es verstehen wird, Massen zu überfallen und gefangen zu nehmen, weil's gleich ein Stück geben soll, gar durch ganz Europa.
Daß in den letzten Zeiten Viele vom Glauben abfallen, das erfahren wir. Ist es ja gegenwärtig, als ob in gewissem Sinn Alle wackelten. Alle wollen anders glauben; und kommt Einer, der anders glaubt, gleich läuft man hinter ihm drein, und macht einen Klub, ein Komitee, eine Partei, eine Sekte, eine Genossenschaft, eine Gemeinschaft, eine Brüderschaft, auf das Neue hin. Ich fürchte die eigentlich Ungläubigen nicht so sehr, als die Schiefgläubigen, und die schief hin Führenden; denn Solchen ähnelt einmal das Antichristliche am Meisten, das ja nicht emporkommt, wenn's nicht fromm tut, dazu noch recht fromm. Glaube man nur nicht, daß falsche Lehren und Schiefheiten an die Christen kommen, ohne daß eine Eingenommenheit der Finsternis dabei ist. Der geistliche Stolz, die Sucht, etwas zu sein, vor Vielen zu gelten, macht, daß der Arge Vielen Vieles eingeben kann. So gibt's verführerische Geister und Lehrer der Teufel (Dämonen), wie Paulus sagt. Das meine ich, sei gut verstehen. Es gibt dergleichen genug. Wer in der Einfalt bleibt, bei seinem kindlichen Glauben, wie er nach der Schrift von unsern Vätern her ererbt worden ist, den überfällt kein Dämon; wer aber Besonderes will, sich brüstet und absonderlich stellt, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, der sehe zu, ob der Geist Gottes ihn treibe, und ob's nicht vielmehr ein Dämon ist, der ihn am Gängelband führt.
Schließlich sage ich: Warte Keines mit seiner Angst vor dem Abfall auf die eigentlich letzten Zeiten. Haben wir Alle jetzt schon Angst. Mir graust's oft für die Leute über dem, was Alles auftaucht in unsren Tagen, und wenn ich sehe, wie leicht die Leute in jede Falle hineintappen, so sicher und ruhig, als ob überall kein Feind wäre, der Netze stellt. Brüder aus Geistlichen und Laien wollen nicht einmal eine Beratung in ausgewählten Brüderkreisen veranlassen, um vor dem Herrn einer neuen Sache auf den Grund zu kommen, und überhaupt dem gemeinsamen Urteil sich zu unterwerfen. Mit einander zu prüfen und Rats zu werden, wie man dieses oder jenes anzusehen habe, wäre gewiß gut, namentlich auch, um herauszubringen, was etwas von dem Character des antichristlich Verführenden an sich trägt. Statt dessen aber fährt Jeder nur gleich für sich zu; und die Andern sollen alsbald ihm nachtraben. Tun diese es nicht, so sieht man fast schon Scheiterhaufen vor sich. Jetzt, jetzt ist die böse Zeit! Wird's einmal Ernst, dann kommt man besser zurecht; denn da wird der Geist Gottes wieder ausgegossen sein, und die Macht Christi sich herrlich erweisen. Aber jetzt, jetzt auf der Hut sein, das tut Not! Ach, daß sich's die Leute sagen ließen!
169) Vom Wiedersehen.
Frage. "Seit ich mein Liebstes auf der Welt, den teuren Gatten, verloren habe, quält sich meine Seele müde durch die Frage, ob es wohl ein Wiedersehen im Jenseits geben werde. Vergebens suche ich nach diesem Troste in der heil. Schrift. Vielleicht findet nur mein blödes Geistesauge nicht, woraus Andere diese Hoffnung schöpfen. Darum bitte ich Sie, diese brennende Frage in Ihrem Blatte zu besprechen etc."
Antwort. Daß ein Wiedersehen wieder Statt finden werde oder könne, kann man doch aus Mancherlei in der Schrift ersehen. Förmlich darüber reden kann aber die Schrift nicht. Denn die Menschen sind zu verschieden, so daß es bei den Einen sein kann, bei den Andern nicht. Auch bei sogenannten Gläubigen kann's gar verschieden ausfallen. Dann ist wohl auch ungewiß, wie weit man einander drüben sieht, ehe der Tag des Herrn kommt. Da redet also die Schrift lieber gar nicht darüber, damit nicht des Einen oder Andern Erwartungen getäuscht werden. Sie tut's wohl auch darum nicht, weil doch eigentlich unsre Hauptsorge sein sollte, den Heiland zu sehen und zu haben. Wir aber sind geneigt, den Heiland sein zu lassen, wo Er will, wenn nur die Familienglieder wieder einander haben. Weil Viele so gestellt sind, so sollen sie lieber Alle mit einander gar nichts wissen. Denn es ist doch etwas sehr Ernstes um Tod und Ewigkeit. Übrigens sollte es für jeden Christen nicht schwer zu denken sein, daß der Gott, der uns hienieden lieben, für einander beten und sorgen, ja gar uns aufopfern heißt, es nicht auf Scheidungen, sondern auf Vereinigungen abgesehen habe. Sonst ist drüben fertig so gut als nichts, ehe die Vollendung des Himmelreichs vorgeschritten ist; und so lange durch die ganze Schöpfung Kampf ist, kann auch das Beisammensein drüben noch nicht sein Völliges haben.
Andeutungen aber von allerlei Wiedersehen gibt die Schrift schon. Als Abraham starb, heißt es: "Er ward zu seinem Volk versammelt" (1 Mos. 25, 8; vergl. 35, 29). Kam er zu seinem Volk überhaupt, so wird er auch die Seinigen, namentlich seine Sarah, wiedergesehen haben. Daß man auch in der unseligen Totenwelt einander zu sehen bekommt, liegt in Jesajas 14. Da sagen sie (v. 10) alle um einander zu dem hinabfahrenden König von Babel: "Du bist auch geschlagen, gleichwie wir, und gehet dir, wie uns." "Wer dich siehet," heißt's weiter, "wird dich schauen und ansehen und sagen: Ist das nicht der Mann, der die Welt zittern, und die Königreiche beben machte?" In jenem Gleichnis des Herrn sieht ja auch der reiche Mann den Lazarus, und dieser jenen. Im Leben haben diese sich oft gesehen. Können sie sich aber gegenseitig dort sehen, warum nicht auch Angehörige von einander? Aber freilich, da saß der Eine in Abrahams Schoß, der Andere in der Hölle Pein. Soll's denn auch so sein, daß Selige und Unselige sich dort gegenseitig wiedersehen, ohne einander begegnen oder helfen zu können? So kann's aber manchmal sein; aber ach, so möchte man's doch kaum haben! Deswegen schweigt die Schrift, die uns lieber auf's endliche selige Wiedersehen möchte denken lassen. Der reiche Mann ferner will noch für seine Brüder sorgen, daß sie nicht auch kommen an den Ort der Qual, wo er ist. Ein solches Wiedersehen, aber doch Wiedersehen, ist ihm ein Schreckliches.
Aber auch liebliche Andeutungen finden wir. Der Heiland will drüben Seinen Jüngern Wohnungen zubereiten. "Da will ich," sagt Er, "wiederkommen, und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin." Da sieht sich denn Alles, was dem Herrn angehört, recht ordentlich mit einander und hat einander. Die Jünger hatten also die Hoffnung, den Heiland, der ihnen auf Erden das Teuerste war, mehr, als einer Witwe der Gatte, wiederzusehen, und so auch sich unter einander. Ob erst, wenn Er gekommen sein wird? Es gibt auch ein früheres Zusammenkommen, wenigstens derer, die statt der irdischen Hütte jenen Bau einstweilen bekommen, von Gott erbauet, d. h. den Ersatz für den Leib, bis dieser aufersteht (2 Kor. 5, 1 ff.). Daß man das hoffen darf, deutet Paulus damit an, daß er das auch ein Daheimsein beim Herrn nennt (v. 8). Auch sagt's das Wort Jesu (Joh. 11, 25): "Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe." Die also Lebenden werden doch nicht im großen Weltenraum sollen vereinzelt auseinander gestellt werden. Sie dürfen denn doch wohl irgendwo und irgendwie zusammen, im Bund mit dem Heiland. Etwas zur Frage gibt auch der Spruch im Hebräerbrief (12, 22): "Ihr seid kommen zu dem Berge Zion etc., zu der Gemeine der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten." Das wird offenbar völliger, als ein schon Geschehenes, nach dem Ausgang aus dieser Zeit, obgleich noch völliger am Tage des Herrn. Endlich sage ich auch das noch gern, daß der Heiland hat ja auch Seinen lieben Vater wieder sehen dürfen, und dazu betet: "Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast." Da haben sie also Ihn und sich unter einander! Was wird's doch einmal sein?
170) Kurze Antworten.
Fragen. In dem vorigen Briefe, der um das Wiedersehen fragte, stehen noch allerlei Fragen, die ich ganz kurz beantworten will, weil ich sie verschiedentlich schon umständlich besprochen habe.
Antworten. 1. Nach Lukas 7, 28 ist kein größerer Prophet vom Weibe geboren, als Johannes der Täufer; "der aber kleiner ist im Reiche Gottes," sagt der Herr, "der ist größer, denn er." Johannes kannte Jesum nur als nahekommend, nicht als gekommen, war also nicht im Reich Gottes. Er besaß Jesum noch nicht mit Allem, was Er ist und gibt, im Herzen, wie Einer im Reiche Gottes. Jener kündigt's an, und dieser hat's; um das ist dieser größer, als jener, nicht dem persönlichen Wert, sondern dem Besitze nach.
2) Luk. 11, 19. "Durch wen treiben eure Kinder die Teufel aus? Darum werden sie eure Richter sein." Es gab damals Leute, die mit finsteren Kräften wenigstens gewisse Arten von Besessenen frei machten. Aber Jedermann wußte, daß sie's nicht mit Gott taten, und doch ließ man sie machen. Wie? werden diese einmal zu jenem Geschlechte sagen, uns habt ihr gelten lassen, und den, bei dem ihr's sehen konntet, daß er's mit Gott tat, habt ihr gekreuzigt? So sind sie einmal Richter.
3) Luk. 11, 24. "Der unsaubere Geist, wenn ausgefahren, durchwandelt dürre Stätten und sucht Ruhe und findet sie nicht etc." Geister, mit unrechten Kräften ausgetrieben, kommen wieder, entweder zu denselben Personen, oder zu andern; und sich stark zu machen, verbinden sie sich hart mit einander. Darum fliehe die faschen Künste, welche großes Unheil anrichten, auch wenn sie zu helfen scheinen.
4) Der Herr lobte den ungerechten Haushalter (Luk. 16, 8. 9) und sagt, man solle sich Freunde machen mit dem ungerechten Mammon. Hieraus wollen wir in der Kürze nur so viel entnehmen, daß der Heiland dich darum loben wird, wenn du mit deinen Gütern, die insofern ein ungerechter Mammon sind, als du meinst und sagst, sie seien dein, und sind's doch nicht, durch Mindern oder Erlassen von Schulden, welche Bedrängte an dich haben, und sonst durch Aushilfen in großer Not, dir gute Freunde zu machen weißst. Wie werden die einmal sich für dich wehren, wenn der Herr Miene machte, dich zu verdammen!
171) Vom unbedeckten Haupte,
nach 1 Kor. 11, 13.
Frage: "Wir haben die Gewohnheit, in die Kirche mit bloßem Kopfe zu gehen. Ein Prediger hat uns darüber Ermahnungen gemacht, daß es nicht angehe nach 1 Kor. 11, 13. Ich bitte um Antwort in den Blättern."
Antwort. In der angeführten Stelle heißt es: "Richtet bei euch selbst, ob's wohl stehet, daß ein Weib unbedeckt vor Gott bete." Begreiflich redet der Apostel nicht davon, wenn das Weib für sich, von Niemand, namentlich nicht von Fremden, beachtet, betet. In der Versammlung sollte die Frau sich bedecken, meint Paulus. Dies erforderte in der alten Zeit die Schamhaftigkeit und Sittsamkeit. Anständige Personen ließen sich nie mit unbedecktem Haupte, kaum mit unverhülltem Gesichte, öffentlich sehen. So sollte es auch in den Versammlungen sein, schon um des guten Rufes willen vor der Welt. In den Versammlungen aber herrschte die Form des Betens vor. Beim Beten fiel es um so mehr auf, daß Frauen einerseits Kopf und Gesicht unbedeckt und unverhüllt vor Männern sollten zur Schau tragen, und andererseits doch andächtig beten. Mit diesem dienten die Frauen dem Herrn, mit jenem schienen sie der Welt zu dienen. Auch in unsrer Zeit meine ich doch, nehme sich's besser aus, wenn Frauen nicht so gar frei und blutt in der Kirche sitzen; und gewisser Leute lüsterne Blicke nicht an sich zu ziehen, dürfen sie wohl bedacht sein. Paulus sagt auch, mit der Kopfbedeckung "habe das Weib eine Macht auf dem Haupte, um der Engel willen," d. h. den Engeln, die statt des Herrn die Behüter sein sollen, wird es leichter, Frauen, die in den Schranken der Sittsamkeit sich halten, wie sie dieses mit der Bedeckung des Hauptes damals taten, vor dem Argen, dem sie in der Welt ausgesetzt sind, zu bewahren. Ihre Bedeckung repräsentierte eine Macht zu ihrem Schutze. Es wäre eben doch gut, wenn man auch in solchen Sachen das Wort Gottes etwas gelten ließe. Bei uns in Württemberg macht man's doch ein wenig anders.
172) Aus einem Leserkreis.
Brief. "Eine dankbare Leserin Ihrer Blätter sendet Ihnen hiebei Fragen, die im Kreise meinen Freunden bei gemeinsamem Lesen gekommen sind."
1. Frage. "Worauf gründet sich die in den Blättern (1875 Nr. 38, S. 298) ausgesprochene Ansicht, daß Jakobus, der Verfasser des Briefs Jakobi, kein Apostel war?"
Antwort. Es ist dies eine theologische Frage, die in Untersuchungen hineinführt, die für mein Blatt sich nicht eignen. Obige Ansicht ist nicht sowohl meine, als, so viel ich weiß, aller Theologen der neueren, fast auch älteren Zeit. Indessen will ich Einiges sagen. Schon der Jakobus, der in der Apostelgeschichte vorkommt (Kap. 15 u. 21, 18), wird von Paulus (Gal. 1, 19) der Bruder des Herrn genannt, der immerhin als solcher das Ansehen eines Apostels hatte, aber kein Apostel war. Judas ferner, der Verfasser des Briefs Judä, nennt sich (v. 1) den Bruder Jakobi, und sonst, wie Jakobus in seinem Briefe, nur den Knecht des Herrn. Wir werden dabei an die wirklichen Brüder des Herrn, Jakobus und Judas, deren Matth. 13, 55 Erwähnung geschieht, erinnert. Dieser Jakobus stand auch bei den Juden in großem Ansehen unter dem Namen des Gerechten; und als er zuletzt als Christ in Jerusalem bei einem Volksauflauf getötet wurde, kam das jüdische Volk in große Trauer. Aus dem Allem ist klar, daß dieser Jakobus kein Apostel war; und einen andern, als ihn, kann man sich nicht als Verfasser des Briefs denken.
2. Frage. "Finden Sie die neulich ausgesprochene Ansicht eines Geistlichen, die Evangelien und besonders, was unser Herr selbst geredet, seien über die Episteln zu stellen, für richtig? Oder meinen Sie nicht auch, daß Letztere für uns denselben Wert haben müssen? Denn der Herr sagt: Ihr seid es nicht, die da reden, sondern der heil. Geist ist es etc."
Antwort. Man kann wohl von einem untergeordneten Werte der Briefe gegenüber von den Evangelien, namentlich der Worte Jesu, reden, ohne damit die Briefe herabzusetzen. Wenn ich sage, der Herr sei mehr als die Apostel, so schätze ich die Apostel nicht gering; und wenn ich sage, des Herrn Worte seien gewichtiger, tiefer gehend, reicher, jedenfalls schon als grundlegend bedeutender, als die der Apostel, so setze ich den Wert der Apostel nicht herab. So mögen wir auch sagen, wir könnten die Briefe eher entbehren, als die Evangelien mit der Schilderung des Weltheilandes. Man muß sich nur nie so ausdrücken, als ob man auf die Briefe weniger zu halten hätte, oder als ob sie weniger Wahrheit enthielten, und auch nebenhin angesehen werden dürften.
3. Frage. "Wenn man das 9. Kap. des Römerbriefs liest, besonders aber v. 22 u. 23, muß man nicht da eigentlich, wie die reformierte Kirche, die Lehre von der Gnadenwahl und die Vorherbestimmung des Menschen zur Seligkeit oder Verdammnis daraus folgern?"
Antwort. Um ein kleines Etwas zu sagen, bemerke ich nur, daß in jenen Versen gar nicht von der Seligkeit oder Verdammnis die Rede ist, sondern nur von einem einstweiligen Bevorzugtwerden, oder Zurückgesetztwerden, was durch's ganze Kapitel anzunehmen ist. Sonst aber bemerke ich, daß ich über das 9. Kap. des Römerbriefs sehr umständlich in den 3 ersten Nummern des Jahrgangs 1875 gesprochen habe. Außerdem gehe ich auf die Beantwortung von Fragen, wie die vorliegende, für's Weitere sehr ungern ein, weil man sie nicht oft genug beantworten kann, indem immer wieder auf's Neue gefragt wird. Wie ihm sei, so bitte ich die Freunde, oben angeführte Abschnitte nachzulesen.
4. Frage. "Aus verschiedenen Ihrer Aufsätze geht hervor, daß Sie annehmen, die Gläubigen kämen nicht unmittelbar nach dem Tode zum Anschauen des Herrn. Wie ist es aber dann gemeint, wenn der Herr sagt zum Schächer: Heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein? wenn Paulus sagt, ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein? und Stephanus: Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen; Herr Jesu, nimm meinen Geist auf?" Meinen Sie, daß diese Alle durch Buße und Glauben schon in einem Zustand gestorben seien, der ihnen das Anschauen oder die Gemeinschaft mit dem Herrn sogleich ermöglichte, während wir noch viele unbereute Sünden mit hinübernehmen? Oder hat nicht David schon gebetet: Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir auch die verborgenen Fehler? und hat der Herr nicht auch für diese genug getan?"
Antwort. Fast viel wird da zusammengetragen. Aber wenn man auf Bibelstellen sich berufen will, muß man doch diese ein wenig sichten. So kann doch das vom Schächer sicher nicht hieher gehören. Denn als der Herr verschieden war, ist Er als Geist an einen Ort gekommen, den Er Paradies nennt, weil derselbe gegenüber von andern Orten, in welche andere Seelen kommen, ein glückseliger war. Der Schächer geht auch als Geist aus diesem Leben; und daß nun Beide als Geister (ohne Leib) am gleichen Ort zusammenkommen, Jesus also dem Schächer die Freude machte, mit Ihm zu sein, beweist nichts für die vorliegende Frage, weil wir, wenn wir sterben, jetzt nicht zum Geist Jesu ohne Leib, sondern zu dem zur Rechten Gottes sitzenden Auferstandenen als Geister kommen müßten, wenn die Frage bejahend ausfiele. Selbst, wenn Paulus sagt: "Ich habe Lust abzuscheiden und beim Herrn zu sein, ist damit auch nicht bestimmt gesagt, daß abscheiden und beim Herrn sein werde gleich zusammentreffen. Solche Lust haben wir ja alle auch; und die fragenden Freunde beweisen das. Aber ob die Lust gleich werde befriedigt sein, könnte noch gefragt werden. Übrigens habe ich nichts dagegen, in dieser letzten Stelle etwas nach seines Herzens Wunsch zu finden. Wenn endlich Stephanus Jesum im Augenblick seines Todes, aber doch noch voll lebend, sieht, so wollen wir uns nicht so schnell neben den Märtyrer stellen, der ein Zeugnis ablegen sollte, daß sein Jesus sich seiner annehme. Auch kann der Heiland den Geist Stephani aufgenommen haben, ohne daß ferner Stephanus nun auch als Geist in Jesu Gemeinschaft blieb, wie er ihn als lebender Mensch gesehen hatte. Es ist überhaupt immer seltsam, daß wir in unsern Vorstellungen bezüglich unseres Jenseits gar kein Drandenken haben, daß wir zunächst als Geister ohne Leib drüben sind, also für uns gewissermaßen auch der Tod noch nicht völlig überwunden ist, weil er unsern Leib noch festhält. Man tut vielmehr, wie wenn eigentlich zu einem völligen Beisammensein mit dem Herrn gar kein Auferstehungsleib uns nötig wäre; und eben das, daß man sich gerne schon unmittelbar nach dem Tode, trotz aller Bedrängnis, in der man eben noch stand, in der höchsten Vollendung sich denkt, wobei der fortgehende heiße Kampf um die Vollendung, wie er für diesseits und jenseits gilt, völlig ignoriert wird, ist Grund, daß ich die Erwartungen lieber ein wenig mäßige, und zwar aus Mitleiden für die, welche einmal könnten sehr enttäuscht sich fühlen.
Indessen erinnere ich mich doch nicht, gerade von Gläubigen gesagt zu haben, daß sie sich nicht Vieles nach dem Abscheiden versprechen dürften. Für die Gläubigen denke ich mir nur Gutes im Jenseits; und Sünden gehen ihnen keine mehr nach. So kann es auch zu jeweiligem Sehen des Heilandes kommen; und wenn nicht, liegt's nur in dem Stande, in dem wir als Leiblose uns befinden. Sie bekommen aber mit der Behausung von Gott, d. h. mit der himmlischen Bekleidung, eine Art Ersatz für den Leib, bis dieser aufersteht, was Paulus uns lehrt (2 Kor. 5, 1 ff.). Wer diese Behausung als Gläubiger empfängt, jenes weiße Kleid (Off. 7, 9), der kann und darf nach vielen Seiten hin sich viel versprechen, wenn auch die volle Vollendung noch nicht da ist.
Wir müssen uns aber sehr in Acht nehmen, daß wir auch bedenken, wer ein Gläubiger ist. Denn wir wissen wohl, wie Viele sich sehr unberechtigt unter die Gläubigen rechnen, bei welchen es keinerlei Fehler mehr bringen werde. O, wie viel Unlauterkeit, wie viel Gebundenheit, wie viele geheim gebliebene Sünden, wie viel in Finsternis eingeknechtetes Wesen geht mit sogenannten Gläubigen, deren Ende man gar ein schönes nennt, hinüber in die Ewigkeit; und für diese verspreche ich mir drüben zunächst nicht so viel Gutes. Bedenklich wird mir auch immer der Spruch (Off. 14, 13): "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an," wie wenn da prophetisch auf eine Entwicklungszeit hingewiesen wäre, die vorzüglich auf die Letztzeit sich machte, da das im Anfang Gewesene, aber nach manchen Seiten verscherzt Gewordene wieder eintreten darf, nämlich das völligere Seligwerden von nun an, d. h. vom Sterben an. Zunächst hätte Alles bei allen Gläubigen so gehen sollen, wie der Herr sagt: "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe." Aber wie umdüstert machte sich bald nach der ersten Zeit das Christentum und der Glaube! Und da fürchte ich, daß Vieles auch für unser nächstes Jenseits anders geworden ist, als es hätte sollen. Einzelnen mag's wohl gelingen, - aber! Es ist eben Zweierlei: Schein oder Wahrheit, Mund oder Herz, lauter oder unrein, eingetunkt oder frei von Finsternis, weltlich oder göttlich neben dem Glauben! Drüben aber ist's ernst, namentlich wenn man nichts dazu tut, wirklich entbunden, wirklich gelöst zu werden!
Das sind so meine Gedanken, die nicht rechthaberisch gemeint sein sollen!
5. Frage. Wenn der Apostel Paulus sich den vornehmsten unter den Sündern nennt, so ist das doch keine fromme Redensart, sondern sein völliger Ernst. Mit welchem Rechte konnte er aber das tun, da sein Verfolgen der Gemeine doch wohl in dem Eifer um Gottes Gesetz geschah, dem er durch die neue Lehre zu nahe getreten glaubte. Mußte er darin nicht eine Entschuldigung für sich sehen, ebenso gut, wie Petrus (Ap. 3, 17) sagt: "Nun, lieben Brüder, ich weiß, daß ihr's durch Unwissenheit getan habt, wie auch eure Obersten." Waren daher solche, die wider bessere Erkenntnis sündigten, nicht vornehmere Sünder? - Wird es nach des Apostels Vorbilde von jedem Einzelnen verlangt daß er sich als den vornehmsten der Sünder fühle, auch wenn er sich keiner besonderen schweren Sünde schuldig gemacht?"
Antwort. Nur das nicht, daß ein Jeder nach dem sogenannten Vorbilde Pauli sich für den vornehmsten Sünder zu halten habe; denn damit wird man unvermerkt der vornehmste Heilige. Dem Paulus aber muß es ein rechter Ernst gewesen sein, sich so weit herunterzuschätzen; denn so oft er darüber spricht, ist es, als hörte man ein Schluchzen seines Herzens. Schloß doch seine Verfolgungswut die größte persönliche Mißhandlung Jesu in sich, wie auch der durch Jesum Erlösten, die er mit unerbittlicher Unbarmherzigkeit in die peinlichste Lage versetzt hatte. Es geht auch aus seinen Äußerungen hervor, daß er wirklich Ursächer eines Märtyrertodes vieler, teils Männer, teils Weiber geworden ist. Denn wer einmal von einem solchen Eiferer in die Gefängnisse geschleppt worden war, für den war kein Entkommen mehr möglich, wie die Ältesten es mehr als einmal im Sinn gehabt hatten, sämtliche Apostel, wenn sie sie in Händen hatten, zu peinigen, d. h. hinzurichten. Wer weiß, ob nicht mit dergleichen Blutschulden, obgleich sie später vergeben wurden, der Pfahl im Fleisch in Verbindung stand, mit welchem Paulus auch in seiner besten Zeit geplagt war. Die Frage geht auch viel zu weit, in der Unwissenheit eine so große Entschuldigung zu finden. In diesem Falle, wie bei den Feinden Jesu überhaupt, nimmt die Unwissenheit aus zwei Gründen nichts von der Schuld weg. Erstlich war sie selbst für Schriftgelehrte die größte Sünde. Sie schloß eine Verleugnung der Weissagung und der Propheten in sich, eine Geringschätzung aller Offenbarung, ein Verbot an Gott, den Herrn, selbst gleichsam, sich doch ja nicht mehr persönlich kund zu geben, weil alle Wunder, statt nachdrücklich zu machen, nur verbitterten; und so wurde jedem Messias für immer alles Auftreten unmöglich gemacht. Von solcher Verschuldung sollte man denken, daß sie nicht wieder vergeben werden könne, weil sie genau genommen über alle Gräuel, deren der Mensch nur fähig ist, wenigstens bei einem schriftkundigen Israeliten, hinausging. Abgesehen von diesem hat sich auch die Unwissenheit zweitens als die schnödeste Übertretung aller Gebote Gottes gezeigt. Denn sich so niederträchtig benehmen, als es die Feinde Jesu und der Jünger Jesu taten, kann durch keine Unwissenheit entschuldigt werden. Mit Gräueln Gott dienen wollen, macht ja allein schon zum vornehmsten Sünder. O wie Mancher wird mit seiner Unwissenheit, ich will nicht sagen, immer, der vornehmste, aber doch ein recht vornehmlicher Sünder!
173) Über die Taufpaten.
Frage. Bezüglich der Taufpaten bin ich in einem Briefe Mancherlei gefragt worden, das ich nicht wörtlich hier anführen kann. weil es nicht genug zu einer Frage formuliert ist. Indessen kann ich eine Antwort geben, welche die Hauptpunkte, über die Auskunft gewünscht wird, enthält. Den lieben Fragesteller aber möchte ich bitten, ein andermal seiner Frage eine bestimmte Fassung zu geben.
Antwort. Vor Allem bemerke ich, daß in der heiligen Schrift nichts über das Institut der Taufpaten vorkommt, wir uns also sehr zu hüten haben, nicht gleichsam Aufsätze der Ältesten zu machen, die den göttlichen Geboten gleichzusetzen wären. Auch im A. Testament findet sich nichts von Zeugen der Beschneidung, denen eine gewisse Verantwortung aufgelegt worden wäre. Obgleich die Kinder beschnitten wurden, ohne zu wissen, was mit ihnen geschah, und ohne sich für den Gott Israels verpflichten zu können, so wurde doch die Verantwortung für die Kinder nicht von den Eltern ab auf Zeugen übergetragen, wie dies auch bei uns wird nicht angenommen werden müssen. Wenn übrigens für die Beschneidung keine Zeugen gefordert wurden, so waren auch Zeugen nicht nötig. Denn die Zeichen der Beschneidung waren ja am Leibe sichtbar. Im Anfang des N. Testaments hatte man auch keine Zeugen nötig, weil mit der Taufe der Heil. Geist mitgeteilt wurde, der in der ersten Zeit an den Getauften bemerklich war und immer wieder auf eine auch für Andere sichtbare Weise sich zu erkennen gab. Da wußte man also an der Gabe des Heil. Geistes, daß Jemand getauft war. Später aber änderte sich das, und konnte man bei Jedem, der sich für getauft ausgab, zweifeln, ob dem auch so wäre. So wurde es Bedürfnis, aber nicht so bald, daß im N. Testamente noch die Rede davon sein kann, daß man Niemand taufte ohne Zuziehung von Zeugen, die in der Folge die vollzogene Taufe bezeugen konnten und sollten. Auch für die Getauften selbst wurde es Bedürfnis, Zeugen zu haben, namentlich wenn sie Waisen wurden. Ob auch Taufbücher schon angelegt wurden, weiß ich nicht. Ich glaube kaum, da sie auch leicht der Vernichtung anheimfallen konnten. Das ganze Institut mit den Taufzeugen hatte also, wie wir sehen, keinen andern Zweck, als daß man Zeugen haben wollte für die geschehene Taufe, indem sonst allerlei Betrug möglich war, namentlich Heiden gegenüber. Hatte Jemand für seine Taufe keine Zeugen, so konnte er seine Taufe bekennen oder verleugnen. Bei Heiden konnte er ein Heide sein, und bei Christen die Rechte der Christen ansprechen; und um Alles Ungeeignete zu verhüten, taufte man vor Zeugen, die sich zugleich erboten, nötigen Falls Zeugnis abzulegen.
Es war natürlich, daß in der Folge mancherlei Sitten und Vorstellungen an das Institut der Taufzeugen sich anhingen, die man achten und ehren muß, so weit sie einen göttlichen Character zeigen, obgleich man kein Schriftwort dafür hat. Der Geist Gottes war doch nicht so ferne gegangen von der Christenheit, daß nicht unter Seiner Leitung mancherlei Gebräuche innerhalb der Kirche und des gemeinsamen Christenlebens aufkommen konnten, die man geradezu mit dem Inspirierten der Schrift ebenbürtig nehmen dürfte. Es ist nicht recht, wenn man für Alles, was in der Zeit nach den Aposteln aufgekommen ist, meint Schriftbeweise haben zu müssen, um ihm einen Wert beizulegen und es als göttlich zu nehmen. Auch braucht nicht Alles insofern zur Tradition zu gehören, als sein Ursprung will auf die apostolische Zeit zurückgeführt werden, als durch mündliche, nicht schriftliche Überlieferung uns zugekommen. Auch nachher erst Aufgekommenes, ja selbst heute noch Aufkommendes kann göttlich sein, sogar mit bindender Auctorität, weil Alle darin Eines sind, nach dem Worte Petri (1 Petr. 2, 13): "Seid untertan aller menschlichen Ordnung, um des Herrn willen." Hat also wirklich fromme Sitte sich zu Vorstellungen, Gefühlen und Sitten in etwas vereinigt, so wird auch ein frommer Sinn dergleichen zu ehren wissen; und daß der Herr Sein Jawort zu Manchem gibt, sieht man aus dem, daß dem christlichen Gemüte viel Segen daraus, offenbar, als von oben, zufließt. Dies ist ganz besonders anerkannt an der, auch erst später aufgekommenen Konfirmation, oder Erneuerung der Taufe für Solche, die als Kinder getauft worden sind.
Hatten nun Anfangs die Taufpaten keine andere Pflicht, außer der, daß sie für Getaufte zeugen sollten, so ist es begreiflich, daß schon mit dem Vorstehen als Zeugen eine Beziehung zu den Täuflingen sich machte, mochten diese Erwachsene sein oder Kinder. Die Paten konnten doch nicht gefühllos dastehen und zusehen, und wieder weglaufen, als ob nichts geschehen wäre. Sie mußten unwillkürlich mit beten und mit segnen im Stillen. Die Zeugen mußten ferner auch bezeugen können, daß die Taufe eine lautere gewesen sei, den Einsetzungsworten Christi entsprechend, und mit Intention auf den ächten Glauben an Christum. Sonst mußten Erwachsene ihr Glaubensbekenntnis selbst ablegen. Bei Kindern aber wurde es gewöhnlich, um den Act konform zu machen mit der Taufe der Erwachsenen, daß die Taufpaten für die Täuflinge redeten und deren Bekenntnisse und Versprechungen ablegten. Daraus ergab sich wieder von selbst, daß die Taufpaten in der Folge ein Interesse haben mußten, daß dem Getauften gesagt werde, was die Taufpaten an ihrer Statt ausgesprochen hatten, damit sie wüßten, wofür sie sich nach Bekenntnis und Versprechen anzusehen hätten. Daneben mußte es ihnen Herzensbedürfnis sein, die Getauften auch persönlich an das zu erinnern, was sie am Heilande hätten für Zeit und Ewigkeit, überhaupt an die Glaubenspunkte des Evangeliums, auch an das, wie sie sich demgemäß dem Heilande treu zu erhalten hätten. Aber eine eigentliche Vorschrift konnte nicht gegeben werden, an die sich, als an eine göttliche Vorschrift, die Taufpaten zu halten hätten. Die Kirche konnte es wünschen und konnte diesen ihren Wunsch bei der Taufe gegen die Taufpaten aussprechen, daß diese die Kinder im Auge behalten möchten, namentlich wenn sie Waisen würden, oder sonst in's Gedränge kämen. Förmliche Vorschriften konnte aber die Kirche nicht geben, weil dadurch leicht Eingriffe in die Rechte der Eltern an ihre Kinder möglich wurden, die zu Mißhelligkeiten Tür und Thor offen ließen. Es konnte nur gesagt werden, die Taufpaten möchten im Einverständnisse mit den Eltern sich der heranwachsenden Kinder annehmen. Ging das nicht, wenn Eifersucht der Eltern und Anderes hinderte, so hatten die Taufpaten nicht im Mindesten eine Verantwortung, wenn sie Untunliches nicht erzwingen wollten.
Auch bei uns nun kann es sehr ungeschickt herauskommen, wenn Taufzeugen gegen die Eltern der Kinder es aussprechen, daß sie ein Recht der Erziehung, Unterweisung, Bestrafung an die Kinder hätten. Genau genommen haben sie dieses Recht nicht, wenigstens nicht mehr, als gegen andere Personen, die ihnen nahe stehen. Sie haben nur das Recht besonderer Liebe, besonderer Fürsorge, besonderer freundlicher Aufmerksamkeit; und damit tun sie den Kindern ungemein wohl, die auch ein besonderes Liebesgefühl gegen ihre Taufpaten gewöhnlich haben. Wenn freilich, wie der Fragesteller es erfährt, die Kinder bei der Konfirmation noch so unwissend sind, daß sie nicht einmal wissen, daß die Konfirmation in einer Beziehung zur Taufe stehe etc., so liegt da die Schuld mehr an den Eltern und Lehrern, die doch Gelegenheit genug hatten, den Kindern zu sagen, was Taufe, was Konfirmation, was Evangelium sei, als an den Taufpaten, wiewohl immerhin es den Letzteren ansteht, jede Gelegenheit zu benützen, ein ermunterndes Wort hören zu lassen. Daß Taufpaten gar für die Sünden der Getauften verantwortlich seien, ist übertriebene, ganz unberechtigte Vorstellung. Sie haben nur anstatt der Kinder gesprochen, was als dieser Bekenntnis und Versprechen anzusehen ist, das mit dem zunehmenden Alter ein wirkliches wird.
Sonst ist es selbstverständlich, daß Alle, die bei der Taufe anwesend sind, und so namentlich die Taufpaten, sich bewußt werden sollten, was es um die Taufe sei. Auch ist es klar, daß Gottes Segnungen, die durch die Taufe dem Kinde zukommen, um so reichlicher fließen, wenn die Paten richtig zum Evangelium stehen, wenigstens für sich auch ein Herzensbekenntnis ablegen, um so auch den Kindern frühzeitig sagen zu können, welcherlei Glauben und welcherlei Versprechungen von Jedem, der Christ wird, zu erwarten seien. Daß Taufpaten bei der Konfirmation gewissermaßen losgebunden werden von Verpflichtungen gegen den Herrn um der Kinder willen, ist auch zu schroff ausgefaßt. Freuen kann's die Paten, die Kinder nun das selbst aussprechen zu hören, was sie einst für sie gesprochen haben; aber gesetzlich an den Sachen herumzudenken und zu sorgen, ist durchaus nicht nötig. Wohlgefällig ist es dem Herrn, wenn Taufpaten gleichsam ein Gelübde auf sich nehmen für die Kinder, namentlich sie betend auf dem Herzen tragen zu wollen; und von Bedeutung ist das auch für die Kinder, wenn diese außer ihren Eltern noch andere Personen wissen, die ihnen an Eltern Statt sind, was geschieht, wenn die Paten sich die Kinder durch die Taufe gleichsam an ihr Herz hinwachsen lassen. Überaus schön ist es daher, daß sie Gevatter, Mitvater heißen, nach der Freiheit der Liebe, nicht nach gesetzlichem Zwang. Die Liebe darf immer ein übriges tun; und für dieses Übrige braucht es keiner Vorschrift und keines Gebots. Aber glücklich sind die Kinder, welche für sie fühlende und betende Taufpaten, als zweite Eltern, haben!
174) Rein um des Worts willen.
Frage. "Schon einmal haben Sie in Ihren Blättern etwas über den Spruch Joh. 15, 3 gesagt. Es ist mir aber nicht recht klar geworden, was der Herr Jesus für Worte gemeint habe, wenn Er zu Seinen Jüngern sagt: "Ihr seid jetzt rein um des Worts willen, das ich zu euch geredet habe." Vielleicht sind Sie so freundlich, und sagen später etwas darüber."
Antwort. Bei dem Spruch ist vor Allem zu beachten, daß es nicht heißt: "um der Worte willen, die ich zu euch geredet habe," sondern "um des Worts willen". Unter diesem Wort ist das Evangelium überhaupt verstanden, welches häufig geradezu "das Wort" heißt, wie wenn es heißt: "Er sagte ihnen das Wort," oder "sie nahmen das Wort auf mit Freuden." Solch Wort heißt auch "das Wort Gottes" (Ap. 6, 7; 13, 46; 17, 11 etc."), weil es den Ratschluß Gottes zur Erlösung der Menschen enthält, welchen der Heiland selbst, als Wort und Auftrag Gottes an Ihn, zu verkündigen hatte. Darum betet Er (Joh. 17, 8): "Und sie haben Dein Wort behalten." Die Jünger nun haben dieses Wort gehört; und weil sie's angenommen, sich ganz zu eigen gemacht hatten, so daß sie von dem, der das Wort redete, gar nimmer lassen konnten, so waren sie jetzt, am letzten Abende des Herrn, rein um dieses Worts willen. Durch die Annahme dieses Worts sind sie Reben an Jesu, dem Weinstocke, geworden (v. 5); und der Weinstockssaft konnte ja nicht anders, als sie reinigen von den Schlacken der Sünde. Ich denke, so werde am Spruch alles klar sein.
175) Schiefe Gedanken über den Nächsten.
Frage. "Warum kannst du, o Mensch, der du doch an Gottes Güte glaubst, dich bisweilen törichter Gedanken von deinem Nächsten nicht entschlagen? Vertrauen soll man ihm in engerer Beziehung eigentlich dann erst, wenn man seine Gesinnung in der Not erkannt hat. Dazu ist aber nicht immer Gelegenheit. Mit wenigen Worten: Wie gelangt man zu einer rechten Herzensstellung Gott und den Menschen gegenüber in allen Dingen, damit man, wenn man zu reden und zu handeln hat, das Richtige trifft, vor allen Dingen über sich selbst nicht sich täuscht?"
Antwort. Der Glaube an Gottes Güte sollte freilich uns antreiben, gegen den Nächsten immer freundlich gestimmt uns zu benehmen, ihn auch freundlich zu beurteilen. Denn Gottes Güte, die wir erfahren, unsrerseits nachahmen, sollte uns als Kindern Gottes ein Herzensbedürfnis sein. Statt dessen kommen uns allerdings gerne törichte Gedanken, wenn Sie schreiben, über den Nächsten; und Sie verstehen wohl darunter mißliebige, unfreundliche, argwöhnische, schelmische Gedanken, die ganz außerhalb der Liebe stehen und der Wertschätzung, die man allen Menschen, namentlich noch unbekannten, schuldig ist. Solchen Gedanken, die teils aus dem eigenen durch die Erbsünde verderbten Wesen des Menschen kommen, teils von finsteren Mächten, die fortwährend auf den Menschen influenzieren, eingeflüstert sind, muß man nur kein Gehör schenken, daß sie sich nicht einbürgern können; und im Verkehr soll man seiner Pflicht und Schuldigkeit eingedenk bleiben, Jedermann die allgemeine Liebe und Wertschätzung fühlen zu lassen, was ja selbst gegen wirkliche Sünder sein muß. Bekommen aber törichte und unrechte Gedanken keinen Boden, so entweichen sie leicht, oft schon durch den leichtesten Verkehr mit den betreffenden Personen. Gegen Letztere muß man nur nicht so stumm und maulfaul sein. Vertrauen kann man Jemanden freilich nur nach näherer Bekanntschaft; aber man werde nur nicht einerseits intim, und andererseits mißtrauisch, wenn es zu frühe ist, und benehme sich so, daß es gerade aus ist, weder das Eine, noch das Andere dezidiert. Zu einer rechten Herzensstellung gegen Gott und Menschen kommt man durch Einfalt und Lauterkeit, welche nicht gleich Alles so wichtig nimmt, und aus allem so viele Konsequenzen zieht. Das Richtige trifft man immer am Besten, wenn man nicht so schnell nach irgend einer Seite sich entschieden macht. Dann wird man sich auch nicht über sich selbst täuschen.
176) Erneuerung des Heil. Geistes.
Frage. "Ich bin unter der Beschäftigung mit der Offenbarung auf die Frage nach den letzten Dingen gekommen, und habe kürzlich nachgelesen, was eine bekannte "christliche Glaubenslehre" darüber enthält, habe aber nichts von einer Erwartung einer nochmaligen allgemeinen Ausgießung des h. Geistes in der Letztzeit vor der Wiederkunft des Herrn gefunden. Gerne möchte ich eine solche glauben, - wer wollte sie nicht sehnlich wünschen? - finde aber keinen bestimmten Anhalt in der Schrift, und bitte dich daher, in den Blättern dich hierüber zu äußern. Ich finde oft Hindeutungen darauf, aber bisher noch kein näheres Eingehen etc."
Antwort. Näher eingegangen bin ich doch auf die Frage schon öfters, namentlich im Dezember 1873, und im vorigen Jahre in der Auslegung der Stelle über Joel, auch in den Aufsätzen über die Wunder, Anfangs 1874. Wenn ich aber jetzt in der Kürze etwas sagen soll, so beruhen meine Hoffnungen besonders darauf, daß der heil. Geist in Person da gewesen ist und nicht mehr da ist, aber doch nach der Verheißung da sein sollte, und zwar mit allen Seinen Gaben und Kräften. Was als Verheißenes (Gal. 3, 14) da sein sollte und nicht da ist, darf doch wohl gehofft werden. Von einer Erneuerung der Ausgießung des heil. Geistes aber kann nichts im Neuen Testament stehen; denn sonst müßte auch von einem Aufhören etwas gesagt sein. Das will aber nicht gesagt werden, eben weil's bleiben und nicht aufhören sollte, und nur durch fortwährendes "Betrüben des Heil. Geistes" von Seiten der Christenheit mag aufgehört haben. Sonst aber sagt die Weissagung viel von Zeiten, da die Gnadenbezeigungen Gottes aufhören, und von andern, namentlich zur Letztzeit, da sie wieder anfangen werden. Denke ich nur an 5 Mos. 4, 29-31, worüber ich gestern zu sprechen Veranlassung hatte. Den lieben Gott können ja Seine Gaben und Verheißungen nicht gereuen; und verhüllt Er Sein Angesicht, so muß Er's auch wieder enthüllen. Sonst lies recht, lieber Bruder, die Stelle in Joel, welche eigentlich doch die rechte und volle Ausgießung des heiligen Geistes, von welcher nur der Ansang den Aposteln zukam, erst kommen läßt vor dem großen und schrecklichen Tag des Herrn. Begreiflich, denn Gott will gerne Alles tun, um nicht Alles, wenn das Gericht kommt, in die Hölle werfen zu müssen. Wenn aber "christliche Glaubenslehren" diesen hochwichtigen Punkt ignorieren, nicht einmal der Besprechung würdigen, so ist das ihre Sache. Die Wahrheit hat noch zu allen Zeiten in den untersten Winkel hinunter müssen, aus welchem sie wieder hervorzuziehen fast eine Unmöglichkeit schien. Aber heraus muß sie doch; und ich gehe freudig meinen Weg, dessen gewiß, daß kommt, was ich hoffe. Kommt's, so freue ich mich auch für die, die es nicht haben glauben und annehmen können. Denn dann redet der Herr selbst; und dem müssen sie glauben.
177) Gaben für die Abtrünnigen.
Frage. Mir sind schon zu wiederholten Malen die Stellen der heil. Schrift aufgefallen, Hebr. 6, 4-6 und Psalm 68, 19. Jene Stelle redet von einer Unmöglichkeit, daß Abgefallene wieder könnten zur Buße erneuert werden; und diese sagt, der Herr habe Gaben empfangen für die Menschen, auch die Abtrünnigen. Diese beiden Stellen scheinen mir im Widerspruch zu einander zu stehen. Für eine Antwort in den Blättern würde ich Ihnen sehr dankbar sein."
Antwort. Wenn es in der Stelle Hebr. 6, 4-6 heißt, es sei unmöglich, daß die Abgefallenen "wieder erneuert werden zur Buße", so ist zu bemerken, daß diese Uebersetzung nicht ganz richtig ist. Es sollte eigentlich heißen: "Es ist unmöglich, sie wieder zu erneuern zur Buße." Für Lehrer und Diener des Evangeliums, will gesagt sein, ist es nicht möglich, durch Vorhalten der Glaubensartikel es über sie wieder so zu gewinnen, daß sie Buße tun, d. h. ihren Sinn wieder ändern und ihren Abfall (vom Christentum zum Judentum wie jene Hebräer vorhatten), rückgängig machen. Wenn es aber nicht möglich ist, durch Belehrungen eines Dieners des Evangeliums Abfällige wieder zurückzuführen, so folgt daraus nicht, daß es auch dem Herrn nicht sollte möglich sein, endlich es über sie zu gewinnen. Er hat ja auch einmal (Matth. 19, 26) auf die Frage der Jünger: "Je, wer kann denn selig werden?" geantwortet: "Bei den Menschen ist es unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich." Ihm, unserm hoch erhöheten Heilande, Jesu Christo, sagt die Weissagung in Ps. 68, 19, sollen einmal Gaben zukommen, auch Abtrünnige wieder zurückzuführen. Im Grunde sind ja alle Menschen Abtrünnige; und wenn der Heiland an Abtrünnigen nichts mehr zu tun vermöchte, so würde es traurig aussehen. Das ist aber das Große, daß auch die Seelen, an welchen kein Mensch mehr etwas auszurichten vermag, vom Herrn noch bezwungen werden können, durch Gaben der Allmachtskraft, die Er an ihnen versucht. Wir machen auch oft die Erfahrung, daß Menschen an gewissen Sündern und Ungläubigen nichts mehr tun können, um auf bessere Wege sie zu bringen. Man muß sie laufen lassen, ohne Weiteres an ihnen zu versuchen. Wir erfahren's aber, wie der liebe Gott, ohne menschliches Zutun, auch die härtesten Herzen brechen kann. Was also Menschen nicht vermögen, das vermag Gott, und auch die Abtrünnigen, von welchen der Hebräerbrief redet, sind noch nicht aufzugeben, wenn auch Menschen sie nicht wieder zur Buße erneuern können. Indessen kann ja der Heiland Gaben für Abtrünnige empfangen haben; ob aber für Alle, auch für die, welche allen Mahnungen des heiligen Geistes widerstehen, läßt die Verheißung immer noch in Frage. Es läßt sich also auch darum nicht einsehen, wie beide Stellen sollten im Widerspruch zu einander stehen.
178) Wie mit der Fürbitte es fertig bringen.
Frage. "Bei den vielen Anliegen, insbesondere bei den Anliegen, die wir für Andere dem Herrn kund werden lassen wollen und sollen, für Anstalten des Reiches Gottes, die unserer Fürbitte besonders nahe gelegt sind, oder für Verwandte, für Glieder der Gemeinde, für Angelegenheiten des Reiches Gottes, ist es doch schwer, die Pflicht der Fürbitte so zu üben, daß keines vergessen wird. Was für Winke können darin bezüglich der Ordnung in die Fürbitte gegeben werden? Wie machen Sie es hierin, da Sie ja für viele spezielle Fürbitten zu halten vielfach angegangen werden?"
Antwort. Ich stelle mich zunächst auf den Standpunkt des Fragenden. Die Anliegen, die er hat, und die er in die Fürbitte zu bringen angehalten wird, sind doch sehr verschieden. Ihrer Viele laufen in einer guten steten Ordnung fort, daß man sieht, es hat sie der rechte Mann in Händen und steht schützend und helfend über denselben, wenn sie Ihm einmal fürbittend anbefohlen worden sind. Wozu denn nun die Fürbitten für sie so oft in den Mund nehmen? Wozu soll ich alle Tage das Nämliche dem Herrn sagen, als ob Er's von gestern auf heute vergessen hätte? Ich muß dem Herrn, habe ich Ihm einmal etwas anbefohlen, es zutrauen können, daß Er sich's nun auch, um menschlich zu reden, werde gesagt sein lassen. Wenn wir unsre Anliegen auf den Herrn werfen sollen, daß wir sagen können: "Nun haben wir sie auf Ihn geworfen", dann hat Er sie und behält Er sie, und muß ich nicht tun, als hätte ich sie nicht auf Ihn geworfen. Der Liebe freilich, die gerne öfters für Jemand zum Herrn treibt, soll hiermit nichts verwehrt sein. Aber viele Bitten fallen doch so aus dem Kreise Anderer, die ein tägliches Anliegen sind; und man muß sie herausfallen und nicht von einer sogenannten Pflicht sich beschweren lassen. Meine Angst, daß ich ja nichts vergessen möchte, zeugt jedenfalls mehr von Unglauben, als von Glauben.
Sodann gibt es andere Anliegen, wenn etwas Wichtiges in der Entwicklung begriffen ist, wenn eine große Gefahr, welche über Jemanden längere Zeit schwebt, eine große Trübsal da ist, aus welcher wir und Andere sollten herausgehoben werden, und Manches mehr, da treibt's von selbst täglich, ja stündlich, ein Wörtlein mit dem Herrn über das Vorliegende zu reden. Öfteres förmliches Beten kann da nötig sein, weil eine Gnade gleichsam herausgebettelt werden muß, wenn Gott Gründe hat, nicht zu erhören, oder mit der Erhörung zu zögern, und wir uns dann unverschämt gegen Ihn zu sein uns erlauben, wie jener, welchem Gäste ins Haus gekommen sind, um Mitternacht seinem Freunde keine Ruhe läßt, bis er ihm drei Brote gegeben hat. Solcher Anliegen gibt es je und je; und da ist es begreiflich, daß man die Fürbitte nicht spärlich tut, sondern sie immer wieder erneuern muß, wiewohl ein Kind Gottes auch da Maß zu halten versteht, daß es nicht in ein übertriebenes, kleingläubiges Sorgen ausartet.
Ich muß aber doch noch von einem scheinbar andern Standpunkte aus reden. Mir kommt es nicht nötig vor, daß Alles immer wieder mit Worten vor dem Herrn soll ausgesprochen werden. Der Geist kann auch ohne Worte bitten. Das Auge, das ich zum Herrn erhebe, trägt eine Bitte hinauf ohne Worte. Ja, jeder stille Gedanke, der nicht in Worte gefaßt wird, kann eine Bitte und Fürbitte enthalten. Weil ich jedoch so bestimmt gefragt werde, wie ich's meinerseits mache, so will ich noch einiges Weitere sagen, denen zu lieb, die etwa, wie der Fragesteller, in gleicher Weise beunruhigt werden. Befiehlt mir Jemand etwas, namentlich sich selbst oder Angehörige, in die Fürbitte an, so gebe ich ihm, wenn die Unterredung darüber fertig ist, in der Regel, wenigstens wenn's auf meinem Zimmer ist, die Hand, und bete gleich, entweder still ohne Worte, oder mit ganz wenigen Worten, ganz zwanglos, zum Herrn, je nachdem die Umstände, in denen ich bin, es erlauben. Hiemit habe ich's Angesichts des Bittenden fürbittend und gemeinschaftlich mit ihm dem Herrn vorgetragen; und das muß zunächst gelten. In der Folge fällt mir's immer wieder ein, namentlich wenn das Anliegen ein bewegliches war; und jeder Gedanke an Personen, die auf@meine Fürbitte rechnen, ist, - wenigstens übe ich mich darin, - mit einem fürbittenden Blick nach oben begleitet. Bekomme ich Briefe, deren es Viele, oft in die 20 an Einem Tage, sind, jeder mit einem andern Anliegen, so lese ich sie als vor dem Herrn, mit einem Blick zu Ihm, mehr oder weniger intensiv, je nach dem Inhalt; und das muß genügen. Ich erfahre es auch, daß solche Augenblicke allein schon den Betreffenden Erleichterungen und Erhörungen von größerer oder geringerer Bedeutung, bringen. Sonst wird auch wieder jeder Gedanke nachher an diese Korrespondenten eine Fürbitte zum Herrn bei mir.
In meinem besonderen Gebete für mich nenne ich das Einzelne selten, mich darauf berufend, daß der Herr Alles wisse, was ich Ihm mit fürbittender Teilnahme anbefohlen hätte, und Ihn bittend, auch ferner Aller, als in Sein Buch geschrieben, zu gedenken. Warum soll Solches nicht genügen? Ich muß doch vorsichtig sein, daß ich aus dem Heiland nicht zu wenig mache. Wirkung aber kann eine solche allgemeine Fürbitte auf Jeden haben, der sich in diese Fürbitte von sich aus aus der Ferne hereindenkt. Wer freilich mit der Zeit aus der Gemeinschaft kommt, mit dem, der Fürbitte tut, wird wenig Wirkung ferner erfahren. Doch ist der Herr freundlich, und Seine Güte, einmal kund geworden, "währet ewiglich," wenn sie nicht mutwillig gestört wird.
So ungefähr habe ich's. Wenn ich auch noch viel dazu sagen könnte, so meine ich, sei es nicht nötig, und der Fragesteller werde genug dran haben, um sich's zu erleichtern. Gott gebe nur, daß unser Geist in stetem Verkehr mit dem Herrn verbleibe, unter der Fürsorge für Alle, unter denen wir leben!
179) Traktatverteilung auf der Straße.
Frage: "Schon lange habe ich mir über meine Scheu, auf der Straße Traktate zu verteilen, (was übrigens nie von mir getan worden ist) keine klare Rechenschaft geben können. Wenn ich's einen Andern tun sehe, schäme ich mich, daß ich's nicht kann. Während das mündliche Zeugnis mir nicht schwer wird, auch Feinden gegenüber nicht schwer wird, wenn eine natürliche Veranlassung dazu vorhanden ist, eine passende Veranlassung, so bemächtigt sich meiner bei der Vorstellung, auf der Straße Schriften anzubieten, was ich im tiefsten Grunde so gerne möchte, eine, wie mir scheint, unüberwindliche Scheu. Worin mag das seinen Grund haben? Die Verteilung guter Schriften wäre in der großen Stadt, in der ich wirke, gewiß ein Segen. Wüßte ich gewiß, daß meine Scheue davor nur aus dem Fleisch, aus falschem Anstandsgefühl und aus der Furcht vor Verachtung käme, so würde ich ihr den Krieg erklären."
Antwort. Sie fragen: "Worin mag das seinen Grund haben, daß ich eine unüberwindliche Scheu vor der persönlichen öffentlichen Traktatverteilung habe?" Da rate ich Ihnen jedenfalls, ja nicht gegen diese unüberwindliche Scheu zu handeln. So lange sie da ist, dürfen Sie ihr nicht den Krieg erklären. Das könnte Ihnen innerlich ein großer Schaden werden. Sie haben kein Gotteswort für die angeführte Verteilung; und somit können Sie auch keine Verantwortung haben, um der Scheu willen die Verteilung zu unterlassen. Die Scheu ist da, und ist unüberwindlich, kann sie nicht auch vom Herrn in Sie gelegt sein? Will nicht eine innere Stimme, ein Wink von oben, Sie zurückhalten? Nur kein Haschen nach Bravouren. Wohl sagt man, die öffentliche Verteilung sei etwas Gutes und könne wichtige Folgen haben. Denn sie soll dazu dienen, Solchen, die nichts vom Evangelium vernehmen, wenigstens etwas Weniges vom Evangelium zukommen zu lassen; und das könnte ja weit führen, bis zur Bekehrung Vieler. Ja noch mehr, ganze Kreise in großen Städten, am Ende gar die ganze Stadt könnte allmählich in ein neues geistliches Leben hineinkommen. Aber halt! Wie kann man an solchen gut gemeinten Dingen hinaufsehen! wie darinnen träumen! und in Wahrheit kann man doch nur wenig Erfolg von großen Anstrengungen erfahren. Man kann sich auch viel träumen; und mit Träumen eine unüberwindliche Scheu in sich zu überwinden suchen, ist sicher nicht recht. Wenn in einem sonst aufrichtigen Herzen eine Scheu da ist, so kann diese einen Grund haben, der fürchten läßt, daß man auch dem Herrn widerstehe, wenn man ihn nicht beachtet. Man darf überhaupt in nichts eine natürliche Scheu überwinden, wenn man sie seiner Mitwelt gegenüber hat, und sie nicht wider den eigensten Beruf ist.
Die Scheu, die Sie, lieber Bruder, haben, habe ich auch von jeher gehabt, und zwar in so hohem Grade, daß ich Personen nicht als Begleiter haben wollte, wenn sie Traktate auf der Straße austeilten. Ich schämte mich, wie wenn ich sie selbst verteilt hätte, vor den Leuten. Das aber war ich mir bewußt, daß ich mich aus Ehrerbietung vor den Leuten schämte, nicht aus Furcht vor ihnen. Es war mir, als würde die Ehrerbietung verletzt, wenn ich Jemanden um das Annehmen eines Traktats angienge. Denn ich gebe ihm zu verstehen, daß ich ihn für Einen halte, der's brauche, daß man ihm aus Gewissen komme und etwas sage, das er nicht wisse, auch ihn darauf aufmerksam mache, daß er den Weg der Verdammnis laufe, während ich ihn gar nicht kenne. Ich setze ihn vor Augen herunter, und mich über ihn hinauf. Jedenfalls mache ich mich vor ihm zu einem Heiligen, der das Recht habe, Jedermann, der mir begegne, zu verstehen zu geben, daß er lange nicht sei, was ich sei. So faßt's wenigstens die Welt auf; und darum gibt es immer Viele, die ungemein aufgeregt und widrig gestimmt werden, wenn man sie angeht, als schätze man sie geringe.
So hatte denn auch ich das Gefühl, als könnte der, dem ich etwas hinbiete, mir's mit einem gewissen Recht übel nehmen; und gesetzt, er wiese mich derb ab, oder würfe mir den Traktat wieder ins Gesicht, so müßte ich denken, es geschehe mir recht, und müßte ich mich vor meinem Gott schämen, daß ich Jemanden ohne Weiteres beleidigt, geärgert und aufgeregt, auch ihm Anlaß gegeben habe, sich zu versündigen und jetzt erst feindselig gegen das Evangelium gestimmt zu werden. Ich käme mir als Friedensstörer vor. Kurz, um das, wie etwa die Leute den Traktat annehmen würden, sich gar nichts bekümmern, halte ich nicht für recht und christlich, besonders wenn auch der Traktat selbst nicht immer wertvoll genug ist. Es gibt aber Christen, - ich will ihnen sonst nicht zu nahe treten, - die in ihrem Eifer ungöttlich, frech sich benehmen gegen Leute, die nun einmal einen Widerwillen gegen eine solche Verteilung haben, ohne eigentlich Feinde des Evangeliums zu sein. Diese haben einen feineren Sinn für das, was angemessen, anständig und schicklich ist; und den muß man nicht an ihnen zerknicken. Nach außen riskiert der Verteiler auf der Straße nichts. Denn zu viel dürfen die Leute nicht tun, - wenn sie auch schmähen, schimpfen, raisonnieren; und die Bravour wider ein solches provoziertes Benehmen der Leute ist nicht edel. Ihre Scheu also, lieber Bruder, hat einen guten Grund; denn Gott will, daß wir gegen Jedermann Ehrerbietung bezeigen sollen. Diese aber wird gekränkt, wenn ich Jemanden in mißliebiger Weise etwas anbiete oder aufzwinge.
Soll man denn nun die Traktatenverteilung auf der Straße unterlassen? Das denn noch nicht. Muß denn ich sie gerade besorgen, der ich auch sonst mit Vielen in Verkehr komme, als Prediger und Seelsorger, also trachten muß, eine Achtung unter den Leuten zu genießen und mir zu erhalten, der Alles vermeiden muß, was das Publikum ungern sieht, oder ihm widrige Eindrücke über mich ins Herz gibt? Die Verteilung auf der Straße soll nicht durch Personen von Rang und Beruf geschehen, die eine Wertschätzung zu gründlicherem Wirken bedürfen. Man kann geringere Leute, auch Kinder, indem man sich dieser sonst auch freundlich und wohltätig erweist, benützen und veranlassen, irgendwo sich aufzustellen, um denen, die Willens wären, Traktate anzunehmen, solche frei zu überlassen. Da gibt es gewiß viele Personen, die, wenn sie merken, daß ein Traktatenverteiler da ist, emsig herzulaufen. Sinds keine vornehme Leute, die kommen, so lasse man die laufen, und begnüge sich mit Andern. Besonders sinds Kinder, die augenblicklich zahlreich bei der Hand sind. Gegen solche Verteilung, auch wenn Einer mit den Traktaten umhergeht, hat Niemand etwas, nur darf sie dem Bettel nicht dienen. Es dürfen daher die Verteiler nicht gar zu geringe Leute sein. Viele Vorteile hätte das. Der Verteiler fühlte sich nicht dabei; und der die Traktate annimmt, fühlt sich nicht beleidigt oder gekränkt. Ich würde besonders viel darauf halten, wenn man ganz nur bei den Kindern bliebe, und diesen austeilte, so oft sie kämen. Der Herr aber kann die den Kindern gegebenen Traktate in vielerlei Hände kommen lassen. Ein großer Segen kann so auf die Verteilung fallen, vorausgesetzt freilich, daß auch die Traktate immer etwas Rechtes vom Heiland sagen. Traktate, die nicht direkt vom Heiland reden, sind wertlos.
Das meine Antwort, wie ich sie geben konnte.
180) Fürbitte für Verstorbene.
Frage. "Dürfen wir für unsre Verstorbene beten nach 2 Makk. 12, 42-46. Erlaubt oder gebietet diese Stelle nicht im Zusammenhang mit dem, was Sie schon früher (1873, Nr. 22) über jenseitige Sündenvergebung sagten, daß wir für unsre Toten beten, wenn wir sie nicht ganz selig glauben? Können wir hienieden noch mehr für sie tun?"
Antwort. Für die Leser bemerke ich, daß ich in dem Abschnitt über jenseitige Sündenvergebung (III, 20) das hervorgehoben habe, daß wir für eine Sündenvergebung unmittelbar nach dem Tode, wenn sie nicht vorher schon da ist, keine Schriftstelle hätten, dagegen dafür schon, daß am jüngsten Tage noch Möglichkeit der Sündenvergebung für Viele sein könnte.
Vorerst ist über die Stelle 2 Makk. 12, 42 ff. Etliches zu sagen. Hier fand man an Erschlagenen Amulette von Götzen. Da dachte man sich's, daß sie um dieser Sünde willen den Tod gefunden hätten, und auch an der zukünftigen Auferstehung Not leiden würden. Wider Letzteres ordnete der Held Judas ein Sündopfer an, und eine Fürbitte für die Toten. Zunächst nun bemerke ich, daß, was hier Judas tat, keine göttliche Auktorität für uns hat. In jener Zeit waren keine Propheten und war keine Offenbarung; und es kann also nichts, auch was fromme Männer taten, uns als Gottesstimme erscheinen. Sodann ist zu bedenken, daß es sich hier nur um eine einmalige Fürbitte für die Verstorbenen handelte, daß also diese Fürbitte in etwas dem gleich kommt, wozu wir immer uns gedrungen fühlen, so lange wir die Toten noch vor uns haben, teils gleich nach dem Abscheiden, teils noch vor offenem Sarge, teils bei der Beerdigung. Hier kann man dem teilnehmenden Gemüte keine Bitte zu Gott verwehren, da es ist, als ob die Toten noch in etwas da wären und mit uns lebeten, weil auch die letzten Erinnerungen vom Leben noch zu frisch sind. Namentlich wenn plötzliche Todesfälle eintreten, kommt immer unwillkürlich eine Fürbitte über den Mund; und diese zurückdrängen, ist eine Andern wehtuende Steife, zumal da oft Alles bittend und seufzend vor dem Herrn steht.
Das Alles kann man also zugeben; und wenn Totenfeste da und dort alljährlich gehalten werden, da man mehr der Verstorbenen gedenken sollte, als für sie beten, wie denn auch eine Erinnerung an die eigene Hinfälligkeit dabei sein soll, - und es entschlüpfen den Redenden auch Worte der Fürbitte, so kann man ja das gleichfalls hingehen lassen, ohne die sogenannte Fürbitte für die Verstorbenen, wie sie Viele lange fortsetzen, gut zu heißen. Wert hat eine solche fortgesetzte Fürbitte keinen, da man ja gar keine Kunde mehr von den Dahingeschiedenen hat. Ists dem Herrn übergeben, so lasse mans dabei bewenden. Sonst setzt man sich auch Einwirkungen aus dem Totenreiche aus, die schon sehr übel ausgefallen sind.
181) Zur Handauflegung.
Frage. "Vor anderthalb Jahren stand ich einmal am Bette einer kranken Frau, die wie unsinnig vor Zahnweh und Kopfreißen schrie und tobte. Da kam mit einem Male ein großes Vertrauen über mich, daß ich sie zur Stille ermahnte, ihr die Hand auflegte und (ohne laute Worte) Gott um Hilfe anrief. Sie war gleich still, rief dann: Der Schmerz ist fort, und stand gesund auf. Nun, das wäre nichts Besonderes; wir wissen ja, daß Gott Gebete erhören will. Auch war jene Person so einfältig, daß sie nicht weiter darüber dachte, noch davon redete. Seitdem habe ich noch manches Kranke besucht, und hätte ihnen gerne Hilfe gebracht. Dennoch habe ich nie das Herz gehabt, wieder zu tun, was ich damals tat. Es ist mir unmöglich gewesen; warum? weiß ich nicht. Ist es recht oder unrecht? Muß ich mich zwingen, zu tun, was Gott eigentlich doch geboten hat? - oder ist es Sein Geist, der mich zurückhält?"
Antwort. Einzelne Gebetserhörungen, sogar bedeutender Art, kommen oft vor, besonders in dringender Not. Der Einfalt, bei der ein Mensch nicht im Selbstgefühl steht, auch an nichts Anderes denkt, als daß doch in jetzigem Augengenblicke möchte eine Hilfe von oben kommen, kann da viel gelingen. Ja, es gibt wenig Christen, die es in lautrem Sinn sind, denen es nicht je und je gelingt, in einer gelegenen Stunde durch ein kurzes Gebet, durch liebende Teilnahme, und durch Handberührung oder Handauflegung einem Leidenden wohl zu tun und zu helfen. Der Herr läßt sich oft finden, und zwar von jedem Christen, wenn er nur in kindlicher Einfalt steht und aus sich nichts macht.
Aber etwas Anderes ist es, nur gleich zu meinen, als habe man eine Gabe empfangen, und dürfe man's auch sonst versuchen, oder sei es gar eine Schuldigkeit, eine von Gott empfangene Gabe nicht brach liegen zu lassen. Das sind lauter versuchliche Gedanken, denen der Betreffende nur kein Gehör schenken soll. Es ist sogar ein Undank gegen den Herrn, aus einer erfahrenen Gnade nur gleich eine Regel machen zu wollen. Viel Ungeschicktes und Verkehrtes ist daraus schon entstanden, daß Jeder, wenn ihn Gott eine Gnade erfahren läßt, ein Wundertäter sein will. Versucht er's denn, so ist's in der Regel nichts mit seiner Kunst; und dann will er's mit vielen Worten und aufgeregtem Wesen erzwingen. Zuletzt erlahmt er und wird vor sich und Andern zu Schanden. Leicht kommt er dann dazu, seiner vermeinten Gabe nachzuhelfen, daß er gar Sympathiestückchen mitspielen läßt. Wie viel Einbuße des Glaubens kann man doch dabei erleiden? Auch gibt man Anlaß, daß Andere vom Glauben weiter wegkommen, wenn man sogar gedacht hatte, es müsse an ihnen etwas gelingen, daß sie im Glauben möchten gefördert werden.
Wenn es also dir, der Fragenden, bisher unmöglich gewesen ist, es wieder so zu machen, wie damals, so glaube nur, daß das recht ist, und daß es der Geist des Herrn ist, der dich zurückhält. Denn es ist ein übel Ding, sich als Wundertäter zu gerieren, ganz aus eigenem Trieb. Am Allerwenigsten gehe so weit mit deinen Gedanken, daß du meinst dich zwingen zu müssen, "zu tun, was eigentlich doch Gott geboten habe." Der Verführer will gleich auch mit dem kommen, Gott habe geboten, um eine Falle zu legen. Bleibe nur ferne davon, zu glauben, Gott habe es geboten, daß jeder Christ sich als etwas von einem Wundertäter halten soll durch Gebet und Handauflegung. Wenn in der apostolischen Zeit, da der Heilige Geist persönlich ausgegossen war, wie jetzt nicht mehr, jeder Christ viel für Andere tun konnte, (wiewohl Kranke zu heilen, oder gar Tote zu erwecken, nicht jeden Jüngers Sache war, sonst hätten die Jünger zu Joppe nicht nötig gehabt, zu Petrus zu schicken, Apost. 9, 38), so ist das jetzt anders; und kann eine eigentliche Gabe nur als eine priesterliche angesehen werden. So wenig aber jeder Christ für Andere zu einem Priester sich aufwerfen kann und darf, so wenig kann er an Andern ein Wundertäter sein, der nur die Hand aufzulegen braucht, um alle möglichen Krankheiten wegzubringen.
182) Wenig oder viel vergeben.
Frage. "Erlauben Sie mir noch eine Frage über Luc. 7, 47, bezüglich der Worte: Wem aber wenig vergeben ist, der liebet wenig. Es tun doch alle Menschen viele Sünden; und es scheint daher aus dieser Stelle hervorzugehen, daß manchen Menschen nicht alle Sünden vergeben werden. Es gibt Sünden, die man vor Menschen unmöglich bekennen kann, wie mir scheint. Sollten diese Sünden nicht vergeben werden, auch wenn man sie vor Gott aufrichtig bekannt hat?"
Antwort. Deine Frage bedarf mancher Aufklärung über Mißverständnisse. Der Heiland will in jener Stelle sagen, daß der Sünderin und dem Pharisäer die Sünden vergeben worden seien, der Sünderin um ihrer Buße willen, welche sie zu Jesu hertrieb, und dem Pharisäer um des Verlangens willen, Jesum bei sich zu haben, dabei der Herr dem Pharisäer das nicht anrechnet, daß er Ihn nicht recht versteht, was ja auch bei sonst redlichen Leuten sein konnte. Sonst will der Heiland nicht Jemandes Brot gegessen haben, den Er nicht zum Dank dafür dem Gericht entreißt. Die Sünden sind aber hienach Beiden nicht darum vergeben worden, weil sie geliebt haben; sondern die Vergebung kam ihnen zu gut, ehe sie liebten. Die Sünderin fühlt an der Freundlichkeit Jesu, mit der Er sie annahm, daß Er ihr vergeben habe; darum liebt sie. Der Pharisäer nimmts als ein Wohlwollen von Seite Jesu, was der Bedeutung nach einer Vergebung gleichkommt, daß Er die Einladung annahm. Darum liebt er auch, ohne freilich sich's recht bewußt zu werden, wie viel an dem geglaubten Wohlwollen Jesu lag. Die Liebe ist also weder bei der Einen, noch bei dem Andern Grund der Vergebung oder des Wohlwollens, auf Seite Jesu, sondern Folge davon. Das Weib hat aber die Annahme Jesu höher geschätzt, weil sie eine größere Sünderin war, als der Pharisäer das freundliche Wohlwollen Jesu, weil er weniger Sünder war. Wenn dem Weib 500 Groschen zu schenken waren, so dem Pharisäer nur 50. Aber schon an dieser Zahl merkt man, daß der Heiland Beiden Alles vergeben hat, in dem Sinn, daß nichts mehr sie Beide ins Gericht bringen durfte. Wir müssen nämlich bedenken, daß, wenn von Vergebung der Sünden die Rede ist, damit immer die Vergebung von solchen Sünden gemeint ist, welche förmliche Übertretungen der Gebote Gottes sind, in gröberer oder feinerer Weise. Deswegen konnten die Zahlen 500 und 50 angebracht oder die Sünden gleichsam gezählt werden. Sind diese vergeben, so können die geringeren nicht mehr verdammen. Denn verdammt das Größere nicht, wie kann's das Kleinere? Insofern waren Beiden alle Sünden vergeben; aber die Liebe ist hintennach beim größeren Sünder begreiflich größer. Endlich siehst du, daß du auf das Maaß deiner Liebe zu Jesu nicht hinzusehen brauchst, um eine Vergebung zu glauben; denn der Heiland vergibt, ehe du liebst, wenn Er nur deine Buße, wie bei der Sünderin, oder dein Verlangen, wie bei dem Pharisäer, sieht. Denkst du aber an Sünden, die du unmöglich vor Menschen bekennen zu können glaubst, so fragt sich doch, ob sie, wenn nicht bekannt, vergeben werden. Gerade solche Sünden bedürfen des Bekennens am Meisten. Du mußt nämlich wissen, daß man vor Gott Sünden nicht bekennen kann, außer vor Menschen in der Gegenwart Gottes. Das Bekennen soll vor Einem geschehen, der die Sünde nicht weiß. Gott weiß sie; und der verlangt zur Vergebung, wie seit Johannes dem Täufer es eingeführt ist, daß der Sünder sie auch einem Menschen, der sie nicht weiß, als vor Ihm sage. Ich rate Keinem, hierin etwas zu riskieren.
183) Der züchtigende Herr.
Frage. "Als ich Ihre trostreiche Erklärung des Spruchs: ""Wir müssen durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen,"" las, kam mir der Wunsch, daß Sie uns doch die Liebe erweisen möchten, auch über den Spruch sich auszusprechen: ""Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget Er; Er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den Er aufnimmt."" Darin liegt doch auch scheinbar, daß Jeder, der nahe zum Herrn kommt, durch viel Schweres hindurch muß. Bezieht sich das bei Vielen nur auf die wehtuende Buße?"
Antwort. Wenn der Herr züchtigt und stäupt, so ist's nicht eben dieses, an das wir zu denken haben; sondern die Unart und Sünde, um deren willen wir gezüchtigt und gestäupt werden, muß uns ins Bedenken kommen, dabei es ein tröstlicher Gedanke ist, daß Gott uns nicht als unverbesserlich laufen läßt, sondern liebend denkt, die Züchtigung schlage noch bei uns an. Aber es ist sonderbar, daß Viele einander mit den Worten trösten: "Dich muß der Herr recht lieb haben, daß Er dich so empfindlich züchtigt." Nicht entfernt denken sie dran, daß sie damit etwas recht Unverschämtes sagen. Denn es ist, als sagten sie: "Aber du mußst ein recht verkehrter und übel dich betragender Christ sein, daß Gott, der dir noch wohl will, so scharf hinter dir drein muß." Aber die Leute tun, wie wenn Gott sich gleichsam ein Vergnügen daraus machte, gerade Seine Lieblinge tüchtig zu peitschen. Nun, so merke dir's: Wirst du gestäupt, wirst du gezüchtigt, so denke etwa, du seiest recht unartig gewesen und habest's in etwas recht schlimm gemacht; und der liebe Gott müsse recht viel an dir auszusetzen haben, daß Er dir so viel auflegt. Ich will nicht sagen, daß es gerade immer so ist; denn manchmal muß man auch Trübsal haben zur Prüfung und zur Probe, ob man glauben könne; oder ob man sich durch Trübsale seinen Glauben wegschlagen lasse. Aber jedenfalls ist's recht, sich zu prüfen, ob nicht auch Sünden da seien, die den Eifer Gottes wecken. Denn Vielen will's gar nicht einfallen, wenn Trübsal kommt, daß sie's auch könnten verdient haben. Wer freilich näher zum Herrn steht, bei dem nimmt er's genauer; und dem kann's auch wohltun, daß ihm Gott nichts durchgehen läßt, weil er Liebe drunter sieht.
184) Wichtigkeit der Wunder.
Frage. "Vor einiger Zeit ging mir der Gedanke durch die Seele: Wäre es nicht gut und besser, wenn Gott der Herr noch hie und da ein sichtbares Zeichen (Wunder) Seines Daseins und Wesens gäbe? Vielleicht, daß doch noch Mancher sich aufraffte, und sein Herz Gott zum Opfer brächte. Doch es ist eine recht törichte Frage; und ich weiß ja wohl, daß der Heiland sagte: Glauben sie Mosen und den Propheten nicht etc."
Antwort. Die gutgemeinte Frage, die etwas seltsam lautet, will eigentlich sagen: "Dürften wir nicht den lieben Gott bitten, je und je doch auch noch ein sichtbares Zeichen von Seinem Dasein und Wesen zu geben?" Die Frage geht davon aus, daß es solcher Zeichen in unsrer Zeit wenige, oder keine gebe. Leicht kann man versucht sein, das zu glauben, weil der Erfahrungen gar zu wenige gemacht werden. Aber ganz ohne Zeichen dürfen wenigstens die, die den Herrn lieb haben, nicht bleiben; die Andern mögen so gut als nichts sehen, weil sie auch mit sehenden Augen nicht sehen. Der Herr tut, wenn auch immer nur an Einzelnen, manche handgreifliche Wunder, die genügend beweisen könnten, daß Er ist, und daß ein Heiland ist, der als ein Weltheiland hinter allem Elend, das die Welt erfüllt, sich erweist. Besonders in neuerer Zeit, in welcher sonst mehr nur Schrecknisse und Jammer aller Art öffentlich laut werden, geschehen im Stillen so viele Wunder, daß es ist, als ob der Herr unaufhörlich sagen wollte: "Laßt euch nicht stören durch den Jammer der Zeit; und sehet an das hin, was euch unter Allem trösten und mit einer großen Hoffnung erfüllen kann." Aber darin täuscht sich die liebe Fragestellerin, daß sie denkt, die Leute lassen sich so bald durch Beweise eines wunderbaren Wirkens Gottes zur Umkehr von ihrem ungläubigen und ungöttlichen Wesen bringen. Sie wissen alle möglichen Ausflüchte, um sich glauben zu machen, daß nichts als ein Wunder, oder als eine Tat des persönlichen Gottes, anzusehen sei. So sind jene Beweise mehr nur eine Stärkung für die, die schon glauben und ihres Heilands gewiß sind, als eine Erweckung für Ungläubige.
Wenn wir an die Wunder Jesu und der Apostel hinsehen, so bestand ihr Ueberzeugendes in dem, daß sie nie fehlten, wo sie erwartet wurden. Wer kam, fand bei Jesu Hilfe, und da war nichts zu groß und schwer und unmöglich scheinend, darin Er nicht Hilfe und vollkommene Hilfe schuf. Da konnte nichts geleugnet und weggestritten werden. Das wirkte und hat eben doch viele Herzen zu Jesu gezogen, wenn gleich die Finsternis, die noch herrschend war, Vieles bei Vielen wieder in Schatten stellte. Wenn wir also bitten wollen, daß der Herr wieder möchte Zeichen und Wunder geben, damit die Ungläubigen zum Glauben kämen und die Unbekehrten bekehrt würden, so müssen wir unsre Augen darauf richten, daß der Herr möge wieder eine Zeit kommen lassen, in welcher Alles möglich ist, jede Glaubenstat, daß also Alle, die glauben, die ersehnte Wunderhilfe finden können. Geschieht auch Vieles jetzt schon, so wirkt's nicht, weil es immer nur Ausnahme ist. Eigentlich bekehrt wird in unsern Tagen, - so ist's die gewöhnliche Erfahrung, - Niemand durch ein Wunder. Es glaubt's etwa Einer; verbleibt aber, was er ist.
Wenn Sie an die Worte Abrahams an den reichen Mann in seiner Qual erinnern: "Hören sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, so Jemand von den Toten auferstünde," so ist das wieder auf Einzelerscheinungen bezogen, welche nie mit Wirkungen begleitet sind. Einzelerscheinungen, namentlich, wenn sie doch mehr nur sogenannte Geistererscheinungen sind, werden nie geglaubt oder ins rechte Fach gelegt. Auch wenn sie unwidersprechlich sind, so gibt man ihnen keine Bedeutung für sich. So ist nun einmal der Mensch. Darum geschehen einstweilen keine Wunder vor Ungläubigen. Geschehen aber einmal Wunder für Jedermann, dann ist's die große Zeit, deren wir bedürfen.
Der Brief der Fragenden möchte auch darüber etwas hören, ob es nicht die Seligen einmal werde mit Schmerz erfüllen, Etliche der Ihrigen unselig zu wissen, und ob das nicht ihre Seligkeit störe. Ich erwidere, daß wir da den Heiland müssen sorgen lassen. Er will ja auch nicht, daß Jemand verloren gehe. Da tröste ich mich mit Ihm, daß Er es so machen werde, daß Er selbst es ertragen kann. Dann wird's auch für mich recht sein.
185) Abraham und Lot.
Frage: "Ist das Verhalten, welches Abraham bei Lot einschlug, wohl auch ratsam, ja erlaubt, eignen Kindern gegenüber?"
Antwort. Den Lesern zu lieb, welche weniger vertraut mit der biblischen Geschichte sind, vielleicht auch der Sache wegen, bemerke ich Einiges über Abraham und Lot. Lot, Abrams Bruderssohn, war mit Abram aus der Ferne nach Kanaan gezogen; und Beide wohnten da als Fremdlinge. Lot war, wie wir sehen, selbstständig und bildete eine besondere Familie, neben der Abrahams. Einstweilen, da Lot im Glauben Eins war mit Abram und unter dem Segen, welchen Abram durch den Verkehr mit Gott hatte, stehen wollte, blieben Beide nahe bei einander. Als aber ihre Herden wuchsen, machte sich das Beisammensein schwerer, weil das Land auch sonst bevölkert war. Es gab unangenehme Berührungen zwischen den beiderseitigen Hirten. Diese zankten sich mit einander; und der Unfrieden kam auch unter die Familienhäupter. Wahrscheinlich warf Lot dem Abram vor, daß er seine Knechte nicht besser in der Zucht habe, und umgekehrt. Es ging endlich nicht mehr; und so macht Abram dem Lot den Vorschlag (1 Mos. 13, 8. 9), sich lieber von ihm zu scheiden, weil das Zanken zwischen "Gebrüdern" nicht tauge. Lot war gleich dabei; und weil Abram ihm die Wahl ließ, so wählte er sich die Gegend um Sodom. Man sieht es, Lot hat an Interesse für Abraham und seinen Beruf verloren. Abraham aber zeigte durchaus den Uneigennützigen.
Ob nun Abrams Verhalten auch eigenen Kindern gegenüber eingehalten werden könne und dürfe, wird gefragt. Hier ist wohl von Kindern die Rede, die noch keinen eigenen Herd haben, also noch in einer Abhängigkeit von den Eltern stehen. Da fragt sich, ob nicht etwa die Kinder von sich aus Unabhängigkeit von den Eltern begehren und um diese zänkisch sich betragen; oder ob sie sich mit den Eltern so zänkisch verhalten, daß diese es nicht mehr im Frieden mit ihnen fertig bringen. Wie ihm nun sei, so liegt in Abrahams Verhalten Zweierlei, das unter allen Umständen eine Beachtung verdient, auch der Eltern gegen eigene Kinder. Wenn erstlich mit einer Scheidung dem ewigen Unfrieden gesteuert werden kann, so wehren sich die Eltern nicht zu sehr dagegen. Denn der Unfrieden ist die Hölle. Aber ich denke mir, Abram werde vorher noch Alles versucht haben, ein friedliches Beisammenbleiben zu ermöglichen, mit vielen Opfern, mit Geduld, Schonung und Freundlichkeit, und er werde erst, als nichts mehr half, die Scheidung vorgeschlagen haben. Zweitens hat Abram dafür gesorgt, daß sein Vetter als Bruder von ihm schied, wie es heißt: "Also scheidete sich ein Bruder von dem andern." Die Eltern hätten also auch mit Opfern jeder Art und allem Benehmen dafür zu sorgen, daß die Scheidung eine friedliche werde, und keinen Anlaß zur Scheidung der Herzen gebe.
186) Das Bitten in Jesu Namen.
Frage: "Was meint der Heiland unter dem Bitten in Seinem Namen, dem Er die bestimmte Erhörung zusagt (Joh. 14, 13. 14)? Hat es Bezug auf das, was in v. 12 steht, wo auch von größeren Werken die Rede ist, denn die Er getan habe? Und was sind diese größeren Werke?"
Antwort. Wenn wir den Ausdruck "in Jesu Namen" recht verstehen wollen, so liegt hauptsächlich Zweierlei darin, erstlich auf Ihn hin, zweitens an Seiner Statt. Auf Ihn hin, d. h. um deswillen, daß Er uns durch Seinen Opfertod mit Gott verföhnt hat, können allein unsre Bitten erhörlich sein. Wir sind von Natur Sünder, und haben kein Recht an Gott, daß Er unsre Bitten ansehe und erhöre, weil Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit das nicht zuläßt. Es muß, wenn unsre Bitte erhört werden soll, etwas geschehen sein, das die Erhörlichkeit vermittelt. Im Alten Bunde waren für Israeliten, die auf Abraham hin im Bund mit dem Herrn standen, Bitten im Namen des Herrn, des Gottes Abrahams Isaaks und Jakobs, erhörlich, wenn nämlich die Bittenden des Bundes sich bewußt waren, den Gott mit ihnen um Abrahams willen geschlossen hatte, nach welchem sie sich zu Gott alles Guten versehen durften. Nur waren es da mehr nur äußere, aufs irdische Leben sich beziehende Bitten, die also erhörlich waren; und weil durch Abraham keine tiefere Versöhnung aufgekommen war, waren auch die Bitten um Vergebung der Sünden darauf beschränkt, daß hienieden die Sünden sollten nicht bestraft werden. Aber wer im Namen des Gottes Israels Bitten tat, dabei er von seiner eigenen Würdigkeit absehen mußte, tat erhörliche Bitten. Im Neuen Bunde nun tritt Jesus, der die Versöhnung der ganzen Welt geworden ist, in Allem für uns ein; und wer im Taufbunde steht und durch den Glauben mit Gott durch Christum Eins ist, kann auf Christum hin, d. h. in Jesu Namen, Alles bitten, und nach dem Wohlgefallen Gottes Erhörung finden. Wenn nun von uns gefordert wird, daß wir in Jesu Namen bitten sollen, so gehört dazu das Bewußtsein, daß wir von uns aus nichts verdienten, ferner wirkliche Erkenntnis unsrer selbst und unsrer Sünden, daß Gott Ursache hätte, uns geradezu von sich zu weisen, da wir aber bitten, Er möge um Jesu willen, der für unsre Sünden genug getan habe, uns dennoch erhören. Die Aufforderung, in Jesu Namen zu bitten, soll uns also immer erinnern, daß wir demütigen Geistes, als Sünder, die nichts verdienten, bitten sollen, und nicht mit einem gewissen frechen Sinn, bei dem wir tun, als ob Gott uns Alles schuldig wäre, und wir's Ihm übel nehmen dürften, wenn Er nicht erhöre. O, wie sollten wir's doch schätzen lernen, wie viel uns in Jesu geworden ist, da wir nur allein durch Ihn einen erhörlichen Gott haben! In der Zeit nun, da der heilige Geist ausgegossen war, konnte die Erhörung viel offenbarer sein, als jetzt, da wir auch auf unsere Bitten in Jesu Namen gar nicht pochen dürfen und auch zufrieden sein müssen, wenn Gott uns nicht erhört, und selbst um Jesu willen uns nicht zur Erhörung unsrer Bitte ansieht. Wir sind um Vieles gegen dem, wie's die Apostel hatten, zurückgekommen; und wie mögen uns oft auch die rechten Empfindungen fehlen, an welche das, daß wir nur in Jesu Namen erhörlich beten können, uns erinnert! Ohne Jesum, - vergessen wir's nicht, - der für unsre Sünden gebüßt hat, Vergebung der Sünden uns zusichert, und uns angenehm macht beim Vater durch Seine Fürsprache, könnten wir nichts erlangen. Wenn wir aber dennoch, auch wenn wir innerlich richtig stehen, oft scheinen leer auszugehen, so bleiben wir nur mutig, getrost und gläubig; der Herr erhört doch, führt's aber anders hinaus, als wir denken, daß es sein sollte.
Sonst bedeutet das Wort "in Jesu Namen" auch an Jesu Statt, stellvertretend in Seinem Namen. Da schließt's eine besondere Berechtigung und Berufung in sich, wie sie Diener des Worts haben, welche im Namen Jesu, d. h. an Seiner Statt, weil Er's nicht persönlich vor Augen tun kann, Vieles zuzusichern und auszurichten den Auftrag haben. Im Anfang hat der Herr persönlich erwählt, wie die Apostel, später auch den Paulus; und sonst ließ Er's durch Handauflegung geschehen. Je völliger der Geist Gottes noch war, desto größer auch die Kraft und Macht im Namen Jesu bei Seinen Dienern. Bei der jetzigen Berufung ist's freilich nicht mehr ganz dasselbe; aber in Jesu Namen dürfen doch Alle, die ordentlich berufen sind, namentlich die Sachen des Reiches Gottes ausrichten. Der das Amt hat, darf in Jesu Namen bestimmte Zusicherungen geben und in Jesu Namen seines Amtes pflegen. So tauft er in Jesu Namen, vergibt die Sünden in Jesu Namen, tut überhaupt alle Amtshandlungen in Jesu Namen, als in Seinem Auftrag; und der Herr sieht's an, als von Ihm geschehen. Es geht daraus hervor, daß in dieser Weise nicht alle Christen, ohne eine besondere Berufung zu haben, in gleicher Weise in Jesu Namen, d. h. an Seiner Statt, das zu reden und zu handeln sich herausnehmen dürfen, was die Berufenen gewöhnlich Tun. Tun sie's, so mögen sie zusehen, ob es der Herr ansehe, als tue Er es. In der ersten Zeit wurden denn auch von besonders Berufenen im Namen Jesu Wunder getan; und wenn der Herr wird wieder mehr Kräfte des Geistes darbieten, mag auch Vieles wieder sich so machen, wie es im Anfang war.
Was die größeren Werke betrifft, die nachkommen werden, so beziehen sich diese auf die Vollendung des Reiches Gottes. Kann man auch nicht gerade sagen, daß solche größere Werke auffällig gewesen sind bei den Aposteln, wie sie auch nach ihnen es viel weniger gewesen sind, so dürfen wir doch annehmen, daß diese größeren Werke noch nachkommen werden. Denken wir nur daran, wie groß das ist, wenn durch Jesu Macht das alte Bundesvolk Israel in allen Seinen Gliedern noch soll zum Glauben an Jesum gebracht werden. Der Herr Jesus hat's nicht mit den Juden fertig bringen können; und wie weit Israel auch zur Zeit der Apostel zurückblieb, das wissen wir. Aber zuletzt muß doch noch ganz Israel selig werden, und wie kann es anders geschehen, als durch das Wirken Solcher, die im Namen Jesu es vollbringen dürfen. Sollen doch durch den Dienst derer, die Gott ausrüsten wird, namentlich indem sie Zeichen und Wunder im Namen Jesu tun, alle Völker der Erde zur Zukunft Christi bereit werden. Wie viele Wunder müssen da geschehen, zu welchen Männer Gottes im Namen Jesu werden berechtigt und befähigt werden!
187) Zur Lotterie.
Frage. "Ist es recht, für einen guten Zweck in die Lotterie einzusetzen oder nicht? Darf man in der Lotterie gewonnenes Geld zu christlichen Zwecken verwenden oder ruht ein Fluch darauf? Es kommt nämlich so oft vor, daß man sollte ein Scherflein haben für eine schreiende Not, der man abhelfen möchte, und hat doch nicht die Mittel dazu. Ist's da nun Unrecht, in die Lotterie zu setzen, um, wenn Gott es zuließe, auf diese Weise einen Fonds für gute Zwecke zu bekommen? Ich denke, es müsse Gott doch wohlgefälliger sein, wenn auch dieses Geld zu Seiner Ehre, als vielleicht zur Beförderung der Eitelkeit und des Müßiggangs angewendet wird; und so könnte Er gerade Seinen Segen dazu geben. Aber Zweierlei wäre dabei zu bedenken: Erstlich, daß man nie solches Geld unter dem eigenen Namen gebe, sondern immer heimlich; sonst hätte es den Anschein, als wäre es erworbenes oder erspartes Eigentum, was eine Lüge vor Gott wäre; - Zweitens, daß man keinen Heller von dem gewonnenen Gelde für sich selbst, wozu es auch sei, - und ich glaube, da läge eine große Versuchung, - anwende; denn das wäre ein Betrug und Diebstahl vor Gott."
Antwort. Obige Frage war bei mir schon eingekommen, als ich eine andere Frage über die Lotterie beantwortete. Ich beziehe mich auf diese Antwort für meine Ansicht über das Lotteriewesen überhaupt (Nr. 10, IV. 162), und bleibe bei der jetzt gegebenen Frage. In eine Lotterie einsetzen, um Geld zu guten Zwecken zu haben, halte ich entschieden für unrecht. Können denn die guten Zwecke nicht gedeihen, ohne daß gerade ich ein Namhaftes, Außergewöhnliches beisteure? Rechnen die Unternehmer auf mich, von dem sie doch wissen, daß ich so große Mittel nicht habe? Es wäre doch sonderbar, wenn Jemand etwas Gutes vorhat, und Beiträge dazu sammelt, wenn das Viele als eine Aufforderung ansehen müßten, nun geschwind in eine Lotterie zu setzen, damit sie viel geben könnten. Ist aber Geldgewinn durch Lotterie unrecht, wie sollten Unternehmer guter Zwecke auf die Lotterie rechnen dürfen, um fortzukommen? Man bedenke, wie die Lotterieunternehmer so gute Geschäfte machen würden, wenn es den Freunden der Mission, der Rettungsanstalten, der Bibelgesellschaften etc. einfallen würde, ihre gewöhnlichen Gaben in die Lotterie einzulegen, statt in die Kasse der Anstalten, damit sie, glückte es, eine recht erhebliche Summe zu geben im Stande wären. O arme Gesellschaften, die ihr dann auch, wie andere Einleger in die Lotterie, aufs große Loos hin zittern müßtet! Wenn es so zu kommen drohte, so muß ich das edle Komiteemitglied der Barmer Miss. Gesellschaft noch im Grabe loben, wie richtig es gehandelt hat, daß es vor vielen Jahren die Gesellschaft veranlaßte, eine Gabe von 6000 Talern von einem gewonnenen Lotteriegeld zurückzuweisen, indem es aus seiner Kasse lieber die Summe ersetzte, als sie dem Gewinner abnahm. Denn es hat damit allen Missionsfreunden die ernste Weisung geben wollen, sich's ja nicht einfallen zu lassen, für die Mission Geld in die Lotterie einzulegen, wie es Leute gibt, die den Ertrag von diesem und jenem, das sie arbeiten, für die Mission bestimmen. Der Fluch auf solchen Missionsgaben oder zu was sie seien, ruht in dem, daß sie den verderblichen, ungöttlichen Zug zur Lotterie in den Herzen anregen und fördern. Darum lieber fort damit!
Die Fragestellerin wünscht zu wissen, ob man nicht darauf hinarbeiten dürfe, durch die Lotterie einen Fonds zu bekommen, um für dringende Notstände Anderer etwas zu haben. Hierauf, denkt sie, könnte doch Gott einen Segen legen. Aber ich frage wieder: Muß es denn von meiner Gabe abhängen, wenn jener Not soll gesteuert werden, daß ich sie mir also sollte auf jede Weise zu verschaffen suchen, und am Ende gar, wie der heilige Crispinus, sollte Leder stehlen, um Armen Schuhe zu machen? Kann Gott wirklich gar nicht einer Not steuern, außer ich probier's mit der Lotterie? Wie klein macht man doch da den lieben Gott; und wie hoch, fast über Gott hinaus, setzt man das Geld, den Mammon! Die Lotterie, merken wir uns das, beherrscht kein guter Geist; und darum kann der liebe Gott durch sie nicht segnen. Unter allen Umständen wendet sich Gott vom Lotteriegeld ab, das von einem andern Herrn, als Er ist, kommt; und das sei ferne, daß Er sich mit der Lotterie wollte assoziieren, um Bedürftigen zu helfen! Die Fragestellerin selbst hat das Gefühl gehabt, mit ihren zwei Kautelen, daß es nichts mit ihrem Gedanken sei. Sie sagt, man dürfe das gewonnene Geld nur heimlich geben, - natürlich, es ist ein Stück der Finsternis, das ja nicht ans Licht darf, - und man soll auch nicht einen Heller für sich davon brauchen, so groß die Versuchung sei, weil's sonst Betrug und Diebstahl vor Gott wäre. Der Mensch muß natürlich immer brav und selbstgerecht bleiben; und das kann er doch hier nimmermehr, wenn er, was er gewinnen will, eigentlich Andere nicht gewinnen läßt, folglich denen entzieht. Überall schlüpft ein böses Gewissen heraus; aber, liebe Freundin, nur nichts auf ein böses Gewissen riskiert! - Die Fragestellerin erzählt noch "eine hübsche Geschichte", vor etlichen Jahren in der großen Stadt, wo sie wohnt, vorgekommen, die ich auch noch besprechen muß. Aber ich meine nicht sie, sondern die Welt, die solche Geschichten aufbringt. Sie schreibt:
"Alljährlich erschien an einem oder mehreren bestimmten Tagen eine arme Witwe im Lotterie-Comptoir, und fragte, ob sie gewonnen habe. Auf die Frage, ob sie denn eingesetzt habe, erwiderte sie jedes Mal: Nein! aber sie wisse, der liebe Gott werde ihr Gebet erhören, und sie in der Lotterie gewinnen lassen, damit sie in ihren alten Tagen nicht Mangel leide. Anfangs lachten die Comptoiristen über die Einfalt der Alten. Als sie aber immer wieder kam, da vereinigten sie sich, ohne der Frau es zu sagen, und setzten für sie ein. Und sie gewann eine große Summe. Als sie nun wieder mit ihrer Frage kam, hieß es: Ja! Da soll es rührend gewesen sein, wie sie Gottes Ruhm und Ehre vor den ungläubigen Comptoiristen verkündet hat. Sie hat nie erfahren, wie's gekommen ist; aber sie hat sich bis an ihr Ende ihres Gottvertrauens freuen können."
Auf diese Weise will die Welt mit hübschen Geschichten Unrechtes gerade schmieden. Ich will annehmen, daß die Geschichte wahr ist; aber soll sie etwas Günstiges für die Lotterie abwerfen, und am Ende geradezu raten, die Lotterie als etwas Gutes, Gott Wohlgefälliges passieren zu lassen? So schnell denn nicht. Was hat denn die Frau auf dem Lotterie-Comptoir zu tun? Sie betet, Gott möge sie erhören und durch die Lotterie sie gewinnen lassen, weil sie etwa denkt, auf anderem Wege wisse Gott kein Geld zu schaffen. Zeugt das von einer göttlichen Einfalt? Sie will gewinnen, ohne einzusetzen. War sie denn da nicht eher blödsinnig zu nennen? Sie will in den alten Tagen nicht Mangel leiden. Offenbar fehlt's ihr noch nicht. Sie brachte sich durch, hat aber ein Gelüste nach einem Lotteriegewinn, und weiß nichts von Matth. 6, 34. Ist das Gottvertrauen? Man setzt für sie ein, und sie gewinnt. Hat es Gott sie gewinnen lassen, weil Er etwa anders ihrem zukünftigen Mangel nicht steuern konnte? Wir wissen nicht, was es auf der Lotterie für Influenzen gibt; sie können auch unheimliche sein. Die Lotterie aber muß sich auch durch scheinbar gute Taten Kredit verschaffen, nur um desto mehr Leute als Opfer zu fangen. Die Comptoiristen tun, wie wenn aufs Einsetzen der Gewinn unfehlbar sei. Derselbe ergibt sich ganz leicht, das soll man glauben. Welch ein Vertrauen auf die Lotterie? Man nennt's aber Gottvertrauen. Die Frau kommt und empfängt das Geld. Welch eine Szene des Lobgesangs auf Gott bei der Frau, als sie Geld und viel Geld sah! Ja, das war rührend! Sie verkündigt Gottes Ruhm und Ehre. Ja, ein großer Ruhm Gottes, daß Er sich der Lotterie beigesellte, um der Alten Geld zu schaffen! Die Lotterie hat offenbar mehr vermocht, als Gott selbst, oder Gott allein! Ihr gebührt der Ruhm und Preis. Die Comptoiristen aber müssen ohne Weiteres ungläubige Leute sein, weil sie über den Blödsinn der Frau gelacht hatten; und doch zeigten sie eigentlich einen edlen Sinn mit Opfern. Welche Begriffsverwirrung! Das Weib aber freute sich bis an ihr Ende ihres Gottvertrauens, - ja, ihres Geldes! Ob sie reifer für die Ewigkeit wurde, durch ihr Geld, wird nicht mehr gesagt. Sie starb, und das Geld lag da. - Liebe Freunde, was ich euch bitte, - und ich meine es jetzt ganz allgemein, - hütet euch vor tendenziösen hübschen Geschichten! Die können bis in die Hölle hinunter verderben!
188) Widerwillen vor Gottes Wort.
Frage. "In Zeiten, da Finsteres sich stärker bei mir hervortun will, habe ich einen gräulichen Widerwillen vor der Heiligen Schrift. Mit äußerster Willensanstrengung schlage ich sie auf. Bisweilen gelingt mir's, Segen zu haben. Denn ich bitte den Heiland um Hilfe. Aber oft läuft jedes Wort an mir herunter. Ich komme dann in großes Gedränge. Was soll ich tun? Kann mir Hülfe werden? Könnte mir eine Belehrung zu Teil werden, so wäre ich äußerst dankbar."
Antwort. Eine Belehrung, wie man sich in dem großen Gedränge, in welches du je und je kommst, verhalten soll, ist nicht leicht zu geben, weil man's mit einer geheimnisvollen Macht da zu tun hat, gegen welche jedes Verhalten fehlen kann. Es ist leider oft so, daß Mächte der Finsternis über einen Menschen scheinen die Oberhand zu haben. Wir wissen ja Viele, die nicht nur zeitweise, sondern unaufhörlich einen Widerwillen vor der heil. Schrift haben, ja vor jedem geistlichen Worte, das sie vernehmen, die auch den Namen unsres Heilandes nicht hören können, ohne daß sie eine Lästerung gegen Ihn in sich verspüren, oder gar laut werden lassen. Bei Vielen ist's so weit gekommen, daß der Widerwille ganz in ihr eigenstes Wesen eingedrungen ist, und sie gar kein Verlangen haben, davon frei zu werden. Andere fühlen den Widerwillen als eine große Plage in sich, indem sie wissen, daß er nicht da sein sollte, weil sie doch im Innersten eine Liebe zu Gott und dem Heiland in sich fühlen. Da erscheint ihnen der Widerwille als etwas Fremdes, und als ihr größter Feind, der sie von dem fern halten wolle, was sie selig machen soll. Andere haben's, wie du, die nur je und je so gebunden und eingenommen sind wider Gott und Göttliches, zu andern Zeiten aber sich wieder freier fühlen, wie du, die Fragende, von dir schreibst. Da ist es nun gut, wenn mit Willensanstrengung doch noch etwas erreicht werden kann; und so lange das geht, so tue das Deine, um doch Herr über das Fremde zu werden, das dich beherrschen will. Mitunter aber möchte es weniger leicht gehen; und da ist es vielleicht doch besser, es zu lassen, wie es ist, und in der Stille zu bleiben, um nicht in eigentliche Aufregung zu kommen. Ich mute den Angefochtenen in der Regel nicht zu viel zu, daß ich sie gleichsam zwingen wollte, mit aller Macht sich zusammenzunehmen. Denn ich habe schon üble Folgen davon gesehen. Da bleibe ich bei dem Rat: "Tue, was du kannst; und zwingst du's nicht leicht, so ergib dich und verhalte dich ruhig, fürchte auch nicht, daß gleich Alles gar verloren sei. Schaden kann dir's nicht, wenn du wider Willen dich gebunden und übel gestimmt gegen Gott und Göttliches fühlst."
Ich möchte Weiteres zur Beruhigung sagen. Du mußst in harten Anfechtungen nicht gerade meinen, du müssest zu deiner Erbauung gerade eine Bibel oder sonst ein Buch dir aufzuzwingen suchen. Wenn du da je und je erfährst, daß jedes Wort an dir hinunterläuft, so begreife ich das schon; denn wenn just eben das Fremde oben ist, so kommst du zu keinem Segen, du magst lesen, was du willst. So ist es auch, wenn Widerwille gegen das Gebet da ist, was hilft's, sich dazu zwingen? Da sage ich oft geradezu: "Laß es!" Mußst du denn gerade so beten, wie man meint, daß es allein gebetet sei? Man kann's sehr einfach machen, und so daß der Arge gleichsam gar keinen Rang findet, es zu hindern. Denke doch, wie du die ganze Bibel schon in dem einfachen Vaterunser hast. Da ist vom Namen, vom Reich, vom Willen Gottes die Rede, von der freundlichen Fürsorge Gottes zum Brotgeben, von der Vergebung der Sünden, und wie auch du vergibst, von der Bitte gegen die Versuchung, und von der Erlösung von allem Übel, endlich, daß des Herrn sei das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Nimmst du denn den Vater zugleich auch als den Vater des Herrn Jesu Christi, daß dir bei Nennung Seines Namens auch der Heiland entgegenlacht, so hast du doch wahrlich mit dem Vaterunser die ganze Bibel vor dir. Nun, so sag dir das im Stillen vor; und weil der Heiland sagt: "So sollt ihr beten", so kann dieses Gebet im Grunde kein Teufel wehren; und weil das Gebet mit einem Amen schließt, so hat es auch eine Wirkung, daß die fremde Macht weichen oder zurücktreten muß, und du deinen Heiland vor dir hast. "Herr Pfarrer", sagte einmal, noch in Möttlingen, eine von fern her gekommene Frau zu mir, "ich bin fast an der Verzweiflung; denn ich kann nicht mehr beten. Wenn ich beten will, so ist's, als ob der Feind mir meinen Hals zuschnüren wollte. Was soll ich anfangen? Denn so muß ich ja verloren gehen." Ich ließ die arme Frau ausreden, fragte sie näher aus, nahm sie aber endlich bei der Hand und führte sie in eine Kammer neben meinem Zimmer. "Hier probier's," sagte ich, "ganz für dich, und bete ein stilles Vaterunser. Hast du's fertig gebracht, so komm wieder zu mir." Nach einigen Augenblicken kam sie wieder zu mir ins Zimmer. "Nun", sagte ich, "hast du beten können?" - "Ja," sagte sie ganz vergnügt. Ich erwiderte: "Jetzt weißst du, wie du's gewinnen kannst wider den Feind." Merk' dir's denn auch, liebe Fragende. Wer nicht viel vermag, soll mit dem zufrieden sein, was er kann. "Ein Wörtlein kann ihn fällen," sagt Luther. Endlich aber kommt auch die Hilfe; und die große Hilfe ist vielleicht nicht mehr fern! Glaube und Harre!
189) Über Bibelstellen.
Wenn in Off. 21, 6 vom "Brunn des lebendigen Wassers" die Rede ist, und ähnliches auch Off. 22, 17 steht, so sind solche Stellen mit Bezug auf das große Bedürfnis gegeben, welches die Menschheit bis zur Erfüllung der Erlösung haben wird, da es ihr ist, als würde ihr von einem namenlosen Durste geholfen. Durch sonstige Grübeleien aber über einen noch vorhandenen Durst sollten wir uns so schöne und erhebende Trostworte nicht verderben lassen.
Stellen, wie 2 Kor. 12, 9, da der Herr zu Paulus, auf sein dreimaliges Flehen hin, daß ihm doch der Pfahl im Fleische, des Satans Engel, möchte genommen werden, sagte: "Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig," darf jeder Christ freilich so nehmen, als sage die Worte der Heiland auch zu ihm. Dazu stehen sie auch geschrieben. Wir dürfen keinen Menschen, auch einen Paulus nicht, so hoch stellen, als ob nicht Alles, dessen er gewürdigt wird, nach Umständen jedem Andern auch zukommen könne. An Paulus sollen wir auch ein Exempel haben, wie Gott dem größten Sünder noch gnädig sein könne. So darf in uns, auch wenn wir noch so schwach sind, die Kraft Gottes mächtig sein, wie wir's bedürfen, ähnlich, wie bei Paulus.
Wenn über 1 Kor. 7, 11-13 eine Erklärung gewünscht wird, so ist dem Fragenden wohl der Ausdruck "Ungläubiger" nicht klar. In der Stelle ist nämlich von Ehen die Rede, bei welchen der eine Teil christlich geworden, der andere heidnisch oder ungläubig geblieben war. Da fragte sichs nun, was der christliche Teil tun solle, oder wie der Teil, der bekehrt wurde, sich zu verhalten habe, wenn sein Gemahl sich nicht auch bekehrte. Soll und kann er mit gutem Gewissen bei diesem bleiben? Paulus gibt nun da den bestimmten Rat, daß das Weib den Mann nicht verlassen solle. Sonst soll überhaupt der christliche Teil den heidnischen sich gefallen lassen, wenn dieser es zufrieden sei. Zum Trost aber wird dem christlichen Teil gesagt, daß der heidnische durch den christlichen Teil vor dem Herrn geheiligt werde, weswegen auch die Kinder als heilig anzusehen seien, wenn sie gleich von einem christlichen und einem heidnischen Ehegatten erzeugt wurden. In der Stelle liegt auch für Ehegatten, deren einer Teil unbekehrt oder ungläubig in gewöhnlichem Sinne ist, ein Trost, daß sie denken dürfen, um ihretwillen werde der Herr den unbekehrten Teil nicht gar verloren gehen lassen, weil er auch geheiligt sei vor dem Herrn. O, wie groß wird einmal die Barmherzigkeit Gottes sein!
190) Über Zwischengedanken.
Frage. "Es beunruhigt mich, daß ich das Gebet des Herrn nie so voll und abgeschlossen beten kann, daß sich nicht ein Gedanke, welcher der Zeitlichkeit angehört, dabei einschleicht. Können Sie mich über dieses trösten?"
Antwort. In den Tischreden Luthers kommt einmal eine Erzählung von Luther vorgetragen, wie einer vor Andern behauptete, es könne Niemand das Vaterunser beten, ohne drunterhinein andere Gedanken zu haben. Dann sagte ein Anderer zu ihm: "Ei, das wollen wir doch sehen; ich getraue mir, das Vaterunser herzusagen, ohne an etwas Anderes zu denken." Es kam zu einer Wette; und jener versprach diesem ein Pferd zu geben, wenn's ihm gelänge. Letzterer fing denn an, das Vaterunser zu beten. Kaum hatte er angefangen, so fragte er: "Bekomme ich auch den Sattel zu dem Pferde?" Er probiert's noch einmal, und öfters. Aber immer fiel ihm wieder ein Anderes ein, - das Pferd hat er nicht gewonnen.
Ich meine aber, die liebe Fragende brauche sich darüber nicht zu beunruhigen, daß sie das Gebet des Herrn nicht voll und abgeschlossen beten kann, wie sie sagt, sondern immer wieder Gedanken, die der Zeitlichkeit angehören, sich herzumachen. Schon an und für sich sind solche Gedanken nicht gerade etwas Sündliches. Der Mensch lebt in der Zeitlichkeit; ja all sein Leben geht gleichsam in dieser auf. Dazu ist er von Gott in sie hereingesetzt. Darum ist es so schlimm gerade nicht, wenn in Allem auch Solches, das zur Zeitlichkeit gehört, sich bemerklich macht. Mitunter kann es sogar, wenn so geschwind dahergekommen, auch auf eine heilsame Weise reguliert werden, ohne den Menschen unwürdig vor Gott darzustellen. Sonst ist es gar nicht möglich, daß der Mensch, wenn er über etwas denkt, und noch so sehr ins Denken sich versenkt, so auch wenn er betet und recht in der Andacht steht, daß nicht auch andere Gedanken gegen ihn herschleichen, oder in ihm selbst sich bilden. Alles, in dem er lebt, und für das er lebt, namentlich das Zeitliche, in welchem er, wie bemerkt, sich so viel und unaufhörlich bewegt, kann ihn sachte und leise berühren, weil auch in seinem Geiste Alles in einander gekettet ist, und darum durch einen Gedanken gleichzeitig viele ganz von selbst in Bewegung kommen. So kommen auch scheinbar widersprechende Gedanken. An Trauriges schließt sich Heiteres, an Ernstes Lächerliches an, so auch an Himmlisches Irdisches, aber ebenso an Irdisches Himmlisches. Menschen, mit denen wir verkehren, stehen leicht vor uns, ohne daß sie uns stören; und unter dem Denken gibts Beziehungen und Erinnerungen an alles Mögliche, die sich dem Geist bemerklich machen. Aber das hat Alles gar nichts zu sagen. In der Regel stört es den Menschen nicht, wie ihn auch Allerlei, was er unter seinem Beten oder Denken wirklich hört und sieht, nicht notwendig aus der Haltung bringen muß. Es verändert nicht seine Stimmung, nimmt ihm nichts, wenn er andächtig sein will, von der Andacht. Im Gegenteil hält dieses Fremde ihn in einem heilsamen Gleichgewicht, daß sein Geist nicht über Grenzen hinausgeht, innerhalb deren er, um nüchtern zu bleiben, eingeschränkt sich halten muß. Man darf auch solchen Nebengedanken hintennach eine Bedeutung geben. Indem dieselben gleichsam sagen: "Halt, ich bin auch da," warnen sie vor Vergeßlichkeiten, vor Übereilungen, vor Übertreibungen, vor Nachlässigkeiten jeder Art. So kann's geschehen, daß Jemand nach dem Gebet rasch aufsteht, oder etwas zu befehlen und anzuordnen hat, woran er unter dem Gebet erinnert worden ist. Wer will das unrecht finden? Kanns doch sogar ein Segen sein, eine freundliche Stimme vom Herrn, eben um des Betens willen dem Aufrichtigen zugekommen. Lernen wir da nur einfältig sein, und verlernen wir's, gar zu fromm sein zu wollen, so fromm, daß es gar nicht mehr ins Leben hereinpaßt.
Übrigens ist es doch nötig, davor zu warnen, daß man nicht neben hereinkommende Gedanke festhalten, und durch sie von dem, was man eigentlich jetzt will von geistlichen Beschäftigungen oder Übungen, sich abbringen lasse. Dies geschieht, wenn die Nebengedanken dem Menschen ein höheres Interesse darbieten. Sobald sie das Interesse des Menschen wecken, bekommen sie ein Übergewicht, und die Hauptsache geht verloren. So kann ein Mensch um allen Segen des Gebets, um alle Predigten, die er hören will, ja selbst im Verkehr mit Andern um alle Aufmerksamkeit kommen. Die Jugend lernt oft nur darum nicht, weil sie unter dem Lernen anderen Gedanken, die ihr kommen, sich überläßt. Da ist auch der Feind geschäftig, der nur flatterhaft machen will, und wohl auch sündliche Gedanken eingibt, unter denen freilich, wenn kein Widerstand gegen sie geleistet wird, Alles verloren gehen kann. Da weiß ich denen, die es anders wünschen, keinen andern Rat, als daß sie möglichst gleichgiltig gegen alle Nebengedanken sich verhalten, damit diese kein Übergewicht bekommen zur Störung des Gemüts, sondern nur, wie sie herfliegen, so auch wieder wegfliegen. Namentlich, was reizen, zu böser Lust, zu Neid und Ärger, oder Widerwillen vor Andern geschwind verlocken will, vor dem fliehe man; oder vielmehr man nehme ihm die Macht durch innere Stille und Ruhe.
Es gibt nun allerdings auch Menschen, bei welchen jeder einfallende Gedanke mit einer störenden Wucht und Gewalt kommt; und ihnen kann es zu großer Pein werden, wenn sie Gedanken der Ängstlichkeit, Verzagtheit bis zur Verzweiflung, auch des Zweifels, der Sorgen, des Ärgers, der Gereiztheit gegen Andere, nicht los werden können, so sehr sie ihr ganzes Gedankenleben stören. Wer sich noch wehren kann, versäume nicht, auch durch Aufblick nach oben, sich in Acht zu nehmen, daß er nicht ein Sklave von ungeeigneten Gedanken wird, welche die guten Gedanken abtreiben. Mitunter aber ist es auch etwas Krankhaftes, schwer zu Ueberwindendes, da man es denn lernen muß, an teilnehmenden Umgang und seelsorgerliche Hilfe sich zu halten, und an Gebet und Fürbitte, damit Einflüße der Finsternis durch Jesu Erbarmen mögen beseitigt werden. In gewöhnlichen Krankheiten, namentlich wenn schon Besserung eintritt, besteht oft alles Leiden in quälenden Nebengedanken, deren man sich nicht erwehren kann. Da weiß ich nichts Besseres, als daß man lieber gar nichts denkt, nicht eigentlich betet, - denn das Beten kann auch mit stillen Gedanken nach oben abgemacht werden, - und sich geradezu ganz sich selbst überläßt, ohne Versuch, irgend bestimmte Gedanken festhalten zu wollen. Lernt der Angefochtene das, so wird ihn nicht leicht ein Einzelnes zu peinlicher Unruhe einnehmen. Besuchende können auch nichts Besseres tun, als ruhig und still zu solchen Kranken hinsitzen, etwa auch ihre Hand halten, und durch solche lautlose Teilnahme alles übermäßige Gedankenspiel der Kranken beschwichtigen.
Ich will da etwas aus meinem Leben erzählen. Als ich in Basel Lehrer im Missionshaus war, um 1831 oder 1832, war ich einmal in Gefahr pockenkrank zu werden, weil die Seuche im Hause herrschte. Ich fühlte ein heftiges Fieber und schien bereits, auch nach der Aussage des Arztes, gepackt von den Pocken. Indessen rang ich die Nacht darauf mit dem Herrn, wiewohl ganz still und ruhig, aber ernstlich aufwärts blickend. Auf einmal nach Mitternacht war mir's, als streifte mir eine Hand vom Kopf bis zu den Füßen etwas hinaus; und ich fühlte mich vollkommen wohl und frei. Doch war ich bereits so geschwächt, daß ich noch acht Tage lang das Bett hüten mußte. Mein Bruder, Zögling im Missionshause, später Missionar in Krischnapur, jetzt 69 Jahre alt, verpflegte mich; und auch sonst stand ich in guter Pflege. Da begegnete mir's aber, daß ich unaufhörlich mit widrigen und bitteren Gedanken gegen eine Frau des Hauses, die sonst aufs Beste zu mir stand, um ganz geringfügiger Dinge willen, zu kämpfen hatte. Diese Gedanken nahmen mir allen Ernst im Gebet, alle Unterhaltung mit dem Wort Gottes, alle Heiterkeit des Gemüts. Immer ärgerte ich mich, und zankte ich innerlich, mir selbst dabei so häßlich, daß ich's nicht beschreiben kann. Ich betete ernstlich, der Herr möge mir doch diese böse Gedanken nehmen und mich zufriedenstellen. Alles half nichts; ich war wie in einer Hölle, voll widriger Gedanken. Endlich nahm ich mir vor, mit mir selbst geduldig zu sein, und in meinem Inneren es laufen zu lassen, wie es wolle, ohne mich darum zu bekümmern. Nicht lange stand es an, so waren die widrigen Gedanken alle weg, und in umgekehrte verwandelt. Ich nahm daraus die Lektion, man soll mit sich selbst nicht so viel kämpfen, am Ende seine Unart ungerupft passieren lassen, nur nicht nähren. Das ärgere den Teufel, dachte ich, daß er sich davonmache. Ich hab's bewährt gefunden.
191) Von geistlichen Gaben.
Frage. "Darf ich um Aufnahme und Beantwortung in den Blättern bitten, für etwas, das mir sehr nahe am Herzen liegt, und das mich oft beschäftigt. Es ist Folgendes:
1) Müssen wir nicht einen bestimmten Unterschied machen zwischen natürlichen Gaben, die dem Herrn geheiligt und gewidmet sind, und zwischen den geistlichen Gaben, von welchen Paulus 1 Kor. 12 schreibt?
2) Sind diese geistlichen Gaben, obwohl im Allgemeinen so selten geworden, doch noch für den einzelnen Gläubigen zu bekommen, der in seinem täglichen Beruf so oft das Bedürfnis darnach empfindet? Darf er diese geistlichen Gaben, je nachdem er sie bedarf, zu einem Gegenstand des Bittens und Flehens machen? Oder muß er warten und darauf verzichten, bis die geistlichen Gaben und Kräfte wieder im Großen und Ganzen ausgegossen werden?"
Antwort. Was die erste Frage betrifft, so ist allerdings zwischen den natürlichen und den sogenannten geistlichen Gaben ein bestimmter Unterschied zu machen. Die geistlichen Gaben sind solche, die an den Besitz des heiligen Geistes, der zunächst nicht zum Wesen des Menschen gehört, sich hängen, also unmittelbar von Gott kommen, und immer den Character von Wundergaben haben. Die natürlichen Gaben sind angeboren, im eigenen Geiste des Menschen wurzelnd, nicht als etwas Neues und Anderes erst im Verlaufe der Zeit ihm zugekommen. Durch Nachdenken, Studium, Fleiß, Übung, Ausdauer können die natürlichen Gaben sehr gesteigert werden. Sie erscheinen aber nie als unmittelbar von oben gegeben, obwohl sie im weiteren Sinne auch von Gott sind. Der Hauptunterschied zwischen ihnen und den wirklichen Geistesgaben besteht darin, daß jene, weil sie von der durch die Sünde eingetretenen Gebundenheit nicht frei sind, irren können, diese nicht. Bei jenen muß man oft sehr vorsichtig sein, daß man ihnen nicht zu viel traut. Sie können sich leicht glänzend machen, aber ohne immer reell zu sein. Sie bezaubern gerne, und sind darum für unbedachtsame Leute, denen ihre Erzeugnisse als göttlich vorkommen, oder als eingegeben, gefährlich. Bis man von begabten und talentvollen Leuten mit vollem Zutrauen etwas annimmt, muß man sich das Zeugnis geben können, daß man's nach allen Seiten auch selbst geprüft habe. Irdische Begabungen sind nun einmal keine Eingebungen Gottes; und die können sehr Schaden leiden, die sich an sie, als wären sie von Gott, mit einer Art frommem Glauben halten. Wohl können irdische Gaben dem Herrn geheiligt und gewidmet werden, aber in der Stufe von Eingebungen stehen sie nie; und wie leicht lassen sich auch große Geister von falschen Grundsätzen einnehmen und leiten! Sie sind um so gefährlicher, weil sie gerne mit einer gewissen Macht auftreten, und überwältigend für kleinere Geister werden. Ich meinerseits habe die Klügsten, namentlich, wenn sie imponieren wollten, immer am Meisten gefürchtet, oft auch bei ihnen eine innere Mahnung gefühlt, als hieße es in mir: "Nimm dich in Acht!"
Ich komme zur zweiten Frage. Da bemerke ich zuerst, daß die eigentlichen ächten geistlichen Gaben nicht nur selten geworden sind, sondern sie haben geradezu aufgehört. Es ist nun einmal der persönliche Heilige Geist nicht mehr da; und mit Ihm sind auch Seine Gaben wieder fortgegangen. Ohne Ihn aber, wiewohl seine Einwirkung nach verschiedener Seite nicht gar aufgehört hat, bleibt Alles auf der Stufe der Natürlichkeit; und ist's dieses nicht, so läuft man in Gefahr, falsche oder dämonische für geistliche oder göttliche Kräfte zu halten. An eine Unfehlbarkeit ist ohnehin nicht im Mindesten auch bei den höchsten Gaben, sofern wir sie immer nur natürlich haben, nicht zu denken. In neuerer Zeit gibt es wohl abgesonderte Richtungen Solcher, die glauben oder vorgeben, die geistlichen Gaben seien bei ihnen zurückgekehrt; oder sie seien bei ihnen wenigstens in etwas wieder vorhanden. Solches ist aber eine reine Unmöglichkeit. Denn wenn etwas von dem persönlichen Heiligen Geiste da wäre, so müßte das an auffallenden Wirkungen zur Förderung des Reiches erkennbar sein, was bei jenen Richtungen durchaus nicht der Fall ist. Bei diesen Richtungen zeigen sich die sogenannten Geistesgaben, die wiedergekehrt sein sollen, nur in Konventikeln, und so, daß sie erst durch willkürliche Auslegungen, welche dann alle Welt glauben soll, zu etwas gemacht werden, während man sonst versucht ist, etwas Übles dabei zu denken. Der Heilige Geist geht aber nicht unter einen Scheffel, als ein Licht, das Niemanden leuchten soll, sondern stellt sich, wenn Er wieder da ist, frei hin, für Jedermann in den Wirkungen erkennbar, damit ein Neues und Großes durch Ihn und Seine Gaben geschafft werde.
Es ist aber sehr ungeschickt, wenn man von Sachen, die so gar nichts in sich sind, sagen will, sie seien etwas von den einstigen geistlichen Gaben. Denn damit geschieht nichts Weiteres, als daß die wirklichen geistlichen Gaben in Mißkredit kommen; und ihnen, durch Satans List, soll der Eingang und die Bedeutung für Wirkungen ins Große zum Voraus, ehe sie da sind, genommen werden. Überhaupt ist es gar nicht denkbar, daß der Heilige Geist in die ungeheure Unvollkommenheit und Verkehrtheit, die sonst noch überall obwaltet, sollte wirkliche geistliche Gaben hereinlegen, weil, wenn etwas sollte da sein, gleich alles Mögliche, das auftaucht, auch wenn es handgreiflich eine Geburt der Finsternis ist, sich als etwas Echtes und Göttliches spreizen wollte, da denn wohl auch das Echte, wie gegenwärtig in der Regel, vor dem Unächten zurücktreten müßte. Der Heilige Geist will reinere Gefäße haben, als wir vorerst sind; und ehe ein neues Erwachen der Christenheit zu einer Wiedergeburt, vermittelst der gewöhnlichen Gaben des Worts und der Sakramente, wenn auch durch Hilfe des Heiligen Geistes, und sonstige Allmachtskräfte von oben, erfolgt ist, kann von geistlichen Gaben, die wir hätten, nimmer die Rede sein. Denn den Character der Unfehlbarkeit könnten diese nimmermehr haben, so lange sie neben so vielem Verkehrten sollten einerlei Behausung haben. Auch aus Barmherzigkeit gegen die Schwachen, die von einer Verwirrung in die andere kämen, wenn sich Zweierlei wollte als göttlich hinstellen, läßt Gott lieber gar nichts, als unmittelbar von Ihm kommend, aufkommen, damit man das Recht habe, auf Alles, das etwas sein will, bis auf die Zeit, da es neu da sein wird, nichts zu halten.
Hieraus geht nun hervor, daß die einstigen geistlichen Gaben von einzelnen Gläubigen nicht zu bekommen sind; und mag man Bedürfnisse darnach noch so viele fühlen, so kommen sie nicht, so wenig als die Wunder kommen, nach welchen das Bedürfnis in der leidenden Menschheit nach und nach schreiend geworden ist, bis die Zeit des Herrn kommt, das Völlige allgemein wieder zu geben. Um Gnade und Hilfe und Beistand können und dürfen, ja sollen wir in Allem bitten. Die Verheißungen der Hilfe von oben bleiben für Alles, wofür wir bitten; und der Herr läßt sich von Aufrichtigen so viel finden, daß man es auch wunderbar nennen kann. Daß wir aber, statt demütig um ein Durchkommen im einzelnen Fall, mit stets wiederholten Hilfsleistungen von oben, zu bitten, nur gleich Habituelles und Bleibendes als Gabe haben wollen, ist schon gar nicht recht. Denn es sieht sich an, als ob man sich's nur bequemer machen wollte, um nicht immer wieder den Heiland bitten zu müssen, wenn man's vermöge der innwohnenden Gaben von selbst, und dann gewissermaßen sicher machen könnte. Warten wir, bis es dem Herrn gefällt, im Ganzen und Großen die Kräfte des Heiligen Geistes auszugießen; und daß diese Zeit beschleunigt werde, dürfen wir immerhin bitten. Aparte aber gibt der Herr nichts vom Außerordentlichen, wenn wir auch drum bitten. Soll Er etwas geben, so muß Er es von sich aus tun. Um dieses aber kann und darf ich nicht bitten, ohne vor Ihm und Andern anmaßend zu erscheinen, weil ein Gelüste darin liegt, darum hoch angesehen zu werden vor den Menschen.
192) Jakobus von den Werken.
Frage: "Meint Jakobus (in 2, 17) unter den Werken, die aus dem Glauben hervorwachsen, das ganze Leben, wenn er nämlich sagt: ""Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er tot an ihm selber?"" Aber wenn ich meinen Glauben an meinen Werken messen soll, falle ich in Verzagtheit. Denn es taugt ja keins meiner Werke, wenn ich überhaupt nur von solchen etwas an mir habe. Wie habe ich mich hiebei zu prüfen?"
Antwort: Sehen wir den Text näher an. Jakobus hatte von bedürftigen Brüdern und Schwestern gesprochen, denen man's ansah, daß sie bedürftig waren sowohl an Kleidung als an Speise, ohne daß sie, müssen wir hinzudenken, etwas begehrten. Wenn nun ein Reicher, der mit ihnen zusammentrifft, sie auf den Glauben vertröstete, daß Gott sie bewahre, sie wärme und sättige, ohne daß er ihnen etwas zur Linderung darböte, so würde dieser Glaube des Reichen den Bedürftigen nichts helfen. Ein Glaube, bei dem ich meine Obliegenheit nicht erkenne, ist ein toter Glaube und wertlos. Mein Glaube muß auch geben, muß wärmen und sättigen können, oder er ist tot, ein Faulkissen. Unter den Werken ist also bei Jakobus nicht das ganze Leben verstanden. Sonst meint Jakobus überhaupt Glaubenswerke, in welchen das Vertrauen auf Gott erkennbar ist, nicht eigentlich Gesetzeswerke. Dies sieht man an dem, daß er von Abrahams Glauben redet (v. 23), sofern er (1 Mos. 15, 6) an eine zahlreiche Nachkommenschaft glaubte, weil Gott sie verhieß, ohne noch einen Sohn zu haben, auf den er sogar noch länger warten mußte. Ebenso ist Rahab, die ja sonst kein gutes Prädikat hatte, insofern durch die Werke gerecht geworden, als sie im Glauben, sie würde sich retten, die Boten Israels aufnahm (v. 25). Der Glaube, weil Vertrauen, soll nicht bloß schwatzen, sondern wirklich glauben, wirklich vertrauen. So soll auch der gläubige Christ nicht von der Erlösung durch Christum nur schwatzen, sondern auch die Erlösung glauben, mit freudiger Zuversicht an sie sich halten. Wer letztere nicht hat und doch an eine geschehene Erlösung glauben will, hat nur einen toten Glauben.
193) Übungen am Sonntag.
Frage. "Ein Verwandter von mir, welcher noch nicht lange wieder zum Herrn bekehrt wurde, macht sich ein Gewissen daraus, die von der Obrigkeit gesetzlich vorgeschriebenen Übungen der Feuerwehr am Sonntag Morgen vor dem Gottesdienste mitzumachen, da dies gegen Gottes Gebot sei, und ist wegen seiner Weigerung bereits gerichtlich bestraft worden. Er glaubt aber dennoch dabei beharren und alle weiteren Folgen tragen zu müssen. - Es würde nun für diesen jungen Christen und Andere in gleicher oder ähnlicher Lage von großem Nutzen sein und zur Beseitigung von Zweifeln beitragen, wenn in Ihrem Blatte die Frage beantwortet würde:
"Kann ein Christ mit gutem Gewissen in obigem Falle der Obrigkeit untertan sein und ihrem Gebote Gehorsam leisten?"
Da ein anderer Freund, welcher der freiwilligen Feuerwehr angehört und bisher gleichfalls am Sonntage frühe die Übungen gemacht hat, um zum allgemeinen Dienste ein Opfer zu bringen, dabei aber doch nur ein halbes gutes Gewissen hat, so stelle ich es Ihrem Ermessen anheim, ob Sie auch für diesen Fall eine Antwort geben wollen, da es ihm ja jederzeit frei steht, aus diesem Vereine auszuscheiden."
Antwort. Gerne beantworte ich diese Frage, weil ich weiß, wie Viele sich über dem Sonntag, wenn ihnen auf denselben Arbeiten aufgelegt werden, ein Gewissen machen; und leicht hat sich's so, daß man darüber ein Märtyrer glaubt werden zu müssen, wenn auf Weigerung Strafe verhängt wird. Dazu sind es häufig Neubekehrte, wenn sie unter keiner gesunden Leitung stehen, welche gerne gewissenhafter werden, als nötig ist und das Wort Gottes es fordert. Statt daß sie sollten an der Freundlichkeit und Gnade des Evangeliums aufatmen, spannt man sie in neue Gesetzlichkeiten hinein, die ihren neuen christlichen Stand ganz schief stellen, weil er unevangelisch wird. Namentlich gibt es Eiferer mit dem Sonntag, die mich je und je an die Pharisäer erinnern, die nur immer lauerten, wie Jesus und Seine Jünger zu dem Sonntag stünden.
Bei dem, der an Jesum Christum, welcher ohne Verdienst der Werke allein durch den Glauben selig macht, wirklich glaubt, kann es heißen: "Ich habe es Alles Macht"; und wenn der Apostel hinzusetzt: "Aber es frommet nicht Alles," so will er nur damit sagen, daß in Allem, zu dem man sonst Erlaubnis hätte, nebenbei etwas sein könne, das gebietet, seiner Macht nicht zu brauchen; und nur dann kann's ihm zur Sünde werden, andernfalls niemals. Es ist nun aber schon an und für sich nicht recht, wenn Jemand denkt und sagt: "Übungen der Feuerwehr am Sonntag mitmachen, erlaubt mir mein Gewissen nicht, weil das gegen Gottes Gebot ist." Denn wenn man so bestimmt sich erklärt, so sieht es aus, als ob man geschwind in der Schrift nachzusuchen hätte, ob sie nicht sage: "Gott befiehlt, daß man keine Übungen irgend welcher Art am Sonntag vornehme." So etwas, oder dem Entsprechendes findet sich nichts in der Schrift, ist kein Gebot Gottes. Aber wenn es gewiß ist, daß das ein Gebot Gottes ist: "Du sollst der Obrigkeit untertan sein," so sollte ich über dieses Gebot besser nachdenken, ehe ich es durch ein anderes, nur gedachtes Gebot mir ungültig mache.
Aber, sagt man, jene Übungen sind doch wider die Heiligung des Sabbaths; und von diesem ist uns befohlen: "Du sollst den Sabbath heiligen." Also laufen sie doch gegen Gottes Gebot. Wir wissen aber, daß der Heiland sagt: "Des Menschen Sohn ist ein Herr, auch des Sabbaths," d. h. Er kann Seinen Jüngern Allerlei am Sonntag zulassen, was die andern Juden nicht erlaubten, wie Er Seinen Jüngern es gestattet hat, Ähren am Sabbath auszuraufen und zwischen den Händen zu zerreiben, was sonst als unheilig strenge verboten war. So ließ er auch gesund gewordene Leute am Sabbath ihr Bett heimtragen, was den Pharisäern ein Gräuel war. Der Heiland will Seine Jünger freier sein lassen am Sabbath, wie Er selber sagt; und schon darum kann es keine so große Sünde vor Ihm sein, der Obrigkeit in dem untertan zu sein, was nicht sonntäglich ist, daß man also auch Übungen der Feuerwehr mitmacht. Von andern Geboten hat der Herr nicht gesagt, Er sei ein Herr über sie, daß Er also mitunter nichts gegen einen Todtschlag, oder einen Ehebruch, oder einen Diebstahl habe. Es ist deswegen mit dem Sabbathgebot nicht dasselbe, wie mit andern Geboten. Diese müssen unbedingt gehalten werden, und leiden keine Ausnahme; das Sabbathsgesetz aber kann und darf unter Umständen gebrochen werden, ohne daß man sündigt, weil Jesus selbst, als der Herr des Sabbaths, es gestattet. Namentlich aber wird der Herr, der auf's erste Gebot so viel hält, daß man Gott ehre, und der in der Obrigkeit die Dienerin Gottes siehet, nie sagen: "Tut dies und das nicht am Sabbath, auch wenn's die Obrigkeit befiehlt." Man achtet also selbst den Heiland gering, wenn man so schnell um des Sabbaths willen der Obrigkeit eine Faust ins Gesicht macht, wie wenn Er doch nicht Herr des Sabbaths wäre.
Überlegen wir's einmal recht, so ist uns ja damit der Sonntag noch nicht genommen, daß wir eine Stunde in der Frühe des Sonntags zu Übungen der Feuerwehr uns einfinden. Wir haben ja noch den ganzen Sonntag vor uns. Ja, wir können schon vorher zu Hause sonntäglich sein, können selbst sonntäglich zu den Übungen hingehen. Es hat schon das etwas Sonntägliches an sich, wenn man mit Vielen, die man die ganze Woche nicht sieht, in einen Verkehr der Freundschaft, Liebe und mitunter Teilnahme zusammenkommt. Man schätzt das immer zu geringe, was es dem Menschen ausmacht, Vielen Seinesgleichen zumal zu begegnen und in Berührung mit Aller Interessen und Nöten und Sorgen zu kommen, und wie sonntäglich das ist. Wer das wichtig nimmt, nach der Liebe, kann sonntäglicher sein, als wer ein verdrießlich Gesicht zu dem hinmacht, was ihn durch eine obrigkeitliche Verfügung mit Andern zusammenführt, die sich etwa auch freuen, aus der gewöhnlichen Langenweile des Lebens heraus sich wieder zu sehen. Sonntäglich kann man sich betragen, wenn man zu einem guten, anständigen Ton mithilft, wie er unter den Beteiligten zum Sonntag paßt, ohne daß man engherzig nur nach gewissen Personen hinsieht. Man kann sonntäglich sein, indem man mit Allen freundlich, zuvorkommend, liebend ist, tröstend und teilnehmend. Man kann zum Kirchenbesuch einander aufmuntern, wenn es auch nur ist, daß Alle merken, die Kirche liege mir nun auch an. Zu Allem hin sind jene Übungen eigentlich eine Ausruhe, nur nicht eine faule; und in erster Linie, ich sage das, weil's so Allen, den Frommen und den Unfrommen, gilt, soll der Sonntag ein Ruhetag sein. Was ist nun an jenen Übungen Böses oder Unfrommes? Sind sie's mehr, als was Viele eben am Sonntag auch besorgen müssen? Man bedenke, wie Vieles den Dienstboten, den Hausmüttern mit Umsicht und Fleiß am Sonntag Morgen zu besorgen obliegt. Was aber einmal sein muß, das muß man eben auch lernen sonntäglich treiben. Wie kann doch Jeder im Innern sonntäglich sich fühlen bei allem dringenden Arbeitssturm, der ihm in etwas unvermeidlich ist! Darum ist es viel wichtiger, in dem, was sein muß, innerlich sich sonntäglich zu machen, als davon laufen und sagen: "Das ist wider Gottes Gebot." Ich sage, für die Haltung des Sonntags bin ich nur verantwortlich, so weit ich ihn habe. Wird er mir durch Umstände und allerlei Unvermeidliches, und so auch durch obrigkeitliche Anordnungen, in etwas genommen, so bin ich außer aller Schuld. Aber über das besinne dich, wie viel du sonntäglich bist in dem Teil des Sonntags, den du hast, und den dir Niemand streitig macht. Wie gar viel sonntäglicher werden denn die auch sein in den Stunden, die sie meinen, nicht mit gutem Gewissen der Feuerwehr widmen zu dürfen?
Ich denke, auch der freiwillige Feuerwehrmann werde sich's, wenn er das gelesen hat, nicht mehr anfechten lassen, oder sich ein Gewissen draus machen, auf den Sonntag eine Stunde sich herzugeben. Er dient auch damit dem Herrn, kann es wenigstens, wenn er will.
Aber die Obrigkeit, sagt Einer noch, ist doch zu tadeln, daß sie gerade auf Sonntage solche Übungen richtet. Den bitte ich aber, er soll doch nicht so schnell gegen die Obrigkeit maulen. Die würde Manches anders machen, wenn sie könnte. Aber frage einmal alle Feuerwehrmänner, ob sie die Übungen lieber am Werktag hätten! Du weißst wohl, wie schwierig es in unsrer Zeit für Jedermann ist, aus seinem Arbeitsberuf heraus sich zu jenen Übungen hergeben zu müssen. Soll's aber die Obrigkeit zu einer wirklichen Beschwerung werden lassen? Darum sei stille und - gehorsam!
194) Von Hiobsleiden.
Frage. "Sind Prüfungen in derselben Weise, wie sie Hiob auferlegt wurden, noch jetzt anzunehmen, d. h. hat der Verkläger noch jetzt im Neuen Bunde das Recht, gläubige Christen anzugreifen? Müssen die Letzteren etwaige besonders schwere Leiden nur als Züchtigung oder Läuterung ansehen? oder dürfen sie denken, daß ihr Leiden einen tieferen Grund habe, daß sie durch stilles Dulden im Aufblick zu Gott, gleichsam Gottes Ehre, dem Satan gegenüber retten und wahren, wie Solches Hiob 1, 11 und 2, 5 angedeutet ist? Oder entspricht es mehr Gottes Ehre, wenn sie die Angriffe des Feindes, die dabei im Spiel sind, durch Gebet zu vertreiben suchen, und dadurch Gottes Macht siegt über die des Feindes?"
Antwort. Bei Hiob ist es sehr in's Auge zu fassen, daß er mit seiner Frömmigkeit als Einziger da steht, der zu seinen Lebzeiten Seinesgleichen nicht hatte, wie das Gott selbst sagt (1, 8). Es geht auch aus dem hervor, daß Satan ihn ignorieren wollte, als unter der Beratung der Kinder Gottes vor dem Herrn von dem Menschengeschlechte die Rede wurde. Es sieht sich an, als ob sich's darum handelte, eine allgemeine Vernichtung der Menschen wieder anzubahnen, weil Keiner da war, der in rechter Weise nach Gott fragte, wie Letzteres auch später öfters der Fall war (Ps. 14, 2. 3). Satan hat offenbar eine schwere Anklage vor; und da steht ihm Hiob entgegen, den er deswegen für den Augenblick ignoriert wissen will. Der Herr hatte zu ihm gesagt: "Wo kommst du her?" Er erwiderte: "Ich habe das Land umher durchzogen," mit dem stillen Gedanken, den er vor der ganzen Versammlung bemerklich machen wollte, es sei mit allen Menschen nichts. Daß er's mit seiner Rede so meinte, liegt in der Frage des Herrn darnach: "Hast du nicht Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob?" womit Er sagen will: "Ist dir denn Hiob nicht aufgefallen, mit dem's doch nicht so schlimm steht?" Gott kann es wagen, ein volles, Ihm genügendes Zeugnis über Hiob zu geben. So aber kann Gott von keinem andern Menschen jener Zeit reden; und Hiob ist also der Einzige, der darum, weil man ihn nennen konnte, die schwerere Anklage wider die Menschen überhaupt aufhob. Satan aber hält auch auf Hiob nichts, und denkt, der sei nur so gottesfürchtig, weil ihm Gott nichts geschehen lasse. Er habe gut fromm sein, weil keinerlei Anfechtung über ihn komme. "Aber", sagt er, "recke deine Hand aus, und taste an Alles, was er hat; was gilt's, er wird dich in's Angesicht segnen?" d. h. er wird's machen, wie alle Menschen, und dir den Abschied geben, als einem Gott, auf den man sich nicht verlassen könne. Da konnte es Gott, so zu sagen, nimmer anders machen. Er konnte nicht zu Satan sagen, ohne Hiob zu versuchen: "Dem ist nicht so; du bringst nichtige Verdächtigungen vor." Denn Satan hatte ohnehin schon frech genug gesprochen, wenn er Gott gegenüber sagte, es sei an der Gottesfurcht, die Gott an ihm rühme, nicht sonderlich viel. Da erforderte es die Ehre Gottes, es auf eine Probe ankommen zu lassen; und so mußte sich Hiob unter dem Schrecklichsten, das Satan über ihn verhängte, bewähren.
Daß Hiob als Einziger seiner Zeit aufzufassen ist, geht auch aus der Stelle in Hesekiel (14, 14. 20) hervor, da er mit Noah und Daniel zusammengestellt wird, als Einer, dessen Gebete vor Gott ein besonderes Gewicht hatten. Noah war auch ein Einziger, und wurde als Solcher von der Sintflut verschont. Ebenso war Daniel ein Einziger, wie leicht aus seinem Buch zu erkennen ist. Das sind die Männer, an welchen in der alten Zeit Alles hing. Bei Hiob war's noch etwas Besonderes, wenn wir die Stelle in Jakobus (5, 11) näher ansehen. Hier sagt Jakobus: "Die Geduld Hiobs habt ihr gehöret, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen." Da wird also Hiob mit dem Herrn Jesu zusammengestellt, oder seine Geduld mit dem Ende, d. h. dem Kreuzestode Jesu. Daraus geht hervor, wie wichtig das Leiden Hiobs war, wie es sogar eine Ähnlichkeit mit dem Leiden Christi hatte. Dieses, kann man sich denken, insofern, als die Frucht seines Leidens die war, daß es spätere Anklagen Satans niederschlug, und Ursache wurde, daß es die Menschen, oder Israel, durchbrachten bis auf Christus hin. Es durften keine ähnliche, auf umfassendere Bestrafung zielende Beschuldigungen und Anklagen mehr vorkommen. Namentlich denke ich mir, haben von Hiob an die Opfer die große Bedeutung bekommen, daß sie, wenn sie in Lauterkeit Gott dargebracht würden, alle Anklagen Satans, wenigstens für diese Zeit, vernichteten. Bei Hiob hat Satan das nicht recht gefunden, daß der Herr ihm um seiner Opfer willen, die er immer brachte, wenn Versündigungen ihm zu Ohren kamen, auch wenn er sich nur dachte, daß auf Seiten seiner Kinder könnten Versündigungen vorgekommen sein, so großen Schutz und so großen Segen zukommen ließ. So mußte Hiob auch in die Versuchung kommen, daß es den Anschein bekam, als hätten seine Opfer keinen Wert vor Gott gehabt und könnten sie keinerlei Strafe abwenden. Hiob aber bleibt treu; und jetzt hat Gott dem Satan gegenüber vollkommenes Recht, die Opfer zur Beseitigung der Anklagen Satans gelten zu lassen, wie später das Selbstopfer Christi für die Sünden der ganzen Welt alle Anklagen Satans, nicht nur für dieses, sondern auch für jenes Leben, vernichten sollte, bei Allen, die sich im Glauben an Jesum Christum hielten.
Hienach sehen wir, daß uns in ähnlicher Weise, wie einem Hiob, nicht mehr Prüfungen aufgelegt werden können, und überhaupt im Neuen Bunde der Verkläger, da ja auch "der Fürst dieser Welt gerichtet ist" (Joh. 16, 11), kein Recht hat, gläubige Christen anzugreifen, außer so weit in diesen selbst für den Satan ein Anhaltspunkt da ist. Bei Hiob, der Alles tat, um gerecht zu sein, und, wo es fehlte, demütig Opfer brachte, war kein Anhaltspunkt da. Bei uns freilich, in unsrer Zeit, werden wir nicht leicht Jemanden finden, wider den Satan nichts wüßte, weswegen nach der Erfahrung an Alle Angriffe, aber gerechte, der Finsternis kommen können. Wer aber zum Heiland sich hält, für den gilt doch noch das Wort Pauli: "Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hie etc." Wir haben daher immer schwere Leiden als Läuterungen und Züchtigungen zu nehmen, werden sie aber auch nicht so schwer bekommen, wie ein Hiob. Sonst ist's auch von Wichtigkeit, zu denken, daß wir in allen Leiden durch Geduld und Glauben Gottes Ehre zu retten haben. Wer mißmutig, mürrisch, verzagt, verzweifelnd ist, tut dem Herrn Unehre an. Der rechte Glaube ist geduldig, aber auch drauf aus, die Angriffe der Finsternis, auch wenn sie verdient sind, durch Christum zu überwinden, da es denn auch eine Bedeutung haben kann auf den großen Sieg, der noch kommen soll. Wir müssen uns immer als Schuldige nehmen; und es kann auf Eigengerechtigkeit hinauslaufen, wenn wir uns nur gleich als Hiobe nehmen, an deren Unschuld Satan durch ungerechte Angriffe sich verderben solle. Durch's Blut Christi aber können wir in Allem siegen. Seit Jesus geblutet hat, bedarf's keiner eigentlichen Hiobe mehr, wenn's nicht Kindern je und je glücken darf (vergl. Ps. 8, 3).
195) Das Hassen des Vaters etc.
Frage: "Luk. 14, 26 heißt es: ""So Jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein."" Ist vielleicht das Wort hasset im Urtext nicht so hart; oder welche Gedanken haben Sie darüber? Es würde mich freuen, in Ihren Blättern etwas darüber zu finden."
Antwort. Diese Frage habe ich gleich in der ersten Nummer meiner Blätter beantwortet (1873, Nr. 1). Ich will aber hier wieder etwas darüber sagen. Im Urtext lautet das Wort so hart, als im Deutschen. Der Heiland will's auf's Stärkste ausdrücken, um anzuzeigen, wie sehr alle unsre Gefühle allein auf Ihn, unsern Heiland und Erlöser, gehen sollen. Es könnte Ihm, um zur Erklärung etwas zu sagen, schwer werden, uns aus allem Netz der Finsternis herauszureißen, wenn unser Gefühle für Angehörige, welche letztere eben nicht sind, wie sie sein sollen, dieselben bleiben wollten, und nicht nur gleichsam liebeleer, sondern gar hassend würden. Er hat immer das im Auge, daß es Ihm leicht werde, uns von allem Übel zu erlösen; denn wenn wir wüßten, was das kostet, und wie tief verstrickt wir sind, daß es kaum möglich scheint, es mit uns fertig zu bringen, wir würden nicht an jenen Worten gleichsam stutzig werden, als liege in ihnen etwas Unberechtigtes, wenn der Heiland so gar von uns Alles in Anspruch nehmen wolle. In Allem, worin wir nicht verleugnend stehen, selbst in den zartesten Banden, wenn sie einmal hindern, kann man von finsteren Mächten eingenommen und gehalten werden, daß es Zeit und Mühe erfordert, bis wir von diesen los werden.
Hassen übrigens bedeutet nicht das Hassen mit dem Gemüt, was ja nie sein darf, auch dem ärgsten Menschen gegenüber, sondern ein Benehmen, das von einem hassenden Gemüte zeugen könnte. Es hat, insbesondere im Anfang, oft Umstände gegeben, da ein Jünger Jesu, wenn er fest blieb, Wohlsein und Leben der Seinigen auf's Spiel setzte. Da konnten die Seinen sagen, wie man es heute noch in der Heidenwelt, auch bei den Juden, hören kann: "Hast du uns denn gar nicht mehr lieb? Bist du denn unser Feind geworden, daß du eigensinnig bei dem bleibst, was du angenommen hast, ungeachtet du siehst, daß es nur unser Verderben nach sich zieht?" Wer nun da fest blieb, der hassete die Seinen nach dem Wort des Herrn. Übrigens verlangte da Gott oft nur die Gesinnung, daß Er es mit den Angehörigen nicht so weit kommen ließ, als gefürchtet werden konnte, wie Abraham seinen Sohn Isaak hassen mußte, da er ihn opfern sollte, aber als er dran wollte, den wehrenden Engel hörte. Bei uns in unsrer Zeit hat man sich in Acht zu nehmen, daß man nicht in unrechtem, gottwidrigem Eifer, mehr nur Sekten und Sektenhäuptern, als dem Herrn, dienend, auf die Worte Jesu sich beruft, da man denn ein wirklicher Hasser werden kann, und seine Verantwortung über sein Benehmen wird tragen müssen. Ohnehin ist nicht zu vergessen, daß der Heiland nicht im Geringsten dem vierten Gebot: "Du sollst Vater und Mutter ehren," nahe treten will.
196) Kains Opfer.
Frage. "Ist es nicht denkbar, die Stelle in 1 Mos. 4, 4 ff. so zu verstehen, daß der Herr auf Abels Opfer Feuer vom Himmel fallen ließ, auf Kains Opfer aber nicht, und daß dann Kain sein Opfer selbst angezündet und also fremdes Feuer auf seinen Altar gebracht hat, das dem Herrn doch nicht gefiel? Vielleicht gibst du eine kurze Antwort hierauf in den Blättern."
Antwort. Daß der Herr werde auf Abels Opfer Feuer vom Himmel haben fallen lassen, wird auch sonst angenommen, weil es in der späteren Geschichte bei Abraham, Mose, David, Salomo und sonst vorgekommen ist. Indessen müssen wir, obgleich ich's hier voraussetzen will, die Frage offen lassen, ob der Herr nicht auch auf andere Weise Sein Wohlgefallen an Abels Opfer werde zu erkennen gegeben haben, weil's eben doch nicht ausdrücklich da steht.
Zu einem Verbrennen durch Feuer eignete sich aber nur Abels Opfer. Denn Abel mußte das getötete Tier auf Holz legen, da es angezündet werden konnte. Möglich ist es, daß er im Sinn gehabt hatte, das Opfer selbst anzuzünden, zuvor aber betend vor den Altar niederfiel, als wollte er vorbildlich sich selbst dem Herrn übergeben, als Ihm ersterbend. Während er betete, könnte dann das Feuer vom Himmel gefallen sein, als Zeichen, daß es dem Herrn so gefalle. Kains Opfer aber, das aus Früchten bestand, eignete sich nicht zum Verbrennen. Deswegen wird er auch schon die Früchte gar nicht auf Holz gelegt haben; und somit kann er auch keinen Gedanken daran gehabt haben, mit eigenem Feuer sein Opfer anzuzünden. Er konnte es auch, nachdem etwa Abels Opfer verzehrt war, nicht erwarten, daß der Herr auf ähnliche Weise sein Opfer anzünden werde. Sonst blieb sein Opfer wie ignoriert. Kain aber, statt das übel zu nehmen, hätte sollen aus dem Ganzen die Lektion ziehen, daß ein Opfer von Tieren, weil es die Selbstopferung vorbildlich vorstellt, und noch mehr, was wir hinzudenken können, die zukünftige Versöhnung durch das Blut Christi, wenigstens für Sünder, die ein Schuldgefühl vor Gott haben, allein das rechte Opfer sei. Der Zorn aber kam an ihn, weil er es nicht nach dem Wunsche Gottes getroffen hatte, und doch als Erstgeborner den Vorzug haben wollte. Der Arge spielte bei ihm denn mit, und nahm ihn ganz in Besitz, daß es war, wie bei Judas, dem Verräter, daß der Satan in ihn fuhr.
Der Gedanke, daß Kain könnte etwa sein Opfer haben selbst anzünden wollen, also auch fremdes Feuer auf seinen Altar legen, läßt sich auch sonst, abgesehen von dem oben Angeführten, nicht annehmen. Ein vom Himmel gefallenes Feuer war ja vorher nicht da gewesen, an welchem man, als an einem göttlichen Feuer, Opfer anzünden konnte. Somit gab es auch noch kein fremdes Feuer, d. h. Feuer, das man so, im Gegensatz zu einem andern, nennen konnte. Erst unter Moses kam ein ewiges göttliches Feuer auf, d. h. ein Feuer, das vom Himmel gefallen war, und dann fortwährend unterhalten wurde, weil es nicht mehr erlöschen durfte. Von diesem Feuer nahm man, was man auf den Altar von Feuer brauchte. Wer von da an mit anderem Feuer, als dem vorhandenen, opfern wollte, wie die Rotte Korah (4 Mos. 16, vergl. 26, 61), der brachte fremdes Feuer auf den Altar.
197) Vom Zehntengeben.
Frage. Was halten Sie vom Zehntengeben? Wir haben Familienglieder, die auf Seiten einer gewissen Richtung sind, welche das Zehntengeben zur Pflicht macht. Ich bin schon immer mit ihnen im Streit darum gewesen. Ich kann sie nicht überzeugen, daß es irrtümliche Lehren sind. Der liebe Herr Jesus muß es tun. Wollen Sie nicht so freundlich sein, und im nächsten Blatt mir meine Frage beantworten."
Antwort. Über das Zehntengeben habe ich schon einmal etliche Worte geschrieben, kann's nur im Augenblick nicht finden. Wie es nun bei jener Richtung gemeint sei, die Sie mir nennen, ob man ihrer Gesellschaft den Zehnten zu überliefern habe, oder nicht, das schreiben Sie nicht. Ich denke aber, die Gesellschaft selbst nehme ihn in Anspruch, und meine, so sei der Zehnten dem Herrn gegeben für göttliche Zwecke, wie einst, da man ihn den Priestern und Leviten geben mußte. Einem solchen geistlichen Zehnten aber kann ich das Wort nicht reden; denn er enthält doch eigentlich eine Anmaßung von Seiten der Leiter der Gesellschaft und wird ein Druck für die Glieder der letzteren, obgleich dieselben damit ein gutes Werk tun wollen, je mehr sie sich dabei wehe tun. Vielleicht aber stellte jene Richtung überhaupt nur den Grundsatz, den auch andere Christen haben, auf, daß ein rechter Christ von Allem, was er einnimmt, den Zehnten zurücklegen sollte, für christliche Anstalten oder Zwecke der Wohltätigkeit.
Ohne jetzt näher darauf einzugehen, welche Nachteile an und für sich schon dieses Zehntengeben einem lautern Christentume bringt, wie es dem Pharisäer nahe liegt, der sich des Zehnten brüstet (Luk. 18, 12), und wie es das Herz für Wohltätigkeit im Leben und Verkehr eher verschließt, als öffnet, weil der Geiz zuletzt sagt: "Ich kann nicht mehr tun," will ich nur auf Eines aufmerksam machen, daß der Zehnten, allgemein von allen Christen von Allem, was sie verdienen, gefordert, durchaus nicht biblisch ist. Den Leviten wurde er einst gegeben "von dem Samen des Landes, von den Früchten der Bäume, von den Rindern und Schafen etc." (3 Mos. 30 ff.), wonach Zehntengeber nur Besitzer von den Erbgütern waren, in welche das ganze Land eingeteilt war. Ein anderer Zehnten wurde gar nicht erhoben von Leuten, die als Unbegüterte sehen mußten, wie sie sich durchbringen könnten. Man bedenke, wie übertrieben die Forderung ist, etwa von allem Verdienst, den man macht, von Besoldungen, die man einnimmt, den Zehnten zu geben. Wird er auch Vielen leichter, wie sauer, fast unerschwinglich kann er Andern werden. Die für den Zehnten eifern, mögen wohl bedenken, welche Lasten sie den Christen aufladen (vergl. das Wehe in Luk. 11, 42). Vermögliche sollten sich aber schämen, so viel Rechnens zu haben mit dem Zehnten, wenn sie's nicht im Stillen ganz nur für sich tun, zu ihrer Orientierung.
198. Über das Findelhaus etc.
Frage und Brief aus der Ferne (von einer Ungenannten). "Wollten Sie die Güte haben, in Ihren Blättern eine wichtige Frage zu besprechen, nämlich die: Wie haben sich gläubige Hausfrauen zu verhalten, wenn unter den Dienstmädchen die schwere Sünde des Ehebruchs vorkommt? Tut man etwas Unrechtes, - denn Sünde kann es nicht sein, - wenn man sich des armen Wesens annimmt, das zur Welt kommt, wenn man es davor beschützt, daß die Mutter, der es selbst ein großer Schmerz ist, es in ein Findelhaus bringt? Darf man ein solches Kind, deren Mutter nur von ihrem kleinen Dienstlohn leben muß, auch die Schande vor der Welt scheut, es also verbergen muß, darf man dazu beitragen, das arme Kind Jemanden vor die Tür zu legen, wo man weiß, daß es mit Freuden aufgenommen wird? Durch eine baldmöglichste Antwort würden Sie mich sehr verbinden."
Antwort. Daß man sich des armen Wesens, das zur Welt kommt, annehme, kann allerdings weder Sünde, noch etwas Unrechtes sein. Für jedes Kind, komme es auf die Welt, wie es will, müssen wir gleiche Empfindung haben, und für unrecht gekommene Kinder nur eine um so stärkere. Wir haben kein Recht, die Worte Jesu (Matth. 18, 5) von der Aufnahme der Kinder zu beschränken; und sind wir hart, so ist es darum der Heiland nicht auch. Wir sehen auch nicht, daß unrecht gezeugte Kinder andere Menschen sind. Sie haben dieselbe liebliche Art, wie andere Kinder; und wie oft werden sie daher die Lieblinge der Großeltern, die sonst in der äußersten Entrüstung gewesen waren! Oft sind mir auch schon die Worte der Offenbarung (4, 11) wichtig gewesen: "Du hast alle Dinge geschaffen; und durch Deinen Willen haben sie das Wesen, und sind geschaffen," (auch wenn die Menschen wider Gott handeln). Ist ferner der Heiland in die Welt kommen, die Sünder selig zu machen, so muß Er mit den Ehebrechern auch deren Kinder selig machen können. Es ist daher ganz wider den Sinn des Heilandes, wenn man solche Kinder geringschätzig behandelt, oder wenn man gar als Lehrsatz es aufstellt, wie schon geschehen ist, als ob die angeführten Kinder von Gott nie freundlich angesehen werden könnten, also ewig verloren wären. Ja, ein Gräuel ist solche Gesinnung und Denkart vor dem Herrn. Eine Stelle in den Apokryphen (Weish. 3, 16-19) hat schon Viele irre geführt und betreffende Kinder höchst unglücklich gemacht, ja bis zur Verzweiflung gebracht. Denn hier ist angenommen, als ob ein ewiger Fluch, auch nach dem Tode, auf jenen Kindern liege. Man vergesse nicht, daß die apokryphischen Bücher nicht von Männern geschrieben sind, die vom heiligen Geist getrieben waren. Sonst erwähne ich noch dessen, daß ein ehebrecherisch mit der Thamar erzeugter Sohn unter den Vorvätern Jesu aufgeführt wird (Matth. 1, 3). Wir können nichts Besseres tun, als wenn wir Menschen, die eine üble Herkunft haben, je verschüchterter sie in der Welt stehen, desto liebreicher behandeln, um ihnen dadurch auch wohlzutun. - Diese Einleitung scheint etwas weitläufig zu sein; aber sie zeigt, wie ernst das Weitere zu nehmen sei.
Es wird nun zuerst gefragt, ob gläubige Hausfrauen recht daran tun, wenn sie eine Mutter zu vermögen suchen, ihr Kind nicht in ein Findelhaus zu bringen. Vielleicht wissen viele Leser nicht recht, was denn ein Findelhaus sei, weil bei uns solche Findelhäuser nicht sind. Kurz nun will ich sagen, daß in großen Städten häufig die Staatseinrichtung ist, Häuser zu unterhalten, in welche man auf eine heimliche Weise neugeborne Kinder legen kann, wo sie dann aufgehoben und von Pflegerinnen versorgt werden. Man will damit dem Kindermord steuern; aber andererseits wird die Unzucht dadurch befördert, wenn heimliche Geburten so leicht gemacht werden. Weiter will ich diese Häuser nicht beschreiben. Aber so viel ist gewiß, daß Unzählige dieser Kinder frühzeitig sterben; und eine Mutter, die ihr Kind so unterbringt, daß sie eher seinen Tod, als sein Leben für's Weitere sich denken kann, möchte doch von Gott als Mörderin angesehen werden. Sie wirft ihr Kind hin, werde aus ihm, was wolle. Wenn aber ein Weib ihr Kindlein so vergessen, und so wenig sich seiner erbarmen kann, daß sie's, auch schreiend, da, wo sie's hinlegt, liegen läßt und davon geht, sollte sie nicht fürchten, daß Gott auch ihrer vergessen und ihrer sich nicht erbarmen werde, wenn's bei ihr das ewige Leben gilt? Die Versuchung ist freilich groß. Tut's die Mutter, so bleibt sie ehrlich, ihr Ruf unbescholten; auch alle Sorgen sind ihr genommen. Sie kann frei hin, wo sie will; und kein Mensch weiß, was vorgegangen ist. Tut sie's aber nicht, so erfahren wir ja unter uns zur Genüge, wie sie's hat. Ihre Ehre ist weg, ihre und ihres Kindes Versorgung schwierig, namentlich wenn die Mutter allein steht, und mit ihrem Wenigen, das sie verdient, sich und das Kind versorgen soll. In solche Klemmen führt die Sünde hinein; und ich weiß wohl, daß in den meisten Fällen die Mutter weniger Schuld hat, namentlich, wenn sie Ehebrecherin geworden ist. Aber sei es, wie es wolle, ein Segen hintennach kann nur kommen, wenn die Mutter dem Kinde treu bleibt, und darum alle Schmach und Trübsal in der Furcht des Herrn gerne auf sich nimmt. Da wird sie der Herr immer wieder Hilfe finden lassen; denn der Herr ist barmherzig und kann Sünde und Missetat vergeben. Eine christliche Hausfrau kann also nichts Besseres tun, denn die unglückliche Mutter vor dem Findelhaus warnen, daß sie nicht eine größere Sünde tut, denn die Ehebruchssünde war. Sie soll nur auch bedenken, was aus dem Kinde voraussichtlich wird, wenn's nicht stirbt. Wie arm ist's allein schon mit dem, sich in eine böse Welt versetzt zu sehen, ohne einen Menschen zu kennen und zu wissen, der liebt und lieben kann, wie eine Mutter liebt. Wird ein Kind sonst frühzeitig Waise, nun, so weiß es, daß es eine Mutter hatte, und sein tränendes Auge wird erleichtert, wenn ihm einfällt, es denke wenigstens vom Himmel herab eine Mutter an ihr einsames Kind.
Nun aber die zweite Frage, darf man dazu beitragen, daß die Mutter ihr Kind Leuten vor die Türe lege, von denen sie weiß, oder sich denken kann, es werde mit Freuden aufgenommen werden? Mit Freuden, meint sie etwa. Wie sehr kann sie sich da täuschen? Denn unrecht geborne Kinder nimmt man eben doch nicht immer gerne; und der Gedanke an die gefühllose, unbekannte Mutter macht das Kind in den Augen Vieler auch nicht angenehm. Sodann wenn es Mode würde, - und glückt's einmal, so wollen's Viele auch versuchen, - so müßte man am Ende Angst haben, jeden Morgen, wenn man die Haustüre öffne, könne ein Kind da liegen. Die Folge davon wäre, daß man's vor die Obrigkeit brächte. Diese müßte nach der Mutter zur Bestrafung fahnden, weil sie ihr Kind in einer gefährlichen Weise ausgesetzt und verwahrlost habe. Findet sie die Mutter nicht, so wäre wieder des Kindes Loos das Findelhaus. Gesetzt aber die Leute nehmen das Kind auf, wer weiß, wie bald dasselbe ihnen entleidet, wenn es krank und die Pflege lästig wird, später auch des Kindes Erziehung und Versorgung viel fordert. Es ist mit Einem Wort ein eigener Weg für das Kind erwählt, der keinen Segen haben kann, weil die Mutterliebe nicht dabei spricht. Das Kind hat das Recht, Mutterliebe zu fordern; und diese hat Niemand außer der Mutter. In der Mutterliebe ist ein Geheimnis, welches zertreten wird, wenn die Mutter das Kind auf solche Weise ganz von sich schiebt. Ich bin es auch überzeugt, daß sie ihr Lebenlang viel mehr unter einem bösen Gewissen leiden wird, als jetzt unter der Schande und sonstigem Elend. Letzteres hört auf mit der Zeit, das Gewissen brennt fort. Wiederum sage ich, o armes Kind, das kein Mutterauge sieht und weiß! Und die Zukunft? wie schlimm kann diese werden, da auch gute Menschen oft Alles verstehen, nur die Erziehung nicht. O des großen Jammers, den die Sünde bringt!
199) Etwas von der Geburt aus dem Geist.
Frage: "Mein Bruder (Missionar in Indien) liest auch Ihre Blätter. Er möchte Sie bitten, folgende Frage in Ihren Blättern zu beantworten. Zu Nikodemus sagt der Herr: ""Es sei denn, daß Jemand geboren werde aus Wasser und Geist etc."" Wenn wir nun jenen verheißenen Geist. nicht im neutestamentlichen Sinn bekommen können, (er bezieht sich damit auf Ihre früher gegebenen Abhandlungen über die Gabe des Heil. Geistes), wie steht's mit dem Gliedsein im Reiche Gottes? Wie stehts mit der Wiedergeburt?"
Antwort: Recht gerne beantworte ich die Frage deines lieben Bruders in den Blättern, um so lieber, da sie mir Gelegenheit gibt, auf viele Mißverständnisse zu antworten, zu denen meine Aufsätze Anlaß gegeben haben. Ich hoffe, zur Befriedigung Aller, welche bedenkliche Fragen haben möchten, antworten zu können.
Wenn ich die Erfahrung zu besprechen wage, daß wir nicht mehr den persönlichen Heiligen Geist in uns wohnend haben, wie die Apostel und ersten Christen, den Geist, den wir einfach den Pfingstgeist nennen können, so will ich damit nicht sagen, daß alle, tief auf die Herzen wirkende und diese wiedergebärende Macht des Heiligen Geistes aufgehört habe, als ob wir durchaus nichts, nach der Erfahrung, vom göttlichen Geist in uns verspüren dürften, und völlig natürlich nach der angebornen Geistesanlage, wie es beim Menschen ohne Christus überhaupt, und namentlich vor der Erscheinung Christi, gewesen ist, ohne Zuflüsse göttlichen Geistes hinleben und mit dem Evangelium uns durchhelfen müßten. Ich bleibe bei der Schrift, die uns ein Anderes lehrt. Wir wissen aus Paulus (1 Kor. 2, 3), daß der natürliche Mensch nichts vom Geiste Gottes vernimmt, und es ihm eine Torheit ist, daß er's nicht erkennen kann, weil es muß geistlich gerichtet sein." Wenn wir also des Geistes Gottes baar wären und Alles von Ihm wieder verloren hätten, so wäre es bald aus mit dem Christentum auf Erden; und dein Bruder mit allen Missionaren müßte mich dauern, weil sie eine vergebliche Arbeit hätten. Heißt es ja doch schon (1 Kor. 12, 3): "Niemand kann Jesum den Herrn heißen, ohne durch den Heiligen Geist"; und auch ein Petrus konnte ohne eine Offenbarung vom Vater (durch den Heiligen Geist) Jesum nicht als den Sohn Gottes und Christ erkennen (Matth. 16, 17, vergl. 11, 25). Damit ist aber nicht gesagt, es könne Niemand erkennen, wer Christus sei und geworden sei, ohne den Geist haben, wie Er an Pfingsten mitgeteilt worden ist. Auch eine Lydia hatte diesen Geist noch nicht, als ihr der Herr das Herz auftat. Das Herz auftun, und dadurch zum Glauben, also auch zum Seligwerden fähig machen, heißt noch nicht den Pfingstgeist geben.
Ich will es noch umständlicher ausführen, wie die Wiedergeburt, d. h. die Geburt ins Reich Gottes herein mit der entsprechenden Gesinnung und Umkehr von der argen Welt und dem Dienste der Finsternis, wohl möglich ist, ohne den Pfingstgeist mit seinen außerordentlichen Gaben und Kräften, wie Er nach der Himmelfahrt Christi gekommen ist. Es liegt Solches schon in dem einfachen Spruch Jesu: "Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben." Er hat dieses schon, und braucht nicht erst, wenn er glaubt, auf eine Zeit zu warten, wie die Jünger auf die Zeit hin, da der heilige Geist ausgegossen wurde, um das ewige Leben zu haben. Hat er aber das ewige Leben, so ist er kein Weltkind mehr, nicht mehr bloß vom Fleisch geboren, sondern ein Gotteskind, aus dem Geist geboren, wie in dem Spruch steht, von dem die Frage ausgeht. Wenn ferner der Herr von Zachäus sagt: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren," was ist denn dieses Heil anders, als das ihm gewordene Gliedsein im Reiche Gottes; und des Zachäus neuer Mensch wurde auch in dem offenbar, daß er sagt (Luk. 19, 8): "Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen; und so ich Jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder." Dieses verspricht Zachäus, jetzt zu tun, weil er durch Christum, den er bewirten durfte, ein ganz neuer Mensch geworden ist.
Was soll ich sagen von den Aposteln? Ungeachtet es hieß (Joh. 7, 38) der Heilige Geist sei noch nicht da gewesen, weil Jesus noch nicht verklärt war, sagt der Herr doch zu ihnen: "Wer gewaschen ist, der darf nicht, denn die Füße waschen; sondern er ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht Alle." Letzteres auf Judas bezogen. Ebenso sagt Er (Joh. 15, 3): "Ihr seid jetzt rein um des Worts willen, das ich zu euch geredet habe." Ja, Er sagt (16, 26. 27): "Ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will; denn Er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum, daß ihr mich liebet, und glaubet, daß ich von Gott ausgegangen bin." Das Alles war's mit den Jüngern, ehe der Geist Gottes auf sie ausgegossen war, daß also ihr Stand zum Vater nicht von dem Letzteren abhing. Der Herr ging noch weiter, und nannte (Kap. 15) Seine Jünger bereits Reben an Ihm, dem Weinstock, die von dem Saft des Weinstocks, also von der Kraft des Heil. Geistes in Jesu, Tüchtigkeit haben, Früchte zu bringen, und die, wenn sie an Ihm bleiben, bitten dürfen, um was sie wollen. Ja, der Auferstandene hat Seine Jünger angeblasen und gesagt: "Nehmet hin Heiligen Geist; welchen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben." Sie bekamen also Heiligen Geist, eine Kraft des Heiligen Geistes. Aber es war noch nicht der Pfingstgeist, welcher persönlich in ihnen wohnend verbleiben sollte, und den sie erst noch zu erwarten hatten. Wenn sie aber jetzt schon Sünden vergeben, also auch Anteil am Reiche Gottes geben können, oder bereits die Schlüssel des Himmelreichs haben, ehe sie den Pfingstgeist hatten, so konnten durch sie Juden und Heiden, wie zur Sündenvergebung, so zum Anteil am Reiche Gottes und der dazu erforderlichen Wiedergeburt haben. Gerade so haben's nun auch wir. Das Gliedwerden im Reiche Gottes ist uns nicht verschlossen; und die Wiedergeburt, die nicht dem Fleische, sondern dem Herrn dienen will, ist bei uns möglich, wenn wir auch nicht die Gabe des persönlichen Heiligen Geistes haben.
Aus dem Allem geht hervor, daß der Pfingstgeist zunächst gar nicht eine Beziehung auf die Wiedergeburt hat, mehr nur außerordentliche Gaben verlieh, und Wiedergeborne in eine Art göttlicher Verklärung versetzte, ohne jetzt gerade erst die Wiedergeburt zu geben. Der Pfingstgeist hat weniger Bedeutung für die, welche gläubig geworden. Wenn diese die wiedergebärende Kraft des Heiligen Geistes an sich erfahren, haben sie im Grunde genug; und man kann nicht gerade sagen, daß der Pfingstgeist ein Erfordernis für sie wäre zum Seligwerden. Der Pfingstgeist ist für Letzteres nur in sofern wichtig, als der ohne ihn, aber nicht ohne des Geistes Kraft, gewordene Wiedergeborene leichter von den Angriffen der Finsternis, von Versuchungen und Anfechtungen sich frei erhalten kann, während er ohne den Pfingstgeist, trotz seiner erfahrenen Kindesrechte, sich doch oft in einem Gefängnis fühlt, weil der Feind von allen Seiten andringt und selbst die Kindesrechte ihm streitig macht, ihn auch in einer gewissen Schwäche und Ohnmacht bleiben läßt, die unsäglich viel Grämen und Seufzen zur Folge hat, abgesehen davon, daß auch der stärkste Glaube in Vielen sich kaum durchzubringen weiß. Daß aber auch der Pfingstgeist einst nicht sicher gestellt hat, geht aus vielen Stellen der Schrift hervor. Der Heilige Geist konnte betrübt werden: und wenn das, wie erklärlich dann seine Zurückziehung! Wie aber vor der Ausgießung des Heiligen Geistes Wiedergeburten möglich waren, so auch nach der Zurückziehung des Pfingstgeistes. So viel Kraft des Heiligen Geistes ist, wie wir ja erfahren, übrig geblieben, daß jeder Redliche zum Gliedwerden im Reiche Gottes und zur Wiedergeburt kommen kann; und wer, um gleichsam mechanisch nach dem inneren Menschen sicher gestellt zu werden, die Rückkehr des Pfingstgeistes sich wünscht, ist sehr im Irrtum.
Der Pfingstgeist hat Seine Hauptbestimmung für das Wachstum und die Vollendung des Reiches Gottes. Ohne Ihn bleibt die Zahl derer, die es zum Gliedwerden im Reiche Gottes und zur Wiedergeburt wie wir sehen, verschwindend klein, auch in der Heidenwelt, bei allem Segen, den die Mission hat. Die Menschheit bedarf es, daß ihr die Person Christi durch Zeichen und Wunder wieder unwidersprechlich nahe komme. Wer daher nicht bloß an sich und seine Wiedergeburt, sondern auch an die so tief versunkene, unrettbar verloren scheinende Mitwelt denkt, sollte den Gedanken einer neuen Hoffnung des Pfingstgeistes mit freudigem Herzen begrüßen. Dieser ist überhaupt nötig, daß die Gemeine Christi auf Erden endlich des Fürsten der Finsternis, der wohl gerichtet, aber noch nicht aus dem Mittel getan ist, sich erwehre, und daß alle Völker der Erde mehr und mehr in das auch ihnen Gehörende völlig und schnell hereinkommen, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt, von dem Joel redet (3, 4 und 5). Für die Vollendung des Reichs Gottes hängt Alles an der Rückkehr des Pfingstgeistes.
200. Zur Taufe und Kindertaufe.
Frage (aus dem Landvolk): "Verzeihen Sie mir, daß ich in einer Angelegenheit mich an Sie wende, die mir immer fraglich da steht. Ich bitte, geben Sie mir hierüber Ausschluß. Ist denn nur die Taufe der Baptisten biblisch und vom Heiland geboten, wenn Er sagt: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden? Begehen andere Gläubige einen Ungehorsam, wenn sie sich nicht taufen lassen nach ihrer Bekehrung?"
Antwort. Den Inhalt des erhaltenen Briefs will ich teilen. Zuerst beantworte ich Obiges. Was den Taufbefehl Jesu betrifft, so mußt du bedenken, daß er zu einer Zeit erteilt wurde, da es noch keine Christen gab. Nun hat doch der Heiland nicht sagen können: "Wer da getauft wird und glaubt," auch wenn sonst die Kindertaufe nach Seinem Sinne wäre. Man hat müssen Erwachsene taufen; und die haben allerdings müssen zuerst den Glauben haben, daß Jesus der Herr und Christ wäre, ehe man sie taufte. So hat der Kämmerer vom Mohrenland zuerst bekennen müssen, daß Jesus Gottes Sohn, d. h. der verheißene Christus oder Messias sei, ehe ihn Philippus taufte (Apost. 8, 37). Aber weiter bedurfte es nicht zur Taufe; denn auf dieses einfache Bekenntnis schon wurde der Kämmerer getauft. Auch die 3000, die am ersten Pfingsttage getauft wurden, hatten nur jetzt zu glauben, daß Jesus zum Herrn und Christ gemacht sei (Apost. 2, 36), also dahin, gegen früher, Buße zu tun, oder ihren Sinn zu ändern (v. 38), um alsbald auf den Namen Jesu Christi getauft zu werden. Es ist also sehr unfein und zur Beschleichung der Seelen, wie es nicht alle Baptisten tun, gesprochen, daß der Taufbefehl auch ein Verbot der Kindertaufe in sich schließe. Das heißt mit unlauterem Sinn in die Bibel hineingelegt, was nicht drin steht, und den Menschen selbstgemachte Gebote, als ob sie biblisch wären, auf den Hals gelegt. Hiegegen spricht schon das, daß man vermuten kann, mit den Erwachsenen seien gleich zu Anfang auch deren Kinder getauft worden, wenn doch klar und bestimmt es heißt vom Kerkermeister in Philippi (16, 33): "Und er ließ sich taufen, und alle die Seinen alsobald." Wenn es vom Herrn verboten gewesen wäre, Kinder zu taufen, so müßte an dieser Stelle, zur Vermeidung einer großen Ungehorsamssünde, ausdrücklich bemerkt sein: "Alle die Seinen, ausgenommen die Kinder, namentlich die kleinen Kinder". So heißt es nun aber nicht; und wer will mich nun eines Ungehorsams zeihen, wenn ich meine Kinder taufe, zumal ja auch die Beschneidung einst an Kindern geschah, weswegen Paulus (Kol. 2, 11. 12.) die Taufe auch eine Beschneidung ohne Hände nannte. Ich bitte dich, deine Kinderlehre aufzuschlagen, die dir Aufschluß gibt.
Wie es scheint, hat man dir auch damit einen Bären ausbinden wollen, daß man zu dir sagte, du begehest einen Ungehorsam, wenn du dich nicht nach deiner Bekehrung taufen ließest. Ich meine, so lange du zwei Füße habest zum Davonlaufen, solltest du diese gegen einen solchen Schwätzer brauchen. Wer sind denn die, die dir in den Kopf setzen wollen, "andere Gläubige, wenn sie bekehrt würden und sich dann nicht taufen ließen, begehen einen Ungehorsam?" Da geht also mit der Bekehrung ein ganz neuer Ungehorsam an, da es ja fast aussieht, als ob es besser wäre, unbekehrt zu bleiben, weil man zu einer Wiedertaufe doch sich schwer entschließt, und doch ohne sie ein neuer Sünder wird, dabei jede Bekehrung fruchtlos wäre. Bedenke doch, wie frech jene Prediger sich allen andern Christen, und namentlich Gläubigen, entgegensetzen. Wer ist dir doch von Gott gesetzt zu einem Unterweiser in der Schrift? Laß dir doch nicht deine Seelsorger, die Kinderlehre und alle großen Gottesmänner der alten und neuen Zeit, von jenen Schwätzern in den Winkel werfen. Hüte dich, von etwas dich umtreiben zu lassen, was dem gegenüber, das du von Kind auf gelernt hast, so fremd da steht, und von Unberufenen dir will eingegeben werden. Unvermerkt bringt's der Einfalt großen Schaden.
Weitere Frage. "An der Kindertaufe, als der Wiedergeburt, stehe ich auch an. Denn wäre die Taufe die Wiedergeburt, so wären ja Alle, die sich Christen nennen, wiedergeboren; und die meisten sind doch bloße Namenschristen. Ich komme ganz in die Enge, wenn ich hierüber nachdenke. Wäre ich mir immer klar bewußt, ich sei gläubig und sei ein Kind Gottes, und es sei des Herrn Wille an mich, mich taufen zu lassen, so wollte ich ja dem Herrn nicht ausweichen. Aber so oft kommen mir Zweifel, ob ich auch ein Kind Gottes sei. Wenn das Wort Gottes sagt: "Welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder," und ich blick auf mein Herz im täglichen Leben, so kommt so Manches, das doch nicht der Geist Gottes wirket. Ich weiß von einer Umkehr, da mich der Herr von der Welt hinwegrief; aber es ist so eine Welt in mir, die mir das Ziel aus dem Auge rücket. Es ist vielleicht viel Schuld an der Unklarheit und Ungewißheit meiner Gotteskindschaft. Ich möchte doch ganz dem Herrn leben und Ihm mit meinem Wandel auch Ehre machen. Aber ich muß auch sagen mit jenem Dichter: "Aber mein Herz macht mir Schmerz; denn es ist so böser Art." Jetzt will ich schließen; aber ich bitte Sie: Lassen Sie mich Ihre Überzeugung aus dem Worte Gottes wissen."
Antwort. Du stehst an, ob man denn bei der Kindertaufe die Wiedergeburt sich denken könne. Wenn das wäre, so müßten ja Alle wiedergeboren sein; und das sei ja doch gewiß nicht der Fall. Eine Wiedergeburt kann aber ganz gut sein durch die Kindertaufe. Das Kind wird aus der Welt und den Kräften Satans heraus dem Heiland in die Hände gelegt; und damit wird aus der ersten die zweite Geburt. Jetzt gehört das Kind dem Heiland. Oder wird Er sagen: "Was geht mich euer Kind an? Solche Schreier kann ich nicht brauchen," wie dort nämlich die Jünger meinten. Meine liebe Schreiberin, laß doch den Heiland auch ein Bischen lieb sein, daß Er ein Kind, das man ihm hingibt, auch annehmen werde. So sind denn alle getaufte Kinder wiedergeboren. Hintennach kommts freilich bei den Meisten anders, wie eben auch bei den getauften Erwachsenen der Erstzeit. Aber sie waren wiedergeboren; und etwas davon wird auch bleiben. Denn der Heiland ist treu und kann nicht vergessen, was Sein geworden ist, wie allezeit jeder Israelite eben doch zum Volke Gottes gehörte, was aus ihm mag geworden sein, und auch heute noch (s. Röm. 11, 26 und 32). Ich sehe also nicht ein, wie dich's in die Enge treiben soll, wenn du darüber nachdenkst. Ja, so lasse ich mir's gefallen, wenn dich's treibt, ernstlich zu beten, der Heiland möchte sich doch zu dem, was Sein ist, wieder kehren, und eine neue Gnadenheimsuchung kommen lassen, durch welche das durch die Taufe Ihm gewordene Eigentum wieder werden möge.
Im Weiteren schreibst du nicht ganz deutlich. Es sieht sich an, als ob du wirklich mit dir im Kampfe seiest, ob du dich nicht solltest taufen lassen, und als habe man dir versprochen, dann werde dir deine Gotteskindschaft gewiß werden und gewiß bleiben, während du so viel jetzt ihretwegen angefochten feiest. Aber ich frage dich: "Warum bist du dir nicht klar, daß du ein Kind Gottes seiest?" Das will ich dir sagen. Du achtest nicht genug die dir gewordene Taufe, wie wenn der Heiland eigentlich nichts von dir gewollt hätte. Denke anders, und denke, Er habe dich freundlich angesehen und angenommen, und sich dir als Heiland erboten. Dann mußt du dich als sein Kind fühlen, stehe es sonst mit dir, wie es wolle. Oder macht nicht die Gnade, macht dich erst deine Bräve zu einem Kind Gottes? Meinst du aber, die sich wieder taufen lassen, seien ihrer Gotteskindschaft gewisser? Sie wollen's einem häufig weiß machen. Aber glaub's nur nicht. Solche haben in ihrem Glauben etwas Pochendes, Freches, Hartes gegen Andere; und dem traue ich nicht. Sie haben gar keinen rechten Glauben an die Taufe, glauben auch keinen Heiland, der Kinder annehme. Uns heißt Er ein Kind aufnehmen in Seinem Namen; und von Ihm glauben sie, Er selber tue das nicht. Sie stehen dem Heiland wohl auch fremd; denn die so viele eigene Wege gehen und eigene Gedanken haben, im Widerspruch mit allen Christen der alten und neuen Zeit sich aparte stellen, die sind dem Heiland nicht näher, als andere Leute. Du aber glaube an die Wirkung deiner Taufe, und glaube an die Gnade Jesu, so mußt du dich freuen, daß du ein Kind Gottes seiest.
Du bekommst viele Zweifel, weil du auch meinst, der Geist Gottes treibe dich nicht. Ja, wenn du an Menschen hin dich bekehren willst, dich mit gewissen Seelen verklubben und in sie dich einpuppen willst, treibt dich der Geist Gottes nicht, der dich heißt ein Heilandsherz haben, und Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen tun (1 Tim. 2, 1). Sonst aber meine ich, der Geist Gottes treibe dich. Du willst den Herrn fürchten, willst nichts Böses tun, willst in der Liebe bleiben, willst sanftmütig, demütig, barmherzig, friedfertig, geduldig, langmütig sein; und ist dem so, so treibt dich der Geist Gottes. Kannst du's noch nicht recht, so willst du's doch, - denn du bist ja bekehrt, - und wenn du's willst, kommt's alle Tage besser, eben weil dich der Geist Gottes treibt. In dir selbst findest du freilich noch Welt, wohl auch ein böses Herz; aber lässest du nur dein Böses nicht heraus, so bist du nicht unrein, kannst dich aber auch des Bösen nicht enthalten, ohne daß dich der Geist Gottes treibt. Darum mutig und freudig in dem, was du hast, und munter ein Christentum geführt, das Jedermann wohl tut. Du kannst's mit dem alleinigen Bewußtsein, daß du schon als Kind durch die Taufe des Heilands geworden seiest.
201) Vom Kämpfen wider die Sünde.
Frage: "Im Blatte Nr. 27 dieses Jahres wird die Frage aufgeworfen: ""Ich weiß, das Leben des Christen ist ein Kämpfen; ist mein Kämpfen das rechte?"" Antwort darauf: ""Wenn Sie gegen die Sünde kämpfen etc.""
"Dieser Antwort gegenüber wird durch einen Leser folgende Bemerkung gemacht: ""Es wäre mir außerordentlich interessant, diejenigen Bibelstellen zu kennen, die wirklich vom Kämpfen gegen die Sünde reden. Ich konnte noch keine entdecken, so viel auch von Kämpfen die Rede ist. Eine genaue Untersuchung der Sache dürfte für Viele ein ganz unerwartetes Resultat haben; und wünsche ich dieselbe namentlich durch einen Mann vorgenommen, wie der Verfasser der Boller Blätter.""
"Es wurde diesem Einwender Hebr. 12, 4 zitiert. Er meinte, nur das Bleiben in Jesu, und nicht unser Kämpfen bewahre uns vor der Sünde."
Antwort. Es kommt mir fast vor, als gehöre der Einwender einer gewissen neuen Richtung an, die im vorigen Jahre so viel Aufsehen gemacht hat, und die gar schnell, ohne viel Kämpfen, mit der Heiligung fertig werden zu können versprach, wenn nur eine sogenannte Übergabe an den Herrn Jesum Statt gefunden habe, und man in Jesu bleibe. Ich schließe dieses aus seiner Rede, daß nur das Bleiben in Jesu, und nicht unser Kämpfen, uns vor der Sünde bewahre. Letzteres gebe ich gerne zu, wenn's etwas Rechtes damit ist. Aber ein Kämpfen wider die Sünde braucht's immerhin, bis nur die Übergabe geschehen kann, und noch mehr, damit das Bleiben in Jesu nicht aufhöre. Denn Beides will die lockende Sünde wehren.
Doch ich gehe zur Frage über, ob in der Schrift von einem Kämpfen wider die Sünde die Rede sei, oder nicht. Der Einwender will keine Stelle entdeckt haben. Aber doch steht der Ausdruck ganz deutlich in Hebr. 12, 1 und 4, welche Stelle der Einwender damit bei Seite schieben will, daß nicht unser Kämpfen, sondern unser Bleiben bei Jesu uns vor der Sünde bewahre. Allerdings können wir mit unsrem Kämpfen nichts ausrichten, wenn's nicht Jesus durch uns tut. Aber den Kampf tut Jesus nicht allein, sondern durch uns. Wir müssen Ihm die Hand sein zum Kämpfen; und Er gibt die Kraft. Man muß aber beweisende Bibelstellen nicht schnell abweisen, als ob sie nicht beweisen, während sie doch beweisen; oder man ist dem gleich, der eben durchaus Recht haben will, auch wenn er nicht Recht hat. "Wir sollen widerstehen im Kämpfen wider die Sünde," sagt der Hebräerbrief; was wollen wir weiter? So sagt auch Paulus Phil. 2, 12: "Schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern." Was ist aber hier das Schaffen, wenn nicht das Kämpfen wider die Sünde; und zwar muß es ein Kämpfen ernster Art sein, wenn Furcht und Zittern dazu treiben soll. Paulus sagt freilich weiter: "Denn Gott ist's, der in euch wirket beide das Wollen und das Vollbringen," womit er sagen will: "Ihr könnet schaffen" oder kämpfen; denn Gott gibt euch, was dazu gehört; aber schaffen, d. h. kämpfen, müsset ihr eben doch mit dem euch Dargereichten; oder ihr habt zu fürchten und zu zittern, daß ihr nicht selig werdet.
Ich will noch Weiteres anführen, wie mir's gerade einfällt; denn ein Vollständiges zu geben, würde mir zu viel Zeit nehmen. Paulus sagt (Gal. 5, 17): "Das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch. Dieselbigen sind wider einander, daß ihr nicht tut, was ihr wollet," wenn ihr nämlich den Geist nicht regieren lasset (vergl. v. 18). Hier ist nun freilich der Ausdruck Kämpfen wider die Sünde nicht gebraucht. Aber wo zwei, hier das Fleisch und der Geist, welche beide im Menschen sind, wider einander sind und gegen einander den Rang abgewinnen wollen, da gibt es doch ein Kämpfen. Also ist auch hier von einem Kämpfen gegen die Sünde die Rede, nämlich (v. 19-21) gegen "die Werke des Fleisches, als da sind, Ehebruch, Hurerei, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen; denn die Solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben." Wer sieht nicht, daß da ein Kämpfen wider die Sünde, wenn auch das Wort selbst nicht da steht, gefordert wird? - So sagt auch Paulus (Röm. 7, 23): "Ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte, und nimmt mich gefangen in der Sünden Gesetz, welches ist in meinen Gliedern." So sagt er von dem Natur-Ich, das nicht zu kämpfen versteht. Das Geist-Ich aber, das kämpfen kann, soll sich nicht gefangennehmen lassen, sondern wird des Fleisches Geschäfte töten (8, 13); und das geschieht durch ein Kämpfen, welches uns freilich nur durch Jesum Christum (7, 25) und durch den Geist aus Gott zur Erlösung von der Sünde bringt, daß es dann nicht mehr heißt: "Was ich will, das tue ich nicht; und was ich nicht will, das tue ich (7, 15)." - Von einem wirklichen Kämpfen redet dann auch noch Paulus Ephes. 6, 12: "Wir haben nicht mit Fleisch und Blut (d. h. Menschen) zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel." Hier heißt es zwar wieder nicht: "Kämpfen wider die Sünde". Aber die Fürsten und Gewaltigen, die Herren in der Finsternis dieser Welt, die bösen Geister, - was sind sie? Sind sie nicht die Repräsentanten der Sünde? und Paulus will also sagen, daß wir alles Ernstes wider die Sünde zu kämpfen hätten, um so mehr und um so ernster, weil es mit ihr die Fürsten und Gewaltigen in der Finsternis, und die bösen Geister in der Luft über uns gewinnen wollen. Paulus nennt uns da auch die Waffenrüstung, die wir dazu nötig haben (v. 13-17), heißt uns auch stets in allem Anliegen beten mit Bitten und Flehen im Geist (v. 18), weil allerdings aller Kampf nur durch den Beistand von oben gelingen kann. Aber wenn nicht wider die Sünde gekämpft wird, kann Alles verloren gehen.
Wir können immer mehr Stellen anführen. In 2 Tim. 2, 5 sagt Paulus: "So Jemand auch kämpfet, wird er doch nicht gekrönet, er kämpfe denn recht." Hier muß ein Timotheus als Streiter Christi in sofern auch wider die Sünde kämpfen, als er sich nicht von den Händeln der Nahrung gefangen nehmen lassen darf. Auch wird der Einsender die Stelle (1 Kor. 9, 24-27) wohl kennen, da vom Laufen in den Schranken die Rede ist, um's Kleinod, und Paulus sagt, daß er seinen Leib betäube und ihn zähme, um nicht selbst verwerflich zu werden, während er Andern predige. Wenn der Heiland ferner sagt: "Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet," so ist das Wachen ein Kämpfen mit sich selbst wider Sünde, ebenso das Beten ein Erfordernis zum Wachen und Kämpfen, um Kraft und Hilfe von oben zu bekommen. Wenn wir sollen Fleiß tun, indem wir im Glauben alle möglichen Tugenden darreichen (2 Petr. 1, 5-10), um nicht faul und unfruchtbar bei unsrer Erkenntnis zu sein, und um unsern Beruf nun Erwählung fest zu machen und reichlichen Eingang am Reiche Jesu zu gewinnen, ist das nicht ein Kämpfen wider die Sünde? Wenn Timotheus fliehen soll die Lüste der Jugend (2 Tim. 2, 22), wenn wir Fleiß tun sollen, um zur Ruhe Gottes einzukommen (Hebr. 4, 11), indem wir unsre Herzen nicht verstocken (v. 8 und 12); wenn wir uns enthalten sollen der fleischlichen Lüste, welche wider die Seele streiten, während sie doch so tief in der Natur des Menschen stecken (1 Petr. 2, 11); wenn wir die Sünde nicht herrschen lassen sollen in unsrem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten (Röm. 6, 12); wenn wir ringen sollen durch die enge Pforte einzugehen, weil Viele darnach trachten werden und nicht hineinkommen (Luc. 13, 24); wenn der Heiland so ernst es fordert, daß wir in ihm bleiben, weil wir sonst verdorrte Reben werden; was so leicht geschehen ist; - ist mit dem Allem nicht ein Kämpfen wider die Sünde angezeigt? Kommt der Ausdruck selbst nicht so oft vor, als wir ihn brauchen, so ist er jedenfalls gerechtfertigt und ganz nach dem Sinne unzähliger Bibelstellen. Ein Aufhören des Kämpfens wider die Sünde, ist noch zu aller Zeit der Tod des inneren Lebens geworden. Lassen wir uns doch das rechte Wort nicht nehmen.
202. Von der göttlichen Zulassung.
Frage: "Ist es richtig, wenn man sagt, es gebe keine göttliche Zulassung, vielmehr geschehe Alles durch bestimmten absoluten Gotteswillen? Ich meine, Gott tue nicht das Böse, Er lasse es nur zu."
Antwort. Es ist dieses eigentlich eine philosophische Frage. Denn die Philosophie beschäftigt sich viel mit der Frage, ob neben Gott eine Freiheit der Wesen bestehen könne, oder nicht. Viele können es nicht begreifen, daß Gott soll derjenige sein, der Alles voraus weiß, und daß doch der Mensch soll eine Freiheit haben, vermöge welcher er die Wahl hat, etwas zu tun oder nicht zu tun. Wie kann, sagen sie, da Gott wissen, was er tun werde? Daß ich nun über dergleichen Fragen nicht eingehend oder philosophisch in den Blättern reden kann, versteht sich von selbst. Aber das sage ich doch gerne, daß es um den Menschen etwas Größeres ist, als man gewöhnlich denkt, und zwar eben darum, weil ihm Gott eine Freiheit gegeben hat, selbst wider Gott zu handeln. Das bedenken Viele auch nicht, wie nur das Gottes würdig ist, Wesen zu schaffen, die Ihm ebenbürtig, selbst dem Willen nach sind, und die Ihm nur gefallen können, wenn sie aus eigenem, also freiem Willen Ihm anhänglich sind. Hierüber könnte ich noch Manches sagen; aber es paßt mir nicht in die Blätter.
Wie sich nun die Freiheit des Menschen zum Wesen Gottes reime, werden wir hienieden nicht ausmachen. Aber die Schrift geht von der Freiheit des Menschen gegenüber von Gott aus; und ich meine bei den Anschauungen der Schrift, ob wir sie im tieferen Grunde verstehen oder nicht, sollten wir doch wohl bleiben. Auch unser eigenes Gewissen hat diese Anschauungen. In der Schrift zeigt Gott nie einen absoluten Gotteswillen, der nur gleich Alles wehrt, was Ihm entgegen ist. Er läßt den Menschen, eben weil dieser Freiheit hat, Alles machen, ohne ihm entgegenzutreten, auch wenn es das Schlimmste und Folgenreichste ist. Das sieht man schon am Sündenfalle. Gott warnt den Menschen, er solle nicht von dem Baume essen; denn des Tags, da er davon essen würde, werde er sterben. Nun stellt Gott keine Wächter vor den Baum, die augenblicklich die Menschen wegscheuchen sollten, wenn sie herkämen. Denn damit hätte Gott ihre Freiheit gestört. Er hat sie nicht nur einmal, sondern oft gewarnt; aber das war Alles, was Er tun konnte. Zuletzt schwieg Er, wie ein weißer Erzieher. In den Garten kommt die Schlangehe@ein. Was tut denn die da? Warum jagt sie Gott nicht fort? Ob sie Gott auch gemacht habe, wie die andern Tiere, ist nicht geradezu gesagt, gleichwie es zweifelhaft sein kann, ob Gott den Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses gepflanzt habe; denn es heißt nur, Gott ließ ihn, wie auch den Lebensbaum, aufwachsen. Den Letzteren hat freilich Gott gepflanzt; aber wie Er den aufwachsen läßt, so läßt Er auch den andern, auch wenn er sonstwie gepflanzt wurde, aufwachsen, wie im Gleichnis Weizen und Unkraut mit einander wachsen soll. Ich will keine Behauptungen aufstellen; aber denken kann ich mir's, daß Gott auch gegen das dem Garten Fremde nachsichtig war, und zwar darum, weil das feindselige Wesen auch einen freien Willen hatte.
Bleiben wir bei dem Menschen, so hat doch Gott keine Komödie mit ihm spielen wollen, indem Er den Menschen vor etwas warnte, was im Grund Er selbst, Gott, wollte, oder gar auch selber tat. Der Mensch ißt, wird zur Rede gestellt, wird gestraft, oder eigentlich er hat sich selbst gestraft; und was er Böses getan hat, kann nicht sogleich wieder gut gemacht werden. Was sich der Mensch eingebrockt hatte, das sollte er nun auch essen. Jetzt gibts einen Schlangensamen und einen Weibessamen, und einen Kampf zwischen Beiden, der durchgekämpft werden muß, bis der Weibessame Sieger wird. Das konnte er aber nicht werden, ohne daß Gott selbst wieder ins Mittel trat, etwas darbot, Seinen eingebornen Sohn hingab für die Menschen. Nun wer an den glaubt, geht nicht verloren. Wie kann doch dieses Alles zu dem passen, daß Gottes Wille sollte absolut und des Menschen Wille nichts sein! Den Tod Christi kann Gott auch nur zulassen; denn Menschen kreuzigen Ihn ja, nicht Sein Vater. Wenn's nicht Zulassung war, wie konnte Gott einerseits Ihn töten, andererseits Ihn wieder auferwecken? Weil Er den Tod zuließ, war diese Zulassung, aber nur diese, Sein Wille.
Aus dem Buche Hiob können wir auch etwas sehr Einleuchtendes entnehmen, indem hier ganz offenbar eine Zulassung geschildert wird. Da sagte Satan über Hiob zu Gott (2, 11): "Recke Deine Hand aus, und taste an Alles, was er hat; was gilt's, er wird Dich ins Angesicht segnen?" Da sprach Gott zu Satan: "Siehe, Alles, was er hat, sei in deiner Hand; ohne alleine an ihn selbst lege deine Hand nicht." Da wird ganz deutlich dem Satan zugelassen, was er haben oder gerne getan wissen wollte. Aber Gottes Wille war's eigentlich nicht. Die Zulassung ist freilich auch ein Tun Gottes. Deswegen sagt auch Satan zu Gott: "Recke deine Hand aus und taste an Alles, was er hat," als ob's Gott tun würde, während es in die Hand Satans, und zwar ganz nach seinem Belieben, nur mit Ausnahme, gelegt wird von Gott. So sagt auch nachher Gott zu Satan (Hiob 2, 3): "Du aber hast mich beweget, daß ich ihn ohne Ursach' verderbet habe." Die Zulassung kann also immerhin als Wille angesehen werden; aber der Wille ist nicht ursprünglich, sondern Nachgiebigkeit gegen ein anderes Wesen, das Freiheit hat.
Ich möchte Sie bitten, werte Frau, die Frage, die Ihnen zu schaffen machte, gar nicht an sich kommen, also ganz fallen lassen zu wollen. Denn wenn der Mensch nur mit ihr umgeht, so wird ihm Alles fremd, was die Schrift erzählt. Er stellt sich dann vornehm und prüfend darüber, und kann so unmöglich von dem, was geschrieben ist, Segen haben. Gott zeigt sich aber in der Schrift immer in einer Weise, als wäre Er unser Einer, der uns anhört, uns erhört, tut, was wir begehren, auch uns oft geradezu machen läßt, komme daraus was wolle. Der Mensch soll's ganz sein, ohne gleichsam in Allem sich behofmeistert zu fühlen. Macht er's verkehrt, so muß er sich anklagen, hat's auch zu büßen, weil's ganz seine Tat, und nicht Gottes ist. So gibt's die Schrift; und wir müssen uns in das gewöhnen; oder vielmehr wir müssen es uns nicht abgewöhnen, anders zu denken, weil wir doch von Natur ganz kindlich selber es so nehmen, wie's die Schrift gibt. Nur so haben wir an Gott, was wir brauchen, und wie wir's brauchen. O, wie heimelig ist es doch, Gott und Jesum Christum, Seinen Sohn, so leutselig sich zu denken!
203) Kurze Antworten.
1. Frage. "Aus welchen Stellen der heil. Schrift kann man sehen, daß Maria die Tochter Davids ist?"
Antwort: Wenn es Römer 1, 3 heißt, Gottes Sohn sei geboren von dem Samen Davids nach dem Fleisch, so ist doch klar, daß die Mutter muß von Davids Geschlecht gewesen sein; denn vermittelst ihrer wurde ja Christus nach dem Fleisch geboren. Auch wenn Paulus 2 Tim. 2, 8 ganz einfach sagt, Jesus Christus sei "aus dem Samen Davids," so kann er ja so nicht sagen, wenn er sich Maria nicht vom Samen Davids denkt, da er ja sonst sagt (1 Tim. 3, 16): "Gott ist offenbaret im Fleisch." Ferner im Geschlechtsregister nach Matthäus wird das Geschlecht Jesu fortgeführt bis auf Joseph, dieser aber dann genannt der "Mann Mariä, von welcher ist geboren Jesus (1, 16)." Wie Joseph vom Samen Davids war, so mußte es auch Maria sein, wenn diese soll nach der Versicherung des Engels, der ihm erschien, einen Sohn ohne ihn bekommen, welcher würde Welterlöser oder Christus werden. Matthäus wollte aber zunächst Josephs Geschlecht aufführen, weil dieses vor der Welt gelten mußte; und gewöhnlich war's wohl auch, daß Nachkommen Davids nur in Davids Geschlecht heirateten, so daß schon darum Maria, als seine Frau, für dasselbe galt und das besonders sagen, gar nicht nötig war. Vor der Welt wäre es auffallend gewesen, der Maria Abstammung besonders zu erwähnen, eben weil sie selbstverständlich war. Wie hienach Matthäus sich zart ausdrückte (v. 16), so auch Lukas (3, 23), der, nachdem er die Empfängnis Christi erzählt hatte, allerdings das Bedürfnis hatte, der Maria Abkunft von David zu beweisen. Er tut dies damit, daß er anfängt von Jesu zu sagen: "und ward gehalten für einen Sohn Josephs, welcher war ein Sohn Eli." Wenn hier bestimmt gesagt wird, Joseph sei nicht eigentlich der Vater, so hat das nachfolgende Geschlechtsregister keine Bedeutung, wenn es nicht eigentlich das der Maria sein soll. So hat man in Lukas das Geschlecht der Maria, deren Stamm ihr Mann vertrat, zu suchen, wie Matthäus das des Joseph. Sonst kann man auch aus Luc. 1, 32 und 33 klar sehen, daß Maria eine Tochter Davids war. Denn hier sagt der Engel, Maria soll ohne einen Mann einen Sohn gebären, und zwar einen solchen, dem Gott der Herr würde den Stuhl Seines Vaters David geben, daß Er ein König sei ewiglich. Hat hienach der Maria Sohn den David als seinen Vater anzusehen, so doch auch seine Mutter.
2. Frage. "Welches waren wohl die in 1 Mos. 6, 2 und 4 angeführten Kinder Gottes?"
Antwort. Ich meine, für solche Stellen sollte man keine öffentliche Antwort verlangen; denn unsrer aufgeklärten Zeit darf man doch nichts geben, was nicht in die Aufklärung paßt. Es ist deswegen der Erklärer der Stelle, wenn er dran geht, außerordentlich eingeschnürt, weil er nur nach Einer Seite hin erklären und anschauen darf, wenn er nicht Anstoß geben will. Dem Worte Gottes aber Etwas nehmen, weils die Zeit so will, das habe ich nicht große Lust. In jener Stelle nun, weil doch etwas gesagt werden sollte, sind die Kinder Gottes keine gute Wesen; mit welchem Rechte heißen sie dann Kinder Gottes? Da wäre schon etwas zu sagen; aber ich lasse es lieber. Sie scheinen auch keine menschliche Wesen zu sein, weil sie als Kinder Gottes, und darum gewaltige Wesen, Riesen zu erzeugen im Stande sind. Was das nun vollends sein soll, wer wagt darüber etwas zu sagen? War's etwa Neid finsterer Wesen, die das Menschengeschlecht verderben wollten? Was aber soll dann die Zeugung sein? Über das Alles läßt sich gar nichts sagen; und wenn man selbst Annehmbares zu sagen wüßte, darf man's doch nicht, weil's nicht verstanden wird. So gibts viele biblische Stellen, über welche der Fürwitz gerne etwas wissen möchte; aber wenn man darüber reden will, kann man nichts Anderes tun, als die Stellen unter die heutige Aufklärung hinunterschieben und damit vernichten. Ich aber schweige bei solchen Stellen lieber.
3. Frage. Jesus sagt ganz deutlich: "Gleichwie Jonas drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch war, also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte in der Erde sein." Ist das kein Walfisch gewesen? und ist Jesus (es hat heißen sollen: "Der Herr Jesus") nicht drei Tage und drei Nächte in der Erde gewesen? Wie kann Er es sagen? Bitte zu dem uns früher Mitgeteilten noch Einiges hinzuzufügen."
Antwort. Daß Jonas gerade in einem Walfisch gewesen sei, hat der Heiland nicht gesagt. Denn das griechische Wort bedeutet überhaupt große Meerfische; und da können's Walfische, Heufische und Thunfische und andere sein. Luther hat nun Walfisch übersetzt. Walfische und Heufische gibt es im mittelländischen Meere nicht; und wenn auch ein solcher Fisch sich dahin verirrte, so wäre er in seinem Rachen nicht so eingerichtet, daß er einen ganzen Menschen verschlucken könnte. Dagegen gibt es viele Delphine im mittelländischen Meere; und da hörte ich einmal von einem Missionar erzählen, wie man einen Delphin gefangen habe, der einen halben und einen ganzen Menschen in seinem Leibe gehabt habe. - Eine andere ungenaue Rede des Herrn soll ich noch berichtigen. Ich will's auch tun, aber nicht ganz gerne, weil ich denke, der Heiland rede genau, auch wenn Er ungenau rede. Allerdings war Er nicht volle drei Tage und volle drei Nächte im Grabe, sondern nur noch ein Weniges vom ersten Tage, und vom dritten Tage ein Weniges, außerdem noch in der Mitte einen Tag, und nur 2 Nächte. Hätte nun der Heiland in Seiner Weissagung sagen sollen, Er werde bei drei Tagen vom ersten ein Weniges, den zweiten Tag ganz, vom dritten auch nur ein Weniges, dazu zwei Nächte im Grabe bleiben? So denn doch wohl nicht. Aber Er hätte sagen sollen, meint wohl der Fragende, damit es richtig herausgekommen wäre, "am dritten Tage." Aber der Heiland hat wollen abgerundet reden, war das unrecht? In der Weissagung überhaupt muß man auf's pedantisch Genaue verzichten. Indessen kann man auch sagen, der Herr habe pressirt mit Seiner Auferstehung um Seiner Jünger willen, und sei darum weniger lang in Seinem Grabe geblieben, als Er gesagt hatte. Wollen wir's den Jüngern und wollen wir's dem Heiland selbst nicht gönnen, daß Er schneller dem grausen Tod sich entrang? Der Herr wird ja auch uns einmal in einer Kürze erretten. Darum habe ich gesagt, der Heiland rede genau, auch wenn Er ungenau rede.
4. Frage. "Vielleicht sagten Sie uns auch noch Einiges über die zwei verschieden aufgeführten Stammrollen in Matthäus und Lukas?
Antwort. Ich denke, das zur 1. Frage Gegebene könne genügen. Sonst habe ich über die beiden Geschlechtsregister schon im ersten Blatt zu Matthäus (1873 Nr. 1) umständlich gesprochen.
204. Kurze Antworten.
(Fortsetzung.)
5. Frage: "Sind nicht wirkliche sechs Tage unter den Schöpfungstagen zu verstehen? oder sollen sie wie manche meinen, sechs Zeitperioden sein?"
Antwort: Die Schöpfungstage sind als wirkliche Tage bezeichnet, durch die Angabe, daß sie aus Abend und Morgen geworden seien. Ob sie geschichtlich zu nehmen seien, oder nur gleichnismäßig zu einer faßlichen Anschauung, kann man fragen. Ich meine aber, die Einfalt läßt's einfältig bei dem, wie's lautet, und sucht hienach ihre Erbauung daraus. Jedenfalls hat Gott uns den eigentlichen Hergang bei der Schöpfung nicht mitteilen wollen, sondern nur uns einen Begriff geben, wie Alles durch Ihn, ohne Verzug, gleichsam Tag für Tag, geworden sei. Zugleich haben dem Menschen die sechs Arbeitstage und der Ruhetag, als gleichsam nach Gottes eigenem Vorgang, sollen vorgebildet werden. Da nun Mose den Schöpfungsbericht hat unmittelbar von Gott bekommen müssen, so hat es Gott so gewollt, daß man sich's unter 6 Tagen vorstellen soll; und davon wird man dann auch die sicherste Erbauung und richtigste Einsicht bekommen. Darum ist es nicht ratsam, an der Auffassung viel herumzugrübeln. Besser ist's, wenn ich's mache, wie die Kinder, denen die sechs Tage ungemein heimelig und erbaulich sind. Sich die Stirne aber darüber reiben, und den Philosophen dran machen, kommt mir kleinlicht vor.
6. Frage. "Joh. 5, 31 und 8, 14 widersprechen sich ganz. Wie ist es zu verstehen?" - (In Joh. 5, 31 sagt nämlich der Heiland: "So ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr"; und in Joh. 8, 14 sagt Er: "So ich von mir selbst zeugen würde, so ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, von wannen ich kommen bin etc.")
Antwort: Verschiedene, ja selbst entgegengesetzt lautende Sprüche können nach verschiedenen Seiten wahr sein; und der Heiland hat immer recht. In der ersten Stelle wird angenommen, wenn der Heiland von sich selbst zeugen würde, ohne das Zeugnis seines Vaters durch die Werke zu haben, so wäre Sein Zeugnis nicht wahr, oder dürfte es Niemand glauben. - In der zweiten Stelle wollen zuerst (v. 13) die Juden dem Heiland vorwerfen, Er zeuge von sich selbst, Sein Zeugnis sei also nicht wahr, weil man nämlich annimmt, daß das Zeugnis eines Menschen von sich selbst, nicht verbürgt genug, nicht wahr sei. Der Heiland aber sagt jetzt: "Wenn ich von mir selbst zeugen würde, so ist mein Zeugnis wahr," "weil ja Jedermann sieht, welche Werke ich tue, Werke, welche, wie nicht nur ich weiß, sondern auch ihr wissen könntet, zu erkennen geben, von wannen ich gekommen bin." Beide Sprüche sagen also ganz das Gleiche, obgleich sie entgegengesetzt lauten. In der zweiten Stelle konnte doch der Heiland den Einwand der Juden, gegen Seine Versicherung, daß Er das Licht der Welt sei, Er zeuge von sich selbst, und also sei nicht wahr, was Er sage, nicht gelten lassen. Wie konnte Er das, da doch Gott in Seinen Werken das Zeugnis gibt, daß bei Ihm Alles hell werde, Er also das Licht der Welt sei? Also noch einmal, wenn Er von sich selbst zeugen würde, ohne die Werke, so wäre Sein Zeugnis nicht wahr; wenn Er aber, weil man Seine Werke sieht, von sich zeugen würde, so wäre Sein Zeugnis wahr. Der Heiland also hat immer recht.
7. Frage. "Sollen wir wirklich annehmen, daß eine solche Menge großer und kleiner Tiere mit Futter für dieselben in der ja nur kleinen Arche Noah's Platz gefunden haben; oder ist es anders zu nehmen?"
Antwort. Auch hier möchte ich sagen, sollten wir, ohne zu grübeln, es mit den kleinen Kindern halten, die eine überaus große Erbauung und Freude an ihren Noahkästchen haben, und die ohne sich die Stirne zu reiben, glauben, daß alle Tiere in der Arche gewesen seien, die vor der Sintflut bewahrt werden sollten. Ausgangs vorigen Jahrhunderts übrigens hat ein gar gelehrter und frommer Theologe, - sein Name fällt mir im Augenblick nicht ein, - mit ungemeinem Geschick ausgerechnet, wie wirklich die Arche so wunderbare Dimensionen gehabt hätte, daß alle Tiere darin bequem untergekommen seien, auch das nötige Futter. Das Buch war sehr einleuchtend geschrieben. Indessen habe ich sonst noch ein Buch von einem gewissen Schmied, das auch mit dem schweren Problem fertig wird.
8. Frage. "Wie sind die Stellen 1 Mos. 6, 5 und 6, und 4 Mos. 23, 19 zu verstehen?" (In der ersten Stelle nämlich heißt es von Gott, es habe Ihn gereuet, die Menschen geschaffen zu haben, und in der zweiten Stelle heißt es, Gott sei kein Mensch, daß Ihn etwas gereuen könnte.)
Antwort. Ich sage abermals: Beides richtig! Vor den verderbenden Mächten der Finsternis hat sich Gott gleichsam heruntergeben müssen, sich zu stellen, als ob Ihn die Erschaffung der Menschen reue, indem Er sie ja bis jetzt bis auf 8 vernichtete. So wollten es die satanischen Mächte. Indessen sieht man schon aus Noah's Rettung und aus dem Segen, der nachfolgte über seine Kinder, daß es mit der Reue so ganz ausgemacht nicht war. Wie kann's Ihn auch reuen, wenn doch zuletzt durch Christum die Menschheit zu Ehren kommt, ja auch die von der Sintflut noch rettungsfähig werden (1 Petr. 3, 20). Also: Es reut Ihn vor Augen und hat Ihn doch nicht gereut, und Beides richtig!
9. Frage: "Beim Turmbau zu Babel (1 Mos. 11) ist es so, als wenn Gott wirklich glaubte, daß die Menschen nicht eher ruhen würden, bis sie ihr Werk vollbracht hätten. Hier ist wohl die Uebersetzung der Schrift nicht richtig?" (Die Menschen wollten nämlich einen Turm bauen, der bis in den Himmel reichen, d. h. so weit gen Himmel hinauf kommen solle, daß er von überall her gesehen werden könne, und die Menschen also beieinander blieben, oder eine Einheit fortwährend bildeten.)
Antwort. Wenn die Menschen so einfältig waren, sie könnten so weit in den Himmel hinaufkommen mit dem Turm, daß dieser auf der ganzen Erde gesehen werden könne, so hält ihnen Gott keine Vorlesung über die Geographie, sondern spricht nach ihrem Sinn und Vornehmen. Nur macht er ihnen einen Strich durch ihre Rechnung, weil Er die Menschen zerstreut wissen wollte. In der Folge sind sie wohl selber darauf gekommen, daß ihre Gedanken einfältig waren. Belehrungen der Art gibt Gott keine in der Schrift. Er heißt uns einfach selber denken.
Das wären denn die neun Antworten auf die neun Fragen.
205. Unberufen.
Frage: "Es gibt Leute, die, wenn Jemand sich ihres Wohlbefindens freut, oder etwas in ihrem Besitz Stehendes lobt, sogleich sagen: "Unberufen, unberufen!" Das betrübt mich immer und erscheint mir recht abergläubisch. Soll ich mich nicht dankbar freuen, wenn Gott der Herr mich mit Gutem segnet? Bitte, besprechen Sie diese Frage einmal in Ihren Blättern."
Antwort: Allerdings liegt dem Worte: "Unberufen" ein Aberglauben zu Grunde, und zwar in doppelter Weise: Erstlich fürchtet man überhaupt, wenn etwas von Andern belobt wird, oder wenn man selbst etwas von dem Seinen vor Andern lobt, so habe das eine Bestrafung zur Folge, indem gerade mit dem Belobten etwas vorgehe, was wider sein Lob ist. Dann sagen die Abergläubischen gerne: "unberufen" oder "unbeschrieen", daß etwas nämlich nicht soll zum Schaden gelobt sein. Zweitens ist man von Alters her, vielleicht schon von der Zeit der alten Deutschen her, gewohnt, zu fürchten, es möchte Jemand, der etwas an einem Andern belobt, zu den bösen Leuten gehören, die dadurch Anlaß nehmen, einen geheimen Tuck zu tun. Das Wort: Unberufen" soll ihnen dann die Macht nehmen. Was das Erste betrifft, so ist es wirklich auffallend, wie sich Vieles nicht unbeschadet loben läßt, da man an eine geheime neidische Macht denken kann, die dem Menschen nur immer die Freude verderben will. Hiegegen ist nichts besser, als daß man sich nicht über ein Lob geschmeichelt fühlt, oder sich um des Lobes willen aus dem Gelobten einen größeren Abgott macht. Im Allgemeinen aber möchte ich raten, weil man einerseits selbst schwach ist, andererseits weiß, wie die Menschen sind, daß man vor Andern das Seine nicht zu sehr belobe, und daß man das des Nächsten nicht so sehr herausstreiche vor ihm, damit er nicht in Angst gerät. Sonst kann, je ferner wir uns innerlich vom Aberglauben stellen, desto weniger eine fremde, heimliche Macht uns bei. Darum lasse man auch das "Unberufen" unbeschrieen, d. h. man kümmere sich nichts darum.
206. Vom Kämpfen wider die Sünde.
Ein Zweites.
(vergl. Nr. 44, III, 201, S. 350.)
Auf den Artikel in Nr. 44, welcher durch eine Frage veranlaßt war, wurde mir von dem anonymen Freunde, der in der Schrift keine Stellen von einem Kämpfen wider die Sünde finden kann, eine lange Antwort zugeschickt. Er nennt sich in der Richtung Eins mit mir, kann aber in dem dort Gesagten noch nicht mit mir übereinstimmen. Ich versuche es daher, noch weiter über diese Frage zu sprechen, im Einzelnen auf den Brief mich berufend. Zunächst ist über das Wesen der Sünde eine Verständigung zu suchen.
Brief. "Freilich, wenn man die Sünde nur als ein Tun des Bösen auffaßt, dann kann man diesem Tun allenfalls wieder ein anderes Tun entgegenstellen; und dieses zwiespältige Handeln mag man Kampf nennen. Genauer beobachtet ist aber die Sünde nicht sowohl ein Tun, als vielmehr ein "Sein", ein "Wesen", ein zum inneren Gesetz erhobener, ungesetzlicher Zustand. Oder ist erst die äußerliche Tat Sünde? Wenn ich die Schrift richtig verstehe, - Nein! Nach ihr kann nur das herausquillen, was drin ist, entweder süßes oder bitteres Wasser, oder eine scheinbare Mischung Beider. Gegen einen ganzen Herzenszustand kann aber schlechterdings ein Kampf nicht geführt werden. Es muß derselbe überhaupt geändert und verneuert werden etc."
Antwort. Hier ist die natürliche angeborne Verderbnis des Menschen seine Sünde genannt, und im Grund soll nach der Schrift nur sie so heißen, nicht das, was aus ihr hervorquillt. Aber gerade umgekehrt ist's in der Schrift. Wir werden keine Schriftstelle finden, in welcher die natürliche Verderbnis Sünde genannt wird; wohl aber bedeutet Sünde immer die Übertretung irgend eines göttlichen Gebots, also eine sündliche Tat. Wir sind versucht, zu denken, die natürliche Verderbnis des Menschen, weil sie ohne und wider den Willen des einzelnen Menschen da ist, könne keine Sünde genannt werden, weswegen es auch Viele nicht recht finden, daß man von einer Erbsünde, nicht von einem Erbverderben rede. Daß diese nicht ganz Unrecht haben, liegt schon in dem, daß kein Mensch über sein Erbverderben Buße tun kann und tut, sondern nur über das aus ihm hervorgegangene Böse. Denn zum Wesen der Sünde gehört der Wille des Menschen, der dem angeborenen Verderben nicht widersteht. Der Mensch kann alles mögliche Böse in sich haben und fühlen, aber mehr zu seiner Plage, und ganz wider seinen Willen; wenn es daher nicht herauskommt zur Tat, wird's ihm nicht zur Schuld. Die Erbverderbnis hat gleichsam eine Sprache, und eine wirkliche Sprache, wenn satanische Inspiration dabei ist, im Menschen, und will ihn verführen, heißt ihn töten, ehebrechen, stehlen, meineidig sein, Gelüste haben nach dem, das des Nächsten ist. Wenn der Mensch aber der verführerischen Sprache widersteht, so wird er kein Sünder, wird kein Mörder, kein Ehebrecher, kein Dieb etc. und der Herr rechnet ihm den gehabten inneren Reiz zur Sünde nicht an, ja, schätzt ihn gar unter die Überwinder, wenn er der inneren Versuchung, zu der sich oft auch die äußere gesellt, widersteht, und Sieger über sie wird. Wohl kann der Mensch zum Sünder werden, auch ohne Sünde zu tun, wenn er auf sie aus ist, also wirklichen Willen zu ihr hat, jedoch an der Ausführung sonstwie gehindert wird. Wenn er es auch als eine Gnade Gottes ansehen darf, daß ihm, was er sündigen wollte, nicht gelingen durfte, so hat er doch Buße zu tun; und tut er's nicht, so könnte der Herr ihn einmal auch fallen lassen. Wer aber unter keinen Umständen, gesetzt es gelänge das Jemanden, nach freier Selbstbestimmung mit dem Bösen sich einläßt, zu dem's ihn innerlich treiben will, der ist kein Sünder, tut nicht Sünde, und ist als Christ unter denen, von welchen Johannes sagt: "Wer aus Gott geboren ist, tut keine Sünde", d. h. keine ihn befleckende und verdammende Sünde, wenn es ihm auch an inneren und äußeren Reizungen zur Sünde nicht fehlt, worüber nachher noch besonders wird zu reden sein.
In der Schrift nun ist unter Sünde immer eine Tat verstanden, eine tätliche Übertretung eines göttlichen Gebots, nie der "zu innerem Gesetz erhobene ungesetzliche Zustand". Am deutlichsten ist dieses aus Jak. 1, 14. 15 zu ersehen. Hier heißt es, werde ein Jeglicher versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizet und gelockt wird. Diese eigene Lust ist wohl als sündliche Neigung geschildert, aber nicht Sünde genannt. Vielmehr gebiert sie erst die Sünde, wenn sie empfangen hat, d. h. wenn der Mensch seinen Willen zu ihr hergegeben hat. "Die Sünde," heißt's weiter, "wenn sie vollendet, d. h. getan ist, gebieret den Tod." Mit der bloßen inneren Lust tut der Mensch noch keine Sünde zum Tod. Das Gesetz verflucht den Menschen erst dann, wenn er solche Sünde getan, nicht um seines verderbten Zustandes willen, wiewohl in der Ewigkeit das Blut Christi auch bezüglich des sündlichen Zustandes überhaupt gutsprechen muß. So sagt auch der Heiland (Matth. 15, 19. 20), welche böse Stücke aus dem Herzen hervorkommen, die, wenn sie herauskommen, den Menschen verunreinigen, wie "arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Gezeugnisse, Lästerung." Wie verderbt muß doch das menschliche Herz sein, aus dem solche Stücke kommen können! Aber doch nennt die Schrift den Menschen um dieser in ihm liegenden Neigungen willen nicht Sünder, diese selbst nicht Sünden, außer es werden aus ihnen die angeführten Tatsünden. Wenn übrigens das Gesetz auch gewisse Gelüste verbietet, so sind unter diesen Gelüsten wirkliche Tatsünden verstanden, wenn der Mensch mit Trug und List und unter scheinbarem Rechte wirklich an sich zu bringen sucht, was des Nächsten ist.
Für den Gedanken, daß der ungesetzliche, oder zu innerem Gesetz erhobene sündliche Zustand des Menschen, Sünde genannt werde, will man sich etwa auf Röm. 7, 23 u. 25 berufen. Hier ist nämlich von einem andern Gesetz in den Gliedern die Rede, das widerstreite dem Gesetz im Gemüte und den Menschen in der Sünden Gesetz gefangen nehme, also kurz, von einem Gesetz der Sünde gegenüber vom Gesetz im Gemüte. Allein, wenn auch von zweierlei Gesetz im Menschen die Rede ist, von dem Gottes und dem der Sünde, so wird doch das den ungesetzlichen Zustand des Menschen bezeichnende Gesetz der Sünde nicht Sünde genannt; sondern das Fleisch verlangt mit ihm so streng die Sünde, wie das Gemüt mit dem Gesetz Gottes den Widerstand gegen die Sünde. Sünde wird immer nur die Tat genannt, wenn der Mensch in das Gesetz der Sünde, also in ein Sündliches in ihm willigt.
Wir kommen näher zur Frage über das Kämpfen wider die Sünde. Hier ist zu erwägen, daß es kein Kampf mit der Sünde ist, wenn gekämpft wird, sondern wider sie mit Mächten, die zu ihr reizen und locken. Diese Mächte sind erstlich das dem Menschen seit dem Sündenfalle innewohnende Böse, das ihn beherrschen, oder, wie Paulus sagt, gefangennehmen will; ferner die Gewohnheit, durch welche eine fast unüberwindliche, in das ganze Leben des Menschen verschlungene Neigung zu sündlichen Dingen geworden ist, endlich drittens finstere Mächte, welche Paulus nennt "Fürsten und Gewaltige, nämlich die Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, die bösen Geister unter dem Himmel." (Eph. 6, 12.) Mit diesen haben wir zu kämpfen, sagt Paulus. (Auffallend ist die Bemerkung des Freundes, daß Paulus in der Stelle von der Kampfesrüstung nicht mit einer einzigen Silbe eines Kampfes Erwähnung tue, während er doch ausdrücklich sagt, daß wir um deswillen, nämlich daß wir zu kämpfen haben, den Harnisch Gottes ergreifen sollen.) Mit den angeführten Mächten hat es der Mensch zu tun wider die Sünde, wie anders, als daß er, mit ihnen kämpfend, die Sünde sich nicht aufdringen läßt? Gegen all ihr Ansinnen und Treiben hat er sich zur Wehr zu setzen; und weil die Reizungen in ihm selbst sind, ihn also ganz nahe berühren, seine Persönlichkeit angreifen, setzt's bei ihm, wenn sie kommen, einen nicht geringen Kampf ab. Es kann ihn viel kosten, bis er zu einem entschiedenen Widerstand wider die Sünde sich hindurchgekämpft hat. Oft hat er schon gesiegt, und hintendrein überwältigt ihn doch noch die von finsteren Mächten getragene Lust, daß er fällt.
Immer bezieht sich der Kampf, - den Gebrauch des Wortes kann ich jetzt nicht mehr unterlassen, - auf gewisse Sünden, die nicht geschehen sollen, mit den reizenden persönlichen und unpersönlichen Mächten wider die Sünde, nicht mit der Sünde; denn mit etwas erst Werdendem, das die Sünde ist, ehe sie Tat geworden ist, kann kein Kampf geschehen, sondern nur wider sie, daß sie nicht vollbracht werde. Der Kampf geht auch nicht gegen den ganzen Herzenszustand, wie der Freund meint, als ob dieser durch einen Kampf müßte verändert oder erneuert werden, daß er ein anderer, göttlicher werde. Ein solcher Kampf, wenn wir ihn zu kämpfen hätten, sei's auch, daß wir's mit Beten erreichen wollten, würde unmöglich zum Sieg führen; denn das liegt ganz nur in Gottes Macht und Vorsehung. Nur wider eine Sünde, die sich angemeldet hat, kann siegreich gekämpft werden. Wird sie im Einzelnen überwunden, so wird im Herzenszustand überhaupt nichts geändert. Hieraus geht hervor, wie nutzlos und verkehrt ein Ringen mit dem Herrn ist um eine gänzliche Aufhebung des verderbten Zustandes. Ja, sich's nur auf alle Zeiten erbeten wollen, daß man in gewisse Sünden nicht mehr fallen möchte, ist Torheit und unerreichbar. Wer, einmal Sieger geworden, meint, jetzt sei's für immer gewonnen, ist dem Fall näher, als er glaubt. Immer wieder brauchts eines Wachens und Betens, damit der schlafende Feind nicht plötzlich wieder erwache und uns zu großem Fall bringe. - Auf weitere Gedanken, die in der Frage beherzigenswert find, führt mich die weitere Bemerkung des Freundes:
Brief: "Es muß der Herzenszustand geändert oder erneuert werden. Ist diese Wiedergeburt oder Veränderung des innern Wesens vor sich gegangen, so ist zwar damit, wie allgemein empfunden, das sündliche Handeln oder tatsächliche Sündigen noch nicht aufgehoben; aber, weil es nicht mehr in Uebereinstimmung ist mit dem Inneren, so hat es einen andern Character angenommen, in Folge dessen es nach Paulus nicht sowohl durch Kämpfen, als durch Ablegen, durch Übung entfernt werden kann. Es ist dies auch um so erklärlicher, als beim Bekehrten die Sünde nicht mehr im Geist, sondern nur noch im Fleisch sitzt, nach seiner alten Gewohnheit. Die gilt es, jetzt nachdem sie innerlich gerichtet ist, auch äußerlich abzulegen. Da kommt denn ein anderes Zeughaus in Anwendung, um die Mittel zum Zweck darzureichen."
Vieles hätte ich hierauf zu sagen; aber ich muß mich kurz fassen. Ein große Täuschung ist's nach der Schrift, wenn wir glauben, mit der Wiedergeburt des Herzens zu einer lebendigen Hoffnung, wie sie Petrus beschreibt, sei die Erbverderbnis gewichen, oder mit der Bekehrung gehe eine Veränderung mit der angebornen Verderbtheit des Menschen, sofern sie außer seinem Willen liegt, vor sich. Hiefür haben wir keine Bibelstelle aufzuweisen. Im Gegenteil geht aus allen Briefen der Apostel klar hervor, daß die Versuchungen des Fleisches, die Angriffe der Finsternis, die Neigung, die Freiheit zu mißbrauchen, im Wesentlichen ganz dieselben sind, wie im natürlichen Zustande, dem Grade nach mehr oder weniger, je nachdem der Bekehrte von Anfang an lauter ist, oder nicht, und je nachdem er sich mit Wachen und Beten, oder Kämpfen wider die Sünde, hält oder nicht hält. Werden wir eine neue Kreatur, so werden wir's nur dem Willen nach, und der Fähigkeit nach, Widerstand zu leisten. Lassen wir's an diesem fehlen, so kann Alles aus uns werden. Die Lüste und Begierden zappeln wohl gleichsam als am Kreuze Christi hängend, gewinnen aber Einfluß, sobald der Gekreuzigte nicht genug vor der Seele steht. Wie gefährlich aber ist's, die Vorstellung zu geben, als ob der Mensch wie nach einer Drehorgel nur geschwind ein nach seinem ganzen Wesen neuer Mensch werden könne, bei dem sofort das Sündigen aufhöre. Auch das Ablegen kostet etwas; denn warum war's nicht bei denen schon geschehen, an die geschrieben wurde? Darum bitte ich, den Kampf, ja den Kampf nicht fallen zu lassen im Glaubensbekenntnis, damit die Sünde abgelegt werde. Auch der Sünder ist nicht Eins mit der Sünde, und sündigt doch. Was ist es denn Sonderliches, so mit der Sünde nicht Eins zu sein. Die Zeit wird kommen, da das steinerne Herz in ein fleischernes verwandelt wird, nicht durch unser Kämpfen, sondern durch Gottes Kraft. Bis dahin aber müssen wir Überwinder und Sieger sein mit Kämpfen wider die Sünde. - Nur noch das. In Hebr. 12, 4. ist das Kämpfen wider die Sünde ein Kämpfen wider die Abfallssünde, zu welcher die Hebräer versucht waren, obgleich das Bleiben sie noch kein Blut gekostet hat.
207. Von Jonä Walfisch.
Zu Frage 203, 3 in Nr. 46, Ergänzung.
Zu dem dort Gesagten möchte ich, durch einen lieben Bruder veranlaßt, noch etwas nachtragen. Der Umstand, daß im mittelländischen Meere keine Walfische oder Haifische (so richtig geschrieben, st. Heufische) seien, kann nichts begründen, weil doch je und je auch diese Fische aus dem atlantischen Ocean hieher sich verirren, so daß sie da wohl, wenn auch selten, vorkommen. Aber etwas Besseres möchte ich noch sagen. Im Propheten Jona (2, 1) heißt es: "Aber der Herr verschaffte (bestellte) einen großen Fisch, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tag und drei Nacht." Zu letzterem sage ich beiläufig, daß es dem Heiland Anlaß gab, von drei Tagen und drei Nächten auch von sich zu reden, weil es so in Jona geschrieben stand, ohne ganz akkurat sagen zu wollen, wie es bei Ihm sein werde. Wenn aber der Herr einen großen Fisch bestellte, so brauchen wir gar nicht zu fragen, was es für ein Fisch gewesen sei; und unsern Glauben davon abhängig machen zu wollen, daß wir von einem Fische wissen sollten, bei dem das möglich wäre, was erzählt wird, ist so kleinlicht, daß nichts darüber geht. Gott wird doch einen Fisch bestellen können, der Ihm für Jonas diente, wenn Er das große Wunder vorhatte, den Jonas im Leibe des Fisches zu erhalten. Ebenso werden wir nicht darum sorgen dürfen, ob der Rachen eines Fisches so beschaffen sei, daß er einen ganzen Menschen unversehrt hinunterlassen könne; denn der, der im Leibe des Fisches den Menschen zu erhalten weiß, wird ihn auch durch jeden Rachen eines Seeungetüms bringen können, sei's auch ein wirklicher Walfisch oder Haifisch etc. Wenn wir ein Gotteswunder glauben wollen, dürfen wir mit unsrem Vernunftplunder nicht drein reden. Wir machen uns damit vor uns selber lächerlich. Willst du glauben, so glaube ganz, und halte bei deinem Gott, wenn Er einmal dran ist, Alles für möglich!
208. Von Willensschwachen.
Frage (von einem anonymen Leser der Blätter aus dem Nassauischen): "Es gibt Christen, die, obwohl sie den Herrn Jesum im Gefühl des Sündenschmerzes kennen gelernt haben, doch hernach noch in die große Sünde der Hurerei, wenn auch nur in einem Fall, verfallen sind. Welche Stellung nimmt der Herr zu solchen Seelen ein? Bemerken will ich noch, es gibt so unendlich willensschwache Christenleute, die von Weltmenschen in Bezug des Willens weit übertroffen werden. - Wollen Sie die Antwort in Ihren Blättern anlehnen an das Wort 1 Thess. 4, 1-9. Diese Willensschwachen hassen die Sünde; und doch, wenn die Versuchung kommt, gehen sie in die Sünde. - Verzeihen Sie, daß ich mich nicht nenne."
Antwort. Hätte mir der Bruder seinen Namen genannt, so hätte ich ihm fast lieber brieflich, als in den Blättern geantwortet. Nun aber muß ich's in den Blättern besprechen; und es hat vielleicht auch so sein müssen. Die Stelle 1 Thess. 4, 1-9 mit hereinzuziehen, würde zu weit führen. Der Leser kann sie ja aufschlagen, und findet genug darin ohne besondere Unterweisung.
Es ist freilich eine schmerzliche Erfahrung, daß man ernster sein wollende Christen nur zu häufig fallen sieht, wie man's nicht mehr erwartet hätte; und das Ärgernis, das damit gegeben wird, und die Schmach, die auf Alle dadurch fällt, kann sehr groß werden. Übrigens haben einen Schatten von Schuld oft im Grunde doch auch die Andern, weil sie für sich und ihre Genossen vor dem Feinde nicht genug auf der Hut sind. Der Freund denkt sich alle seine Genossen als solche, die im Gefühl des Sündenschmerzes den Herrn Jesum kennen gelernt haben, d. h. sich entschlossen haben, mit denen es zu halten, die den schmalen Weg zu wandeln sich verbunden haben. So viel mag nun schon richtig sein, daß ein böses Gewissen zur brüderlichen Gemeinschaft treibt; aber genau genommen, kommen sie so nur zu dieser, nicht zum Herrn Jesu. Die brüderlichen Gemeinschaften haben sehr darauf zu achten, daß nicht ihre Gemeinschaft mit dem Herrn Jesu verwechselt wird; und das geschieht, wenn sie doch eigentlich nicht sich bemüht, den Kommenden Jesum zu geben, ihnen das zu versichern, was arme Sünder bei Jesu haben können, und sie in eine innige Gemeinschaft mit Jesu, als dem Versöhner unsrer Sünden, zu bringen. Es scheint weitaus genug zu sein, wenn sie jetzt nur auch unter ihnen sitzen und sonst nicht gerade ärgerlich sich zeigen. Damit ist aber einem Sünder, den das Gefühl des Sündenschmerzes zur Gemeinschaft treibt, nicht geholfen; und über die Versuchungen ist er damit noch nicht hinübergekommen.
Wir sehen, wie da schon von Anfang an Fehler gemacht werden. Der Ruhe Suchende beruhigt sich zu bald, und ohne daß etwas Weiteres mit ihm geschieht, über das, was er gesündigt hat, wenn er sich von einem engeren Kreis aufgenommen und geschätzt sieht. Dieser freut sich über den, der unerwartet sich anschließt, und denkt nicht daran, wie sehr derselbe in innerlichen Nöten sein kann, in welchen Anfechtungen er steht, und welche Gewissensfoltern er hat. Vor Allem sollte seiner Gewissensunruhe gesteuert werden. Wird auf diese nicht geachtet, so kommt sie allmählich schon scheinbar weg; aber beseitigt ist damit nicht, was die Gewissensunruhe verursacht hat. Damit geschiehts, daß der alte Mensch bei ihm ungeschwächt bleibt; und es geht mit solchem Menschen durch seinen Anschluß so gut als keine Veränderung vor, nur daß er sich zusammennimmt, aber ohne daß er eigentlich anders geworden wäre. Nur zu häufig sind es gerade die in der Frage berührten Sünden, die im Gewissen brennen; und wer diese begangen, bleibt gerne ein Knecht der Sünde, wenn er nicht durch priesterliche Behandlung und seelsorgerliche Pflege gelöst wird. Von selbst geht der Feind nicht von einem Menschen weg; und wenn nichts geschieht, daß der Mensch vom Feinde gelöst wird, wie der Herr Jesus von einem Lösen redet, das jetzt auf Erden möglich ist, so sitzt er fest und sicher im Menschen, und weiß sich die Gelegenheit schon zu verschaffen, da er dem vermeintlichen Heiligen bedeuten kann, daß er eigentlich doch noch in seinen Diensten steht, und weit nicht genug dem Herrn Jesu angehört.
Die Gemeinschaften machen da in der Regel auch den Fehler, daß sie die Besorgung der Seelsorge, die in engere Verbindung mit dem Heiland bringen soll, ganz auf sich nehmen, ohne hiefür genügend an die Gaben zu denken, die das Amt für die Seelen hat, die zur Beruhigung und Versöhnung ihres Gewissens kommen sollen. Sie haben sich häufig, wenn auch nicht separiert, doch mehr oder weniger emanzipiert von dem Amt, das die Versöhnung predigt; und so fehlt ihren Genossen nur gar zu häufig das, was als eine Gabe Gottes geschenkt werden könnte zur Befestigung des Glaubens im Wandel. Aber ich weiß wohl, daß ich über diesen Punkt nicht viel sagen darf. Wie bin ich nicht erst vor Kurzem, wie ich vernommen, von einer christlichen Zeitschrift über solchen Gedanken, nach welchen die nach der Ordnung bestellten Diener des Evangeliums nicht sollten auf die Seite geschoben werden, angefochten worden! Die vorkommenden Ärgernisse sind übrigens vor der Welt nur darum so auffallend, weil die Betreffenden nicht mehr ganz der Welt angehören wollen. Denn diese, wie wir wissen, weiß sich ja auch vielfältig nicht säuberlich zu halten.
Die Willensschwäche hat meist ihren Grund darin, daß man sich vor der Sünde nicht fürchtet. Man geht zu leicht mit der Sünde um, ohne sie tun zu wollen. Aber man fürchtet sie nicht, namentlich nicht, als ob sie etwas Großes und Bedeutendes wäre. Durch Augen, Hände und Füße spielt man mit der Sünde. Das Auge treibt heimliche Unzucht und weckt wollüstige Empfindungen; die Hand tut auch das Ihre; und der Fuß fürchtet keine Annäherungen. Würde man die Sünde fürchten, so würden Auge, Hand und Fuß ganz anders sich benehmen. In christlichen Kreisen nun kommen beide Geschlechter je und je in viel nähere Berührung, als es vor der anständigen Welt als schicklich gilt. Die sogenannte Welt, wenn sie nicht von der Sünde gefangen ist, hält sich mit den Augen, mit der Hand und mit dem Fuß zurück; und der Einzelne bleibt für sich, und schmuggelt sich nicht unzeitig und unberechtigt in den Verkehr mit dem Andern herein, macht sich mit diesem nicht so intim, wie das in christlichen Kreisen vorkommen kann. Leicht ist's da geschehen, daß man der Schlange zu nahe tritt, und ist man darum auch bald von ihr gestochen. In vielen dergleichen Sachen sollte unter christlichen Freunden viel mehr Ermahnung, Belehrung, Warnung, Bestrafung sein; aber ich weiß wohl, daß man sich auch nicht gerne etwas sagen läßt, und gerne Alles, trotz der Brüderlichkeit, bis zur Feindschaft übel nimmt. Aber wie gesagt, Willensschwäche ist meist gar nichts Anderes, als heimliches Einverständnis mit der Sünde, leichtfertige Stellung zu den Geboten Gottes, trotz des sonstigen frommen Anscheins. Wer Gottes Gebot achtet und in der Furcht Gottes steht, der ist willensstark, und bringt's durch, daß er nicht als Einer, der sonst die Sünde haßt, doch sündigt, wenn die Versuchung kommt. Aber warum läßt man einander so allein stehen, und hilft man einander nicht?
Welche Stellung, fragt der Bruder noch, nimmt der Herr zu solchen Seelen ein? Da bleibt eben doch das Wort stehen (Ps. 5, 5): "Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt; wer böse ist, bleibet nicht vor Dir." Oder sollen christlich und gläubig sich nennende Personen ein Privilegium zum Sündigen haben? Bußfertigen freilich wird der Herr vergeben; aber wer mehr oder weniger der Leichtfertige bleibt, und wohl gar, wenn's gilt, vor keiner Sünde sich scheut, der kommt nicht ungestraft weg. Wenn er, nicht genug gebrochen, scheidet von diesem Leben, wird der Heiland oder Sein Engel ihm nicht zur Hand sein, werden dagegen Andere Ansprüche an ihn machen. Ach, daß bald ein neuer Schwung durch den Heiligen Geist in die Christenheit käme, nur auch dem Gräuel der Sünde zu widerstehen!
209. Die Kinder Gottes
in 1 Mos. 6, 2. 4.
Frage: "Welches sind wohl die in Mos. 6, 2. 4 angeführten Kinder Gottes?" - (Hierauf wurde bereits in Nr. 46, III. 203, 2 unter Anderem geantwortet: "In jener Stelle sind die Kinder Gottes keine gute Wesen. Mit welchem Recht heißen sie dann Kinder Gottes? Da wäre schon etwas zu sagen; aber ich lasse es lieber. Sie scheinen keine menschliche Wesen zu sein, weil sie als Kinder Gottes sollten im Stande sein, Kinder zu zeugen, daraus Gewaltige in der Welt und berühmte Leute wurden.")
Hierüber nun wird mir von einem christlichen Bauersmann eine wohlgemeinte, aber starke Rüge gemacht, daß ich soll von Kindern Gottes sagen, sie seien keine gute Wesen, und daß ich mit dem, was etwa zu sagen wäre, warum sie dennoch Kinder Gottes heißen, lieber zurückhalte, also keinen Zeugenmut habe, was sich für mich am Allerwenigsten schicke. Vorerst aber will ich dem lieben Freunde bemerklich machen, daß es mir ein wenig auffällt, daß er sich bezüglich einer Stelle, die ihm ganz und gar nichts einzutragen im Stande ist, so sehr vereifern mag. Wird er wohl näher am Heiland sein, oder bereits halb in dem Himmel, wenn er ganz genauen Bericht hat über jene Kinder Gottes? Wozu denn so mächtig herauslangen, wenn er Anderes und mehr wünscht, als er in meiner Auslegung bekommen hat? Der liebe Bauersmann möge mir diese Bemerkung verzeihen, zu der es mich auch gedrängt hat.
Daß die Kinder Gottes in der genannten Stelle keine gute Wesen seien, liegt doch offenbar in dem Texte selber; und daß man einiges Recht dazu hat, ein Fragezeichen zu diesen Kindern Gottes zu machen, glaubte ich, werde Jedem von selbst begreiflich sein. Sind denn die, welche so gar nach den schönen Weibern fahnden, und zwar, welche sie wollen, also in ungebührlicher Weise, gute Wesen zu nennen? Der Freund meint, unter den Kindern Gottes seien die Altväter von Adam bis Noah verstanden. Aber da muß ich sagen, daß ich mich noch ein wenig wehre für einen Seth, Enos, Henoch, Lamech, wenn man von denen glauben wollte, daß sie Jagd auf schöne Weiber gemacht hätten. Ferner sagt er, unter Kindern Gottes verstehe die Schrift die Kinder des Lichts und des Tags, also gute Wesen. War das aber ein Lichtsgeschäft, das jene Kinder Gottes hatten? Dann meint er, nenne man auch die, welche Gemeinschaften besuchen, was ja nur Fromme und Gläubige tun, Kinder Gottes, und eben damit seien diese doch nur anerkannt gute Wesen. Diese Kinder Gottes werden aber dem Freunde keinen Dank wissen, wenn er sie nicht unterscheidet von solchen, die nach schönen Weibern fahnden, dazu diese noch auf unrechtmäßige Weise nehmen, wie es klar im Text liegt. Nach Allem kann der nicht getadelt werden, der wenigstens von jenen Kindern Gottes bei Mose keine guten Begriffe hat. Warum sie aber dennoch Kinder Gottes heißen, da kann uns schon die Geschichte Hiobs Gedanken geben, wo es (1, 6) heißt: "Da die Kinder Gottes kamen und vor den Herrn traten, kam der Satan auch unter ihnen." Hier ist also von anderen Kindern Gottes die Rede, als die sonst so genannt werden; und wenn Satan unter diese auch kommen darf, können nicht noch Andere, die zu Satan hielten, aber noch nicht verstoßen werden konnten, so wenig als Satan selbst, unter diesen Kindern Gottes gewesen sein? Diese aber wären dann keine gute Wesen. Daß endlich bei Mose die Kinder Gottes auch scheinen keine menschliche Wesen gewesen zu sein, das liegt im Texte, wenigstens scheinbar, wenn Kinder Gottes und Töchter der Menschen unterschieden werden. Sie heißen dann Gottes, und nicht der Menschen, weil überirdisch, nicht, weil der Gesinnung nach Gott nahe stehend, während die Weiber Töchter der Menschen heißen. Ich bemerke noch, daß viele Ausleger der alten und neuen Zeit es so nehmen. Aber wie gesagt, über dergleichen rede ich nicht gerne, denn gewiß gibt's jetzt schon wieder Leser, die noch weiter wissen möchten, also neue Fragen hätten. Da soll nun unser Einer immer antworten und antworten, ungeachtet er weiß, daß er mit Allem, was er sagt, Viele stutzig macht. Wie gesagt, da lasse ich's lieber.
Wenn übrigens der liebe Freund darüber besonders sich aufhält, daß ich geschrieben habe: "Mit welchem Rechte heißen sie denn Kinder Gottes? Da wäre schon etwas zu sagen; aber ich lasse es lieber," so wird er eben dort auch gelesen haben, wie ich bemerkte, daß unsrer aufgeklärten Zeit doch nichts gegeben werden dürfe, was nicht in die Aufklärung passe. Bei unsrer Stelle läßt sich's gut erklären, wie vorhin bemerkt, warum ich lieber schweige, weil man hier in Dinge hineinkommt, welche unsrer Zeit völlig ferne stehen. Nun meint aber der Freund, schweigen sei der Tod. Unser Herr und Heiland habe ausdrücklich gesagt: "Wirket, so lange es Tag ist; denn es kommt die Nacht (der Tod, auch die Glaubensnacht. Luc. 18, 8), da Niemand wirken kann." So wird mir dann Mangel an Zeugenmut vorgeworfen. Ich bemerke aber hiezu, daß ein Diener des Evangeliums doch nur über das zu zeugen hat, was er klar aus der Schrift beweisen kann. Kann er das nicht, so steht er auf eigenen Füßen, und tut er ein Unrecht, von den Leuten zu verlangen, daß sie ein Zeugnis von ihm annehmen sollen, das er doch nur von sich aus zu geben weiß. Eine Bibelauslegung, die nicht selbst wieder die Bibel für sich hat, kann sehr gefährlich werden, und zu großen Torheiten und Verirrungen führen. Darum schweige der Diener des Worts, wo er sich gleichsam als einen Propheten, dem's der Herr eingebe, weil's nicht in der Schrift steht, darstellen soll, als wisse er mehr, denn andere Leute. Das sind die falschen Propheten, die Zeugnis geben von Dingen, für die sie keinen vollen Beweisgrund in der Schrift haben. Die Schrift aber bleibt bei Vielem im Dunkel, wo es den inwendigen Menschen nichts angeht; und wenn dieser nichts zu gewinnen hat, ist es besser, man lasse es liegen, oder überlasse man das nähere Verständnis denen, die etwa Beruf haben, es sonst für sich zu verwerten, damit man vom Fürwitz ferne bleibe.
Nebenbei ist der liebe Freund wohl zufrieden, wenn in den Blättern über Stellen gesprochen wird, die in einem scheinbaren Widerspruche stehen, daß namentlich "der totale Widerspruch", wie er schreibt, der kurzen Zeit vom Karfreitag Abend an bis zum Ostermorgen, in Nr. 46, III, 203, 3, mit dem Voraussagen des Herrn seine Erklärung gefunden hat. Ich bemerke noch, daß ein Weiteres hierin zur Erklärung sich findet in Nr. 49, III, 207, da noch einmal vom Fisch Jonä die Rede ist.
Sonst hat der Freund noch etwas auf dem Herzen, darüber er gerne eine Auskunst hätte. Er schreibt:
"Ebenso findet sich ein Widerspruch in 2 Mos. 21, 6, da es heißt: ""Und bohre ihm mit einem Pfriemen durch sein Ohr, und er sei sein Knecht ewig."" Nach dem Tode des Knechts oder Herrn hört doch die Dienstbarkeit auf. Er kann also nicht ewig, d. h. auch noch in der andern Welt, des Herrn Knecht sein. Es scheint, daß Dr. Luther das Wort irrtümlich mit "ewig" übersetzt hat. Doch genug davon."
Ich sehe dieses als eine Frage an, die der liebe Freund machen wollte. Ich will es deswegen auch beantworten. Dr. Luther hat richtig übersetzt. Aber das Wort ewig bedeutet oft in der Schrift ewig für diese Zeit, da das Wort gar keinen Bezug auf die eigentliche Ewigkeit nach dieser Zeit oder das andere Leben hat. So lange der Knecht lebt, ist er Knecht; und das heißt ewig Knecht sein. So erklärt sich die Stelle ganz leicht.
So viel auf den Brief des lieben Freundes, der anderseits sich sehr angesprochen fühlt durch die Blätter, die er nun sich auch anschaffen will. Der liebe Gott segne ihn, und gebe ihm viel Licht. Fragen darf er sonst wohl auch an mich machen, wenn er für etwas nähere Auslegung braucht.
210. Sünde wider den heiligen Geist.
Frage: "Bitte, mir in den Blättern zu antworten, auf die mich Tag und Nacht verfolgende Frage: Wie kann man Gewißheit erlangen, ob man nicht die Sünde wider den heiligen Geist begangen hat? Ich sündige so sehr viel, werde durch stete Krankheit und inneren Unfrieden fort und fort gestraft, und fürchte deshalb so sehr, daß ich die Sünde wider den heiligen Geist begangen habe. Eine Angefochtene." (ungenannt).
Antwort. Schon etliche Male habe ich auf solche Fragen geantwortet. Gleich im Anfang (1873) habe ich auch eine große Abhandlung in drei Abschnitten über die Lästerung wider den Heiligen Geist in den Blättern gegeben. Aber da ich nicht voraussetzen kann, daß alle Leser alle Blätter haben, so will ich nun um so mehr wieder dienen, da ich es begreifen kann, wie peinlich die Anfechtung ist, wenn man sie einmal hat.
Hauptfrage in Obigem ist, wie man zur Gewißheit kommen könne, daß man die Sünde wider den Heiligen Geist nicht getan habe. Diese Gewißheit kann man schon durch eine einfache Belehrung nach der Schrift bekommen; denn es hat sich allmählich viel Menschliches an die Worte Jesu angehängt. Die Hauptstelle nun in Matthäus (12, 31. 32), so wie die andere Stelle in Markus (3, 28-30), welche beide Stellen die einzigen sind in der Schrift, die davon reden, sagt schon gar nichts von einer Sünde wider den Heiligen Geist, d. h. man benennt schon das, wovon der Heiland redet, mit einem falschen Namen. Das bitte ich die liebe Angefochtene sich vor Allem sagen zu lassen; denn an dem kann sie gleich merken, mit welchem Unrecht sie ihre Anfechtung hat. Sie soll einmal nachschlagen, wie es lautet. Nicht Sünde, sondern Lästerung wider den Heiligen Geist ist das, wovon der Heiland sagt, daß es nicht vergeben werde. Man kann auf unzählige Weise auch an dem Heiligen Geist sich versündigen, durch Geringschätzung des Worts, durch Verachtung der göttlichen Offenbarung, durch Übertretungen der göttlichen Gebote, überhaupt durch Alles, was man wider besser Wissen und Gewissen, also wider die Mahnungen des Geistes von oben, tut. Aber das sind Alles Sünden, die vergeben werden können, wie es ausdrücklich auch in jenen Stellen heißt, mit den Worten: "Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben," oder kann vergeben werden. Nur bei der Einen Sünde, welche Lästerung heißt wider den Heiligen Geist, ist es anders. Schon hieraus wird man leicht finden, wie unnötig man sich mit der Sünde wider den Heiligen Geist plagt, wenn man sich keiner Lästerung des Geistes bewußt ist, die man soll begangen haben. Auch das, wenn eine gewisse Lästerung, welche Kranke je und je in sich vernehmen, nur rein innerlich, und nicht zur Tat geworden ist, wie ohnehin auch ganz unwillkürlich, kann unmöglich das sein, wovon der Heiland redet, welcher in Seiner Rede ausgesprochene Worte, nicht stille Gedanken in so starker Weise rügt. Übrigens ist auch das merkwürdig, daß die satanischen Anfechtungen mit Lästerungen, doch eigentlich nicht den Heiligen Geist betreffen, sondern Lästerungen gegen Gott und den Heiland sind und sonst heilige Sachen, von welchen Lästerungen, sogar wenn sie mit Willen laut ausgesprochen werden, in jenen Stellen wiederum ausdrücklich gesagt ist, daß sie vergeben werden können.
Die Angefochtene muß sich also den Ausdruck Sünde wider den Heiligen Geist ganz abgewöhnen und sagen lernen, wenn von dergleichen die Rede ist, Lästerung wider den Heil. Geist. Der Heilige Geist aber ist eine Person, wie der Vater und der Sohn. Man kann nun nach den angeführten Stellen Gott lästern, und man kann wider des Menschen Sohn reden; und Beides ist immer eine Lästerung, die vergeben werden kann. Nur wenn die Person des Heiligen Geistes gelästert wird, kann es, wie der Herr sagt, nicht vergeben werden. Die Person des Heil. Geistes aber wurde damals, als der Herr redete, von den Pharisäern damit gelästert, daß sie von Jesu sagten, Er habe einen unsauberen Geist (Marc. 3, 30), also der Heil. Geist in Ihm sei ein unsauberer Geist, ein Beelzebubsgeist. Sie hatten ja gesagt, Jesus treibe durch Beelzebub, d. h. den Obersten der Teufel, die Teufel aus. Statt in Jesu also eine Innwohnung Gottes, durch die Er fähig werde, Wunder zu tun, anzunehmen, nannten sie Ihn einen vom Teufel besessenen Menschen, der durch den Ihm inwohnenden Obersten der Teufel Seine Wunder tue. Solches war und ist die Sünde, die nicht vergeben werden kann. Es ist die Lästerung wider die Person des Heil. Geistes. Vergeben aber kann diese Lästerung darum nicht werden, weil nach der Schrift der Heil. Geist die erlangte Vergebung versiegeln soll, wie "der Geist Gottes Zeugnis gibt unsrem Geiste, daß wir Gottes Kinder sind." Überhaupt ist alle Wiederbringung des Menschen unmöglich, wenn man den Heil. Geist, der Gottes Heilsplane den Menschen im Herzen verständlich machen, auch durch Männer, vom Geist getrieben, verkündigen soll, für einen Teufelsgeist hält, welcher Erlösung suchende Menschen durch den Heiland und Diener des Worts noch mehr in Netze des Teufels verstricke, als daß sie zu dem ersehnten Heile kämen.
Die liebe Angefochtene nun bitte ich, sich das Alles recht sagen zu lassen; und wenn sie noch so viele Sünden getan hat und täglich viel sündigt, so wird sie doch nicht von sich sagen können, sie habe je einmal die Person des Heil. Geistes, wo dieser bestimmt zu erkennen war, in angeführter Weise oder der ähnlich, als einen Teufelsgeist vor Andern verschrieen, und zwar aus bloßem Neid, wie es bei den Pharisäern war, die es nicht leiden konnten, daß Jesus durch den in Ihm wohnenden Heil. Geist und Seine Werke sollte in ein größeres Ansehen kommen, als sie selber. Gegenwärtig ist es eine Unmöglichkeit, daß überhaupt Jemand den Heil. Geist so lästere, wie es damals geschah, und daß man sich denken könnte, es sei das, was nicht vergeben werden könne, weil uns die Person des Heiligen Geistes erst wieder gegeben werden muß.
Die Angefochtene schreibt auch, sie sündige so sehr viel. Da möchte ich ihr raten, sie möge gegen sich auch in dieser Beziehung nachsichtiger werden. Ihre Sünden sind wohl mehr nur Stimmungen, unwillkürliche Erregtheiten zu Ungeduld, Mißmut, widriger Laune, Heftigkeit, Zorn, Eigenliebe, Empfindlichkeit und dergleichen. Diese Sünden aber alle tut sie nicht mit eigenem Willen. Sie kämpft dagegen, wird aber nicht Meister, weil beständige Leibesschmerzen da sind, und viel innerer Unfriede. Mit Allem wird sie daher keine große Sünderin, sondern bleibt sie ein geplagtes Menschenkind, mit dem man Nachsicht haben muß, wie diese auch der Heiland hat. Sie soll daher auch ihre Krankheit nicht als eine Strafe ansehen für immer neue Versündigungen, sondern für etwas, unter dem sie die Gnade und Freundlichkeit des Herrn erst recht finden soll. An die Gnade muß sie sich halten, und des Heilands als eines Sünden vergebenden Erbarmers sich vergewissern, um auch ein wenig glauben zu können, daß Er Bittenden Erleichterung und Hilfe zukommen lasse. Glaube sie an eine Barmherzigkeit, nicht an eine Härte des Heilandes, die nicht vergebe, an den Versöhnungstod Jesu, und an Seine Macht zu helfen. Tut sie das, so wird's ihr in Allem leichter, wenn sie nur nicht mehr tut, als ob sie diejenige sei, der nicht mehr vergeben werde, die also ewig verloren sei. Der Heiland ist ein Friedensbringer; und Elende und schwer Heimgesuchte sind Seine Lieblinge, als Märtyrer auf eine große Heilszeit, die kommen wird. Ich werde ihrer fürbittend gedenken.
211) An Angefochtene.
Frage. "Mir geht es immer noch schwer. Ob ich wohl schon einige Male Tage und Stunden gehabt habe, da es mir leichter war, und ich mich wieder im Heiland freuen konnte, so wird es doch allemal wieder so dunkel und finster, daß ich nicht weiß, ob das, was ich spürte, auch wirklich vom Heiland war. Das ist mir noch sehr schwer, daß ich nicht beten kann und keinen Glauben und keine Liebe zum Heiland spüre, und daß der Heiland wie vor mir flieht und weicht, und es allemal wieder heißt: du gehörst gar nicht dem Heiland; deine Sache ist noch nie rechter Art gewesen u. s. w. Ich kann es eigentlich gar nicht sagen und schreiben, wie ich's fühle. Wo eben kein Heiland ist, da ist die Hölle; und ich habe so arg Angst vor dem Verlorengehen, daß ich schon gedacht habe, wenn ich nur nicht geboren wäre, und weiß doch nicht, ob ich's auch redlich meine. - Können Sie in Ihren Blättern einige Zeilen als Antwort einschieben?"
Antwort. Da ist viel auf einmal gesagt. Ich habe aber gerne Alles ins Blatt genommen, weil ich wohl Vielen einen Dienst damit tue, die meinen, so sei es gerade auch ihnen, wie's der Brief sage. Diese Alle sind nun auch begierig auf meine Antwort. Wie gerne wollte ich so antworten, daß es den lieben Seelen die Finsternis alle wegnehme. Aber so weit sind wir noch nicht, daß solche Anfechtungen so leicht, wie mit einem Hauch, weggeblasen werden können. Da müssen wir noch auf eine Gnadenzeit warten, in der es so wird. Doch gibt auch jetzt schon der Heiland sehr viel, durch Stillesein und Hoffen. Wer kindlich bleibt und nicht gleich meint, es sei Alles verloren, wenn so allerlei Stimmen sich inwendig vernehmen lassen, wie wenn der Seele ihr Anteil am Heiland will abgesprochen werden, und sie in Angst gebracht werden soll, daß ihre Sache nie etwas Rechtes gewesen sei, kann viel Trost empfinden, wenn er an den ins Fleisch gekommenen Heiland denkt, und an den Gesang der himmlischen Heerscharen dabei. Was ist denn, liebe Seelen, eure Sache? Das ist sie, daß ihr seufzet, arm seid, Leid traget, bekümmert seid um einen Heiland. Ist's das, so machet ihr's ja recht, und ist eure Sache auch rechter Art. Der Heiland sagt nicht: "Selig sind die, deren Sache etwas Rechtes ist," wenn sie's nämlich selber machen wollen; sondern Er sagt: "Selig sind die geistlich Armen; selig sind, die Leid tragen." Glaubet also, daß eure Sache, weil sie nichts Eigenes ist, rechter Art ist. Wenn ihr's aber nicht vermöget, ruhig zu werden, so sorget nicht, oder ist's wenigstens noch nicht gefehlt; denn das Unvermögen wird euch nicht zur Sünde. Um eures Seufzens willen allein schon hat euch der Heiland lieb.
Wenn ihr aber den Heiland nicht fühlet, so müsset ihr Ihn desto mehr glauben. Die, welche nicht sehen und doch glauben, sind ja die rechten Leute; und so auch die, welche nicht fühlen, und doch glauben. Auf Gefühle nimmt der Feind oft Beschlag; aber auf euren Glauben nicht, wenn ihr nicht nachgebet. Auf den kann kein Teufel Beschlag nehmen, wenn ihr nur seufzet: "Führe uns nicht in Versuchung." Ja, oft habet ihr ihn nicht, und habet ihn doch. Glaubet auch an euren Glauben; und dann kommt dazwischenhinein doch auch ein gutes Stündlein. So hat mich's in deinem Briefe gefreut zu lesen, daß du doch oft Tage und Stunden hast, da dir's leichter ist. Aber wie einfältig, wenn du meinst, das sei nichts Rechtes gewesen, wenn's hintendrein wieder dunkel wird! Vielmehr hat's der Heiland als ein Angeld gegeben, daß es noch ganz besser werden soll, weil Er ja da ist, nur ein wenig versteckt. Sonst nur keine Furcht vor der Hölle. Seufzende gehen nicht verloren; denn um ihretwillen offenbart der Herr Seine Herrlichkeit. Schon darum glaube ich, daß die Zeit dazu nahe sei, weil so viel geseufzt wird. Nur daß ich weiß, wird so viel geseufzt auf Erden, daß der Heiland nimmer anders kann, als dreinsehen und helfen. Er kann unmöglich länger verzieh'n. In einer Kürze wird Er die Auserwählten, - und das sind die Seufzenden, merkt's euch! - erretten. Nehmet diese Gedanken in die Weihnachtsfeier herein. Diese segne der Heiland an euch!




























III. Fragen.
212. Vom Blutessen.
Frage. "Heute wurde bei uns von etwas gesprochen, über das ich noch nie nachgedacht hatte; und ich möchte es am Liebsten gleich Ihnen sagen und Sie bitten, einige Worte darüber in den Blättern mitzuteilen. Es handelt sich nämlich darum, ob es Sünde sei, wenn man sich nicht vom Erstickten und vom Blut enthalte und davon esse, und ob man den Worten in der Apostelgeschichte (15, 20) nachkommen solle. Ich gestehe, daß ich nie darüber nachgedacht habe. Wenn man mir aber Gottes Wort klar geschrieben entgegenhält, da muß ich doch stutzen und prüfen. Deswegen wäre ich Ihnen für ein Wort recht dankbar."
Antwort. Man kann allerdings, wenn man unerwartet an den angeführten Spruch, dessen man sich nicht klar bewußt gewesen war, erinnert wird, etwas frappiert werden, weil das Verbot des Blutessens so entschieden da steht, und doch alle Christenheit, auch die evangelische, - unter dieser übrigens machen je und je teils Einzelne, teils gewisse Gemeinschaften eine Ausnahme, - sich weder des Erstickten, (denn alles Wild, im Walde geschossen, ist ein Ersticktes, weil das Blut nicht abgelassen wird; vor anderem Erstickten, das auch schädlich wäre, mag's Jedermann ekelnd) noch des Bluts enthält. Es ist um so auffallender, weil die vier Stücke, die verboten bleiben sollten, nicht gleichartig sind. In der ersten Kirchenversammlung nämlich zu Jerusalem, da man die Frage besprach, ob Heiden, die gläubig würden, auch sich beschneiden zu lassen sollen verpflichtet sein, trat Jakobus, der Bruder des Herrn, auf angeführte Zumutung abweisend, mit dem Vorschlag:
Apost. 15, 19-21. "Man mache den Heiden nicht Unruhe, sondern schreibe ihnen, daß sie sich enthalten von der Unsauberkeit der Abgötter, und von Hurerei, und vom Erstickten, und vom Blut. Denn Moses hat von langen Zeiten her in allen Städten, die ihn predigen, und wird alle Sabbatertag in den SchuleleseDie Versammelten sodann, die Apostel und Ältesten, samt der ganzen Gemeine, ließen einen Brief an die Heidenchristen abfertigen, des Inhalts:
v. 28 u. 29. "Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch keine Beschwerung mehr aufzulegen, denn nur diese nötige Stück, daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut, und vom Erstickten, und von Hurerei; von welchen; so ihr euch enthaltet, tut ihr recht. Gehabt euch wohl."
Götzenopfer nun und Hurerei blieben unter allen Umständen verbotene Stücke; und wer am Götzenopfer sich beteiligt und Hurerei treibt, der sündigt, und sündigt sogar schwer. Da kann man nun versucht sein, zu glauben, es werde wohl ebenso strenge mit dem Genuß des Erstickten und des Bluts zu nehmen sein, weil es in gleicher Linie mit dem Andern stehe, oder gar, wenn man das Eine fallen lasse, so werde es auch mit dem Andern nicht so strenge zu nehmen sein. Da muß man sich aber in Acht nehmen, daß man kein falscher Ausleger der Schrift werde, welches geschieht, wenn man nur nach dem Buchstaben, und nicht nach dem Geist auslegt.
Daß die vier Stücke, um zuerst darüber zu reden, so ungleichartig sie sind, zusammengestellt werden, darf nicht befremden. Zunächst wollten die Apostel in ihrem Sendschreiben kurz sein; und so lassen sie es bei der bloßen Anführung der vier Stücke, auf die sie aufmerksam machen wollten, bewenden, sogar ohne die Bestimmungsgründe, welche Jakobus in seinem Vorschlag vorgebracht hatte, mit anzuführen, indem sie nur kurz schlossen: "von welchen, so ihr euch enthaltet, tut ihr recht." Sonst lag den Aposteln viel daran, die weiteren zwei Stücke, außer dem von dem Erstickten und vom Blut, besonders hervorzuheben. Heiden nämlich, die gläubig wurden, waren nur gar zu sehr versucht, vormaligen heidnischen Freunden zu lieb, mit denen sie doch nicht gar brechen wollten, ein wenig nachzugeben, und beim Götzenopfer wenigstens anwesend zu sein, und an dem Tisch zu sitzen und den üblichen Mahlzeiten beizuwohnen, meinend, das hätte nichts zu sagen, und sie hätten innerlich Freiheit dazu. Wahrscheinlich konnte man auch im Götzenhause seine Mahlzeit halten, wie bei uns in Gasthöfen. Solches aber hätte müssen den Juden anstößig sein, wie es in Korinth der Fall war (1 Kor. 8, 10). Paulus legt es den Korinthern auch sonst ans Herz, daß sie, weil, was die Heiden opfern, sie den Teufeln opfern, nicht sollten in der Teufel Gemeinschaft sein (1 Kor. 10, 20. 21). Ebenso war's mit der andern Unreinigkeit für die Heiden etwas sehr Versuchliches, weil Heiden es gar nicht begriffen, daß man sich sollte dessen enthalten, was bei Niemanden auch nur beachtet wurde. Vor dem Erstickten und dem Blut wollten die Apostel deswegen warnen, weil die Christen mit Nichts die gebliebenen Juden mehr ärgern und abstoßen konnten, als wenn sie dergleichen genößen. Deswegen sagt auch Jakobus, weil an den Sabbaten überall Moses gelesen werde und so die göttliche Vorschrift bekannt sei, solle man sich des Angeführten enthalten, zumal im Anfange die Christen von den Versammlungen in der Synagoge nicht wegblieben, weil sie ja auch als Christen immerhin zum bisherigen Gottesvolke gehören wollten, wie namentlich Jakobus selbst, der sein ganzes Leben hindurch den Juden befreundet blieb, von diesen auch hochgeachtet wurde.
Es lagen also äußere Gründe vor, warum die vier Stücke als solche bezeichnet wurden, bei welchen die Heiden Gewissen und Vorsicht gelten lassen sollten, wenn sie sonst von allem äußerlich Bindenden sollten frei sein. Der gegebene Spruch selbst aber kann unmöglich ein bleibendes göttliches Gesetz sein. Denn nach dem Evangelium gilt der Grundsatz: "Christus ist des Gesetzes Ende." Damit ist gesagt, daß dem Christen nichts Äußerliches mehr von Gott geboten sei, das ihm helfen sollte, gerecht zu werden und die Seligkeit zu erlangen, daß es also seelengefährlich sein sollte, es zu übertreten. Dem Petrus war es bereits in einem Gesicht gezeigt worden, daß er nichts mehr als unrein ansehen, sondern von allem Tier und Gewürm essen dürfe. "Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein", hieß es (Apost. 10, 10-16). Auch Paulus sagt (Kol. 2, 16), daß sich Niemand Gewissen machen lassen solle über Speise und Trank. Ferner sagt er (1 Tim. 4, 4 u. 5): "Alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit Danksagung genossen wird."
Viele aber machen hier die Einwendung, ob da wirklich auch das Blut mit einbegriffen sei, während im A. Testamente ein besonderer Grund angegeben worden sei, warum es Israel habe nicht essen dürfen, weil nämlich im Blut das Leben sei. Solches ist aber mit Bezug auf den Opfergebrauch gesagt. Auf den Altar gehörte das Leben, und darum gehörte auch das Blut dem Herrn, weswegen es ganz frisch ins Heiligtum gebracht werden mußte. Israel sollte daran gewöhnt werden, sein Leben als dem Herrn gehörig zu betrachten, dem es auch geopfert werden sollte, vorbildlich mit dem Leben und Blut des Tiers. Nur wenn alles Blut von jedem geschlachteten Tiere als dem Herrn angesehen, also vom Menschen nicht genossen wurde, hatte Israel genügende Ehrerbietung vor dem Opferblute, welches auch wieder Vorbild des Blutes Christi ist, in welchem gleichfalls das Leben Christi liegend zu denken ist. Mit der Abschaffung der Opfer aber ist jedes Verbot, das eine Beziehung zu den Opfern hatte, gefallen, so auch das Verbot des Blutessens, da der Grund des Verbots keine Bedeutung mehr für uns hätte. Andere sagen, das Blutessen mache roh, eben weil das Leben des Tiers im Blut sei. Man wird aber doch nicht glauben, daß auch nach der Schlachtung im Blute noch das Leben sei. Das Blut freilich warm und roh zu genießen, wird nur ein roher Mensch sich einfallen lassen; aber wenn es so zubereitet wird, wie bei uns, wie kann's roher machen, als das Fleischessen überhaupt; oder wie kann's schädlichen Einfluß auf die Affekte und das Seelenleben des Menschen haben? Gott hat nun einmal das Fleisch ausdrücklich dem Menschen zur Nahrung gegeben; und wie kann Er etwas dagegen haben, wenn der Mensch, so viel er kann und der Gesundheit unschädlich findet, vom geschlachteten Tiere zu seiner Nahrung benutzt? Jedes Verbot, um damit zu schließen, das nicht eine Beziehung hat zur Liebe gegen Gott und den Menschen, muß im N. Bunde als aufgehoben gedacht werden; und all unser Glaube bekommt eine schiefe Richtung, wenn wir auch nur das geringste äußerliche Verbot uns denken, dessen Übertretung unsre Seligkeit gefährdete.
213) Ihre Engel im Himmel.
Frage. "Das schöne und tiefe Wort des Herrn (Matth. 18, 10) über die Kinder sagt uns: ""Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel."" So dürfen wir ja glauben, daß die Kinder unter besonderem Schutze und Obhut Gottes und der heiligen Engel stehen. Wenn ein Kind verunglückt, durch schweren Fall verstümmelt oder zu frühem Tode gebracht wird, so können wir uns fügen in Gottes Rat, der es, wenn auch auf schwerem Wege, frühe der Welt entnimmt und zu Seinem Frieden führt. Wie aber, wenn durch gottlose Menschen ein schuldlos Kind an Seele und Leib verderbt wird, wie, wenn, wie kürzlich erlebt, ein unschuldiges Kind auf die gräßlichste Weise entweiht wird, ehe es getötet wird? Müssen da die unglücklichen Eltern nicht verzweifeln an der Wahrheit jener Verheißung?"
Diese Frage ist schon vor einem Jahre an mich gemacht worden. Ich erinnere mich aber, daß ich sie damals ein wenig bei Seite legte, weil ich sie ungerne beantwortete. Denn es ist immer mißlich, den lieben Gott gleichsam rechtfertigen zu müssen, weil das kaum anders möglich ist, als daß dann die Schuld auf Menschen fällt, Menschen aber sich nicht gerne beschuldigen lassen, namentlich sehr übel gestimmt werden, wenn man bei Unglücksfällen auch nur die Möglichkeit einer Verschuldung voraussetzt. Andererseits ist es auch nicht billig, Menschen mit Argwohn anzusehen, wenn ihnen etwas Widriges widerfährt, als ob sie eine verborgene Schuld haben müßten; und wie Unrecht kann man da Vielen tun? Da ist wirklich nichts besser, als geradezu stille sein, und weder an Gott und Seiner Verheißung verzweifeln, noch mißtrauisch seine Nebenmenschen ansehen. Wir sehen auch, wie beinahe Jedermann es so macht. Alles ist voll Mitleiden, wenn es Jemanden in ein schweres Verhängnis kommen sieht, und drückt dem Unglücklichen gegenüber ein Auge zu, auch wenn von diesem Allerlei bekannt ist, läßt's auch gewöhnlich auf sich beruhen, ohne über Gott klagen zu wollen. Daß man es so macht, ist einerseits von der Liebe geboten, die man gegen Jedermann haben sollte, andererseits von der Ehrfurcht gegen Gott. An jenem Tage, so trösten sich die Meisten, werde schon Alles offenbar werden, und jedenfalls Gott gerechtfertigt dastehen, wie es nun sei.
Will man dennoch im Allgemeinen ein wenig darüber verhandeln, so kann man Allerlei sagen, ohne direkt Andere zu beschuldigen, von denen man ja meist auch nichts weiß; und es ist wichtig, daß man, was man sagen kann, sagt, weil es zur Verhütung von mancherlei Sünde und Übel führen kann. Die welche an der Wahrheit der angeführten Verheißung bezüglich der Engel, welche Kindern beigegeben sind, verzweifeln, wenn diesen etwas grässliches widerfährt, machen jedenfalls einen großen Fehler, wenn sie, einmal stutzig geworden, schon die Möglichkeit einer besonderen Verschuldung von Seiten der Menschen ganz übersehen, daran gar nicht denken. Sie denken an das unschuldige Kind, dem übles geschieht, aber nicht an die etwaige verborgene Schuld seiner Eltern. Sie reden, als ob sich's von selbst verstehe, daß, weil ja am Kind die Schuld nicht liegen könne, diese an Gott liegen müsse. Dem ist aber nicht so: Kinder sind in einem natürlichen inneren Zusammenhang mit den Eltern, von diesen gleichsam noch nicht völlig abgelöst, so daß sie in Nichts von diesen ganz getrennt dastehen, wie denn die Eltern unter dem Schicksale der Kinder meist mehr leiden, als die Kinder selbst, also doch die eigentlich Gestraften sind. Oft muß es nun den Kindern übel gehen, je nachdem die Eltern sind, und zwar namentlich in der Zeit, da die Kinder, als unmündig, noch ganz in der Unschuld sind. Haben Kinder schon etwas von einem inwendigen Menschen an sich, dann stehen sie schon unabhängiger von den Eltern da, mögen diese noch so schlecht sein, und sind sicherer, als ganz unmündige Kinder, ob diesen gleich nichts zu einem eigentlichen oder ewigen Schaden zugefügt werden kann. Es gibt nun Eltern, denen nur an eigenen Kindern heimbezahlt wird, was sie selbst an Kindern Anderer verübt haben, wobei es nicht gerade ganz kleine Kinder zu sein brauchen, indem peinliche Mißhandlungen und Entweihungen auch an älteren Kindern, die man aber so unschuldig nehmen dürfte, als die Kleinen, verübt werden können, und die Eltern derselben können auch bis auf den Tod dadurch betrübt werden. Wie? wenn deren Klage und Seufzen zu Gott aufsteigt und Rache fordert, wie eben das vorkommt, kann das denen, die sich an ihnen vergriffen haben, gut kommen? Kann Gott geneigt sein, den Kindern der Letzteren den verheißenen Engelschutz voll zukommen zu lassen? Da denkt man denn immer nur an die unglücklichen Eltern, deren Kinder schändlich mißhandelt werden, und wagt's über ihnen gar Gott zu beschuldigen, daß Er Seiner Verheißung nicht treu bleibe. Aber es leiden eben nicht bloß unglückliche, sondern böse Eltern, wenigstens schwer verschuldete, mit denen Gott je und je ernst reden will. Dies nur Eins von dem, was gesagt werden kann. Doch ich gehe weiter.
Wenn der Herr von Kindern redet, deren Engel allezeit das Angesicht ihres Vaters im Himmel sehen, so redet Er mit Israeliten, die in einem besonderen Bund mit dem Gott ihrer Väter standen. Um der Eltern willen, die zum Gottesvolk gehörten, bekamen auch deren Kinder Engel, um so mehr, da die Kinder selbst auch in dem Bund mit Gott standen. Andern Kindern kommt gerade nicht derselbe Schutz zu. Stellen sich Menschen durchaus ferne von Gott, daß sie, wie die Heiden, nichts von Gott wissen und den Götzen dienen, oder auch als Christen, nichts nach Gott fragen, so ist die Verheißung, daß ihre Kinder unter Engel Gottes zu besonderem Schutz gestellt seien, keineswegs dieselbe. Gott mag je und je ein übriges tun, tut's auch, wie wir handgreiflich erfahren; aber fordern können wir es nicht von Gott, wenn Er's nicht tut. Wenn in der Heidenwelt neugeborene Kinder, namentlich Mädchen, im Freien dem Tod ausgesetzt werden, oder gar wilden Tieren zum Fraße, oder wenn sie ins Wasser geworfen oder grausam geopfert werden, oder wenn sie jeden Morgen auf den Straßen tot oder lebendig aufgelesen werden müssen, wer ist da zu beschuldigen, oder wie kann man sich denken, daß die Kinder, welche solche Eltern am Leben lassen, unter einem besonderen Schutz der Engel stehen werden? So auch, wenn bei uns Eltern etwa die Vermehrung der Kinder verbrecherisch unterdrücken, wie kann Gott derselbe gnädige Gott über ihren lebenden Kindern sein, und diesen schützende Engel beigeben? Da übt doch Gott im Verborgenen viele Gerichte, und wie müssen da oft die armen Kindlein die Märtyrer werden? Ferner, wenn Eltern mit ihren lebenden Kindern grausam und hart umgehen, oder wenn Erzieher so sind, daß ihre Befohlene beständig vor ihnen zittern, wie kann Gott Beider Kindern mit freundlicher Liebe Engel beigeben? Ferner, wenn man armen Kindern, die des Brots bedürfen, dieses versagt, auf Eltern, die viele Kinder haben, um deren willen gar keine Rücksicht nehmen, ihnen keine Verschonung mit Forderungen zukommen lassen mag, werden da nicht oft die Engel weichen müssen von da, wo man nur Härte und Unbarmherzigkeit kennt? So gibt es außerordentlich Vieles, das man in Frage kommen lassen muß, ehe man Gott beschuldigt, daß Er nicht zu Seiner Verheißung stehe. Auch wenn es Eltern gar nie einfällt, ihre Kinder dem Schutze Gottes anzubefehlen, können da die Engel gleichsam Macht genug haben über die lauernden Mächte der Finsternis? Aber, wie gesagt, es ist schwer und gewagt, viel darüber zu reden, weil es Jedem wehe tut, den es treffen könnte, ohne daß er's gerade so böse meinte, oder wenn man bei ihm voraussetzen wollte, daß er an dem Unglück, das ihm an Kindern widerfährt, selbst Schuld sei. Im einzelnen Fall kann auch Alles täuschen, und tut man am Besten, anzunehmen, daß keine besondere Schuld vorliege, wie es bei Hiob war, der das Zeugnis hatte, daß es seines Gleichen nicht im Lande gegeben habe, der so recht und schlicht und gottesfürchtig gewesen wäre, und das Böse gemieden hätte, der aber doch an Einem Tage alle seine Kinder auf eine schauerliche Weise verlieren mußte, nur allein, um dem Satan den Beweis zu liefern, daß ein frommer Mensch fromm bleiben könne, auch wenn das Äußerste über ihn verhängt würde.
Etwas Besonderes lasse ich auch nicht gerne unberührt. Es ist bekannt, wie Viele verbotene Wege mit Zauberei, Sympathie und Spiritismus gehen, dadurch sie sich in Verbindung mit persönlichen Kräften der Finsternis setzen; und gerade über ihren Kindern lassen sie in Krankheitsfällen allen möglichen Unfug treiben, daß es ist, als ob die Eltern ihre Kinder einer fremden Macht, einem fremden Gott, übergeben wollten. Wenn so, wo bleiben dann die Engel? O wie viele Leiden fallen auf die kleine Kinderwelt, deren gräßliche, oft gänzlich unerklärliche Krankheiten, Gichter und Krämpfe, wir ja genugsam kennen! Warum nehmen doch diese Krankheiten die Engel der Kinder nicht weg, auch wenn oft viel gebetet wird? - Es sind keine Engel da! O beten wir, daß es anders werde! Beten wir, daß Alles weggeräumt werde, was so Vielen unsrer Kinder den Schutz der Engel in Frage stellt! Denn der Jammer ist groß!
Solches denn ein Weniges zur Antwort. Aber es ist mir sauer geworden, weil ich Niemand wehe tun wollte.
214. Versäumnisse gegen Verstorbene.
Frage: "Um priesterlichen Rat in den Blättern wird für folgenden Fall herzlich und dringend gebeten."
"Eine alte trauernde Witwe kann sich aus ihrer Seelenangst und Trübsal über ihre Versäumnisse gegen den geliebten Mann nicht herausfinden, daß sie nicht williger und tiefer in seine künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen einging, und zu viel Teilnahme von ihm für ihre praktischen und materiellen beanspruchte. Sie hofft und glaubt zwar fest, daß ihr Heiland vergeben hat; aber dennoch drücken die Vorwürfe die zarte Seele fast zu Boden. Bis jetzt hat kein tröstendes Wort Eingang in das schwer beladene fromme Herz gefunden. Noch muß ich bemerken, daß ich das seltene innige Verhältnis der beiden wahrhaft im Herrn Verbundenen kannte und mich oft erquickt habe an der Treue und Fürsorge der liebenden Frau für den edlen Gatten."
Antwort. Die Trauer der Witwe über ihre Versäumnisse ist in Wahrheit wohl nur ein tiefgehendes Heimweh nach dem Manne in der eigentümlichen Form, die der Brief beschreibt. Denn aus dem Ganzen geht hervor, daß die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen des Mannes, mit dem sie seelenverwandt war, nach dem Wunsche des Mannes die gute Frau eigentlich doch sehr berührt haben, keineswegs von ihr ganz hintangesetzt wurden; und nun nicht mehr in den Interessen ihres Mannes sich bewegen zu können, macht ihr ein schmerzliches Wehgefühl, das sie in Vorwürfe über Versäumnisse an dem lieben Mann sich übersetzt. Sie hat also mehr gegen ihr Heimweh zu kämpfen, als sich die angeführten Vorwürfe zu machen. Denn diese Vorwürfe müßten doch allmählich verstummen, wenn sie weiß und fest glaubt, daß der Heiland ihr vergeben habe. In Beidem übrigens, sowohl wider das Heimweh, als wider die Vorwürfe, braucht sie einer Hilfe von oben, die das schwache Herz stärke, um durch den Glauben aus Evangelium über Beides hinüberzukommen.
Das Evangelium nämlich, meine ich doch, sollte im Stande sein, in Beidem zu helfen. Das Evangelium lehrt, daß man auch Vater und Mutter und Ehegatten etc. muß verlassen können um des Heilandes willen. Ein Heimweh aber, bei dem man fortdauernd sich quält, zeigt, daß man den Mann mehr lieb habe, als den Heiland; und Solches muß die trauernde Witwe sich nur bewußt werden, um gleich sich aufzuraffen, daß sie ja dem Heiland nicht wehe tue, indem sie meint und klagt, dem Manne, nach dem sie sich sehnt, scheinbar wehgetan zu haben. Ferner lehrt das Evangelium, daß die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen, welche auf Erden den Menschen eingenommen haben, drüben gar keine Bedeutung mehr haben. Solche Interessen muß man auf Erden zurücklassen, gerade, wie den Mammon. Man kann sie so wenig mitnehmen, als diesen, wie auch Paulus sagt (1 Kor. 13, 8): "so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und das Erkenntnis aufhören wird." Was wird also der selige Mann nach dem fragen, ob seine Frau in seinem Leben viel oder wenig seine wissenschaftlichen Interessen mit ihm geteilt habe? und warum will sich die Frau über dem quälen, was längst schon vom Manne vergessen ist? Dieser hat vielleicht einen Schaden darunter gefunden, wenn er, wie's gehen kann, mitunter auch mehr solchen Interessen, als denen des Reiches Gottes, gedient hat, wie auch Paulus Alles für Schaden achtete, auf daß er Christum gewinne (Phil. 3, 7-9). Das Evangelium endlich lehrt uns auch mit der Vergebung der Sünden Alles haben; und wir müssen uns in Acht nehmen, daß wir nicht den Heiland betrüben, wenn wir Seine Vergebung so wenig achten, daß wir ihrer ungeachtet uns fort und fort quälen, über etwas vollends, das nicht auf ein Ewiges, sondern auf ein Vergängliches gerichtet ist. In dem Allem gebe der Heiland der trauernden Witwe, was Not tut; und ich will Ihn auch für sie darum bitten.
215. Die Geister aus Gott.
Frage: "Wenn in 1 Joh. 4, 1-4 gesagt wird, "ein jeglicher Geist, der da bekennet, daß Jesus Christus sei in das Fleisch gekommen, der sei von Gott", soll ich dann Jeden, der mit dem Munde bekennet, Jesus sei Gott und Mensch, was ja so noch Viele tot glauben, auch sagen, für ein Kind Gottes halten? Was will das sagen: Der ist von Gott?"
Antwort: Vor Allem ist zu bemerken, daß nicht von Menschen, sondern von Geistern die Rede ist, welche geprüft werden sollen, ob sie von Gott sind oder nicht. Wie nämlich wahre Propheten einen persönlichen Geist von Gott einst hatten, der in ihnen und durch sie redete, und wie im N. Testament der Heilige Geist, so lange Er persönlich da war, in denen, welche Ihn bekommen hatten, redete und zeugte, so war bei falschen Propheten auch ein persönlicher Geist, der nicht von Gott war, sondern, unter der Obrigkeit der Finsternis stehend, bei Christen sich einschlich, namentlich bei heuchlerischen Christen, die fromm sein wollten und viel gelten, aber nicht dem Herrn, sondern sich selbst dienten. So kam es, daß es im A. Testamente wahre und falsche Propheten gegeben hat, von denen die Einen einen Geist von Gott hatten, die Andern einen, der nicht von Gott war. Auch im Neuen Bunde gab es bald falsche Propheten, die statt des Heiligen Geistes einen fremden Geist in sich hatten, die sich aber für ächte Propheten hielten, und darum eiferten, daß man sie als ächt nehmen solle. So war es notwendig, zu warnen, daß man nicht jeden Geist, der aus Jemand sprach, nur gleich als von Gott annehmen, sondern auf der Hut sein, und prüfen solle, ob er von Gott sei oder nicht, ob man ihm also trauen dürfe, oder nicht. So hat schon Paulus den Korinthern befohlen (1 Kor. 14, 29), Weissager, die in der Gemeine gesprochen hätten, zu richten, ob man ihrer Weissagung trauen dürfe, oder nicht. Johannes nun gibt in obiger Stelle auch einen Rat, wie man sich vor falschen Propheten, wenn man wolle, sicher stellen könne. Geister, die als von Gott aus denselben redeten, könne man, sagt er, an dem prüfen, ob sie bekennen, daß Jesus ins Fleisch gekommen sei. Geister der Finsternis, wenn die Jemanden in Besitz genommen hätten, deutet er an, können solches Bekenntnis unmöglich ablegen. Tun's Geister, so darf man trauen, daß sie von Gott sind, d. h. von Gott gegeben.
Nach der apostolischen Zeit, da der persönliche Heilige Geist bald nicht mehr war, konnte man Jeden, der aus dem Geist zu reden vorgab, und sich dessen brüstete, unbedingt als einen solchen nehmen, aus dem nicht Gott, sondern der Lügner rede. So ist's bis auf den heutigen Tag geblieben; und Somnambulen und Spiritisten sind's, die man vor Allem fliehen muß. Der Geist, der aus ihnen redet, kann sich zu Obigem nie bekennen. Redet aber ein Mensch aus sich, und so auch etwa Somnambulen in ihrem natürlichen Zustande, so kann derselbe freilich mit dem Munde zu Allem sich bekennen; aber ob er ein lauterer Mensch sei und Kind Gottes nach seinem Bekenntnis, das muß auf andere Weise geprüft werden.
216) Vom Licht, das man leuchten lassen soll.
Frage. "Soll ein Christ in jeder Lage des Lebens nach Matth. 5, 14-16 sein Licht leuchten lassen? Ist mit dem Wort Licht Bekenntnis unsres Glaubens gemeint? Ich (eine Deutsche) lebe seit Monaten in der Familie eines Predigers in der Hochkirche. Trotzdem mir ihre Ansichten gänzlich unsympathisch sind, schwieg ich die ersten Wochen, in dem Gedanken, nur durch stilles Wirken auf die Kinderseelen mehr Einfluß haben zu können; denn Glieder der Hochkirche sind sehr unduldsam. Später machte ich mir über mein Schweigen Vorwürfe; denn sie glaubten mich Anhängerin der Hochkirche. Da erklärte ich frei heraus, daß ich nicht ihre Ansichten teile. Mein Bekenntnis hatte nur zur Folge, daß sie sich Alle von mir wendeten, mich als Feindin der Kirche ansahen und mich entschieden mieden. Ich beklage mich nicht um dieser Verfolgung willen, sondern möchte nur wissen, in welcher Weise ich den Spruch des Herrn zu verstehen habe."
Antwort. Die Frage ist schon ein Jahr alt; aber indem sie mir wieder unter die Hände kommt, kann ich nicht umhin, noch eine Antwort darauf zu geben. Wenn der Heiland sagt: "Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten", so meint Er damit nicht, daß man nur soll frei und offen mit seinen Ansichten auftreten, und Widerspruch gegen Andere erheben. Das kann schon darum nicht sein, weil er Niemanden zu verstehen geben mag, das sei Licht, was Einer eben denke, meinend, seine Ansichten seien unfehlbare Lichtswahrheiten; und wie's die Andern hätten, sei's Finsternis. Mit seinen Ansichten vortreten, heißt also nicht sein Licht leuchten lassen, weil es ja mit diesem Licht noch etwas Unsicheres ist. Namentlich müssen Genossen verschiedener evangelischer Kirchen gegen einander duldsam sein, und einander bei dem belassen, was sie sind, wenn sie nur die christlichen Grundwahrheiten festhalten. Wenn wir unser Licht leuchten lassen sollen, so ist die göttliche Art gemeint, die wir als Jünger des Herrn durch das Evangelium angenommen haben. Diese Art ist ohne Worte auffällig und wohltuend, daß Jedermann sich von ihr angesprochen fühlt, ohne viel Darlegen von Bekenntnissen und Ansichten. Das Wesen des Christen kann ohne die letzteren leuchtend sein. Der Heiland hat im Anfang Seiner Bergpredigt das Leuchtende in Seinen Jüngern angezeigt, indem Er von ihnen sagt, sie seien geistlich arm; und als geistlich Arme seien sie erstlich leidtragend und sanftmütig, zweitens gerechtigkeitshungrig und barmherzig, drittens reines Herzens und friedfertig. Wer so ist, der ist ein Licht; und mit solchen Gesinnungen und Stimmungen sollen wir unter den Leuten als Licht leuchten, als ein Licht, an dem Jeder, der es sieht, sich erquickt, schon durch den bloßen Anblick sich angesprochen fühlt.
Wenn ich nun mit Anhängern einer andern Kirche zusammenwohne, so muß ich mich nicht über diese erheben, meinend, nur so sei es Licht, wie ich es habe. Wer sich über Andere erhebt und dadurch sich mit diesen zerwirft, steht nicht im Licht. Er ist mit der Darlegung seiner Ansichten den Leuten nicht nur kein Licht, sondern geradezu ein wenig Finsternis, weil er wehe tut, Herzen trennt, nichts Gutes schafft. Sich auch wenig darum bekümmern, ob man von Andern, die gerne lieben möchten, nun um der erhobenen Widersprüche willen verfolgt wird, ist auch nicht lichtvoll gedacht. Ich sehe namentlich nicht ein, warum man mit Anhängern der Hochkirche sich zerwerfen soll. Ein Unsympathisches sollte man da gar nicht fühlen. Warum soll ich's nicht mit ihnen haben können, da sie das volle Bekenntnis des Evangeliums haben, wie wir auch, wir mitunter wohl auch nicht. Ich kann's immer gut mit ihnen, und sie auch mit mir. Sind sie unduldsam, so sind sie's nur gegen Unduldsame. Unduldsam aber sind Sie, liebes Fräulein, eigentlich doch gewesen, indem Sie so frei heraus ohne Not erklärten, daß Sie der Andern Ansichten nicht teilen könnten. Warum können Sie doch mit ihnen keine Gemeinschaft haben in der Liebe, und in der Freude des Herzens, daß Beide gegenseitig einen Heiland haben? Warum mit Streiten über Ansichten sich entzweien? Das Ansichtswesen gehört nicht in das Kapitel des Lichts, von dem der Heiland sagt, daß man's leuchten lassen soll. Was man liebt, schont, Rücksichten nimmt, trägt, Geduld hat und Nachsicht, das ist Licht; und was trennt, ist Finsternis. Ein Bekenntnis wird von uns nur gefordert, wo der Glaube an Christum, der ins Fleisch gekommen ist, gestorben und auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und wieder kommen wird, gefährdet ist. Wo das nicht ist, muß man kein Störefried werden; oder man ist kein Lichtskind, das sein Licht leuchten läßt.
217. Wiederkehr der Opfer.
Frage. "Warum werden im jüdischen Gottesdienste des Milleniums (tausendjährigen Reichs) laut Hesekiel (s. Kap. 40-48) wieder blutige Opfer gebracht, nachdem solche durch Jesu Opfer am Kreuz im Geiste erfüllt, und von Paulus als abgeschafft erklärt worden sind?"
Antwort. Der angeführte zweite Teil des Propheten Hesekiel (Kap. 40 bis 48) hat so viele Dunkelheit durchs Ganze hindurch, daß man von ihm aus Schlüsse auf die Zukunft nicht machen kann. Schon die Beschreibung des Landes, wie es werden soll, noch mehr des Tempels, der gebaut werden soll, von welchem die Maße bis ins Kleinste hinaus angegeben sind, läßt sich durchaus nicht in eine Anschauung bringen, so viel man es auch versucht hat. Der Prophet, in der Zeit lebend, da der erste Tempel zerstört wurde, denkt sich eine Wiederherstellung des jüdischen Reichs und Tempels, ohne über die später dazwischen gekommene gänzliche Aufhebung aller Opfergebräuche Licht zu haben. Er weiß es also nicht anders, als daß wenn Israel wieder hergestellt sei, Opfer wieder bestehen werden, wie sie immer in Israel waren, auch nach der Rückkehr aus Babylon wieder eingeführt wurden. Weil er aber als Prophet redet, muß Alles eine gewisse geistliche Bedeutung haben, wie ja die Opfer überhaupt nur Vorbilder gewesen sind. Denkt man sich in dem ganzen Abschnitt die Beschreibung des Milleniums oder tausendjährigen Reichs, so ist auch das willkürlich, indem in dem Abschnitt alle Voraussetzungen, die zu einem solchen tausendjährigen Reiche da sein sollten, fehlen. Namentlich ist von einem Christus im ganzen Abschnitte nicht die Rede. Einstweilen, bis das rechte Licht über jene Kapitel in Hesekiel uns zukommt, müssen wir bei dem bleiben, was wir aus dem Neuen Testamente wissen, daß die blutigen Opfer für immer abgeschafft worden sind, da ja schon der Hohepriester zu ihnen fehlt, und da ohnehin ihre Wiederkehr, als ganz unverträglich mit der Heilslehre, undenkbar ist.
Die Leser übrigens wird es interessieren, zu vernehmen, daß noch eine christliche Kirche besteht, welche Opfer um die Osterzeit herum hat. Sie selbst nennt sich die älteste syrisch-chaldäische Kirche, ist aber in der Kirchengeschichte als die nestorianische bekannt. Sie hat noch viele Schriften in der alten chaldäischen Sprache. Diese Nestorianer, von dem Ketzer Nestorius im vierten Jahrhundert, der als Flüchtling zu ihnen kam, so genannt, waren einst ein sehr bedeutendes Missionsvolk durch die Mitte Asiens, bis die Muhammadaner kamen, und zählen jetzt nur noch, teils in Kurdistan, teils in Persien, 200,000. Sie wohnen im ehemaligen Assyrien, etliche Tagreisen von Ninive (welches etwa bei Mosul stand) gegen Osten, in einer hohen Gebirgsgegend, dahin einst unter Salmanassar die zehn Stämme verbannt wurden. Sie glauben daher vom Stamm Ruben abzustammen, und haben jedenfalls noch viele jüdische Sitten, die sie, auch nach ihrer Bekehrung durch den Apostel Thomas, wie sie sagen, beibehalten haben. Die Bergnestorianer in Kurdistan waren bis vor 30 Jahren unabhängig geblieben durch ihre Gebirge, sind aber jetzt von den Türken überwältigt worden. Sie bilden sonst einen fest geordneten Staat, unter einem Patriarchen und vier Fürsten, Malek, d. h. Könige genannt, welche zugleich Diakonen sind. Einer dieser Fürsten, Malek Markus, ist als Deputierter nach England gekommen, um Schutz zu suchen für sein schrecklich mißhandeltes Volk. Er wurde krank, und ist nun seit etlichen Monaten bei mir. Er zeigt eine seltene Bibelkenntnis. Dieser Malek nun erzählt von Opfern mit Schafen, die bei ihnen noch üblich sind, obwohl sein Volk zu den geläutertsten Kirchen des Altertums gehört, so daß man sie schon die Protestanten Asiens genannt hat. Zur Rechtfertigung der Opfer in seinem Lande sagt er, die alten Opfer vor Christus hätten vorwärts das kommende Opfer Christi, das allein giltig sei zur Rechtfertigung, vorbildlich im Auge gehabt; die Ihrigen deuteten rückwärts auf das geschehene Opfer durch Christum zur Erinnerung.
218. Die Hoffnung des Heiligen Geistes.
Frage. "In Ihren Blättern sprechen Sie öfters mit freudiger Gewißheit davon, daß bald die Wirkungen des Heiligen Geistes aufs Neue sich offenbaren würden. In einem Kreise von Freunden, die Ihre Blätter mit großem Interesse lesen, war eine verschiedene Ansicht darüber, wie Sie sich diese Offenbarung denken möchten, ob als eine neue Ausgießung oder als eine verstärkte Wirkung desselben. Die Einen waren der Meinung, Sie erwarteten eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Andern, besonders ein Theologe, hielten's für unmöglich, daß Ihre Worte darüber so zu fassen seien, da Gott nicht zweimal dasselbe tun könne. Der Geist, einmal gegeben nach Seiner Gnade, wirke ewig fort mit und in Seinen Gaben; aber wohl könne und werde eine Zeit kommen, in der Er wirksamer mit und in denselben erscheine, weil die Menschheit sich Seinem Einfluß hingebe, ihn erbitte in Erkenntnis ihres Elends, und dann auch erhalte. Denn Er sei nie aus der Menschheit gewichen, wohl aber von Vielen nicht angenommen, noch erfleht worden. - Da in dieser wichtigen Sache Viele in Unklarheit sind, möchte ich Sie, lieber Herr Pfarrer, hiedurch freundlichst ersucht haben, uns Ihre Meinung hierüber mitteilen zu wollen in Ihren Blättern."
Antwort. Obiger Brief hat mich gefreut, weil er mich erkennen läßt, daß in einem Freundeskreise, ohne Streit und Zank, nur mit einfacher Darlegung verschiedener Ansichten, über die von mir ausgesprochenen Hoffnungen, bezüglich einer Erneuerung der Christenheit durch den Heil. Geist, gesprochen wurde. Recht herzlich grüße und segne ich die Freunde, schon darum, weil ihnen die Hoffnung wichtig ist, und so sehr, daß sie um nähere Auskunft zu bitten sich gedrungen fühlen. Viel weiter kann ich vor der Hand von christlichen Freunden nicht verlangen, als daß sie die von mir ausgesprochenen Gedanken wichtig nehmen, sich für dieselben interessieren, über sie nachdenken, und dann wohl auch bittend in dieser Sache vor den Thron Gottes treten möchten. Verschiedenheit der Ansichten lasse ich mir gerne gefallen, namentlich über die Art, wie die Hoffnungen sich möchten erfüllen, und über das Maß und den Umfang dessen, was gehofft wird, ob man zu einer Hoffnung auf wenig oder viel sich emporschwingen kann, wenn man nur hofft, wenn nur die Augen wieder nach Gaben von oben gerichtet werden, und die Herzen nach einem sich öffnenden Himmel sehen, damit von da herniederkomme, was die Christenheit und Menschheit aufrichten kann. Ich selbst will Niemanden etwas Bestimmtes aufzwingen. Ich habe auch in mir so viel Liebe zu Allen, namentlich wenn sie etwas von Liebe zum Heiland sehen lassen, daß ich bei ihnen mit Nichts anstoßen möchte, wenn ich Ungewöhnliches sage. Ich sage es, meinem Willen nach, immer so, daß ich mit Allen im Geist verbunden bleiben kann, ob sie mich annehmen oder nicht, weil ich, durch meine Schuld geschieden von den Brüdern, lieber nimmer leben möchte. Auch, was ich jetzt schreibe, soll so gemeint sein, daß Jedem die Freiheit bleibe, davon anzunehmen, was ihm beliebt, ohne daß mein Verhältnis zu ihm eine Änderung erleidet, wenn nur sein Herz warm schlägt für Jesum Christum, den Weltheiland.
Meine Bekanntschaft mit der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, zu der ich schon vom 4. und 5. Jahre meines Lebens an, durch fleißiges und unausgesetztes Lesen der Schrift, Grund gelegt habe, hat mich von frühester Kindheit an innerlich nachdenklich, auch stutzig gemacht, ohne daß ich mich darüber äußerte (Letzteres ist eigentlich erst geschehen, nachdem ich als Pfarrer bereits eigentümliche Erfahrungen gemacht hatte), daß eben bei den Gläubigen der Schrift sich so Vieles ganz anders ansieht, als bei unsern Gläubigen. Wie viel namentlich sagt der Herr, und sagen die Apostel von dem Heiligen Geiste; und Alles, was sie sagen, kann ich bei uns nicht so finden, wie sie es sagen. Gaben vollends, wie sie die ersten Christen durch den Heil. Geist gehabt haben, sind ja ohnehin nirgends zu sehen. Es hat mir auch in den besten Erbauungsbüchern, die ich las, und immerhin hochschätzte, etwas gefehlt, von dem, was ich in der Schrift fand. Namentlich die Wirklichkeit nach den Worten konnte ich bei unsern Christen nur gar wenig finden, wenn auch die Worte an die Schriftworte angelehnt waren. Schon in meiner Kindheit daher hatte ich eine Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Etwas, das ich nur in der Schrift fand, und sonst nirgends, und worin ich mir die eigentliche Gotteskraft verborgen dachte. Es war mir das etwas Anderes, als die Lehre, oder die Glaubensartikel, die ich nach der Schrift als richtig, der Form und dem Gedanken nach, erkennen mußte. Den Heiland haben, in mir fühlen, den Geist haben und in mir zeugen hören, wie das sei, das hätte ich so gerne bei mir gefunden. Wenn ich auch etwas fühlte, so war's doch so schwach und unsicher, daß es mich nicht recht befriedigte, zumal ich hierin an Andern mich auch nicht aufrichten konnte. Das Bewußtsein von einer Armut, wie sie nach den Zeugnissen Christi und der Apostel nicht sein sollte, hat mich oft, auch wenn ich mich in einer Andacht fühlte, recht wehmütig gestimmt, besonders weil die besten Empfindungen immer wieder durch kleine Umstände schnell weggewischt werden konnten. Unter all dem aber war es mir nicht gerade um mich zu tun; denn ich mußte mir denken, jedermann werde den gleichen Mangel fühlen.
In Möttlingen nun, Oberamts Calw, wo ich 14 Jahre lang, von 1838 bis 1852, Pfarrer war, bekam ich Gelegenheit, etwas Mehreres zu erfahren; und zwar in der Art, daß mich's an jenes in der Schrift erinnerte, das mir immer gefehlt hatte, und das ich auch in keinem Buch sonst finden konnte, da ich auch wieder Seltsamem, Mysteriösem, Mystischem, das über den klaren Gedanken hinausgeht, immer feind war, wenigstens keinen Geschmack abgewinnen konnte. Ich hatte nämlich einen langen Glaubenskampf für eine Gebundene, die gelöst werden mußte, wie es nun dem Seelsorger, an den sie sich hielt, gelingen mochte. Unter diesem Kampfe wurde ich, ohne zurücktreten zu können, immer tiefer, in unerhörte Gräuel der Finsternis hineingeführt, darunter ich, - ich kann es nicht anders ausdrücken, - gleichsam handgemein wurde mit persönlichen Kräften der Finsternis, aber auch in der Stille einer höheren Unterstützung, und einer besonderen Gemeinschaft mit dem Herrn, mir bewußt wurde. Der Kampf war nicht umsonst, und führte zu einem endlichen Siege, der in dem hauptsächlich offenbar wurde, daß nicht nur jene Person, sondern meine ganze Gemeinde, wie von Banden der Finsternis gelöst erschien, und heilshungrig zu mir kam, ganz unaufgefordert mir ihre Sünden alle aufzudecken, um durch eine Art Absolution Vergebung der Sünden zu empfangen. Da empfand ich etwas von der Herrlichkeit des Worts an den Herzen der Sünder, und, wie mir erst später bewußt wurde, gewissermaßen einen Anfang von dem, was ich in neuester Zeit immer stärker, lebendiger und zuversichtlicher für die ganze Menschheit, - daß ich's gleich heraussage, - hoffe. Als ich einmal in einer Versammlung klar vor Augen sah, was der Herr an der Gemeinde getan hatte, bekam ich plötzlich ein Wehgefühl über dem Gedanken, daß auch diese Gnadenheimsuchung etwas Vorübergehendes, wenigstens später wieder Verschwindendes, sein werde, wenn nicht, - zum ersten Male brauchte ich dieses Wort, - eine neue Ausgießung des Heil. Geistes käme. Von da an ist's mein Einziges, um diese, oder wie es nun nach dem Rat des Herrn werden sollte, zu bitten. Einstweilen trat auch Vieles von dem ersten Feuer zurück; und auch ich mußte unter viel Schwachheit mir durchhelfen. Nur von einer gewissen Gabe für Kranke ist mir etwas geblieben, das auch in 34 Jahren sich nicht nur nicht verloren, sondern neuestens auffallend wieder vermehrt hat. Weil ich aber so ein Weniges von dem bekommen hatte, was der Christenheit abhanden gekommen ist, wuchs meine Sehnsucht nach der Rückkehr des Verlornen. Daß ich hoffen dürfe, wurde mir immer deutlicher durch die Schrift und durch die Propheten; und je mehr in jetziger Zeit Alles, was zum Christentum gehört, im Großen zu verfallen scheint, je mehr auch die Verderbnisse einen Grad erreicht haben, über den hinaus sie kaum ärger werden können, desto gewisser wird mir auch ein Bald meiner Hoffnung, und je älter ich, nun 72jährig, werde, desto mehr.
(Fortsetzung folgt.)
219) Die Hoffnung des Heil. Geistes.
(Fortsetzung.)
Frage, s. Nr. 5, III, 218.
Über all das mich noch mehr hier auszusprechen, kann nicht erwartet werden. Ich möchte nur die, die ein Interesse daran haben, bitten, selbst in den Geist der Schrift einzudringen, namentlich Alles, was auf ein Innwohnen Gottes im Menschen durch den Heil. Geist und Christum sich bezieht, herauszufinden und in Erwägung zu ziehen, um, wie ich ungesucht darauf gekommen, selbst zu fühlen, was uns mangle. Die persönliche Innwohnung des Heil. Geistes kann unmöglich mehr da sein; denn sonst müßte doch mehr Verständigung der Christen unter einander stattfinden. Man müßte reeller auch bei Verschiedenheiten sich lieben, man könnte unmöglich so viel sich zanken und streiten, sogar ausschließen. Überall fühlt man sich arm; und das Band der Herzen, welches nur der Heil. Geist binden kann, ist nicht mehr da. Wie gering sind unsere Wirkungen auf Personen, die Trost, Aufrichtung, Ermahnung, Halt, Besserung von üblen Angewöhnungen und Untugenden bedürften! Wie schwer will's gehen, um Andere zu überzeugen! Wie unwissend fühlt man sich selbst und sieht man Andere hingehen, trotz dem Vielen, das zu lernen und zu hören dargeboten wird! Wie viele innere Zweifel, Angst, Ungewißheit der Hoffnung, und Anderes mehr haben auch redliche Christen ihr ganzes Leben hindurch! Es fehlt die persönliche Innwohnung des Heiligen Geistes, welche bald Alles anders gemacht hätte. Denke ich vollends an die geistigen Zerrüttungen so Vieler, die auch den Character von Besessenen haben, an die Anfechtungen, von welchen alle Menschen etwas haben, an die Gewalt der Sünde im Menschen, wie unmächtig wir solchem Allem gegenüber sind; denke ich an die Kranken, die Gebrechlichen aller Art, welche von Jesu und den Aposteln ausnahmslos geheilt wurden, und die wir, selbst innerlich seufzend, nicht im Stande sind, von ihren Schmerzen zu lösen; denke ich an die Macht des Unglaubens, die immer größer wird, weil nichts von der Macht des Geistes wahrgenommen wird, so muß ich immer wieder notgedrungen sagen: Es fehlt den Christen der verheißene persönliche Heil. Geist. Der von Gott ausgegossene Geist ist so nicht mehr da, als Er da gewesen ist, und sollte doch da sein, weil ohne Ihn Millionen nicht mehr zu retten sind aus ihrem Elend und ihrer Verkommenheit, und doch gerettet werden sollten.
Es wird nun den Lesern erklärlich sein, wie ich wenigstens den Mangel meine, von dem ich immer rede und von dem mich's drängt, zu hoffen, daß er werde wieder von dem Herrn der Herrlichkeit weggenommen werden, von Ihm, der ja ohnehin wiederkommen soll, wenn Alles wird zurechtgebracht sein, nach Seinem Rat und Wohlgefallen. Etwas muß geschehen, wenigstens muß es in die ernstlichste Bitte vor Gott genommen werden, daß es geschehe; und weil ich schon Erfahrungen gemacht habe, wie sie teilweise nur verstärkt wieder gemacht werden dürften, und von denen ich immer mehr innerlich gedrängt werde, daß ich unmöglich schweigen kann, ist mir auch das Bald gewiß geworden. Bald, bald, das ist meine Meinung, wird es geschehen, daß der Herr drein sehen wird, um mit dem zu helfen, was allein helfen kann. Wenn aber mir dieses Bald gewiß ist, so will ich's von Niemanden fordern, daß es ihm werde, wie mir. Ich verlange keinen Glauben an mich und an das, was ich hoffe. Ich wünsche nur mehr Glauben an die Verheißungen der Schrift, Alten und Neuen Testaments, überzeugt, daß Jedem ein Licht auch über das Bald aufgehen kann, wenn er mit seinem Geiste sich tiefer darein versenkt.
Nun aber wird gefragt, wie ich mir das Wiederkehren der Wirkungen des Heil. Geistes denke, was und wann es geschehen müsse, daß sie sich aufs Neue offenbaren könnten. Dabei wird nun gefragt, ob es werde eine neue Ausgießung des Heil. Geistes werden, oder nur eine verstärkte Wirkung des ausgegossenen Geistes, der, einmal gegeben, ewig fortdaure mit und in Seinen Gaben, je nachdem man Ihn annehme, oder um Ihn bitte. Was Letzteres betrifft, so möchte ich nur erst fragen: Wo sind denn die Gaben, mit und in welchen der Heil. Geist jetzt noch fortwirkt, und als ewig wirkend sich zu erkennen gibt? Wenn die Gaben doch irgendwo wären, so müßten sie sich bemerklich machen; aber man weiß nirgends von solchen, wenn auch viel Edles da und dort zu finden ist. Man redet da immer aus einem System heraus, aus einmal aufgefaßteu Grundgedanken, die keinen Halt in der Schrift und ebenso wenig in der Erfahrung haben. Wir werden es mit dem Heil. Geist uns ganz anders vorzustellen haben, als daß Er etwas einmal Gegebenes sei, das ewig fortwirke.
Es wurde nun, nach der an mich gestellten Frage, auch die Einwendung gemacht, daß ich unmöglich werde von einer neuen Ausgießung des Heil. Geistes reden können, die kommen müsse, weil Gott nicht zweimal dasselbe tun könne. Hier wird nebenbei nicht an das gedacht, daß es heutzutage Theologen gibt, die eben an dem sich stoßen, daß in der Schrift so Vieles, ja die ganze Offenbarung, genau genommen, wenn auch in alte und neue geteilt, nur als einmal geschehen sich darstelle. Was erzählt werde, sei damals geschehen, und dann nicht mehr; und daß sich nichts wiederhole, gebe das Recht, endlich den Glauben an einmal Geschehenes aufzugeben. Diese Theologen könnten auch sagen: "Was ist's um die Ausgießung des Heil. Geistes? Wenn einmal geschehen, was haben wir davon? Wer will das Seltsame, das dabei vorkam, und nur Einmal, noch glauben? Wie kann man an eine solche Ausgießung glauben, wenn wir nichts an sie Erinnerndes wieder unter uns sehen?" Wir sehen, das Wort, Gott könne nur Einmal dasselbe tun, ist ein selbst erfundener Lehrsatz, mit dem man, auch wenn man die Offenbarungsgeschichte näher ansieht, gar nicht zurecht kommen kann.
Seltsam muß ich das nennen, wenn Gott nicht soll zweimal dasselbe tun können. Wenn Er doch ein Geschlecht nach dem andern hingehen läßt, wie kann Er der sein, der will, daß für alle nachfolgenden Geschlechter immer nur Einmal Gegebenes ausreiche, auch in dem Fall, wenn dieses nirgends erblickt wird? Nach der Schrift ist es ganz anders. Da ist Gott dem Abraham erschienen, und hat ihm gesagt, daß durch seinen Samen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden. Das genügte aber nicht, als Isaak statt seiner aufkam. Dem sagte es Gott zum zweiten Male (1 Mos. 26, 4); und später sagt Er's dem Jakob zum dritten Male (28, 14). Dem Abraham hat Gott ferner gegeben, Seine Rechte, Seine Gebote, Seine Weise, Sein Gesetz (1 Mos. 26, 5), offenbar die Grundlage von dem Gesetz, welches Gott zum zweiten Mal durch Moses gab. Wenn nötig, tut Gott immer wieder dasselbe. Oftmals ließ Er Feuer vom Himmel fallen beim Opfer. Zweimal ging Israel trockenen Fußes über das Wasser, durch's rote Meer und über den Jordan. Wie Gott auch zweimal und öfter etwas tun kann, zeigt sich am Schlagendsten mit der Wolken- und Feuersäule, die Schechina genannt, welche in der Wüste unter Moses so große Bedeutung hatte, bei der Gesetzgebung, und sonst als zur Führung des Volks. Diese Schechina war später oftmals verschwunden, und kam doch von Zeit zu Zeit wieder. Besonders auffallend kam sie in den Tempel Salomons, da es heißt (1 Kön. 8, 10. 11): "Da aber die Priester aus dem Heiligtum gingen, erfüllete eine Wolke das Haus des Herrn, daß die Priester nicht konnten stehen, und Amts pflegen, vor der Wolke. Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllete das Haus." Wenn aber diese Schechina sich wiederholte, oft erst nach Jahrhunderten, welche im Grunde als äußerliche Gabe vom Herrn ein Vorbild der innerlichen Gabe des Heil. Geistes war, bei welcher ja auch die Jünger als mit Feuer erfüllt, erschienen, wie sollte man sagen mögen, daß der allem Fleisch verheißene Geist nur Einmal an den ersten Pfingsten sollte gegeben worden sein, und nicht wieder gegeben werden können, weil Gott nichts zweimal tue, ungeachtet von dem Wirken des erstmals gegebenen, so gut als nichts mehr übrig geblieben ist, wenn man an das Außerordentliche hinsieht, das damit verbunden war?
(Schluß folgt.)
220. Die Hoffnung des Heil. Geistes.
(Schluß.)
Frage, s. Nr. 5, III, 218.
Soll ich nun mich näher erklären, wie ich mir die neuen Offenbarungen der Wirkungen des Heil. Geistes denke, so muß ich gestehen, daß ich mir die Art und Weise, wie Gott etwa das uns wieder geben werde, was die apostolische Zeit gehabt hat, nie bestimmt vorzustellen oder in mir festzusetzen wagte, indem ich nicht systematisch grübelnd, hinter dem Pult nachdenksam sitzend, auf meine Hoffnungsgedanken gekommen bin. Deswegen bin ich von manchen Fragen, die an mich gemacht werden, überrascht, daß ich nicht gleich weiß, wie antworten, und meine, die lieben Freunde dürften, durch meine Gedanken angeregt, selber nachdenken, wie es etwa sein könne, ohne mich zu einem Lehrmeister in Allem machen zu wollen, der ich ja gewiß nicht sein will. Natürlich muß ich, gefragt, nun antworten, freilich auch zuvor nachdenken. Habe ich mich früher verschiedener Ausdrücke bedient, um möglichst nicht anzustoßen, und gesprochen von einer verstärkten Geistesmitteilung, oder einer erneuerten Ausgießung, oder einer Wiederversetzung in das Frühere, und habe ich gerne etwas beigesetzt, etwa: "Wie das nun sein mag nach dem Willen des Herrn", weil ich nichts festsetzen wollte, so bin ich jetzt, angeregt durch die Frage, auf etwas Bestimmteres gekommen, indem ich es nun fortgesetzte Ausgießungen des Heil. Geistes nennen will; und meine Bitte zum Herrn wäre, Er möchte das Angefangene wieder aufnehmen und fortsetzen, bis es überall hin gegeben sei. Hierüber aber will ich mich näher erklären.
Der Ausdruck nämlich, - um noch einmal ein wenig auszuholen, - den ich übrigens schon oft gehört habe, der Geist einmal gegeben, wirke ewig fort in und mit Seiner Gabe, und brauche nur angenommen oder erfleht zu werden, kommt mir seltsam vor. Der Heilige Geist nämlich soll hienach gegeben und geblieben sein, so daß Er nicht wieder braucht gegeben zu werden. Nun möchte ich aber doch fragen, wo Er denn etwa sein oder aufbewahrt werden möchte, bis es Jemanden einfalle, Ihn zu begehren und zu nehmen, da er Ihn denn gleich haben könne. In der Luft kann Er doch nicht schweben. Er muß, wenn Er geblieben ist, doch irgendwo in Menschen wohnen und sein. Wo sind denn aber nun diese Menschen, die Ihn haben? und wo kommt der Geist hin, wenn diese sterben, bis Ihn Andere wieder annehmen? Nach der Schrift nämlich ist Er eine Person, und als etwas Persönliches war Er den Menschen gegeben, da Er reden, unterweisen, trösten, erinnern, strafen, ermuntern, stärken, in alle Wahrheit leiten, auch Weisheit und Worte bei einer Verantwortung, da es nicht die Apostel waren, die redeten, sondern der Geist, der in ihnen war, geben konnte. Das Alles zielt auf ein Persönliches, das in den Aposteln war. Starben diese nun, wo kam dann das in ihnen wohnende Persönliche hin? Kam es schnell in Jemand anders? Ach, wie liegt's doch nahe, daß es einfach in den Himmel, in Seine Heimat, ging, und nicht gleichsam vorrätig auf Erden blieb, um gelegentlich wieder sich zu einem Besitze zu machen! Ich bitte um Verzeihung, daß ich's so einfältig auseinandersetzte; aber warum sagt man denn auch so sonderbare Einwendungen?
Abgesehen von diesem, frage ich noch einmal: Wo ist denn der gebliebene Heilige Geist? Von welchen Menschen kann man sagen, daß sie Ihn haben? Namentlich wenn Er auch in Seinen Gaben noch sollte da sein, muß doch gefragt werden dürfen: Wo äußern sich denn die Gaben des Heiligen Geistes, wie sie in der ersten Zeit sich geäußert haben? Ich meine, wenn man so redet und sagt, der Heilige Geist, einmal gegeben, wirke ewig fort mit und in Seinen Gaben, habe man doch eigentlich nicht den schriftgemäßen Begriff vom Heiligen Geist. Denn man sagt da etwas, was man sich ganz und gar nicht denken kann. Daß freilich eine Wirkung des Heiligen Geistes empfunden werden kann, namentlich durch Wort und Art frommer Personen, daß ein Wehen des Heiligen Geistes bei der heiligen Taufe, bei der Konfirmation, beim Heiligen Abendmahl, bei jedem Segen, der erteilt wird, Statt finden und eine bleibende Wirkung haben kann, das ist gewiß; und wie hätte das Christentum alle seine Kämpfe bestehen können, wenn auch nach dieser Seite der Heilige Geist gewichen wäre! Wir wissen ja, wie auch die Jünger im Umgang mit dem Herrn vom Heiligen Geiste angeregt wurden, wie sie auch einmal der Herr anblies, um Heiligen Geist ihnen mitzuteilen, ehe der persönliche Heilige Geist über sie ausgegossen wurde, als ein anderer Tröster, wie der Herr sagte. Da ist aber der Heilige Geist immer etwas außer dem Menschen, nichts in ihm Wohnendes, nichts in ihm Zeugendes und Redendes, kein Besitz in ihm, wie es sein muß, wenn das Ursprüngliche soll wiederkehren.
Sehe ich nun die hieher gehörigen Schriftstellen näher an, so ist vor Allem ersichtlich, daß wirklich bestimmt von wiederholten Ausgießungen des Heiligen Geistes die Rede ist. Die auffallendste ist die bei Cornelius, da es heißt (Apost. 10, 44.): "Da Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf Alle, die dem Wort zuhöreten"; und, heißt es weiter (v. 45): "Sie entsetzten sich, daß auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen ward." Es hat also hier wirklich eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes Statt gefunden, die nicht einmal durch die Taufe von Seiten der Apostel vermittelt wurde; und Petrus konnte nachher sagen (11, 15.): "Indem aber ich anfing zu reden, fiel der Heilige Geist auf sie, gleichwie auf uns am ersten Anfang." Ein ähnliches ist's in Samaria gewesen, da der Heilige Geist auf keinen fiel (8, 16.), als sie getauft wurden; und erst als Petrus und Johannes kamen und die Hände auflegten, empfingen sie den Heiligen Geist. Diese Handauflegung war offenbar nur eine Anregung, daß der Heilige Geist vom Himmel fiel, nicht eine Mitteilung, wie durch Menschen, wenn doch (8, 16.) der Heilige Geist auf die Täuflinge fiel, was der Ausdruck ist, für das, was von oben kommt. So heißt es auch nie, die Apostel hätten den Heiligen Geist mitgeteilt; sondern unter der Handauflegung fiel Er, oder kam Er, oder wurde Er empfangen, jedesmal als etwas Neues, Wiederholtes, Fortgesetztes vom Herrn, nicht durch die Apostel Fortgepflanztes. (Über die Ausdrücke fallen, kommen, empfangen s. 1, 8; 6, 16; 10, 44; 11, 15; 19, 6.) Wiederholte Ausgießung war's namentlich offenbar auch über Johannesjünger durch Paulus (Apost. 19, 6).
Nach diesen Stellen war es jedesmal, so oft Jemand den Heiligen Geist empfing, eine wiederholte, eine erneuerte, eine neue Ausgießung oder Mitteilung des Heiligen Geistes von oben; und von einer einmaligen Ausgießung, deren Wirkungen dann von selbst fortdauern sollten, ist gar nicht die Rede in der Schrift. Es ist also der Heilige Geist einfach damit unter den Christen als persönlicher Besitz verschwunden, daß Er auf Niemanden mehr fiel, Niemanden mehr gegeben wurde, auf Niemanden mehr von oben kam, Niemand mehr Ihn empfing. Die Ihn hatten, behielten Ihn, und behielten Ihn wohl bis an ihren Tod; aber die Ihn nicht hatten, bekamen Ihn später nicht wieder. An den Samaritern haben wir ein Beispiel, wie getauft werden konnte, ohne daß der Heilige Geist auf die Täuflinge fiel. Wenn derselbe aber hier noch ergänzt werden konnte, so ist es doch denkbar, daß später oft getauft wurde, ohne daß der Heilige Geist nachher gegeben wurde. Es ist möglich, daß schon in der apostolischen Zeit es nicht mehr Regel war, daß Alle, die getauft wurden, den Heiligen Geist empfingen, da je und je auch von Andern, als den Aposteln, voreilig getauft wurde. In der Folge setzte der Herr die volle Mitteilung des Heiligen Geistes (denn die stillen Wirkungen haben nie mehr aufgehört, auch auf Nichtchristen, sie herbeizuziehen, sich ausgedehnt), wie die Geschichte es deutlich zeigt, nicht mehr fort; und also hat sie aufgehört, in der Christenheit zu sein.
Hienach wäre die Frage leicht zu beantworten, wie das Verheißene, aber jetzt uns Fehlende, wieder werden könnte. Wir haben einfach den Herrn zu bitten, Er möchte die Ausgießung oder Mitteilung wieder fortsetzen, wie sie im Anfang war (11, 15), und dann immer weiter kommen lassen, bis sie über alles Fleisch nach der Verheißung gekommen wäre. Ausgießung kann man es nennen, wenn es dem Herrn gefiele, auf eine kleinere oder größere Gruppe gläubiger Christen zumal Ihn fallen zu lassen. Sonst kann man es ein Kommen auf die Einzelnen nennen, aber immer, auch wenn Handauflegung Statt findet, als von oben her. Fallen wird der Heilige Geist freilich auf Niemanden, der nicht innerlich zugerüstet ist. Wer Ihn aber hat, wird mit Macht, durch Wort und Tat, das Reich Gottes zu fördern im Stande sein, welches ja zuletzt noch alle Geschlechter der Erde umfassen soll.
Ich denke, auf diese Weise sei das Richtigste gesagt, wie ich mir es selber bisher nicht so klar und deutlich gedacht hatte.
221) Zur Offenbarung Johannis.
Frage. "Sollte es Ihnen bei den Betrachtungen, welche Sie gegenwärtig in den Blättern aus Bad Boll über die Weissagungen Jesu Christi, unsers Herrn, darlegen, nicht gefallen, auch auf dasjenige Rücksicht zu nehmen, was die Offenbarung Johannis hierüber enthält? Sollte dieselbe als ergänzend hierbei nicht zu beachten sein? Sicher würde dieses einem Wunsche Vieler begegnen."
Antwort. Um die Offenbarung Johannis als ergänzend zu den Weissagungen Jesu zu beachten, müßte sie klarer und deutlicher vor uns stehen. Sie müßte lichtvoller geschrieben sein, als wir sie finden; und wenn ich für meine Person etwas daraus entnehmen soll, so müßte ich mir bewußt sein, daß ich sie verstehe. Ich verstehe sie aber in der Hauptsache nicht, obwohl ich seit 40 Jahren alle Jahre über sie zu reden veranlaßt bin, nur daß ich in den letzten Jahren meist beim Lesen nichts mehr sage, weil ich früher jedesmal wieder glaubte eine andere, und nun die richtige Erklärung gefunden zu haben; aber auch die letzte ließ mich unbefriedigt. Wir müssen auf den Geist der Weissagung warten, den wir nicht haben, und der allein den rechten Aufschluß uns geben kann.
Die Weissagungen Jesu sind klar, deutlich, für Jedermann verständlich gegeben. Beim Buch der Offenbarung weiß man, wo sie weissagt, selten klar, wie es eigentlich gemeint ist, namentlich ob es Vorgänge in dieser oder in der unsichtbaren Welt sind, ob Menschen eine Rolle dabei spielen, oder mehr die verborgenen Kräfte der Finsternis. Ich wüßte, wenn ich's überdenke, gar nichts nach der Offenbarung zu nehmen, das ich so leicht als ergänzend neben das hinstellen könnte, was der Herr Jesus verkündigt. Ich hätte es von selbst getan, wenn mir's leicht gewesen wäre. Was die Plagen betrifft, deren so viele in der Offenbarung vorkommen, so ist man kaum berechtigt, anzunehmen, daß mit ihnen der Herr 1800 Jahre gewartet hätte, daß sie also nur in den Tagen der Letztzeit eintreten werden. Innerhalb der langen Zeit kann doch Vieles bereits geschehen sein, was angekündigt ist, zumal die Erfüllung als gleich nach der Offenbarung eintreffend oder anfangend angedeutet ist. Sollte der Herr in der Zeit von 1800 Jahren nichts an der Menschheit getan haben, das Andeutungen in der Offenbarung findet? Wohl habe ich früher mehr die Ansicht gehabt, als ob sich Alles wohl auf die letzte Zeit beziehe; aber allmählich ist mir doch das Stillschweigen davon in den Reden Jesu, die entschieden nur die Letztzeit beschreiben, wichtig geworden, daß mir der Gedanke kam, es könnte doch schon Vieles längst erfüllt sein, über das wir also in der letzten Zeit bereits hinüber wären. Man bedenke, wie viel gräuliches die Geschichte der 1800 Jahre in allen Beziehungen aufweist, daß man sich kaum denken kann, daß noch ärgeres vorgehen könne, als längst mehrfach schon geschehen ist. Man denke nur an den schwarzen Tod im 15. Jahrhundert. Was nun eigentlich übrig bleiben soll für die letzte Zeit, kann ich nicht mit Sicherheit herausfinden. Indessen will ich mit Andern nicht streiten, die anders denken und auslegen; aber ich müßte viel mehr Klarheit über das ganze Buch der Offenbarung haben, um wirkliche Ergänzungen aus demselben entnehmen zu können. Die Weissagungen Jesu aber geben mir einstweilen genug, und machen mich nicht einmal lüstern nach anderen.
Der Freund, der die Frage gestellt hat, wird vielleicht verwundert sein, daß mir die Geschichte der Letztzeit nach den Reden Jesu nicht so schwarz vor der Seele steht, als man sie sich gewöhnlich vorstellt. Aber es ist nicht mein Gedanke. Ich habe es ganz aus den Reden Jesu entnommen, die gar Manches gar nicht berühren, wovor alle Welt, wenn die Zeit käme, große Angst hat. Schon von zuletzt wieder sich erneuernden Verfolgungen lesen wir nichts, namentlich auch nichts von einem die ganze Welt beherrschenden Antichristen, der alle Völker im gräulichsten Banne habe wider das Christentum. Wenn aber die Offenbarung von einem falschen Propheten redet, da man wieder nicht weiß, ob der ein Mensch ist oder nicht vielmehr eine verborgene Macht der Finsternis, welche die Menschen bezaubert, so ist es denkbar, daß das Meiste im Grunde schon erfüllt ist. Ohne an Früheres, das hier angeführt werden könnte, zu erinnern, halte ich es für möglich, daß die finstere Macht, wie sie Off. 13 geschildert ist, eben jetzt sich in aller Welt auf eine ziemlich gleiche Weise offenbart, freilich ganz anders, als man sich's gewöhnlich vorstellt. In der ganzen Welt dringt man auf eine gleichmäßige Vernunftreligion, die nichts weniger als ein Christentum, ja diesem völlig entgegen ist, und die man bei uns die Religion der Gebildeten nennt. Sie macht reißend schnelle Fortschritte unter Protestanten und Katholiken, unter Juden und Türken (bei den Letzteren vielleicht weniger), unter Hindu's, Chinesen und Japanesen. Überall ist's die Religion der Gebildeten, auf welche Alles lossteuert, und von welcher die tieferen Begriffe der Sünde und Erlösung gänzlich abgestreift sind. In manchen Zeitschriften und Büchern wird diese allgemeine Religion der Gebildeten bereits als die herrschende angenommen, welcher gegenüber der Standpunkt des Christentums als überwunden erscheint.
Wie sehr da im Verborgenen die in der Offenbarung angenommene Macht der Finsternis in Allem die Hand hat, sieht freilich Niemand; aber während Jedermann nur auf schaurige Erscheinungen wartet, welche die Welt drohen umzukehren, spielt sich Alles unvermerkt in die Hände der Finsternis zu einem vollständigen Abfall. Neben dieser Religion bleibt Alles so ziemlich im Frieden, und das ist wohl gerade das Geheimnis der Bosheit, Alles unter der Hülle des Friedens zum innern Ruin und Verderben kommen zu lassen. Die Frage wäre jetzt nur, ob sich's nicht doch endlich zu einem schauerlichen Friedensbruch und zu einer Zeit gräulicher Verfolgung umschlagen werde. Ich aber sage vorerst nur, der Herr Jesus sagte davon nichts, ohne daß ich, was gefürchtet wird, bestreiten wollte, setze aber doch meine Hoffnung auf die kommenden blühenden Feigenbäume und alle Bäume, die einen höheren Frieden sichern könnten. Sind diese jedoch in der Blüte, so mag mir kommen, was will, etwa auch ein Opposition bildender Antichrist, oder ein Boshaftiger, wie ihn Paulus im Thessalonicher-Briefe schildert (2 Thess. 2, 3-12), da aber auch nur von Verführungen, nicht von Verfolgungen die Rede ist, wiederum mehr durch geistige Kräfte, als durch politische Machtstellungen, die da sein werden.
Unterdessen, so lange der Abfall da ist, hat man freilich wohl noch viel Zorn von oben zu erfahren. Wir sind auch in einer Zeit, da der Lebensdruck einen immer größeren Grad erreicht. Der Jammer, der groß schon ist, kann noch größer werden. Krankheit und Tod kann noch eine große Rolle spielen. Unglücksfälle aller Art, wie sie jetzt schon in umfangreichster Weise sich ereignen, wären immer noch zu fürchten. Gelänge es aber unserem Heilande, bald als Sieger wider die verborgenen und unsichtbaren Mächte der Finsternis näher zu kommen, so könnte sich schnell Alles freundlicher gestalten, auf Sein schließliches persönliches Kommen hin.
Ich erinnere noch an einen Aufsatz in den Blättern, 1875, No. 52, III, 140, wo vom Antichristen in Off. 13 gesprochen wird.
222. Die Trübsal der letzten Zeit.
Frage. "Wie kann die Behauptung und von Vielen als allgemeine Anerkennung aufgestellt werden, daß die künftigen Tage und letzte Zeit noch eine bessere, geist- und gnadenreichere werden soll, da doch nach allen biblischen Zeugnissen im Alten und Neuen Testament sie als eine Abfallszeit uns beschrieben wird. (Dan. 11, 36 f. 12, 1; Matth. 24, 37-39. 25, 1-13; Luc. 17, 26-30; 1 Thess. 5, 1-4; 2 Thess. 2 ganz; 1 Tim. 4, 1-4; 2 Tim. 3, 1-6; 4, 1-5; 2 Petr. 3 ganz; 1 Joh. 2, 18. 19. Judä v. 17-20. Off. 13.). Alle diese Stellen werden genügenden Beweis geben, daß die Letztzeit eine Abfallszeit ist. Von dem an, daß Paulus und Johannes in ihren Briefen reden, daß sich die Bosheit schon heimlich rege, ist es ja bis auf unsre Zeit immer einreißender geworden, neben dem, daß das Evangelium als Sauerteig alle Völker durchdringt, und immer Annahme des Worts und Abfall neben einander hergeht. Joel 3, 1 aber gilt meines Erachtens nur dem Volke Israel, wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist. Denn auch am ersten Pfingstfest hat es zunächst den Juden gegolten; und den Übrigen aus Israel wird es am letzten auch noch gelten."
"Ein Fabrikarbeiter."
Antwort. Gerne will ich auf Obiges von einem Fabrikarbeiter antworten, wenn ich's auch, da ich schon so viel darüber geschrieben habe, diesmal etwas kurz mache. Vor Allem aber bemerke ich, daß ich keine Behauptungen aufstellen will. Ich will nur Biblisches aufsuchen und auslegen, und erbiete mich auch, von Andern mich belehren zu lassen. Ich wünsche nur, daß man nicht einseitig die Bibel nehme, sondern Alles von ihr gelten lasse. Viele noch nicht erfüllte Verheißungen der Propheten läßt man gewöhnlich liegen; und angekündigte schwere Zeiten malt man oft so aus, daß man sie so nirgends in der Bibel finden kann, wie man sich's ausmalt. So macht alle Welt ein saures Gesicht hin, wenn von der letzten Zeit die Rede ist; und ich möchte es meinem Heiland so gönnen, daß Er fröhliche Gesichter bei uns antreffen möge. Daß übrigens meine Schriftgedanken schon allgemeine Anerkennung gefunden haben, sehe ich noch nicht; vielleicht hat aber der Freund, der schreibt, mehr gesehen, als ich. Das aber würde mich sehr freuen.
Vor Allem möchte ich das besprechen, was denn eigentlich nach der Schrift die letzte Zeit ist. Nach der Schrift hat sie schon mit dem Heiland begonnen (Hebr. 1, 1); und die ganze Zeit nach Ihm bis zu Seiner Wiederkunft heißt die letzte Zeit, weil es die letzte Zeit ist, in der Gott geredet hat (Ap. 2, 17; 1 Joh. 2, 18 etc.). Das ist um so begreiflicher, weil diese Zeit keine abgemessene ist, sondern eine solche, die bald, ja alle Tage sich abschließen kann. Somit begibt sich Alles, was die Schrift von kommenden Trübsalen sagt, bereits in der letzten Zeit. Die ersten Christenverfolgungen geschahen in der letzten Zeit. Die falschen Lehrer und Propheten und Heilande zur Zeit und nach der Zeit der Apostel, kamen alle schon in der letzten Zeit. Die Muhammadaner mit ihren schrecklichen Vernichtungskriegen kamen in der letzten Zeit. Die gräulichen Völkerwanderungen, welche die ganze Welt umkehrten, geschahen in der letzten Zeit. Die vielen mörderischen Kriege schon bald nach den ersten Jahrhunderten und bis auf unsre Zeit in entsetzlichster Weise fortgesetzt, geschahen alle in der letzten Zeit. Die vielen Entstellungen des Christentums, die Verderbnisse der Kirchen, wie sie gar nicht ärger sein konnten, sind alle als in der letzten Zeit vorgekommen. Die Reformation und die Stürme, die sie hervorbrachte, kam in der letzten Zeit. Die argen Verfolgungen in der katholischen Kirche, zum Teil bis in die neuere Zeit fortgesetzt, die Verbrennungen von Christen, geschahen in der letzten Zeit. Was war nicht die französische Revolution, die selbst Gott und Christum absetzte? In der letzten Zeit kam sie vor. Wie viele Pestilenz, wie viel Erdbeben, Hungersnot, Feuers- und Wassernot, kam nicht Alles vor, und Alles war in der letzten Zeit. Unsäglich viel gräuelhaftes ließe sich anführen, das in 1800 Jahren geschehen ist, und Alles in der Zeit, welche die Schrift die letzte Zeit nennt (durch Stellen, wie 2 Tim. 3, 1; 2 Petr. 3, 3; Judä v. 18 wird die Sache nicht anders).
Hieraus geht hervor, daß man nicht gerade das Recht hat, beim Gedanken an die Weissagungen der Schrift alle Gräuel der vergangenen Jahrhunderte zu übersehen, als müßten sie sich jedenfalls notwendig noch einmal, und zwar aufs Höchste geschärft, in wenigen Jahren vor der Zukunft des Herrn wiederholen. Vielmehr dürfen wir getrost annehmen, daß Unzähliges bereits erfüllt sei, was der Teufel, der nicht bis auf die allerletzte Zeit wartete, anstellen wollte, um die Menschheit so zu verderben, daß auch das Opfer Christi an ihr soll verloren sein. Wir sind ganz sicher über Vieles hinüber, wenigstens der Hauptsache nach; denn die Kämpfe der früheren Zeit können doch nicht gar umsonst gewesen sein, und haben gewiß uns viel Gewinn eingebracht. So kann keine Trübsal mehr kommen, wie die bei der Zerstörung Jerusalems, die so groß war, "als nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher, und als auch nicht werden wird" (Matth. 24, 21). Bei Vielem dürfen wir geradezu bitten: "Vater im Himmel, laß es mit dem Geschehenen genug sein, und verschone uns vor ähnlichem." Der liebe Freund sagt selbst, daß auch die Abfallszeit schon zur Zeit der Apostel, aber auch in der letzten Zeit angefangen habe, sogar der Geist des Widerchrists; die Bosheit sei damals schon heimlich rege gewesen, und sei bis auf unsre Zeit immer einreißender geworden. Vielleicht soll sie nun in unsrer Zeit durch Hilfe von oben ihr Ziel finden. So führt die Schrift schon Vieles von damals an, als in der letzten Zeit geschehend (vergl. Apost. 20, 29. 30), von dem man nicht anzunehmen hat, daß es noch einmal eine enorme Höhe erreichen werde. Wenn das Kommen Jesu nicht nur unsre, sondern der ganzen seufzenden Kreatur Erlösung ist, über die wir uns freuen sollen, so sehe ich nicht ein, daß es bis zum Kommen Jesu so gräulich hergehen soll, als die gewöhnliche Vorstellung der Christen ist. Wie erquicklich ist nicht das Bild von den blühenden Bäumen (Matth. 24, 32), ehe der Herr kommt; und wie friedlich geht's nicht bei den zehn Jungfrauen zu? Schon hieraus sieht man, wie es vorher noch Tag und helle werden darf, wenn es auch, bis die ersten Zeichen kommen, noch arg zugehen mag. Alle Stellen ferner, die der Freund anführt, sind teils nicht ganz richtig aufgefaßt, teils so, daß man nicht recht weiß, ob sie auf die allerletzte Zeit noch viel austragen, weil es doch schon so unendlich Vieles gegeben hat in den 18 Jahrhunderten der Letztzeit. Die Abfallszeit aber, habe ich erst im letzten Blatt gesagt, sei zu keiner Zeit so groß gewesen, als jetzt, aber so, daß Alles im Frieden bleibt. Das Evangelium kommt immer weiter herunter; und überall ist Friede. Der Abfall, den die fürwitzige Kunst in unsrer Zeit gebracht, als einen eigentlichen Abfall von Christus zu Belial, kann kaum mehr umfangreicher werden, und ist wohl der, von dem es Off. 13, 7 heißt, daß das Tier im Kampf auch die Heiligen überwinden werde, dem auch Allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte sich leibeigen machen (Off. 13, 16). Alles das aber ist wohl in der letzten Zeit, und hat sich von Anfang an eingefressen, als der ärgste Abfall. Aber Viele meinen, das sei keine Abfallszeit, wenn's nicht einen Krach um den andern gebe. Doch in der allerletzten Zeit kann Alles schnell durch den Geist Gottes anders werden!
Ich meine nämlich, man dürfe auch andere Schriftstellen aufsuchen in den Propheten und im Neuen Testament, die anzeigen, daß hinter dem Abfall noch eine Zeit werde sein vor der Zukunft Christi, in der sich der Herr eine Lichtsbahn bereite durch alle Geschlechter der Erde, wie es auch Off. 19, 7 heißt: "Und Sein Weib hat sich bereitet." Wir haben des Abfallswesens und des Jammers schon genug gehabt, daß ich nun denken kann, endlich, endlich werde Gott auch das Bessere, das verheißen ist, kommen lassen. Schon Paulus sagt: "Der Gott des Friedens wird den Satan zertreten (so richtiger!) unter eure Füße in Kurzem," daß also dann ein Besseres eine Weile noch sein werde; und sonst wissen wir, daß "Christus gekommen ist, daß Er die Werke des Teufels zerstöre." Wann soll denn das kommen? oder soll man nicht noch eine Zeit haben dürfen, da Satans Werke zerstört sind? Viele Stellen zeigen, daß der Heiland auch noch eine Siegeszeit auf Erden haben muß. Dazu hilft der wiedergegebene Heil. Geist, der nach Joel über alles Fleisch, nicht über Israel allein, ausgegossen werden soll. Wir wissen, daß wir noch steinerne Herzen haben; wann kommen denn die fleischernen, daß wir die Gebote Gottes zu halten tüchtig werden? Wenn der Herr sagt zu Seinem Sohne: "Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben, und der Welt Ende zum Eigentum," (Ps. 2, 8), so liegt darin, daß die Völker alle werden überwunden werden und Jesu zu Füßen fallen. Kurz, wenn der liebe Freund sich Mühe gegeben hat, Stellen zu suchen, die nur Schauerliches ankündigen sollen, deren er aber nur wenige gefunden hat, so soll er einmal auch die andern Stellen zusammenlesen, namentlich in den Propheten, die von der überschwänglichen Herrlichkeit reden, die Gott noch in dieser Zeit durch Christum über alles Fleisch wird kommen lassen.
223) Melchisedek.
Frage. "Melchisedek (1 Mos. 14, 18 bis 20), war der ein von Gott gesandter Engel, oder der Herr selbst, oder war er ein Mensch, dem Abraham den Zehnten gab? Wir hatten Abends bei Tisch darüber gesprochen und waren verschiedener Ansichten."
Antwort. Melchisedek war weder der Herr selbst, noch ein Engel, sondern ein Mensch, und zwar ein König zu Salem, und zugleich Priester Gottes des Höchsten. Wenn gleich sein Geschlecht und seine Abkunft nicht angegeben ist, so ist doch so Vieles gesagt von ihm, das an einen wirklichen Menschen erinnert, daß man nicht daran zweifeln kann. Was sollte er auch mit dem Zehnten anfangen, den ihm Abram von Allem gab, wenn er kein Mensch war? Die Art aber, wie er in der Schrift steht, macht ihn zum Vorbild Christi. Melchisedek bedeutet König der Gerechtigkeit, und Salem bedeutet Frieden; und sonst heißt er Priester Gottes, des Höchsten. Weil auch von seiner Geburt und Abstammung nichts gesagt ist, kann er auch ein Vorbild des Sohnes Gottes sein, der von Gott kam und ewig ist. David benützt im Psalmen (110, 4) das, daß er König und Priester zugleich heißt, dessen Lebensende auch nicht angegeben ist, um ihn zum Vorbild des verheißenen Christus zu nehmen, der als König und Priester ewig lebt; und der Hebräerbrief (Kap. 7) beweist aus der Psalmstelle, daß sollte mit dem Kommen des Davidssohns das bisherige aaronitische Priestertum abgeschafft werden, indem an seine Stelle das Priestertum nach der Art Melchisedeks komme, d. h. wie es Melchisedek vorbilde, der Priester und König zugleich war.
Umständlich beantwortet wurde die Frage über Melchisedek schon in einem früheren Hefte (1875 Nr. 39 u. 40).
224) Stillings Geistertheorie.
Frage. "Was halten Sie wohl von dem Buche: Theorie der Geisterkunde (über Ahnungen, Gesichte und Geistererscheinungen) von Jung Stilling? Ich würde sehr glücklich sein, im Fall Ihnen das Buch bekannt ist, einige wenige Worte darüber von Ihnen in Ihrem Blatt zu hören. Denn ich lese wieder und immer wieder in dem Buch. Es gibt so viele Aufschlüsse über das Geisterreich, und über die Fortdauer unserer Seele nach dem Tode. Auch sind so viele überzeugende Beispiele in demselben von Ahnungen und Geistererscheinungen, daß das Buch mich in nicht geringe Aufregung versetzt hat. Ich bin deshalb sehr gespannt auf ein Urteil von Ihnen. - Ein Freund des Blattes."
Antwort. Von meiner Jugend her kenne ich das Buch gut, aus einer Zeit, da es noch verboten war. Später habe ich's nicht mehr gelesen, kann aber doch ein Bestimmtes darüber sagen. Ein aufrichtiger, wahrheitsliebender Mann war Stilling; aber eigene Erfahrungen im Gebiet des Unsichtbaren hat er nicht gemacht. Seine Mitteilungen hat er von Andern, die, was sie sagten, wollten gesehen und gehört haben; und die viel in dergleichen wissen, sind selbst in der Regel von der unsichtbaren Welt beeinflußt, also mehr von ihr gebunden, als frei von ihr dastehend. Die Quelle aber ist die unsichtbare Welt selbst, deren Persönliches uns doch ganz unbekannt ist, und das nach Belieben ihr Spiel mit uns treibt, und nur um so mehr, je begieriger wir an ihr lauschen. Man nennt's Dämonen, oder Geister, d. h. abgeschiedene Menschen. Paulus redet auch von Satansengeln. Jedenfalls sind es Wesen, die unter der Obrigkeit der Finsternis stehen, ihren eigenen Willen nicht haben, "ohne ihren Willen" (Röm. 8, 20) unterworfen, und ganz abhängig von dem, der sein Reich wider Gott und die Menschen hat im Unsichtbaren, so weit es noch nicht gestürzt ist durch den Glauben an Christum. Daß es Engel Gottes oder Christi wären, davon kann gar keine Rede sein. Wir sehen also, daß wir uns, wenn wir Unsichtbarem nahen, in einem uns feindseligen Gebiete bewegen. Nennen sich die Geister, woher wissen wir, daß sie die sind, die sie sein wollen? Gesetzt sie sind es, so sind sie unselig, von Gott in der Irre gelassen, und als in ihren Sünden gestorben, noch ganz an ihre Art, wie die nun war, gebunden, die sie im Leben gehabt haben. Daneben sind sie unter der Gewalt des Satans, also zweimal gebunden und geknechtet. Somit darf man in nichts trauen, auch wenn's dem Ansehen nach Wahres ist, ob nicht irgendwie ein Tuck der Finsternis wider die, die sich anködern lassen, verborgen ist. Gar irreführend ist's, wenn Befreiungen, Erlösungen durch Gebet und Fürbitte sollen erfolgen; denn so plump gegeben, hebt's die ganze christliche Lehre auf. Von der eigentlichen Situation der Geisterwelt bekommt man in keinem Fall die richtige Anschauung. Alles wird so gegeben, daß es nur aufreizt, aber nicht zu Gott führt, der Seele keinen Gewinn, nur Schaden bringt. Ahnungen können eintreffen; aber weil sie nicht von oben eingegeben werden, sondern durch sogenannte Wahrsagegeister laufen, die nicht von Gott sind, will mit ihnen irgendwie ungünstig auf die Seelen gewirkt werden. Man erfährt es auch, daß ein Mensch durch sie Gott ferner, nicht näher kommt. Das Wissen der unsichtbaren Welt ist auch ein beschränktes, und bezieht sich nur auf ihr Revier, in welchem sie, nicht Gott, regiert, also Vieles selbst macht, was sie vorher ahnen läßt. Man kann daher durch ernstliches Beten viele Ahnungen unwirksam machen. Mein Rat ist ganz entschieden, daß man mit diesen unheimlichen Dingen sich nicht befasse, sie ungelesen lasse. Wer in die Finsternis hineinsieht, bekommt keine Wahrnehmung vom Licht. Im Licht aber allein, welches Jesus ist, kann's uns wohl sein.
225) Vom allgemeinen Priestertum.
Frage. "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln 1) die Lehre vom allgemeinen Priestertum; ferner 2) vom Aufenthalt derer, die vor, oder die nach der Höllenfahrt des Herrn, unsres Erlösers, verstorben sind, bis zum jüngsten Gericht, endlich 3) die Lehre vom tausendjährigen Reiche. Viele Leser Ihrer Blätter sind sich über alles dieses gänzlich unklar, und möchten gerne von Ihnen Aufschluß darüber haben."
Antwort. Umständliche Abhandlungen über genannte Punkte oder Lehren kann ich nicht geben, weil sie mich zu weit führen würden. Ich kann nur etliche Gedanken geben, an denen sich dann die Leser selbst nach ihrem Gefallen orientieren können, während ich durchaus nicht als der allein rechthabende Lehrmeister dastehen möchte. In jenen drei Lehren gibt es auch sehr verschiedene Ansichten; und zum Streiten möchte ich es nicht bringen. Zuerst spreche ich vom allgemeinen Priestertum.
Wenn man vom allgemeinen Priestertum redet, kann man Verschiedenes darunter meinen. Das Nächste wäre, das unter ihm zu verstehen, daß jeder Christ durch den Glauben an Christum den Zutritt zu Gott habe in allen seinen Anliegen, wie einst der Priester den Zutritt ins Allerheiligste zu Gott hatte. Das Priestertum nach dieser Seite kann man wohl ein allgemeines nennen, sofern Jeder mit seinem Geist unmittelbar vor Gott zu treten das Recht hat. Denn so sagt der Hebräerbrief (10, 19. 22): "So wir denn nun haben, lieben Brüder, die Freudigkeit zum Eingang in das Heilige durch das Blut Jesu, so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen etc." Ebenso heißt es (Hebr. 4, 16): "Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfahen, und Gnade finden, auf die Zeit, wann uns Hilfe not sein wird."
Diese Stellen schließen indessen nicht ganz jede Mitwirkung eines Andern, der mit herzutritt, aus. Denn einmal ist es auffallend, daß viel auch von der Fürbitte die Rede ist, die wir für einander tun sollen; und schon das, daß Zwei mit einander Eins werden, zu bitten, hat seine Bedeutung. Trotz meines sogenannten eigenen Priestertums bin ich hienach auch der Fürbitte Anderer, wenn nicht immer, doch je und je, je nachdem es ist, bedürftig. Diese Fürbitte nun kann Jeder für den Andern tun; und so hat Jeder auch ein gewisses priesterliches Recht gegen Jeden. Gott sieht's an, wenn du bittest für Einen; und dieser hat etwas davon. Es ist also doch nicht recht, wenn Jemand so viel auf sein eigenes Priestertum hält, daß er meint, niemals der Fürbitte eines Andern zu bedürfen, weil er selbst allein es von Gott zu holen habe. Außerdem aber denkt sich die Schrift die Fürbitte eingesegneter Ältesten besonders wirksam. So sagt Jakobus (5, 14): "Ist Jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten von der Gemeine, und lasse sie über sich beten etc." Damit wäre denn doch ein gewisses besonderes Priestertum neben dem allgemeinen angenommen. Freilich heißt's dann auch wieder allgemeiner (v. 16): "Bekenne Einer dem Andern seine Sünden, und betet für einander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." Auch sonst kann der Einzelne, mag er von seinem eigenen Priestertum halten, so viel er will, oft den Andern nicht entbehren. Namentlich in Allem, wo eine Art Wunder, auch zum Gesundwerden, nötig ist, hat Gott den Einen Gaben gegeben, den Andern nicht (s. 1 Kor. 12, 7-10).
Durch alles das ist ersichtlich, wie man so gar sehr in Allem auf das allgemeine Priestertum nicht pochen darf, als bedürfte man unter keinen Umständen gleichsam einer Vertretung vor dem Herrn. Wenn man dann noch daran denkt, daß die Kräfte des Heil. Geistes, welche einst vornehmlich Alle gleich sehr zu Priestern vor Gott gemacht haben, fast aufgehört haben, wenigstens so weit sie außerordentlich waren, so mag man in unsrer Zeit wohl oft um einen Helfer sich umsehen müssen, fürchtend, mit eigenem Bitten und Flehen nicht auszureichen; und weil der Gerechten überhaupt, von denen Jakobus redet, wenige zuverlässige sich finden, so bleibt am Ende nichts übrig, als doch im Amt, zu welchem Handauflegung, nach der Weisung der Schrift, erforderlich ist, eine besondere priesterliche Hilfe, auch in Anliegen des Gebets, je und je sich zu suchen. Was ich aber hier sage, sind nur Gedanken. Wer in Allem, was er von Gott begehren mag, für seine Person immer glaubt auszureichen, der nehme es so, wenn er damit wirklich zurecht kommt.
Das bleibt fest, daß jeder Christ, wenn es mit seinem Glauben richtig steht, und dieser ein rechtfertigender und durch Christum versöhnender ist, direkt, als hätte er den Rang eines Priesters vor Gott, mit allen seinen Anliegen vor Gott, mit Erfolg nach dem Wohlgefallen Gottes, treten darf. Gesetzt aber, es gibt Verirrungen, Versündigungen, mit einem Wort einen Riß in das gute Verhältnis mit Gott, dem Vater unsres Herrn Jesu Christi, ob man dann frei und frank ohne Weiteres allein mit seinen Sünden vor Gott mit Erfolg treten, die Sünden abbitten und für sie Vergebung erlangen kann, das wäre eine weitere Frage; und hier möchte sich noch mehr herausstellen, daß neben dem allgemeinen Priestertum doch noch ein besonderes werde anzunehmen sein, für die durch die Sünden schüchtern und ängstlich gewordenen Seelen. Es gibt nun Christen, die glauben, sie können und müssen immer Alles mit Gott allein abmachen, und brauchen keinen Menschen dazu, der etwa priesterlich für sie bitten sollte. Aber es fragt sich, ob wirklich jeder Christ sich selbst kann priesterlich bedienen, daß es ihm genügt, und er die gewünschte Beruhigung der Seele davon hat. Sein eigener Priester ist nämlich Jeder, der durchaus für sich allein abbitten will, der denn auch, wenn er heiß gebetet hat, sich selbst gleichsam absolviert, indem er es fest bei sich beschließt, daß er nun die Vergebung der Sünden habe, und die Versicherung von Seiten Gottes in sich verspüren dürfe. Ob er nun wirklich Alles, was er gesündigt hat, so vor Gott fertig bringen kann, das könnten wir nur beurteilen, wenn wir sein Inneres durchschauen würden, ob wirklich Seelenfrieden gekommen ist und die Gewissensbisse aufgehört haben.
Eine andere Frage wäre, ob jeder Christ, wenn Andere einer priesterlichen Hilfe bedürfen, wirklich den Priester an ihnen machen kann. Das zeigt Jakobus an, daß wir gegen einander beichten können, wenn er sagt (5, 16): "Bekenne Einer dem Andern seine Sünden, und betet für einander, daß ihr gesund werdet." Priesterlich fühlende Christen sind Alle, die wirklich durch den Glauben gerecht worden sind; und neben einem Bekenntnis vor diesen braucht es nicht gerade immer einer Absolution, indem dann wirklich Versicherung von oben dem Herzen zukommen kann, wovon ich viele Beispiele erfahren habe. Kommt aber, je nachdem eben die Sünde ist, die Beruhigung nicht, wird jeder Christ eine Vergebung darzureichen im Stande sein, die auch im Himmel gilt? Ich habe schon gläubige Christen im Eifer das behaupten hören; aber probiert haben auch diese meines Wissens es noch nie, daß sie förmlich absolvierten.
Wer aber nun Recht habe, das lasse ich Jeden selbst beurteilen, wie ich auch Jeden seinen Weg gehen lassen muß. Den Geistlichen und Seelsorgern, wenn sie den armen Sündern es eben ein Bischen sagen müssen, daß Gott ein Amt der Versöhnung aufgerichtet habe, machen's je und je sogenannte Laien, - ein mir eigentlich unliebsames Wort, - zu großem Vorwurf, daß sie, wie sie sagen, die Gewissen an sich binden wollten, wenn sie sich allein die Kraft der Absolution zuschrieben, und daß sie ein Unrecht an Andern, die auch das Wort treiben, täten, wenn sie dem Worte dieser Brüder nicht den vollen Wert beilegten, wie dem der Seelsorger. Da ich nun auch ein Geistlicher bin, und gerade ein solcher, der manchmal in dieser Sache recht hart angegriffen worden ist, so erkläre ich hiemit, daß ich Niemand je aufgefordert habe, zu mir zu kommen, um mir zu bekennen. Auch als im Jahr 1844 meine ganze Gemeinde (Möttlingen), von selbst einzeln zu mir kam, und mir, ohne mein Zutun innerlich aufgeschreckt, alle drückenden Sünden beichtete, da namentlich der Erste nach öfterem Besuche sagte: "Ich bekomme keine Ruhe, wenn Sie nicht nach Ihrem Amt an mir tun", was mir damals etwas ganz Neues war, - habe ich Niemanden, weder in der Kirche noch privatim aufgefordert, zu mir zu kommen; und bis auf den heutigen Tag tue ich es nicht. Aber mit ungemeinem Drange kommen heute noch Viele, persönlich und schriftlich; und die weise ich nicht ab. Wenn sie aber der liebe Gott oft überraschend schnell und für immer beruhigt, so ist mir's doch eine große Freude, etwas Priesterliches vermittelst des Amtes zu haben. Das allein will ich noch fragen: Warum sind die Ältesten eingesetzt worden unter Handauflegung, wie heute noch? Warum wird von ihnen gesagt (Hebr. 13, 17), daß sie zu wachen hätten über die Seelen, als die Rechenschaft von ihnen geben sollen? Warum ferner heißt Jakobus, wie wir gehört haben, die Ältesten rufen, ohne die Leute auf sich selbst zu verweisen Endlich, warum sagt der Herr, Seine Jünger anblasend, um ihnen Heiligen Geist zu geben (Joh. 20, 20. 23) und eine besondere Befähigung zu erteilen: "Welchen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben", - "was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein?" Wenn das, so muß doch neben dem allgemeinen noch ein besonderes Priestertum sein, und zwar so, daß dieses von jenem nicht verschlungen und weggewischt werden darf. So wär's meine Meinung!
226) Aufenthalt der Verstorbenen.
Frage (s. im vorigen Blatt III, 225): "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln: - 2) Die Lehre vom Aufenthalt derer, die vor, oder die nach der Höllenfahrt des Herrn, unsers Erlösers, verstorben sind, bis zum jüngsten Gericht."
Antwort. Mit solchen Fragen ist unser Einer überfordert. Denn wo sollen wir eine Lehre über den Aufenthalt der Verstorbenen her haben? Es sind zwar ganz kurze Winke in der Schrift gegeben; aber in der Regel sind sie so, daß man keine bestimmte Lehren daraus ziehen kann. Der Phantasie bleibt immer ein großer Spielraum übrig; aber Behauptungen oder Vorstellungen, die in der Schrift nicht ihren Grund haben, zu geben, ist weder ratsam, um mit der Frage zu reden, noch im Interesse der Christen. Man bekommt auch den Eindruck, daß die Schrift es nicht gerne hat, wenn man sich viel über die Dinge im Jenseits befaßt, weil sie eben doch nahezu nichts sagt, wenigstens, was sie andeutet, nicht so sagt, daß man eine Lehre draus machen kann.
Wenn ich übrigens die Frage recht verstehe, so will es mir vorkommen, als wolle darnach gefragt werden, ob nicht durch die Höllenfahrt Christi eine Änderung im Aufenthalte der Verstorbenen eingetreten sei, daß es nämlich seitdem im Jenseits anders aussehe, als vorher. Von Jesu nämlich heißt es, er sei nach Seinem Verscheiden im Geist, d. h. als Geist ohne Leib, hingegangen und habe geprediget den Geistern im Gefängnis" (1 Petr. 3, 19); und Paulus sagt sogar, Jesus sei "hinuntergefahren in die untersten Örter der Erde" (Ephes. 4, 9), wohl auch, um zu predigen. Man sieht es aber, daß der Herr während Seiner Höllenfahrt nur den Geistern hat wollen predigen, ohne in den Verhältnissen des Jenseits, bezüglich des Aufenthalts der Verstorbenen überhaupt etwas zu ändern. Er hat nur als den sich zeigen wollen, der nun als Opfer gefallen sei für die Sünden der Menschen, daß also auch die Verstorbenen, die bisher im Gefängnis waren, wenn sie jetzt glaubten, in einen besseren Stand, ja zum Leben aus dem Tod, gebracht werden könnten. So meinte Er's mit den in der Sündflut Umgekommenen; und so ist es überhaupt mit der Verkündigung des Evangeliums an die Toten gemeint, daß "sie gerichtet wären nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gotte lebeten" (1 Petr. 4, 6). Ob die Predigt Jesu im Reiche der Toten erfolgreich gewesen sei, oder nicht, ist nicht angezeigt. Jedenfalls hätte der Erfolg erst nach der Auferstehung Jesu eintreten können; und wenn da viele Leiber der Heiligen auferstanden, kann das schon etwa als Wirkung der Predigt Jesu im Totenreich angesehen werden. Die Höllenfahrt Jesu allein konnte etwaige Gläubige auch nicht frei machen, weil Jesus selbst erst noch als der für die Sünden der Menschen Gerichtete erschien, nicht als der, der das Seligmachen schon fertig bringen könne. Dies ist auch der Grund, warum die Höllenfahrt überhaupt keine Veränderungen in der Totenwelt verursachen konnte. Die große Bedeutung der Höllenfahrt ist nur, daß sie zeigt, Jesus sei auch für die vor Ihm Gestorbenen da, wie für die Toten überhaupt; und die Zeit wird kommen, da die Erlösung einen über die Maßen großen Umfang gewinnt, über Alles, was Mensch heißt, sei's tot oder lebendig. Ohne Hindeutungen darauf, daß Jesus auch für die Verstorbenen da sei, könnte man es gar nicht begreifen, wie Er ein Weltheiland sein könnte, wenn nach den vor Ihm Hingegangenen gar nichts gefragt würde, auch nicht begreifen, wie überhaupt ein Heiland nötig war, wenn die Verstorbenen auch ohne Ihn hätten zurechtkommen können. Aber eine einflußreiche Tat in die Heilsgeschichte war die Höllenfahrt deswegen nicht.
Mit den Verstorbenen, werden wir sagen können, wenn sie nicht um ihres Glaubens willen "leben, obgleich sie gestorben sind", ist es zunächst vor und nach Christus gleich geblieben. Wer in seinen Sünden stirbt, ohne daß diese durch Christum versöhnt sind, bleibt der Obrigkeit der Finsternis preisgegeben, jetzt, wie vormals, was auch fortdauern wird, bis die Kräfte der Finsternis selbst durch die Kämpfe des zur Rechten sitzenden Heilandes werden überwunden und abgetan sein. Man sieht, daß Jesus, dieweil Er auf Erden wandelte, vornehmlich darauf bedacht war, es zu verhüten, daß fernerhin die Leute in ihren Sünden stürben. Zu den Juden, die Ihn nicht annahmen, sagt Er (Joh. 8, 21): "Ich gehe hinweg; und ihr werdet mich suchen und in euren Sünden sterben." Ferner (v. 24): "So habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden," (was ich, will Er sagen, hätte verhüten können); "denn so ihr nicht glaubet, daß ich's sei, so werdet ihr sterben in euren Sünden." Der Herr redet offenbar aus Mitleiden so, weil Ihm das als das Schrecklichste vorkam, in den Sünden zu sterben. Deswegen verheißt Er so oft das ewige Leben, wenn man an Ihn glaubt. "Ich bin das Brot des Lebens," sagt Er (Joh. 6, 50, 51): "wer davon isset, wird nicht sterben." Er bietet sogar Sein Fleisch zu essen, Sein Blut zu trinken hin (v. 51 bis 56), andeutend, daß Er sich zum Opfer hingebe für die Menschen, damit sie leben, wenigstens das ewige Leben haben möchten, und nicht in ihren Sünden sterben müßten.
Wo nun die unselig Verstorbenen sein werden bis zum jüngsten Tag, möchte die Frage näher wissen. Wir wissen aber genug, wenn wir nur finden, daß sie in eine arge Gefangenschaft kommen. Sie waren hienieden nicht frei, Gebundene der Finsternis. Das sind sie noch viel mehr nach dem Tode, da das Übrige von Freiheit, das sie hienieden noch gehabt haben, ihnen vollends ganz genommen ist, daß sie gar nichts von freiem Willen haben, bis ins Kleinste hinaus Sklaven sind, freilich in großer Mannigfaltigkeit. So sind sie vom Feind wohl auch unstet gehalten, daß man von einem eigentlichen Aufenthalt gar nicht reden kann. Denken wir an die Besessenen. Andere mögen freilich auch einem vorläufigen Gericht Gottes anheimfallen, wie der reiche Mann, welcher Genossen an Allen denen bekommt, die nur auf ein sinnlich genußreiches Leben es abheben, und zwar in der Hölle und Qual, da sie Pein leiden in einer Flamme. Die Totenwelt wird sonst in Mitten der Erde gedacht, und in der Schrift angenommen. Von bösen Geistern unter dem Himmel redet aber auch Paulus. Von solchen, welche dürre Stätten durchwandern, wird auch gesprochen. Andere kommen in die äußerste Finsternis, da Heulen und Zähnklappen ist. So finden wir in der Schrift Einzelheiten, nur flüchtig berührt, die etwas sagen, aber auch wieder nichts sagen, weil man's nicht ausdenken oder ausmalen kann. Indessen geben sie uns genug, um etwa uns anzuspornen, daß wir von Banden, in denen wir hier liegen, noch möchten gelöst werden, um nicht gar in grausen Ketten irgend welcher Art drüben zu liegen. Dahin sollten wir es eben bringen, daß man zu uns sagen könnte, wie Paulus zu den Kolossern (1, 12): "Danksaget dem Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht, welcher uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis, und hat uns versetzet in das Reich Seines lieben Sohnes, an welchem wir haben die Erlösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden!"
227) Vom tausendjährigen Reiche.
Frage, (s. Nr. 11, III, 225). "Wäre es nicht ratsam, im Interesse vieler Leser Ihrer Blätter, unter den Fragen einmal zu behandeln, . . . . . . . 3) Die Lehre vom tausendjährigen Reiche. Viele Leser der Blätter sind sich über alles dieses (auch über Nr. 1 und 2, worüber schon gesprochen worden ist), gänzlich unklar, und möchten gerne von Ihnen Aufschluß darüber haben."
Antwort. Über das tausendjährige Reich, von dem in neuerer Zeit so viel die Rede ist, um das gleich offen zu bekennen, bin ich mir selbst noch nicht gänzlich klar. Es fällt mir schwer, das Viele, das man darüber schreibt, anzunehmen, oder nur ein annehmliches Bild daraus zu entwerfen, weil es mir vorkommt, als bleibe man nicht einfach bei der Schrift, sondern lege außerordentlich viel hinein, wie auf gut Glück, keineswegs so, daß ich in der Schrift eine genügende Notwendigkeit für Alles, was man einlegt, finden kann. Manche geben eine so fertige Zukunftsgeschichte, daß mir's fast unheimlich dabei zu Mut wird, wenn ich mir denken soll, daß Alles einmal nach dem, wie sie sich's fast romanhaft ausspinnen, geschehen solle. Es ist mir wohler dabei, wenn ich alles Auslegen darüber fallen lasse, und nur in's Bedenken nehme, ohne viel auszumalen, was und wie es die Schrift gibt. Einfache Bibelleser möchte ich auch bitten, nicht gar zu viel an dieser Lehre herumzugrübeln; denn zuletzt kann Alles fehlen, während man für's Herz viel ersprießlichere Betrachtungen anstellen könnte. Gänzlich unklar in dieser Lehre bleiben, schadet auch Niemand.
Die einzige Stelle der Schrift, in der man etwas von einem tausendjährigen Reiche finden kann, (das Wort selbst steht nicht da), ist Offenb. 20, 4-7. Zur Ausmalung der herrlichen Zustände in demselben, entnimmt man gerne Vieles den Propheten, namentlich dem Jesajas, (z. B. 11, 6-9; 65, 17-24). Aber es kann sehr die Frage sein, ob wirklich die Zeit der taufend Jahre in der Offenbarung werde so herrlich angelegt sein, wie es nach jenen Stellen wäre. Die angeführten Stellen enthalten schon das Bild von etwas Vollkommenem und Vollendetem, nur nach der Grundlage der Gegenwart geschildert und der irdischen Verhältnisse. Das Vollkommene aber kann in jenen tausend Jahren doch nicht schon sein, eben weil hier die Zeit eine beschränkte ist, während die Propheten das Gute, als das zuletzt Gekommene, ewig fortdauern lassen. So ist auch nach Jes. 65, 17 bereits der neue Himmel und die neue Erde da, welche beide, nach der Offenbarung Johannis, erst werden, wenn alles Gericht vorüber ist. Mit Sicherheit kann man rein nichts aus den Propheten für die tausend Jahre schöpfen; und auf's Geratewohl nur Bilder für diese aus jenen entnehmen, dazu habe ich für mich keine Lust.
Nach der Offenbarung sollen gewisse Auferstandene leben, (d. h. wirklich leben, nicht bloß geisterhaft erscheinen), und regieren mit Christo tausend Jahre. Daß nun die Auferstandenen sollen auf Erden gerade so fortleben, wie früher, und da sein und bleiben unter den andern Menschen, das kann ich nicht annehmen, und wenn die, die es annehmen können, inkonsequent sagen, Christus werde nur ab und zu kommen, obgleich es nicht so dasteht, so denke ich, auch die Auferstandenen werden nur ab und zu da sein. Überhaupt kann ich mir ein königliches und fürstliches Regieren durch Auferstandene über die Menschen auf Erden nicht denken; denn hiebei würden die Menschen ihrer Selbständigkeit zu sehr beraubt, auch ihrer eigenen weiteren Entwicklung, wenn sie am Gängelband so hoher Führer hingehen müßten. Was aber das Regieren betrifft, so stelle ich mir nur das Entgegengesetzte von der Gewaltherrschaft Satans vor. Bisher hatte der Teufel regiert, d. h. der Fürst dieser Welt, der Arge, der im Verborgenen Alles unter sich gebracht hatte. Jetzt ist Satan gebunden; und es kann ein Verkehr der Menschen mit der guten unsichtbaren Welt nun eintreten. Überall machen sich jetzt Einflüsse der Auferstandenen, als von dem Herrn, fühlbar, wie vorher die der unseligen Welt. Sie machen sich in Allem zu Schutz, Belehrung, Warnung, auch Bestrafung fühlbar, aber nicht so, daß sie als Regenten, Könige und Obere sich gebärdeten. Die Menschen fühlen sich frei und behalten auch ihre Freiheit. Anders kann ich mir das Leben und Regieren der Enthaupteten mit Christo gar nicht denken, nur daß jeweilige sichtbare Erscheinungen nicht werden ausgeschlossen sein. Daß es gerade Märtyrer sind, welche in den tausend Jahren in einen Engelverkehr mit den Menschen treten, hat wohl auch seine Bedeutung. Es zeigt an, daß es nötig ist, dem noch lebenden Menschengeschlechte Christum den Gekreuzigten an den Märtyrern gleichsam tausendfältig vor Augen zu malen, um sie desto sicherer zu einer völligen Umkehr aus selbstsüchtigem Leben und Wesen herauszuziehen. Es geht daraus hervor, daß die Menschen in jener Zeit nicht sonderlich hochstehen im Geistlichen, wenn es so viel bedarf, um ihnen weiche Herzen zu geben. Die Auferstandenen sind auch solche, die das Malzeichen des Tiers nicht angenommen, also in kein Verbündnis mit der Finsternis sich eingelassen und an diese gleichsam sich verkauft haben. Sie sollen denn auch den Lebenden den Eindruck geben, wie sie sich rein von allem Abgöttischen, Abergläubischen und Finstern halten müßten, weil nur so ihnen das Beste zukommen könne.
Noch mancherlei Bemerkungen lassen sich machen, nach welchen in den tausend Jahren die Herrlichkeit nicht so groß sein wird, als man sich gewöhnlich vorstellt. Es heißt: "Die andern Toten wurden nicht wieder lebendig." In gleicher Weise sind auch die andern Menschen, die nicht der Verwandlung teilhaftig wurden, auf Erden zurückgeblieben (denn die Auferstehung der Toten in Christo und die Verwandlung der Lebenden nach 1 Thess. 4, 13-18 erst auf die Zeit nach den tausend Jahren zu versetzen, ist eine eigentümliche Willkür). Den auf Erden Zurückgebliebenen muß es aber sehr fehlen; und weil sie so sehr zurückstehen, bedürfen sie der außerordentlichen Pflege der Auferstandenen, trotz dem, daß Satanas gebunden ist. So schnell, wie mit einem Schlag, können sie doch nicht rechte Leute sein. Ferner sind an den Menschen die Auferstandenen Priester Gottes in Christo (v. 6), anzuzeigen, daß die Menschen, ohne sich selbst genug helfen zu können, viele besondere priesterliche Fürbitte, Hilfe, Vermittlung und Absolution bedürfen, um der immerhin großen Freundlichkeit Gottes, die sie erfahren, nicht verlustig zu werden. So sehen sich auch die tausend Jahre als eine Geduldszeit an, die Gott nicht mehr verlängern wird, weil's Ihn zum großen Gericht drängt. Daß sodann Satan nach tausend Jahren los werden muß, ist doch nur, weil sich's mit den Menschen nach und nach wieder verschlechtert, daß es noch einmal einer Sichtung, in der sie sich besinnen können, bedarf, durch erneuerte Versuchungen, die Satan über sie bringt. Endlich ist es auffallend, daß es in tausend Jahren unter der Pflege der Auferstandenen nicht zu einer Bekehrung der Heiden kommen, oder daß der widerchristliche Sinn der Völker Gog und Magog nicht in Güte durch das Wort des Evangeliums unterdrückt werden kann. Wohl ist von einem Heerlager der Heiligen und einer geliebten Stadt die Rede (v. 9), anzuzeigen, daß ein guter Kern bleibt und wird, der auch die Hilfe Gottes durch Feuer vom Himmel erfahren darf; aber nach dem Obigen steht es doch nicht im Geistlichen so glänzend, als man es oft, ohne allen Anhalt an der Schrift selbst, ausmalt. Namentlich kann ich das nicht verstehen, wie manche Ausleger das Aufkommen des sogenannten tausendjährigen Reichs, das Allem nach auch mit Unrecht so genannt wird, wenn es alle Völker umfassen soll, was doch nicht der Fall ist, als den Zielpunkt aller Offenbarung des Alten und Neuen Testaments nehmen.
Mir ist zuletzt auch das noch auffallend, daß nichts von Kräften des Heiligen Geistes gesagt wird, die in den tausend Jahren bemerklich wären. Man macht denen, welche die alsbaldige Wiederkehr des Heil. Geistes für wünschenswert, ja nötig halten, oft die Einwendung, daß sie da etwas begehren, was erst im tausendjährigen Reiche komme. Von Letzterem aber kann ich in der einigen Stelle, welche von diesem Reiche, um auch so zu sagen, redet, nichts finden. Im Gegenteil haben's die Menschen nicht so in sich, wie die ersten Christen durch den Heil. Geist, sondern mehr außer sich durch Einwirkungen und Erscheinungen der Auferstandenen, deren Regiment so fast einen gesetzlichen Charakter hat. Wenn ich denn ganz frei reden soll, so ist's, daß ich annehmen muß, die Offenbarung gehe von der Voraussetzung aus, daß Niemand vor dem Kommen Christi um die Erneuerung des Heil. Geistes bitte; und dieser kann dann auch nicht mir nichts dir nichts nach dem Kommen des Herrn auf die übrigen Menschen fallen. Ohne den Heil. Geist aber bleibt Alles in einem geringen Stande, auch während der tausend Jahre. Wie aber, wenn die Christen bei Zeiten sich's angelegen sein ließen, wieder zum Besitz des Heil. Geistes zu kommen, von dessen Erneuerung die Schrift nicht reden kann, weil sie von seinem Weichen nicht redet, - und zwar noch auf die Zeit des letzten Kampfs, könnte das nicht die Folge haben, daß es gleich und vollständig, ohne die dazwischenfallenden tausend Jahre, zu dem käme, was Christus in Matthäi 24 und sonst, Paulus im Thessalonicher Briefe, und überhaupt viele Stellen des N. Testaments sagen, nach welchen mit dem Kommen Jesu nicht etwas Halbes, sondern gleich etwas Vollendetes wird? Wäre die Erlösung ohne die tausend Jahre, die nach vielen Seiten, so, wie davon die Rede ist, wehmütig stimmen, nicht eine viel völligere, glänzendere und erquicklichere für alle Kreatur? Der Herr heißt uns ohne Unterlaß beten und nicht laß werden. Tun wir das nicht, so muß es gehen, wie die Offenbarung sagt, auch in dem, was wir abwenden könnten. Folgen wir aber Jesu, wie Vieles auch von dem, was sonst Schweres geschrieben steht, könnte dann anders werden, als man meint, daß es absolut notwendig kommen müsse!
Behauptungen will ich keine aufstellen; aber gerne benützte ich die Gelegenheit, meine Gedanken einmal denen zur Prüfung vorzulegen, denen die Schrift allein gilt.
228) Anbetung des Heil. Geistes.
Frage: "Wenn die Lehre der Kirche von drei Personen in der Gottheit und besonders von einer Person des Heiligen Geistes richtig ist, und demgemäß auch zu dem Heil. Geist gebetet wird, wie kommt es, daß die Heil. Schrift nur eine Anbetung Elohims uud Jehova's im A. Testamente, des Vaters und des Sohnes, Gottes und Christi, Gottes und des Lamms, im N. Testamente kennt, und daß sich auch bei den Himmlischen (in der Offenbarung Johannis) keine Anbetung des Heil. Geistes findet?"
Antwort. Was der Fragesteller hier meint und voraussetzt, ist ganz richtig. Eine bestimmte Stelle, in welcher von einer Anbetung des Heil. Geistes die Rede wäre, findet sich nirgends in der Schrift. Ich erinnere mich auch in früheren Jahren, daß ich es nicht vermochte, wenn ich es auch mir vornahm, zum Heil. Geist zu beten. Denn eine Anbetung des Heil. Geistes kann das noch nicht genannt werden, wenn man in der Poesie, oder mit liturgischen Formeln Ihn anredet, wie: "O Heil'ger Geist, kehr bei uns ein." So ist es mir auch von jeher nicht leicht geworden, in liturgischen Gebeten, wie es deren gibt, zuerst zum Vater, dann zum Sohne, und endlich zum Heiligen Geist zu beten. Es widerstrebt etwas in mir; und ich lasse es daher ruhen, ohne mir weitere Gedanken darüber zu machen.
Indem ich aber jetzt gefragt werde, habe ich mehr darüber nachgedacht; und da finde ich, daß es sehr begreiflich ist, daß von einer Anbetung des Heil. Geistes nicht die Rede sein kann, ohne daß Seine Wesensgleichheit mit dem Vater und Sohn darunter not litte. Warum wird der Vater angebetet? weil es von Ihm heißt, daß Er Himmel und Erde gemacht habe, daß Er Alles schaffen könne, was Er wolle, daß Ihm kein Ding unmöglich sei. Weil Solches nur vom Vater gesagt wird, ist Er's, an den wir uns zu halten haben. Er will es auch von uns haben, daß wir Sein Angesicht in allen Nöten suchen. Warum beten wir zu dem Sohne? Von Ihm heißt's, es sei Ihm Alles übergeben im Himmel und auf Erden; Ihm ist alle Gewalt gegeben, vom Vater überlassen. Er sitzt zur Rechten Gottes, nicht zu Seiner Linken, weil Er, nach Seinem Kampfe, statt des Vaters, der tätige Herr sein soll. In Seine Hände wird's vom Vater gelegt, daß Er's tue; und wenn wir zum Vater beten, so tut Er, was wir bitten, um Jesu, Seines Sohnes, willen und durch Ihn. Ohnehin sollen auch alle unsre Bitten an den Vater im Namen Jesu geschehen, was allein schon in sich schließt, daß auch Jesus kann und soll angebetet werden.
Wir haben also für die Anbetung Gottes und Christi förmliche Weisungen in der Schrift. Andeutungen oder Weisungen, daß wir auch zum Heil. Geist beten sollten, finden wir nicht. Der Heil. Geist steht auch in einem ganz anderen Verhältnisse zu den Menschen, als Gott und Christus. Er soll in uns kommen, persönlich bei uns sein. Wie sollten wir denn den Heiligen Geist, der in uns ist, anzubeten nötig haben? Er wird mit unserer Person so Eins, daß es fast einer Selbstanbetung gliche, wenn wir den Heil. Geist anbeteten. Wir haben nur auf Ihn zu hören, Ihn zu beachten, haben Ihm aber nichts anzubefehlen, wie dem Vater und dem Sohn. Es läßt sich denn auch gar nicht wohl denken, wie wir sollten neben dem Vater und Sohn auch noch zum Heil. Geist beten. Überhaupt steht uns der Geist, als ausgehend vom Vater und Sohn, nur zur Verfügung durch den Sohn. Wollten wir etwa die Bitte zu Ihm wagen, Er solle doch, weil längst als Person von uns gegangen, wieder kommen, so bedenken wir nicht, daß Er nicht von sich aus, sondern nur als vom Vater und Sohn gesendet zu uns kommen. kann oder will. Somit schließt Sein eigentümliches Verhältnis sowohl zum Vater, als auch zu uns die förmliche Anbetung des Heil. Geistes geradezu aus. Es ist daher höchst begreiflich, daß von ihr in der Schrift nicht die Rede ist.
229. Saulus und Ananias.
Frage. "Der Herr Jesus, nachdem er den Saulus auf dem Wege nach Damaskus zusammengeschlagen, heilt ihn nicht, sondern schickt ihn zu Ananias. Der mußte ihn lösen. Ist dieses Exempel nicht auch heute noch unbedingt maßgebend für die Christenheit? Einer, der, trotz Ihrer vielen Artikel, bezüglich des Bindens und Lösens immer noch nicht klar ist."
"Jedenfalls hat Paulus dort seine Sünden bekennen müssen, und ist darauf hin erst absolviert worden. Aber das ist mir der Anstoß, daß er das nicht direkt mit Jesu abmachen konnte. Es soll ja doch nichts zwischen den Sünder und das Blut Jesu gebracht werden nach sonst evangelischer Lehre."
Antwort. Bei dieser Frage ist mir das auffallend, daß das Schriftwort dem lieben Fragesteller nicht genug ist. Klar steht's doch da, aber er meint doch, man sollte es anders nehmen dürfen. Unbedingt maßgebend für die Christenheit denkt er, werde es nicht sein, daß Ananias, und nicht der Herr den Saulus heilte. Das ist so ein Herumzweifeln am Wort, dem man sich nicht unterwerfen will. Wie aber dann der liebe Fragesteller bezüglich des Bindens und Lösens je soll klar werden, weiß ich nicht. Denn was ich sage, kann ja das Gewicht nicht haben, wie das Wort Gottes.
Wir können also nur darüber nachdenken, warum der Herr es so gewollt habe, daß Ananias den Saulus heilte, um eine Lehre daraus zu ziehen. Daß nun der Herr den Saulus nicht selbst wieder heilte, sollte begreiflich sein. Denn es wäre gegen Seine Würde gewesen, den, welchen Er wegen großer Schuld eben geblendet hatte, sogleich ohne Weiteres wieder zu heilen. Saulus hatte sich auch an der Gemeine versündigt; und somit konnte der Herr nicht selbst direkt heilen, ohne daß eine Bitte für ihn von der Gemeine ausginge. Saulus durfte auch wohl eine Weile unter der Last der Blindheit einhergehen; und daß er sich vor einem einfachen Jünger des Herrn, der ihm helfen sollte, demütigte, war ihm auch gut. Überhaupt war es nicht die Weise des Herrn, die Wunder, zu welchen Er einmal Jünger befähigte, mit Übergehung dieser direkt zu tun. Wozu sollte denn die Gabe ausdrücklich gegeben sein, wenn sie der Heiland selbst umgehen wollte? Ich meine, so gäbe die Stelle doch etwas, das bezüglich des Bindens und Lösens klar machen könnte. Wenn der Herr bindet, kann nur der Mensch in Seinem Namen lösen.
Daß Saulus dem Ananias seine Sünden bekennen, und dieser ihn absolvieren mußte, ohne daß es der Herr direkt tat, ist dem Fragesteller sogar ein Anstoß. Dieser Ausdruck aber ist dem lieben Freunde wohl nur so entschlüpft. Denn wenn er nachdenkt, darf ihm ja nichts in der Schrift ein Anstoß sein, wenn man's nicht versteht, am allerwenigsten dann, wenn man über einen Lehrpunkt sich nicht klar machen will. Nichts nun ist begreiflicher, als daß der Herr den Saulus nicht direkt absolvieren konnte. Saulus ist ja schon gar nicht dem Herrn mit einer Buße zuvorgekommen. Sodann gilt in der Gemeinde der Satz: "Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen," womit der Herr von sich weg die Vergebung förmlich Menschen überträgt. Der Heiland konnte also einen Sünder seine bösen Sachen nicht mit sich allein abmachen lassen. Namentlich die erste Absolution, die erst in ein Verhältnis zum Heiland setzte, geschah nach der Schrift nie direkt vom Heiland. Bei Saulus war's um so nötiger, daß der Herr es nicht direkt tat, weil es wieder Sache der Gemeine war. Die Gerechtigkeit erforderte es, daß die, welche Saulus bedrängt hatte, Fürbitte taten, wenn er sollte Vergebung empfahen. Hätte sich Keiner gefunden, der es tun wollte, so hätte Paulus kaum ein Apostel werden können. Wenn aber die Absolution durch Jünger geschehen sollte, trat nichts zwischen den Sünder und das Blut Jesu. Der liebe Fragesteller soll also keinen Anstoß daran nehmen, sondern gerade durch die Geschichte des Saulus sich klar machen bezüglich des Bindens und Lösens. Der Herr hat einst auch den Freunden Hiobs nicht direkt vergeben; sondern Hiob hat für sie bitten müssen. Den Hiob wollte Er ansehen (42, 7. 8), weil der recht von Gott gesprochen hatte, nicht die Freunde, weil diese Torheit begangen hatten. Hiob war auch der Gekränkte, und hatte das Recht, es von Gott zu fordern, daß Er die leidigen Tröster es fühlen lassen möge. So muß Hiob seines Rechts sich begeben und Fürbitte tun, wenn den leidigen Tröstern sollte vergeben werden.
(Der liebe Fragesteller hatte noch etwas Besonderes auf dem Herzen, das er mir mitteilte, um für ihn darüber zu beten. Letzteres tue ich. Daneben aber erwidere ich ihm, daß er bezüglich des empfangenen Tadels Unrecht hatte, wenn von Spielerei in demselben die Rede war, daß er also auch nicht hätte sollen so empfindlich darüber werden; denn es hat ihm offenbar geschadet. Wenn er nun nach langer Zeit immer noch Furcht statt Freudigkeit vor jenem Vorgesetzten hat, so bitte ich ihn, ernstlich sich dagegen zu wehren. Am Besten wohl wär's, wenn er mit jenem Vorgesetzten geradezu darüber reden und sich vor ihm demütigen würde. Ich denke, damit werde Alles gut gemacht).
230. Das Weib zu Endor.
1 Sam. 28.
Über das Weib zu Endor (s. 1876 Nr. 21, IV) bin ich abermals gefragt worden. "Wie war es möglich," lautet die Frage, "daß die Zauberin von Endor den Geist des Samuel heraufbeschwören konnte?" Die Fragestellerin meint, es nicht glauben zu können, daß Samuel, der Knecht und Prophet des Herrn, im Tode vom Satan gebunden gewesen sein sollte; und über einen der seligen Geister könne doch die Zauberin keine Macht gehabt haben. Ihre weiteren nicht unfeinen Bemerkungen will ich nicht hersetzen, um nicht zu viele Worte über diese Sache machen zu müssen. Ganz richtig mag es aber doch nicht sein, daß Gläubige des Alten Bundes, obgleich sie nicht in einen völlig seligen Zustand vorerst kommen konnten, nicht hätten frei bleiben können von den Angriffen einer Zauberin, außer wenn's an etwas Wesentlichem bei ihnen gefehlt hatte. Meine Meinung im Allgemeinen ist die, daß man über Unerklärliches lieber stille sei, und vorerst es auf sich beruhen lasse, aber nie sage: "Das kann ich nicht glauben." Wir müssen Alles, wenn's klar da steht, unbedingt glauben.
In diesem Fall aber könnte man auch fragen: "Warum hat doch Gott diese Geschichte überhaupt so umständlich in der Schrift aufzeichnen lassen, namentlich wenn eine so delikate Geschichte gar einen so großen Propheten angeht, wie Samuel war? Sollte doch nicht etwas Wichtiges damit angedeutet sein? Wir lesen (v. 3): "So hatte Saul aus dem Lande vertrieben die Wahrsager und Zeichendeuter." Als Beweis nämlich, daß man Israel nicht fluchen könne, sondern es segnen muß, führte einst Bileam an (4 Mos. 23, 23): "Denn es ist kein Zauberer in Jakob und kein Wahrsager in Israel." Wo Zauberer sind, gibt's viel Fluch auf viele Leute. Sie sind streng im Gesetz verboten; und wenn Saul sie vertrieb, weil sie eben auch allmählich Boden gewonnen hatten, so geschah es gewiß auf Anregung Samuels. Nun bleibt aber doch zu Endor, einer israelitischen Stadt, eine Zauberin verschont. Wie kam das? Denn die Leute wußten ja von ihr. Hat nicht etwa Saul, oder gar Samuel selbst, bei ihr, weil sie keine gemeine Person war, durch die Finger gesehen? Gesetzt, Samuel hatte auch eine Schuld der Nachlässigkeit dabei, da wahrscheinlich auch eine göttliche Weisung zu der Vertreibung der Zauberer Statt gefunden hatte, so ist es nicht zu verwundern, wenn Samuel, heraufbeschworen, zu Saul sagen muß (v. 15): "Warum hast du mich unruhig gemacht, daß du mich heraufbringen lässest?"
Bis hieher habe ich gerne geantwortet, um es Jedem ernstlich nahe zu legen, daß er sich doch in keiner Weise an unheimlichen Sachen beteilige, und namentlich in seinem Hause nicht Geheimes dulde. Schon diese Duldsamkeit kann ernste Folgen haben. Viele wollen in Allem wenigstens eine Probe machen, und Augenzeuge von dem, was Andere tun, sein, ohne zu bedenken, wie schnell geheime Bande über den unvorsichtigen und naseweisen Menschen durch die List des Satans geschlungen sind. - Sonst aber bitte ich, jene Geschichte selbst lieber liegen zu lassen, als Auskunft über dieses und jenes zu suchen, die man doch nicht mit Sicherheit geben kann. Jedenfalls haben wir auch gar kein Verständnis dafür.
Völlige Befreiung von Sünden.
Frage: "Ein rechter Balsam auf meine Wunden, welche mir die Bande der Sünde machen, die aber schon einigermaßen ihre Macht verloren haben, sind mir stets die Worte der Schrift: ""So wir unsre Sünden bekennen, ist Er treu und gerecht, daß Er sie vergibt, und uns reiniget von aller Untugend."" Meine Frage ist nun die: Dürfen wir nach diesen und anderen ähnlichen Verheißungen auf völlige Befreiung von bewußten Sünden und Banden in diesem Leben hoffen? Das Lied: O Durchbrecher aller Bande etc. ist oft meine Herzenssprache und Gebet; besonders der Vers:
Laß, die teuer sind erworben,
Nicht der Menschen Knechte sein.
Denn so wahr Du bist gestorben,
Willst Du uns auch machen rein,
Rein und frei und ganz vollkommen,
Und verklärt ins beste Bild.
Der hat Gnad' um Gnad' genommen,
Welchen Deine Füll' erfüllt.
ist mir oft ein sehr großer Trost; und meine Seele hofft auf völlige Befreiung, um dem Herrn recht dienen zu können."
Antwort. Mit großem Interesse, wenn auch jetzt kurz, antworte ich auf diese über's Meer her an mich gekommene Frage eines Ungenannten. Seine andere Frage das nächste Mal. Daß es der Heiland auf eine völlige Befreiung von Sünden abgesehen hat, hat Er ausdrücklich gesagt mit dem Worte (Joh. 8, 36): "So euch der Sohn frei macht, seid ihr recht frei." Es ist gar nicht möglich, daß Er nicht sollte solche Gedanken in Seinem Herzen gehabt haben; denn sonst wäre alle Seine Hilfe nur eine halbe. Wo aber Gott ist und hilft, muß es ein Ganzes werden. Wenn Er auch sagt: "Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht," so deutet Er damit an, wie sonst in der Schrift es zu finden ist, daß Mächte der Finsternis Gewalt über den Sünder bekommen, von denen er selbst sich nicht befreien kann. Jesus aber ist gekommen, daß Er die Werke des Teufels und Alles, womit der Teufel den Menschen vergiftet hat, zerstöre. Da kann sich's dann wieder nicht um ein Halbes handeln.
Eine andere Frage ist die, ob Alles gleich so völlig werden konnte, wie es beabsichtigt war. Denn alles braucht seine Entwicklung und seine Zeit. Ich glaube nun wohl, daß, wer damals sich völlig dem Herrn Jesu hingegeben hat, völlig frei werden konnte, auch von aller Gebundenheit des Teufels, weswegen Er so bestimmt sagt: "Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben, kommt nicht ins Gericht, ist vom Tod ins Leben hindurchgedrungen," was bereits eine völlige Befreiung voraussetzt. Aber bei Vielen konnte das doch nicht so werden, wie nicht einmal bei den Jüngern allen. Denn der Mensch ist selten ganz gegen den Heiland, wie Er es gegen ihn sein will. So blieb denn das verderbte Herz mit all seinen bösen Stücken (Matth. 15, 18-20), welche Letztere nichts Anderes sind, als Kräfte der Finsternis. Nun kam der Heilige Geist; und durch den hätte auch der Mensch, wenn er allein auf Ihn gesäet hätte, und nicht auch daneben auf's Fleisch (Gal. 6. 8), wenigstens allmählich völlig frei werden können. Augenblicklich war er's nicht, weswegen Paulus sagt: "Wir sollen durch den Geist des Fleisches Geschäfte töten" (Röm. 8, 13), ferner (6, 12): "Lasset die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten." Lüste sind geblieben und also die Keime zur Sünde. Wer sie nicht überwand, blieb Knecht der Sünde.
Allmählich aber trat der persönliche Geist von den Christen zurück; und nun ist keine Kraft mehr da, zu völliger Befreiung uns hindurchzuarbeiten, wenn wir immerhin auch durch Buße und die Gnadenmittel viel gewinnen können. Sonst müssen wir damit zufrieden sein, daß wir trotz der Überreste der Sünde in uns durch das Blut Christi können aus Gnade gerecht und selig werden, auch frei von den Ansprüchen der Finsternis. Wenn's aber auch so jetzt ist, so kann der Heiland den ursprünglichen Plan, völlig frei zu machen, nicht aufgegeben haben. Wir dürfen also mit Zuversicht hoffen, daß noch neue Zeiten der Christenheit und Welt bevorstehen. Der Heiland herrscht ja, bis Er alle Seine Feinde zum Schemel Seiner Füße gelegt hat. Wie schnell kann Sein Sieg wider die Finsternis völlig werden, daß seine Folge auch auf uns hereintritt. Die Verheißung des Geistes, wenn auch jetzt nicht erfüllt, muß doch noch allem Fleisch zu gut kommen. Die steinernen Herzen müssen noch in fleischerne verwandelt werden (s. Hes. 36, 26. 27., vergl. auch 5 Mos. 30, 6). Auf diese Zeit, die aber nach meiner Überzeugung bald kommen wird, müssen wir warten. Dann wird Alles neu und frei. Einstweilen freuen wir uns des barmherzigen Heilands, der den Redlichen unter aller ihrer Schwachheit gewiß bleibt.
232. Wertschätzung des Gegenwärtigen.
Frage: "Eine andere kurze Frage (s. Nr. 16, III.) möchte ich mir noch erlauben zu stellen. Ist es nicht gefährlich für unsere Seelen, in Erwartung neuer Geistesausgießung, das, was wir bereits besitzen, gering zu schätzen, oder gar nicht zu achten, auch mit dem, was wir jetzt haben, und haben können, keinen Gebrauch zu machen, in dem Gedanken, daß doch keine rechte Frucht entstünde? Ich habe oft darüber Kämpfe und keine volle Klarheit. In Erwartung neuer und größerer Gnadengaben ist es mir oft, als ob man gegenwärtig nicht die nötigen Segnungen im jetzigen Christenstande augenblicklich erwarten dürfte; und das stört meine Freude und Hoffnung."
Antwort. Auch diese Frage, mit der vorigen (s. Nr. 16, III.) von einem Ungenannten über's Meer an mich gekommen, beantworte ich gerne. Ein ähnliches ist mir schon oft vorgehalten worden, und zwar in gegnerischem Sinne, wie wenn man von den Erwartungen der größeren Gaben des Geistes lieber schweigen sollte, damit man das Gegenwärtige nicht geringschätzen lerne. Da käme es auf das hinaus, man solle eben Alles laufen lassen, wie es laufe. Denn wenn es einmal dem Herrn gefiele, mehr zu geben, so werde Er es tun, ohne daß wir vorher darüber viel Worte machten. Wenn mit diesem Zuwarten nur geholfen wäre, so wäre es schon recht. Aber im Reiche Gottes muß Alles erbeten sein. Jene Witwe hat müssen beten: "Herr, rette mich von meinem Widersacher"; und wenn sie nicht gebetet hätte, so hätte der harte Richter ihr nicht geholfen. Der Heiland legt uns ferner im Vaterunser Bitten in den Mund, die wichtig sein müssen, weil ohne solche Bitten das, was sie enthalten, auch nicht geschehen würde. Wenn kein Mensch ernstlich betete: "Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe", wie übel müßte es nach diesen Richtungen aussehen. Auch als einst die babylonische Gefangenschaft aufhören sollte, hat müssen ein Daniel ernstlich darum beten, daß es auch wirklich geschehe. Man kann also von Hoffnungen, wenn sie berechtigt sind, nimmer schweigen, weder im Gebet, noch im Zeugen davon, damit die Schar der Beter sich mehre.
Unser Fragesteller aber meint's nicht in gegnerischem Sinn. Er will es nur besprochen haben, wenn Gefahr da zu sein schiene, daß man Naheliegendes möchte brach liegen lassen, um ein Zukünftiges erst zu erwarten. Er fürchtet auch sich selber, es möchte ihm, was er habe und haben könne, geringer werden, über dem eifrigen Festhalten der Hoffnung. Da müssen wir aber unterscheiden, wie wir's überhaupt mit der neuen Ausgießung des Geistes meinen. Wollen wir sie vorzüglich um unseret-, d. h. der Gläubigen willen, oder für die Gesamtheit der Menschen? Wir, die wir den Heiland kennen, und etwa auch schon schätzen gelernt haben, was wir an Ihm haben, können erstlich, im Gefühl unserer Schwachheit, für uns in unserem Teile die größeren Gaben wünschen, oder zweitens Andern zu lieb, die dadurch leichter für's Reich Gottes zu gewinnen wären. Was das Erstere betrifft, so müßte der ein rechter Thor sein, der, was er hat an geistlichen Gaben, darum nicht mehr schätzen wollte, weil er die Aussicht bekommt, größere etwa in einer Kürze zu erlangen. Ehe er das Größere hat, muß ihm das Wenige genügen, das er hat; und wenn er ob der Hoffnung das Geringere geringschätzt, so steht er schon gar nicht recht in seiner Gesinnung zum Herrn, und will er namentlich etwas sein vor dem Herrn, daß es in den geistlichen Hochmut hineingeht. Diese Gefahr kann freilich bei Jedem eintreten; aber es dient ihm zur Verantwortung, eine Gnadenhoffnung so zu mißbrauchen.
Ich bin aber überhaupt nie recht dafür, daß ein Christ neue Gnadengaben vorzüglich um seinetwillen erwarte, damit es ihm leichter werde, im Kampfe wider die Sünde zu überwinden, über die Anfechtungen der Finsternis Herr zu werden, ein helleres Licht über die Glaubenswahrheiten und über die Schrift zu bekommen, die inneren Regungen der Sünde niederzuschlagen, sonst auch an Kraft des Glaubens, an wirksamem Gebet zu seiner Besserung und Herstellung an Leib und Seele zu gewinnen. Wünschenswert wäre das Alles wohl; aber daß man es, ohne viel Neues zu bekommen, durchbringen könne, dafür haben wir ja unzählige Beweise, wie auch davon, daß, wer das Geringe nicht achtet, großen Schaden leidet. Das Bessere für uns selbst soll uns daher nicht so sehr vorne anliegen, außer so weit wir durch Gebet und Treue zunehmen können. Denn wir werden doch nicht sagen wollen, das Seligwerden sei uns unmöglich, oder auch nur erschwert, wenn wir nicht größere Geistesgaben bekommen. Wenn's auch schwer geht, so muß es doch gehen, daß wir durch Einfalt des Glaubens unsre Seelen erretten, und zwar je treuer, desto besser, mitten unter den Versuchungen der argen Welt. Andererseits dürfen wir auch nicht meinen, daß es dann unfehlbar für uns gewonnen wäre, wenn wir höhere Geisteskräfte besäßen. In der apostolischen Zeit waren ja die Kräfte da; aber der Kampf blieb fast derselbe, wie wir in Röm. 6 und sonst lesen. Die Gefahr, auf das Fleisch zu säen, statt auf den Geist, und dadurch das Verderben zu ernten, war noch nicht abgewendet. Es kann auch von uns mehr gefordert werden, wenn wir mehr Kräfte haben, wie der Heiland sagt: "Wer da hat, (nämlich bei der Abrechnung) dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, das er hat." So kann selbst das Besitzen größerer Gaben gefährlich werden, wenn wir etwa jetzt meinen wollten, das, was wir haben und haben können, reiche nicht aus zu unsrer Seligkeit. Wir müssen durchaus fest dabei bleiben, daß wir genug haben, um unsre Seelen zu retten, daß auch des Herrn Gnade und Freundlichkeit nach Seiner Verheißung uns verbleibt, wenn wir an Ihn uns halten. Wie töricht also, in Erwartung des Größeren das Geringere geringschätzen! Wenn ein Hungriger nur wenig Speise vor sich sieht, wird er diese liegen lassen, weil er Verlangen nach mehr hätte? Sonst gilt hier das Wort Jesu: "Wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht"; und wer sein einiges Pfund vergräbt, kommt desto gewisser in die Finsternis, da Heulen und Zähnklappen ist.
Was uns verheißen ist, hat Bezug auf die Erlösung der ganzen Kreatur, die noch so sehr im Argen liegt; und ihr gegenüber soll unser kleinlichter Egoismus nicht oben an stehen. Es gibt wohl noch Seelen, die es vermögen, mit dem, was da ist, durchzukommen; aber wem ist nicht bekannt, wie klein ihre Zahl ist? Unzähligen steht das, was sie noch haben, nicht einmal zu Gebot, weil's ihnen nicht dargereicht wird, und weil die Mächte der Finsternis Alles verderbt haben. Das Wort ferner, auch wo es lauter gepredigt wird, hat nicht mehr die Kraft, auf Viele einzudringen, und verderbte Herzen zum Herrn zu führen, wie es sein sollte. Die Macht, viel auszurichten, ist überall gehemmt. Der Fürst dieser Welt ist überall Herr; und das Reich Gottes kommt immer weiter zurück, statt vorwärts. Das Elend der Menschen häuft sich in außerordentlichem Grade, weil keine Hilfe dagegen vorhanden ist, und Kräfte des Geistes zur Hebung von allerlei Übel uns fehlen. So liegt Alles darnieder; und so bleibt es, wenn nicht der Herr sich näher herzumacht, mit Kräften aller Art, das Ersterbende wieder zum Leben zu bringen, und was noch ganz erstorben ist, aufzuwecken. Der Jammer nach innen und außen ist so groß, daß man sollte Tag und Nacht bitten und flehen, der Herr möge drein sehen und endlich das tun, wodurch die ganze Kreatur, auf welche es ja im Evangelium abgesehen ist, zu ihren Rechten kommen kann, zu dem ihr verheißenen Anteil an Jesu und Seinen Gnaden.
Hier nun ist freilich auch eine Gefahr vorhanden für die, welche noch etwas haben, daß sie, wenn sie auf Andere wirken sollen, sei's berufen oder unberufen, denken, sie lassen lieber Alles liegen, es helfe ja doch nichts, und man bringe es zu Nichts, wenn der Herr nicht mehr Kräfte zuteilen würde. Diese Gefahr ist allerdings groß. Bedenke aber Jeder wohl, wie denn doch noch so manche Seele angefaßt wird, und so Vieles aus dem Verderben durch unsre Treue im Wort herausgerettet werden kann. Das Alles ginge verloren, wenn wir, wie verdrossen über geringe Erfolge, die wir vor uns sehen, wollten gar nichts mehr tun. Die so sich stellen, mögen auch zusehen, daß es ihnen nicht zu großer Verantwortung gereichen wird, wenn sie ihr Pfund im Schweißtuch vergraben, unter dem Vorgeben, sie können doch nicht ernten, wo nichts gesäet sei, statt daß sie zu retten suchen, was noch gerettet werden kann. Wie bedeutungsvoll wird auch Alles, was wir tun, eben auf die Zeit, da der Herr mit neuen Kräften Alles wird frisch in die Hand nehmen, um es zum großen Ziel der Vollendung aller Dinge zu bringen!
233. Von Unversöhnlichen.
Frage. "Zur Stelle: Sei willfährig deinem Widersacher bald (Matth. 5, 25). Soll man Jemand, mit dem man einst in Mißhelligkeiten geriet, und der auf keine Versöhnung einging, auch nach langer Zeit und in der Ferne noch, besonders, wenn oft wie ein Bann auf Einem liegt, zu einer versöhnten und freundlichen Stimmung zu bewegen suchen, damit er nicht einst als Ankläger vor Gott erscheinen möge; oder soll man die allgemeine Sündenvergebung sich auch für diesen speziellen Fall zueignen, und sich derselben getrösten?"
Antwort. Sogenannten Mißhelligkeiten liegen nicht immer Beleidigungen und Kränkungen von Bedeutung zu Grunde; und es sind mehr nur unangenehme Berührungen ungleicher Charaktere, die sich nicht recht gegenseitig vertragen. In solchem Fall ist es nicht recht, in minder freundlichen Stimmungen nur gleich Unversöhnlichkeit vorauszusetzen. Immer wieder erneuerte Versuche, durch umständliche Besprechungen Versöhnungen auszuwirken, können nur ungünstig wirken, und Unversöhnlichkeiten erst herbeiführen. Besser ist es, still zu sein, und den Andern als versöhnt zu nehmen, gar nicht anzunehmen, als ob widrige Gesinnungen nur da wären. Ist vollends viele Zeit verstrichen und hat man sich lange nicht mehr gesehen, weil man auch räumlich von einander getrennt ist, so muß man die Sachen ohnehin auf sich beruhen lassen, und nicht immer an den früheren sogenannten Mißhelligkeiten sich aufhalten. Diese sind in der Regel verschwunden, wenn man sie nur verschwunden sein läßt, und bei erneuerten Begegnungen nichts als Liebe, Zutrauen und Herzlichkeit zeigt.
Sind es aber wirkliche Kränkungen, die man sich gegen Jemanden hat zu Schulden kommen lassen, Kränkungen, die eine Vergebung von Seiten der Gekränkten wünschenswert machen, zu der aber die Gekränkten sich nicht hergeben wollen, so kommt Alles darauf an, ob der kränkende Teil wirklich das Seine getan habe, um eine Vergebung und Versöhnung zu erlangen. Wird aber die dargebotene Hand der Versöhnung hartnäckig zurückgewiesen, so fängt der Gekränkte an, wenigstens vor Gott, der schuldige Teil zu werden. Verkläger kann er nicht mehr sein; und er ist zu bedauern, daß er mit seiner Unversöhnlichkeit Gefahr läuft, der Vergebung seiner Sünden durch Christum verlustig zu gehen. Dieses aber soll dem Teil, der gekränkt hat, auch zu Herzen gehen, stets dessen eingedenk, daß er auch diese Unversöhnlichkeit des Andern mit seinem Betragen verschuldet hat. Übrigens ist es auch hier oft mit der Unversöhnlichkeit nicht so ernstlich gemeint. Viele machen über das, was sie angegriffen hat, nur nicht gerne viele Worte, und sehen es lieber, daß man Alles für bereinigt nehme, ohne lange Auseinandersetzungen gegen einander. Letztere sind immer zu vermeiden. Lerne man stille sein, aber daneben lieben, freundlich und demütig sich bezeigen, auch Vertrauen dem Andern zu äußern. Aussöhnungen ohne Worte, aber durch die Tat bezeigt, sind immer die Besten. Sündenvergebung vor Gott darf man sich jedenfalls zueignen, wenn man für sich liebende und friedfertige Gesinnung zu erkennen gibt.
234. Zu Jesajas 65.
Frage. "Nach der köstlichen Beschreibung wahrhaft himmlischer Seligkeit, welche in Jesajas 65 dem Vers 20 in den Versen 17-19 vorausgeht, verstehe ich nicht, wie plötzlich in v. 20 wieder so bestimmt vom Tode die Rede sein kann. Es wäre mir von großer Wichtigkeit, Ihre Auffassung der Stelle zu erfahren, und ob sie den Auslegern beistimmen, welche die Erfüllung obiger Weissagung im tausendjährigen Reich erwarten, dabei sich die Ausleger von dem nahe liegenden Einwande, daß der Prophet hier nicht den Zustand des tausendjährigen Reichs malen könne, indem er v. 17 von einer neuen Erde und einem neuen Himmel rede, verwahren durch die Erklärung, daß der alttestamentliche Prophet das noch nicht aus einander zu halten vermochte, was der Apokalyptiker periodisch forderte."
Antwort. Wir müssen bei der Auslegung der Propheten, namentlich wenn sie die künftigen guten Zeiten, die Erlösungszeiten, die Schlußzeiten nach großen Kämpfen, das angenehme Jahr des Herrn, beschreiben, das nicht aus dem Auge verlieren, daß sie immer nur im Irdischen bleiben, nie über das Irdische hinausgehen und etwa Seligkeiten eines außerzeitlichen, oder eines himmlischen Lebens beschreiben. Alle Eröffnungen, die sie bekommen, bleiben zunächst diesseits. Über dieses hinaus wird den Propheten des Alten Testaments nichts eröffnet, und zwar so bestimmt, daß es sogar schwer ist, die Einzelheiten, die sie verkündigen sollen, geistlich zu deuten. Sie trösten sich auch nicht, wie wir, eines himmlischen Lebens, das ein Ersatz sein werde für die Mühseligkeiten dieser Zeit, oder das sie erlangen, um dem Jammer dieser Zeit, der nun einmal nimmer anders sich machen könne, zu entfliehen. Sie bleiben durchaus auf irdischem Boden, und mit Bezug auf das Jenseitige wird ihnen für gewöhnlich nicht das Geringste gesagt. Ihre Hoffnung einer herrlichen Zukunft ist also nur auf die Aufhebung des Fluchs gerichtet, der auf der Erde lastet, wobei aber das irdische Leben nicht verändert werden soll.
So hat schon Lamech, der Vater Noah's, von diesem seinem Sohne, als er geboren wurde, gesagt (1 Mos. 5, 29): "Der wird uns trösten in unsrer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat." Lamech denkt also, beim Gedanken an eine Erlösung, nur an die Aufhebung des Fluchs, der über die Erde und das menschliche Leben durch die Sünde gekommen ist, und läßt daher alles Gute, das er verheißen sich denkt, in die irdischen Tage hereinkommen, daß sich's so glücklich auf Erden leben lasse, als es der Herr bei der Schöpfung der Erde und des Menschen gewollt hat, da es hieß: "Gott sahe an Alles, was Er gemacht hatte: und siehe da, es war sehr gut" (1 Mos. 1, 31).
Dies ist ganz deutlich auch in dem Abschnitt, über welchen gefragt wird, in Jes. 65, 17-25 zu erkennen, da von Kindern und Jünglingen und alten Leuten die Rede ist, von Weinbergen, Häusern, Geburten, von Lämmern und Löwen, von Rindern und Schlangen etc., wobei nur vorausgesetzt ist, daß kein Verderben und kein Schade mehr da sein werde, das das irdische Leben verbittere. Wenn also v. 17 von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist, so besteht das Neue nicht in dem, daß die ganze Natur des Himmels und der Erde werde umgewandelt werden, und daß ein vom bisherigen irdischen Leben verschiedenes müßte geführt werden, sondern in dem, daß alles Schädliche und Verderbliche, wie es nicht nur als Keim in der Erde nun liegt, sondern auch durch Einflüsse des Himmels, der Luft und der Planeten, fortwährend verursacht wird, werde weggenommen werden, und daß aller Fluch, durch die Sünde gekommen, werde aufhören. Anders sieht sich's an, wenn in der Offenbarung (21, 1 ff.) auch von einem neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist; denn dort ist viel gesagt, das andeutet, daß zugleich auch ganz andere Verhältnisse werden eingetreten sein. Es wäre dieses ein weiterer Blick, den die Weissagung gibt, und den die Propheten des Alten Testaments noch nicht hatten.
(Schluß folgt.)
235. Zu Jesajas 65.
(Schluß.)
Frage, s. Nro. 18, III, 234.
Es fragt sich nun, wie sich die Verherrlichung des Irdischen, da sie als Verheißung gegeben ist, erfüllen werde. Die herrliche Erdenzeit ist so dargestellt, daß sie werde bleibend sein und lange werde fortdauern. Ja, es ist nicht angedeutet, daß nach ihr etwas Anderes kommen werde. Man kann nun sagen, der Herr habe den Propheten nichts über die Grenzen des Erdenlebens hinaus kund tun wollen; und so blieb nichts Anderes übrig, als alles selige Leben ins Irdische zu versetzen, oder nur von einem irdisch seligen Leben der Lebenden zu reden, und dieses der Zeit nach unbegrenzt zu nehmen. Dies schließt aber nicht aus, daß der Herr in der Folge Veränderungen im Leben der Seligkeit auch auf Erden nach Seinem einstweilen verborgen gehaltenen Rat werde eintreten lassen, und daß Er allmählich das Irdische werde in ein Himmlisches verklärt werden lassen. Die Seligkeit der Menschen, ob sie irdisch oder himmlisch leben, wird in der Zukunft nicht ab-, sondern zunehmen, unter welchen Verhältnissen das nun auch sein mag. Aber gewiß ist die Aussicht eines verbesserten Irdischen, nach den in den Propheten gegebenen Schilderungen.
Indem ich dieses ausspreche, meine ich es nicht, wie viele neuere Ausleger, die Propheten hätten die Sachen noch nicht auseinander zu halten gewußt. Nach manchen Seiten ist das richtig; aber bei dem, um was sich's hier handelt, ist es doch kaum anzunehmen. Denn nicht der Prophet redet, sondern der Herr redet, wie wir deutlich in der besprochenen Stelle es finden. Der Herr aber muß wissen, was Er sagt, und jedenfalls für die Verbesserung des Irdischen etwas vorhaben, das man nicht gleich vergeistigen darf. Die Ehre Gottes, so zu sagen, erforderte es, daß die durch die Schlange eingetretenen Verderbnisse in und außer dem Menschen nicht damit geheilt würden, daß die verderbte Welt zerstört und eine neue hergestellt werde. Nein, die verderbte Welt selbst soll wieder in ihr Ursprüngliches, Unverderbtes zurückgeführt werden, zum Beweis, daß denn doch der Herr noch mächtiger ist, als der Satan, und daß man Ihm nichts verderben kann, das Er nicht anders wieder sollte gut zu machen wissen, als daß Er nun lieber selbst Alles vollends zusammenschlage. Wir haben also wirklich eine irdische Zeit zu erwarten, die so sein wird, wie sie der Herr durch den Propheten schildert, da nichts als Wonne und Freude da sein, und alles Böse und Verderbliche weg sein, im Übrigen aber Alles gerade so fortgehen wird, wie im Jetzigen die Anlage dazu vorhanden ist.
Man kann nun hiebei verschiedene Gedanken haben. Ich erwähne zuerst dessen, was viele Ausleger tun, daß sie die herrlichen Zeiten des Erdenlebens, welche die Propheten schildern, in das sogenannte tausendjährige Reich versetzen, wie sie die Zeit von 1000 Jahren nennen, von welcher Off. 20, 5 ff. die Rede ist. Ich habe aber schon in Nr. 13, III, 227 dargetan, daß diese tausend Jahre nicht so herrlich geschildert werden in der Offenbarung, daß die Schilderungen der herrlichen Zeiten durch die Propheten darauf paßten. Ich sehe überhaupt nur schwer an diese tausend Jahre hin, die so schmerzlich schließen, und kann nur denken, daß der Herr werde lieber gleich bei Seinem Kommen den Abschluß alles Jammers auf Erden machen wollen, wenn wir bittend Ihn angehen, zumal der Verzug sonst so groß ist und anfänglich nicht angenommen war. Aber abgesehen davon, so passen die Herrlichkeitszustände, welche die Propheten schildern, auch darum nicht auf die tausend Jahre, weil diese ein Ende haben, jene aber ein Fortdauerndes darstellen, das nicht wieder in eine Verschlimmerung zurückfallen wird. Die Propheten schildern das Letzte, das Ziel der Gnadengedanken Gottes, welche wenigstens nicht mehr rückwärts gehen werden, wenn auch Umgestaltungen der Seligkeiten sollten später eintreffen, in fernerer Zukunft. Was Gott wiederhergestellt hat, das bleibt und wird nun bleiben, so lange nicht die Freundlichkeit Gottes Höheres in Aussicht bringen wird, davon den Propheten schon darum nichts gesagt werden konnte, weil ihnen über das neutestamentliche Jenseits nichts offenbar war. Den Propheten wird nur angezeigt, daß das zeitliche Leben so werden würde, wie es ursprünglich Gott im Plan hatte; und um dieses recht anschaulich zu machen, darf vorausgesetzt werden, daß es nach der Wiederherstellung will als in die Länge und ewig fortgehend geschildert werden. Eben damit soll auch uns der Eindruck gegeben werden, wie wunderbar der Herr Alles wieder in seine rechte Ordnung bringen werde. Diese Voraussetzung kann angenommen werden, weil mit allem Weiteren, das Gott noch vorhaben mag, wenigstens kein Rückschritt im Gewonnenen mehr werden wird.
Eine totale Umwandlung der ganzen Schöpfung mag wohl Gott im Weiteren im Sinn haben, die aber ihren Grund nicht mehr in dem hat, was gottwidrige Mächte verderbt haben. Das Letztere muß ohne eine solche Umwandlung verbessert oder wiederhergestellt werden. Wenn auch Petrus (2 Petr. 3, 10. 12) von einem Zergehen der Himmel, einem Schmelzen der Elemente und einem Verbrennen der Erde an des Herrn Tag redet, so muß offenbar nach den sonstigen Stellen der Schrift hier nicht vergessen werden, daß das Alles erst in Folge der Zukunft oder des Tags des Herrn, etwa nach längerer Zeit, nicht sogleich geschehen kann. Wie Vieles, das beim Kommen des Herrn sich verlaufen soll, muß vorher werden, wie es auch von Jesu selbst vorausgesagt wird. Eigentümlich sind die Worte Davids (Ps. 102, 26, 27), in welchen eine Ahnung liegt, wie überhaupt die erste Anlegung des Himmels und der Erde, und alles Gewordene, als ein Vergängliches veralten kann, und darum einer Erneuerung von der Hand des Schöpfers, vielleicht in ein Unvergängliches, und dann erst Ewiges, bedarf. Es heißt: "Du hast vorhin die Erde gegründet, und die Himmel sind Deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, aber Du bleibest. Sie werden alle veralten, wie ein Gewand. Sie werden verwandelt, wie ein Kleid, wenn Du sie verwandeln wirst." Über die Zeitfolge einer solchen Katastrophe etwas zu bestimmen, haben wir zu wenig Halt in der Schrift; und darum dürfen wir auch das von Petrus nicht als bestimmend der Zeit nach nehmen. Jedenfalls bleibt eine Verjüngung der irdischen Verhältnisse nach den Propheten gewiß, ob sie nun von kürzerer oder längerer Dauer sein mag, wiewohl das Geweissagte vom Standpunkte einer längeren Dauer ausgeht, wie aus dem ersichtlich ist, daß des Menschen Tage sein werden, wie die Bäume, und daß Menschen von hundert Jahren noch Knaben oder Jünglinge genannt werden.
In der großen irdischen Heilszeit nun, außer welcher ja zur Zeit der Propheten keine andere bekannt ist, weil das Leben der Ewigkeit im Jenseits noch völlig uneröffnet ist, wird auch mit dem Menschen eine große Umwandlung vorgegangen sein. Er wird den Heiligen Geist haben, wird statt des steinernen Herzens ein fleischernes Herz haben, wird innerlich so gestellt sein, daß er von Herzen dem Herrn dient, "in Seinen Geboten wandelt, Seine Rechte hält und darnach tut" (Hes. 36, 26. 27). Auch die Kräfte der Finsternis in ihm werden ihn verlassen haben. Die irdische Heilszeit macht sich also auch darum groß, daß die Menschen nicht mehr als Sünder hingehen und sich unter einander plagen und verderben. Indessen, - und damit kommen wir auf den Hauptpunkt der vorgelegten Frage, - mögen wir es begreifen, daß die Sünde, weil die menschliche Freiheit nicht aufgehoben ist, nicht gerade ganz werde ausgeschlossen sein. Bis der Mensch nur auch aus der Gewohnheit der Sünde ganz heraus kommt, braucht's immer noch Kampf; und da sagt unsre Stelle (Jes. 65, 20) voraus, daß es noch Mutwillssünden geben könne, wie sie in jetziger Zeit namentlich der Jugend, die aber als hundertjährig in der Neuzeit gedacht wird, eigen sind. Die Sünde aber wird dann gleich mit dem Tod bestraft werden, damit nicht wieder ein allgemeines Verderben einreißen könne. So kann es in v. 20 heißen: "Die Knaben von hundert Jahren" (nämlich wenn sie sündigen) "sollen sterben; und die Sünder von hundert Jahren sollen verflucht sein." Ihre Bestrafung wird noch weiter gehen, und wohl zu der Pein werden, in welcher die von früher her Verfluchten sein werden. Wenn übrigens sonst die Menschen ihre Tage erreichen werden, ohne zu frühe hingehen zu müssen, wenn ferner "die Tage meines Volks sein werden, wie die Tage eines Baums" etc., so ist ein endliches Hingehen auch angenommen, aber doch eines Sterbens nicht gedacht. Statt des Sterbens, können wir, nach der Analogie der Menschen, welche bei der Zukunft Christi werden verwandelt und dem Herrn entgegengerückt werden in der Luft (1 Thess. 4, 17), hinzudenken, daß auch Verwandlung und Entrückung aus dem irdischen Leben hinausbringen werde, wie ja überhaupt das ewige Sein bei dem Herrn nach der neutestamentlichen Offenbarung das eigentliche Ziel der Erlösung sein wird. Während also die Einen entrückt werden zur Seligkeit, gibt es welche, die wohl auch nicht sterben, wie man jetzt stirbt, sondern in die Pein, d. h. den andern Tod, entrückt werden, und auf diese Weise sterben. So viel sagt die Weissagung der Propheten. Sonst aber haben wir noch an eine wirkliche Umwandlung des Himmels und der Erde, die kommen werde, zu denken, wie Off. 21 es bestimmt uns in Aussicht stellt. Wie es dann werden wird, ist uns nicht eröffnet.
236. Die Mitleidenschaft.
Frage: "Ich möchte Sie bitten, über 1 Kor. 12, 26. 27 uns Einiges zu sagen, da von der Mitleidenschaft der Glieder die Rede ist." - Die Stelle lautet: "Und so Ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr seid aber der Leib Christi, und Glieder, ein Jeglicher nach seinem Teil."
Antwort. Die Frage ist schon alt; aber ich fand eben erst wieder das Blättchen. Der Apostel geht von dem aus, wie es die Glieder des menschlichen Leibes haben. Hat ein Glied des Leibes Wehe, so kommt leicht eine Empfindung des Wehes auch an andere, zuletzt an alle. Ich habe selbst dieser Tage etwas davon erfahren. Als ich meine linke Hand verstaucht hatte, so war mir's, wenn ich mit der rechten Hand schrieb, als fühlte ich in dieser ganz den nämlichen Schmerz, wie in der linken; und etwas später hatte ich ein Kranksein durch den ganzen Leib. Umgekehrt kann die Erquickung und Linderung, die ein Glied erfährt, den ganzen Leib munter machen. Solches wendet der Apostel auf die Christen an, welche den Leib Christi ausmachen und Glieder sind. Sie haben selbst Weh oder Freude, je nachdem sie's bei andern Gliedern wahrnehmen; sie leiden oder freuen sich mit den andern, als ob es sie selber wären. So wie es Christen haben oder haben sollten, haben's nicht gerade auch andere Menschen oder Genossenschaften. Denn diese sind nicht in gleicher Weise Eins geworden, als es vom Herrn bei Christen angelegt war, welche alle durch die Gnade und den Geist Christi gleichsam Ein Wesen und Eine Person werden sollten. Gegen die apostolische Zeit aber sind wir hierin weit zurückgekommen; und den Mangel unsres jetzigen Christentums können wir in nichts mehr sehen, als in dem, daß es nicht mehr so ist, wie der Apostel sagt, und nur hie und da bei enge verbrüderten Christen in etwas sich noch zeigt. Die Unempfindlichkeit, namentlich gegen die, welche Wege des Verderbens gehen, übersteigt alle Grenzen; und wie wenig fühlen die Meisten bei dem Gedanken, daß so Viele sollten verloren gehen! Pauli Wort lehrt uns seufzen: "Ach, hilf, Herr, daß Deine Christenheit Ein Leib wird, dessen Glieder Alles versuchen, um Niemand, so es möglich wäre, verloren gehen zu lassen." Wie sollten doch unsre Gefühle durch Alles hindurch andere werden, beim Anblick namentlich des Wehes, das so herzzerreißend überall sich vor unsre Augen stellt! Ich hoffe, der Herr werde es bald bessern.
237. Pflege des Gewissens.
Frage. "Einzelne Fälle, in denen man im Unrechttun sich dadurch bekräftigte, daß man es betend Gott vortrug, erschreckten mich. Offenbar hielten die Betreffenden sich zu jenem Unrechttun verpflichtet, ihr Gewissen war also ein irriges geworden. - Ferner, Gläubige erkennen später Manches als Unrecht, was sie ehedem für erlaubt hielten. Ihr Gewissen schlief also. - Durch Erweckung des Gewissens an den göttlichen Geboten und durch seine Zurechtweisung vermittelst des Wortes Gottes wird das Gewissen in heilsame Pflege genommen werden. - Möchten Sie sich nun hierüber aussprechen, wie wir das Gewissen zu schärfen und zu pflegen haben!"
Antwort. Die Frage hat mich in viel Nachdenken gebracht; aber ich weiß nicht, ob ich meine Gedanken faßlich niederschreiben kann. Ich versuche, das in der Frage Enthaltene einzeln zu besprechen.
Im Unrechttun durch Beten sich bekräftigen, scheint freilich - seltsam genug, - eine häufig vorkommende Sache zu sein. Es kommt wenigstens oft vor, daß ein Mensch sagt, wie sich verteidigend, da dann jedermann sich zufrieden geben soll: "Ich habe darüber gebetet," als ob dann Alles recht wäre. Solche Menschen wollen gleichsam eine göttliche Antwort vernommen haben, daß das recht sei, was in Frage war. Manche schlagen Sprüche auf; und paßt ihnen ein Spruch nicht, suchen sie einen andern, bis sie einen solchen finden, der etwa sagt: "Tue, was dir unter Händen kommt." Der arme Mensch bedenkt nicht, daß, wenn Jemand auf eine Antwort erpicht ist, auch ein Fremdes, Finsteres ihm etwas ins Ohr sagen kann. Oft fällt mir auch der Wahrsager Bileam ein. Der fragte in der einen Nacht den Herrn, ob er gehen solle. Es hieß Nein. Ein zweites Mal fragt er wieder. Dann hieß es Ja. Er geht; aber die Eselin hat ihn zurechtweisen müssen. So wollen Viele, wenn sie sich zu etwas entschließen sollen, z. B. zu einer Heirat, sich durch Gebet klar machen, gleichsam eine Weisung von oben sich geben lassen, durch ein bestimmtes Gefühl, das ihnen werden soll. Häufig beten sie sich aber nur in ihr Gewünschtes hinein, selbst wenn sie klar wissen könnten, wie viel ihrem Wunsch entgegenstehe. Sie aber beten drauf und drein; und plötzlich ist's ihnen, als wüßten sie das Rechte, - und wie sehr ist's oft gefehlt. Denn was ist's? Eben das, was sie sich gewünscht hatten, das aber ihr Inneres ihnen verbieten möchte. Wohl oder übel muß nun, was sie wollen, das Rechte sein, und muß die Bekräftigung ihnen von oben zugekommen sein. Gewissen, und durch Gebet Gewordenes, wie oft ist das zweierlei. Ich verbiete in vielen Fällen geradezu das förmliche Beten über eine bestimmte Sache. Ich sage: "Denke nach! Prüfe die Sachen mit dem Verstand, und dann dein Inneres, ob's Ja oder Nein sagt." Sagt's Ja, wozu dann das viele Wortmachen im Gebet, um zum Entschluß zu kommen. Sagt's Nein, warum sich durch Gebet in die Versuchung führen, daß das innerliche Nein soll gar ein göttliches Ja werden, während dir die Stimme Gottes in dir viel näher ist und viel klarer entgegenkommt, als durch dein langweiliges, - verzeih' mir den Ausdruck, aber der Herr heißt ja nicht viele Worte machen, - Beten.
So ist es nun auch beim Unrechttun. Der Mensch hat das Gefühl, daß etwas unrecht oder Sünde sei, was er tun will. Nun betet er, wie wenn er dem lieben Gott auseinandersetzen wollte, daß es in diesem Falle erlaubt sein dürfte. Der liebe Gott soll also durch bestimmte Eindrücke solchem Menschen gestatten, was sonst gegen Sein Gebot wäre. Jedenfalls meint der Mensch, der fromm sein will, wenn er nur vorher gebetet habe, werde es recht sein. Solcher Mensch hat eigentlich gar kein Gewissen. Das Gewissen, welches unterscheidet zwischen gut und böse, möchte gerne reden, und sagt's klar, was das Rechte sei. Aber man läßt es nicht gelten. Man streitet mit dem Gewissen, weil Allerlei den natürlichen Menschen zum Gegenteil reizt. Will nun der Mensch sonst fromm sein, so betet er; oder er will eigentlich gegen sein Gewissen an Gott appellieren. Das ist der Übelstand, daß der Mensch nur gar zu oft keine Furcht Gottes hat. Er tut, als ob, was die Furcht Gottes verbiete, unter Umständen, wenn nicht gut, doch auch nicht unrecht oder verboten sein könne. Er läßt sein Gewissen, die Stimme Gottes in ihm, nicht gelten, meint etwa auch, wenn er in Josephs Fall wäre, denken zu können, er dürfte wohl dem Begehren der buhlerischen Frau nachgeben, ohne, wie Joseph, zu sagen: "Sollte ich ein so groß Übel tun, und wider Gott sündigen?" So kann ein Mensch, auch der fromm sein will, morden, ehebrechen, stehlen, betrügen, falsches Zeugnis geben, auch zaubern etc., sein Gewissen durch fromme Redensarten, oder wie die Frage sagt, durch Gebet, beschwichtigend. Der Mensch aber, der durch Gebet zum Unrechttun bekräftigt werden will, hat kein irriges Gewissen, sondern ist geradezu ein gewissenloser Mensch, der Gottes Willen weiß, aber nicht tun will.
(Schluß folgt.)
238. Pflege des Gewissens.
(Schluß.)
Forts. von 237 in Nr. 20. Die dort gegebene Frage enthielt verschiedene Abteilungen, deren erste bereits beantwortet ist. Die zweite Abteilung lautet:
"Ferner, Gläubige erkennen später Manches als Unrecht, was sie ehedem für erlaubt hielten. Ihr Gewissen schlief also."
Antwort. Der Fall kommt freilich oft vor, daß man lange etwas für erlaubt hält, das man später als ein Unrecht erkennt. Auch sogenannte Gläubige oder Bekehrte, die eine ernste oder religiöse Richtung angenommen haben, treiben gewisse Sünden fort, ohne daran zu denken, daß sie wirkliche Sünden seien. Ja, ich weiß Fälle, da Jemand, wenn lange in der Bekehrung gestanden, ohne von gewissen Sünden frei geworden zu sein, gar nicht sich überzeugen ließ, daß ein wirklicher Christ dieses und jenes nicht mehr treiben dürfe, weil es Sünde sei. Ich hörte vor Jahren, daß ein Sklavenhändler noch drei Jahre lang nach seiner Bekehrung den Handel fortsetzte, ohne im Mindesten innerlich darüber angefochten zu sein. Sünden wider alle Gebote, vom ersten bis zum letzten, können auch von Gläubigen je und je ohne Bedenken fortgesetzt werden, und zwar mitunter, ohne einen Hehl daraus zu machen. In der Regel freilich tut man Unrechtes doch mehr nur im Verborgenen, aber doch so, daß man innerlich sich entschuldigt und rechtfertigt.
Ein schlafendes Gewissen kann man's nun in allen den Fällen nennen, wenn in dem Menschen nicht die geringste Empfindung von einem Unrecht kommt, das an dem hafte, das er tue. Dies wird namentlich dann sein, wenn der Grund, warum etwas ein Unrecht sein soll, nicht klar da liegt, oder vom Menschen übersehen wird. Warum soll man nicht Geheimnisse treiben, zaubern, Sympathie brauchen dürfen etc.? Viele begreifen das nicht; und sie tun's, weil ihr Gewissen scheinbar nichts dagegen hat. Schläft aber wirklich ihr Gewissen? Ich mache die Erfahrung, daß mir Alle, die ich darauf aufmerksam machen muß, bekennen, es sei ein Widerstreben in ihnen gewesen, so oft sie's getan hätten. Das Gewissen war also da; aber die Furcht Gottes fehlte. Wie aber, wenn Viele selbst in schlechte Häuser gehen, und sich vorspiegeln, als ob sie damit nichts Unrechtes täten? wenn sie überhaupt allerlei ins Gebiet der Wollust Einschlagendes treiben, - wie hätte ich da so Manches zu sagen! - und bei sich beschließen, daß es keine Sünde sei? Wie ferner, wenn sie allerlei Betrug, Lüge zu ihrem Vorteil und zum Nachteil Anderer für erlaubt halten; wogegen nicht das Geringste einzuwenden sei? wenn man auch mit List und scheinbarem Recht Anderer Hab und Gut an sich zu bringen sucht, meinend, ganz ruhig im Gewissen bleiben zu dürfen, weil man ja sonst dabei seine Schuldigkeit getan habe? Wird in diesen Fällen allen das Gewissen schweigen? Nein, es schläft nicht, es mahnt; aber man will's nicht gelten lassen, streitet mit ihm, betäubt's am Ende. Wo fehlt's da? nicht am Gewissen, sondern - an der Furcht Gottes; und wenn solche Sünder sich dennoch zu den Gläubigen, zu Bekehrten schätzen, im Beten, in Andachten, in Kirchenbesuchen, nicht zurückbleiben, ja auf den Bänken ernsterer Christen je und je sitzen, so sind sie bitter zu beklagen. Denn drüben sind sie eben nichts Anderes, als Übeltäter, die der Herr nicht kennt, da Entschuldigungen gegen das Gewissen dort nichts gelten.
Immerhin kann in Manchem das Unrecht, das in ihm liegt, ganz versteckt liegen, daß es auch das Gewissen nicht berührt. Aber auch hier nenne ich das Gewissen nicht schlafend. Es fehlt dem Menschen an Erleuchtung und an Erkenntnis. Er hat eine Belehrung nötig, die ihm das aufdeckt, was in einer Handlungsweise oder Gewohnheit, namentlich im Verkehr mit Andern, Unrechtes und Sündliches liegt. Von da an legt sich dann das Gewissen darein, und kann der Mensch nimmer anders, wenn er fromm fein will, als nach dem neuen Erkennen sich halten. Wir müssen uns aber in Acht nehmen, nicht in unrechter Weise schroff gegen uns selbst zu werden. Es gibt gewisse Dinge, über welche viel Fragens ist, ob sie erlaubt seien oder nicht. Da kann nun Jemand Zeiten haben, da hält er sie für erlaubt, und wieder andere, da er sie für Sünde hält. Hier müssen wir aber wohl beherzigen, daß in das Gebiet wirklichen Unrechts und wirklicher Sünde nur das gehört, worin nach irgend einer Seite die Gebote Gottes übertreten werden; und in Allem hat man nur darauf zu sehen, ob, was man tue, einem wirklichen Gottesgebot zuwiderlaufe oder nicht. Das Gewissen zupft, sobald ein Gottesgebot will unbeachtet bleiben; und wer ihm nicht folgt, hat kein schlafendes Gewissen, sondern nicht Furcht Gottes genug. Will aber scheinbar das Gewissen zupfen, wo es sich um kein Gottesgebot handelt, da muß man etwa eingegebene Klugheit, guten Rat und Vorsicht, von dem eigentlichen Gewissen unterscheiden.
In der vorgelegten Frage heißt's weiter: "Durch Erweckung des Gewissens an den göttlichen Geboten und durch seine Zurechtweisung vermittelst des Worts Gottes wird das Gewissen in heilsame Pflege genommen werden. - Wie haben wir denn wohl das Gewissen zu schärfen und zu pflegen?"
Antwort: Um ein Wort über die Schärfung und Pflege des Gewissens zu sagen, müssen wir unterscheiden zwischen Erkenntnis der Gebote und Halten der Gebote. Dieses Beides ist zur Pflege des Gewissens notwendig. Auslegung der Gebote Gottes und des Worts Gottes überhaupt und die Erlernung der Beziehungen zum Leben, kann Alles, was im Gewissen liegt, zu einem Ausdruck bringen. Je feiner und gründlicher wir auslegen, desto entschiedener und klarer werden die Aussprüche des Gewissens. Es ist daher nichts nötiger, als daß man immer umfassender die Gebote, wie sie in der Schrift sowohl Alten als Neuen Testaments sich finden, sich zum Bewußtsein bringe, um ein scharfes Urteil zu bekommen über das, was gut und recht ist nach allen Seiten. In dem Grade, als wir im Erkennen der Gebote Gottes zurückstehen, werden wir's auch am richtigen Wandel fehlen lassen. Indessen kann das Gewissen abermals stumpf werden, wenn der Mensch, was er vom Gesetze lernt, nicht tut, sich keine Mühe gibt, das Erlernte auch wirklich zur Tat zu bringen. So weiß der Mensch Alles; und doch schweigt das Gewissen zu Allem, weil die Furcht Gottes, die nicht bloß lernen, sondern auch tun will, fehlt. Es bleibt ungeschärft und ungepflegt. Die eigentliche Pflege des Gewissens geschieht damit, daß der Mensch alles Erkannte vor Gott auch ins Tun zu bringen suche. Am Menschen selbst liegts, nicht am Lehrer. Es kann Keiner dem Andern sein Gewissen pflegen, wenn er's nicht selber pflegt durch Vergegenwärtigung Gottes und durch Furcht Gottes. Man kann dem Menschen alles Material geben, das zum feinsten Gewissen führen sollte; aber es ist Alles umsonst, wenn der Mensch innerlich unfromm bleibt, und sich nichts drum bekümmert, ob seinem Gewissen Genüge geschehe oder nicht. Wer sich aber im Kleinsten schon übt, des Gewissens Zeugnisse zu tun, der schärft und pflegt sein Gewissen bis zu immer größerer Vollkommenheit. Daß es so werde, dazu will ja Gott noch fleischerne Herzen geben, und Seinen Geist, dessen Erneuerung wir wieder hoffen. Wie Viele gingen ohne das mit all ihrem Wissen verloren!
239. Zeugnis des Geistes
nach Röm. 8, 16.
Frage: "Wie darf ich den Spruch Röm. 8, 16 verstehen: " "Derselbige Geist gibt Zeugnis unsrem Geist, daß wir Gottes Kinder sind" "? Wie kann ich dieses Zeugnis erkennen, ohne fürchten zu müssen, mich zu täuschen? Auf mein Fühlen darf ich mich doch nicht verlassen, auch nicht auf mein Glauben, da dieses von jenem so vielfach beeinflußt ist, und Beides zusammen unter dem Einfluß so mancherlei Dinge steht. - Der 14. Vers: " "Welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder," " ist mir oft tröstlich; aber ich meine, es müsse unter diesem Zeugnis noch etwas Anderes verstanden sein."
Antwort. Da wir heute, da ich dieses schreibe, das heilige Pfingstfest gefeiert haben, hatte ich Veranlassung über das Wesen des Heiligen Geistes, welcher über die Jünger ausgegossen wurde, umständlicher mich zu äußern, und aufs Neue mir klar zu werden. Da ist mir nach Joh. 14, 16. 18 (meinem Predigttext) namentlich wieder recht klar geworden, wie der Heiland keine bloße einwirkende Kraft von oben, sondern etwas Persönliches aus Gott unter dem Heil. Geist versteht. Derselbe soll ja ein anderer Tröster sein statt Jesu. Wie Jesus nach Seiner Person für Seine Jünger ein Tröster, Berater und Freund war, so sollte, weil Er wegging, an Seiner Statt als anderer, d. h. zweiter Tröster der Heil. Geist gegeben sein, der zugleich Seiner Abkunft nach nichts Geringeres sein sollte, als Jesus war. Derselbe sollte aber in den Jüngern, in ihnen selbst sein, und ewiglich bleibend, d. h. überall, wo sie gingen und stünden, ohne je sie zu verlassen, so lange sie in dieser Zeit lebten.
Vermittelst dieses Geistes sollten die Jünger nicht Waisen sein; denn mit Ihm kommt Jesus selbst auch wieder unsichtbar zu ihnen. Ohne ein Persönliches von oben aber sind wir Waisen; und haben wir ein Persönliches von oben, so sind wir nicht mehr Waisen. Sind wir nun durch den Heil. Geist nicht mehr Waisen, so muß Er etwas Persönliches sein, und zwar etwas Persönliches aus Gott, wie es Jesus gewesen ist, welcher Seiner Abkunft nach das Wort, ewig bei Gott und selbst Gott, war. Von diesem Geist nun sagt Paulus auch in unsrer Stelle, er sei kein knechtlicher, sondern ein kindlicher Geist, durch welchen wir rufen: "Abba, lieber Vater!" Weil der Geist etwas aus dem Wesen des Vaters ist, so werden wir durch Ihn, wenn wir Ihn bekommen, verwandt mit Gott, als aus Seinem, unsres Vaters, Wesen stammend, wie Kinder aus dem Wesen ihrer Eltern stammen. Es ist also durch den Geist ein natürlicher Zug einer Kindesliebe in uns, wie ihn Kinder gegen ihre Eltern haben. Statt dessen aber sagt unser Spruch noch bestimmter, der Geist gebe Zeugnis unsrem Geiste, daß wir Gottes Kinder sind. Wir haben einen angebornen Geist in uns, auch aus Gott, dem's der in uns hereinkommende Heil. Geist aus Gott sagt und bezeugt, daß wir Gottes Kinder sind.
So ist es nach der Schrift mit dem Heil. Geiste und dem Zeugnis des Geistes gemeint. Wenn wir aber offene Augen haben und aufrichtig sein wollen, so müssen wir gestehen, daß wir es so nicht mehr haben. Einer Persönlichkeit, die in uns neben unsrem Geiste als aus Gott wäre, werden wir uns nicht mehr bewußt. Wir können nicht mehr eine wirkliche Stimme als vom Heil. Geiste in uns als Zeugnis vernehmen. Es kann eine Beruhigung über uns kommen; es kann uns wohl werden beim Gedanken, daß wir etwa Kinder Gottes seien. Aber so, als ob's uns ein Freund, eine Stimme von oben, förmlich sagte, wir seien's, haben wir's nicht. Es gibt zwar Christen, die meinen, sie hätten solche Stimmen in gewissen Augenblicken in sich gewonnen; aber wir dürfen sicher annehmen, daß es falsche Stimmen seien, an dem erkennbar, daß sie außerordentlich schnell und schroff wechseln. Die nämlichen Christen, welche eben überglücklich über die Stimme, als wären sie's, gewesen sind, hören plötzlich wieder die entgegengesetztesten Stimmen, die ihnen sagen, sie seien verloren, und seien viel zu große Sünder, als daß sie je glauben könnten, als Kinder Gottes angenommen zu werden. Wenn's so wird, wie kann die vorherige Stimme eine ächte gewesen, die sie so glücklich gemacht hatte? Ebenso ist es allgemeine Christenerfahrung, wie viele Mühe, Sorgen und Kämpfe viele Christen haben, bis ihnen, wie sie sagen, das Kindschaftsbewußtsein gewiß geworden ist. Immer und immer wollen ihnen Zweifel kommen. Sie beten und ringen mit dem Heiland; und mitunter machen sie sich's mit solchem ängstlichen Eifer immer ungewisser und unsicherer. Wenn wir das recht erwägen, so werden wir doch mit Sicherheit annehmen dürfen, daß wir nicht mehr so gestellt sind, wie einst die ersten Christen, des Heil. Geistes nicht mehr in ähnlicher Weise teilhaftig. Daß es anders bei uns ist, läßt sich schon an dem erkennen, daß wir nie etwas Besonderes erfahren, weder an Kindern, noch in späterem Alter, daß uns der Augenblick des Empfangs des Heil. Geistes gewiß würde, wie das in den ersten Zeiten war, da ein Feuerschein sichtbar wurde. Jeder konnte es aufs Bestimmteste von sich sagen, wenn er den heiligen Geist bekommen hatte (vergl. Gal. 3, 2); und Jeder sah es auch an Andern, daß der Heil. Geist auf sie fiel, weil eigentümliche Zeichen äußerlich sichtbar waren, die unwidersprechlich waren.
Indem es so ist, macht sich's auch mit dem Zeugnis, das der Geist unsrem Geiste gibt, daß wir Gottes Kinder seien, bei uns anders. Dieselbe Sicherheit oder Bestimmtheit haben wir nicht mehr, wie man sie ehemals hatte. Solches gibt schon die an mich gerichtete Frage zu erkennen. Denn die fragende Person ist sich ihres Zeugnisses nicht gewiß. Sie steht in der Furcht, sie könnte sich auch täuschen, und möchte deswegen wissen, wie sie's erkennen könnte, daß sie in keiner Täuschung sich befinde. Daß dessenungeachtet der Geist Gottes sich ihr bezeigte, geht aus ihrer Rede auch hervor. Sie verspürt etwas von dem Wehen des Windes, wie einst Nicodemus (Joh. 3, 8), der wohl das Sausen hörte, aber nicht wußte, woher es käme, und wohin es führe. Wir werden daher der fragenden Person immer etwas Bestimmtes sagen können, das sie gewisser macht, wenn sie sich auch je und je mit der Furcht plagen muß, ob's auch bei ihr seine Richtigkeit habe. Nur so viel ist klar, daß sie, wie ja immer in unsrer Zeit, das Zeugnis des persönlichen Heiligen Geistes in sich nicht vernimmt. Denn wer dieses hat, dem bleibt's, weil's ja ewiglich bei ihm bleibt. Wer den Heil. Geist in sich hat, hat Ihn bleibend, und steht über allen Zweifeln erhaben, wie wir auch kein Beispiel im Neuen Testamente finden, daß Jemand, der den Heil. Geist gehabt hätte, je wieder, so für die Langeweile, wie man's bei Vielen in unsrer Zeit sindet, in Zweifel über seinen Gnadenstand gekommen wäre. Wollte freilich einst um einer Sünde willen, in die sie sielen, ihr Herz sie verdammen, so konnten sie doch auch, ohne so erschrecklich untröstlich zu sein, ihr Herz wieder vor Gott stillen und Freudigkeit zu Gott bekommen (Joh. 3, 19-21). (Schluß folgt.)
240. Zeugnis des Geistes
nach Röm. 8, 16.
Frage, s. Nr. 22, III.
Fortsetzung und Schluß der Antwort.
Nach dem Bisherigen hat bei uns die Frage, wie wir die Richtigkeit des Zeugnisses in uns, daß wir Gottes Kinder seien, erkennen können, ihre Berechtigung. Denn so gewiß in der apostolischen Zeit durch den Besitz des persönlichen Heil. Geistes das Zeugnis war, so unsicher und schwankend ist es bei uns ohne diesen Geist. Es gibt in unsrer Zeit Christen, die schnell damit fertig sind, zu glauben, sie seien im Reinen, oder sie haben in sich das Zeugnis des Heil. Geistes, daß sie Gottes Kinder seien, ohne daß sie genügende Buße oder Erkenntnis ihrer selbst zu erkennen geben. Es gibt auch religiöse Richtungen, welche im Flug den Leuten das Zeugnis des Geistes glauben beibringen zu können, da es eben auch an den rechten Vorgängen dazu fehlt. Wissen wir doch auch davon, wie ganze Versammlungen hingerissen wurden, daß sie sich im Nu als innerlich glückliche und heilige Leute fühlten, weil sie glaubten, etwas innerlich empfangen zu haben von dem heil. Geist, das sie selig mache. Aber weil alle Vorbereitungen dazu im Inneren fehlten, bekam's den Charakter von Schwindel oder magischen Einwirkungen, letzteres besonders, wenn gar künstlich wollte eine Ausgießung des Heil. Geistes erzwungen werden, ohne daß in genügender Weise Buße und Erkenntnis der Sünden, und Einsicht in die Person und das Wirken Jesu gefordert wurde. Wo dergleichen Forderungen unterbleiben, oder oberflächlich behandelt werden, ist's nie etwas echtes, was man sich gehoben fühlt; und der geringste Windstoß genügt, das Gebäude innerlich zusammenzustürzen. Je und je wollen's die Leute mit fortgesetztem heißem Beten erzwingen, daß ihnen vernehmbar gesagt werde: "Deine Sünden sind dir vergeben." Wer auch sonst drauf aus ist, etwas zu hören, mag zusehen, wer mit ihm rede. Wenn der Feind tröstet, gehts glatt zu, und wird jede Beängstigung verwischt, und über Alles Beruhigung gegeben. Aber wie wandelbar ist solche Stimmung, daß sie plötzlich ins vollkommenste Gegenteil umschlägt!
Wie aber kann ich doch zu völliger Gewißheit kommen, daß ich als Kind Gottes mich nehmen, und das Zeugnis in mir als ächt nehmen darf? Ich antworte: wenn wir immer und immer uns selbst aufs Genaueste prüfen, wie wir stehen, und so, daß wir stets uns selbst richten, wie Paulus verlangt (1 Kor. 11), daß es vor dem Heil. Abendmahl geschehen soll, so müssen wir doch wahrhaftig auf ein Richtiges und Sicheres kommen. Ich erlaube mir, hier niederzuschreiben, was unser württemb. Konfirmationsbüchlein, welches alle Kinder auswendig lernen, zur Selbstprüfung sagt.
Frage 63. Was heißt denn sich selbst prüfen? - Antw. Sich selbst prüfen heißt, in sein eigen Herz und Gewissen gehen, und seine Buße, Glauben und neuen Gehorsam fleißig erforschen.
Frage 64. Wie prüfen wir unsre Buße? - Antw. Wenn wir uns selbst erforschen, ob wir unsre Sünden auch ernstlich erkennen, vor Gott bekennen, herzlich bereuen, verabscheuen und Leid darüber tragen.
Frage 65. Wie prüfen wir unsern Glauben? - Antw. Wenn wir in unsern Herzen wohl erkundigen, ob wir Jesum Christum auch recht erkennen, und uns einig auf Sein Verdienst und Gnade verlassen.
Frage 66. Wie prüfen wir unsern neuen Gehorsam? - Antw. Wenn wir genau untersuchen, ob wir uns mit Ernst vorgesetzt, von nun an die Sünde zu hassen und zu lassen, hingegen Gott gefällig zu leben, und in wahrer Liebe Gottes und des Nächsten durch Gottes Gnade zu verharren.
Ich meine, wer so, sich prüfend, vor seinem Gott und Heiland steht, der kann unmöglich in der Täuschung sein, wenn er glaubt und fühlt, er sei ein Kind Gottes. Ein Leben und Hausen mit dem Gewissen ist ein Leben mit Gott, als eines Kindes mit dem Vater. Wenn du denn auch mit solcher Prüfung zur Beichte gehst und priesterliche Absolution empfängst, und zum Tisch des Herrn, da dir der Leib und das Blut Christi dargereicht wird, wie wird dir doch hiebei, wenigstens in etwas, eine dauernde Versieglung von oben im Herzen zukommen, daß du ein Kind Gottes seiest. Fehlen kann's dir nimmermehr, auch unter Schwächen, Gebrechen und Fehltritten, die immerhin noch mit unterlaufen mögen.
241. Umfang der Verheißung des Heil. Geistes.
Frage: "Es drängte sich mir kürzlich der Gedanke auf: Da der scheidende Heiland den Heil. Geist den Seinen "als Tröster" verheißen hatte, damit sie nicht ganz "Waisen" blieben, so haben wir wohl nicht denselben Anspruch. Die ganze Kraft der göttlichen Sendung ließ sich auf die kleine Gemeinde nieder; und jetzt sind Gemeinden, und Gott sei Dank, auch Gläubige, über die ganze Erde verbreitet. Hat da nicht der Heil. Geist, um die Seinen zur Heiligung zu bringen, ein zu weit verbreitetes Gebiet, um in der ursprünglichen Kraft eine oder die andere Gemeinde zu bevorzugen? Ich gebe nur meinen Gedanken an, der auch vielleicht weit entfernt ist vom Wahren."
Antwort. Die Frage neigt sich zu dem Gedanken hin, daß die Ausgießung des Heil. Geistes in der Fülle, wie sie kam, ein besonderes Geschenk für die Apostel und für die erste kleine Gemeinde gewesen sei. Diese sollten den Heil. Geist als "Tröster" haben, damit sie nicht ganz "Waisen" blieben, und bekamen also die ganze Kraft der göttlichen Sendung. Da bemerke ich zuerst, daß der Heil. Geist nicht in dem engeren Sinne Tröster heißt, daß Er trösten sollte für den Verlust Christi. Vielmehr bedeutet das Wort, das mit Tröster übersetzt ist, den Unterweiser, Lehrer, Ermahner, Führer, dann auch Tröster, kurz das, was jeder Christ bedarf, um durch Alles hindurch eine innere Leitung zu haben. Wenn ferner die Jünger nicht Waisen sein sollten, so gilt das auch von anderen Christen. Alle, wer sie seien, sind Waisen ohne Christum, nicht bloß die, die Christum gehabt haben und dann nicht mehr hatten, sondern auch die, die Ihn nie gehabt haben, aber haben sollten. Wir brauchen Jesum als notwendigen Helfer und Heiland. Denn dazu ist Er überhaupt gesandt, daß das Menschengeschlecht nicht mehr sollte als Waise, fern von Gott und einer Gemeinschaft mit Gott, hinleben, sondern einen sicheren Führer haben, an dessen Hand es ihnen nicht fehlen kann. Mit dem Heil. Geist nun wird eine Stellvertretung Christi den Menschen gegeben, weil Alle einen Anspruch an den persönlichen Christus haben. Persönlich auf Erden aber brauchen wir Jesum nicht mehr, wie Ihn auch die Apostel entbehren konnten, wenn wir den persönlichen Heil. Geist haben, mit welchem auch Christus uns gegeben ist, so daß nur der Mensch sich als Waise fühlt, der den Heil. Geist nicht hat. - Wenn die Frage weiter bemerkt, daß eben darum, weil die erste kleine Gemeinde solchen Trost in ihrem Waisenstand bedurfte, die ganze Kraft der göttlichen Sendung bekommen habe, wie Andere nicht, und wenn die Frage den weiteren Schluß daraus zieht, es sollte eigentlich immer eine Gemeinde sein, welche als eine bevorzugte da stehe bezüglich der ursprünglichen Kraft des Heil. Geistes, was aber schwer sich verwirklichen lasse, weil das Gebiet, innerhalb dessen der Heil. Geist zur Heiligung zu wirken hätte, ein zu viel verbreitetes sei, als daß eine Gemeinde irgendwo könnte bevorzugt werden, so beruhen diese Vorstellungen alle nicht auf einem Schriftgrund, und lassen sich also auch nicht festhalten. Es wird überhaupt in der Schrift nie ein Maß zwischen Mehr oder Weniger bezüglich des Heil. Geistes angegeben. Wo der Heil. Geist ist, ist Er immer etwas Völliges. Nur mit Bezug auf Christum heißt es (Joh. 3, 31): "Denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maaß;" und selbst bei dieser Stelle ist der Ausdruck auffallend, weil der Spruch, in welchem nicht ausdrücklich steht, daß Gott Jesu den Geist nicht ohne Maaß gebe, ein Allgemeines zu sagen scheint.
Daß der Heil. Geist nicht in einer Weise der ersten Gemeinde völlig gegeben wurde, daß wir sollten nicht denselben Anspruch haben, ist aus vielen Stellen der Schrift ersichtlich. Schon das Wort Johannis des Täufers, der, welcher nach ihm komme, werde nicht mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen, schließt eine Bevorzugung Etlicher aus. Sodann sagt der Herr (Joh. 7, 38. 39): "Wer an mich glaubt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen." Da macht der Evangelist die Bemerkung: "Das sagte Er aber von dem Geist, welchen empfahen sollten, die an Ihn glaubten." Hier wird nichts von einem Vorzug der Einen und der Andern gesagt. Vielmehr sollen Alle gleichmäßig, wenn sie nur glaubten, den Heiligen Geist empfahen. Auch an den ersten Pfingsten, da der Heilige Geist auf die Jünger fiel, und in so auffallender Weise, daß ein großes Zusammenlaufen des Volkes entstund, wollten die Apostel nicht als solche dastehen, die irgendwie etwas empfangen hätten, das nicht Allen jetzt offen stehe. Deswegen sagt Petrus (Apost. 2, 38): "Tut Buße, und lasse sich ein Jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden; so werdet ihr empfahen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euer und eurer Kinder ist die Verheißung, und Aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird." So sagt auch Paulus (Gal. 3, 13. 14), daß Christus ein Fluch für uns geworden sei, damit der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu, und wir also den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben." Überall wird der Heil. Geist als ein gleichmäßiges Gemeingut Aller genommen; und nirgends ist eine Andeutung davon, daß den Aposteln oder der ersten Gemeinde eine Bevorzugung zu Teil geworden sei, wiewohl wir immerhin es selbstverständlich finden, daß gerade die Apostel, als die eigentlichen Zeugen von Christo, ein Besonderes empfangen mußten, weniger bezüglich der Gabe des Heil. Geistes überhaupt, als bezüglich ihres Zeugnisses, daß sie darin nicht irreten, weil ja nach dieser Seite kein anderer Christ für sie hätte einstehen können. Aber sonst ist Allen, und namentlich auch den Knechten Christi, durchaus das Gleiche verheißen, was die Apostel hatten.
Daß ferner etwa eine einzelne Gemeinde als eine bevorzugte dastehen sollte, ist nirgends in der Schrift angedeutet, es wäre denn, daß zuletzt hätte sollen eine Konzentration für Alle irgendwo werden, da dann das prophetische Zion und Jerusalem sein sollte, von dem aus die Fäden der Gemeinschaft durch die ganze Welt liefen. Das wirkliche Jerusalem schien's im Anfange zu sein, konnte es aber nicht bleiben; und später bildete sich nirgends ein anderes sogenanntes Zion und Jerusalem als Haupt der Gemeine Christi auf Erden, ohne gerade mehr Gaben, als andere Orte hatten, zu besitzen. Zunächst ist etwas dergleichen nirgends von den Aposteln oder ersten Christen auch nur angestrebt worden, wie sich's denn auch hätte von selbst machen müssen, wenn die Christenheit keine Rückschritte gemacht hätte. Aber wenn wir auch weit zurückgekommen sind bezüglich der Gaben des Heil. Geistes, so dürfen wir die Hoffnung haben, es werde Alles wiederhergestellt und dann erst recht aller Welt geschenkt werden, weil ja der Herr den Heil. Geist noch über alles Fleisch ausgießen will.
Es ist endlich sonst auch die Meinung geäußert worden, als ob der Heil. Geist, der im Grunde immer derselbe geblieben sei, darum schwächer erscheine, als in der apostolischen Zeit, weil Er unter viele Millionen sich verteilt habe, die nicht mehr in der gleichen Fülle den Heil. Geist haben können, wie zur Zeit, da "die ganze Kraft der göttlichen Sendung" nur auf Wenige verteilt war. Diese Meinung aber setzt die große Gottesgabe des Heil. Geistes sehr herunter, wenn sie soll in dem Maaß für die Besitzer geschwächt erscheinen, als sie mehr Teilnehmer habe. Es sieht sich das an, wie wenn Jemand sagen wollte, der liebe Gott könne mit Seiner vollen Hilfe und Kraft jetzt weniger unter den Menschen herumkommen, weil's deren so viele geworden seien. Nein, nicht an einer Schwäche, sondern an einem Mangel des persönlichen Geistes leiden wir, wie wir denselben durch Sünde und Abfall uns zugezogen haben. Aber dem Herrn ist's ein Leichtes, wenn Seine Zeit da ist, durch die ganze Welt ein gleichmäßiges Licht des Heil. Geistes zu verbreiten. Käme doch bald diese Zeit!
242. Der böse Geist vom Herrn.
Frage. "Beim Lesen der Geschichte des Königs Saul sind mir schon oft die Worte aufgefallen: "Es kam über Saul ein böser Geist vom Herrn," oder "Gottes" (1 Sam. 16, 14-16.; 23; 18, 10.), welcher Ausdruck bei der jedesmaligen Erwähnung des Gemütszustandes Sauls mit denselben Worten angeführt wird. Möchten Sie sich darüber aussprechen, wie dies zu verstehen ist. Da doch ein Geist, der von Gott ausgeht, unbedingt nur ein guter Geist sein kann, so kann ich mir nur denken, daß ein böser Geist, so zu sagen, vom Herrn die Erlaubnis erhalten, über Saul zu geraten, um ihn zur Strafe über seinen Fall zu plagen und zu peinigen. Aber auffallend ist doch immerhin die sich gleichbleibende Bezeichnung: "Der böse Geist vom Herrn", oder "Gottes", der, wie ich glaube, sonst nirgends in der Bibel sich findet."
Antwort. Der Ausdruck in der Geschichte Sauls kann allerdings auffallen. Aber schon das ist auffallend, daß kaum irgendwo im Alten Testament sonst es vorkommt, daß böse Geister auf Menschen gefallen seien. Besessene hat es in Israel fast nur zu den Zeiten Jesu gegeben. Es war ein Vorrecht, das Israel hatte, oder ein besonderer Schutz vom Herrn, daß die bösen Geister ihm nicht durften so zusetzen, wie anderen Völkern. Die Israeliten standen viel freier da; und es wäre noch besser gegangen, wenn sie nicht in verbotene Sachen, wie Abgötterei, Wahrsagerei, Zauberei, Totenfragerei sich so vielfältig eingelassen hätten; denn an diese Sachen hängen sich vornehmlich Angriffe von Dämonen und Besessenheiten. Weil es also etwas Ungewöhnliches war, und bei Saul gewissermaßen als etwas Neues erschien, wollte die Schrift nicht bloß vom bösen Geiste reden, sondern vom bösen Geiste Gottes oder vom Herrn, als vom Herrn besonders zugesendet.
Man kann aber auch noch Anderes als Grund anführen. Weil nämlich Israel nicht von vorne herein und für gewöhnlich der Plage der Dämonen ausgesetzt war, war es Bedürfnis, es so auszudrücken, daß nicht gleich ein Israelite denken dürfte, sein Vorrecht oder sein Schutz sei gefallen, daß er also von nun an solcher Plage ausgesetzt und der Willkür der Dämonen preisgegeben sei. Deswegen muß es ausdrücklich heißen: "Ein böser Geist vom Herrn," nicht aus Seinem Wesen kommend, sondern von Ihm gesandt; denn damit wird das Unglück, das über Saul kam, ein Ausnahmsfall, ihm mit besonderem Bedacht von Seiten Gottes zugesendet. Es muß überhaupt immer ins Auge gefaßt werden, daß kein Dämon nach eigener Willkür einen Menschen überfallen oder einnehmen darf. Es bedarf eines Befehls von Gott, oder einer ausdrücklichen Genehmigung von Seiten des Herrn, wie das bei Allem, was dem Satan zugeschrieben wird, der Fall ist. Erst in späterer Zeit, da der Verfall des Volks so groß war, wie zur Zeit Jesu, konnte man's weniger Befehl oder Genehmigung von Seiten Gottes nennen, als eine einfache Zulassung oder ein Geschehenlassen, was aber jedenfalls auch nie wegzudenken ist.
Auch das ist nicht zu übersehen, daß in der Schrift, namentlich in den ältesten Büchern derselben, immer bestimmt angenommen ist, daß Alles, was aus dem Unsichtbaren an die Menschen kommt, als von Gott kommend zu nehmen sei, wenn es von unsichtbaren Wesen, die über dem Menschen stehen, ausgeht. So wird nicht einmal immer Gott und Satan unterschieden. Solches machte sich erst in späterer Zeit anders, und genau genommen, erst in den nächsten Zeiten vor Christo. Da war's also Sprachgebrauch, zu sagen: "Böse Geister vom Herrn", als direkt von Ihm kommend, wiewohl sie nur von dem Herrn gesendet sind. Wenn es also auch einerseits wahr ist, daß von Gott, als dem Vater des Lichts, wie Jakobus sagt, lauter gute und vollkommene Gaben kommen, so heißt es doch auch wieder andererseits, nach Jesaja (45, 7.), da Gott sagt: "Der ich das Licht schaffe, und schaffe die Finsternis; der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr, der solches Alles tut." Bekannt ist auch der Spruch: "Es kommt Alles von Gott, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armut und Reichtum." So mußte Hiob das Unglück alles, das über ihn kam, als vom Herrn annehmen, ungeachtetet es Satan tat, zu dem der Herr gesagt hatte (Hiob 1, 12.): "Siehe Alles, was er hat, sei in deiner Hand etc." Dem Hiob aber fiel es gar nicht ein, anders zu denken, als der Herr habe es ihm genommen, wie Er es ihm gegeben hatte.
Weil wir einmal daran sind, so wird man mir's gestatten, allerlei Gedanken noch anzuhängen. Bei Saul war's etwas Eigentümliches. Als er König wurde, kam der Geist des Herrn über ihn, daß er mit einem Male alle Fähigkeiten besaß, deren er zum Regieren bedurfte. Später wurde er verworfen; und nun heißt es (1 Sam. 16, 44.): "Der Geist des Herrn wich von ihm; und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig." Dieser böse Geist aber kam nur ab und zu über den König. Oft war Saul ganz frei von ihm; und ein ander Mal überfiel's ihn so gewaltig, daß er gleichsam in Wutanfälle geriet. Dessen ungeachtet konnte man den Saul nicht in der Art besessen nennen, wie wir von Besessenen im Neuen Testamente lesen. Er wurde nur immer überfallen, und so, daß ihn der Geist sehr unruhig machte. Weil er aber nicht gerade besessen war, so hatte das Harfenspiel eine günstige Wirkung auf die Stimmung des Königs; und der böse Geist wich von ihm. Es geht daraus hervor, daß Saul sich hätte bemeistern können, wenn er fromme Gedanken gefaßt hätte, wie Davids Gesang sie ihm eingab, und wenn er nicht düsteren, eifersüchtigen und mißmutigen Gedanken sich hingegeben hätte. So oft er aber sein Gemüt gehen ließ, und innerlich leidenschaftlich wurde, fand der böse Geist vom Herrn Eingang bei ihm, daß er das Ärgste vollbringen konnte, wie einmal den Mord der ganzen Priesterfamilie. Immerhin war er nicht gehindert an der Regierung; und er zeigte auch in jener Zeit viel Einsicht und Überlegung, die nur durch sein böses Gewissen getrübt wurde.
Wir sehen, wie der böse Geist noch nicht volles Recht an Saul bekam, auch seine Sinne zu verwirren. Immer noch bestand ein gewisser Schutz vom Herrn, der dem gesendeten bösen Geist nicht Alles zuließ. Später, da die Finsternisse so gut Eingang gefunden hatten in Israel, wie unter andern Völkern, ja fast noch mehr, wie die Geschichte Jesu zu erkennen gibt, hatten die bösen Geister gewissermaßen Freiheit, sich nach Belieben hinzuwenden, wohin sie wollten, weil kein Hindernis dagegen in der Gesinnung von Tausenden vorhanden war. Wenn's so ist, dann ists böse Zeit. Auch in unsrer Zeit könnte man wohl glauben, die Finsternisse dürften mit den Menschen anfangen, was sie wollten. Dem ist es oft auch so, wiewohl doch nur scheinbar, wenn die Menschen nichts dagegen tun. Sie können aber viel verhüten, wenn sie, um kurz zu reden, gleichsam ihre Türpfosten mit dem Blute Christi bestreichen, daß der Verderber nicht herein kann, oder wenn sie sich mit dem Glauben an Christi Versöhnung waffnen. Aber auch, wenn es so ist, hat man sich doch immer unter jedem Geiste, der in einen Menschen fährt, einen bösen Geist von Gott zu denken, da ja nicht einmal ein Sperling vom Dach fällt, ohne den Willen des himmlischen Vaters.
Bei Saul kann man übrigens auch noch andere Gedanken haben. Wir wissen aus der Geschichte Hiobs, daß, als auf einen Tag die Kinder Gottes kamen und vor den Herrn traten, auch der Satan unter ihnen kam. Dieser hatte also noch Zugang zu den Beratungen, die Gott mit seinen Vertrauten, welche Kinder Gottes heißen, pflog. Er war noch nicht ausgeschlossen; und weil er unter den Beratungen Erlaubnis bekam, den Hiob anzutasten, so war er in wirklichem Sinne ein böser Geist von dem Herrn für Hiob. Ebenso lesen wir 1 Kön. 22, wie alles himmlische Heer um den Herrn stand zur Rechten und zur Linken, und dann der Herr sagte: "Wer will mir den Ahab überreden, daß er heraufziehe und falle zu Ramath in Gilead?" Da dann ein Geist auftrat, der es tun wollte, und dann auch durfte, als falscher Geist in aller Propheten Mund. Der war denn auch ein böser Geist vom Herrn in besonderem Sinne. So war's damals, da der Fürst dieser Welt noch nicht ausgestoßen, und der Verkläger noch nicht verworfen war. Wie gar anders war's doch noch damals, da, sozusagen, selbst die Umgebungen des Herrn noch nicht geläutert waren. In ähnlicher Weise konnte auch über Saul ein böser Geist vom Herrn gekommen sein.
243. Der Gemordete.
Frage. "Wenn der Mörder volle Begnadigung gefunden hat, darf man dann wohl annehmen, daß der Gemordete in seinen Sünden zur Verdammnis hingefahren sei?" - Mir selbst ist freilich schon das Wort (Matth. 24, 40) gekommen: "Zween werden auf dem Felde sein. Der Eine wird angenommen, und der Andere wird verlassen werden." Andererseits kann ich mich kaum dem Gedanken verschließen, der Herr werde mit solchen, die ganz ungewarnt weggerafft werden, in der Ewigkeit einen andern Weg gehen, als mit denen, welchen Er noch eine Zeit der Bereitschaft läßt."
Antwort. Wenn ich in den Blättern, einer in solchem Unglück stehenden Familie zum Trost, auf obige Frage Antwort geben soll, so erinnere ich vor Allem daran, daß es nicht leicht ist, auf solche Fragen zu antworten, weil man keine Anhaltspunkte in der Schrift hat. Da muß man sich in Acht nehmen, daß man nicht Unrichtiges nach der einen oder andern Seite hin sagt, weil es nach beiden Seiten Fehler bringen kann. Oft aber ist wohl in der Schrift von etwas nicht die Rede; und doch könnte man in gewissem Sinne eine schriftgemäße Antwort geben, wenn nur nicht die Vorstellungen der Christen außer der Schrift so sehr aus einander gingen, da man mit Allem, was man sagt, Anstoß erregen kann. Da sagen die Einen: "Wie der Baum fällt, so liegt er;" und mit diesen kann man dann nicht weiter reden. Andere machen die Seligkeit gar schnell fertig, und zwar mit aller ihrer Vollkommenheit; und diese erschweren mit dieser ihrer Ansicht auch wieder das Reden über Solche, die unvorbereitet gestorben sind. Endlich gibt es auch Solche, welche drüben Fortentwicklungen annehmen, wie hienieden; und damit will Vieles in der christlichen Lehre nicht klappen. Man muß also sehr vorsichtig gehen, um allerlei Klippen zu vermeiden. Was ich hier sage, soll daher nur ein Versuch sein. Auf die Freundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes aber dürfen wir immerhin bauen, wie sie sich auch erweisen möge, namentlich ob uns erkenntlich, oder nicht.
Ich gehe von der Geschichte des reichen Mannes und armen Lazarus aus, und frage: "Wie kam's, daß jener in der Hölle und Qual, dieser im Schoße Abrahams war?" Beide können nicht von selbst und willkürlich so gestellt worden sein; und das eigentliche Gericht kann noch nicht erfolgt sein, weil ja der Menschensohn einmal wird der Richter der Lebendigen und der Toten sein. Es muß also ein gewisses Vorgericht bestanden haben für den Zustand in der Ewigkeit bis auf den Tag Jesu Christi. Dieses Gericht aber, durch welches von Engeln etwa, die dazu bestellt sind, entschieden wird, wo Jeder hingehöre, kann nicht einseitig, nicht parteiisch gehalten werden; und namentlich, wenn nicht eigentliche Sünden zum Tod, um mit Johannes zu reden, vorhanden sind, kann der Mensch bei einem unvorhergesehenen Tod nicht so scharf behandelt werden, als wenn er den Tod längere Zeit vor Augen gehabt hat. Letzterer, wenn er sich nicht bekehrt, wenn er nicht göttliche Gedanken bekommt, wenn er gleichgiltig gegen das Wort von der Versöhnung, und unbußfertig bezüglich seines ungöttlichen Wandels geblieben ist, hat, auch wenn nichts besonders Beschwerendes vorgekommen ist, einen Sinn der Härte und Unbeugsamkeit, der ihm bei jenem ersten Gerichte hoch angerechnet werden kann, wie dem reichen Manne im Evangelium. Der Andere, der innerlich bei dem Tode, der ihn überrascht hat, auch nicht besser stand, aber doch vielleicht eine Art hatte, daß er hätte leichter in sich gehen und fromm und gottesfürchtig sich bezeigen können, wenn ihm Zeit dazu gelassen worden wäre, wird doch sehr glimpflich bei jenem Gerichte wegkommen. Er wird, was ja der Richter wohl unterscheiden kann, weniger als ein unbekehrter, denn als ein unglücklicher Mensch angesehen werden, und ein um so leidlicheres Örtchen bekommen, als er das, womit er seinen Mörder etwa gereizt, (Eifersucht war im obigen Falle Grund des Mords), mit dem Tode hat büßen, also seine Strafe tragen müssen. Seit Gott die Welt durch Christum versöhnte, wird unversehends Sterbenden, wenn sie sonst guter Art waren, und kein Arges wider sie zeugt, gewiß Vieles aus Gnaden vergeben, auch wenn im Stand der Bekehrung nicht Alles in der Ordnung ist. Das Blut Jesu Christi kann doch nicht gar zu weit weg sein für sie. Denn man bedenke, wie viele Tausende oft, namentlich durch Krieg oder Wasser, hingerafft werden, welche meist nichts weniger als fertig sind; wie übel wären diese alle daran, wenn keine Rücksicht, schon gleich nach dem Tode, obwaltete!
Immerhin aber mag Vielen, wenn sie auch in einen Ruheort kommen, nicht das werden, was ihnen bei völliger Bekehrung geworden wäre, wenn sie auch am jüngsten Tage zur wirklichen Seligkeit noch gelangen. Die Rücksicht hierauf dürfte daher auch ein Abhaltungs- oder Schreckmittel sein für Rachsüchtige, oder, wenn ich sie nennen soll, die nach dem Leben Anderer stehen. Das aber ist auch gewiß, daß die Meisten der plötzlich Sterbenden kaum vorbereiteter geworden wären, wenn sie erst später in anderen Verhältnissen stürben, und daher in dem noch einen Vorteil haben, daß sie nicht noch größerer Sünden sich teilhaftig gemacht haben. Sonst trösten wir uns eines Heilandes, der gerne bei Allen Barmherzigkeit sich rühmen läßt wider das Gericht.




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