Glaubensfragen II

70) Aus großer Trübsal.
nach Off. 7, 14.
Frage: "Da mir in Ihren Blättern die Berichtigung einiger Bibelstellen sehr gedient hat, möchte ich um eine Erklärung aus dem Grundtext über Off. 7, 14 bitten; und ich bitte darum, um es offen zu gestehen, aus dem Grund, weil ich in einem sogenannten christlichen Korrespondenzblatt, das mir zufällig in die Hände kam, schon eine Berichtigung gelesen habe, da ich zweifeln muß, ob sie richtig ist. Nach dieser Berichtigung müßte es heißen: "Diese sind es, die entkommen sind der Trübsal, der großen," anstatt: "Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal."
Antwort. Das Korrespondenzblatt, von dem Sie reden, übersetzt allerdings richtiger: "aus der Trübsal der großen," statt: "aus großer Trübsal." Nur ist es nicht nötig, es so nachdrücklich zu setzen; sondern es genügt, zu übersetzen: "Aus der großen Trübsal." Der Grieche nämlich setzt immer den Artikel, wenn er das Beiwort nach dem Hauptwort setzt, noch einmal auch vor dem Beiworte. So heißt es auch in Joh. 10, 12, wo Luther übersetzt: "Ich bin ein guter Hirte," richtiger: "Ich bin der Hirte, der gute," was aber nur besagen will: "Ich bin der gute Hirte." Minder richtig aber ist es, wenn in jener Stelle übersetzt wird: "Entkommen der großen Trübsal," statt: "welche gekommen sind aus der großen Trübsal." Noch genauer, wie ich es übersetzt wünschte, wäre: "welche kommen" (eig. "die Kommenden") "aus der großen Trübsal." Daß das nicht unwichtig ist, werden wir sehen.
Der Engel also, der in jener Stelle redet, weist, indem er den Artikel setzt, auf eine bestimmte Trübsal, aus welcher "die große Schar, welche Niemand zählen kann, aus allen Heiden und Stämmen, Völkern und Sprachen" herauskomme. (Im Grundtext stehen die Worte: "und Stämmen", welche Luther ausgelassen hat, auch dabei). Wie es nun jenes Korrespondenzblatt auslegt, weiß ich nicht. Vielleicht aber möchte der Fragesteller mit seiner Frage etwas Näheres darüber vernehmen. Deswegen will ich meine Meinung niederschreiben, oder sagen, wie ich geneigt bin, es aufzufassen.
Manche Ausleger verstehen unter der großen Trübsal die letzte Trübsal vor der Zukunft des Herrn. Sie beziehen sich auf das Wort Jesu (Matth. 24, 21): "Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, als nicht gewesen ist, von Anfang der Welt bisher, und auch als nicht werden wird." Über diese Stelle aber habe ich schon einmal gesprochen (1874, Nr. 3, III, 28) und nachgewiesen, daß ich sie nicht auf die letzte Trübsal, die wir erwarten, beziehen könne, weil ja der Spruch selbst sie nicht die letzte nennt, sondern eine solche, hinter der noch andere, wenn auch minder große, Trübsale kommen werden. So beziehe ich sie nur, auch nach dem Zusammenhang, auf die Trübsal bei der Zerstörung Jerusalems. Wie dem aber sei, so kann unter der großen Trübsal, von welcher die Offenbarung redet, in keinem Fall die sogenannte letzte Trübsal verstanden sein. Denn so groß diese auch sein mag, so kann man sich doch nicht vorstellen, wie die, welche aus derselbigen kommen, sollten eine so große Schar sein, die Niemand, wohl auch Engel im Himmel nicht, zählen kann, mag man die meinen, welche sie durchgemacht haben und nun aus ihr herauskommen, oder die, welche ihr sollten, ohne in sie zu fallen, entkommen sein. Wir sehen da schon, daß man vorsichtig sein muß, nicht ungenau zu übersetzen, indem eben diese Uebersetzung an die letzte Trübsal erinnern zu wollen scheint, die doch nicht gemeint sein kann. Auch würde sie auf den Gedanken leiten, als ob jene gar nicht in die Trübsal gekommen, sondern glücklich ihr entkommen wären, ohne sie eigentlich mitmachen zu müssen. Aber wie könnten sie da die unzählbare Schar sein?
Wir müssen daher, um jedem Mißverständnis vorzubeugen, beim Grundtexte bleiben: "welche kommen aus der großen Trübsal." Nicht einmal: "welche gekommen sind," heißt es, sondern: "welche kommen," wie wenn's eben jetzt wäre, da Johannes, weissagend auf eine Zeit, schreibt, "aus der großen Trübsal." Sie sind also tief in der Trübsal, und zwar der großen Trübsal, gesteckt, und dürfen jetzt herauskommen, wobei der Engel offenbar auf die Zeit eben vor der Zukunft Christi hinweist, da es geschehen werde. Auf diese Zeit wird sich Vieles zusammendrängen, was vorher geruht hat; denn da wird "vor dem Herrn Ein Tag sein, wie tausend Jahre, und tausend Jahre, wie Ein Tag." So kommt jene Schar nicht nach und nach, im Laufe von tausend Jahren, sondern zuletzt mit Einem Male, wie auf Einen Tag, aus der großen Trübsal, in der sie sich bis dahin befunden hat. Es so zu nehmen, hindert das nicht, daß eben vorher der Engel den Johannes gefragt hatte: "Woher sind sie gekommen?" Denn da redet er mit Bezug auf die eben Gekommenen, und gleich nachher mit Bezug auf die noch im Kommen Begriffenen. Johannes nämlich, müssen wir uns denken, sah verwundert hin (vergl. v. 9), da sie so plötzlich da sind; und er kanns nicht begreifen, woher sie gekommen sind und kommen, da vorher nichts von ihnen zu sehen war. Daher das Gespräch des Engels mit ihm.
Man bekommt also den Eindruck, daß die große Schar, die lange in der großen Trübsal war, mit einem Male aus dieser herauskomme, weswegen sie auch, als wunderbar Gerettete, "mit großer Stimme schrien und sprachen: ""Heil sei dem, der auf dem Stuhl sitzt, unsrem Gott, und dem Lamme"" (v. 10 ff.). Alle Engel stehen dabei um den Stuhl, und um die Ältesten, und um die vier Tiere; und Alle fallen verwundert auf ihr Angesicht vor dem Stuhl, und bringen Gotte ihre Huldigung und Anbetung dar, offenbar für die Rettung, welche Gott der großen Schar mit Einem Male zukommen ließ.
Überdenkt man dieses, so ist uns da etwas geschildert, was etwa kurz vor der Zukunft des Herrn geschehen wird; denn es wird dessen erwähnt vor der Eröffnung des siebenten und letzten Siegels, welches sich mit dem Allerletzten befaßt. Es geschieht aber nicht an dem eben lebenden Menschengeschlechte, das ja den Herrn lebend empfangen soll, auch so gar unzählbar nicht sein wird, sondern an allen Heiden und Stämmen und Geschlechtern und Sprachen der Menschen, die in der Vorzeit werden gestorben sein; und wir können denken, daß es bis zu Adam hinauf reichen werde, da es ja auch an die Sodomiter und Andere nach den sonstigen Worten des Herrn kommen wird. Diese Geschlechter, deren Unzählige nie etwas von Jesu gehört hatten (vergl. Matth. 11, 21), oder soweit sie überhaupt ferne von Gott in diesem und jenem Leben bisher geblieben waren, haben wir uns jenseits in einer Trübsal zu denken; und Unzählige, die einstweilen nach ihren Werken gerichtet worden sind (vergl. Röm. 2, 12-16), nur in einer großen Trübsal, in peinlichen Höllenzuständen. Wenn Paulus von Heiden sagt, die so verurteilt und gerichtet werden, es sei das "auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesum Christum richten", d. h. zum weiteren Gerichtsentscheid bringen wird, so haben wir ihrer Viele bis dahin in ähnlicher Weise gebunden zu denken, wie "die Engel, die ihre Fürstentümer nicht behielten, behalten werden zum Gericht des großen Tags, mit ewigen," d. h. nie bis dahin ihnen wieder abgenommenen, "Ketten im Finsternis" (Jud. v. 6). Diese Trübsalsseelen alle, wie ja auch die von Ninive, Sodom und Andere, denen es nach dem Wort des Herrn "träglicher ergehen soll am jüngsten Tage", können nicht ewig verloren sein, weil das mit dem Charakter Jesu, als eines Weltheilandes (Joh. 4, 42), nicht übereinstimmte. Für sie geschieht noch etwas, um, wenn sie wollen, glauben zu können an das für die ganze Welt vergossene Blut des Lammes.
Wann nun dieses gleichsam geschichtlich möglich werde, weil Alles auch wieder nach gewissen Ordnungen geschehen muß, können wir fragen; und sicher hängt von dem, was an den in der großen Trübsal befindlichen Seelen, so weit es möglich ist, noch geschehen soll, viel ab für das endliche Kommen des Herrn. Sollten wir nicht denken und still ahnen können, daß die Rückkehr des persönlichen heiligen Geistes auf Erden besonders auch darum nötig ist, daß die priesterliche Tätigkeit auf Erden wieder eine völligere werde, und so auch Einfluß eben darauf bekommen könne, daß jene Seelen aus ihrer großen Trübsal kommen? Sei ihm aber, wie ihm wolle, der Herr wird's herrlich und fein zu seiner Zeit ausführen. So viele jedoch von diesen Seelen, wann und wie nun der Ruf an sie kommen mag, - und wie tröstlich ist es, daß es deren so viele sind, daß sie gar nicht zu zählen sind, - sich unter das Lamm beugen, bekommen sie "weiße Kleider und Palmen in ihre Hände". So sieht sie plötzlich Johannes. Der Engel, der es wohl wahrnimmt, wie er erstaunt sieht, fragt ihn: "Wer sind diese, mit weißen Kleidern angetan? und woher sind sie kommen?" Johannes weiß es nicht, und sagt: "Herr, Du weißest's," als wollte er sagen: "Mir ist's unerklärlich und rätselhaft." Darauf bekam er vom Engel die Antwort: "Diese sind's, die kommen aus der großen Trübsal;" und zum Zeichen, daß sie nur durch den neu angenommenen Glauben an Jesum die Gnade der Erlösung aus der Trübsal erlangten, setzt der Engel hinzu: "Und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht im Blut des Lammes." Wie gewaltig muß da der Ruf des Evangeliums im Unsichtbaren an sie gekommen sein! Klar aber ist aus diesem Allem, daß noch eine große Erlösung aus der größesten Trübsal, die sich denken läßt, für alle Heiden und Stämme und Völker und Sprachen, sicher, wie bemerkt, bis zu Adam hinauf, offen stehen und Statt finden wird. Die Erlöseten werden fortan "vor dem Stuhle Gottes dienen", und zwar, wie wir uns denken müssen, vor und nach der Wiedererscheinung des Herrn auf Erden, die dann nicht mehr lange auf sich wird warten lassen. Groß wird freilich dann auch, nach sonstigen Anzeigen in der Schrift, die Zahl derer sein, welche gegen den letzten Ruf an sie unbeugsam bleiben; und diese sind es, die der eigentlichen Verdammnis anheimfallen.
So verstehe ich die Stelle; und kaum wird nach der ganzen Haltung derselben eine andere Auffassung als richtig erscheinen können.
71) Vom Abendmahl mit Ungläubigen.
Anmerkung. Aus einer neupreußischen Provinz wurden mir in einem Briefe verschiedene Fragen vorgelegt, welche ich in meinen Blättern beantworten solle. Ich kann sie in drei Fragen zusammenfassen:
1) über das Abendmahl mit Ungläubigen,
2) über das öffentliche Sündenbekenntnis,
3) über das Joch mit Ungläubigen nach 2 Kor. 6, 14-18.
Über sämtliche Fragen rede ich eigentlich nicht gerne, weil ich fürchte, von Manchen, welche anders denken, als ich, übel darum angesehen zu werden wenn ich sie öffentlich bespreche. So weiß ich, wie namentlich mein Aufsatz über das Laienabendmahl (1873, Nr. 7 und 8, @, 5) eine sehr üble Aufnahme an manchen Orten gefunden hat, obgleich ich auch nicht ein Wort von demselben zurücknehmen kann. Über Anderes hat's auch schon Erregung und Streit gegeben. Ich aber möchte gerne im Frieden meine Straße ziehen mit den Blättern, nach dem Wort des Apostels (Hebr. 12, 14): "Jaget nach dem Frieden gegen Jedermann," wiederum (Röm. 12, 18): "Ist's möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden." So lange nun Etwas bloß Streit ist unter Geistlichen und Predigern, lasse ich mich, wenn diese unter sich streiten, gesetzt sie wollten mich auch fragen, in nichts ein. Wenn aber das Volk anfängt, ängstlich zu werden über dieses und jenes, und Belehrung und richtige Leitung sucht, wogt's in mir, und habe ich, wenn von ihm gefragt, kein gutes Gewissen, Fragende, aus Furcht, bei ihren Leitern anzustoßen, im Stiche zu lassen. Ich bemerke dieses voraus, um mich auch über jenen Artikel, der die Aufschrift hatte: "Aus Hessen" (1874, Nr. 9, IV, 51), um dessen willen ich eben dort sehr hart angefochten wurde, so willkommen er Andern war, zu rechtfertigen. Ich hätte nichts geschrieben, und hätte mich in den bekannten hessischen Handel nicht entfernt eingelassen, wenn ich nicht aus dem Volk heraus, und zwar mit großer Ängstlichkeit, weil Viele sich nicht zu raten wußten, gefragt worden wäre. Wie damals, so ist es mir auch jetzt nicht möglich, obige Fragen unbeantwortet zu lassen.
Frage: "Kann ein gläubiger Christ das Abendmahl noch mit Ungläubigen genießen in der Kirche, und wenn es auch von einem ungläubigen Geistlichen dargereicht wird?"
Antwort. Vor Allem muß ich da bemerken, daß ich es nie verstehen kann, wenn der, welcher zum heil. Abendmahl geht und da den Versöhnungstod Jesu feiern und bußfertig sich zueignen will, an Andere hinsehen mag, die mit ihm zum Tisch des Herrn gehen. Was soll's ihm denn ausmachen, wenn diese auch unrichtig stehen? Gesetzt, sie stehen unrichtig und kommen doch, sollte ich nicht vielmehr eine Fürbitte für sie in Herz und Mund haben, daß es ihnen der Herr nicht zu einem Gericht anrechnen möge, wenn sie nicht bereitet genug sind, volle Gnade zu empfangen, und daß der Herr ihnen doch möchte etwas zukommen lassen, um besser in die Wahrheit und in einen guten Herzenszustand zu kommen? Das heil. Abendmahl kann und muß doch auch eine Wirkung für Schwache haben; und das kann es, wenn gegenseitige priesterliche Teilnahme und Fürbitte überhaupt mithilft. Vielleicht wär's mit dem Christentum schon lange aus, wenn kein Abendmahl wäre, so unvollkommen dieses auch da und dort gehalten wird. Wie viel es doch in Zeiten allgemeinen Unglaubens, sofern darin immer der Gekreuzigte hoch steht, gewirkt hat, den gänzlichen Ruin aufzuhalten, wird einmal an den Tag kommen. Statt also Jemand sich wegzuwünschen, meine ich, sei es besser, die Arme nach ihm auszustrecken und zu ihm zu sagen: "Komm, mein Lieber, ich gehe mit dir, und mein Herz auch." Das wird gewiß dem Heiland wohlgefallen, der gesagt hat: "Barmherzigkeit ist besser denn Opfer."
Nun wird gefragt, ob ein Gläubiger mit einem Ungläubigen zum heil. Abendmahl gehen könne. Da ist es schon ein Übelstand, wenn Einer so bestimmt sich selbst den Gläubigen nennt, den Andern ungläubig. Gar oft ist es so, ohne daß Jener viel von diesem und seinem eigentlichen Herzensbekenntnis weiß, wie er ja auch ihm nicht ins Herz sehen kann. Aber der Gedanke: "Ich bin's, der nicht", hat etwas an sich, zu dem wohl der Heiland schwerlich immer gut sehen wird. Besinn' dich! Du heißst dich gläubig, bist du's auch wirklich? Nun, das Dogma sprichst du nach; bist du dann gläubig? Du wirst doch wohl wissen, daß das bloße Dogma nicht selig macht, sondern der Heiland, der auf den Herzensglauben sieht. Wenn du weiter nichts hast, als das Dogma, und sonst in Vielem, fast in Allem, nichts Anderes bist, als Jedermann, wenn du nicht recht in der Buße stehst, nicht von Herzen Gott vertrauen kannst, nicht mit Ernst auf das Ablegen deiner Untugenden es abhebst, nicht der Sanftmut, Barmherzigkeit und Friedfertigkeit, und der Heiligung nachjagst, so nennst du dich mit Unrecht den Gläubigen; und tust du's, so kann der Heiland sagen: "Ja, ein Gläubiger, aber was für Einer?" O, wie klein sollte uns der Gedanke an das Blut Jesu machen, das Er für uns vergossen hat, daß wir fürchten sollten, als ungeistliche und unheilige Gläubige, die wir sind, eher vom Heiland ungern beim heil. Abendmahl gesehen zu werden, als ein Anderer, der weniger Schein hat, vielleicht aber innerlich mehr ist, gebrochener und bußfertiger vor dem Herrn steht, welchen kirchlichen Namen er tragen mag.
Ach, diesen kirchlichen Namen hat Mancher nur so zufällig, nach Geburt und Erziehung, nach Zwang von Seiten kirchlicher Diener; und da komme ich denn her und sage: "Geh' weg, mit dir kann ich nicht gehen." Ich weiß nichts, das mir über diese Härte geht. Gesetzt noch, der Herr wollte wirklich dem Andern einen Segen geben, weil er kein solcher Ungläubiger ist, daß ihm der Gekreuzigte und Begrabene und Auferstandene, also das Evangelium "durch welches wir auch selig werden" (1 Kor. 15, 1-4), nichts gilt, soll ich derjenige sein, der's dem Heiland verwehren will, und lieber sich selbst ausschließt, weil jener mitgeht? Der Herr hat einst gesagt: "Und trinket Alle daraus!" und da war auch ein Judas dabei nach Luk. 22, 19-23; - und unser Einer will nun das "Alle" streichen, und daran herumdoktern, wer trinken dürfe, und wer nicht. Ich bleibe fest dabei, zu sagen: "Sei froh, wenn du's kriegst, und gönne es dem Andern, für diesen betend." Glaube es, je priesterlicher du auch gegen Andere stehst, desto mehr hast du vom Genuß. Andererseits gehst du nicht nur leer aus, sondern kannst du's erst recht zu einem Gericht nehmen, wie die in Korinth, von welchen "ein Jeglicher sein Eigenes vorhin nahm und Andere hungrig ließ" (1 Kor. 11, 21). Das noch, daß mir nicht leicht für Einen bange ist, der sich anmeldet zum Tisch des Herrn. Ein eigentlicher Ungläubiger ist ein Solcher wohl selten, und mit verächtlichem Sinn geht er auch nicht. Sei's aber, wie es wolle, so ist und bleibt das seine Sache; und meine Sache soll's sein, barmherzig zu sein. Auch zu den Korinthern hat Paulus nicht das Mindeste von einer Ausschließung selbst Solcher gesagt, die "nicht unterschieden den Leib des Herrn," hat die Besseren auch nicht wegbleiben heißen, sondern nur von einem Gericht gesprochen, dem jene sich aussetzten.
Ob, wer mir's darreicht, für seine Person ungläubig ist, oder nicht, sollte mir nicht so viel ausmachen, daß ich lieber wegbleibe, wenn's nur dem Glauben gemäß ausgeteilt wird. Du hast dich nicht an den Glauben des Geistlichen, sondern an den Glauben der Kirche, welche er vertritt, zu halten. Wenn's nicht so wäre, in wie vielen Kirchen müßte man geradezu das heil. Abendmahl abschaffen? oder wie viele Tausende von Hungrigen wären betrogen? Gehet, ihr lieben Brüder, nur über den Geistlichen hinüber zum Heiland; der kann euch nicht fehlen, teile es aus, wer wolle. Er kann um so weniger fehlen, weil ihr ja keinen Rat wüßtet, es anders zu machen. Oder wolltet ihr ein Laienabendmahl suchen? Das möget ihr tun; aber der Heiland, und Sein Leib und Blut, ist nicht dabei. Sonst warne ich auch sehr, Geistliche nur gleich ungläubig zu nennen. Wenn sie Ordnungen, die an sich nicht unevangelisch sind, sich unterwerfen, so sind sie doch noch nicht ungläubig. Darum, wenn sie nicht schnöden Unglauben predigen, laß dein Richten, und trage sie betend auf dem Herzen. Dann müssen sie, ob sie wollen oder nicht, dir auch priesterlich etwas sein.
Hiemit meine ich genug gesagt zu haben. Der Herr heile die Risse!
72) Das öffentliche Sündenbekenntnis.
(Erster Abschnitt.)
Frage: ..... "Und ist es sonst nötig, in der Vorbereitung (zum heiligen Abendmahl) ein öffentliches Bekenntnis abzulegen? Ist's nicht genug, wenn man's im Kämmerlein mit seinem Heiland abmacht, und Ihm seine Sünden bekennt und von Ihm Gnade und Stärke und neues Leben erfleht?"
Antwort. Zunächst erinnere ich an die Anmerkung oder die Einleitungsworte zur Frage 71 im vorigen Blatte. Unter den drei dort angegebenen Fragen ist die jetzige die zweite.
Diese Frage ist aber etwas unklar gestellt. Denn was ist unter dem öffentlichen Bekenntnis verstanden? Wenn's in der Vorbereitung abgelegt werden soll, ist man versucht, zu denken, es sei das allgemeine Sündenbekenntnis in der sogenannten öffentlichen Beichte gemeint, welche in den meisten evangelischen Kirchen üblich ist, und nur in den reformierten Kirchen in der Regel fehlt. Ich kann aber nicht glauben, daß in der Frage dieses öffentliche Bekenntnis gemeint sei, weil gegen dieses nicht leicht Jemand etwas haben kann. Öffentlich heißt wohl hier der Fragesteller das offene Bekenntnis vor dem Geistlichen im Beichtstuhl, mit welchem die Sünden namhaft gemacht werden, wie das von strengen Lutheranern gefordert wird, von minder strengen weniger. Man nennt das aber nicht ein öffentliches Bekenntnis, weil's ja nicht vor Jedermann geschieht, sondern eine Privatbeichte mit offenem Heraussagen seiner Sünden. Mit Bezug hierauf will ich nun Einiges sagen; denn unsre Frage stellt dem Bekenntnis im Kämmerlein das offene Bekenntnis vor Menschen entgegen. Letzteres will, so scheint es, von dem Fragesteller gefordert werden; und er will Auskunft darüber haben, ob es nötig sei, oder nicht, meinend, das Bekenntnis im Kämmerlein möchte genügen.
Vor Allem möchte ich doch bemerken, daß das Bekenntnis im Kämmerlein bei schwereren Sünden doch eigentlich nicht viel besagen will. In leichteren Sachen, in Sachen, wie sie Jedermann, der nicht von Herzen bekehrt ist, an sich hat, ohne daß man, auch wenn man sie bekennt, darum angesehen wird, kann man wohl im Kämmerlein fertig werden. Aber bei ernsteren Sünden, die man auch sich scheut, Jemanden zu sagen, wird im Kämmerlein nicht viel Beruhigung und innere Vergebung erreicht werden können. Man denke sich etwa Einen, der eine Unzuchtsünde begangen, oder eine Betrügerei oder gar einen Mord, wie Kindsmord und dem Ähnliches, - wir müssen eben auch an das Ärgste denken, - sich erlaubt hat, oder einen falschen Eid geschworen, oder unrecht Gut an sich gebracht hat, was soll es da sein, wenn er's nur im Kämmerlein dem Heiland sagt und bekennt, wie wenn der's ohne sein Bekennen nicht wüßte? Da macht sich's der Sünder doch zu leicht, wenn er nicht bloß will Vergebung erlangen, sondern auch Gnade und Stärke und neues Leben empfangen. In den angeführten Fällen ist eine Demütigung im Kämmerlein doch eigentlich keine. Eine Gewissenlosigkeit, die man vor den Augen des Herrn sich hat zu Schulden kommen lassen, kann doch damit nicht aufgehoben werden, daß man hintennach sie dem Heiland bekennt, sei's auch vor Ihm bereut. Zufrieden wird der Heiland damit noch nicht sein, wenn der Sünder nicht auch mit sonst etwas es kund tut, daß es ihm Ernst ist mit seiner Buße. Nebenbei aber trägt der Sünder vor den Menschen den Kopf hoch, als wenn er der brävste und frömmste Mensch von der Welt wäre. Wenn er sich denn auch einbildet, Vergebung in solcher Stille erlangt zu haben, so ist's doch nur eine Täuschung; und die Sünde bleibt im Schuldbuch angeschrieben. Man erfährt's auch, daß eine Selbstabsolution, wie man's nennen kann, im Kämmerlein den Wurm im Gewissen nicht tötet; und wenn es heißt: "Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht," so bleibt der Sünder meist in solcher Knechtschaft; und Widerstandskräfte in sich bekommt er selten. Der Wurm kann nur getötet, und die Knechtschaft kann nur gelöst werden, - so erfährt man's, - wenn man seine Sünde auch in's Licht gebracht, und mindestens Jemanden, vornehmlich einem priesterlich fühlenden Geistlichen, bekannt hat.
Wie die Erfahrung das zeigt, so auch das Evangelium. Denn dieses fordert doch eigentlich ein offenes Bekenntnis, wenn der Herr zu Seinen Jüngern, und damit im Grunde zu Allen, die in der Folge an ihrer Statt stehen sollten, gesagt hat: "Welchen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben." Daß da der Herr die wirkliche Vergebung, - wir können nicht anders, denn also des Herrn Worte verstehen und würdigen, - wenigstens bei Hauptsünden, von Andern abhängig sein lassen will, die in Seinem Namen die Sünden vergeben, ist aus dem ersichtlich, daß Er das Umgekehrte dazu setzt: "Und welchen ihr die Sünden behaltet," d. h. nicht zu vergeben veranlaßt seid, etwa wegen Schweigsamkeit auf Seiten der Sünder, "denen sind sie behalten." In diesem Spruch liegt die Norm für die Vergebung der Sünden, wenn diese von Sündern wirklich angeeignet werden soll. Der Fragesteller hat also nicht Recht, wenn er ganz überhaupt meint, die Sünden im Kämmerlein mit seinem Heiland allein abmachen zu können, indem er für sich Ihm bekennt, Ihn um Verzeihung bittet, und von Ihm Stärke und neues Leben erfleht. Was der Mensch heimlich getan hat, kann nicht ebenso heimlich wieder in's Reine gebracht werden. Hat er sich nicht gescheut, vor Gottes Augen ein Übertreter des Gesetzes zu werden, so verlangt die Gerechtigkeit, daß er mindestens es selbst auch vor Menschen offenbare, sei's, daß er sie nur den Stellvertretern Christi bekannt, als welche alle Diener des Evangeliums, die ordentlich dazu berufen sind, anzusehen sind. Daß Solches freilich in unsrer Zeit seine Schwierigkeit hat, und in welcher Weise daher von einer Notwendigkeit des öffentlichen Bekenntnisses gesprochen werden kann, will ich das nächste Mal reden, weil es diesmal an Raum gebricht.
(Schluß folgt.)
73) Das öffentliche Sündenbekenntnis.
(Zweiter Abschnitt, Schluß.)
Wenn gefragt wird, ob es nötig sei, in der Vorbereitung zum heil. Abendmahl ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, worunter ich, wie früher bemerkt, nicht die allgemeine Beichte, sondern das offene Bekenntnis vor dem Geistlichen in der sonst sogenannten Privatbeichte verstehen zu müssen glaube, so kann von einer doppelten Notwendigkeit gesprochen werden, entweder von derjenigen, da es von einer Kirche oder einem Geistlichen zur Zulassung zum heil. Abendmahl gefordert wird, so daß es sich drum handelte, ob man an eine solche Kirche sich anschließen müsse oder nicht, oder von derjenigen, bei der es dem Menschen um des Herrn und Gewissens willen zu einer würdigen Feier nötig scheint. Was das Erste betrifft, so weiß ich wohl, daß die Meinung, man könne und dürfe Niemanden das heil. Abendmahl reichen, der nicht zuvor ein offenes Bekenntnis seiner Sünden abgelegt habe, viele Vertreter hat, die zugleich solche Kirchen, die es nicht fordern, tadeln und geringschätzen, als nehmen sie es mit dem heil. Abendmahl nicht wichtig genug, die sogar den Austritt aus solchen Kirchen anbefehlen, weil in ihnen zu viele Unwürdige am heil. Abendmahl teilnehmen. Ich aber kann solcher Meinung nicht sein. Biblische Begründung hat sie keine, weder in der Einsetzung des heil. Abendmahls, noch in der Hauptstelle im Korintherbrief. Auch mit dem Begriff einer christlichen Gemeine stimmt es nicht zusammen, daß diese unter allen Umständen sollte als eine solche betrachtet werden, deren Glieder alle noch so sündigen, daß ohne Bekenntnis aller Einzelnen kein Abendmahl von ihr sollte gefeiert werden können. Überhaupt kann ein Sündenbekenntnis nur angeraten, aber nicht befohlen werden. Wird's befohlen, so läuft man Gefahr, Lügner und Heuchler persönlich absolvieren zu müssen, weil ihrer Viele doch nur tun, als ob sie bekenneten, im Grunde aber nicht bekennen, sofern sie das Wichtigste doch nicht sagen. Eine Beichte aber, die sich nur in Alltagssachen bewegt, kann ich keine würdige Beichte nennen. In geistlichen und Gewissens-Sachen aber läßt sich nichts befehlen, weil alsbald Alles, wenn's nur als ein Befohlenes geschieht, den ernsten geistlichen Charakter verliert. Somit kann ich nicht anders, denn sagen, daß eine Kirche, die das öffentliche Bekenntnis in obigem Sinne nicht fordert, weder zu tadeln, noch zu meiden ist. Auch das Vorgeben, als ob das heil. Abendmahl unwürdig genossen werde, wenn nicht das verlangte öffentliche Bekenntnis vorausgeht, ist völlig unberechtigt, und macht nur Beiden, denen, die es ablegen, und denen, die es nicht ablegen, eine Gewissensangst, in der sie um allen Segen des heil. Abendmahls, in welchem der Heiland doch sich so freundlich und leutselig darbietet, gebracht werden.
Eine andere Frage wäre, ob vor Gott und dem Gewissen ein offenes Bekenntnis nötig sei, also der Einzelne für sich, ohne daß es ihm befohlen würde, es als nötig anzusehen habe, daß er vorher eine persönliche Beichte bei dem Geistlichen ablege, um des Segens des heiligen Abendmahls nicht verlustig zu gehen, oder gar dasselbe sich zu einem Gericht zu nehmen. Daß ein lauterer Christ, ohne solche Formalität zu beobachten, in den meisten Fällen sich beruhigen könne, ist schon früher angedeutet worden. Denn die allgemeine Beichte und der Genuß des heil. Abendmahls selbst reicht aus zu einer Beruhigung des Gewissens und einer Herstellung des Friedens mit Gott. Hiebei muß man nur die Wirkung von Beidem nicht zu gering anschlagen. Vermittelst Beider wird ja Sündenvergebung erteilt, auch so zu sagen, gebeichtet, - denn als bekennender Sünder trete ich auch vor den Tisch, - nicht bloß der Form nach, sondern daß es Gültigkeit haben und den Sünder im Gewissen beruhigen soll. Beides geschieht auch vermittelst des Kirchendieners, der an Christi Statt die Sünden vergibt und Brod und Wein darreicht. Wenn früher bemerkt worden ist, daß sich doch Vieles im Kämmerlein mit dem Herrn abmachen lasse, so gebe ich immerhin zu, daß häufig erst durch die gewöhnliche allgemeine Beichte und das Abendmahl die Vergebung völlig werden mag, weil sie da mehr nach der vom Herrn gewollten Ordnung vermittelst einer priesterlichen Vermittlung geschieht. Auch setze ich hinzu, daß der gläubige Christ diese Vergebung als eine giltige anzunehmen hat, ohne daß er mit dem Bekenntnis alltäglicher Sünden den Seelsorger zu beschweren braucht, wenn er nur redlich und lauter vor Gott steht. Wozu denn also die persönliche Beichte und persönliche Absolution, wenn doch alle Glieder als Eins im Herrn anzunehmen sind, wie einst Israel mit allen Angehörigen des Volks vor dem Herrn als Eine Person galt?
Hat indessen Jemand Schwereres auf seinem Gewissen, ob dem ihm alle innere Ruhe fehlt, so bemerke ich vorerst, daß Solches nicht gerade auf das heil. Abendmahl verschoben werden sollte. Für ein beschwertes Gewissen muß doch jederzeit der Zutritt zum Seelsorger offen stehen, auch wenn nicht gerade der Genuß des heil. Abendmahls in nächster Aussicht steht. Kommt dann früher oder später diese Feier dazu, so genügt um so mehr das gewöhnliche Allgemeine ohne weitere Privatbeichte. Dabei bedarf's auch mehr nur des Bekenntnisses, als der Absolution, welche letztere von dem Beichtenden nicht verlangt werden sollte, weil bei getauften, und sonst zum Herrn sich haltenden Christen dieselbe als überflüssig angesehen werden kann. Diese seelsorgerliche Behandlung habe ich längst als die bewährteste gefunden. Dem Beichtenden tut's immer am Wohlsten, und wird das Bekennen am Leichtesten, wenn er vertraulich bei dem Beichtvater sitzt, und alle weitere steife Formalität, wie sie oft üblich ist, wegfällt. Auch wenn der, der sich gedrungen fühlt, dem Geistlichen sich zu eröffnen, eben um die Zeit der Vorbereitung zum heil. Abendmahl kommt, weil er doch da durch die nötige Selbstprüfung zu tieferer Erkenntnis seiner Schuld gebracht wird, auch den Druck der Schuld empfindlicher fühlt, ist die angeführte unbefangene Art die Beste, schon darum, weil sie auch den letzten Schatten einer Nötigung, die vom Geistlichen ausgehen wollte, wegnimmt.
Gemeindegenossen übrigens es zuzumuten, auch solchen Geistlichen, zu denen sie kein Zutrauen gewinnen können, selbst wenn sie zu den Eifrigeren gehören, ihr Geheimstes zu offenbaren, kann mir nicht einfallen. Ich habe es auch schon zu oft erfahren, wie sie damit weder für sich, noch für Andere etwas gut gemacht haben. In großer Bedrängnis fühlen sie sich da oft; und ich kann es glauben, daß sie doch je und je, wenigstens einstweilen, durch ernstliches Anhalten beim Herrn einige Beruhigung vermittelst des Gewöhnlichen des heil. Abendmahls finden, ohne vorher bekannt zu haben, und ohne fürchten zu müssen, daß es ihnen der Herr zu einem Gerichte anrechne, namentlich wenn sie sich bewußt sind, daß sie gerne sich eröffneten, wenn sie nur die Gelegenheit hätten, auf eine sie befriedigende Weise es tun zu können. Der Herr hat Geduld mit den Seelen, wenn sie nur für sich mit lauterem Herzen Buße tun, und segnet auch die Redlichen. Mit der Zeit können ihnen dann andere Gelegenheiten sich darbieten, ihr beschwertes Gewissen zu entladen, weil denn doch bei verborgenen Sünden der nagende Wurm nicht leicht zur Ruhe kommt. Das Wort Jakobi (5, 16) übrigens: "Bekenne Einer dem Andern seine Sünden", um so bedeutungsvoller, weil Jakobus das verallgemeinert, was er mit Bezug auf Älteste vorher in Krankheitsfällen gesagt hatte, führt auch darauf, daß ein Bekenntnis vor jedem priesterlich denkenden Christen, wenn als vor dem Herrn getan, in Verlegenheitsfällen genügen werde, auch zur Vorbereitung auf das heil. Abendmahl.
In dieser Weise glaubte ich die vorliegende Frage beantworten zu müssen, ohne freilich genau zu wissen, worauf eigentlich der Fragesteller sein Absehen hatte.
74) Vom fremden Joch.
(2 Kor. 6, 11-18.)
Frage: "Viele Christen hier zu Land, welche aus der Landeskirche ausgetreten sind, beziehen die Stelle 2 Kor. 6, 14-18 auf das Abendmahl. Möchten Sie, lieber Herr Pfarrer, in Ihren Blättern diese Stelle auf Grund des Wortes Gottes recht erläutern."
Antwort. Obige Frage ist die dritte von den Fragen, welche in der Anmerkung, die ich nachzulesen bitte, vor Frage 71 angezeigt worden sind.
Um die angeführte Stelle recht zu verstehen, müssen wir auf den ersten Brief an die Korinther zurückblicken. Paulus hatte dort Manches gesagt, das Viele der Korinther nicht recht annehmen wollten, ihm sogar übel nahmen. Dahin gehört auch das, wie man vermuten kann, was er über das Essen des Götzenopferfleisches gesagt hatte. Hierin waren Viele zu weit gegangen, wenn sie sogar im Götzenhause selbst (1 Kor. 8, 10) mit Heiden zu Tische saßen, und damit schwachen Brüdern zum Ärgernis wurden. Paulus hatte ihnen nun nichts geradezu verbieten wollen; aber es lag ihm daran, durch allerlei Betrachtungen, die sich in drei Kapiteln hinziehen (Kap. 8-10), auf sie zu Richtigerem zu wirken. Er sagt (Kap. 9), wie er sich's Alles, und jede Enthaltung, um kein Ärgernis zu geben, kosten lasse, und lieber seinen Leib betäube und zähme, um nicht Andern zu predigen und selbst verwerflich zu werden. Dann erinnert er an die Israeliten in der Wüste, die durch Götzendienst und Beteiligung an Götzenfesten der Heiden die schwersten Gerichte sich zuzogen (10, 1-14); und er schließt mit den Worten: "Darum, meine Liebsten, fliehet den Götzendienst." Hierauf führt er aus, wie die Heiden, was sie opfern, den Teufeln opfern; er aber wolle nicht, daß die Korinther das eine Mal mit den Heiden Götzenfleisch als solches äßen, das andere Mal mit Brüdern das heil. Abendmahl nähmen (10, 16-24), weil sie mit jenem in die Gemeinschaft mit Teufeln, mit diesem in die mit Christo kommen. Das Ganze schließt er mit Verhaltungsregeln (v. 24-33), wie sie's machen sollten, wenn sie von Ungläubigen, d. h. Heiden, zu Tische geladen würden, um nicht als solche zu erscheinen, die sich an dem Götzendienst beteiligten. - Hierauf nun bezieht sich 2 Kor. 6, 14-18 zurück. Paulus sagt:
v. 14. "Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit für Genieß mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?" - v. 15. "Wie stimmt Christus mit Belial? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen?" - v. 16. "Was hat der Tempel Gottes für eine Gleiche mit den Götzen? Ihr aber seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie denn Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen, und in ihnen wandeln, und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein."
Unter den Ungläubigen versteht Paulus die Heiden, deren Joch ein fremdes für die Christen ist. Sie stehen als Heiden in der Ungerechtigkeit, weil als unversöhnt in einem Wesen, das vor Gott nicht taugt, während die Christen in der Gerechtigkeit stehen, die sie durch den Glauben an Christum haben. Die Heiden stehen in der Finsternis, die Christen im Licht. Die Heiden dienen dem Belial, die Christen Christo. Die Heiden haben Götzentempel; die Christen sind selbst der Tempel des lebendigen Gottes, in welchem Gott zu wohnen verheißen hat. Den Christen kann es also nicht geziemen, mit den Heiden, mit den Ungerechten, mit den Dienern der Finsternis und Belials, in einer Weise Gemeinschaft zu haben, daß sie als zu ihnen gehörig betrachtet werden können. Jede, auch scheinbar nichts besagende Beteiligung am Götzen- und Belialswesen der Heiden setzt auch unter den Einfluß Belials oder des Teufels. Letzteres wäre es, wenn der Gläubige soll Teil haben mit dem Ungläubigen. Wir sehen, daß die Stelle keine Beziehung hat zum heil. Abendmahl; und auf sie sich berufen zu wollen, um aus der Landeskirche auszutreten, ist durchaus unrecht. Wie können sie doch die andern Glieder der Landeskirche ohne Weiteres Ungläubige oder Heiden, Ungerechte, die keinen Teil an der Versöhnung durch Christum haben, oder Leute nennen wollen, die in der teuflischen Finsternis noch stehen, ohne etwas vom Lichte Christi zu haben, oder geradezu Belialsdiener? Es gehört viel dazu, mit solcherlei Gedanken alle Gemeinschaft, namentlich alle Abendmahlsgemeinschaft, mit andern Gliedern der Kirche aufgeben zu wollen und zu heißen. - Hienach erklären sich auch die weiteren Worte Pauli:
v. 17. "Darum gehet aus von ihnen, und sondert euch ab, spricht der Herr, und rühret kein Unreines an; so will ich euch annehmen," - v. 18. "Und euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und meine Töchter sein, spricht der allmächtige Herr."
Ausgehen, will Paulus sagen, sollen die Korinther von den Heiden, so daß sie mit deren Wesen ganz brechen müssen, aber nicht von etwa minder gut stehenden Christen. Wie kann er denn in seinem lieben Korinth Spaltungen und Rotten unter den Christen anbefehlen, ja mit solcher Strenge fordern, da ihm doch dergleichen nur ein Greuel waren (1 Kor. 1, 12; 3, 3. 4; 11, 18. 19)? Sie sollen sich von Heiden absondern, wahrlich nicht als Christen von Christen. Sie sollen kein Unreines anrühren, nämlich nichts durch Götzendienst Beflecktes, von welchem Einwirkungen des Teufels, dem ja geopfert wird, auf sie übergehen könnten. Nur wenn sie das tun und von allem Heidnischen unberührt bleiben, kann sie Gott als Vater annehmen, und sie seine Kinder sein lassen. Wenn Paulus ihnen auch nicht gerade verboten hatte, sich von Ungläubigen, d. h. Heiden, einladen zu lassen (1 Kor. 10, 27), so sollen sie wenigstens auf der Hut sein, daß sie nicht einen üblen Schein sich geben oder gar ihr und Anderer Gewissen beflecken. Sonst dürfen wir nicht aus der Acht lassen, daß Paulus, wenn er 1 Kor. 11, 18 ff. vom heil. Abendmahl redet, wie ihrer Viele in unwürdiger Weise sich bei demselben benahmen, doch nicht die geringste Andeutung gibt, daß die Besseren sich von Solchen scheiden, und ferner keine Abendmahlsgemeinschaft mit ihnen haben sollten, selbst wenn diese für sich schuldig werden am Leibe des Herrn (v. 27). Von einem Auseinandergehen bezüglich des heil. Abendmahls ist nirgends in der Schrift die Rede, sondern nur davon, daß Jeder für sich dafür zu sorgen habe, daß er den Leib des Herrn unterscheide, damit er sich kein Gericht zuziehe (v. 29).
75) Würdigkeit zum h. Abendmahl.
Frage: "Eine kurze Besprechung, oder nur auslegende Uebersetzung der Stelle 1 Kor. 11, 27-29 würde Viele vor großer Scheu vor dem heil. Abendmahl bewahren. Bekanntlich hat Luther das Gericht übersetzt, statt ein Gericht, und nimmt man unwürdig im Sinne: "als ein Unwürdiger", statt "auf unwürdige Weise."
Aus einem andern Briefe: "Wollen Sie einmal etwas darüber sagen, wie man würdig zum heil. Abendmahl geht. Der Gedanke an ein unwürdiges Gehen hat mir etwas sehr Bedenkliches, schon für mich selbst. Andere, so auch die Meinigen, dazu zu veranlassen, ist mir geradezu entsetzlich. Oder, darf man die Seinigen, den Gemahl und die Kinder, veranlassen, zum heil. Abendmahl zu gehen, auch wenn ihr Herz noch nicht richtig zu Gott steht, sie also Gefahr laufen, unwürdig zum Tisch des Herrn zu gehen?"
Antwort. In meiner Seelsorge kommt es mir allerdings oft vor, daß geistlich verschüchterte Personen in großer Bekümmernis sind, dem Gericht anheimgefallen zu sein, weil sie schon so oft unwürdig zum heil. Abendmahl gegangen seien. Andere gehen immer mit großen Ängsten zum Tisch des Herrn; und noch Andere können sich gar nicht mehr dazu entschließen, weil sie in der Furcht stehen, unwürdig dazu zu sein, und so eine verdammliche Sünde zu begehen, wenn sie dazu gingen. Auch unter dem Bauernstande kommt es vor, daß sie aus Angst wegbleiben; und ich habe solche kennen gelernt, die viele Jahre nicht mehr zum Tisch des Herrn gingen, weil sie glaubten, nie sich würdig machen zu können. Bei Vielen hat sich die Angst bis zu einer Krankheit gesteigert, da es sogar gefährlich ist, sie zum heil. Abendmahl aufzumuntern, weil sie hintennach in eine wahre Verzweiflung kommen. Auch sonst zeigt obiger Brief zur Genüge an, wie nötig es ist, den Punkt der Würdigkeit und der Unwürdigkeit zu besprechen, auch den der etwaigen Gefahr, in's Gericht zu verfallen.
Die Hauptsprüche, welche ängstlich machen, sind die oben in der ersten Frage angeführten:
1 Kor. 11, 27: "Welcher nun unwürdig von diesem Brod isset, oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn." - Ferner v. 29: "Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn."
Hienach fürchtet man als Unwürdiger, einerseits am Leib und Blut des Herrn schuldig zu werden, d. h. von dem Herrn angesehen zu werden, als sei man an Seiner Kreuzigung schuldig, andererseits sich selbst das Gericht zu essen und zu trinken, also dem ewigen Gerichte anheimzufallen. Die Sprüche müssen aber in doppelter Weise anders angesehen werden, als man für gewöhnlich tut, wie es schon in obiger Frage angezeigt ist. Besprechen wir zunächst das Erstere näher.
Das Wort: "Welcher unwürdig isset und trinket," kann im Deutschen einen doppelten Sinn haben, und heißen, entweder: "Wer als ein Unwürdiger isset und trinket," oder: "welcher auf unwürdige Weise isset und trinket." Die gewöhnlichen Leser nehmen's im ersteren Sinn, als ob der Herr die Person vornehmlich ansehe, ob sie an und für sich würdig oder unwürdig sei. Im Griechischen aber haben Eigenschafts- und Beschaffenheitswörter ihre besondere Form; und in der Stelle braucht Paulus die Form (die Adverbialform), nach welcher nur die eine Auslegung möglich ist: "Welcher auf eine unwürdige Weise isset und trinket", so daß von der Würdigkeit oder Unwürdigkeit der Person gar nicht die Rede ist, sondern nur von der Art und Weise, wie die Person genießt, die eine heilige oder unheilige sein kann.
Hierauf führt auch der Zusammenhang, in welchem die Stelle steht. Der Apostel weist auf die unwürdige Art zurück, welche die Korinther beim heil. Abendmahl angenommen hatten, da "ein Jeglicher", wie er sagt (v. 21), "sein Eigenes vorhin nahm, und Einer hungrig war, der Andere trunken." Das heil. Abendmahl nämlich wurde an ein förmliches Abendessen angehängt, wie es bei der Einsetzung gewesen war. Bei diesem gemeinschaftlichen Abendessen, zu welchem Jeder, der es vermochte, das Seine mitbrachte, war unter den Korinthern keine Aufmerksamkeit auf die da, die nichts hatten; und Manche nahmen und tranken das Ihre Alles, ohne an Andere etwas davon kommen zu lassen. Wenn dann am Schlusse das eigentliche Abendmahl, zum Genuß des Leibes und Blutes des Herrn, genommen wurde, so waren die Stimmungen Aller nicht die rechten dazu, und somit aß und trank man dabei in unwürdiger Weise. Man nahm's leichtfertig mit dem Leib und Blut des Herrn, unterschied nicht den Leib des Herrn, und machte sich schuldig am Leibe des Herrn, wie Paulus sagt, aß und trank sich selber auch ein Gericht. Begreiflich wurden sie auf solche Weise auch Unwürdige; aber der Unterschied war der, daß die Unwürdigkeit des Bruders nicht von seinem inneren Zustand überhaupt herkam, sondern von dem leichtfertigen Gebrauch. Wer sich als einen Sünder, auch großen Sünder, fühlte, durfte nur mit innerer Sammlung, mit Andacht, mit Ehrfurcht vor dem Mahle, dieses von anderen Mahlen unterscheidend, da sein, ohne zu fürchten, daß er mit seiner Teilnahme dem Herrn mißfalle.
Bei uns nun kommen ähnliche Mißbräuche nicht vor; und wir haben nur sonst zu fragen, wie doch auch wir in unwürdiger, leichtfertiger Weise zum Tisch des Herrn gehen können. Dies geschieht, wenn wir völlig gleichgiltig hinzutreten, und vorher uns nicht prüfen und richten (v. 28 u. 31). Wir prüfen und richten uns aber, wenn wir unsrer Sünden eingedenk sind, und uns als Sünder der Verdammnis wert fühlen, aus welcher nur das Blut Christi uns erretten könne. Wer nach dieser Seite sein Gebührendes tut, ohne Geringschätzung und Mißachtung des Mahles zu zeigen, nimmt's nicht in unwürdiger Weise, auch wenn er es nicht tief genug aufzufassen weiß, nach der sonstigen Stellung seines Herzens zum Herrn. Wenn der innere Gegensatz zum Mahle selbst fehlt, so hat kein gewöhnlicher Christ etwas zu fürchten, oder Scheue vor dem h. Abendmahl zu haben, und das um so weniger, weil der Heiland bei der Einsetzung, gewiß nicht umsonst, gesagt hat: "Nehmet hin und trinket Alle daraus." Der Herr will offenbar zum Genusse Alle ohne Unterschied ermuntern, wie auch nach Luk. 22, 21 bei der Einsetzung selbst der Verräter teilnahm. Denn Sein Absehen war darauf gerichtet, auch Schwachen zu dienen, minder Geförderte zu heben, Ängstliche zu stärken, Vergebung, so viel möglich, mitgehen zu lassen, überhaupt Barmherzigkeit in jeder Hinsicht, indem Er sich selbst persönlich darbieten will, zu erzeigen. Da soll, wie es auch in der ersten Zeit gehalten wurde, Keiner fehlen und sich ausgeschlossen denken; und nur das Eine ist begreiflich erfordert, daß es dem Empfänger ein wirkliches Gedächtnismahl des Todes Jesu sei, mit Erkennen und Glauben dessen, daß Jesus sich für uns hat kreuzigen lassen, und bei Ihm alles Heil und Seligkeit zu finden ist. Ob nun das bei schwachen, minder erweckten Christen viel oder wenig ist, so will der Heiland nicht zurückweisen, wer zu Ihm kommt, wenn nur Er selbst und Seine Person und Sein Tod nicht durch leichtfertigen Gebrauch geringgeschätzt erscheint. Aus diesem geht hervor, daß doch bei jeweiligen Anstößen und Ärgernissen, die Jemand eben gegeben hat und gibt, den Dienern der Kirche ein ernstes Abmahnen zugestanden werden muß, wie auch gegen eingeführte ernstere Kirchenzucht hier nichts eingewendet werden will. Wenn aber in obigem Briefe einer ängstlichen Seele es entsetzlich vorkommen will, die Ihrigen, weil sie nicht ganz richtig zu Gott stehen, zur Teilnahme zu veranlassen, so bitte ich sie, gerade umgekehrt zu denken, daß sie den Ihrigen nichts Besseres tun kann, als sie, wenn sie nur einer Andacht und Würdigung des Mahles fähig sind, zu ermuntern, weil der Heiland Allen einen Gnadenblick zuwenden will, die nur mit Anerkennung das Gedächtnis Seines Todes mitfeiern wollen, nach Seinem Worte: "Das tut zu meinem Gedächtnis."
Sonst aber ist nicht zu übersehen, daß auch bei uns auf mancherlei Weise auf unwürdige Art das heil. Abendmahl genommen werden kann. Abgesehen von dem oben Angeführten, kommt es vor, daß Abendmahlsgenossen mit gewissen Sünden, oft groben Sünden, nicht gebrochen haben und nicht brechen wollen, daß sie unbeugsam sind im Hasse gegen Andere, nicht Leid empfinden über Schwachheiten aller Art, über die sie nicht Herr werden können, von einem unzüchtigen Umgang nicht lassen wollen, Betrug und Ungerechtigkeit im Handel und Wandel sich nicht nehmen lassen u. dergl. Solcherlei Menschen können doch nicht anders denn mit bösem Gewissen zum Tisch des Herrn treten, und werden auch vor dem Herrn als Unwürdige erscheinen. Auch kann es geschehen, daß Manche noch am Morgen vorher Streit und Händel in ihrem Hause haben, böse, hart, unfreundlich, gottlos überhaupt gegen einander sich benehmen, ungebührliche werktägliche Geschäfte treiben, wohl gar auch sich noch betrinken, ehe sie zur Kirche gehen. Wo junge Leute, wie in Anstalten, zwangsweise zum Tisch des Herrn gehen, kann allerlei Arges vorkommen, daß sie während der Feier Romane lesen, leichtfertigen Scherz mit einander treiben, sündliches Äugeln zu erkennen geben, ja selbst, wie ich es in meiner Jugend gesehen habe, Karten spielen mit einander. Auf dergleichen unwürdiges Benehmen sind die ernsten Worte des Apostels zu beziehen, aber nicht auf die inneren Kämpfe, welche Manche wider ihre verderbte Natur haben, wider unwillkürliche böse Gedanken, wider scheinbaren Mangel an Buße und Leid über ihre Sünden, wider vermeintliche Unempfindlichkeit überhaupt. Solche Seelen sind es gerade, denen der Herr mit dem Trost des heil. Abendmahls freundlich begegnen will; und nehmen sie den Trost an, so sind sie Ihm die liebsten Abendmahlsgenossen.
Über das Weitere das nächste Mal.
76) Zum Gericht.
(1 Kor. 11, 29., zur Bibelrevision.)
Ich erinnere an die im vorigen Blatte unter Frage 75 vorgelegten Fragen, Betreffs des heil. Abendmahls nach den Worten Pauli in 1 Kor. 11, 27 u. 29. Da waren zwei Punkte zu besprechen, erstlich über das Wort "unwürdig", daß es aufzufassen sei "auf unwürdige Art", nicht "als ein Unwürdiger", sodann über das Wort "das Gericht". Letzteres wollen wir jetzt besprechen. Paulus sagt nach Luther:
v. 29. "Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn."
Hier setzt Luther den bestimmten Artikel, wenn er sagt: "Das Gericht", welcher aber im Grundtext nicht steht. Es hat so das Ansehen', als ob Paulus das Gericht des jüngsten Tages meine, dem der anheimfalle, welcher unwürdig ißt und trinket. Solches erfüllt Viele mit großem Schrecken, daß sie kaum zum Tisch des Herrn gehen können, ohne voll Angst zu sein, es könnte ihnen ihr Essen und Trinken zur Verdammnis ausschlagen. Der Spruch steht um so schreckhafter vor ihrer Seele, wenn sie auch das Wort "unwürdig" so nehmen, als hieße es: "Wer als Unwürdiger isset und trinket." Denn welcher Mensch, wenn er seine Person ansieht, kann diese für würdig halten, den Leib und das Blut Christi zu empfangen. So gibt auch der Brief, den wir in Frage 75 mitgeteilt haben, Zeugnis davon, wie sehr die gewöhnliche Auffassung und Uebersetzung ernste Gemüter ängsten und beunruhigen kann. Entsetzlich kann es solchen Christen schon zu Mut werden, weil sie sich kaum denken können, wie es wieder gut gemacht werden könnte, wenn der, der als ein Unwürdiger isset und trinket, soll (v. 27) "an dem Leibe des Herrn schuldig sein." Denn es sieht sich da an, als ob auch das Wort (Hebr. 10, 26. 27) hier seine Anwendung finde, als hätte man sich am Leibe und Blute Christi vergriffen, in dieser Weise "mutwillig sündigend", und hätte man "fürder kein ander Opfer mehr für die Sünde, sondern ein schrecklich Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren werde etc." Es gibt Christen, welche diese Worte auch auf den sogenannten unwürdigen Genuß des heiligen Abendmahls beziehen. Zu welchen abenteuerlichen Gedanken kann man doch durch ungeschickte Auslegung der Schrift gebracht werden! Kein Wunder, daß es heutzutage so viele Geisteskranke gefährlicher Art gibt, die darüber in der Verzweiflung sind, daß sie glauben, als Unwürdige zum heil. Abendmahl gegangen zu sein, und die sich's nicht ausreden lassen, daß sie unrettbar verloren seien.
Überlegt man es näher, so ist es schon gar nicht möglich, daß es mit dem heil. Abendmahl sich also verhalten soll. Denn wie kann Jesus, der als Versöhner unsrer Sünden sich darstellen wollte, eben in das, was uns daran erinnern, und womit es uns dargereicht werden soll, in das heilige Abendmahl, die größte Gefahr, der Verdammnis anheimzufallen, gelegt haben, sofern man gerade hier soll statt der Versöhnung und Vergebung die Verdammnis sich holen können! Dies wäre um so auffallender, da der Heiland es auch wieder Allen befiehlt, zu Seinem Gedächtnis das Mal zu feiern. Oder hat der Heiland bei der Einsetzung auch nur die geringste Andeutung gegeben, daß Er da Seine Gläubigen etwas sehr Gefährliches tun lasse, dem aber dennoch Keiner sich entziehen solle? Welch einen Schreckensmann macht man doch da aus dem Heilande, eben in dem Augenblick, da Er Seine höchste Liebe uns zeigen will, mit Darbietung Seiner selbst, Seines Leibes und Seines Blutes? Gemeint kann es so nicht sein, mag nun der Wortlaut bei Paulus lauten, wie er wolle.
Nach dem richtig oder genauer übersetzten Grundtext aber ergibt sich eine viel angemessenere Erklärung. Es sollte heißen: "Der isset und trinket ihm selber "Gericht" oder "ein Gericht", nicht "das Gericht", weil kein Artikel gesetzt ist; und der Sinn ist, wer sich unwürdig benehme beim heil. Abendmahl, daß er dieses nicht von andern Gastmählern unterscheidet, mithin den im Abendmahl repräsentierten Leib Christi leichtfertiger Weise nicht achtet, der zieht sich ein Gericht, eine Strafe, zu, die Gott über ihn verhängt. Solches Gericht ist zunächst nur eine zeitliche Strafe; und das sagt ja Paulus ausdrücklich, wenn es heißt:
v. 30. "Darum sind auch so viel Schwache und Kranke unter euch; und ein gut Teil schlafen."
Die Korinther wurden also mit allerlei Krankheiten heimgesucht, welche sie befremdet haben mochten, ohne den Grund derselben zu erkennen. Paulus hat sie erst müssen darauf aufmerksam machen. Die Strafe wurde bedenklicher, wenn selbst Tod, vielleicht schneller Tod, erfolgte, was die Worte anzeigen: "Und ein gut Teil schlafen." Der Leichtsinn war damals um so strafbarer, weil sie wußten, was es für eine Bewandtnis mit dem heil. Abendmahl hatte, und doch dieses durch ihr Verhalten gemein machten. Von einer Verdammnis, welche die Mißachtung zur Folge gehabt hätte, ist nicht die Rede; und selbst der Tod sollte nicht als eine Verdammnis angesehen werden. Denn Paulus unterscheidet im Nachfolgenden ausdrücklich richten und verdammen von einander, wenn er fortfährt:
v. 31. "Denn so wir uns selber richteten" (durch Prüfung unsrer selbst, bei der wir uns des Gerichts würdig erfinden müßten), so würden wir nicht gerichtet" (nämlich in der v. 30 angezeigten Weise). - 32. "Wenn wir aber gerichtet werden" (wie nach v. 30), "so werden wir von dem Herrn gezüchtiget, auf daß wir nicht samt der Welt verdammet werden."
Paulus sagt also geradezu, jene Gerichte oder Strafen seien nur Züchtigungen, und keine Verdammungen, wie sie am jüngsten Tage über die ungläubige Welt werden verhängt werden; und der Herr kommt mit solchen Züchtigungen, damit die Verdammnis samt der Welt verhütet werde. Wenn also selbst der Tod erfolgte, war er doch nur eine Züchtigung, nicht eine Verdammnis, etwa, wie dort (1 Kor. 5, 5) Paulus sagt: "Zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu." Die Züchtigung war in diesem Falle immerhin einer Verdammnis ähnlich, da der Zustand nach dem Tode gewiß ein peinvoller blieb und noch bleiben wird bis zum Tage Christi.
Wir sehen jedenfalls, daß die Furcht, man esse oder trinke sich selber je beim heil. Abendmahl gleichsam die Verdammnis hinein, eine biblisch durchaus unbegründete ist. Auch die Züchtigungen mit Krankheiten und Anderem sind bei denen, welche mit Andacht, mit Selbstprüfung, mit Unterscheiden des Leibes Christi von anderem Essen, beim Tisch des Herrn erscheinen, auch wenn sie ihres sonstigen geistlichen Zustandes wegen sich als sündig und darum unwürdig richten müssen, nicht zu fürchten, so daß Jedermann zur Teilnahme aufgemuntert werden kann, wenn man versichert ist, sie gehen nicht mit leichtfertigem Sinn dazu. Man bedenke auch wohl, daß es sichtbar des Herrn Absicht ist, weil Er von Allen dieses Sein Gedächtnis fordert, durch das heil. Abendmahl Allen, auch minder gut gestellten Christen, Gaben und Kräfte, ja sich selbst, - und das ist doch etwas Großes, - mitzuteilen, um sie möglichst an sich zu ziehen. Es kann also immerhin ein bedeutender Segen von der Teilnahme erwartet werden, ob derselbe gleich in die Augen fallen mag, oder nicht.
Ob endlich in unsrer Zeit bei leichtfertiger Behandlung des Abendmahls, von der wir in Frage 75 gesprochen haben, ähnliche Züchtigungen, wie einst in Korinth, dürften zu fürchten sein, kann man fragen. Darauf läßt sich etwa antworten, daß es wohl Gott mit gleicher Strenge, wie damals, nicht leicht nehmen werde, weil bei der allgemeinen Lauheit und geistlichen Armut unsrer Zeit des Züchtigens von Seiten Gottes gar kein Ende wäre, zumal oft, wo ein schlaffer Sinn wahrgenommen wird, mehr Unverstand, als verächtliche Behandlung obwaltet. Aber doch könnte an jenem Tage offenbar werden, wie manche Krankheiten, auch manche schnelle Todesfälle, gar wohl ihren Grund darin gehabt haben, daß man in einer vor Gott auffallend unwürdigen Weise vor oder bei oder nach der Feier sich benommen hat. Namentlich wer das Bessere zu wissen und zu fühlen im Stande ist, darf nicht vergessen, daß "Gott sich nicht spotten läßt" (Gal. 6, 7. 8). - Die verbesserte Uebersetzung der paulinischen Stellen würde lauten:
v. 27. "Welcher nun auf unwürdige Weise von diesem Brot isset etc." - v. 29. "Denn welcher auf unwürdige Weise isset und trinket, der isset und trinket ihm selber ein Gericht etc."
77) Über Anfechtungen.
Frage: "Wenn in Anfechtung eine Seele den Herrn schon eine Zeit lang um Befreiung angefleht hat, und es ihr vorkommt, als wolle der Herr die Anfechtung nicht von ihr nehmen, was soll dann diese Seele tun? - Soll sie geduldig der Befreiung entgegenharren und denken, der Herr wolle sie in der Geduld üben; oder soll sie sich sagen, daß es ihr am rechten Gebetsgeist, am rechten Ernste fehle und daß der Herr hierauf warte?"
Antwort. Unter Anfechtungen versteht der Fragende wohl innere Reizungen zur Sünde, leidenschaftliche Erregungen zu allerlei Ungerechtem, wie sie oft stark und mit fast unüberwindlicher Macht an den Menschen kommen. Wenigstens will ich nach dieser Seite die Frage umständlicher beantworten, weil damit Vielen gedient werden kann.
Jene Anfechtungen haben in der Regel ihren Grund in heimlichen Einwirkungen der Finsternis, und sind Pfeile Satans, die unvermerkt herfliegen und längere Zeit plagen können. Sind sie andauernd, so sollte doch fast durch Gebet und Fürbitte etwas gegen sie erreicht werden können; und die Erfahrung beweist das. Andere sind nur vorübergehend, wie wenn sie im Sturm zu einer Sünde treiben wollten. Begreiflich, daß der Mensch oft viel darunter leidet, namentlich wenn er etwas von Furcht Gottes in sich hat, weil er leicht darob zum Sünder wird oder werden kann, woraus böses Gewissen und schwermütige Stimmungen entstehen. Daher, daß ein aufrichtiger Christ viel dagegen betet, und oft mit heißem Flehen vor Gott liegt, Er möge doch eine Befreiung von den peinlichen Anfechtungen schaffen. Wenn man's aber genau betrachtet, so will er oft auch zu viel mit Bitten und Flehen von Gott herausringen, sofern es eben in gegenwärtiger Zeit, da die Welt noch so sehr im Argen liegt, nicht möglich ist, ganz und gar befreit zu werden; und schon darum kann es ihm oft werden, als ob's eher schlimmer als besser werde, je mehr er dagegen kämpfe und ringe. Wenn der Herr überhaupt uns nicht so viele Worte im Gebet machen heißt, so muß in dem Angeführten um so mehr mit äußerem heftigem Beten Maß gehalten werden, als dieses den ganzen Menschen ermüdet und schlaff macht, und eben damit für die Angriffe der Finsternis empfänglicher.
Obige Anfechtungen sind in das inbegriffen, was Paulus "die Lüste des Fleisches" nennt, von welchen er sagt, daß man sie nicht über sich herrschen lassen soll. Ihr Vorhandensein setzt also Paulus auch bei den ersten Christen voraus, die doch die Erstlinge des Geistes empfangen hatten. Er sagt aber nicht, daß man um ihre Wegnahme bitten, sondern nur, daß man sie nicht über sich herrschen lassen soll. Wiedergeborene Christen haben sie gleichsam an's Krenz geschlagen, wie Paulus sagt: "Welche Christum angezogen haben, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lüsten und Begierden," (so richtiger übersetzt), d. h. sie haben sie so in der Gewalt, daß dieselben so wenig ausrichten können, als etwa ein am Kreuz noch zappelnder Mensch. Sie leben aber noch, gegangenen Siegen gegen die Macht der Finsternis von Seiten des Herrn verbunden sein, daß man doch noch hienieden wird freier werden dürfen. Denn den Verheißungen der Propheten nach, wenn sie nur statt der steinernen Herzen fleischerne verheißen, die Gott geben will, werden wir noch große Barmherzigkeit hienieden erwarten dürfen. (Schluß folgt.)
78) Über Anfechtungen.
(Schluß.)
Nach dem Obigen haben wir allerdings bezüglich der Anfechtungen, die an uns kommen, zunächst geduldig zu sein, nicht zu sehr uns an dem aufzuhalten, daß es ist, wie es ist. Wir haben nur darauf zu sehen, daß die Anfechtungen, wenn sie auch Plagen sind, der Seele keinen Schaden bringen. Wer in einer göttlichen Geduld, bei welcher er der Hauptsache, der Gnade Gottes in Christo, versichert bleibt, sich zu halten weiß, erfährt auch viel Hilfe und Durchhilfe; und über Vermögen darf die Anfechtung ihm nicht werden. Selbstanklagen über dem, daß die Anfechtung nicht nach Wunsch weicht, muß er sich keine machen, als ob's ihm am rechten Gebetsgeist und am rechten Eifer fehle, geht er doch oft mit dem Eifer eher zu weit, wenn er eine Befreiung erzwingen will. Die Befreiung soll ganz das Werk des Herrn sein, und nicht so, als dürften wir sie selbstgefällig unsrem Eifer zuschreiben. Der rechte Eifer ist Geduld mit der Hoffnung zum Herrn. Einen wirksamen Gebetsgeist können wir uns ohnehin nicht geben; denn der muß vom Herrn gegeben sein, wenn's nicht als Eigenwerk da stehen soll.
Der wirkliche Ernst fehlt nur dann, wenn man nicht gegen eine kommende, oder gekommene Anfechtung sich stemmt, um ihre Stärke zu lähmen. Man muß den inneren Menschen wach erhalten, damit die Willenskraft frei bleibt. Das Herrn Wort an Seine Jünger kennen wir: "Wachet und betet, daß ihr in keine Anfechtung fallet." Er sagt nicht, daß die Anfechtung nicht komme, sondern "daß ihr nicht in sie hineinfallet", von ihr verschlungen werdet, ihr unterlieget. Wir wachen insbesondere, wenn wir nie uns einbilden, als seien wir mit etwas fertig geworden, weil wir etwa davon längere Zeit verschont geblieben sind. So hätten wir's freilich gerne, daß es uns Gott ein für alle Mal wegnehmen möge, um nie mehr etwas fürchten zu müssen. Aber so wird's nie; und der Herr weiß es, daß es so nicht gut für uns wäre. Das ist auch, so lange der Feind noch um den Weg ist, gar nicht möglich. Wir müssen immer den lauernden Feind uns vergegenwärtigen; denn unter einer eingetretenen Sicherheit kann schnell der Feind wieder da sein. Dann mögen wir erschrecken, und kann's uns vorkommen, als habe der Herr unser Gebet gar nicht angehört, geschweige denn erhört, während wir etwa längere Zeit Ruhe gehabt, und schon geglaubt hatten, durch Gottes Hilfe frei geworden zu sein. Dadurch entsteht eine neue Versuchung des Glaubens, daß wir verzagt werden, als ob Gott überhaupt nicht erhöre. Das ist der große Schaden, den man davon hat, wenn man so viel und ernstlich in heißen Gebeten um ein Zuviel sich ergeht, daß man nahe daran kommt, allen Glauben aufzugeben, wie mir's schon bei Manchen vorgekommen ist, die eben darum, daß ihnen auf vieles Beten hin eine Anfechtung nicht weggenommen wurde, in vollkommenen Unglauben geraten und greuliche Ungläubige geworden sind. Darum nur sich zur Geduld angeschickt, und dem Herrn allezeit die Ehre gegeben, so geplagt wir auch je und je sein mögen!
Ein wachsamer Christ also darf nie sich frei denken, und soll nur allezeit sein Herzensauge demütig zum Herrn richten. Aber viel an seiner Anfechtung vorausdenken, ist auch nicht gut, weil man damit an ihr gleichsam herumtastet, und so unvermerkt von ihr überfallen werden kann. Auch das Beten, wenn sie mahnt, soll nur ein stiller Blick nach oben sein, ein mutiger Aufblick zum Herrn und zu Seiner Hilfe. Niedergeschlagenheit und traurige Stimmung steigert mehr, als daß sie mindert. Wer auch mit viel Ringen und Kämpfen es erzielen will, dem kann's, wie schon angedeutet, auch darum nicht gelingen, weil zu viel eigenes Geschäft und Wirken dabei ist, während nur Gnade helfen kann.
Anfechtungen übrigens können allmählich sehr sich mindern, wenn man über ihnen als Überwinder stehen bleibt. Wer überwindet und sich nicht überwinden läßt, der wird immer weniger Angriffe erfahren. Denn ein göttlicher Schutz kommt ihm zu, der zuletzt wie eine Mauer werden kann, daß es der Pfeile immer weniger werden, die auf ihn fallen, oder die ihn treffen dürfen. Geduld und Glaube richten's aus, daß man's durchbringt, bis der große Sieg des Herrn aller Kreatur sich offenbaren wird. Sonst sind wir noch in der Zeit des Seufzens.
Hiemit grüße ich herzlich, um Nachsicht bittend, wegen des Umständlichen, das aber mehr Andern gelten sollte. Auch mein fürbittendes Andenken sichere ich zu.
79) Kampf um Mosis Leichnam.
Frage: "Bitte um Besprechung von Judä v. 9. Es kann doch Niemand die Unterredung des Teufels und Erzengels gehört haben. Dan. 12, 1 und Sach. 3, 2 klärt die Sache nicht auf."
Antwort. Es hätte mir besser gefallen, wenn der Fragesteller einfach um eine Erklärung obiger Stelle gebeten hätte, ohne eine Art Unglauben durchblicken zu lassen, der an ihn kommt, wenn er denkt, es habe ja Niemand bei dem dort erzählten Vorfall zusehen können. Wir müssen doch nie vergessen, daß wir's im A. Testamente mit Schriften zu tun haben, "die von Gott eingegeben sind" (2 Tim. 3, 16), und im N. Testamente mit solchen, die von Männern herrühren, die den heil. Geist in der Erstlingsfülle empfangen hatten. So kann Judas, wenn er auch nicht der Apostel dieses Namens war, sondern der Bruder des Herrn, doch gar wohl durch Offenbarung bei einer bestimmten Veranlassung gewußt haben, was er schreibt; und von ihm zu verlangen, daß er ausdrücklich sage, woher er es wisse, das ist zu viel gefordert. Wie Vieles enthält die Schrift, da Zweifler ähnlich reden könnten. So haben sie schon gefragt, wie Moses von der Weltschöpfung habe etwas wissen können, da sie ja Niemand gesehen habe. Auch von der Versammlung der Kinder Gottes vor dem Herrn, zu der auch Satan kam (Hiob 1, 6), habe Niemand durch Augenschein etwas wissen können. Wir müssen lernen einfach glauben, was in der Schrift steht, weil es da steht. Der Begriff der heiligen Schrift muß uns Auctorität genug sein. - Setzen wir nun vorerst die Stelle her. Sie lautet:
Judä v. 9. "Michael aber, der Erzengel, da er mit dem Teufel zankte, und mit ihm redete über den Leichnam Mose, durft er das Urteil nicht fällen, sondern sprach: Der Herr strafe dich."
Es ist wahr, daß diese Unterredung kein Mensch kann gehört haben. Aber wie Judas dazu kommen konnte, auch ohne eigene Offenbarung es zu wissen, darüber läßt sich doch etwas sagen. Etliche Jünger nämlich haben auf dem Berge Thabor den Mose neben dem Elias gesehen. Elias war ohne Tod verklärt gen Himmel gefahren; und von Mose heißt es, er sei gestorben, und vom Herrn so begraben worden, daß Niemand sein Grab erfahren habe (5 Mos. 34, 6). Konnten da nicht etwa die Jünger, als sie mit Jesu den Berg wieder herabgingen, gefragt haben, wie es komme, daß Moses und Elias da waren, von welchen doch der Eine einst gestorben sei, wie der Andere nicht; auch von der Auferstehung des Ersteren sei nichts berichtet! Der Herr Jesus aber hat wohl da etwas gewußt, Er, der mit dem Satan so viel zu kämpfen hatte. Er wird noch viel aus der unsichtbaren Welt gewußt haben, das wir, wenn wir mit dieser in keine Berührung kommen, nicht wissen können. Er mag es auch nicht gerade als Sohn Gottes gewußt haben, sondern weil Er in beständigem Kampf mit der Finsternis und dem Satan stand, darunter Ihm auch der Erzengel Michael als Helfer oder Zubringer der Macht Gottes vorkommen mußte. Konnte Er doch, als Er auftrat, in des Satans Haus gehen, um ihm seinen Hausrat zu rauben, weil Er ihn, den Starken, als der Stärkere gebunden hatte (Matth. 12, 29). Eröffnungen aber, die der Herr bei Gelegenheit Seinen Jüngern gab, kamen später in Aller Mund; und auch Judas erwähnte das Angeführte nicht als etwas Neues, den Lesern Unbekanntes, sondern als etwas, daraus seine Leser sich etwas merken sollten.
Da der Vorfall zwischen dem Satan und dem Erzengel einmal erzählt ist, so hat man das Recht, darüber nachzudenken. Gewöhnlich nimmt man an, Satan habe dem Erzengel, dem die Beerdigung Mosis aufgetragen war, damit das Grab nicht bekannt würde, und etwa später zu Aberglauben oder Abgötterei dem Volke diente, in den Weg treten wollen, weil er gerade das gewollt habe, daß sich in der Folge das Volk am Leichnam Mosis versündige; und darüber sei der angeführte Zwist entstanden, und Satan mit den Worten: "Der Herr strafe dich," abgewiesen worden, ohne daß der Engel ein lästerndes Urteil gefällt hätte. (Um anzudeuten, wann der nämliche Engel eine Rolle spielte, hat ihn die Schrift nicht namenlos gelassen, ihm vielmehr den Namen "Michael", d. h. "Gotteskämpfer" gegeben). Aber angemessen will mir diese Erklärung nicht vorkommen, weil Satan kein Recht hatte, die heimliche Beerdigung zu verwehren. Satan kann nur als Verkläger etwas ansprechen wollen. Hier aber lag kein Grund zu einer Anklage vor; und wenn er etwa einen Gegenstand zur Versuchung Israels beanspruchen wollte, wie bei Hiob, den er glaubte mit Plagen zum Abfall von Gott treiben zu können, so bedurfte er solcher Versuchung gerade nicht, da ihm Vieles offen stand, das Volk zur Abgötterei zu versuchen. Von einer andern Erklärung das nächste Mal.
(Schluß folgt.)
80) Kampf um Mosis Leichnam.
(Schluß.)
Je eigentümlicher die Stelle in Jud. v. 9 ist, desto mehr drängt es mich, da ich darüber gefragt worden bin, so eingehend als möglich sie zu besprechen.
Eine richtigere Auffassung, als die im vorigen Blatte zuletzt angeführte, werden wir nur dann finden, wenn wir den Vorfall des Streits um den Leichnam Mose's in Verbindung bringen mit der Auferstehung, welche derselbe zu erwarten hatte. Bei Mose mag es nur um ein Weniges gefehlt haben, so wäre es mit ihm gegangen, wie später mit dem Propheten Elia, daß er ohne Tod entrückt worden wäre. Aber das Nämliche, was ihn mit Aaron um den Eingang in's gelobte Land diesseits des Jordans brachte, mag auch Ursache gewesen sein, daß er zu dem erwähnten Vorzug nicht kam. Als er nämlich aus dem Felsen Wasser schlagen sollte, entfuhren ihm, im Unmut über das halsstarrige Volk, etliche Worte, welche, wenigstens vor dem Volke, einen Unglauben auf seiner Seite zu verraten schienen; und weil er so den Herrn nicht vor den Kindern Israel heiligte, wurde ihm alsbald angekündigt, daß er, wie Aaron, nicht in's gelobte Land kommen solle (4 Mos. 20, 10-12, vergl. Psalm 106, 32. 33). Auch bei seinem Tode erinnerte ihn der Herr noch einmal an seine Versündigung am Haderwasser (5 Mös. 32, 50-52). Als er gestorben war, heißt es: "Und Er (der Herr) begrub ihn im Tal; und hat Niemand sein Grab erfahren, bis auf diesen heutigen Tag." Es war hienach jedenfalls etwas Besonderes mit dem Tode Mosis; und ganz befremden kann es darum nicht, wenn er neben Elia, etwa als ein Auferstandener, vor Jesu auf dem Berge erschien.
Bald nach dem Tode Mosis nun kann seine Auferstehung nicht erfolgt sein, auch wohl nicht ohne irgendwelche vorausgehende Bereinigung seiner Schuld, welche von selbst nicht erfolgen konnte. Möglich ist es daher, daß der Leichnam im Grabe verblieb bis auf Christum, der vielleicht nur kurz vor Seiner Verklärung auf dem Berge in den Fall kam, für Mose zu eifern und die bis dahin aufgesparte Auferstehung Mosis zu erkämpfen, da sie denn auch eine Anbahnung zur eigenen Auferstehung Jesu sein konnte. Das aber ist undenkbar, daß Mose, wenn es so war, sollte unterdessen, wie andere Menschen, verwest sein; denn die Auferweckung verwester Leichname, wenn nicht Ausnahmen bei denen Statt fanden, die beim Tode Jesu auferstanden sind, wie aber auch nicht wahrscheinlich ist, mag doch erst der letzten Zeit vorbehalten sein, da die Allmacht Gottes dieses Größte aller Wunder an allen Verwesten tun wird, bei der allgemeinen Auferstehung. So mußte nun der Leichnam Mosis unter einen besonderen Schutz Gottes gestellt werden, daß er vorerst wenigstens unverwest blieb, wenn er nicht auferstehen sollte. Ein ähnliches mag auch bei denen gewesen sein (man denke an Elisa, 2 Kön. 13, 21), welche unmittelbar nach dem Tode Jesu auferstanden und nach Seiner eigenen Auferstehung als Auferstandene erschienen (Matth. 27, 52. 53). Unterstützt wird die Vermutung, daß Mose's Leichnam unverwest möchte geblieben sein durch das, daß Mose ohne Krankheit starb (5 Mos. 32, 50. 34, 5), und daß von ihm ausdrücklich bemerkt wird, "seine Augen seien nicht dunkel geworden, und seine Kraft sei nicht verfallen" (34, 7), ferner, daß der Herr ihn selbst begrub, was durch der Engel Dienst geschah, dem er dann auch anbefohlen blieb. Der Kampf um den Leichnam Mose's kann also vorgefallen sein, entweder bei der Beerdigung, da Satan gegen den Schutz und die Verwahrung des Leichnams sich auflehnen wollte, wiewohl er gegen eine bestimmte Anordnung Gottes das kaum wagen konnte, oder, - und das bleibt das Wahrscheinlichste, - bei der wirklichen Auferstehung, welche unter den Kämpfen Jesu während Seines Lebens, da Engelkräfte Ihm zu Gebot standen, so namentlich der Erzengel Michael, erfolgte.
Der Grund, warum Judas den Vorfall erzählt, ist der, daß er die Christen warnen wollte, "Herrschaften zu verachten und Majestäten zu lästern" (v. 8); denn Michael durfte selbst gegen den Teufel, wie Judas sagt, das Urteil der Lästerung nicht fällen, sondern sprach: "Der Herr strafe dich!" Auch Satan, belehrt uns da Judas, hatte noch eine Majestät, ehe er gerichtet (Joh. 16, 11), und als Verkläger, der Tag und Nacht vor Gott verklagte, verworfen war. Seine völlige Verwerfung tritt erst am Ende ein (Off. 12, 10), da er dann zu denen auf Erden herabkommen soll, mit einem großen Zorn, weil er weiß, daß er wenig Zeit hat. Die Majestät als eines Lichtsengels, die selbst von Gott noch (Hiob 1, 6 ff.) berücksichtigt wurde, wurde ihm erst mit dem Tode Jesu genommen; und bis dahin durften selbst höhere Engel ihn nicht verächtlich behandeln, als stünden sie über ihm. So will auch Michael ihm nicht mit den ihm verliehenen Kräften gleichsam etwas antun, sondern überläßt die Strafe dem Herrn selbst, wenn er sagt: "Der Herr strafe dich." Der Ausdruck ist dem entnommen, was wir im Propheten Sacharia lesen (3, 1. 2), dem der Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des Herrn, gezeigt wurde. Dem Hohenpriester stand Satan zu seiner Rechten, daß er ihm widerstünde. "Und der Herr," (eig. der Engel des Herrn), lesen wir, "sprach zu dem Satan: Der Herr schelte dich, du Satan; ja, der Herr schelte dich, der Jerusalem erwählet hat." Hier wollte Satan dem Hohenpriester Josua den Wiederaufbau Israels verwehren. Josua aber hielt sich fest an den Herrn, der Seinen Engel als Beistand ihm zuschickte; und dieser wies den Satan mit den angeführten Worten ab, ähnlich wie der Erzengel Michael, als Satan mit ihm um den Leichnam Mosis zankete. Wenn nun sogar von den höchsten Engeln die Majestät Satans, des Widersachers und bittersten Feindes der Menschen, weil sie ihm noch nicht genommen war, beachtet wurde, wie viel mehr sollten sich Christen scheuen, irgend welche Herrschaften zu verachten oder Majestäten zu lästern.
Solches will Judas den Christen zu Gemüt führen. Denn diese konnten in den Zeiten der Apostel wohl versucht sein, um die Majestät der römischen Kaiser und anderer Herrschaften im römischen Reiche nicht viel zu geben, und zu glauben, daß man ihnen ohne Bedenken entgegentreten, oder gegen sie gar revolutionäre Gesinnungen hegen, und über sie Urteile der Lästerung fällen dürfe, weil sie sich ganz nur als Menschenhasser, und als Gottes- und Christusfeinde betrugen. Aber keine Majestät, wenn sie sich auch als die gottloseste erweist, darf von "den Brüdern, den Berufenen, die da geheiligt sind in Gott dem Vater, und behalten in Christo Jesu", nach Worten des Judas (v. 1), verachtet und gelästert werden; denn die Träger einer Majestät, die sie nur von Gott haben können, repräsentieren als Diener Gottes (Röm. 13, 4) die Herrschaft Gottes selbst, die ja eben so gut eine strafende und verderbende, als eine segnende und wohl tuende sein kann, wie's die Weisheit und Gerechtigkeit Gottes für gut findet. Wie also Jünger Jesu unter die Gerichte Gottes sich beugen müssen, so auch unter die Plagen von Seiten gottloser Herrscher, bis Gott selbst diese stürzt nach Seinem Rat. Die Ermahnung Judä kommt also derjenigen gleich, welche Paulus in der bekannten Stelle im Römerbriefe (Kap. 13) gibt. Aber ernster kann sie nicht gegeben werden, als wenn Judas selbst auf die von den höchsten Engeln eingehaltene Respektierung der Majestät Satans, so lange diese bestand, hinweist, um darzutun, wie viel überhaupt jede Majestät, weil sie nicht ohne Gott sein oder werden kann, vor Gott gilt.
Zum Schlusse möchte ich noch, weil vielen Lesern die Judasstelle fast anstößig vorkommen will, an das erinnern, wie willkommen sie Andern zur Ergänzung des Verständnisses der Verklärung Jesu auf dem Berge erscheint. Hier stehen neben Jesu persönlich Mose und Elias, als solche, die zu ihrer ganzen Vollendung bereits gekommen sind. Da bleibt aber unerklärlich, wie Moses sein konnte, was Elias, da doch von ihm nur sein Tod uns berichtet ist, und wir eine Rückgängigmachung des Todes nur durch Christum nach der Schrift uns möglich denken können. Den Mose aber neben dem bereits auch leiblich verklärten Elias, weil dieser gar nicht gestorben ist, als einen Geist ohne Leib uns denken zu müssen, wäre noch rätselhafter. Durch die Stelle nun im Brief Judä ist uns mindestens ein Wink gegeben, daß wir uns um Alles keine Gedanken mehr zu machen nötig haben, wenn wir nur vernehmen, daß ein Streit um den Leichnam Mose's Statt gefunden habe, wie und wann der auch sein mochte, dessen Ausgang kein anderer sein konnte, als daß es nun denkbar ist, wie Mose und Elias jetzt in Allem einander gleichgestellt erscheinen.
81) Jesu Aussprüche von der Nähe Seiner Zukunft.
(Erster Abschnitt)
Frage: "Ihre Antworten auf die an Sie gerichteten Fragen machen mir Mut, Sie zu bitten, ob sie nicht vielleicht einmal Stellen, wie Matth. 10, 23; 16, 28; 26, 64 und ähnliche besprechen würden. Seit der Studentenzeit haben mir solche Aussprüche, besonders aber diejenigen aus Jesu Mund, welche die Parusie (Wiederkunft Christi) mit aller Bestimmtheit als so nahe erscheinen lassen, zu schaffen gemacht."
Antwort. Die angeführten Bibelstellen können allerdings dem Bibelleser etwas zu schaffen machen, wenn in ihnen vom Herrn selbst Seine Zukunft so nahe angenommen ist, während sie bis heute noch nicht erfolgt ist. Leicht ist es nicht, darauf zu antworten; und so viel ich schon darüber nachgedacht habe, auch so viel ich für mich selbst darüber beruhigt bin, schreibe ich nicht gerne darüber, weil ich eine gewisse Scheue habe, über Worte des Herrn, wie zu Seiner Rechtfertigung, zu reden. Worte des Herrn, wenn man sie nicht versteht und faßt, lasse ich lieber unbesprochen und auf sich beruhen, als daß ich gewagte Auslegungen gebe. Ich denke mir, daß sie ihre Auslegung schon bekommen werden, wenn die Zeit kommt, da uns über Alles wird Licht gegeben werden, das uns einstweilen nur "in einem dunklen Ort leuchtet" (2 Petr. 1, 19). "Wir sehen jetzt", sagt auch Paulus (1 Kor. 13, 12), "durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkennet bin." Dies gilt in Allem, was uns in unsre Finsternis herein durch die heilige Schrift kund getan ist. Steht indessen einmal etwas da, so haben wir auch nicht das Recht, es ohne Weiteres liegen zu lassen; und Versuche, es zu verstehen, dürfen wir wohl machen, wenn wir's nur bescheiden tun, ohne rechthaberisch sein zu wollen. So will ich denn, weil aufgefordert, über obige Stellen zu reden versuchen, nur auch, daß sie dem Leser nicht mehr zu schaffen machen.
Oft schon habe ich gedacht, ob uns über die eigentliche Menschwerdung Christi genug Licht gegeben sei, oder ob wir sie nicht völliger und wirklicher denken sollten, als wir gewöhnlich tun. Gerne denken wir uns den Heiland, auch während Er auf Erden wandelte, in einer Art Allwissenheit, die Er im Grunde doch mag dran gegeben haben, wenn es von Ihm heißt (Phil. 2, 6. 7): "Er äußerte sich selbst, und nahm Knechtsgestalt an, und ward gleich wie ein anderer Mensch." Er war so sehr Knecht, daß Er, über die Zukunft namentlich, zunächst nicht mehr wußte, als jeder andere Mensch; und wenn Er etwas wußte, hat Er's erst jetzt gehört und empfangen, wie Propheten Blicke bekommen. Freilich haben wir uns zu denken, daß Er das Vollkommenste, was einem Menschen werden kann, aber doch nur als einem Menschen, der Er nun einmal war, mitgeteilt bekam. Bekommen mußte Er erst Alles, ohne es von selbst nach Seiner anfänglichen Gottheit zu haben. Er bekam es auch nur, wie Er es brauchte, und wie Er es von Seinem Vater begehrte, namentlich seit Er zum Sohne Gottes erklärt war. In Seiner Unterredung mit Nikodemus sagt Er Etliches, was auch nach dem Bemerkten aufzufassen ist. Er sagt (3, 11): "Wir reden, das wir wissen, und zeugen, das wir gesehen haben," Beides, müssen wir denken, durch Offenbarungen und Gesichte. Er gibt auch zu verstehen (v. 12, 13), - wenigstens kann man's so nehmen, - daß Er während Seines Wirkens öfter auch in den Himmel entrückt wurde, als "des Menschen Sohn, der im Himmel ist", der, obwohl Menschensohn, aber doch nur als Menschensohn, im Himmel Seine Wurzel hatte. Wenn Paulus entrückt worden ist, bis in den dritten Himmel, wie viel mehr haben wir Solches auch bei Jesu uns zu denken; aber auch das nur in Folge des Wohlgefallens, das Er als Menschensohn sich erworben hatte, und um dessen willen Er auch als Solcher zu Gottes Sohn erklärt wurde.
Erwägen wir das Alles, so kann es möglich gewesen sein, daß der Vater auch Jesu Manches nach Seinem Rat nicht völlig kund tat, und zwar eben darum, daß Er nicht als Mensch über die Versuchungen, denen Er ausgesetzt war, wie jeder andere Mensch, auf eine Weise erhoben würde, die zur Niedrigkeit des Fleisches nicht mehr paßte. Wenn eine Betrachtung der Art richtig ist, - ich will sie keineswegs als von mir dogmatisch festgestellt geben, - so erklären sich mir manche Stellen, die sonst auffallen. So, wenn Er auf einem Feigenbaum Früchte suchte, die doch noch nicht da sein konnten, weil's "noch nicht Zeit war, daß Feigen sein sollten" (Marc. 11, 13). Ebenso, wenn Er nicht wußte, wer Ihn angerührt habe (Luk. 8, 43. 44), als jenes Weib Seines Kleides Saum angerührt hatte. In beiden Fällen, müssen wir annehmen, ließ sich Jesus so gehen; und dann konnte Er überrascht werden, wie jeder Mensch. Wenn Er mit dem Gedanken, daß Ihm Alles möchte vorher gezeigt werden, hingegangen wäre, was aber nicht notwendig war, weil Er wohl auch menschlich natürlich erscheinen durfte, so hätte Ihn Beides nicht überrascht.
Wenden wir nun das Gesagte auf obige Stellen an, so ist in etwas das Wort des Herrn (Marc. 13, 32) belehrend: "Von dem Tage aber und der Stunde weiß Niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater." Hier kann man sich denken, daß der Heiland wohl auch Seinen Vater werde um Näheres gefragt haben, Ihm aber die Antwort zugekommen sei, das wolle der Vater sich vorbehalten. Selbst nach der Auferstehung, eben vor der Himmelfahrt, sagte Er noch einmal zu Seinen nach der Zeit fragenden Jüngern (Apost. 1, 7): "Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, welche der Vater Seiner Macht vorbehalten hat." Dieser Beisatz zeigt an, daß es noch so war, daß es auch der Sohn nicht wußte, sondern nur der Vater. Noch auffallender ist, daß im Anfang der Offenbarung Johannis gesagt ist (1, 1): "Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Ihm Gott gegeben hat," die Er also auch nach Seiner Versetzung in den Himmel nicht gleich von selbst wußte, sondern dort erst besonders empfangen mußte. Ja, es wird im Verlauf sogar der himmlische Act erzählt, wie Er die Offenbarung empfangen habe. Der Vater, wird erzählt (Off. 5), auf dem Stuhle sitzend, hält ein wohl versiegeltes Buch in der Hand; und es wurde gefragt, wer würdig sei, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen. Da wurde zuerst Niemand gefunden, weder im Himmel, noch auf Erden, noch unter der Erde, der würdig war, nur auch in das Buch zu sehen, worauf Johannes sehr weinte. Endlich wurde das Lamm mitten im Stuhl sichtbar; und nun entstand ein großer Jubel, weil der gefunden war, der um deswillen, daß Er erwürget ward, und mit Seinem Blute alle Kreatur erkauft hatte, für würdig erklärt werden konnte, das Buch zu nehmen und seine Siegel aufzutun. Angesichts aller Kreatur öffnete dann das Lamm ein Siegel nach dem andern; und damit wurde auch Ihm selber volle Aufklärung zu Teil, auch von dem, was bisher im tiefsten Geheimnis der Vater Sich selbst und Seiner Macht vorbehalten hatte. Indessen wurde dem Lamm hier gewiß auch die Zeit jetzt offenbar; aber dem Johannes gab der Herr nicht genügenden Aufschluß über die Zeit, wohl Winke, daß höchsten Orts die Zeit bekannt und bestimmt sei, aber nicht weiter, so daß wir bis heute noch Tag und Stunde der Zukunft Jesu nicht wissen, und sicher auch immer nur vergeblich suchen.
Überlegen wir's uns Alles recht, so gibt's uns vor Allem einen bedeutenden Wink für das Verständnis der Menschwerdung Christi, und für das, wie viel doch der Herr, das Wort, das im Anfang bei Gott war, und Gott war, das Licht und Leben aller Menschen, ohne den auch nichts geschaffen ist, was geschaffen ist, dran gegeben hat, als Er Mensch wurde, um als Erretter und Seligmacher aller Kreatur auf den Plan kommen zu können. Denn der Herr Jesus hatte alle Stufen eines Menschen durchzumachen, und erscheint deswegen auch im Himmelreich zunächst nur als auferstandener und zu dem Vater erhöheter Menschensohn, dem wohl alle Macht gegeben ist, der also Alles, was Er zur Verwirklichung der Erlösung braucht, vom Vater haben kann, aber doch noch nicht in's Gleiche zurückgekehrt erscheint, das Er von Anfang war, vielleicht erst in der letzten Zeit ganz zurückkehren wird, wenn Ihm wird Alles untertan geworden sein, und "dann auch der Sohn selbst Dem wird untertan sein, der Ihm Alles untertan hat, auf daß Gott sei mit dem Sohne Alles in Allen" (1 Kor. 15, 27. 28). Erst nach solchen Betrachtungen können wir auch die ganze Größe des Worts empfinden (Joh. 3, 16): "Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."
Das Weitere über die Stellen selbst das nächste Mal.
82) Jesu Aussprüche von der Nähe Seiner Zukunft.
(Zweiter Abschnitt.)
Im vorigen Blatte haben wir über die Worte Jesu gesprochen, nach welchen der Vater Zeit und Stunde des Endziels der Erlösung durch die Zukunft Jesu Sich und Seiner Macht vorbehalten hat; und wenn der Herr ausdrücklich dazu setzte, daß auch die Engel im Himmel, selbst der Sohn, von dem Tage und der Stunde nicht wußten, so haben wir das in Verbindung gebracht mit der Selbsterniedrigung, in welcher Jesus, von Anfang das Wort bei Gott und selbst Gott, als Mensch sich befand. Die eigentliche Frage nun wäre die, wie es komme, daß Jesus die Nähe Seiner Zukunft so bestimmt ausspreche. Wie viel an Letzterem sei, werden wir finden, wenn wir die Stellen selbst zur Hand nehmen.
Wir beginnen mit der Stelle (Matth. 26, 64), in welcher der Herr vor Seinen Richtern die Nähe Seiner Zukunft, wenn sie Ihn töten würden, auszusprechen scheint. Seine Richter setzten Alles daran, um etwas herauszufinden, um dessen willen Jesus als des Todes würdig erscheinen möchte. Das letzte Mittel, das der Hohepriester ergreift, ist das, daß er's aus dem eigenen Munde Jesu in Gegenwart der Ratsherren herausbringen will, daß Er sich für den Messias halte. Er beschwört Ihn auf's Feierlichste, es ihnen zu sagen, ob Er Christus, der Sohn Gottes, sei. Dann heißt es:
Matth. 26, 64. "Jesus sprach zu ihm, Du sagest's. Doch ich sage euch: Von nun an wird's geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft, und kommen in den Wolken des Himmels."
Hier meint man nun, Jesus rede von der Nähe Seiner Zukunft. Wir sehen aber, daß Er Zweierlei nennt, erstlich Sein Sitzen zur Rechten der Kraft, zweitens Sein Kommen in den Wolken. Liegt da nicht nahe, zu denken, daß das "von nun an" zunächst auf das Sitzen zur Rechten der Kraft sich beziehe, da denn das Andere nachkomme, wie sich's mit der Zeit mache?
Besehen wir das Erstere, so ist das Sitzen zur Rechten Gottes gemeint, welches aber der Herr mit Absicht ein Sitzen zur Rechten der Kraft heißt, weil Seine Richter die Überzeugung bekommen sollten, wie Er, auch nach Seinem Tode, mit einer Kraft werde angetan sein. Ist das aber nicht eingetroffen? Freilich in den Himmel hinauf bis zum Thron Gottes konnten die Richter nicht sehen. Aber in dem, was Alles erfolgte, konnten sie sehen, daß Jesus müsse zur Rechten der Kraft, d. h. Gottes, sitzen, wie das prophetische Wort von dem kommenden Christus es verhieß. Die Richter wollen wissen, ob Er Christus sei. Er bekennts, und sagt, daß Er's ganz so sei, wie von Christus geschrieben sei. Denn David sagt (Ps. 110, 1): "Der Herr sprach zu meinem Herrn," (d. h. zu meinem zukünftigen Sohne, der mir selbst ein Herr ist): "Setze Dich zu meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege." Die Richter wollen Ihn aus der Welt schaffen, meinend, damit Ihm in den Weg zu treten, wenn Er wolle Christus sein. Er aber sagt, damit machen sie Ihn vollends ganz zum verheißenen Christus, weil das für Ihn der Weg sei, zur Rechten Gottes erhoben zu werden, was sein müsse, damit Er vom Throne Gottes aus alle Feinde überwältigte. Mit nichts konnte der Herr erschütternder vor Seinen Feinden reden. Sie denken sich, Herr über Ihn zu sein, und tun nun gerade das, was Ihn in den Stand setzt, alle Seine Feinde, auch sie, die Richter, unter Seine Füße zu bringen. Einstweilen konnten die Richter Ihn verdammen, und muß Er der sein, der Seine Sache verspielt hat. Da kam nun Alles darauf an, daß, was Er sagte, gleich in Erfüllung ging. So mußte Er auch sagen: "Von nun an werdet ihr es inne werden und sehen, daß ich über euch stehe, und erst recht zur Kraft komme, daß Niemand mir widerstehen kann." Wie das in Erfüllung gegangen ist, brauche ich nicht mit vielen Worten aus einander zu setzen. Wie mag die Richter schon die Kunde von der Auferstehung Jesu frappiert haben; und was konnten sie machen, wenn mehr als einmal die Apostel vor ihnen standen, mit der Erklärung, daß der, den sie gekreuzigt hätten, auferstanden sei, und ihnen Macht auch zu Wundern gebe? Auch von der Ausgießung des heiligen Geistes haben sie etwas gesehen, wie an Stephanus. Wie wurden sie zu Schanden, wenn sie die Apostel gefänglich einzogen! Unterdessen wuchs das Wort und die Gemeinde. Kurz, der Eindruck war unabweisbar, daß mit dem Gekreuzigten müsse etwas vorgegangen sein, um dessen willen sie Ihn als den zur Rechten Gottes zu fürchten hätten. Das "von nun an" des Herrn ist also in Erfüllung gegangen.
Nun sagt zweitens der Herr auch, daß sie Sein Kommen in den Wolken sehen werden. Wenn Er aber zur Rechten der Kraft sitzt, um nach der Weissagung Seine Feinde zu besiegen, so kann Sein Kommen doch erst geschehen, wenn diese besiegt sind. Daß es Zeit brauche vom Ersten bis zum Letzten, kann doch Jeder denken; und wie viel oder wenig, das ist die Frage. "Aber sehen sollten sie's doch noch," sagt etwa Einer, "und geschehen ist das nicht." Nicht einmal das liegt bestimmt in den Worten Jesu. Oder hätte Er sagen sollen, sie würden, wenn sie noch lebten, Ihn kommen sehen? Man denke, wie ungeschickt dieses gelautet hätte, selbst wenn Er voraussetzte, sie würden es Alle nicht mehr erleben. Der Eindruck, als könnten sie es noch erleben, mußte offenbar den Richtern bleiben; und daß er kein unrichtiger ist, werden wir finden. Ohnehin, wenn sie's auch nicht erlebten, werden sie Ihn doch kommen sehen. Denn die Menschen drüben haben auch noch Augen (vergl. Off. 1, 7). Zunächst sollten die Richter das wissen, daß Er, wenn sie Ihn auch von der Erde nehmen, doch wieder eben zur Erde kommen werde, und zwar nicht von der Totenwelt herauf, sondern von dem Himmel herab. Das müssen sie wissen; und wenn sie Ihn sitzen sehen in der Art, wie oben bemerkt, zur Rechten Gottes, so konnte auch der Gedanke sie je und je durchbeben, daß Er plötzlich kommen werde in den Wolken; und dann dürften sie sehen, wie es ihnen ergehen werde. (Vergl. ihre geheime Angst, Apost. 5, 28).
In der angeführten Stelle ist also keine Spur von Bedenklichem oder Auffallendem zu finden, nur daß die eigentliche Zeit nicht bestimmt erscheint. Bemerken wir aber, wie wichtig das "von nun an" ist. Von wann an? fragst du. Wir antworten, von dem Tage Seines Todes an, den sie gewaltsam von Ihm fordern. Mit diesem Tode also wird Alles fertig, was Ihm aufgetragen war, zu tun. Ohne Aufenthalt kann nun Alles fortgehen, bis sich's reif macht zu Seinem Kommen. Nichts ist im Rückstand geblieben, das etwa noch Zeit erforderte, bis sich's machte. "Es ist vollbracht", sagt der Herr am Kreuze; und von einem Verzuge kann gar nicht die Rede sein. Von Seinem Standpunkte aus ist Alles bereit; und mit Seinem Scheiden ist daher die Nähe Seines Kommens gegeben. Sein Sieg mit Seinem Sterben ist so vollständig, daß es gleichsam nur noch eines Aufräumens auf dem Schlachtfelde, daß ich so sage, bedarf. Möglicherweise hätte das in ganz kurzer Zeit geschehen können. Zur Aufräumung aber gehört die Benützung des Siegs auf Seiten der Christen. Strafte ja der heilige Geist die Welt "um das Gericht, daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist" (Joh. 16, 11). Mit diesem konnten's also die Heiligen ohne Verzug fertig bringen, wenn auch im Verlauf einiger Zeit, von Einem zum Andern. Die Herrschaft der Finsternis konnte ganz niedergeschlagen werden mit den Kräften, die Jesus darbot. Auch mit der Ausbreitung des Evangeliums durch alle Völker konnte es rasch vorwärts gehen; und daß sie wirklich im Anfange unglaubliche Fortschritte machte, davon gibt schon des N. Testament Zeugnis. Aber es erforderte einer steten, unausgesetzten Benützung des Siegs Christi durch Herbeiziehen der Kräfte, die der Herr verheißen hatte, um in ganz kurzer Zeit alle noch vorhandenen Bollwerke der Finsternis fallen zu sehen. Kann doch Paulus den Römern schreiben (16, 20), der Gott des Friedens werde Satan in Kurzem unter ihre Füße zertreten.
Hienach müssen wir denken, daß es an den Heiligen selbst werde gar bald gefehlt haben, so daß durch sie in die Ferne kam, was auf die Nähe zubereitet war. Die Siegeskräfte, Anfangs so gewaltig, nahmen mit jedem Jahrzehnt ab, und erlahmten, ja wichen zuletzt fast ganz. Satan bekam wieder die Oberhand; und die Wunde des Tiers wurde wieder heil (Off. 13, 3). Dadurch wurde aus der Nähe eine Ferne. Wie konnte aber hievon gleich von vorn herein gesprochen werden! Um so schlimmer wäre es gewesen, wenn der Herr nicht bei der Voraussetzung einer gewissen Nähe geblieben wäre, weil es nur entmutigend schon auf die Apostel wirken konnte, wenn ihnen als Mitgabe zu ihrem Beruf gesagt worden wäre, daß der Fortgang in's Stocken kommen werde, gegen die gegebene Anlage. Die Stockung machte sich denn ganz allmählich; und kaum mag sie den Verfassern des N. Testaments ganz zum Bewußtsein gekommen sein, dieweil sie lebten; und nach ihnen konnten keine heiligen Bücher mehr geschrieben werden, es anzuzeigen. So zeugt das N. Testament mehr von der Nähe, als von der Ferne Christi. Spätere Heilige hätten wohl schreiben müssen, was einst in Bochim der Engel des Herrn zum Volke Israel sprach, das nach dem Tode Josua's und der Ältesten saumselig mit der Vollendung der Eroberung des Landes geworden war. Er sagte im Namen des Herrn:
Richter 2, 1 - 3. "Ich sprach, ich wollte meinen Bund mit euch nicht nachlassen ewiglich, daß ihr nicht solltet einen Bund machen mit den Einwohnern dieses Landes, und ihre Altäre zerbrechen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorchet. Warum habt ihr das getan? Da sprach ich auch: Ich will sie nicht vertreiben vor euch, daß sie euch zum Stricke werden und ihre Götter zum Netze."
Ein solcher Engel ist wenigstens der Tat nach gekommen in die Christenheit. Nun müssen wir warten, bis eine neue Zeit naht, in welcher das Aufgegebene und Aufgeschobene wieder aufgenommen werden kann. Kommt diese Zeit, so wird auch der Beweis mitkommen, daß schon in den ersten Jahrzehnten hätte können Alles fertig werden, wenn Alles richtig gegangen wäre. O, wie kurzsichtig sind wir doch, von Täuschungen zu reden, in welchen die Apostel, gar Jesus selbst, sollten gestanden sein!
Im nächsten Blatte weiter.
83) Jesu Aussprüche von der Nähe Seiner Zukunft.
(Dritter Abschnitt, Schluß.)
Gehen wir nun zu andern Stellen, in welchen Jesus die Nähe Seiner Zukunft bestimmt auszusprechen scheint. Der Fragesteller führt unter andern Matth. 10, 23 an. Da sendet der Herr Seine Jünger aus, daß sie statt Seiner in den Städten umherziehen und das Evangelium verkündigen sollten, weil Er merkte, daß Er nicht Zeit genug finden werde, um persönlich überall hinzukommen, ehe es mit Ihm ein Ende auf Erden nehmen werde. Da sagt Er nun, auch die Jünger würden's nicht fertig bringen, mit den Worten:
Matth. 10, 23: "Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet die Städte Israels nicht ausrichten, bis des Menschen Sohn kommt."
Hier fällt es allerdings auf, daß Jesus sagt: "bis des Menschen Sohn kommt," statt: "bis des Menschen Sohn getötet und der Erde entrückt wird." Genau genommen ist doch Letzteres das Nächste, was Jesus sagen will. Er will aber nur Seines Todes nicht gedenken, weil das die Jünger frappiert, und ihren Mut für ihr Umherziehen in den Städten gelähmt hätte. "Wozu", hätten sie ja ängstlich fragen können, "in den Städten umherziehen, wenn Du, ehe wir fertig sind, stirbst, da es denn mit Allem aus wäre?" Vieles hätte da der Herr sagen müssen, das die Jünger noch nicht tragen und verstehen konnten; und darum redet Er von dem Letzten das eintreten werde, auf das auch Alles zielt, von Seinem Kommen oder Wiederkommen. Ein leiser Wink liegt freilich auch darin, daß Er bald fortgehen werde; aber dieser störte nicht, wenn das Sterben unberührt blieb, und Er vom Kommen reden kann. Der Sinn ist also: "Ihr werdet's nicht mit den Städten fertig bringen, bis das geschieht, was die Einleitung zu meinem Kommen ist." Wenn man's recht besieht, ist's eine überaus feine Rede. Es ist, als ob Er sagte: "Ihr werdet nicht fertig; bis ich - doch nein! - bis ich komme," dabei Er das Sterben unterdrückt und ins Kommen verwandelt. Sein Sterben ist entmutigend, Sein Kommen ermutigend; und Er kann mit Letzterem ermutigen, weil's ja doch zuletzt auf Sein Kommen hinausläuft. Demgemäß sieht es seltsam aus, in dieser Stelle das Wort so zu pressen, als mache Er Sein Kommen fast früher als Sein Sterben. Sein Kommen hat denn doch auch wirklich begonnen mit Seiner Auferstehung und Verklärung; denn da trat das ein, was eigentlich ein fortgesetztes Kommen ist bis zu dem Zielpunkte Seines wirklichen und sichtbaren Kommens. Faßt man Letzteres ins Auge, so kann der Sinn der Stelle auch der sein: "Bis ich im Stande bin, selbst zu kommen und mitzuwirken." Einstweilen läßt Er sie's ohne Seine Person machen. Bald aber kommt Er persönlich dazu, wobei wir an Sein Wort erinnern: "Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch." Er will ja nach der Himmelfahrt bei den Jüngern alle Tage sein, auch vermittelst des heiligen Geistes, der Ihn persönlich, wenn auch nicht sichtbar, wiederbrachte. Die Zeit, will Er sagen, da Er so komme und mithelfe, sei so nahe, daß die Jünger bis dahin nicht werden mit den Städten fertig sein. Jedenfalls sehen wir, daß von der Nähe derjenigen Zukunft, die wir jetzt noch erwarten, auf diese Weise in der angeführten Stelle gar keine Rede ist.
Eine nicht leicht zu verstehende Stelle ist auch das Wort des Auferstandenen an Petrus über den Jünger, den Jesus lieb hatte (Joh. 21, 22): "So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was gehet es dich an?" Hier scheint wieder vom Herrn Sein Kommen sehr nahe genommen zu sein. Aber schon die andern Jünger können's nicht so auffassen, sondern denken eher, der Herr sage, Johannes werde gar nicht sterben. Hieraus geht klar hervor, daß sie überhaupt die Zukunft Jesu sich eher ferne als nahe dachten, weil das Leben Johannis ihnen zu lange vorkommen will, wenn er die Zukunft erleben soll. So spricht die Rede Jesu eigentlich mehr gegen, als für die Nähe. Johannes selbst will aber nicht, daß man meine, Jesus habe gesagt, er werde nicht sterben, will vielmehr es nur bei dem belassen, wie Jesus sagte, sei's denn sonst mit dem Sinn des Worts, wie es wolle. Wie aber, wenn die Jünger doch Recht gehabt haben? wenn wirklich Johannes in dem Sinn blieb, daß er nicht aus dem Leibe schied, sondern sonst entrückt wurde, wie ein Elias? Ich kann das glauben, wie ich mir dasselbe auch von andern Aposteln, die nicht den Märtyrertod starben, und von sonst ausgezeichneten Heiligen der ersten Zeit, die ich nach meinem Gefühl nicht sterben sehen könnte, wie andere Menschen, möglich denke. Ich meine immer, es müßte zur Zeit Jesu Gläubige gegeben haben, an welchen das Wort Jesu (Joh. 11, 26) sich erfüllte: "Wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben," wie wohl ich diese Stelle sonst so nehme, daß zur Zeit der Wiederkunft Jesu die noch Lebenden nicht mehr werden sterben, sondern verklärt dem Herrn entgegengerückt werden. Ich sage Obiges gerne, um einer weiteren Stelle willen, welche den Auslegern besonders viel Bedenken macht, nämlich:
Matth. 16, 28. "Wahrlich, ich sage euch: Es stehen Etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in Seinem Reich."
Vorher hatte der Herr von Solchen gesprochen, die, wenn sie auch das Leben verlören, doch dasselbe finden würden. Nun können aber auch Andere ebenso sehr sich selbst verleugnen, als das bei Märtyrern vorkommt, die nur nicht das Glück haben, so zu sagen, Märtyrer zu werden. Diese schienen wie verkürzt zu sein, vor den Märtyrern, da sie ja doch den leidigen Tod durchmachen müssen. Hatte nun einmal der Herr vom Verlieren des Lebens gesprochen, so ist's Ihm ein Bedürfnis, zu sagen, daß das Sterben bei völligen Gläubigen eigentlich nicht mehr sein müßte, mithin das Verlieren des Lebens ängstlich machen könnte. Ist's also kein Märtyrertod, in Folge dessen das Leben gefunden wird, so kann's ein Finden des Lebens, des bleibenden Lebens, auch ohne Tod geben. Hierin liegt ein herrlicher Trost für die Treuen, und eine Aufmunterung zugleich, weil so die Märtyrer und die Andern einander gleich gestellt sind, sofern jene wohl das Leben verlieren, aber doch wieder finden, diese aber das Leben behalten, also nicht erst wieder zu finden brauchen. Wenn es nun von unsrer Stelle (v. 27) geheißen hat, wenn des Menschen Sohn kommen werde in der Herrlichkeit Seines Vaters, werde Er einem Jeglichen vergelten nach seinen Werken, kann diese Vergeltung, wenigstens bezüglich des Lebens, nicht auch vorausgehen, indem die, welche ganz nach Seinem Willen und Wunsch sich verleugnen und für Ihn hingeben, den Tod gar nicht schmecken sollen? Was hindert, in der angeführten Stelle, die sagt, daß Etliche den Tod nicht schmecken werden, nach dem Gesagten es geradezu wörtlich zu nehmen, daß nämlich wirklich Etliche, und seien es auch nur Apostel und diesen ähnliche Arbeiter im Reiche Gottes, eben hier vor Ihm stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie des Menschen Sohn kommen sehen in Seinem Reich, da sie dann vielleicht die Anführer der Lebenden sein dürfen, welche, verwandelt, wie sie selber, werden Jesu entgegengerückt werden in der Luft? Auf diese Weise wäre in der genannten Stelle von der Nähe oder Ferne der Zukunft Jesu gar nicht die Rede, läge doch der Schwerpunkt der Stelle nicht in dem Kommen und Sehen des Kommens des Menschensohnes, sondern in dem, daß Etliche den Tod nicht schmecken werden, bis auf die Zeit, da aller Tod aufhören wird mit Seinem Kommen.
Hiemit haben wir die wichtigsten Stellen, in welchen Jesus die Nähe Seiner Zukunft anzudeuten scheint, besprochen, und haben gefunden, daß in ihnen der Tat nach nichts Bestimmtes gesagt, sondern nur erkennbar ist, daß über die eigentliche Zeit nichts verlauten darf. Auf dasselbe führen die Stellen alle, in welchen der Herr Seine Zukunft ganz unerwartet eintreten und so verzüglich sein läßt, daß die Menschen in eine gefährliche Sicherheit kommen werden. Auch sonst gibt es Worte Jesu, die mehr auf eine Ferne hinzielen, als auf eine Nähe. In dem Gleichnisse (Matth. 25, 14 ff.), nach welchem der Herr die Zentner austeilt, ehe er über Land geht, mit welchen die Knechte wuchern sollten, heißt es (v. 19): "Über eine lange Zeit kam der Herr der Knechte, und hielt Rechenschaft mit ihnen." Ebenso kann das Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter angeführt werden (Luk. 18, 1-8). Nach diesem Gleichnis wird die Gemeine eine Witwe, ganz der Beraubung des Widersachers preisgegeben, was auf eine große Verschlimmerung der Gemeine hindeutet, wie sie nur durch eine lange Wartezeit entstehen konnte. Die Gemeine steht da nicht mehr in der Verheißung, die der Herr gegeben hat: "Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch." Sie ist Witwe und Waise, und ihr Herr wie nicht mehr da. Dabei hat sie's mit einem ungerechten Richter zu tun, der sie von ihrem Widersacher erretten soll, weil der über sie wieder mächtig geworden ist. Der Richter aber, heißt es, wollte lange nicht. Um kurz zu sein, so ist das ganze Gleichnis doch darauf angelegt, einen Begriff davon zu geben, daß des Menschen Sohn auf sich warten lasse und lange auf sich warten lasse, so daß am Schluß der Heiland noch fragt: "Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinst du, daß Er auch werde Glauben" (nämlich an Seine Wiederkunft) "finden auf Erden?"
Endlich ist besonders wichtig die Stelle in der längeren Rede Jesu bezüglich Seiner Zukunft:
Matth. 24, 14. "Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt, zu einem Zeugnis über alle Völker; und dann wird das Ende kommen."
Wie kann der Herr nach dieser Stelle von einer eigentlichen Nähe Seiner Zukunft reden, da Er diese von dem Erfolg der Predigt, die doch den Aposteln und deren Nachfolgern anvertraut ist, abhängig macht? Wir wissen aber, daß das Evangelium erst in neuester Zeit wieder angefangen hat, in allen Ländern gepredigt zu werden. Ja, jetzt merket auf! Jetzt kannst du sagen: "Die Zeit ist nahe!" Denn fast läßt sich behaupten, daß in keinem Land mehr der Name Jesu ganz unbekannt ist. Es regt sich auch überall immer mächtiger. Wache! Die Vorbereitungen des Herrn können sich vollends schnell machen; und über Nacht kann sich schon der Ruf des Herrn bemerklich machen: "Siehe, Ich komme!"
84) Jakobs Kampf.
(1 Mos. 32, 21-32.)
Frage: "Als ich heute frühe mit meinem Kinde die Geschichte Jakobs besprach, merkte ich wieder recht, wie dunkel mir doch Jakobs Kampf mit dem Engel des Herrn ist. Möchten Sie die Güte haben, darüber in den Blättern zu sprechen. Was hat dieser Kampf für eine Veranlassung, Zweck und Bedeutung gehabt? Und als vorher (32, 1. 2) Jakob die Heere Gottes bei Mahanaim sehen durfte, geschah das wohl, damit er Mut zur Begegnung mit Esau bekäme?"
Antwort. Jakob ist auf dem Wege von der Fremde wieder nach Haus. Als er einst auszog, sah er im Traum die Himmelsleiter mit Engeln, und den Herrn oben drauf, der zu ihm sagte (1 Mos. 28, 15): "Siehe, ich bin mit dir, und will dich behüten, wo du hinzeuchst, und will dich wieder herbringen in dies Land." Wie nun die Engel beim Hinausgehen aus Kanaan dem Jakob begegneten, so wieder bei seiner Heimkehr, nu diesmal bei Tag. Es war gleichsam ein Empfangsgruß von Seiten der Engel, weil er wiederkam; denn dahin, in das Land der Verheißung, wo die Sache Gottes ein Asyl bekommen hatte, gehörte er. Dies zur Antwort auf das Letzte der vorliegenden Frage.
Wie ihn aber die Engel Gottes begrüßten, so wollte ihm der Feind, um gleich das Rechte zu sagen, widerstehen. Jakob war äußerlich sehr gesegnet worden, weil er im Glauben stand; aber das, was ihn von Hause vertrieben hatte, war noch nicht ausgesöhnt. Damals hatte sein Bruder Esau, der sich durch ihn betrogen sah, Drohworte hören lassen, die in Jakobs Ohren noch nachtönten. Um nichts zu versäumen, schickte er jetzt Geschenke an seinen Bruder durch Boten, welche die Nachricht zurückbrachten, daß er mit vierhundert Mann sich nähere. Da überkam den Jakob die Furcht, sein Bruder habe noch Rachegedanken, worin er nicht ganz Unrecht hatte. Denn als Esau später kam, (33, 1-16) benahm er sich als ein Mann, der gerne Rache üben wollte, aber nicht durfte, weil es der Herr ihm verwehrte, wie dem Laban (31, 24). Jakob aber hatte vorher noch schwere innere Kämpfe, und schickte heiße Gebete zu Gott (32, 7-12). Nachdem er Fürsorge für seine Frauen, Kinder und Herden getroffen hatte, blieb er allein; und da fiel der merkwürdige Kampf (32, 24-32) vor, der viel zu denken gibt, und etwa mit Nachfolgendem sich erörtern läßt.
"Ein Mann", wird erzählt, "rang mit ihm, bis die Morgenröte anbrach." Der Mann, ein Wesen aus der Unsichtbarkeit, benahm sich als Einer, der Jakob töten wollte. Zunächst kann das nicht der Herr sein, sondern eine Art Würgengel, den Satan, wie man sich vorstellen kann, auf Klagen hin wider Jakob, bezüglich seines Bruders, senden durfte. Denkt man sich's ähnlich wie bei Hiob, so mag der Herr zu Satan gesagt haben: "Er sei in deiner Hand, wenn du seiner mächtig wirst." Uebermächtig aber konnte Satan werden, wenn Jakob im Glauben wankte, auf die ihm gewordenen Verheißungen nicht mehr baute, an der Hilfe des Herrn wirklich verzagte. Da hätte es können, müssen wir denken, sein Tod sein. Aber Jakob kämpft fort, läßt sich nicht überwältigen, bleibt fest im Glauben an seinen und seines Vaters Gott, was auch an dem ersichtlich ist, daß er nachher um Segen bittet.
Wie er glaubt, steht ihm der Herr zur Seite, oder wiederum, wie sonst, verborgen der Engel des Herrn. So war in dem Kampf ein Doppeltes von Seiten der unsichtbaren Welt, eine Macht, die töten will, und eine Macht, die abwehrt. Weil Jakob im Glauben aushält und sich nicht überwunden gibt, bleibt zuletzt die abwehrende Macht allein auf dem Platze, und dann für Jakob sichtbar, statt der ersteren, die weicht, nachdem sie noch zur Letzte einen Tuck, so zu sagen, dem Jakob beigebracht hatte, ihm zur Erinnerung und Demütigung. Jakob fühlt's, daß der Herr oder Sein Engel da ist, und sagt nun: "Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn." Er soll von nun an Israel heißen, weil er mit Gott und Menschen gekämpft habe und obgelegen sei. Er hat mit Gott gekämpft, sofern er die Gnade Gottes herausringen mußte, und mit Menschen, sofern er die Abwehr des Rachedursts seines Bruders unter diesem Kampfe erringen sollte. Jakob will nun auch wissen, wer der sei, der mit ihm rede, soll's aber ohne Antwort wissen, und an dem Segen erkennen, den er offenbar als vom Herrn durch dessen Engel empfängt.
Auf diese Weise macht sich die Geschichte ungemein verständlich, anschaulich und belehrend. Auf sie beruft sich auch Hosea (12, 4. 5), wenn er sagt: "Jakob hat von allen Kräften mit Gott gekämpfet. Er kämpfte mit dem Engel und siegete; denn er weinte und bat Ihn." Hosea wollte die Ermahnung daran knüpfen: "So bekehre dich nun zu deinem Gott, halte Barmherzigkeit und Recht und hoffe stets auf deinen Gott." Jakob aber hieß die Stätte Pniel (Angesicht des Herrn), weil er da, wie er sagte, "Gott von Angesicht gesehen habe und seine Seele genesen sei." Der Gewinn vom Ganzen war, daß nun Esau's Rachelust all ihr Recht verlor, und durch verborgene Einwirkung Gottes zusammensank, so daß er nichts mehr bei der gleich darauf erfolgenden Begegnung wider Jakob vermochte. Uns aber ist, wenn wir's verstehen wollen, mit dieser Geschichte plastisch vor Augen gestellt, was je und je zur Erhörung unserer Gebete erforderlich ist, und wie sie erfolgt, wenn gleich für uns Alles unsichtbar vor sich geht. Ehe unsre Gebete erhört werden können, müssen wir je und je noch in's Gericht; und da geht es nicht immer leicht. Denn der Kampf, den eben Jakobs vorheriges brünstiges Gebet, wenn es erhört werden sollte, hervorrief, dauerte eine ganze Nacht fort. So kann's auch bei uns, eben wenn wir gebetet haben, zunächst noch dunkler werden, wie in einer Art Gericht. Aber der Glaube, der durch die Dunkelheit sich nicht verwirren und niederschlagen läßt, siegt, jetzt um so schneller und sicherer, weil Jesus, der große Sieger, mit uns ist.
85) Mosis Lebensgefahr.
(2 Mos. 4, 24-26.)
Angehängt an die vorige Frage: "Die Stelle 2 Mos. 4, 24-26 ist mir ganz unverständlich. Wie dankbar wäre ich für eine Beleuchtung derselben!"
Antwort: Die Stelle frappiert, weil eben erst Mose berufen und schon auf dem Wege nach Ägypten war. Die Stelle lautet:
v. 24. "Und als er unterwegen in der Herberge war, kam ihm der Herr entgegen, und wollte ihn töten." - v. 25. "Da nahm Zipora einen Stein, und beschnitte ihrem Sohne die Vorhaut, und rührete ihm seine Füße an, und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam." - v. 26. "Da ließ Er von ihm ab. Sie sprach aber Blutbräutigam, um der Beschneidung willen."
Wir sehen, daß Mosis Sohn, jedenfalls kein Kind mehr (s. 2 Mos. 2, 22), noch nicht beschnitten war. Nun sollte Mose dem Pharao das Volk Israel als Gottes erstgebornen Sohn bezeichnen, wie eben vorher gesagt wurde (v. 22. 23). Damit ist auf den Beschneidungsbund hingewiesen, durch welchen das Volk Eigentumsvolk Gottes wurde, das erste, darum erstgeborne Volk unter den Völkern der Erde. Nun war's doch nicht im Rechten, daß Mose selbst mit einem unbeschnittenen Sohne in Ägypten vortrat. Der Herr hatte auch ausdrücklich gedroht (1 Mos. 17, 14), daß jedes unbeschnittene Knäblein im Volk sollte ausgerottet werden, darum, daß es den Bund Gottes unterlassen habe.
Wahrscheinlich war Zipora, Mose's Weib, wider die Beschneidung gewesen; und weil Mose nicht mit Gewalt durchfahren wollte, blieb es, wie es war. Jetzt aber will der Herr den Mose selbst darum töten. Mose hätte wohl vor seiner Abreise aus Midian von selbst daran denken sollen, daß er mit einem unbeschnittenen Sohn nicht hätte unter Israel gehen können, ohne Mißtrauen zu erwecken. Vielleicht dachte er daran; aber Zipora will sich immer noch nicht dazu verstehen. Nun gibt's einen Konflikt mit dem Herrn selbst, der nie als an einen Menschen gebunden sich zu erkennen geben kann, wenn Er diesen auch zum Wichtigsten ausersehen hatte, dazu ein Anderer nicht so bald gefunden war. Seine Knechte müssen unsträflich vor Ihm stehen, und dürfen nie um deswillen, was sie sind, sich freier denken, gegenüber von Satzungen Gottes. Wir können nun auch an eine Anklage Satans denken, welche der Herr gerecht finden mußte; und wenn es heißt, der Herr wolle ihn töten, dürfen wir wohl es so nehmen, daß es ein Satansengel war mit Zulassung des Herrn, weil im Alten Testamente auch bei Zulassungen nicht Satan, sondern der Herr als der Handelnde genommen wird.
Mose wurde denn etwa mit einer tödlichen Krankheit geschlagen. Der Zipora gehen die Augen auf, und schnell vollzieht sie selbst die Beschneidung (vergl. 1 Makk. 1, 63; 2 Makk. 6, 10). Den Mose aber nennt sie nun ihren Blutbräutigam, sofern ihr Ehebund nun durch das Blut des Sohnes besiegelt erscheint, auf welches hin er auch hätte geschlossen werden sollen. Dann aber war die Sache bereinigt, auch die Klage wider Mose beseitigt.






































































III. Fragen.
86) Gottes Erbarmen allein.
nach Röm. 9, 14-18.
(Erster Abschnitt.)
Frage: "Einige Leserinnen Ihrer Blätter bitten Sie freundlich um Auslegung der Stelle Röm. 9, 14-18. Wenn es in dem Ratschluß Gottes bestimmt ist, welche selig werden sollen, so wäre doch die Fürbitte und jegliches Ringen zwecklos."
Antwort. Vor Allem muß ich die Leserinnen bitten, doch ja nicht die Stelle nur gleich in andere Worte zu fassen, als die da stehen; denn damit verwirrt man sich alsbald in so hohem Grade, daß man allen gesunden Blick auf's Wort geradezu verliert und zum eigentlichen Verständnis der Stelle keine Sinne mehr hat. Wo steht denn etwas von einem bestimmten Ratschluß Gottes, wer selig werden solle, und wer nicht? und ist nicht am Schluß es genügend angezeigt (v. 30 bis 33), daß das Seligwerden ganz nur vom Glauben abhängt, und nicht von einem ewigen Vorsatz Gottes, von dem gar nicht die Rede ist, wenn Paulus das Resultat von seinem Gesagten, dasselbe mit den Worten: "Was wollen wir nun hie sagen?" einleitend, zusammenfaßt? Also nur alle vorgefaßten Gedanken weg, so werden wir mit der Stelle schon zurechtkommen. Ich sage übrigens, ehe ich an die Stelle selbst komme, Etliches voraus.
Das ganze Kapitel (Röm. 9) ist für Judenchristen geschrieben, welche darüber Schmerz empfanden, daß so viele ihrer Brüder nach dem Fleisch keinen Anteil am Evangelium und am Reiche Gottes hatten, wie offen am Tage lag. Für Israel sollte doch der Messias kommen; nun sei Er da, denken sie, aber gerade für Israel so gut als nicht, wenigstens nicht für die Mehrzahl derselben, weil sie nicht zu Ihm im Glauben herzunahten. Denn sie glauben ja nicht an die durch Ihn gekommene Gerechtigkeit, und hoffen mehr auf ihre eigene Gerechtigkeit, die sie vom Halten des Gesetzes sich versprechen. Daraus folgt, daß sie keinen Heiland haben, also bisher für sich umsonst auf einen solchen gehofft haben. Die bloße Tatsache nun, daß es so ging, konnte die Judenchristen nicht nur schmerzen, sondern auch irre machen. Denn es konnte den Anschein haben, daß die Verheißung an Israel eigentlich so nicht erfüllt sei.
Ist denn aber nun das, daß es ging, wie es ging, so rätselhaft und unerklärlich, daß man sich gar nicht anders zu helfen weiß, als zu einem bestimmten Ratschluß Gottes seine Zuflucht zu nehmen, nach welchem Gott von Ewigkeit festsetzte, wer selig werden solle oder nicht? Sie haben einmal nicht geglaubt, wie Paulus am Schluß sagt, und blieben darum ferne von Christo. Warum haben sie nicht geglaubt? Haben wir, frage ich, auf diese Frage keine andere Antwort, als die, weil Gott schon von Ewigkeit her gewollt hat, daß sie nicht glauben und selig würden? Wir sollten's doch merken, wie gezwungen ein Hereinbringen solcher Gedanken wäre, auch von Seiten Pauli, der ja zu allerletzt (Röm. 11, 26) sagt, daß das ganze Israel noch werde selig werden? Mag nun Paulus im Weiteren reden, wie er will, so kann man das mit Bestimmtheit voraus sich denken, daß er so nicht reden könne, wie jene Anhänger der Lehre von der Vorherbestimmung meinen, daß die Stellen auszulegen seien. Denn eben hier käme diese Lehre ganz quer herein, da doch zuletzt Paulus nur vom Unglauben der Juden, nicht von einem Ratschluß Gottes redet, um dessen willen die Juden ferne geblieben seien. Ich sage das hier voraus, damit man ja recht Acht darauf habe, wie Paulus Alles meine, und damit man nicht durch den mißverstandenen äußeren Wortlaut sich zu falschen Auffassungen, Gedanken und Lehren hintreiben lasse.
Paulus, nachdem er gesagt hatte (v. 1-3), wie sehr er selbst von Schmerz erfüllt sei, daß die Mehrzahl Israels ferne von Christo sei, oder des Verheißenen verlustig gehe, will hauptsächlich dartun, daß darunter Gottes Wort und Verheißung nicht leide (v. 6), weil es schon in der Anfangsgeschichte des Volkes Gottes vorbildlich angezeigt sei, wie nicht Alle Israeliter seien, die von Israel sind, so daß man das, wenn Viele ausfallen, nicht bedenklich nehmen dürfe. Schon nicht Alle, die von Abrahams Samen waren, standen in gleicher Bevorzugung vor andern Menschen; sondern Gott wollte nach Seinem Gutdünken zum irdischen Volke Gottes, dem Erstling unter den Völkern, die Einen kommen lassen, die Andern nicht. Abraham hatte außer Isaak noch viele Kinder, nicht nur den Ismael, sondern auch sechs Söhne von Ketura, seinem zweiten Weibe. "Aber nur in Isaak", hieß es, "soll dir dein Same genennet sein" (v. 7). Mit den andern ging's den Weg, wie mit den übrigen Menschen, nicht als ob sie des Ausschlusses wegen sollten verworfen oder gar der Seligkeit beraubt sein, sondern nur daß sie an dem äußeren Vorzug, unter Gottes unmittelbarer Leitung zu stehen, nicht Teil haben sollten, wie das die Sorge für das Volk selbst, das nicht zu viele besondere Bestandteile haben durste, erforderte.
"In Isaak", hatte Gott gesagt, "soll dir dein Same genannt sein", "das ist", sagt Paulus dazu (v. 7), oder "das bedeutet vorbildlich, daß nicht das Gottes Kinder sind, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung", die nach der Verheißung geborenen Kinder, "werden für Samen gerechnet." Die Andern galten als natürliche Menschen, als Heiden, die auf die zukünftige Erlösung durch Christum warten müssen, wie andere Völker, wie im Grunde auch die, welche zum Volke Gottes kommen, weil diese damit noch nicht auch Kinder der Seligkeit geworden sind. Zwar hatten diese viel voraus (v. 4); aber bei ihrem Unvermögen, die Gebote Gottes zu halten, und bei der Unzulänglichkeit der Opfer zur vollen Vergebung der Sünden, hatten auch sie für das eigentliche ewige Leben, für die Seligkeit jenseits, auf den Erlöser zu warten, wie alle anderen Menschen (vergl. Röm. 3, 25).
Noch auffallender war das, was von Jakob und Esau erzählt wird. Beide waren von gleichen Eltern, dazu Zwillingsbrüder; und doch gefiel es Gott, nur den Einen den Stammvater des nun aufkommenden Gottesvolkes werden zu lassen, den Andern nicht, den vielmehr von diesem Volke auszuschließen. Da hat Gott noch deutlicher gezeigt, daß auch in Zukunft nie Alle, die in's Volk Gottes hereingeboren würden, so angesehen werden dürften, als müßte man sie auch im kommenden Reiche Gottes durch Christum ebenso eingebürgert erwarten, sei's auch, wie im Schlepptau nachgezogen. Die bloße Abstammung konnte nicht geltend gemacht werden für den Eintritt in das geistliche Gottesreich. Da gilt nur, was jeder für sich im Glauben ist; und der, dem's da fehlt, seien's denn noch so Viele, fällt aus. Darüber aber darf sich Niemand verwundern und entsetzen, als ob Gott damit, daß diese fehlen, Seiner Verheißung untreu geworden sei.
Wollte man dann etwa sagen, der Herr werde wenigstens die ansehen, die in den Rechten und Geboten wandelten und als fromm vor Gott sich darstellten, so hat auch das schon Gott damit als ungültig dargestellt, daß Er zwischen Jakob und Esau entschied, da sie noch in Mutterleibe waren, also weder Gutes noch Böses getan hatten. Gott wählte den Jakob ganz frei, und wollte nicht, daß man glaube, seine eigene Gerechtigkeit sei's, die Gott angesehen hätte, damit man diese auch nicht bei der Aufnahme in's zukünftige Reich Gottes voraussetze. Denn Gott hatte zum Vorbilde den Kleineren, d. h. den Zweitgebornen, dem Größeren, d. h. dem Erstgebornen, vorgezogen, ehe Er Beider Werke und Gerechtigkeit in Anschlag bringen konnte. Eigene Gerechtigkeit, will also Paulus sagen, wird von Gott gar nicht angeschlagen; und wenn sonst fromme Israeliten, auf ihre eigene Gerechtigkeit hinsehend, fern von Christo bleiben, so darf man sich nicht verwundern, wenn sie ausfallen; denn nicht "nach Verdienst der Werke", sondern "aus Gnaden des Berufers", (v. 12) geht's, wie Gott es vorbildlich bei den Zwillingskindern angedeutet hatte. Aus Gnaden soll's gehen; das ist der Vorsatz Gottes, nach welchem Er zum Reiche Gottes erwählt (v. 11). Aus Gnaden aber geht's, muß man hinzudenken, wenn man glaubt und durch den Glauben dem die Hand bietet, der aus Gnaden aufnehmen will.
Gott hat also den Jakob geliebt, d h. zu Seinem Volke werden lassen, aus Gnaden, den Glaubenskeim in ihm, können wir wohl hereindenken, der später aufging, ansehend, und den Esau gehasset, d. h. nicht zu Seinem Volke kommen lassen, als hassete Er ihn, in ihm den Glaubenskeim, den Jakob in sich hatte, vermissend. Aber durch die Aufnahme ist vorerst weder Jakob ein Kind der Seligkeit, noch Esau durch Nichtaufnahme ein Kind der Verdammnis geworden; denn jener mußte, wie dieser, auf den eigentlichen Erlöser, den großen Abrahamssamen, Christum, warten, und hatte nur den Vorzug, in solcher Hoffnung durch fortgesetzte Verheißungen, die er und seine Nachkommen bekamen, genährt zu werden, wie Esau nicht direkt. Was aber dem Jakob etwa durch den Glauben an den zukünftigen Erlöser Gutes wurde, hätte Esau, wenn er glaubte, ebenso gut haben können, wie sein Stamm später, bei der Rückkehr Israels aus Ägypten, von Israel rücksichtsvoll behandelt wurde (vergl. auch 5 Mos. 23, 7). Wie es nun mit Allem sei, so sah Paulus in dem Ausschluß Esau's ein weissagendes Vorbild von dem, wie es beim zukünftigen Gottesreiche gehen werde, wie er in der Geschichte des Alten Testaments, namentlich der Patriarchen, häufig Vorbilder sieht auf Christum und Sein Reich.
Die Tatsache also, daß so viele Juden von Christi Reich ausgeschlossen sich zeigen, darf nicht befremden als etwas, das gegen die Verheißung wäre. Denn Gott hat in der Vorzeit Seine Wahl darauf eingerichtet, zu erkennen zu geben, daß Niemand auf die Abstammung oder auf eigene Gerechtigkeit bauen dürfe, als ob Gott um deren willen Alle, auch im Neuen Bunde, um es noch einmal zu sagen, gleichsam im Schlepptau nachziehen werde, wie es im Grunde im Alten Bunde gewesen war, daß vielmehr gerade die, die solch falsches Vertrauen haben, würden ausgeschlossen sein, aber nur, weil sie sich durch Unglauben selbst ausschließen, wie das bei dem geistlichen Gottesreiche begreiflich ist. Wenn aber Gott zum irdischen Gottesstaate bei Isaak und bei Jakob frei wählte, auch um vorbildliche Fingerzeige zu geben, worauf es im Neuen Bunde nicht ankomme, so folgt daraus nicht, daß auch bezüglich der Teilnahme am Neuen Bunde eine freie Wahl Statt finde, außer der nach dem Glauben; und eine wahre Verdrehung des Worts ist's, von jener Wahl auf eine besondere Erwählung und Vorausbestimmung zur Seligkeit zu schließen. Im Neuen Bunde will Gott nur Glauben an Christum, der aus Gnaden selig macht. Wer nicht glaubt, schließt sich selbst aus; wer aber glaubt, überkommt die Gerechtigkeit Christi. Das freilich, daß es so sein solle, kann auch Wahl und Vorsatz Gottes genannt werden. Sonst ist die geringe Beteiligung der Juden an Christo, wie sie sein werde, auch durch Propheten ausdrücklich vorausgesagt; wie Paulus später es anzeigt (v. 25-29), daß man also um so weniger sich wundern kann, daß es ging, wie es ging.
Die Besprechung der in der Frage angegebenen Stelle das nächste Mal.
87) Gottes Erbarmen allein.
nach Röm. 9, 14-18.
(Zweiter Abschnitt.)
Um Alles recht klar vor Augen zu legen, sage ich noch Weiteres voraus, ehe ich die angeführte Stelle (Röm. 9, 14-18) bespreche.
Paulus hatte (v. 13) angeführt, wie der Herr im Propheten Maleachi (1, 2. 3) gesagt hat: "Jakob habe ich geliebet, aber Esau habe ich gehasset." Wie das zu verstehen sei, ist oben schon gesagt worden, daß es sich nämlich darum handelte, durch wen zum vorläufigen Gottesstaate Grund gelegt werden sollte. Beide Söhne, müssen wir hereindenken, konnte der Herr nicht brauchen. Denn ein einheitlicher Staat läßt sich leichter aus zwölf Stammvätern, wie sie durch Jakob kamen, als aus zweien bilden. Jeder der Brüder hatte einen bestimmten und entschiedenen Grundcharacter, der je seiner besonderen Entwicklung bedurfte. Zusammen in Einem hätten sie sich nicht vertragen. Da hat denn der Herr nur den Einen genommen, den Andern nicht, und zwar aus freier Wahl. Weil aber der Eine, den Er erwählte, dadurch besondere Vorrechte bekam, bezüglich der Bezeigung und Leitung und Offenbarung Gottes, weil mit einem Worte der Herr mit dem Erwählten und seinen Nachkommen in einen persönlichen Verkehr kam, den der Andere nicht hatte, so war's so, als ob Jakob der Geliebte, Esau der Gehaßte gewesen wäre, ohne daß der Herr einen Grund dazu zu erkennen gab. Es konnte um so mehr auffallen, als Beide Zwillingsbrüder waren, dazu noch Esau als der Erstgeborne erschien. Indessen war es für Esau, daß ich so sage, weniger wehtuend, weil der Herr sich entschied, so lange sie noch in Mutterleib waren. Ansprechen, was immer besonders in's Auge zu fassen ist, konnte ein besonderes Annehmen Gottes ohnehin Keiner, weil der Eine, wie der Andere zu dem Menschengeschlechte gehörte, das noch ferne, als noch unversühnt, von Gott stand.
An Gnaden übrigens ließ es Gott auch dem Esau nicht fehlen, zum Zeichen, daß Er nichts Besonderes gegen Esau hatte, und Esau kein Verwerfungsurteil darin sehen sollte, daß er nicht zum Gleichen mit Jakob kam. Die Geschichte zeigt es, daß der Herr auch für Esau, doch nur um Abrahams willen, daß ich so sage, Liebesempfindungen hatte. Vorerst segnete Er ihn mit Habe und Gütern in so hohem Grade, als den Jakob, so daß Beide schon darum nicht bei einander bleiben konnten, weil das Land sie nicht vertragen mochte (1 Mos. 36, 6. 7). Esau machte sich dann auf das Gebirge Seir, wo die Edomiter, seine Nachkommen, ein mächtiges Volk wurden. Sorgfältig wird auch sein Geschlechtsregister aufgeführt (1 Mos. 36); und viele Fürsten und Könige, die von ihm kamen, werden genannt. Daß er auch einen Zug zu seinen Eltern gehabt hatte, ist aus dem ersichtlich, daß er ihnen zu lieb den Fehler, kananitische Weiber genommen zu haben, damit wieder gut zu machen suchte, daß er von Ismael, dem Sohne Abrahams, eine Tochter heimholte (28, 9). Und wie weinte er um den verlorenen Segen! Im Gebirge Seir, südöstlich von Kanaan, unterhalb des toten Meeres, hatten seine Nachkommen feste Wohnsitze. Als nun die Israeliten von der Wüste hereinzogen, und, um nach jenseits vom Jordan zu kommen, um das tote Meer herum, also durch das Land der Edomiter, kommen sollten, wurde ihnen ausdrücklich und scharf geboten, die Edomiter, weil, hieß es, "Edom dein Bruder ist", zu schonen, und sie, als sie mit bewaffneter Hand den Durchgang wehren wollten, auf Umwegen zu umgehen (4 Mos. 20, 14-22; 21, 4). Obwohl ferner die Edomiter, wie andere Völker, Heiden waren und Götzendiener, hat doch der Herr dem Volk Israel befohlen, sie nicht für Greuel zu halten, also vorkommenden Falls in die Gemeine des Herrn kommen zu lassen (5 Mos. 23, 7). Hätten sie sich reiner gehalten und freundlicher zu Israel gestellt, so wären sie mit Israel fast wie Eins gewesen. Zur Zeit Christi war das auch gewissermaßen, da sogar der König Herodes seinem Geschlecht nach ein Edomiter war. Wenn wir Alles erwägen, so ist man doch ganz und gar nicht berechtigt dazu, den Jakob um jener Erwählung willen, als den Repräsentanten derer zu nehmen, die nach einem ewigen Ratschluß Gottes zur Seligkeit erwählt seien, und den Esau als den Repräsentanten derer, die nach dem Ratschluß Gottes der Seligkeit verlustig werden sollten. Offenbar hat eben Gott nach Seinem Rat, ohne ein Absehen auf die Seligkeit zu haben, nur den Einen zum Stammvater brauchen können und dazu den Jakob erwählt, um nicht von vorn herein Zwietracht in den Gottesstaat hereinzusäen. Zum ewigen Leben sind aber alle Menschen, auch die Heiden, berufen. Nur konnte der Herr nicht mit Allen zumal Grund legen zu der zukünftigen Erlösung Aller. Sonst hören wir jetzt, wie sich Paulus weiter erklärt.
Indem sich's vor Augen ansah, als ob Gott ungerecht gewesen sei, sagt Paulus fragend und erklärend:
v. 14. "Was wollen wir denn hie sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!" - v. 15. "Denn Er spricht zu Mose: Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich."
Direkt gibt Paulus keinen Grund an, warum man das Verhalten Gottes gegen Esau nicht ungerecht nennen könne; sondern er führt noch eine weitere Stelle (2 Mos. 33, 19) an, in welcher die Antwort liegen soll. Da versprach Gott dem Mose, daß Er Seine Güte wolle vor seinem (des Mosis) Angesicht her gehen lassen und vor ihm von Seinem Namen predigen, und setzte hinzu: "Wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich." Damit will Gott zu Mose sagen: "Verdient hast du's nicht, daß ich mich so weit zu dir herablasse. Es ist das freie Gnade und Erbarmen, daß ich dir's tue." Also auch selbst Moses, der menschlich gesprochen an Verdienst denken konnte, muß es als eine freie Gnade Gottes ansehen, daß Gott Sein Angesicht an ihm vorübergehen läßt. Gott ist's ihm nicht schuldig; aber gnädig kann Er ja sein, wenn Er will, ohne daß Andere, denen Er's nicht in der Art ist, es ungerecht finden dürfen, daß Er's nicht auch ihnen ist. Denn wird Jemand damals in Israel gesagt haben, Gott handle ungerecht, daß Er's nur dem Mose schenkte, und nicht auch Andern? Oder wird sich Jemand um das verkürzt gefühlt haben, daß nur Moses, und nicht auch er habe dem Herrn nachsehen dürfen? Oder durfte Jemand sagen: "Kein Wunder, daß es Mose erlangt hat?" Ja, so konnten selbstgefällige Juden denken; aber der Herr will gerade hiegegen sprechen. Vor Ihm ist auch Mose Sünder, dem nur aus Gnaden wird, was Gott ihm gibt.
Wenn sich's also um eine Gnade handelt, die möglicherweise Jemanden zukommen soll, so hört aller Begriff der Ungerechtigkeit auf, wenn sie etwa nur vereinzelt erteilt wird. Gnade kann doch nicht in dem Augenblick, da sie erzeigt wird, Verpflichtung werden für Gott. Wenn also Gott dem Jakob, der vor Gott ein Sünder ist, wie Esau, aus freier Gnade die Vergünstigung zukommen läßt, soll denn Gott die Verpflichtung haben, dieselbe Vergünstigung auch dem andern Bruder zukommen zu lassen? Wir sehen aber, daß es sich hier um eine Vergünstigung handelte, nicht um das ewige Leben oder um die Seligkeit. Wie verkehrt also, wenn man aus dem Spruche: "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig", einen Lehrsatz entnehmen will und sagen: "Da sieht man's, daß Gott nach freier Wahl, oder nach Vorsatz und Willkür selig macht." Ist doch Gott der, der "will, daß allen Menschen geholfen werde", der, der "nicht will, daß Jemand verloren gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße kehre", der, "der sich aller Seiner Werke erbarmt" (Ps. 145, 9). So reden Propheten und Apostel aus Auftrag des Herrn; und nun soll hier der Herr sagen: "Ich bin nur gnädig zur Seligkeit dem, dem ich will, und erbarme mich mit Erlösung von Tod und Verdammnis nur dessen, dessen ich will?" Man sieht offenbar, daß der Spruch nur seine Beziehung hat auf den Unterschied, den Gott zwischen Jakob und Esau machte bezüglich der Aufnahme in den Anfang des vorläufigen Gottesstaats, und also Gott in dem Spruch nur sagen will, daß Er über das Niemanden Rechenschaft schuldig sei.
Genau genommen, konnte man schon bei Mose etwas sagen, das Gott ansah, da ihn ja Gott den Treuesten in Seinem Hause nannte (4 Mos. 12, 7), auch bei Jakob, und zwar etwas, das wirklich vor Gott gilt, das aber hier als selbstverständlich vorausgesetzt und absichtlich nicht angeführt wird, damit die Gnade als eine ganz freie erscheine. Moses nämlich hat geglaubt, Jakob hat auch den Glaubenskeim in sich gehabt; und um dieses Glaubens willen hat Gott eine Vergünstigung geben können. Aber auch so ist's freie Gnade. Denn neben Mose glaubten noch Viele; und weder von Ismael noch von Esau hat Paulus sagen mögen, sie hätten nicht geglaubt und seien darum ausgeschieden worden; denn auch von Esau wissen wir, daß er wenigstens nicht ganz fern vom Glauben stand, wenn er doch um den Segen weinte, den Jakob weg hatte. Aber es handelte sich ja nicht um die Seligkeit, sondern um einen äußeren Vorzug; und hierin wollte Gott ganz frei sein. Wo freilich gar kein Glauben ist, kann Gott diesen Vorzug nicht geben; aber auch wenn Er's einem Glaubenden tut, ist Er noch nicht verpflichtet, Vorzüge, welche diesem zukommen, auch Allen zukommen zu lassen.
Daß wir's zusammenfassen, so will Paulus eigentlich Gott selbst rechtfertigen, darüber, daß Er vorerst nur den Isaak, und hernach nur den Jakob zu dem vorläufigen Gottesstaate erwählte, weil eigenliebige Juden seiner Zeit, welche Alles auf ihre Abstammung hielten, meinen konnten, das hätte eigentlich nicht sein sollen, und sei ungerecht von Gott gewesen, den Einen zu nehmen und den Andern nicht, weil sie ja ebenbürtig waren. Die Tatsache der Erwählung selbst aber nimmt Paulus wieder vorbildlich, daß man sich nicht wundern dürfe, wenn einmal nicht Alles, was von Abraham, und was von Israel abstamme, zum Reiche Gottes kommen werde, weil ja schon im Anfang nicht Alles dazu kam. Paulus erwähnt sodann auch der freien Gnade, und daß in jener Sache Gnade und Erbarmen ohne Verdienst der Werke erteilt worden sei, um die wichtige Folge daraus zu ziehen, daß man auch vom kommenden Messias nicht solle nach der Abstammung und nicht nach Verdienst der Werke angenommen werden, sondern aus Gnaden. Die Gnade aber wirft der weg, der nicht glaubt, und nicht durch Glauben die Gerechtigkeit Christi an sich zieht. Man darf also die Worte Pauli nicht so nehmen, als sagte Gott: "Wem ich gnädig bin, ob er glaube oder nicht glaube, dem bin ich gnädig", auch nicht, als hieße es: "Wem ich gnädig bin, daß ich ihm Glauben schenke, dem bin ich gnädig, daß ich ihn ihm schenke." Der Sinn der Worte, wenn man ihn auf's Evangelium anwenden will, ist vielmehr der: "Ich nehme nur den an, der glaubt: und wer darüber unzufrieden ist, zu dem sage ich: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, des erbarme ich mich. Habe ich mir vorgenommen, für die Seligkeit dem gnädig zu sein, der glaubt, was schuldigest du, der du nicht glaubst, mich, als ob ich ungerecht wäre, wenn ich dir nicht gnädig bin, trotz deiner Abstammung und trotz deiner eigenen Gerechtigkeit." Indessen ist, wie oft bemerkt, bei Mose und Paulus zunächst nur von einer Gnade zu etwas Besonderem, nicht zur Seligkeit die Rede.
Weiteres das nächste Mal.
88) Gottes Erbarmen allein.
nach Röm. 9, 14-18.
(Dritter und letzter Abschnitt.)
Wir haben gesehen, daß die Worte (v. 15): "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig," etc., nur auf eine äußere Bevorzugung gehen, welche Gott nach freier Wahl den Einen zukommen läßt, den Andern nicht. Auf die ewige Seligkeit haben sie direkt gar keine Beziehung. Sie wollen nur an die Tatsache erinnern, daß nicht alle Ebenbürtigen äußerlich zu Gleichem kamen, und wollen vorbildlich anzeigen, daß eine Beteiligung aller Juden an Christo und Seinem Reiche, obgleich sie nicht verwehrt war, nicht ohne Weiteres vorausgesetzt werden, man sich also nicht verwundern dürfe, wenn Viele, jedoch nur aus eigener Schuld, ausgefallen sind. Sonst aber liegt vorbildlich auch in jener Wahl der Grundsatz, nach welchem der Eintritt ins Reich Christi geschehe. Wer nach diesem Grundsatz Christo sich unterwirft, der wird ein Kind Gottes in der Seligkeit, nicht nach einer persönlichen Auswahl, die Gott von Ewigkeit getroffen hat, sondern nach dem Erbarmen Gottes, das allein gilt im Himmelreich, und das durch den Glauben erfaßt wird. Darum sagt Paulus weiter:
v. 16. "So liegt es nun nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen."
Mit diesen Worten will nun Paulus sagen, was zum Eingang in's Reich Christi führe. Es liegt nicht an Jemandes Wollen, womit darauf Bezug genommen wird, daß Jemand einfach nur um seiner Abstammung willen von Gott für Sein Reich will angesehen werden. Auch liegt es nicht an Jemandes Laufen, womit auf die eigene Gerechtigkeit hingedeutet wird, welche Jemand bei einem etwaigen Gottesreiche als Verdienst mitbringen möchte. Vielmehr liegt es einzig an Gottes Erbarmen. Wer in's Himmelreich kommen will, erlangt's nur durch Erbarmen, nicht durch Abstammung, und nicht durch eigene Gerechtigkeit. Denn in jenem Fall wäre es eine Anmaßung, die Jemand machte, daß es kein Erbarmen Gottes mehr wäre; und in diesem Fall wäre es ein Verdienst, also abermals nicht das Erbarmen Gottes, das den Eintritt in's Reich Christi sicherte. Das Erbarmen aber wendet sich dahin, wo Glauben ist, und nichts als Glauben. Der Glaube ist kein natürliches Wollen der Anmaßung, und ist auch kein natürliches Laufen, sondern die Hand, die das Erbarmen ergreift.
Wenn also jene Leserinnen, welche die Frage aufgeworfen haben, sagen: "Wenn es in dem Ratschluß Gottes bestimmt ist, welche selig werden sollen, so wäre doch die Fürbitte und jegliches Ringen zwecklos," so sagt's der Spruch (v. 16), auf den sie sich beziehen, anders, als wie sie's von andern Erklärern gehört haben. Derselbe weist nur Anmaßung und Verdienst ab. Aber ein Wollen des Glaubens und ein Laufen des Glaubens ist doch erforderlich, um zu dem Erbarmen, das aus lauter Gnaden selig macht, zu kommen. Du darfst wollen und sagen: "Herr, mache mich selig aus Gnade und Erbarmen;" und du darfst laufen und Jesu im Glauben nachgehen, der ja selbst sagt: "Kommet her zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen", wie Er auch zu Jerusalem sagt: "Aber ihr habt nicht gewollt." Wenn du so willst, und so läufst, so ist's doch nur Erbarmen, daß du's erlangst, und wirst nie sagen wollen: "Ich hab's verdient, weil ich will und laufe." Ja, der Glaube selbst, der das Erbarmen ergreift, ist ein Wollen und und ein Laufen, welches Paulus mit seinem Spruch nicht ausschließen will. So kann man auch für einander beten, kann auch ringen, daß Gott gebe das Wollen und das Vollbringen; und Er gibt's und bietet's Allen an. Nur wer, wenn Er gibt, nicht will und nicht läuft, um es zu ergreifen, der versäumt seine Seligkeit.
Die Judenchristen also, welche Anteil am Reiche Christi erhielten, haben im Glauben gewollt, sind im Glauben gelaufen, Christi, und nicht ihre eigene Gerechtigkeit suchend, sind aus Gottes Erbarmen selig geworden. Andere Juden, die, wenn ein Messias käme, auf ein natürliches Wollen oder natürliches Laufen, d. h. auf Abstammung oder Verdienst sich verließen, sind ferne geblieben und stellen sich nun als Verstockte dar, wie Paulus sagt (Röm. 11, 25): "Blindheit ist eines Teils Israel widerfahren." So kommt nun Paulus darauf, auch von einer Verstockung zu reden, die denen, welche beharrlich dem Glauben widerstehen, widerfährt. Diese Verstockung ist allerdings der Art, daß die, welche dem Glauben widerstreben, zuletzt nicht mehr glauben können, alles Vermögen dazu verlieren, wie es allen den Juden widerfuhr, die in den ersten Zeiten dem Glauben an Christum widerstanden. Mitunter mochte es wohl sein, daß einzelne Juden, die nicht glaubten, nicht gleich auch verstockt wurden. Andere aber wurden verstockt, daß es nicht mehr mit ihnen ging. Dann konnte Einer sagen: "Ist denn Gott ungerecht, daß Er die Einen der Verstockung hingibt, die Andern nicht?" Solche Frage weist Paulus durch Hindeutung auf Pharao ab, indem er fortfährt:
v. 17. "Denn die Schrift sagt zu Pharao: Eben darum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen." - v. 18. "So erbarmet Er sich, welches Er will, und verstocket, welchen Er will."
Hier wird Pharao genommen als Einer, der beharrlich dem Willen Gottes widerstand; und ihm sind insofern die ungläubigen Juden gleich, als sie, wie er, sagten: "Wer ist der Herr, des Stimme ich gehorchen soll?" Es wird aber von ihm in der Geschichte 11 mal gesagt, er habe sich selbst verstockt oder verhärtet, und eben so oft, daß Gott ihn verstockt habe. Es ging also wiederholte Selbstverstockung bei ihm voraus, die zur Folge hatte, daß ihn Gott ganz der Verstockung durch Satans Macht hingab, nämlich die Israeliten nicht ziehen zu lassen, obwohl er sah, daß das sein Verderben sein würde. Seine Gesinnung war der Art, daß Gott ihn brauchen konnte zur Verherrlichung Seines Namens, indem Er an ihm alle Grade der Verstockung eintreten ließ, bis er sich selbst verderbt hatte. Israels nun, obwohl es auch ein sündiges Volk war, hat sich Gott erbarmt, sofern Er ihm unverdient durchhalf, ein vorläufiges Gottesvolk zu werden, womit es aber noch keineswegs ein Volk der Seligkeit geworden ist, aber Anlaß wurde zu seiner und aller Welt Erlösung, weil unter ihm Christus kommen sollte. Pharao's aber, der auch ein Mensch der Sünde war, hat Er sich nicht nur nicht zu ähnlichem erbarmt; sondern Er hat ihn auch verstockt, weil Er mit ihm, wie mit jedem Sünder, das Recht hatte, zu machen, was Er wollte. Er war ein Gefäß des Zorns, wie alle Menschen. Der Gefäße des Zorns aber kann Gott vorläufig zu höheren Zwecken äußerlich sich erbarmen; Er kann sie aber auch verstocken, wie Er will, wenn's Ihm, gleichfalls zu höheren Zwecken, dient. Zunächst sind Alle zugerichtet zur Verdammnis (v. 22), was erst mit Christo sich änderte, durch den auch wieder Alle zur Seligkeit berufen sind. Mit jener Verstockung ist also noch nicht auf die ewige Verdammnis gezielt; aber als zeitliche Strafe ist sie ein Vorbild der Verstockung der Juden, die so beharrlich Gotte wiederstrebten, wie Pharao, trotz ihrer Abstammung von Abraham. Gefäß des Zorns war Pharao so, wie so. Dennoch wurde er "mit großer Geduld getragen" (v. 22), da Gott ihn hätte vorher schon verderben können, und nun ihm auch noch eine Gnadenfrist ließ, die er hätte zu seiner Rettung benützen können. Er hat sie nicht benützt; und so erging's ihm, wie zunächst allen Heiden.
Israel nun, so weit es nicht glaubte, wurde auch verstockt, aber damit noch nicht der ewigen Verdammnis hingegeben; denn "ganz Israel soll ja noch selig werden". Die Verstockung kam auch nicht unverschuldet, sondern erst nachdem es hartnäckig den Glauben von sich gewiesen hatte. Von einer Vorausbestimmung, daß nach dem Willen Gottes die Einen sollten die Erlösten, die Andern die Verdammten sein, ist überall nicht die Rede. Sonst ist solche Verstockung, daß sie eintreten würde, auch durch die Propheten angezeigt, wie Paulus noch nachweist (v. 25 bis 29). Alles wurde mit den Juden, wie es wurde, darum, weil sie die Gerechtigkeit aus den Werken des Gesetzes suchten und so sich stießen an dem Stein des Anstoßens" (v. 31-33). "Gott aber hat sie Alle beschlossen unter den Unglauben, auf daß er sich Aller erbarme" (11, 32). - Über Letzteres s. 1874 Nr. 18-22.
89) Vom Beten für Verstorbene.
Ein Erstes.
Frage: "Ich bitte um Aufklärung über Neh. 9, 2. 3. Mir wurde es nämlich Bedürfnis, für meine Eltern und Voreltern zu beten. Brüder aber sagen, ich solle das unterlassen, weil ich mit jenen Geistern zu tun bekommen könnte. Da berief ich mich auf obige Stelle, von der sie aber nichts wissen wollen.
Die Leser haben's wohl gerne, wenn ich die Stelle hersetze. Sie lautet:
Nehem. 9, 2. "Und traten hin und bekannten ihre Sünde und ihrer Väter Missetat." - v. 3. "Und stunden auf an ihrer Stätte; und man las im Gesetzbuch des Herrn, ihres Gottes, viermal des Tags. Und sie bekannten und beteten an den Herrn, ihren Gott, viermal des Tags."
Antwort. "Du willst über Neh. 9, 2. 3 eine Erklärung wissen. Wenn sie dort ihrer Väter Missetat bekennen, so tun sie das um ihrer selbst willen, nicht um der Väter willen. Denn sie gehen davon aus, daß sie die Missetat ihrer Väter noch tragen müßten, wenn sie sie nicht erkenneten und bekenneten. Solches hatte in sofern einige Richtigkeit, als sie auch eigene Sünde zu bekennen hatten, welche der Missetat der Väter ähnlich war. Um den Fluch der Vorfahren von sich abzuwenden, bekennen sie, daß sie es einsehen, wie Unrecht die Väter getan hätten, und wie sie es ihnen also nicht mehr nachmachen wollten. Davon aber ist nicht die Rede, daß sie für die Väter beten wollten, ihrer Missetaten wegen. An das jenseitige Leben dachte man in jenen Zeiten gar nicht, weil der Heiland erst darüber näheren Aufschluß gab. Auch die Frommen, wie Hiskias (Jes. 38, 18), sahen düster an das Totenreich (die Hölle) hin. Denn man konnte ohne Jesum dort nicht in eine Seligkeit kommen, wenigstens nicht so, wie wir Christen sie hoffen."
"Sonst laß du nur das Beten für die Väter liegen; denn wir haben keine Schriftstelle dafür, daß es recht sei. Du weißst ja schon gar nicht, wie es mit den Verstorbenen steht; und das ist richtig, daß man sich durch solche Fürbitte dem schädlichen Einfluß der Totenwelt aussetzt. Denke Jedes vorerst an seine Sünde, daß die nicht möge mit hinübergehen; und dann haben wir für die Lebenden zu bitten. Damit aber werden wir so bald nicht fertig werden. Die Toten sind in der Hand des Herrn; und trösten wir uns dessen, daß der Name des Herrn ist (2 Mose 34, 6): "Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue."
Ein Zweites.
Aus einem Briefe. "Es hat bei uns viel Streit gegeben, daß Sie in Ihren Blättern sagen, es sei in der andern Welt noch eine Möglichkeit übrig zum Seligwerden, und das Beten und Mitleiden tue den Dämonen noch gut. Von einigen Brüdern wird Solches als eine Irrlehre angesehen, welche die Sündenleute auf die Ruhebank oder das Ruhekissen lege."
Antwort (nur hier): Wie ich zum Beten für Verstorbene stehe, habe ich im Vorigen schon gesagt. In meinen Blättern habe ich es nirgends gut geheißen. Um mich völliger zu erklären, so finde ich in der Schrift nichts davon, daß man für Verstorbene beten dürfe. Auch ein Petrus hat für einen Ananias und eine Sapphira, welche Beide als Sünder starben (Apost. 5, 1 ff.), nicht gebetet; und wer diese Geschichte liest, kann denken, diese Beiden mögen's bis heute noch nicht gut haben. Wenn ich Hoffnung habe, der Herr werde drüben Vieler sich noch erbarmen, so lehrt mich die Schrift nur das, daß solches Erbarmen, wenn es eintritt, erst am Ende, um die Zeit des Tages Christi, eintreten werde und könne. Eine Fürbitte für Verstorbene, wenn sie weiter geht, als die Liebe unmittelbar nach dem Sterben, oder auch noch am Grabe, zu tun sich gedrungen fühlt, ist unberechtigt, kann auch eine Wirkung zum Seligwerden nicht im Mindesten sich versprechen. Wer ohne Buße und ohne Glauben an den Herrn Jesum stirbt, für den kann ich keine andere Hoffnung haben, als daß sich möglicherweise der Heiland seiner an Seinem Tage erbarmen und ihn über das große Gericht hinüberführen könne. Wenn aber nach meinen besonderen Erfahrungen unter besonderen Verhältnissen etwa jetzt schon Befreiungen von gewissen satanischen Banden, namentlich, wenn diese ihren Grund in gebrauchten Sympathien und Zaubereien haben, über die man nicht Buße getan hat, möglich sind, so könnte das ein Zeichen sein, daß der Tag des Herrn nahe ist. Wenigstens glaube ich, daß es sonst nicht möglich ist.
Daß aber am Tage des Herrn Viele können dem großen Gerichte entrinnen, wenn sie auch bis dahin verschiedentlich gerichtet erscheinen, ist schon aus dem ersichtlich, daß der Heiland selbst in die Hölle hinabgestiegen ist, um die in der Sintflut Umgekommenen lebendig zu machen nach dem Geist, wie es heißt (1 Petr. 3, 18), daß überhaupt, wenn "der Herr bereit ist, zu richten die Lebendigen und die Toten, auch den Toten das Evangelium verkündigt wird" (1 Petr. 4, 5. 6). Wenn ferner auch denen von Sodom und Gomorrha es erträglicher ergehen wird am jüngsten Gerichte, als den Leuten zu Jesu Zeiten, so kann das nur heißen, daß sie leichter über das Gericht hinüberkommen werden, womit gesagt ist, daß für Beide die Möglichkeit einer Rettung offen steht. Wenn ferner Paulus sagt (Röm. 11, 32): "Gott hat sie Alle, nämlich die ungläubigen Juden, beschlossen unter den Unglauben, auf daß Er sich Aller erbarme," daß ferner "das ganze Israel selig werde" (v. 26), so sind doch auch die bis zum Eintreten der Erbarmung verstorbenen Juden mit gemeint. Sonst sagt der Herr auch von einer Sünde, welche weder in dieser noch in jener Welt vergeben werde, andeutend, daß dort auch noch Vergebungen Statt finden. Von dem ferner, welchen Paulus dem Satan übergab, sagt er, es geschehe zum Verderben des Fleisches, "auf daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu" (1 Kor. 5, 5). Bezüglich derer, welche wegen Mißbrauchs des heil. Abendmahls haben sterben müssen, und darum begreiflich nicht selig gestorben sind (1 Kor. 11, 30), sagt Paulus weiter, auch das sei, wie das Krankwerden, wohl ein Gericht, aber doch nur Züchtigung, nicht Verdammnis. Solche und andere Stellen geben Winke, die, wer will, beachten kann; und den einer Irrlehre beschuldigen, hat Niemand das Recht, der überhaupt das Wort Gottes noch gelten lassen will. Ob das nun eine Ruhebank oder ein Ruhekissen sei, geht mich nichts an. Denn ich darf ein Wort Gottes nicht darum mißachten oder verwerfen, weil mir's etwa vorkommt, es sei eine Ruhebank oder ein Ruhekissen.
90) Satan unter den Kindern Gottes.
Frage: "Mit welchem Recht durfte sich der Teufel in die Versammlung der Kinder Gottes hereinbegeben (Hiob 1, 6)? Wie durfte er, der von Gott Abgefallene, es wagen, in die Gegenwart des Herrn zu treten und mit Ihm zu reden, da doch sein ganzes Dichten und Trachten darauf ausgehet, den Heilsgedanken Gottes entgegenzuwirken?"
Antwort. Ungerne lasse ich mich in Erörterungen über Gegenstände ein, die in der Schrift selbst kein volles Licht haben. Denn leicht sagt man Unrechtes, oder setzt man Unsicheres fest, oder wird man mißverstanden und übel darum angesehen, weil eben unsre Zeit fast jede Beschäftigung mit der Lehre vom Teufel nicht leiden kann, und darum lieber ganz unberührt sehen möchte. Ich selbst bin auch der Meinung, daß man Vieles eben gerade so nehmen und gelten lassen sollte, wie es da steht, ohne viel daran herumzugrübeln; und weil in der Schrift, gewiß aus guten Gründen, vom Teufel eigentlich nirgends eingehend gesprochen wird, hat man einiges Recht, stiller über ihn zu sein und nur nach dem Maß der Schrift von ihm zu reden. Satan, wenn man ihn auch als den Repräsentanten alles Bösen und alles Übels nimmt, das in die Welt gekommen ist, bleibt immer insofern für uns eine untergeordnete Persönlichkeit, als er stets im Versteck sein Wesen treibt, aus welchem ihn der Herr für uns nicht herauszieht, weil Er ihm schon nicht die Ehre antun will, etwas aus ihm zu machen, als fürchtete Er sich gar selber vor ihm. Es ist auch nie gut, ihn viel in den Mund zu nehmen. Mit ihm muß es ja auch einmal ein Ende nehmen; und das wird ebenso im Verborgenen geschehen, wie er mit seinem Wirken im Verborgenen sich gehalten hat. - Erlaubt ist es aber doch, über Stellen, die einmal geschrieben sind, zu denken und zu reden. Nur muß es bescheiden geschehen und soll es zu keinem Streit führen, den der Teufel nicht wert ist. Auch darf, was man aus einander setzt, keinen Anspruch auf allgemeine Anerkennung machen. - Wir lesen also:
Hiob 1, 6. "Es begab sich aber auf einen Tag, da die Kinder Gottes kamen und vor den Herrn traten, kam der Satan auch unter ihnen."
Hier ist Manches gesagt, darüber wir fragen möchten. Wer sind, kann man fragen, die Kinder Gottes? Was ist's mit dem Zusammentreten? Wie kommt's, daß auch Satan erscheint? Offenbar ist es so gegeben, als hätte Gott einen Rat gehalten mit den Ihm nächst stehenden Wesen, welche, als Ihm treu und anhänglich geblieben, Seine Kinder heißen. Gott will mit ihnen etwas beraten. Da könnte man versucht sein, mit Paulus (Röm. 11, 34) zu fragen: "Wer hat des Herrn Sinn erkannt? oder wer ist Sein Ratgeber gewesen?" Sollte Er nicht für sich allein zurechtkommen in dem, was Er tun will? So fragen wir. Wir können aber leicht denken, daß Gott die Gesinnung und das Interesse Seiner Kinder prüfen oder anregen will. In dem, was Er tun will, sollten Seine Kinder Eins mit Ihm sein; denn die sollten ja nicht sein und sind nicht Seine Sklaven oder Puppen. Den Wesen mit Seinem Odem läßt Er Freiheit. Er läßt ihnen die Freude, etwas gleichsam mit Ihm auszumachen, ehe Er's tut. Sie sollten auch einen Blick in Sein Tun bekommen, daß sie's verstehen, was Er meint mit Seinem Tun. Wenn sich's denn um die Menschen handelte, so war gegen diese die Stimmung im Himmel, wie wir merken können, eine geteilte; und das, was wir Neid nennen, hatte am Meisten Gedanken des Abfalls geweckt. Sonst müssen wir es uns auch ein wenig vorstellen, in welch väterlichem, daß ich so sage, heimeligem Verhältnisse Gott zu Seinen Kindern stehen will. Welche Wonnen und Freuden warten unser doch einmal, wenn wir in Seine Gegenwart und Gemeinschaft gekommen sind? Alles geht nun freilich hier nach menschlichen Vorstellungen. Wir werden aber einmal erkennen, daß diese Menschlichkeiten auch göttlich sind, oder daß auch unser Menschliches, wenn es ächt ist, ein Recht hat in der Gegenwart Gottes.
Diesmal nun kommt Satan dazu. Da muß man sich aber nicht denken, daß dieser in einer offenbaren Opposition gegen Gott stand. Unzufriedenheiten waren wohl in ihm. Aber er war noch nicht ausgeschlossen vom Kreise der Kinder Gottes, und durfte namentlich als Verkläger der Menschen, gegen die er's hatte, da erscheinen. @ höher er nach der Güte Gottes stand seinem Wesen nach, desto langsamer ging der Herr Seinen Weg mit ihm. Man muß es vergleichen mit Kindern unsrer Familien. Ein böses und ungehorsam werdendes Kind wird nicht so schnell ausgestoßen. Wir haben Geduld, und so hat Gott auch Geduld. Hatte Satan namentlich Recht in seinen Anklagen gegen die Menschen, so fiel's zunächst auf diese; und dies ging so fort, bis sich's mit dem Menschensohne Jesu änderte. Es muß bei Gott Alles auf dem Wege des Rechts und der Gerechtigkeit gehen; denn mit bloßer Allmacht nur gleich dreinfahren, wäre Gottes nicht würdig, Wesen gegenüber, denen Er freie Persönlichkeit gegeben hat. Es war demnach dem Satan der Zutritt zum Rat nicht verwehrt, ja, gewissermaßen geboten, zur Beratung Betreffs seiner Anklage. So war einmal auch alles himmlische Heer um den Herrn versammelt, der aus Seinem Stuhle saß; und da trat, durch eine Frage Gottes angeregt, ein Geist vor, der als falscher Geist in aller Propheten Mund sein wollte (1 Kön. 22, 22). Es waren also auch noch andere falsche Wesen in der Nähe Gottes, welche Gott einstweilen mit Geduld trug.
Wie in letzterem Falle, so handelte sich's auch bei Hiob um die Menschen, wegen welcher ein Rat Gottes gehalten wird; und wenn der Herr den Satan fragt, wo er herkomme, ist's, als fragte Er ihn, ob er etwas zu klagen habe. Es war damals auch so, daß es den Anschein hatte, es sei Alles mit den Menschen verloren, weil kein Gerechter mehr sich finde; und in das will eben Satan mit seiner Antwort: "Ich habe das Land durchzogen", einstimmen, als Gott weiter fragte, was er denn von Hiob denke. Der war dem Satan ein Dorn im Auge; denn wenn der nicht wäre, wäre es mit allen Menschen nichts, daß also Gott vorgehen dürfte oder sollte mit einem Alle vernichtenden Gerichte. Alles drehte sich bei dem Abfall der Engel um die Menschen, gegen welche sie es hatten, weil sie für die Zukunft bevorzugt zu sein schienen, wohl auch, weil durch sie ein vormenschlicher Abfall wieder gut gemacht werden sollte, was ja in der Folge durch Christum wirklich geschah (Kol. 1, 20). So ist Satan zunächst nur Verkläger der Menschen, wie er ja öfters heißt und es schon der Name Satan oder Diabolus (Teufel) bedeutet. Er treibt wohl auch durch Lockungen und sonst zu Sünden, um hernach verklagen zu können, wie er denn jetzt gleich bei Hiob Alles versucht, um ihn zum Abfall von Gott zu bringen, und nachher sagen zu können zu Gott: "Da siehst Du, was die Menschen sind, die Du gemacht hast." Der Mensch aber soll so sein, daß er sich nicht verführen läßt; und so lange er sich verführen läßt, behält Satan ein Recht zur Anklage, und kann Gott nicht gegen diesen selber strafend vorgehen. Wie wichtig war's daher, daß Hiob standhaft blieb und den Versuchungen nicht erlag! Denn die Folge davon war mindestens die Berechtigung Gottes zur Geduld mit dem Menschengeschlechte, dem Satan und seinen Mitverbundenen gegenüber.
Wir sehen aus dieser Geschichte, wie eigentlich, wenn wir's verstehen wollen, der Mensch sich selbst wider den Satan heraushelfen muß, sei's auch zunächst nur durch eine Hiobsgeduld; und das geschah durchschlagend durch den Menschen Jesus Christus, dessen vollkommene Reinheit und Unschuld das Recht erlangte, angreifend wider die Mächte der Finsternis vorzugehen. Der wurde Sieger wider alle Feinde der Menschen, und wird's noch; und wie Er als Sieger, vermittelst unsres Glaubens an Ihn, vorwärts kommt, so kommen die unsichtbaren Feinde herunter bis in's Gericht. Die Zeit kommt näher, da es heißen wird:
Off. 12, 10. "Nun ist das Heil und die Kraft und die Macht unsres Gottes, Seines Christus, worden, weil der Verkläger unsrer Brüder verworfen ist, der sie verklaget Tag und Nacht vor Gott." - v. 11. "Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebet, bis an den Tod."
Begreiflich kann noch Vieles gedacht werden, was im Unsichtbaren von Anbeginn der Welt an vorgegangen ist. Aber wir wissen's nicht, und müssen daher Alles liegen lassen. Nur daß wir lernen dem Teufel widerstehen, damit er von uns fliehe, d. h. lernen, vom Bösen lassen, und Jesu vertrauen, der Sieger sein wird, bis Ihm Gott wird Alles untertan gemacht haben.
91) Ungewißheit der Hoffnung.
(Erster Abschnitt.)
Frage: "Halten Sie es für möglich, daß ein Mensch, der nicht tiefe Buße hat oder hatte, doch selig werden kann, der wohl Leid trägt über sein inneres Verderben, und mit dem Apostel ausruft (Röm. 7, 24): "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" aber noch nicht so weit gekommen ist, sich selbst für verachtenswerter, ja schlechter als Alle zu halten, wie es z. B. in Thomas a Kempis Nachfolge Christi beschrieben und gefordert wird?"
Zu dieser Frage gab die Veranlassung der Satz in den Blättern (III, 56, S. 238): "Man liebt oft den Heiland fast, ohne recht zu wissen, warum?" - "Schließt dieser Satz," heiß'ts weiter im Briefe, "nicht den Himmel zu? Denn bei allem Sehnen ist man nicht im Stand, das seligmachende Evangelium, das bittere Leiden und Sterben Jesu sich recht anzueignen und verstehen zu können."
Der lange Brief fließt aus der Besorgnis, es könnte alles Sehnen und Glauben, weil man dabei doch immer auf dem gleichen Stand bleibt, nichts Reales zur Folge haben, nicht zur Seligkeit führen.
Antwort: Ehe ich wichtigere Gedanken gebe, die sich mir bei obigen Fragen aufdrängen, will ich die Einzelheiten des Briefes ein wenig besprechen, bitte aber die Schreiberin, nicht in Allem sich gemeint zu nehmen, sondern überhaupt die Vielen, die es zu ihrer Belehrung lesen sollen. Weil von einer tiefen Buße die Rede ist, die zum Seligwerden nötig sei, erinnere ich zuerst an den Artikel (IV, 103) "Anhaltende Buße," in welchem dargetan ist, daß das Wort Buße in dem Sinne, wie wir's brauchen, eigentlich gar nicht im Neuen Testament vorkommt, weil es überall sollte mit "Sinnesänderung" übersetzt werden. So ist auch das Wort tiefe Buße nicht biblisch. Das Wort göttliche Traurigkeit (2 Kor. 7, 10) allein entspricht unserem Begriff von Buße. Diese Traurigkeit bis Angst geht allerdings der Sinnesänderung voraus; und wenn nicht, so mag's mit dieser nichts Rechtes sein. Wer über seine Sünde nicht traurig wird und Schmerz empfindet, möchte es wohl in dem fehlen lassen, was zum Seligwerden nötig ist, weil dann auch der Glaube nicht genug Herzensglaube ist. Aber schwinden wird die Traurigkeit, wenn die Sünde durch Bekenntniß und Ablegen bereinigt ist.
In der Frage wird aber mehr von tiefem Leid über das innere Verderben gesprochen, als über bestimmte Sünden. Solches innere Verderben wäre da die angeborene Verderbnis menschlicher Natur, wie der Katechismus es ausdrückt. Ein Leid hierüber kann man nun schon haben, weil solch Verderben ein Anzeichen menschlicher Unvollkommenheit ist und zum Seufzen nach der Erlösung treibt; aber zu tief kann dieses Leid nicht gehen. Denn das innere Verderben, wenn es auch viele Kämpfe und Anfechtungen verursacht, geht weniger das Gewissen, als die Empfindung an, weil es unwillkürlich da ist, und einen Christen, der einen Heiland glaubt, welcher alle unsre Schwachheit getragen hat, nur schmerzen, nicht verdammen kann. Der Christ aber hat sich in Acht zu nehmen, daß er in dieses innere Verderben nicht auch seine wirklichen Sünden sich eingeschlossen denkt, wodurch diese nicht genug taxiert und gerichtet werden. Dieser wirklichen Sünden wird in der Frage gar nicht gedacht, als ob deren keine da wären, so daß sie eigentlich um die Hauptsache herumgeht, wie mir's eben auch sonst oft vorkommt. In unsrer Zeit hat man's leicht so, daß man klagt über sein inneres Verderben, dabei aber die eigentlichen und wirklichen Sünden sich nicht tief genug ¿u Herzen gehen läßt, so daß dieselben vor sich und andern wie vertuscht erscheinen. Wenn man so steht, so kann kein Sehnen und Glauben zu etwas Rechtem führen, so auch nicht zum Ergreifen des seligmachenden Evangeliums, und noch weniger zu einer Gewißheit der Hoffnung der Seligkeit. Wirkliche Sünden sind und bleiben etwas ganz Anderes, als das innere Verderben; denn dieses kann groß im Menschen sein, ohne daß dieser es zu eigentlichem Ausbruch oder zu wirklichen Sünden kommen läßt, was freilich nur durch Christum möglich ist. Wenn Paulus in dem Kap. (Röm. 7, 7-25), da er den natürlichen Menschen, der noch keinen Heiland hat, persönlich reden und sagen läßt, was er nicht wolle, tue er, und was er wolle, tue er nicht, bis er endlich ausruft (v. 24): "Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes!" so hat dieses sein Unglücksgefühl seine volle Richtigkeit. Aber Paulus (da v. 25 das Ich anders zu nehmen ist) setzt von sich doch sogleich hinzu: "Ich danke Gott, durch Jesum Christum," das in Klammern setzend, und damit andeutend, daß er für sich den Standpunkt des natürlichen Menschen überwunden habe, wie er im nächsten Kapitel es ausführt. Das Leid über das innere Verderben also, wenn die wirklichen Sünden nicht brennend werden, und Jesu zur Versöhnung durch Sein Blut dargeboten, kann das Seligwerden noch nicht gewiß machen.
Noch weiter habe ich voraus zu bemerken, daß ein Wort des Thomas a Kempis doch nicht einem Bibelwort gleichgesetzt werden darf. So fromm Thomas war, so war er doch kein Apostel; und wenn er etwas sagt, was kein Apostel sagt, so muß man keinen so großen Wert darauf legen. Zu viel, bis ans Übertriebene und Unnatürliche grenzend, sagt Thomas, wenn er's sagt, daß zum Seligwerden nötig sei, sich für verwerfenswerter, ja schlechter als alle Menschen zu halten. So etwas steht nicht in der Bibel; und es ist nicht gut, wenn in manchen christlichen Kreisen solche Aussprüche sonst frommer Männer fast höher geachtet werden, als biblische. Wie zur Zeit Christi, so haben wir Christen, in Glaubensanschauungen und sonst, mancherlei Aufsätze der Ältesten im Brauch, und gleichfalls bis zum Übersehen der Schrift. Die Schrift, wie sie sagt: "Niemand ist gut, denn der einige Gott," so setzt sie auch voraus, Alle seien Sünder, ohne daß man sie gegen einander als mehr oder weniger sündig nehmen dürfte. Wenn Paulus sagt: "Es ist ein teures, wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen," so gilt da Einer, wie der Andere. Allerdings darf Keiner denken, er sei besser, als ein Anderer, vor Gott, weil er diese oder jene Sünde nicht getan hat, oder weil er eine geschliffenere Art an sich hat, als Andere; aber daß er sich nun gar schlechter nehme, als die Schlechtesten, ungattiger als die Ungeschliffensten, das muß gerade nicht sein, und ist kaum Demut zu nennen. Denn ist man schlechter, als Alle, so ist man auch wieder ein wenig interessant; und mit einer gewissen Selbstgefälligkeit kann man sich gar dessen rühmen, daß man der Schlechteste sei. Jedenfalls spricht Keiner aus der Wahrheit, der sich so nennt. Denn ich wollte sehen, wie ein Solcher, der sich den Allerschlechtesten nennt, sich bäumte, wenn man ihm bestimmte Sünden vorhielte. "Wer hat das gesagt?" das ist das Nächste, was man hören darf; und zitternd muß man schweigen und einziehen. Denn die Sächelchen selbst hält solch ein Schlechtester gerne im Versteck, wodurch er allerdings sich nicht sehr fein ausnimmt vor Andern.
In einer großen Erweckungszeit kam mir's einmal vor, daß Einer zu mir kam, der, wie die Andern, seine Sünden mir bekennen wollte. Er tat ganz verzweifelt. Ich fragte endlich, was er denn so Arges getan habe. Er erwiderte: "So ist gewiß noch Keiner bei Ihnen gewesen; ich bin der größte Sünder von Allen." "Nun, so sag' mir doch," fuhr ich fort, "was ist es denn? Sag mir doch etwas Bestimmtes." - "Ich," erwiderte er, "ich habe Alles getan, was der Weltbrief ausweist. Es ist Keiner, wie ich, der so schlecht wäre." Begreiflich konnte ich mit dem Manne nicht zurechtkommen. Denn er blieb dabei, zu sagen, er sei der Schlechteste, ohne weiter sich zu erklären. Endlich sagte ich: "Höre, mein Lieber! deine Sache ist nichts. Es ist besser, du gehst, und kommst später wieder, bis du dich besser besonnen hast. Denn so weiß ich nicht, ob du der Brävste oder der Schlimmste bist." Er brach sogleich auf und ging, kam aber schon am andern Tage wieder, und anders. Er war nicht mehr der Schlechteste, aber doch ein rechter Sünder. Wie gesagt, hinter Redensarten, wie die angeführte, kann man all sein Häßliches verstecken; und man bleibt sauber und recht, daß man eher noch Respekt haben sollte. Häufig sagen solche Bekenner auch: "Hab' ich's auch nicht mit der Tat getan, so doch in Gedanken." Da liegts; man will's nicht mit der Tat sein, und macht sich schön damit, daß man's nur in Gedanken getan hat. Ich bitte also, Redensarten, die nicht in der Schrift stehen, sich nicht zu einer Norm und Regel zu machen. - Wenn Paulus sich den Vornehmsten der Sünder nennt, so wird man's, denke ich, verstehen, warum er es schon sagen konnte.
Nur noch ein Weniges über mein in der Frage angeführtes Wort: "Man liebt oft den Heiland, ohne recht zu wissen, warum?" Hiezu wird gefragt, ob dieser Satz nicht den Himmel zuschließe? Ich sage: nein! Nach dem Zusammenhang ist von solchen Christen die Rede, die, obwohl sie ernst sind, doch der Versöhnung durchs Blut Christi sich nicht trösten, an sie auch wenig denken. Eine Liebe zum Heiland aber haben sie doch. Wenn sie nun dennoch unversöhnt und unerlöst von den Banden der Finsternis sich fühlen, so kann man sagen, daß sie eigentlich auch nicht recht wissen, warum sie den Heiland lieben; denn Seine Hingabe bis in den Tod erscheint ihnen nicht groß genug. Ist dir's aber gewiß geworden, daß Jesu Blut dich versöhnt hat, dann weißt du ja, warum du Jesum liebst, und steht dir der Himmel offen. Allerdings denen, welche trotz ihrer Liebe zum Heiland unversöhnt bleiben wegen mangelhaften Glaubens, ist der Himmel noch nicht offen.
Weiteres das nächste Mal.
92) Ungewißheit der Hoffnung.
Zweiter Abschnitt, Schluß.
Frage: s. III. 91.
Die Schreiberin, wie wir sehen, ist in einem nicht geringen Seelenkampfe. Bei allem Sehnen und Glauben steht sie noch in der Ungewißheit der Seligkeit. Sie meint, es fehle an dem, daß sie das seligmachende Evangelium, das bittere Leiden und Sterben Christi sich nicht recht aneignen, auch nicht verstehen könne. Sie fühlt sich immer auf dem gleichen Stand, und denkt, ihr Sehnen und Glauben habe keinen Wert, führe nicht zur Seligkeit. Wenigstens fürchtet sie das.
Kämpfe dieser Art sind in unsrer Zeit nichts Seltenes. Ja, sie sind allgemein, wo man sich nicht in Gefühle, als wäre Alles gewiß, hineinzwingt. Unsrem Geschlechte fehlt eben etwas; und wenn man's genau erwägt, so stehen wir nicht auf dem Standpunkte der Schrift, oder wir sind nicht in der Lage, in welcher die Christen des Neuen Testaments standen. Vor Allem fehlen uns gewisse Kräfte des Geistes von oben, die Alles in uns, als von Gott selbst gelehrt, gewiß machen sollten. Es hat das Ansehen, als ob wir ganz auf uns selbst gewiesen wären. So lange diese Kräfte nicht da sind, hat unsre Armut, und unsre Unsicherheit und Ungewißheit etwas Verzeihliches vor dem Herrn. Aber mißlich macht die Sache das, daß man vielfältig den Mangel der Kräfte und eben damit das Bedürfnis nach Kräften gar nicht fühlt und es nun schon so annimmt, als ob das eben nach Gottes Willen sein müsse, daß wir ohne die Kräfte stünden. So benützt man auch das nicht genug, was doch zu haben wäre. Es gibt daher christliche Weisen, die nur Rat geben wollen, wie der sich sehnende Christ es machen soll, damit er etwas erreiche. Alles Mögliche wird da dem Suchenden zugemutet. Man sagt ihm, er könne gar nicht genug tun mit Buße, er müsse unter stetem Ringen und Kämpfen es von Gott herauszwingen, daß es ihm gelinge. Zum Gefühl erhaltener Vergebung zu kommen, muß ganz sein Werk sein. Zuletzt muß er gleichsam sich selbst absolvieren, indem er krampfhaft in den Glauben sich hineinzwingt, es sei ihm vergeben. Die alte Natur muß er selbst, wenn auch unter Gebet, überwinden, von dem innerlichen Verderben sich selbst erlösen, etwa auch damit, wie neuerdings gesagt wird, daß er sich kühn und bestimmt für erlöst nimmt. Da ists freilich des Jammers und Leides kein Ende; und ich gestehe, daß ich selbst viel Kummer, mehr als man weiß, für die vielen Bekümmerten habe, die an mich sich wenden; und mit allem Belehren, Ratgeben, mit allen geistlichen Künsteleien, daß ich so sage, ist eben gar nichts gewonnen. Es bleibt, wie's in der Frage heißt, immer auf dem gleichen Stand.
Ich habe hier aus dem Bewußtsein derer herausgeredet, die in der angeführten Bekümmernis sind, trotz ihres Sehnens und Glaubens. Aber etwas Bestimmteres läßt sich doch noch sagen. Man kann nämlich, - ich will's ganz bescheiden tun, - sagen, daß sie's eben durch Alles hindurch nicht recht machen, daß sie überhaupt gar nicht in den rechten Anschauungen der Schrift stehen, nicht schriftgemäß Vergebung und Sicherheit ihrer Hoffnung suchen. Schriftgemäß ist das, daß vor Allem bezüglich seiner Vergangenheit Alles bereinigt werden muß, und daß man für die Zukunft die wirklichen Erfordernisse sich recht denken und sagen lassen muß. Was das Erste betrifft, so ist damit die Vergangenheit noch nicht ausgelöscht, daß ich im Allgemeinen ein Sehnen habe aus meinem Verderben heraus. Ich habe bereits gesagt, daß mancherlei wirkliche Sünden, die aus dem inneren Verderben hervorgegangen sind, aus der Vergangenheit brennen können. Diese Sünden müssen besonders behandelt werden. Sie dürfen nicht in einen allgemeinen Knäuel, daß ich so sage, geworfen und dann zusammen als inneres Verderben, zum Heilen von Letzterem, dem Herrn vorgestellt werden. Man weiß aus der Schrift, wie viel Wert sie auf ein Bekenntnis der Sünden legt, nicht vor Gott allein, - denn das ist bei schwereren Sünden vor dem allwissenden Gott doch kein Bekenntnis, wenigstens kein demütigendes Bekenntnis, - sondern auch vor Menschen, namentlich vor priesterlichen Menschen, durch deren Dienst die Vergebung soll zugesichert werden.
Das Evangelium weiß von einer Selbstvergebung oder Selbstabsolution nichts; sondern der Herr hat zu Seinen Aposteln, und eben damit zu allen späteren Dienern des Evangeliums gesagt: "Welchen ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben." Dieses Wort wird vielfältig ganz übersehen; und man hat statt dessen einen andern Satz sich gebildet, der etwa heißt: "Wer für seine Sünden um Vergebung bittet, dem sind sie vergeben." Wer bei Letzterem bleibt, von dem sage ich, daß er auf eine Selbstvergebung oder Selbstabsolution vertraue; denn schließlich sagt er: "Mir sind meine Sünden vergeben," statt daß zu ihm gesagt werden sollte: "Dir sind deine Sünden vergeben." Er absolviert also sich Felder. Hiefür aber haben wir keinen Beleg in der Schrift. Schon dem David ist's nicht geraten, wie wir wissen (Ps. 32). Allerdings wenn einmal eine umfassendere Vergebung der Sünden in jener Weise durch priesterlichen Dienst uns zugekommen ist, so gibts manche Schwachheiten und Sünden, wenn's übereilte sind, für die man um Vergebung mit Erfolg bitten kann, weil man auf die erhaltene Vergebung sich zurückbeziehen darf. Aber sind einmal Sünden da, die einen Stachel im Herzen lassen, namentlich gegen die Gebote Gottes: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen etc.," worauf die Gerechtigkeit Gottes den Tod gesetzt hat, so weiß ich nicht, ob solcherlei Greuel durch einfache, sei's auch mit ernster Buße vorgetragene, und oft wiederholte Bitten um Vergebung ganz beseitigt werden können. Die Schrift verlangt mindestens Bekenntnis; und nach meiner Erfahrung genügt das Bekenntnis dem Herrn zu wirklicher Beruhigung, indem der Herr alsbald im Stillen Vergebung zuteilt, ohne daß diese ein Mensch, etwa ein Diener des Evangeliums, förmlich ausspricht, was zu unterlassen er Gründe haben kann. Denn das ist auch gewiß, daß die wirkliche Gabe der Absolution in unsrer Zeit nur Wenigen zugeteilt ist, fast Keinem. Wird sie aber nicht gegeben, so macht das Bekenntnis Alles aus; und das heilige Abendmahl wirkt jedenfalls ergänzend. Wer nun seine Sachen immer im Geheimen hält, und niemals damit herausrückt, sie, wenn auch nur einmal als in der Gegenwart Gottes, zu bekennen, der wird mit allem Sehnen und Glauben zur vollen Gewißheit der Vergebung, oder der Hoffnung zur Seligkeit, nicht gelangen. Die Selbstabsolution aber, bei völligem Schweigen über seine Sünde, da man noch recht selbstgerecht vor Jedermann da stehen kann, sichert nun einmal nicht die Vergebung, also auch nicht die Gewißheit der ewigen Seligkeit. Wer aber bekennt, weiß sich auch leichter über sein inneres Verderben, das er doch nicht ändern kann, zu beruhigen. Ich spreche es einmal hier offen als meine festeste Überzeugung aus. Wer anders denkt und meint, kann's ja riskieren; nur ist ein Risiko hier gefährlich. Wer aber in ewigem Sehnen steht, und so, daß ihm auch der Glaube entschwinden will, zu dem muß ich, man verzeihe mir's, sagen: "Du hast's eben noch nicht recht angegriffen, du hast noch nicht genügend für deine Vergangenheit gesorgt; und darum ist's begreiflich, daß du "das seligmachende Evangelium und das bittere Leiden und Sterben Jesu dir nie recht zueignen, nie recht verstehen kannst."
Zweitens hat man häufig für die nächste Zukunft ein Sehnen und Glauben, mit geringem Erfolg, weil man sich das Freibleiben und Freiwerden von einzelnen Sünden, die man an sich wahrnimmt, nicht genug angelegen sein läßt. Man denkt sich gerne ein Heiligwerdenwollen, ein Streben nach Heiligung, und kommt über dem Allgemeinen nicht ins Besondere, nicht auf Einzelheiten, in denen man kämpfen und vor dem Herrn sich bewähren muß. Fange aber Jemand nur an, mit Einem Stücke Ernst zu machen, mit der Sorge, den Lüsten des Fleisches nicht hingegeben zu werden, oder mit der Sorge, dem Geiz nicht anheimzufallen, oder mit der Sorge, durch Unfreundlichkeit und Härte, durch betrügliches, ungerechtes Wesen nicht einen Schatten auf's Gewissen zu bekommen. Fange man nur mit Einem Stücke an, wie Johannes der Täufer es lehrt (Luk. 3, 10-14), so gibt das ein Licht durch's Ganze und wird peinliches Sehnen schwinden. Es wird in der Seele Alles helle, Frieden und Gewißheit des Heilands und der Hoffnung immer stärker. Denn man kriecht immer wieder zum Kreuz über Bestimmtes, und kann dann immer wieder fertig werden mit seinem Heilande, als ein von Ihm angenommenes, Ihm sicher verbleibendes Kind.
Damit sei denn genug gesagt. Der Herr aber komme bald mit Seinen Heilskräften! Ach, wie bedürfen wir ihrer so sehr in unsrer Schwachheit und Armut!
93) Untertauchung.
Frage: "Ich bin schon etliche Jahre mit den Getauften bekannt, welche sagen, die Kinderbesprengung sei nicht die rechte Taufe; sondern die Untertauchung sei die rechte schriftgemäße Taufe. Es sei wohl wahr, daß der Glaube und ein christliches Leben die Hauptsache sei. Aber wer nach der Schrift richtig glauben und christlich leben, und als ein wahrer Jünger Jesu dem ganzen Evangelium gehorsam sein wolle, der sei auch verpflichtet, die Gnadenmittel oder die Sakramente auf die rechte Weise zu benützen. Die Besprengung aber sei nicht die rechte Taufe. Denn in der ersten christlichen Kirche habe man durch Untertauchung getauft; und keine Zeit habe das Recht gehabt, die vom Heiland befohlenen Gnadenmittel zu ändern und zu verfälschen. Deshalb sei kein aufrichtiger Christ gebunden, das Verfälschte beizubehalten." - "Wenn Sie mir beweisen könnten, daß die Untertauchung nicht die wahre schriftgemäße Taufe ist, so wäre es mir recht lieb; denn ich lasse mich nicht gerne untertauchen. Wenn aber die Untertauchung die wahre schriftgemäße Taufe ist, so weiß ich schon, was ich zu tun habe. Und auch Sie selbst, als ein Jünger Jesu und Lehrer des Evangeliums, sind verpflichtet, sich untertauchen zu lassen, und den Gläubigen in dieser Beziehung mit einem guten Exempel voranzugehen, und die unschriftmäßige Taufe, nämlich die Besprengung, als eine Menschensatzung zu bekämpfen und zu widerlegen."
Der ungenannte Schreiber setzt mir im Weiteren noch sehr zu, mich doch ja untertauchen zu lassen, wenn ich das für das Rechte halte, weil Wahrheit mir lieber sein müsse, als das Leben. Er schreibt aber, wie er sagt, nicht als ein Gegner der Kindertaufe. Was er eigentlich bezüglich des heil. Abendmahls mich fragt, verstehe ich nicht recht. Vielleicht hat er's gegen das Brot, statt der Hostie.
Antwort. Im Neuen Testament kommt allerdings nur die Untertauchung vor, da auch Hebr. 10, 22 nicht dagegen entscheidet. Nur fällt mir immer auf, daß der Kerkermeister in Philippi, welcher in der Nacht bald nach dem Erdbeben "mit den Seinen allen alsbald" getauft wurde (Ap. 16, 33), nicht kann in einem Fluß getauft worden sein, weil er in jener ängstlichen Nacht nicht sein Haus verlassen konnte. Dem aber sei, wie ihm wolle, so ist doch nicht zu übersehen, daß das griechische Wort "taufen" nicht nur "wiederholt eintauchen, untertauchen" bedeutet, sondern auch "benetzen, anfeuchten, begießen", auch "übergießen, überschütten, überhäufen". Wenn daher der Herr "alle Völker taufen" hieß, so würde Er doch, bei der Mehrdeutigkeit des Worts, bestimmter gesagt haben, daß Er ein Untertauchen wolle, wenn dem so gewesen wäre. Dies wäre um so nötiger gewesen, weil Er wohl wußte, daß es nicht überall Flusswasser gibt, auch nicht überall die Temperatur das völlige Untertauchen erlaubt. Dabei wurde es um so schwieriger, wenn Viele zumal getauft wurden. Deswegen zweifelt man, ob nur die 3000, die an den ersten Pfingsten getauft wurden, werden an ein fließendes Wasser zur Taufe oder Untertauchung gegangen sein. Auch bei Cornelius (10, 47. 48) ist's unwahrscheinlich. Der Herr nun, wenn Er sagt: "Taufet alle Völker", setzt nichts hinzu, was sein Wille wegen der Form der Taufe sei. Die Christen also, die nicht denken konnten, daß die Taufe eine Last sein solle, hatten Freiheit, es zu halten, wie sie wollten, da weder ein Befehl für die Untertauchung, noch ein Verbot der Besprengung gegeben wurde.
Wenn wir die Sache nun auch nach dem Geist betrachten, so ist das Wasser nur das äußere Zeichen bei der Taufe; und ob viel oder wenig Wasser dabei in Anwendung kommt, kann das für die Bedeutung der Taufe nichts ausmachen. Legt Gott eine Kraft in's Wasser, so kann Er diese schon in einen Tropfen so legen, daß sie den ganzen Leib durchgeht. Die, welche meinen, der ganze Mensch müsse in's Wasser kommen, oder es werde ihm nicht genug Geist und Kraft von oben, haben einen sehr kleinlichen Begriff von der Kraft Gottes, wenn sie diese nicht, so weit sie sich geben will, vollständig schon in Einen Tropfen eingelegt sich denken können. Wenn sie vollends glauben, das Tüchtigwerden zum Reich Gottes und der Empfang der Kindschaft Gottes hänge vom äußeren Bad ab, so fehlt's ihnen einfach am rechten Glauben an Gott; denn sie verleugnen Seine Kraft. Wer diese versteht, dem muß die Besprengung dasselbe sein, wie die Untertauchung, wie auch bei der Besprengung mit Blut, wenn damit Altar und Tempelgeräte und Priester besprengt wurden, schon in Tropfen Blut so viel Kraft gelegt wurde, daß der ganze Mensch, und die äußeren Gegenstände in allen ihren Teilen als Gott geweiht und geheiligt erschienen.
Wenn ich weiter darüber nachdenke, so kann der Begriff der Taufe und ihre Bedeutung unmöglich in der Untertauchung selbst liegen. Denn wenn Johannes, und wenn die Apostel, und wer sonst, taufte, so stiegen etwa die Täuflinge in's Wasser hinein. Wenn sie auch, wie sinnbildlich es darzustellen, daß der ganze Mensch einer Reinigung bedürfe, - Petrus sagt aber ausdrücklich (1 Petr. 3, 21), man soll sich nicht "das Abtun des Unflats am Fleisch" denken, - auf Augenblicke ganz untertauchten, so waren sie damit noch nicht getauft, noch nicht Geweihte des Herrn. Vielmehr mußten sie sich erst wieder im Wasser aufrichten, um dann erst die Taufe oder den Taufsegen vom Täufer zu empfangen. Dies geschah entweder mit einer Hand voll Wasser, die der Täufer auf das Haupt des Täuflings goß, oder mit einer Handauflegung, durch welche in das Wasser des benetzten Hauptes, daß ich so sage, eine Kraft von oben kam, wobei denn auch segnende, weihende, Vergebung zusichernde Worte gesprochen wurden. Denn bloß wie Schafe in's Wasser springen und wieder heraus und heimgehen, das kann doch nicht taufen heißen. Man mußte also schon damals das Flusswasser vom eigentlichen Taufwasser unterscheiden; und wenn jenes in der Folge als bedeutungslos ganz wegfiel, und nur die Besprengung blieb, so hat man mit dieser ganz dasselbe, was einst die Täuflinge nach der Untertauchung auch durch Besprengung empfingen.
Daß überhaupt einst eine völlige Untertauchung Statt fand, läßt sich auch nicht beweisen. Man beruft sich wohl auf Röm. 6, 4, wo gesagt ist, daß "wir durch die Taufe begraben werden in den Tod", weil ganz, denkt man hinzu, unter dem Wasser gelegen. Aber ein Begraben ist schon damit bildlich gegeben, daß der Täufling nur in's Flussbeet, wie in ein Grab, hinabstieg, gleichsam verschwindend. So sagt auch Paulus von den Israeliten, die durch das rote Meer oder dessen trockene Tiefe gingen, daß sie also getauft worden seien, getauft als untergetaucht, aber ohne in Wasser zu kommen (1 Kor. 10, 1. 2). Ebenso nimmt Petrus (1 Petr. 3, 21) Noahs Schwimmen in der Arche auf dem Wasser als bildlich die Taufe bedeutend. Hieraus sieht man klar, daß eine Untertauchung, auch wenn durch die Umstände nur gedacht, genügte, um auch ein Begraben vorzustellen. So ist es auch kaum anders zu denken, als daß schon Johannes die Leute nur in's Wasser gehen ließ, bis etwa an die Kniee, was denn schon für ein Untertauchen und Begraben galt. Denn man bedenke doch, was das für Umstände erfordert hätte, wenn so viel Volk, namentlich auch Frauen, kamen und sich taufen ließen. Haben sie sich denn sollen alle entkleiden? oder haben sie Tauftücher von Haus mitbringen sollen? Kurz, man soll wohl bei der Schrift bleiben, muß aber nicht Untunliches und Unmögliches, ja Unanständiges, in sie hineinlegen wollen.
Wenn der Fragesteller meint, wir müßten auch im Äußeren ganz bei dem bleiben, wie es damals war, um nicht unbiblisch zu werden, so wären wir auch mit dem heiligen Abendmahl in größter Verlegenheit, wie wir das halten sollten. Sollen wir etwa auch ein gewöhnliches Mahl damit verbinden, wie damals? Sollen wir, statt auf Stühlen vor Tischen zu sitzen, auf dem Boden liegen, mit dem linken Arm auf das Polster gestützt, wie die Jünger bei der Einsetzung lagen, da es dem Johannes leicht wurde, an der Brust Jesu zu liegen? Sollen wir die Altäre entfernen, weil damals keiner da war? Sollen wir nicht auch das Herkommen vor den Altar unterlassen? Sollen wir das Alles tun, um das heil. Abendmahl ja recht schriftgemäß zu halten? So haben wir noch Vieles anders, als sie's damals hatten, weil sich's ganz natürlich anders machte. Der Herr Jesus wollte nicht Alles bis auf's Kleinste hinaus gesetzlich festsetzen, sondern hält uns als Kinder, die in Allem auch einige Freiheit haben sollen, wenn sie nur im Geiste an Ihn gebunden sind.
Ich bitte also den unbekannten Freund, sich nur zufrieden zu stellen, und auch seiner erlangten Besprengungstaufe sich zu freuen, sodann auch mir es zu gestatten, daß ich mich nicht mehr untertauchen lasse.
94) Über die Taufe.
(Erster Abschnitt.)
Frage. "Man hört so oft gegenwärtig allerlei Bedenken gegen die heilige Taufe; und die Erfahrung, daß die neuerdings gegebene Freiheit, seine Kinder auch ungetauft zu lassen, vielfältig benützt wird, bringt die Bedenken immer mehr in Anregung. Schon was eigentlich die Taufe bedeute, und wozu sie denn da sein und auch in der Christenheit bleiben müsse, nachdem das Heidentum überwunden sei, ist Vielen unklar, daß sie nahe dazu haben, zu glauben, ein Segen müsse etwa dasselbe sein, was die Taufe mit Wasser, und könne auch eine Geistesmitteilung ebenso gut geben. Wenigstens wünschen sie eine Aufklärung, die ich ihnen nicht zu geben weiß. Noch Anderes kommt oft in Frage. Der Widerspruch gegen die Kindertaufe wird immer häufiger, wenn man auch nicht gerade zu den Baptisten übertreten will. Die Frage ferner, ob und in wie weit mit der Taufe der heilige Geist, auch die Wiedergeburt, gegeben werde, ferner ob der Exorzismus nötig sei, auch wie weit die Verpflichtungen der Taufpaten gehen, und manches Andere beschäftigt Viele, und genügend Antwort zu geben, vermag unser Einer nicht. Das Alles aber veranlaßt mich, Sie zu bitten, ob Sie nicht in Ihren Blättern einmal wollten etwas Ausführliches über die Taufe und über die wichtigsten Fragen, die bei ihr zur Sprache kommen, bringen. Verzeihen Sie mir meine vielleicht große Zumutung."
Antwort: Fragen über die heilige Taufe sind mir schon viele zugekommen. Bald über diesen, bald über jenen Punkt hat man Auskunft gewünscht. Auf einen einzelnen Punkt aber habe ich mich nicht gerne eingelassen, außer dem, was ich in III, 93 im vorigen Blatte über die Untertauchung sagte; und zu einem umfassenden Vortrag, der nicht gerade so, wie jetzt, von mir gefordert wurde, hätte ich es auch nicht gleich anzufassen gewußt. Indessen haben mich auch die häufig vorkommenden Unterlassungen der Taufe, wie sie in neuester Zeit berichtet werden, in tieferes Nachdenken gebracht; und an der Zeit scheint mir's jetzt sehr, gründliche Belehrungen über die Taufe ausgehen zu lassen. Ich versuche es daher meinerseits, weil mir durch obige Fragen an meine Blätter Anlaß gegeben wurde. Ich habe aber noch nicht ganz Alles klar vor mir, weswegen ich auf das Einzelne kommen werde, wie sich's mir gerade gibt. Daß ich etwas weiter aushole, wird sich in Nachfolgendem rechtfertigen. Auch bemerke ich, daß ich meine Gedanken ganz accurat wohl erst geben könnte, wenn ich zum zweiten Male sie zu verarbeiten hätte, weswegen ich um einige Nachsicht bitte.
Vorerst erinnere ich daran, daß es sich in der Schrift um zwei Bündnisse handelt, welche Gott geschlossen hat. Den ersten hat Er mit Israel geschlossen, den andern seit Christo, zunächst wohl auch mit den Juden, aber zugleich mit allen Völkern der Erde. So hat schon zu Jeremias (31, 31 ff.) der Herr gesagt, daß Er, wenn Seine Zeit komme, einen neuen Bund mit dem Hause Juda schließen wolle, und zwar ausdrücklich nicht so, wie der bisherige geschlossen worden sei, da die Bundesgesetze auf Tafeln geschrieben waren, sondern so, daß dieselben sollten in's Herz geschrieben werden. Den ersten Bund hat Gott mit Abraham schon geschlossen, den andern durch Jesum, Seinen Sohn, begonnen. Bei beiden Bündnissen hat man sich's recht bestimmt vorzustellen, daß es je ein persönlicher Bund mit dem persönlichen Gott sein sollte. Das Volk wurde an den persönlichen Gott gebunden, mit Ihm gleichsam verlobt und getraut, wie es in den Propheten oft vorkommt, wie eine Braut mit dem Bräutigam. Wie im Alten, so sollte es auch im Neuen Bunde sein, da Johannes der Täufer von Jesu sagte: "Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam (Joh. 3, 29). Bei beiden Bündnissen will sich den Verbündeten der Herr auf jede Weise persönlich freundlich und hilfreich erbieten; und Gott erwartet, daß sich die Verbündeten mit allem ihrem Gemüte sich an ihren Bundesherren halten, Ihm vertrauen, von Ihm sich weisen lassen, zu Ihm in allen ihren Anliegen rufen. Das Verhältnis soll zugleich sein, wie zwischen Vater und Kindern, wie, was Israel betrifft, in Jer. 31, 9 Gott sagt: "Ich bin Israels Vater; so ist Ephraim" (hier für Israel gesetzt), "mein erstgeborner Sohn." Die Stelle in Jeremias von dem anderen Bunde führt auch der Hebräerbrief (8, 8-13) an, der nur für Bund Testament setzt. Solchem gemäß redet man nun von einem Alten und Neuen Bund oder Testament.
Für beide Bündnisse nun hat Gott ein Bundeszeichen gegeben und haben wollen. Bei Abraham war die Beschneidung das Bundeszeichen, das der Verbündete an sich haben sollte; und im Neuen Bunde, was ich zunächst hier nur voraussage, soll die Taufe das Bundeszeichen sein, aber mit etwas, das von Seiten des Herrn der Seele gegeben wird, während das des Alten Bundes am Leibe war. Letzteres geschah durch Hände der Menschen; und jenes, die Taufe, wird eine Beschneidung ohne Hände genannt (Kol. 2, 11).
Reden wir zuerst vom ersten Bundeszeichen, der Beschneidung. Da sagte Gott zu Abraham (1 Mos. 17, 10): "Das ist aber mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch, und deinem Samen nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden." Jedes Knäblein (v. 12) soll am achten Tage solches Bundeszeichen an seinem Leibe bekommen. Auch Alles (v. 12), "was Gesindes daheim geboren, oder erkauft war von allerlei Fremden," sollte in den Bund mit Gott durch das gleiche Bundeszeichen aufgenommen werden. "Also", schließt Gott (v. 13), "soll mein Bund an eurem Fleisch sein zu ewigem Bunde," - "wer aber solch Bundeszeichen an seinem Fleisch nicht habe, des Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, darum, daß er meinen Bund unterlassen hat." Wer also das genannte Bundeszeichen an seinem Leibe hatte, gehörte zum Eigentumsvolk Gottes und stand in einem persönlichen Verhältnis zu dem Herrn, dem Gott Israels. Mochte er sich gut oder schlecht halten, so gehörte er doch als Beschnittener zum Volke Gottes, zur Gottesfamilie auf Erden, unterschieden von den Heiden, welche deswegen die Unbeschnittenen genannt wurden, nach welchen Gott, so zu sagen, nichts fragte, wie sie auch nach Ihm nichts fragten, so daß Gott in keine persönliche Beziehung zu ihnen sich setzte. An den Einzelnen schon hat freilich Gott, weil sie Bundesglieder waren, die Sünden schwer heimgesucht. Je nachdem sie sündigten, konnten sie durch gerichtliche Vorkehrungen, wie das Gesetz bestimmte, durch den Tod aus der Familie entfernt werden. Geschah es nicht durch das Gericht, so trat Gott selber häufig durch plötzliches Töten arger, namentlich wider den Herrn selbst, gleichsam persönlich, sich vergehender Sünder ein, was unter dem Ausdruck: "des Seele soll ausgerottet werden," gewöhnlich verstanden ist. Auch das Volk im Großen, bei Abfallssünden, wurde schwer heimgesucht, aber doch immer insofern mit Maßen, als Gott es nie ganz ausrottete, sondern stets "einen heiligen Samen" übrig ließ. Sünder, die sich züchtigen ließen und umkehrten, waren und blieben Gegenstand der persönlichen Fürsorge Gottes. Letztere zeigt der Herr mit den Worten, eben an das Bundesvolk mit dem Bundeszeichen gerichtet, am Schönsten an (Jes. 49, 15. 16): "Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet." Von so großer Bedeutung war es, durch das Bundeszeichen dem Herrn zugeschrieben zu werden. Jeder Israelite konnte zugleich an seinem eigenen Leibe beständig daran erinnert werden, daß es bei ihm nicht sei, wie bei Heiden, daß er vielmehr dem Herrn angehöre als ein Glied des Bundesvolkes. Auch alle Heiden konnten an seinem Leibeszeichen, von dem sie wußten, erkennen, daß er ein Anderer sei, als sie, namentlich mit ihren Göttern nichts zu schaffen haben solle, sondern dem Herrn als seinem Gott angehöre, nach einem zwischen diesem und ihm bestehenden persönlichen Bundeszeichen, daß er also diesem Gott verpflichtet sei mit Leib und Leben nebst den von ihm Gezeugten, aber auch des besonderen persönlichen Schutzes von Seiten seines Gottes dürfe gewiß sein.
(Forts. folgt.)
95) Über die Taufe.
(Zweiter Abschnitt.)
Frage s. im vorigen Blatte III, 94.
Wir haben das letzte Mal von dem Alten Bunde gesprochen, den Gott mit Israel geschlossen hat, und haben dabei gezeigt, wie für diesen Bund ein Bundeszeichen, nämlich die Beschneidung, gegeben war, so daß in den Bund von selbst eingeschlossen war, wer nur in Israel dieses Zeichen erhielt, wie auch später seine Gesinnung sein mochte. Auch Sklaven aus fremden Völkern, wie schon bei Abraham, und sonst ansässige Fremdlinge wollte Gott durch das Bundeszeichen dem Bundesvolke einverleibt wissen. Gott sah dann Jeden als ein Glied Seiner Familie, Seines Hauses, wie Er Israel nannte (4 Mos. 12, 7), an. In jedem Hause sind ja geratene und ungeratene Kinder; aber auch die ungeratenen Kinder hören nicht auf, Hausglieder zu sein. In Israel blieben sie's zu allen Zeiten, nur daß ihrer Viele, zuletzt sehr Viele, etliche Male nahezu Alle bis auf Wenige, um ihres Ungehorsams willen durch schwere Gerichte von Gott hinweggerafft wurden. Wer aber am Leben blieb, galt immer wieder, weil er das Bundeszeichen an sich trug, als Bundesglied.
Man könnte fragen, ob denn die Frauen, welche das Bundeszeichen nicht hatten, dennoch gleichmäßig Bundesglieder gewesen seien, wie die Männer. Da muß man aber denken, daß einerseits weibliche Kinder und Jungfrauen durch ihre Zusammengehörigkeit mit der Familie von selbst als Bundesglieder angesehen wurden, und daß andererseits den Frauen die Bedeutung und Kraft des Bundeszeichens an ihren Männern galt. Sie waren durch ihre Männer, wie die Jungfrauen durch ihre Väter, dem Herrn geheiligt (vergl. 1 Kor. 7, 14), wie auch fremde Frauen. Eine Rahab, die Kananiterin, eine Ruth, die Moabitin, hatten durch ihre Verheiratung an Israeliten ganz denselben Bundescharacter, wie ihre Männer. Sie standen in einer persönlichen Beziehung zu Gott, wie die Männer, was man an Sarah sieht, die zuerst Sarai hieß, und in der Zeit der Einführung des Bundeszeichens in gleicher Weise einen veränderten Namen bekam, wie Abraham nicht mehr Abram heißen sollte (1 Mos. 17, 5. 15). So sagt der Herr bei Jesaias (51, 2): "Schauet Abraham an, euren Vater, und Sarah, von der ihr geboren seid." Beide standen also gleich vor Gott. So näherte sich Gott auch anderen Frauen, wie der Hagar, der Mutter Ismaels, der Miriam, der Schwester Aarons, die eine Prophetin heißt (2 Mos. 15, 20) und unverheiratet war, ferner dem Weibe Manoah's, der Mutter Simsons, welcher ein Engel erschien (Richt. 13, 3). Auch Rebekka, Hannah, Debora können genannt werden. Um nichts waren also die Frauen geringer, als ihre Väter oder Männer, wenn nur diese das Bundeszeichen hatten.
Etwas Großes aber war es für jeden Israeliten, mochte er männlich oder weiblich sein, persönliche Bezeigungen für sich von Gott erwarten zu dürfen, als stünden sie in einem Verwandtschaftsverhältnis zu Gott, um dessen willen Er sich ihren Vater, und sie Seinen Sohn, Seinen eingebornen Sohn, nannte. Israel war als die Familie Gottes bevorzugt vor allen Völkern der Erde. Das Bundeszeichen aber durfte schon deswegen nicht fehlen, weil leicht Alles für den Einzelnen verscherzt war, wenn er nicht nach dem Wohlgefallen des Herrn sich hielt, während er als Bundesglied mit Geduld und Schonung von dem Herrn getragen werden konnte. Kam doch selbst Mose in Gefahr, weil er, als er nach Ägypten zurückkehren sollte, seinen Sohn nicht beschnitten hatte (2 Mos. 4, 24-26, vergl. 1874, III, 85). Sonst ist es ja bekannt, wie Gott immer alle Seine Verheißungen auf Kinder und Kindeskinder vererbt wissen wollte, weswegen schon darum die Beschneidung am Kinde, wenn es acht Tage alt war, vorgenommen werden mußte.
Nun kam aber ein neuer Bund auf, der den vorigen aufhob (Hebr. 8, 7. 13). Das hatte zur Folge, daß das Bundeszeichen des alten Bundes wertlos wurde. Dasselbe behielten zunächst die ersten Juden bei, die zu Christo bekehrt wurden; und das mußte so sein, weil der Haß der unbekehrten Juden auf's Äußerste gesteigert wurde, wenn geborene Juden sollten das Bundeszeichen aufzugeben angewiesen werden (Apost. 21, 21). Aber Heiden, die durch den Glauben an Christum in den neuen Bund kamen, sollten nicht um deswillen beschnitten werden. Schon die erste Kirchenversammlung beschloß, den Heiden die Verpflichtung, sich zu beschneiden, nicht aufzuerlegen (Apost. 15, 24. 28); und Paulus erklärte den Galatern, als Heidenchristen, rund heraus, daß ihnen Christus kein Nütze wäre, wenn sie sich beschneiden ließen (Gal. 5, 2). In der Folge hörte auch unter den Judenchristen die Beschneidung auf; und selbst die Erinnerung an die Abstammung von Abraham verlor sich bei ihnen, weil jetzt Alles, was an Christum glaubt, gleichmäßig als Abrahams Samen gilt. In den neuen Bund sollten nämlich alle Völker eingeschlossen werden; und insofern gehörten alle schon gewissermaßen in den Bund, wenigstens voraussichtlich, nur daß derselbe erst nach und nach zur Wirklichkeit werden konnte. Das alte Bundeszeichen charakterisiere zu sehr ein Volk gegenüber von den andern Völkern. Jetzt galten vor Gott alle Völker gleich; und darum paßte ein Zeichen am Leibe für Christen nicht mehr, weil dasselbe zu sehr von Nichtchristen unterschieden hätte, die doch, weil selbst auch zu Gleichem berufen, den Juden nicht mehr so ferne standen, als einst die Heiden. Ohnehin verleibte das alte Bundeszeichen nur in den alten, nicht auch in den neuen Bund ein; und die Christen hatten mit dem alten Bund, der nach seiner bisherigen Art abgeschafft war, nichts mehr zu schaffen.
Aber wenn gleich das alte Bundeszeichen aufhörte, so blieb doch ein Bund mit Gott; und dieser bekam nur eine veränderte neue Gestalt. Was in diesen Bund kommt, ist ein Gottesvolk, wie vorher, behält auch, wenigstens vor Gott, den Namen Israel. Israel bildet den Grundstock zum neuen Gottesvolk, welches nur erweitert wird durch den Zuwachs von andern, zuletzt allen Völkern her. Ist ja Jesus, der selbst Israelite war, als Repräsentant oder Stammvater des neuen Israels anzusehen, wie Abraham des alten. Darum werden die Heiden als eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel von Paulus dargestellt (Röm. 11, 17 ff.). Auch bezeichnet Petrus die Christen als ein neues Israel, und zeigt an, was zum alten Israel einst gesagt wurde (2 Mos. 19, 6), gelte jetzt ihnen, wenn er sagt (1 Petr. 2, 9): "Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums." Auch die Propheten geben Andeutungen und Erklärungen genug, wie Israel durch den Zuwachs von Heiden würde erweitert werden. Wenn also auch das alte Bundeszeichen aufhörte, blieb doch der Bund, blieb das Volk Gottes, blieben auch die persönlichen Beziehungen Gottes zu diesem Volk Gottes, das durch den Glauben an Jesum zu einer Einheit aus allen Völkern sich bilden sollte, daß sie hinfort die Familie oder das Haus Gottes auf Erden wäre. Ja, das alte und neue Haus wird nur als Ein Haus angesehen, in welchem Christus als der Sohn treu ist, wie Mose einst treu war, als der Knecht (Hebr. 3, 2-6).
Vielleicht finden die Freunde das Alles zu weitläufig, wenn doch soll von der Taufe die Rede werden. Ich aber wollte nur die Wichtigkeit der Taufe um so stärker hervortreten lassen. Denn das merken die Freunde schon, daß ich nach der Schrift die Taufe als neues Bundeszeichen aufgefaßt wünschte, dessen große Bedeutung nur erkannt wird, wenn man auch das alte Bundeszeichen zu würdigen weiß. Daß zum neuen Bund ein neues Bundeszeichen gehörte, möchte von selbst klar sein, wenn man nicht die persönlichen Beziehungen Gottes, wie sie im Alten Bund gewesen waren, im Neuen sich zurückgetreten denken mag, so daß wir, namentlich die Israeliten, im Neuen Bund mehr verloren, als gewonnen hätten, während derselbe doch die höchste Vollendung des Alten Bundes sein, also auch die innigsten Beziehungen zu Gott, bis zum Einswerden mit Gott, geben sollte. Mithin konnte das alte Bundeszeichen unmöglich abgeschafft werden, ohne daß ein neues und um so bedeutungsvolleres an seine Stelle träte. Daß die Taufe dieses neue Bundeszeichen sein sollte, geht klar aus dem hervor, daß Jesus die Taufe so bestimmt an allen Völkern vollzogen wissen will, wie einst die Beschneidung von Abraham und seinen Nachkommen verlangt wurde. Auch in den Worten liegt's: "Wer da glaubt und getauft wird, soll selig werden," womit gesagt wird, ein bloßes Glauben mache es nicht aus; sondern getauft zu werden gehöre dazu, weil damit ein wirklich persönliches Verhältnis mit Gott begonnen wird. Petrus (1 Petr. 3, 21) nun nennt auch die Taufe "den Bund eines guten Gewissens mit Gott". Eigentlich heißt es hier: "Eines guten Gewissens Gelöbnis zu Gott," wobei vorausgesetzt wird die Gabe eines guten Gewissens oder das Gelöbnis von Seiten Gottes zur Vergebung der Sünde. Auf Seiten des Menschen aber ist die Taufe das Gelöbnis an Gott zur Bewahrung des erhaltenen guten Gewissens, weil es sich nicht um "das Abtun des Unflats am Fleische" handelt, wie Petrus sagt. Wir haben also bei der Taufe, was zu einem Bund gehört, gegenseitiges Gelöbnis, so daß Luthers Uebersetzung dem Sinn und Geist nach ganz richtig ist; und die Taufe ist auf diese Weise von Petrus wirklich als das neue Bundeszeichen aufgefaßt. Paulus stellt ferner (Kol. 2, 11. 12) die Taufe mit der Beschneidung zusammen, indem er sagt, die Getauften seien "beschnitten mit der Beschneidung ohne Hände", "in dem, daß sie mit Ihm begraben sind durch die Taufe." Viele Gedanken, wie wir im Weiteren sehen werden, lassen sich hieran nach der Schrift anknüpfen. (Forts. folgt.)
96) Über die Taufe.
(Dritter Abschnitt.)
Um die Taufe als das Bundeszeichen des Neuen Bundes zu erkennen und recht zu würdigen, müssen wir auf ihren Ursprung zurückgehen. Johannes, der Täufer, bediente sich ihrer zuerst, und zwar als von Gott gesandter Prophet, nicht nur den alten Propheten gleichstehend, sondern nach dem Zeugnis Jesu größer, als diese alle. Er taufte auf ausdrücklichen Auftrag Gottes, und so auch mit göttlicher Befähigung, wie er selbst sagt (Joh. 1, 33), "Gott habe ihn gesandt, zu taufen mit Wasser." Des göttlichen Auftrags, den Johannes dabei hatte, wie auch seiner Gabe dazu, gedenkt auch Jesus, und zwar vor den Hohenpriestern und Ältesten im Volk. Diese hatten Jesum gefragt, aus waser Macht Er (Jesus) so auftrete, wer Ihm die Macht dazu gegeben habe. Statt der Antwort fragte sie Jesus wiederum (Matth. 21, 23): "Saget mir zuerst: Woher kam die Taufe Johannis? Kam sie vom Himmel, oder von den Menschen?" Mit dieser Frage machte es Jesus offenbar wichtig, daß die Taufe Johannis vom Himmel gekommen sei. Weil nämlich die Taufe als von Gott gekommen erschien, machte Er es auch den Pharisäern und Schriftgelehrten, deren nur Wenige bei Johannes sich angemeldet hatten, zum Vorwurf (Luk. 7, 29. 30), daß sie den Rat Gottes wider sich verachtet hätten, indem sie sich nicht von Johannes taufen ließen, während das Volk, das ihn hörte, Gott Recht gegeben hatte, und sich hatte taufen lassen mit der Taufe Johannis. Von Johannes selbst aber heißt es (Marc. 1, 4; Luk. 3, 3), er habe "gepredigt die Taufe der Buße, zur Vergebung der Sünden."
Wir nun müssen das doch mehr in's Auge fassen, als gewöhnlich geschieht, daß die Taufe nicht erst durch Jesum aufkam, sondern noch vor Ihm als von dem Gott Israels, oder Seinem Bundesgott, angeordnet erschien. Hätte Jesus ohne Vorgang die Taufe angeordnet, so hätte Er sich gleich von vorn herein in Vieler Augen auffallend als den Gründer eines Neuen dargestellt, davon die Propheten nichts Bestimmtes gesagt hätten, wie wenn Er sich anschicken wollte, mit Altem zu brechen und ein Neues anzufangen, während Er selbst in Allem auf dem Boden der Prophetie des Alten Bundes stehen wollte. Nun galt Johannes als ein Prophet, und zwar begreiflich noch als ein Prophet des Alten Bundes, obgleich er der Tat nach oder nach dem "Rate Gottes" den Übergang bildete vom Alten in den Neuen Bund. Darum lehnte sich Jesus, bezüglich der von Gott dem Johannes zugekommenen Taufe, an Johannes, als einen Propheten Gottes, an, wie sonst an die andern Propheten. Wie andere prophetische Offenbarungen, so gilt Jesu auch die Taufe als eine Offenbarung Gottes, die unmittelbar dem Johannes als einem Propheten zukam. Indem also Jesus einerseits die Taufe nachahmte, - denn im Anfang ließ Er ja auch von sich aus taufen, - andererseits für Seine besonderen Jünger, wie sie Ihm zukünftig werden sollten, annahm, schließt Er sich an etwas bereits von Gott Gegebenes an, dem Er auch für Seine Person, weil's von Gott gekommen war, und seit Johannes von Gott als gefordert erschien, untertan wurde, indem Er sich als ein in Allem schon durch die Beschneidung dem Gesetze Gottes untertan gewordener Israelite (Gal. 4, 4), wie andere Israeliten taufen ließ. Durch Sein Beispiel zeigte Er auch an, daß Jedermann der neuen göttlichen Offenbarung, die dem Volke Israel zu gut kommen sollte, und die im Zusammenhang stand mit dem, was fortan Israel von seinem Gott zu erwarten habe, Folge zu leisten hätte.
Die Taufe Johannis bekam eine Ausdehnung über das ganze Volk Israel. Denn wir lesen (Matth. 3, 5. 6): "Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem, und das ganze jüdische Land, und alle Länder am Jordan, und bekannten ihre Sünden." Wer also kam und demütig seine Sünden bekannte, wurde von Johannes zur Taufe zugelassen. Nur Solche, die ohne Buße und ohne Bekenntnis sich nur eben auch taufen lassen wollten (immerhin eine Anzeige, wie bedeutungsvoll selbst Unredliche die angebotene Taufe nahmen), wies Johannes mit den scharfen Worten ab: "Ihr Otterngezüchte, wer hat euch gewiesen, daß ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet?" Johannes war's, der überhaupt mit den Worten auftrat (Matth. 3, 2): "Tut Buße; denn das Himmelreich ist nahe herbeikommen;" und wenn "er predigte die Taufe der Buße, zur Vergebung der Sünden", so lud er damit das ganze Volk ein. Es erschien als ein Antrag Gottes an Sein Volk zu einem Neuen Bunde. Er mag etwa gesagt haben: "Der Herr, eurer Väter Gott, hat mich beauftragt, Alles zu taufen, was zugerichtet werden will, zum Eingang in das Himmelreich, das jetzt nahe herbeigekommen ist." Ohne eine solche bestimmte Aufforderung an das Volk überhaupt läßt sich der große Zudrang zu der Taufe, wie er so schnell wurde, gar nicht denken.
Ein Reinigungsakt aber, den Gott unter Bedingungen, die an das Herz gestellt wurden, anbefiehlt, kann nicht etwas bloß Formales sein, ohne innere Bedeutung und ohne eine von oben her gefühlte Gnade und Kraft. Die Taufe, weil sie von Gott kam, mußte auch etwas geben, und das um so mehr, wenn sie Buße unter Bekenntnis des eigenen Nichts vor Gott, oder Sinnesänderung, verlangt. Was sie gibt, sagt aber Johannes. Sie gibt nach ihm erstlich Vergebung der Sünden, zweitens Versicherung einer gnädigen Aufnahme von Seiten des kommenden Messias in das Himmelreich. Es ist auch unmöglich, daß die Taufe das geben kann, ohne eine innere Empfindung, die der Täufling von oben bekommt. Wenn daher die Taufe Vergebung gibt, ist es nicht bloß eine levitische Reinigung des Sünders, wie sie durch Opfer und andere Zeremonien vorgeschrieben war, da es eigentlich nur eine einstweilige Vergebung war, bei welcher die Schuld auf dem Sünder blieb, die also nicht auf Zeit und Ewigkeit galt. Zu einer levitischen Reinigung brauchte ohnehin kein Johannes zu kommen; und hiefür war Alles nach dem Gesetz gegeben. Auch eine Opposition zu der levitischen Reinigung konnte die Taufe Johannes nicht sein, als ob diese besser als jene, aber doch nach derselben Art, reinigte. Die Vergebung durch die Taufe war offenbar etwas Anderes, bisher nicht Gegebenes. Sie zielte auf eine tiefere Vergebung, die zugleich eine Art innerer Aussöhnung mit Gott war, daß die Sünde überhaupt sollte bei den Getauften mindestens weniger Gewicht mehr vor Gott haben und behalten, wie bisher. Erwägen wir dieses, so haben wir hier schon mit Johannes den Anfang des verheißenen Neuen Bundes, der nach Jeremias statt des Alten eintreten sollte, bei welchem die volle Gnade Gottes mit den Worten (Jer. 31, 34) zugeteilt wird: "Ich will ihnen ihre Missetat vergeben, und ihrer Sünden nimmermehr gedenken." Die Israeliten überhaupt sollten in ein anderes, in ein neues, in ein besseres persönliches Verhältnis zu ihrem Gott kommen, als bisher; und in diesem neuen Verhältnis, deutet Johannes an, würde Jeder stehen, der mit vorausgegangener Buße sich taufen lassen würde, obgleich er andererseits sagt, daß seine Taufe, die bloß mit Wasser geschehe, noch nicht das Vollkommene sei.
Wir sehen deutlich, daß hienach die Taufe das Bundeszeichen sein sollte für den Neuen Bund. Zunächst blieb freilich das alte Bundeszeichen noch stehen, da Johannes auch nur zu Israel gesandt war. Nur wer das neue Zeichen nicht annahm, stand nicht im Neuen Bunde, verlor also auch eben damit viel von dem Guten, das ihm der Alte Bund, wenn er treu sein wollte, eingetragen hatte, weil er den jetzt in's Leben getretenen Rat Gottes wider sich selbst verachtete, wie Jesus sagte. Mag es auch so sein, daß die Person Jesu, welche in der Folge für die Möglichkeit einer vollen Vergebung Alles ausmachte, zunächst nicht in Betracht kam, wenigstens nicht vor Augen, so wurde doch durch die Taufe Johannis der Grundgedanke tatsächlich ausgesprochen, der hinfort den Neuen Bund vor dem Alten charakterisiert, daß, wie in diesem das Gesetz, so in jenem Gnade und Wahrheit walten werde. Auch ist nicht zu übersehen, daß doch schon Jesus und was Er war und kämpfte, im Verborgenen auf die Wirkung der Taufe Johannis Einfluß hatte. Im Stillen hatte Jesus auf Erden das Wohlgefallen Gottes an den Menschen vorbereitet, wie dasselbe gegen Ihn selbst bei Seiner Taufe ausgesprochen wurde. War den Menschen das Wohlgefallen Gottes schon mit der Geburt Jesu angebrochen, wie die Engel bezeugten, so ist dasselbe bereits weiter gekommen durch den bis hieher von Jesu bewiesenen Gehorsam, der den Menschen zu gut kam. So konnte wirklich bereits in tieferem Sinn den Bußfertigen durch die Taufe Johannis eine Vergebung zukommen, wie es früher nicht möglich gewesen wäre; denn bereits waren die ersten Früchte des Siegs Jesu wider die Finsternis und Übermacht der Sünde im Verborgenen fühlbar. Wie also von Johannes an das Bundeszeichen für den Neuen Bund eingeleitet wurde, so wurde dasselbe in der Folge bleibend, aber nun mit offenbaren Beziehungen auf Jesum selbst, nicht nur für Israel, sondern für alle Völker der Erde; und bei diesen kam das alte Bundeszeichen gar nicht mehr zur Anwendung, bei den Judenchristen allmählich von selbst in Abgang. (Forts. folgt.)
97) Über die Taufe.
(Vierter Abschnitt.)
Im Vorigen mag für Viele etwas Auffallendes gelegen sein, weil man nicht gewohnt ist, die Taufe Johannis so hoch zu stellen, dieselbe vielmehr als etwas minder Bedeutendes ansieht, weil Johannes selbst sagt, daß seine Taufe nur mit Wasser geschehe. Die rechte Anschauung auch über die christliche Taufe können wir doch nur gewinnen, wenn wir den Umstand wichtig nehmen, daß die Taufe überhaupt, die sonst in keiner Weise üblich gewesen war, als etwas unmittelbar, und zunächst außer der Person Jesu, bestimmt vom Himmel Gekommenes angesehen werde. Schon das, daß Jesus sie von Johannes annimmt, auch durch sie den heiligen Geist empfängt, ist bedeutsam. Wie Jesus alles Alttestamentliche, weil von Gott gekommen, gelten läßt, aber in's Vollkommene erfüllt und verklärt, so hat Er auch das in der Mitte zwischen Gesetz und Evangelium Liegende angenommen und nach dem Rat Gottes in das verklärt, was wir in der christlichen Taufe haben. Um den Eindruck von Solchem zu verstärken, erinnere ich noch an manches Andere.
Zuerst erinnere ich an Andeutungen, welche in den alten Propheten liegen, um deren willen die Taufe von den Volksgenossen Johannis als etwas in die Verheißung Gehörendes angenommen werden konnte. Ich stelle hier etliche Aussprüche zusammen. So sagt Jesajas (52, 15) vom Knecht des Herrn: "Er wird viel Heiden besprengen, daß auch Könige werden ihren Mund gegen Ihm zuhalten." Bei Hesekiel (36, 25) sagt der Herr: "Und will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet. Von alle eurer Unreinigkeit und von alle euren Götzen will ich euch reinigen." Hieran wird auch die bekannte Verheißung des neuen Herzens und des neuen Geistes, des Geistes des Herrn, angeknüpft. Auch Jes. 55, 1 ist nicht unwichtig, da es heißt: "Wohlan Alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, und kaufet und esset." denn es steht in Verbindung mit dem Weiteren (v. 3), das an die Stelle in Jeremias vom neuen Bunde erinnert: "Denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids," auch mit dem, was v. 7 steht: "Der Gottlose bekehre sich zum Herrn, so wird Er sich sein erbarmen; denn bei Ihm ist viel Vergebung." In Jes. 44, 3. 4 ferner wird Wasser und Geist zusammengestellt, wie es in der christlichen Taufe sein soll: "Denn ich will Wasser gießen auf die Durstige, und Ströme auf die Dürre; ich will meinen Geist auf deinen Samen, gießen, und meinen Segen auf deine Nachkommen, daß sie wachsen sollen, wie Gras, wie die Weiden an den Wasserbächen." Was der Herr in dergleichen Sprüchen verheißt, steht Alles über dem Gesetze Mosis oder über dem Alttestamentlichen, über dem bisherigen Bunde, der durch ein Neues zu einer Verklärung und Vervollkommnung kommen soll. Nicht bedeutungslos ist auch das, was einst Samuel, wie vorbildlich, tat, bei einer allgemeinen Buße, zu welcher er das Volk anleitete, wenn wir lesen (1 Sam. 7, 6): "Und sie kamen zusammen in Mizpa, und schöpften Wasser, und goßen's aus vor dem Herrn, und fasteten denselben Tag, und sprachen: Wir haben dem Herrn gesündiget." Hier wurde freilich das Wasser vor dem Herrn ausgegossen. Aber wenn man sich's recht denken will, wurde damit angedeutet, daß das Wasser, als über das Volk zur Reinigung hinfließend, vor dem Herrn ausgegossen wurde; denn sonst könnte man dieser Zeremonie keine rechte Bedeutung geben. So ist's auch gemeint, wenn noch zur Zeit Jesu an einem gewissen Feste Wasser vom Teich Siloah zum Tempel herauf gebracht und vor dem Altar feierlich ausgegossen wurde, wie man's zu Joh. 7, 37 ergänzen muß, da denn Jesus auftrat, rief und sprach: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke." Nach der angeführten Auslegung liegt in solcher Zeremonie offenbar der Begriff der Taufe.
Wenn wir das Bisherige uns recht vergegenwärtigen, so wird uns Vieles bei Johannes erklärlich. Das Volk kann's verstehen, kann sich leicht drein finden, wenn Johannes von der Taufe der Buße predigte zur Vergebung der Sünden, mit der Erklärung, daß Gott ihn gesandt habe, so zu predigen. Denn sie konnten seine Taufe in Verbindung bringen mit den Verheißungen. Daher, daß schnell das ganze Land herbeikam, und ohne viel Besinnens sich taufen ließ, und daß überhaupt Johannes nicht als ein Neuerer da stand, der's gegen das Bestehende habe. Selbst einzelne Pharisäer und Sadduzäer, obwohl deren Mehrzahl ferne blieb, machten sich ganz unbefangen her, freilich nicht mit dem rechten Sinn, aber mit dem stillen Gedanken, getauft zu sein könnte ihnen dienen, wenn das Reich Gottes durch den Messias angienge. Auch Kriegsknechte und Zöllner und Huren, wie Jesus sagt (Matth. 21, 31. 32) kamen; und der Heiland konnte es frei Allen zum Vorwurf machen, die nicht kamen (Luk. 7, 29, 30). Denn die Verachtung der Taufe zeugte von einer unfrommen Gesinnung bezüglich des erwarteten Messias und des sich offenbarenden Gottes. Besonders belehrend ist das, daß Abgeordnete von Jerusalem, bestehend aus Priestern und Leviten, welche denken konnten, daß Johannes in etwas eingreife, was nur ihnen gebühre, obwohl er eines Priesters Sohn war, zu Johannes kamen (Joh. 1, 19-28). Sie hatten Auftrag, nachzusehen, was es mit Johannes wäre, und namentlich mit dem, daß er taufte. Sie dachten daran, daß mit dieser Taufe ein Neues, etwa das verheißene Große, wie sie fürchteten, angebahnt werden wolle. Denn sie fragten: "Warum taufest du denn, so du nicht bist Christus, noch Elias, noch der Prophet?" Von einem Christus, oder Elias, oder Propheten, wenn dergleichen nach der Meinung des Volks wieder kämen, hätten sie's begriffen, wenn er taufe, oder von Einem, der sich für etwas der Art ausgebe. Wenn aber Johannes etwas der Art nicht ist, wie er bekannte, so mochten sie's für eine Anmaßung halten, daß er taufe, wiewohl sie's geschehen ließen, weil es nicht unverträglich war mit dem Bestehenden, wenn nur Johannes nichts Besonderes sein wollte. Wir sehen jedenfalls, daß der Gedanke, etwas, wie die Taufe, werde kommen, wenn das erwartete Neue angienge, dem Volke nicht ganz und gar fremd gewesen sein muß; und Johannes stand deswegen groß vor ihm da, mit seiner Taufe, daß es sogar einmal im Wahn war, er sei Christus. Gewiß hat auch Jesus ihn um der Taufe willen, mit welcher etwas Göttliches von oben sich verband, "ein brennend und scheinend Licht" genannt (Joh. 5, 35); "Ihr aber", setzte er hinzu, "wolltet eine kleine Weile fröhlich sein von seinem Lichte." Daß sich aus dem Allem viel für die christliche Taufe ergibt, werden wir in Nachfolgendem sehen. (Forts. folgt.)
98) Über die Taufe.
(Fünfter Abschnitt.)
Weil wir über die Taufe Johannis im Vorigen so viel gesprochen haben, möchte ich noch etwas zur Vervollständigung nachtragen, ehe ich auf die christliche Taufe zu reden komme. Merkwürdig nämlich ist es, daß sich lange in Palästina und sonst neben den Christen eine Sekte als Johannisjünger, welche die Taufe unter sich fortsetzte, erhalten hat, und von welcher sogar heute noch Spuren in Mesopotamien sich finden. Außerdem nämlich, daß Johannes mit der Taufe auf's ganze Volk wirkte, muß es ihm, ehe Jesus aufgetreten war, Bedürfnis gewesen sein, Vertrautere als seine Jünger um sich zu haben, denen er besonderen Unterricht gab, und die er, wie es scheint, auch ein wenig organisierte, damit ein Bleibendes wäre, bis der Messias vollends käme. So lesen wir (Luk. 11, 1), daß die Jünger Jesu den Heiland baten, Er solle sie beten lehren, "wie auch Johannes seine Jünger lehrete." Hienach mag Johannes auch ein Mustergebet gegeben haben. Auch Fastenregeln mag er seinen Jüngern gegeben haben, weil es heißt, daß diese oft fasteten (Matth. 9, 14; Marc. 2, 18; Luk. 5, 33). So ist denn auch häufig von Jüngern Johannis die Rede, die in näherer Verbindung zu ihm standen, und welche Mühe hatten, von ihm sich zu trennen und zu Jesu überzugehen, was Andere, wie mehrere spätere Apostel, alsbald taten, wie von Johannes gewiesen zu Jesu.
Viele solcher Johannisjünger sahen sogar scheel auf Jesum, wie aus ihrer Frage an den Täufer ersichtlich ist: "Meister, der bei dir war jenseits dem Jordan, von dem du zeugetest, siehe, der tauft, und Jedermann kommt zu ihm" (Joh. 3, 25. 26 ff.). Johannes sucht sie wohl zurechtzubringen, indem er ihnen sagte, er habe immer gesagt, er sei nicht Christus, - denn ungemein hoch stellten ihn seine Jünger, - sondern nur vor ihm her gesandt. "Er muß wachsen," setzt er hinzu, "ich aber muß abnehmen." Aber es muß ihm nicht sehr mit ihnen gelungen sein, und gerade ihre Bedenken gegen Jesum, in welchem sie den Messias nicht erkennen konnten, mag der hauptsächlichste Anlaß zur Gesandtschaft an Jesum gewesen sein, mit der Frage: "Bist Du, der da kommen soll; oder sollen wir eines Andern warten?"
Sie blieben fern von Jesu; und nach dem Tode Johannis, da man denken sollte, jetzt hätten sie keine Wahl mehr, sondern müßten sämtlich zu Jesu übertreten, konstituiere sich, weil auch die Stimmungen zu Jesu sonst geteilt waren, ein Teil zu einer besonderen Sekte, die unter sich die Taufe fortsetzte, aber stets geschieden von Jesu blieb, als hätten sie auf den rechten Messias erst zu warten, bis zu welchem sie sich als Jünger Johannis fort erhalten müßten. Man sieht, wie sie in der Taufe ein Neues, von Gott Gekommenes, sahen, bei dem sie aber den Zeitpunkt, da der Messias da war, durch welchen die Taufe erst ihr Vollkommenes erreichen sollte, versäumten, so daß sie, je länger, je unempfänglicher wurden für das, was Jesus gebracht hatte. Diese von den Christen abgesonderte Gemeinschaft hat sich, wie oben bemerkt, bis heute forterhalten; und unter dem Namen Sabier und Nasoräer sind ihrer Viele noch zerstreut in Mesopotamien und Syrien zu finden, freilich jetzt in heidnischen Aberglauben versunken, aber doch mit allerlei richtigen und unrichtigen Erinnerungen an Johannes und seine Taufe. Sie lassen nicht gerne in das Wesen, das sie haben, hineinsehen, und sind völlig ungeneigt, sich zu Christo zu wenden, wie von Missionaren, die sie gefunden und geschildert haben, berichtet worden ist.
Eigentümlich ist es, daß schon in den ersten Zeiten auch auswärts Johannisjünger angetroffen wurden, die wohl von der Taufe Johannis wußten, und für diese eiferten, aber von Jesu keine Kunde hatten. Unter ihnen war Apollo (Apost. 18, 24-28), "ein beredter Mann und mächtig in der Schrift." Dieser scheint als Eiferer unter den Juden in Ephesus gezeugt zu haben, daß nach dem Zeugnis Johannis des Täufers, dessen Taufe er empfangen hatte, der Messias in der Nähe sein müsse. Wenn er den Weg des Herrn unterweisete, so sind das die besonderen Messiasgedanken, die ihm von Johannes bekannt geworden waren. Er redete mit brünstigem Geist, und predigte frei in der Schule, die zu Ephesus war. Er muß Eindruck gemacht haben; denn so lange nicht anf ein Bestimmtes hingewiesen wird, da es gilt, sich nun herzugeben, sind ihrer Viele bereit, Alles zu hören und sich dadurch erbauen zu lassen. Indessen kamen jetzt Aquila und Priscilla, das bekannte würdige christliche Ehepaar, mit ihm zusammen. Sie nahmen ihn zu sich, und legten ihm den Weg Gottes noch fleißiger aus, d. h. sie erklärten ihm, wie des Johannis Verkündigung des Messias an Jesu erfüllt worden sei. Apollo war augenblicklich entschieden für den Glauben an Jesum, und wurde fortan nur um so feuriger ganz im Einklang mit den Verkündigern des Evangeliums. Daß er noch einmal getauft worden sei, wird nicht in der Apostelgeschichte (18, 24-28) gesagt; aber des heiligen Geistes muß er doch, wie andere Christen, teilhaftig worden sein, vielleicht durch Vermittlung und Handauflegung des Aquilas. Man sieht, welch guter Boden durch die Taufe Johannis gelegt wurde, an lauteren Seelen, die bei ihr mit Lebendigkeit den Glauben des kommenden Messias ergriffen, und in der Auffassung des Letzteren sich unterweisen ließen. Mit Leichtigkeit konnte da die Ergänzung der Taufe, auch ohne weitere Taufe, d. h. die Mitteilung des heiligen Geistes eintreten, wenn gleich zuvor nur die Wassertaufe erteilt war. Apollo tat sich jetzt hervor unter den Brüdern in Ephesus; und diese gaben ihm, als er nach Achaia oder Korinth reisen wollte, einen Empfehlungsbrief mit, zur Aufnahme. Dort förderte er die gläubig Gewordenen; und sonst "überwand er die Juden beständiglich, und erweisete öffentlich durch die Schrift, daß Jesus der Christ sei". Er bekam ganz den Character eines Apostels (1 Kor. 3, 5. 6. 22). In Korinth bildete sich freilich nach ihm, aber sicher ohne seine Schuld, eine Partie, die sich Apollisch nannte, im Gegensatz zu Paulisch und Kephisch und Christisch (1 Kor. 1, 12; 3, 4 ff.). Paulus jedoch schätzte ihn, und nannte sein Wirken in Korinth ein Begießen dessen, was er gepflanzt habe.
In Ephesus fand Paulus noch andere Jünger, an der Zahl zwölf, welche auch nichts von einem heiligen Geist wußten, der schon da wäre, und nur auf Johannes den Täufer getauft waren. Von diesen lesen wir:
Apost. 19, 2. "Zu den sprach Paulus: Habt ihr den heiligen Geist empfangen, da ihr gläubig wurdet? Sie sprachen zu ihm: Wir haben auch nie gehört, daß ein heiliger Geist sei." - v. 3. "Und er sprach zu ihnen: Worauf seid ihr denn getauft? Sie sprachen: Auf Johannis Taufe." - v. 4. "Paulus aber sprach: Johannes hat getauft mit der Taufe der Buße und sagte dem Volk, daß sie sollten glauben an den, der nach ihm kommen sollte, das ist Jesus, daß Er Christus sei." - v. 5. "Da sie das höreten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesu." - v. 6. "Und da Paulus die Hände auf sie legte, kam der heilige Geist auf sie, und redeten mit Zungen und weissageten." - v. 7. "Und alle der Männer war bei Zwölfen."
In ähnlicher Weise mögen noch Viele, welche einst Johannes getauft hatte, zu den Christen herbeigekommen sein, wenn sie noch nicht zu den Johannisjüngern gehörten, die sich zu einer besonderen Gesellschaft konstituiert hatten. Bedeutungsvoll bleibt das immer, daß die Taufe Johannis so große Nachwirkung hatte, daß sie auch bei Solchen, die nichts von Jesu erfuhren, fortdauerte. Die Getauften fühlten sich schon durch die gesteigerte Erwartung und Erkenntnis des kommenden Messias in einem Neuen, weswegen jene Zwölfe schon Jünger genannt werden konnten (Apost. 19, 1), ehe sie Jesum erkannt hatten. Mit Bezug auf Johannisjünger aber, welche jetzt eine Sekte bildeten, mag der Evangelist Johannes, sie zurechtzuweisen, im Eingang seines Evangeliums von dem Täufer gesagt haben:
Joh. 1, 6. "Es ward ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes." - v. 7. "Derselbige kam zum Zeugnis, daß er von dem Lichte zeugete, auf daß sie Alle durch ihn glaubten." - v. 8. "Er war nicht das Licht, sondern daß er zeugete von dem Licht."
Zur Würdigung der Taufe des Johannes, als einer von Gott gekommenen, und durch eine Wirkung sich bewährenden, mag im Bisherigen genug gesagt sein. Wie aus ihr die christliche Taufe sich bildete, soll nun im Nächsten erörtert werden. (Forts. folgt.)
99) Über die Taufe.
(Sechster Abschnitt.)
Indem ich nun zur christlichen Taufe übergehe, erinnere ich zuerst an die Worte Johannis, des Täufers, da er sagt (Matth. 3, 11), er taufe mit Wasser zur Buße, der aber nach ihm komme, der taufe mit dem heiligen Geist und mit Feuer. Unter dem Feuer kann man wohl nichts Anderes verstehen, als den Feuerschein, mit dem sich später das Kommen des heiligen Geistes auf den Täufling und Andere sichtbar, und das Dasein des heiligen Geistes bei verschiedenen Gelegenheiten (vergl. Apost. 6, 15; 7, 55) erkennbar machte, so daß Johannes sagen wollte: "mit dem heiligen Geiste, der durch Feuer sich sichtbar und erkennbar machen würde." Eben darum, weil bei der Taufe etwas Sichtbares von oben her wahrnehmbar war, das sich auch fortan immer wieder je und je wahrnehmbar machte, kann man die Taufe ein Bundeszeichen nennen. Wie das erste Bundeszeichen am Leibe blieb, so war das zweite, geistig wirkend, etwas Bleibendes und mehr oder weniger äußerlich Wahrnehmbares. In der Absicht Gottes war es, vermittelst der Taufe den durch Christum völlig Versöhnten ein sichtbares Zeichen zu geben, daß man den Getauften von andern Menschen durch ein bestimmtes Äußeres zu unterscheiden sollte im Stande sein. O daß doch solches Bundeszeichen wieder fühlbarer und sichtbarer werden dürfte!
Der Erste, welcher die Geistestaufe in Verbindung mit der Wassertaufe empfing, war im Grunde doch der Herr selbst; und eben damit kam die Taufe an und für sich, als von Gott befohlen, zu einer besonderen Würdigung. Jesus kam, wie andere fromme Israeliten, zur Taufe Johannis. Obwohl Er sich nicht Sünder fühlte, hatte Er doch als der, welcher der ganzen Welt Sünde trug, das Bedürfnis, da hin zu gehen, wo die Vergebung angeboten war, welch letztere für Ihn eine umfassende Bedeutung gewann. Neigte sich bei der Taufe Gott freundlich zu Ihm, so kam das denen Allen zu gut, die Er als Sünder auf dem Herzen trug. Bekamen nun wirkliche Sünder schon bei der Taufe eine Empfindung der Gnade Gottes, so machte sich diese bei Jesu zu einer feierlichen Erklärung von Seiten Gottes, daß Er an Jesu ein vollkommenes Wohlgefallen habe. Sollte daher später die in Übung gekommene Taufe auch im Namen Jesu vollzogen werden, so ist klar, wie da sollte das Wohlgefallen Gottes an Jesu auch übergehen auf die, welche getauft wurden. Die Taufe Johannis zur Vergebung der Sünden bekam also ihre Vervollkommnung durch Christum.
Man kann nun Jesum auch mit Abraham vergleichen, der als Erstling das Bundeszeichen des Alten Bundes bekam, und zwar so, daß Alle, die gleich ihm das Bundeszeichen erhielten, um Abrahams willen in eine persönliche freundliche Beziehung zu Gott kamen. Der Herr nannte die zusammen Seinen erstgebornen Sohn, und später auch durch die Propheten (Hos. 11, 1) Seinen Sohn, den Er aus Ägypten berufen habe. Jesus aber, der als Erstling des neuen Bundes das Bundeszeichen des heiligen Geistes durch die Taufe erhielt, wird in vorzüglichem Grade der geliebte Sohn genannt; und die, welche an Ihn glaubend gleich Ihm getauft werden, sind nun zusammen auch Eins, mit Jesu zusammen Eine Persönlichkeit, Ein Leib, Ein Sohn vor Gott; und die Einzelnen heißen Seine, und eben damit auch Gottes Kinder, die Er einmal dem Vater vorstellen wird mit den Worten (Hebr. 2, 13): "Siehe da, ich und die Kinder, die Du mir gegeben hast." Im Alten Bunde nun hieß der Herr der Gott Abrahams, und um Abrahams willen auch derer, die, wie er, im Bunde stunden; im Neuen Bunde heißt Er der Vater Jesu Christi, und um Jesu willen auch Aller, die auf Jesum getauft sind und durch die Taufe im Neuen Bunde stehen.
Jesus nun erhielt zuerst an sich, als dem Menschensohne, das volle Bundeszeichen des Neuen Bundes, welcher Letztere völlig mit Gott versöhnte Glieder in sich schließen sollte; und das Bundeszeichen, das Ihm nach Alle haben sollten, war die Wasser- und die Geistestaufe. Eben an dem aber, was bei der Taufe Jesu vorging, haben wir den sichersten Fingerzeig darüber, wie es fortan mit aller Taufe nach dem Willen Gottes sein sollte. 1) Statt der Vergebung der Sünden, welche andere Israeliten empfingen, Jesus aber nicht nötig hatte, bekommt Jesus die Zusicherung des göttlichen Wohlgefallens. Diese Zusicherung ausreichenden Wohlgefallens soll auch um Christi willen, des Erstlings unter den Getauften, mit der Taufe jedem Täufling zugesichert werden. Bei Christo hat der bisher bewiesene persönliche Gehorsam das Wohlgefallen Gottes zuwege gebracht; und durch Sein Einssein mit dem Menschengeschlechte ist jedem Menschen gestattet, durch ein gläubiges Anklammern an Jesum zu gleichem Wohlgefallen Gottes zu gelangen, daß nichts mehr steht zwischen Gott und den Menschen. - 2) Jesus heißt der geliebte Sohn und wird als solcher von Gott, Seinem Vater, auch als Menschensohn erkannt. Es wird Ihm also das Kindesverhältnis zu Gott zugesichert, in welchem Er als Sohn zum Vater steht. So sollten auch alle Täuflinge als Kinder Gottes fortan angesehen werden, die dem Vater als Kinder so nahe stehen, als Jesus selber. - 3) Solches zu besiegeln, wird der heilige Geist auf Jesum vom Himmel niedergesenket, mit der Gestalt einer Ihn überschattenden, Ihn unter Seine Flügel nehmenden Taube; und Gott gab Ihm den Geist nicht nach dem Maß (Joh. 3, 34). Aber, wie Er, sollten alle Täuflinge des heiligen Geistes teilhaftig werden. Wenn derselbe auch nicht in der Gestalt einer Taube aus geöffnetem Himmel herab kommt, so soll Er doch durch Feuer und Feuerschein sichtbar sein, wie das in der ersten Zeit immer gewesen sein muß, weil man bestimmt sagen konnte, wann der heilige Geist auf Jemand gefallen war.
Wenn daher Johannes gesagt hatte, daß Jesus würde mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen, so wird Jesus damit als der Erstling, an welchem das geschah, bezeichnet, aber auch als der, von dem aus der Geist auf andere Getaufte komme, weswegen diese fortan auf den Namen Jesu getauft werden sollten, was erst nach der Entrückung Jesu in den Himmel, von wo her allein die Verheißung des Geistes kommen konnte, möglich war; und weil der heilige Geist als persönlich zu denken ist, sollte auch auf diesen getauft werden. Daher die Taufworte, die bei der christlichen Taufe zu brauchen sind, daß sie geschehe auf den Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Diese Worte geben zu erkennen, wie der Täufling ganz seines Gottes, als des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, werde, daß also der Vater ihm wieder Sein ganzes väterliches Herz zuwendet, mit einem Wohlgefallen, wie Er es über Jesum selbst ausgesprochen hat, Solches aber um Jesu willen, und in der Art, daß Gott im Täufling Seinen Sohn, Jesum Christum, ansieht, ferner mit der Wirkung, daß der heilige Geist als Person mitgeteilt wird. Hierauf weisen viele Stellen in den Briefen der Apostel hin, namentlich wenn Paulus zu den Galatern (3, 27) sagt: "Wie Viele euer getauft sind, die haben Christum angezogen." Damit ist gesagt, wie ihnen Jesus mit dem, was er für uns wurde, durch die Taufe ganz zu eigen geworden ist, so daß Gott nicht mehr sie, sondern Jesum in ihnen ansieht. So heißt es auch (Röm. 6, 3): "Wisset ihr nicht, daß Alle, die wir in Jesum Christum getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft." Hieraus schließt Paulus Zweierlei (v. 4 u. 5), nämlich erstlich: "Wir sind mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, samt Ihm gepflanzet zu gleichem Tode," und zweitens: "Wir werden es auch sein zu gleicher Auferstehung." Gott sieht uns also in dem gekreuzigten Sohn an, dessen Tod uns versöhnt hat (vergl. auch Kol. 2, 11. 12). Ferner sagt Paulus (1 Kor. 12, 12. 13): "Gleichwie Ein Leib ist, und hat doch viele Glieder, alle Glieder aber Eines Leibes, wiewohl ihr viel sind, sind sie doch Ein Leib; also auch Christus. Denn wir sind, durch Einen Geist, Alle zu Einem Leibe getauft." Wie bedeutungsvoll überhaupt die Taufe da steht, ist auch aus dem ersichtlich, wie Paulus so bestimmt sie mit Anderem zusammenstellt, wenn er sagt (Eph. 4, 4 ff.): "Ein Leib und Ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller, der da ist über euch Alle, und durch euch Alle, und in euch Allen."
(Forts. folgt.)
100) Über die Taufe.
(Siebenter Abschnitt.)
Wie, um noch einmal etwas Zusammenfassendes zu sagen, die Beschneidung, das Bundeszeichen des Alten Bundes, den Menschen in eine besondere persönliche Beziehung zu Gott brachte, weswegen auch das ganze Volk, weil sie Alle das Bundeszeichen an sich trugen, das Eigentum Gottes vor allen Völkern, ja ein priesterliches Königreich und heiliges Volk genannt werden konnte (2 Mos. 19, 5. 6), so bringt die Taufe, das Bundeszeichen des Neuen Bundes, in viel erhöhterem Grad den Menschen in eine persönliche Beziehung zu Gott. Eingeleitet wurde Solches durch Johannes, dessen Taufe schon in den Neuen Bund hereinragte, durch Erteilung einer Vergebung der Sünden nach Gottes Befehl, wie sie im Alten Testamente nie erteilt wurde, weil sie keine von Zeremonien abhängende, sondern eine auf Buße, also auf Innerlichkeit gegründete war. Die Vergebung des Johannes konnte darum schon weiter gehen, als die Vergebung durch Opfer, weil durch das, was Jesus bereits im Geiste gekämpft hatte, bis Johannes auftrat, Ansprüche der Finsternis an die Menschen weggeräumt waren, so daß die Vergebung, wenn sie erteilt wurde, eine wirkliche und völligere war. Daß Jesus im Stillen dabei beteiligt war, sieht man an dem, daß auch Er ohne Weiteres, wie Johannes, wenn auch durch Seine Jünger, zu taufen anfing, wozu Er bereits ein inneres Recht sich erworben hatte, ohne besonderen Befehl dazu von Gott zu bekommen. Für Ihn war's bereits etwas Selbstverständliches geworden, daß Er Sünden zu vergeben fähig sei. Die Vergebung, welche Johannes vermittelst der Taufe erteilte, hatte eine Ähnlichkeit mit der Vergebung, welche Jesus in einzelnen Fällen Sündern, die vor Ihm waren, ohne Taufe erteilte. Daß Jesus Macht habe, Sünden zu vergeben, wie Er sagt, zeigt an, daß das Verhältnis Gottes zu Israel ein anderes, und gleichsam freieres geworden war, als vorher. Hindernisse gegen vollere Gnade waren weggeräumt. Die Anklagen und Beschuldigungen Satans, des von Jesu bereits gebundenen Satans, um deren willen die frühere Vergebung nicht über diese Zeit hinausreichte, waren durch Jesu Person und stilles Wirken bereits so weit beseitigt, daß die Vergebung jetzt in's jenseitige Leben hinüberreichen konnte, wie beim Schächer am Kreuz. Das Gleiche war es bei Johannes gewesen, dem eben darum von Gott die Erteilung der Vergebung der Sünden zukam, weil sie jetzt weiter, und auch in's Jenseits, wenigstens in etwas, hinüberreichen konnte. Insofern war die Johanneische Taufe bereits eine neutestamentliche, und weil sie ihre Kraft durch den bereits mitwirkenden Christus bekommen hatte, dem Geiste nach, wenigstens annähernd, eine christliche zu nennen, die schon in's wirkliche Wohlgefallen Gottes annähernd führte. Die christliche Taufe, die später auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes erteilt wurde, vervollständigte und vollendete freilich die Johanneische Taufe. Sie vollendet das Wohlgefallen Gottes an den Menschen um Christi willen, mit Erteilung vollkommener Vergebung der Sünden und Versieglung derselben durch den heiligen Geist, der auch die persönliche Beziehung Gottes zu den Menschen und deren Gemeinschaft mit Gott auf ihren Höhepunkt brachte. Solches liegt Alles deutlich schon in den Worten Johannis, nach welchen er seine Wassertaufe als etwas Neues bezeichnete, das durch den Messias nur sich erweitern würde zu einer Geistestaufe. Weil's so war, so werden auch die auf Christum Getauften Heilige, Auserwählte, Geliebte Gottes genannt, nicht um ihres persönlichen, bereits fertigen sittlichen Wertes willen, der hier gar nicht in Betracht kommt, weil Alles aus Gnaden und nur aus Gnaden geht, sondern um deswillen, daß "Gott sie, zu Lobe Seiner herrlichen Gnade, angenehm gemacht hat in dem Geliebten", d. h. in Seinem geliebten Sohne. Wir sehen so, wie die Herabsetzung der Taufe Johannis gegenüber der christlichen, fast bis zu einem Nichts, ganz gegen den Geist und Sinn der Schrift ist und gegen die ganze wunderbare Heilsökonomie.
Wie nun Gott im Alten Bunde ein ganzes Volk durch ein Bundeszeichen zu Seinem Eigentum vor allen Völkern machte, so sollte auch im Neuen Bunde Israel als Volk Eigentum Gottes in erhöhtem Sinn werden, weswegen schon Johannes alles Volk, das willig war, taufte, und als für Alle gekommen sich darstellte. Daß es später nicht wurde, das war dem Paulus der große Schmerz, den wir kennen, da er nur dessen sich getröstete, daß doch zuletzt ganz Israel, weil "Gottes Gaben und Berufung Ihn nicht gereuen mögen" (Röm. 11, 29), selig werde. Zugleich aber sollten jetzt alle Völker als Völker, die bisher verkürzt zu sein schienen, Eigentum Gottes werden, in eine persönliche Beziehung zu Gott kommen. Wohl dürfen wir hiefür die Worte des Vaters zum Sohne in einem messianischen Psalmen (2, 8) als Beleg nehmen: "Heische von mir, so will ich Dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigentum." So dürfen wir auch die Worte Jesu bei Erteilung des Taufbefehls nicht unterschätzen, wenn Er alle Völker in die Jüngerschaft aufnehmen und taufen heißt (Matth. 28, 19; Marc. 16, 15. 16; Luk. 24, 47). Der Herr hat es offenbar auf Völker abgesehen, oder auf Zentralisierung des Evangeliums unter den Völkern, und möglichst unter deren Gesamtheit. Er will durch die Taufe, als ein bleibendes Bundeszeichen, ganze Völker persönlich an sich binden, und sich an sie, um die Erlösung in umfassendster Weise zu bewerkstelligen.
Wie daher bisher nur Ein Volk Eigentum Gottes war vor allen Völkern, so sollen jetzt alle Völker der Erde ein dem Herrn zugehöriges Eigentum werden, dem Er alle nur erdenkliche Gnade und Hilfe zur Erlösung zusichert, wie es auch im Einzelnen zu Zeiten bei ihnen sich gestalten mag. Sie sollten angeschlossen werden an das alte Bundesvolk unter dem gleichen Namen Israel, weil in dieses hereinwachsend. Wenn daher Gott im Alten Bunde Israel Seinen erstgeborenen Sohn nannte, so ist Israel damit als das erste Volk der Erde bezeichnet, zu welchem Gott in ein persönlich väterliches Verhältnis sich stellte. Dem erstgebornen Sohne aber sollten viele andere Söhne nachgeboren werden; und das waren die vielen Völker der Erde, die nach und nach den Rang von Söhnen bekommen sollten, wie Israel diesen Rang bisher allein hatte. Brannte es doch einst, daß ich so sage, dem lieben Gott selbst in Seinem Herzen, daß Er Israel, das halsstarrige Volk, sollte allein als Seinen Sohn zu behandeln gehalten sein, wenn Er einmal, nach viel Bitten Mosis, wie mit schwerem Herzen sagte (4 Mos. 14, 20. 21): "Ich hab's vergeben, wie du gesagt hast. Aber so wahr, als ich lebe, so soll alle Welt der Herrlichkeit des Herrn voll werden," wie sie nämlich jetzt in Israel allein zu sehen war.
Wenn wir solchen Gedanken, die freilich viel Widerspruch finden, kein Recht lassen, so fehlt uns der rechte Begriff der Welterlösung, wie sie durch Jesum gebracht werden sollte. Man gibt der Erscheinung Jesu, des Fleisch gewordenen Wortes, auf Erden eine viel zu geringe Bedeutung, wenn man sagt, im Alten Bunde sei's wohl ein Volk gewesen, das Gott sein Eigentum nannte; im Neuen sei's nicht mehr so, weil da Gott nur den Sein Eigentum nenne, der völlig richtig im Glauben steht. Wenn Er aber durch weiteste Verbreitung eines Bundeszeichens alle Welt, alle Völker in die Vorstufe der persönlichen Zugehörigkeit zu Gott bringen will, um auf diese Weise, wenigstens zuletzt, der Erlösung den weitesten Umfang möglich zu machen, indem Gott sich selbst gleichsam eine Verpflichtung auferlegt, auf das Ihm Zugesprochene, von Ihm vorläufig Angenommene, Ihm persönlich Zugehörige alle Sorge, Mühe und Gnade zu verwenden, daß es möglichst nicht verloren gehe, wer wird das unbegreiflich finden, wenn er doch liest, wie sehr Gott die Welt geliebt habe, wie Er die Welt versöhnte mit sich selbst, wie Jesus die Versöhnung für der ganzen Welt Sünde geworden ist?
Ich will jetzt nicht ganz nach meiner Auffassung der Schrift und Heilsökonomie mich aussprechen. Ich erinnere nur an das, daß es keinen andern Weg gibt, alle zur Annahme des Evangeliums fähig n Menschen in den Bereich des Evangeliums hereinzubringen, als daß Gott sich in eine persönliche Beziehung zu Allen, namentlich zu ganzen Völkern, setzt. Tausende kämen in der Gesamtheit zu kurz, wenn nur Wenigen die persönliche Zuneigung Gottes zukäme, und sonst Sünder von Gott stiefväterlich bei Seite gestellt würden. Nimmt Gott Alle vorläufig in einen Bund mit sich auf, wie das durch die Taufe geschieht, so mögen wohl Viele einmal ausfallen, wie einst auch in Israel; aber mit Sicherheit werden die nicht ausfallen, die glaubensfähig sind unter der Gesamtheit. Wie leicht kann auch eine Gesamterregung zuletzt noch eintreten, wenn Alle, ob böse oder gut, doch vorläufig des Gottes sind, der sie durch die Taufe Sein und Seines Sohnes und des heiligen Geistes nennt! Es konnte also gar nicht anders gehen, als wie es gegangen ist, daß durch Gottes Fügung ganze Völker durch die Taufe christlich wurden, christliche Weise und Sitte annahmen, große Kirchengemeinschaften sich bildeten, die allezeit insgesamt gepflegt wurden, und unter denen man das Unkraut mit dem Weizen hat herwachsen lassen müssen, bis zur Zeit der Ernte. Durch ein Volkschristentum, wie sich's machte, allein kann es geschehen, daß Niemand verloren geht, der gewonnen werden kann. Wenn Gott nicht will, daß Jemand verloren gehe, so mußte Er Alle zusammen unter Eine Hut bringen und Alle mit väterlicher Geduld tragen, auch segnen; und die erlangte Taufe gibt Jedem das Gefühl, daß es Seinem Heiland nahe stehe, wenn es das auch nicht verdiente. In's Netz muß ja zuletzt ohnehin noch Alles herein, damit wenigstens von den Guten Keines wegbleibe. Welche Bedeutung das Alles namentlich für die Kindertaufe hat, werden wir im Weiteren sehen.
101) Über die Taufe.
(Achter Abschnitt.)
Wir wollen jetzt gleich auf die Kindertaufe Bezügliches sagen, obgleich noch andere Fragen hätten vorher können berücksichtigt werden. Wenn die Taufe als ein Bundeszeichen anzusehen ist mit Gott durch Christum, daß der Getaufte dadurch in eine persönliche Beziehung zu Gott kommt vor andern Menschen, so kann man sagen, sei dem Herrn jeder Getaufte, was Ihm einst Abraham gewesen war. Da war es Gottes Gesinnung, daß der Bund sollte als ein mit dem ganzen zukünftigen Geschlechte Abrahams geschlossener gelten, indem dieses Geschlecht gleichsam eine einige Persönlichkeit vorstellt, wie Israel zusammen Gottes erstgeborner Sohn heißt. Deswegen wurde schon das achttägige Kind beschnitten. Soll nun der Bund, den Gott im Neuen Bunde mit dem Getauften schließt, geringer von Gott angesehen werden, so daß er zunächst nur dem Getauften gelten solle, nicht auch seinem nachgebornen Geschlechte, als ob dieses Ihn gar nichts angienge? Ist es nicht rein undenkbar, daß Kinder von Getauften dem Herrn sollten ferner stehen, als ihre Eltern, so daß sie Ihm nicht persönlich angehören und angehören dürfen, als bis sie in reiferem Alter den Bund wieder auf's Neue für sich schließen? Kann Gott nicht ein Kind als Ihm zugehörig ansehen, weil es die Glaubensartikel noch nicht hersagen kann? Wenn aber doch, warum soll denn ihm die Taufe, die das Bundeszeichen gibt, verwehrt werden?
Wenn die Eltern mit dem heiligen Geist getauft sind, kann doch diese Geistestaufe nicht ohne Einfluß sein auf Kinder, die aus ihnen, als ein Teil von ihnen, geboren werden? Sollte Gott außer Stands sein, diese Kinder, die doch zunächst ganz Eins sind mit den Eltern, als Ihm zugehörig und zu Ihm in persönlicher Beziehung stehend, aufzunehmen? Ein Kind, das die Mutter unter dem Herzen trägt, gehört das nicht dem Herrn so gut an, als die Mutter selbst? Kaum aber geboren, soll es der Herr bei Seite stellen, und sagen: "Jetzt stehe ich ihm fern; jetzt ist's nicht mehr mein, bis es im reiferen Alter mir selbst entgegenkommt mit Glauben!" Ist doch auch der Art nach das Kind von selbst schon dem Herrn näher gekommen, als andere Kinder. Denn die Geistestaufe gibt dem ganzen Menschen, der sie empfängt, eine andere neue Art. Oder soll das, was von ihm geboren wird, dieser neuen geistlichen Art ganz ferne stehen, daß es, um gerade heraus zu reden, einstweilen noch des Satans ist, obgleich die Mutter des Heilandes ist? Ist's aber schon in Mutterleibe nebst der Mutter des Heilands mit der neuen Geistesart, hat's denn da nicht auch zum Voraus eben das, was dem Herrn genügen kann, wenn man's ihm nach seiner Geburt förmlich und als Sein Eigentum in die Hände legen will?
Weil das Kind der Getauften noch Kind ist, braucht's, um zum ausgesprochenen Bund mit Gott zu kommen, gar nichts Anderes als die Aufnahme von Seiten Gottes, vermittelst des Zeichens, das Er an den Ihm Angehörigen haben und sehen will. Was das Kind etwa sonst ist, kommt da gar nicht in Betracht. Es braucht nicht zu glauben, wie Erwachsene glauben. Wenn nur das Kind von Gläubigen ist, mit denen es zunächst Eine Person ist, so kann und muß es Gott als Sein ansehen, wenn Er die Eltern als Sein ansieht. Menschlich gesprochen, wäre es ja ganz unnatürlich, wenn Gott ein Kind nicht sollte ganz ebenso als Ihm zugehörig nehmen können, wie die Eltern. Ist's denn nicht schon unter den Menschen so, daß sie Kinder von Freunden ganz gleich in ihr Gemüt aufnehmen, wie die Freunde selbst. Mir wenigstens geht es so, daß ich Kinder von alten Freunden, auch wenn sie erwachsen sind und schon verheiratet, selbst wenn ich vorher mit ihnen in keiner Beziehung stand, in der Regel gar nicht anders anreden kann, als wie ich's bei ihren Eltern mit Du getan habe. Es ist überhaupt ganz gegen die Natur, von unmündigen Kindern irgend etwas verlangen zu wollen, ehe sie als eigen von Jemanden aufgenommen werden können. Daher ist die Kindertaufe die allein natürliche, weil mit ihr allein den Gefühlen der Eltern Rechnung getragen wird. Es erscheint als eine steife gesetzliche Art, die ganz wider alles Gefühl geht, zu sagen: "Bei Leibe, ein Kind kann man nicht taufen, weil es noch nicht glaubt", oder eigentlich, weil es noch nichts aussprechen, sein Innerstes nicht in Worten herauskehren kann. Soll ich wirklich auf solch ein Rede hin es unterlassen, mein Kind dem Heiland als Sein Eigentum zu übergeben, und zwar auf dem Wege, den Er selbst angezeigt hat, durch die Taufe? Die Forderung des Glaubens mit Einem Worte gehört gar nimmer her, weil sie naturgemäß nicht verlangt werden kann, wenn von der Aufnahme eines Kindes zu den Rechten eines Kindes Gottes durch die Taufe die Rede ist. Selbst wenn jetzt getaufte Eltern nicht glauben, und Taufpaten nicht glauben, Niemand glaubt, wie es recht ist, darf man auf die Taufe des Kindes dringen, weil die Voreltern schon im Bund mit Gott gestanden sind, aus dem auch die ungläubig Gewordenen keineswegs gar gefallen sind; denn sind diese nicht treu, so bleibt doch Gott treu, wie ein Fels, wie Er's an Israel bewiesen hat. Gott will den christlichen Voreltern zu lieb auch deren späteste Enkel aufnehmen, wie Er einst um Abrahams willen allen seinen Samen als Sein, zu Seinem Volke gehörig, aufgenommen hat. Solches Alles liegt offenbar auch in der bekannten Stelle im Korintherbriefe (1 Kor. 7, 14), in welcher von Kindern, deren Eltern nur einseitig christlich waren, die Rede ist. Wie der ungläubige Teil, heißt's dort, durch den gläubigen geheiligt wird, so sind Beider Kinder "nicht unrein, sondern heilig"; und Letzteres nimmt Paulus ganz selbstverständlich.
Wie aber die Forderung des Glaubens bei Kindern getaufter Eltern eine unberechtigte ist, weil man ein Selbstverständliches durch die Forderung eines Unmöglichen nicht beseitigen darf, so sollte man in der Schrift nicht einmal ein Gebot für die Kindertaufe suchen. Ein Gebot findet sich allerdings nicht in der Schrift; und das mag immerhin der Fall sein, daß es der Herr gar nicht der Mühe wert gehalten hat, getauften Eltern, die den Geist haben, förmlich zu befehlen, sie müßten ihre Kinder schon als Kinder taufen. Muß denn zu Allem, auch zum Selbstverständlichsten, ein Gebot in der Schrift gegeben sein? Wir sind zur Freiheit berufen, und brauchen nicht zu Allem ein Gebot. Vieles überläßt uns der Heiland selber; denn wozu wäre uns sonst der heilige Geist gegeben? Wir sind nicht unter dem Gesetz; und insofern ist ein Unterschied zwischen dem Alten und Neuen Bunde. Im Alten Bunde war's befohlen, daß jedes Kind beschnitten werde, und zwar mit der Drohung, daß ein Knäblein, das nicht beschnitten würde, sollte ausgerottet werden aus seinem Volke. Solch ein Gesetz kann der Neue Bund nicht haben. Aber jenes Gebot sagt uns doch etwas vorbildlich, mindestens das, wie der Herr es will, daß auch unsre Kinder, so viel an uns liegt, in den Bund gebracht werden sollen, auch das, daß ungetaufte Kinder könnten Nachstellungen des Feindes ausgesetzt sein, weil sie doch dem Reich der Finsternis näher stehen, als der Gnade. Was Alles aber können Netze der Finsternis bringen?
Befohlen hat der Herr nur, daß man alle Völker taufen solle; und da mußte freilich darauf gesehen werden, daß, wer getauft sein will, Glauben habe. Wie es weiter mit der Taufe gehalten werden solle, wenn die Erwachsenen getauft sind, darüber hat der Herr nichts befehlen wollen. Das ist Sache der Eltern, die von selbst wissen und fühlen sollten, was das Richtige ist, aber freilich den rechten Blick ganz verlieren, wenn sie nach Gesetzen und Geboten sich umsehen, weil dann ihr Vernünfteln dazu kommt. Gilt ihnen die Taufe nichts, und wollen sie kein Verständnis haben für den Bund mit Gott vermittelst der Taufe, so befiehlt ihnen Gott nichts, weil solch Befehlen ganz wider den Geist Christi wäre. Wer daher außer den Bund mit Gott sich stellt, sich selbst nicht recht unter diesem Bunde fühlt, von dem hat Gott es nicht fordern wollen, daß er wenigstens sein Kind in den Bund mit Gott stelle. Was suchen wir doch ein Gebot der Kindertaufe, da es schon gar nicht möglich ist, daß es Gott sollte geben? Denn Seine Barmherzigkeit und persönliche Freundschaft will Gott Niemanden, auch Kindern nicht, für welche die Eltern nicht genug glauben, aufdringen. Der Geist hat's wohl die ersten Christen gewiesen, ihre Kinder zu taufen; aber weder der Herr noch die Apostel haben's befehlen wollen. Gesetzt aber, die ersten Christen sind ein wenig nachlässig gewesen mit der Kindertaufe, wie nach der Geschichte es scheint, was schadet's? Wollen wir wieder nachlässig werden? Jene sind allmählich auch in vielem Anderen nachlässig geworden, bis der persönliche heilige Geist ihnen wieder genommen war; und wie müssen nun wir wieder nach diesem ringen und seufzen?
Sonst wollen's Manche bedenklich finden, daß selbst von der Gewohnheit, Kinder zu taufen, nichts in der Schrift steht. Darauf erwidere ich, einmal, daß es eben keine Veranlassung gegeben hat, davon zu reden, sodann, daß es mag der Herr so geschickt haben, damit wir uns keinen Zwang auferlegt denken möchten. Die Kindertaufe sollte uns ein Anliegen, kein Zwang sein. Angedeutet ist aber Manches in der Schrift, das zeigt, daß der Herr nicht wider die Kindertaufe sein konnte. Schon die Stelle Pauli, daß die Kinder der Christen nicht unrein, sondern heilig seien, sagt genug. Ferner ist's erzählt, wie ganze Häuser und Familien getauft wurden. Wenn dem Zachäus Heil widerfährt, widerfährt's zugleich seinem Hause. Als der Hauptmann Cornelius den Petrus kommen ließ, fiel der heilige Geist auf alle seine Anverwandte, die da waren; und Petrus sagte: "Wer will diesen das Wasser wehren?" Hier ist freilich nicht an Kinder zu denken; aber Familiengruppen will doch der Herr haben. Soll man endlich nicht auch des Herrn Wort anführen dürfen: "Lasset die Kindlein zu mir kommen?" Eben weil dieses Wort so schlagend ist, wollen die Gegner der Kindertaufe gerne achselzuckerisch, als ob's nichts besage, darüber hinwegsehen. Zu Jesu Kinder bringen aber heißt, sie Ihm zu eigen geben, auch daß Er sie in's Himmelreich aufnehme. Ob's jene Eltern so meinten, oder nicht, so denkt offenbar der Herr daran, mit dem Segnen die geherzten Kinder Seine Kinder und Erben des Himmelreichs sein zu lassen. So hat bei Ihm das Segnen der Kinder auch die Taufe vertreten, wenigstens die Geistestaufe. Wie aber, wenn überhaupt die Eltern bei sich beschließen, und denken: "Ob's befohlen ist, oder nicht, ich will einmal, daß mein Kind des Heilands sei, daß es von Ihm als eigen, Ihm zugehörig, angesehen werde; und darum will ich mein Kind auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes getauft wissen, damit es zur Familie Gottes gezählt werde;" wird der Heiland sagen: "Was tut ihr da? Wer heißt euch taufen? Wisset ihr nicht, daß ein Mensch vorher glauben und gründlich unterrichtet sein muß, ehe ich ihn als mein durch die Taufe in Empfang nehmen kann?" Nimmermehr wird der Heiland so reden. Er tut auch, was wir wollen und wünschen, und tut's mit Freuden. Er befiehlt uns nicht nur, was Er will, sondern Er will auch tun, was wir wollen, namentlich in einer so wichtigen Herzenssache, da es sich darum handelt, ob ein Kind Eigentum des Herrn sein solle oder nicht.
"Ein Segen", sagen die Gegner, "tut's auch; segnen darf und soll man die Kinder wohl, nur nicht taufen." Aber, kann man denn Jemanden segnen, ehe er des Heilands ist? Auch ein Kind kann man nicht segnen. Man kann ihm nichts mit einem Segen geben, wenn man ausgesprochenermaßen nicht wagen will, dasselbe dem Heiland zu eigen zu übergeben. Wie kann's denn da der Heiland segnen, wenn man von Ihm denkt, Er könne so ein Kind noch nicht brauchen, nicht als eigen annehmen? Kannst du daher es Ihm nicht zu eigen übergeben, meinend, es sei unfähig, jetzt schon das Bundeszeichen zu empfangen, so kannst du's auch nicht segnen, nicht einmal wider die Anläufe des Teufels, weil es noch nicht entschieden des Heilands ist. Hat der Heiland einst gesegnet, so ist das ein Anderes. Wenn du aber, die Taufe als Bundeszeichen zur Übergabe in den Bund mit Gott ansehend, nicht taufen willst, so bleibt dein Kind ungesegnet, so viel du auch segnest, schon weil du den Rat Gottes nicht erkennen willst, den Er mit der Taufe hat. Segnet aber dennoch der Herr dein Kind, so ist dein Segnen nicht Schuld daran. Er denkt an den Abraham des Kindes in seiner Vorzeit, dem Er Treue und Glauben halten will ewiglich. Deswegen ist auch in unsrer Zeit noch nicht Alles verloren, wenn jetzt Ungläubige ihre Kinder nicht mehr taufen lassen wollen. Der Herr denkt des alten Bundes mit ihren Vätern, und läßt die Kinder doch nicht gar, wenn sie auch zunächst mögen Schaden leiden. Endlich, wenn Seine Heilszeit kommt, kann Er Alles wieder gut machen. Aber betrübt ist auch das, daß es bei uns Geistliche gibt, die nach einem eigenen, fein verfaßten Formulare taufen, und den Taufpaten und andern Anwesenden zu Gemüte führen, daß das, was jetzt geschehe, keine Taufe, sondern nur ein Segen sei, obwohl es gelten werde, wenn später der Glaube komme. Wie aber solche Geistliche die Nichttaufe mit den Worten vollziehen können: "Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes," ist mir unbegreiflich. Denn das heißt doch eigentlich mit dem Heiligen ein Spiel treiben. Wie sehr muß es auch Eltern verletzen, wenn sie, meinend dem Heiland ihr Kind übergeben und dadurch auch vor dem Feinde sicher stellen zu wollen, es nur gesegnet sich denken sollen mit ausdrücklicher Belehrung, daß es nicht getauft, also noch nicht - was ist es denn anders? - als dem Heiland zu eigen übergeben angesehen werde! Soll's dem Kinde zu gut kommen, daß es nicht unter den Schutz des Heilandes gestellt werden will, wider die schleichenden Netze der Finsternis? Der Herr hat's in Allem gut mit uns gemeint; aber die Menschen verderben's. (Forts. folgt.)
102) Über die Taufe.
(Neunter Abschnitt.)
Es tut mir Leid, daß sich meine Antwort auf die Frage über die Taufe (Nr. 9, III, 94) so lange fortspinnt. Ich hatte nicht Zeit, es zum Voraus zu einem Ganzen zu bringen; und nun dehnt sich's fast über Gebühr. Die Freunde mögen Geduld haben, doch auch auf alles Gesagte recht achten.
Zuerst bedarf's weiter einer Auseinandersetzung, wie es mit der Taufe in unsrer Zeit sei, da sie offenbar nicht mehr von denselben Erscheinungen begleitet ist, wie im Anfang, und jedenfalls die Mitteilung des persönlichen Heiligen Geistes, wie sie ehemals Statt fand, aufgehört hat. Wir haben nachgewiesen, daß einst das Kommen des Heiligen Geistes über den Täufling allen Zusehenden bemerklich wurde, weil so bestimmt gesagt werden konnte, wer bei der Taufe den Heiligen Geist bekommen habe, und wer nicht. Aus dem, was bei der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten erzählt wird, daß Feuerflammen über den Jüngern emporschlugen, sichtbar durch Feuerzungen über ihren Häuptern, kann man den Schluß mit allem Recht ziehen, daß immer etwas Feuerähnliches müsse bei der Taufe gesehen worden sein, zumal darauf auch das Wort Johannis hinweist, wenn er sagt: "Der nach mir kommt, wird mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen." Hier wollen freilich viele Ausleger unter Feuer das verstehen, daß der Herr die Widerstrebenden mit Feuer verzehren werde, was nachher von der Spreu gesagt wird im Gegensatz zu dem, was dem Weizen widerfährt. Aber darauf paßt das Wort taufen nicht, welches mit verstärkten Gnadenerweisungen von oben geschehen soll, und überhaupt ein einweihendes Zeichen bedeutet. Johannes will nur Gutes sagen, was der Messias bringen will, so daß das Feuer nicht den Fluch bedeuten kann, wie der Heilige Geist den Segen. Deswegen sind Johannis Worte, Geist und Feuer, so zu nehmen, daß mit Beiden dasselbe gesagt ist, nämlich der Heilige Geist, der sich durch Feuer oder einen Feuerschein bemerklich macht, und den ganzen Menschen leiblich und geistlich durchleuchtet und durchglüht. Hienach wäre Geist und Feuer das Nämliche, was Feuer des Heiligen Geistes.
Von dieser Erscheinung des Feuers aber bei der Taufe ist längst nichts mehr zu sehen; und vielleicht war sie schon in der apostolischen Zeit bald nicht mehr allgemein. Darauf weist schon das hin, daß die Samariter von dem Armenpfleger Philippus getauft wurden, ohne den Heiligen Geist zu empfangen (Apost. 8, 14-17), so daß Apostel herbeigerufen werden mußten, damit diese Gabe durch ihre Handauflegung zu der Taufe hinzukäme. Daß es gefehlt hatte, lag sicher nicht in der Person des Philippus, der, obwohl kein Apostel, doch etwas Bedeutendes war (8, 26-40), sondern in der Verzauberung, in der sich die Samariter durch den Zauberer Simon befanden. Wir sehen aber aus diesem Fall, daß nicht immer mit Notwendigkeit, oder gleichsam selbstverständlich, zur Taufe der Heilige Geist kam; und da man in der Regel schnell zur Taufe schritt, konnten allerlei Ursachen da sein, um deren willen das Herabfallen des Heiligen Geistes unterblieb, ohne daß dabei die Taufe ihr Eigentümliches verlor. Es konnten die Taufe und der Heilige Geist getrennt von einander sein, wie bei Cornelius (10, 44 ff.) der Heilige Geist sogar vor der Taufe kam. Wie leicht konnte daher in der Folge das Fehlen des Heil. Geistes eintreten, bis es immer mehr so wurde, daß die Mitteilung des Geistes, durch Feuer erkennbar, nicht Statt fand. Man hat sich nämlich offenbar unter dem Feuer das Hinzutreten eines Göttlichen oder Persönlichen zu denken; und eben dieses Persönlichen trat immer mehr zurück, wie überhaupt allmählich die Mitteilung des persönlichen Geistes ganz aufhörte, wohl sehr bald nach der Zeit der Apostel, und an dem vornehmlich fühlbar, daß die mannigfaltigen außerordentlichen Kräfte des Heiligen Geistes, die im Anfang so reich waren, verschwanden.
Es fragt sich nun: "Was ist's um die Taufe, seit die Mitteilung des Heil. Geistes nicht mehr erkennbar, also mindestens um ein Gutes schwächer geworden ist, wie wir's heute noch haben?" Da müssen wir nun fest dabei bleiben, weil Schriftzeugnisse für Solches uns nicht vorliegen können, wie wir sie allerdings gerne haben möchten, daß die Taufe als eine vom Herrn für alle Christen befohlene oder angeordnete anzusehen ist, daß mithin nicht Alles, was sonst die Taufe gibt und geben soll, wie die persönliche Aufnahme von Seiten des Herrn, damit gewichen sein kann, daß die Mitteilung des Heiligen Geistes nicht mehr dieselbe ist. Denn der Herr konnte nicht etwas für alle Völker anordnen, das in der Folge, wenn geringere Tage würden eingetreten sein, keine wesentliche Bedeutung mehr haben sollte. Wir werden immerhin bescheiden sein müssen in der vollen Anwendung alles dessen, was in der Schrift von der Herrlichkeit der Taufe gesagt ist, auf unsre Zeiten, ehe diese andere geworden sind; aber nur um so mehr müssen wir an ein Festes, Bleibendes und unbestritten Gewisses uns halten, das wir an der Taufe haben. Unser Glaube hält an der Verheißung fest, und die kann nicht trügen.
Daß aber für alle Christen die Taufe angeordnet ist, liegt schon in dem Wort des Herrn: "Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden," was für die später allein nur vorkommende Kindertaufe in die Worte umgesetzt werden darf: "Wer da getauft wird und glaubt, der wird selig werden," wiewohl der Heiligen Kinder nicht ungläubig genannt werden können, als wären sie Heiden, die fern von Gott und Christo stehen. Der Rat Gottes bezüglich der Allgemeinheit der Taufe liegt insbesondere in dem Wort bei Matthäus, das nach Luther so lautet: "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes, und lehret sie halten Alles, was ich euch befohlen habe." Ich kann aber nicht umhin, hier gelegentlich zu einer Berichtigung der Uebersetzung, und zum eigentlichen Verständnis der Stelle das Nötige zu sagen.
Die Stelle findet sich Matth. 28, 18-20. Genau übersetzt gibt sie zu erkennen, daß der Aufnahme zu Schülern oder Jüngern die Taufe vorausgehen sollte. Denn es heißt zuerst: "Nehmet alle Völker, d. h. die unter allen Völkern sich Hergebenden, zu Jüngern auf." Das griechische Wort, welches Luther hier mit lehren übersetzt hat, bedeutet eigentlich zu Jüngern aufnehmen; und das griechische Zeitwort dabei drückt einen bestimmten Act der Aufnahme aus, nicht etwas Fortdauerndes, daß man also nicht übersetzen kann: "lehret alle Völker", obwohl das Wort selbst sonst auch lehren heißt, weil das kein einzelner Act, sondern etwas Fortdauerndes wäre, wie es am Schluß heißt: "und lehret sie halten", wo das eigentliche Wort für lehren steht. Vollständig heißt nun der Spruch: "Macht alle Völker zu Jüngern, sie taufend" (oder: "indem ihr sie taufet") "auf den Namen etc., sie lehrend Alles halten, was ich befohlen habe." Letzteres drückt aus, was sie, wenn sie durch die Taufe Jünger geworden sind, für ihre fernere Haltung gelehrt werden sollen. Hienach soll die Taufe vor der Aufnahme geschehen, und das Lehren nach der Aufnahme. Zur Aufnahme aber, wie sonst ersichtlich ist, gehört nur der Glaube, daß Jesus der Messias sei, der, in welchem Heil und Leben zu finden sei. Dieser Glaube ist etwas dem, der von Jesu reden hört, schnell Kommendes, war's wenigstens damals so, wie bei dem Kämmerer aus dem Mohrenland, bei der Lydia, bei dem Kerkermeister zu Philippi, und wie schon bei den Dreitausend, die am ersten Pfingsttage getauft wurden. Von einer langen dogmatischen Unterweisung war keine Rede, zumal das volle Licht in alle Teile des Evangeliums, namentlich bei Heiden, nur durch den Heiligen Geist, den sie empfingen, gegeben werden konnte, so daß eigentlich für's Weitere nichts mehr übrig blieb, als zu lehren Alles, was Jesus befohlen hatte, wie man sich nämlich fortan als Christ und Heiliger des Neuen Bundes zu halten habe. In der Folge, da so Vieles von den ersten Kräften des Geistes gewichen war, mußte man freilich mit der Vorbereitung zur Taufe langsamer werden und mehr Unterweisung verbinden, weil der Hauptgedanke von Jesu dem Welterlöser nicht mehr so schnell begriffen wurde. So ist auch für die Mission kein anderer, als der langsame Weg einzuschlagen, wiewohl man's auch hier zu langsam machen kann.
Wenn Alles nach dem Rat Gottes getauft werden soll, so will der Herr, mit möglichster Bälde, in eine persönliche Beziehung zu denen sich setzen, die einmal den Glauben an Ihn im Herzen fühlen, und mit dem Munde aussprechen, um gleich auf sie, als die Ihm Zugehörigen und Hingegebenen, als die Seinen, wirken zu können. Er will als Sein sie haben. Ist dem so, und soll die Taufe unter allen Umständen Allen, die sich hergeben, zukommen, so geht daraus hervor, daß in der Folge wohl die persönliche Mitteilung des Heil. Geistes aufhören konnte bei der Taufe, aber nicht die persönliche Aufnahme der Getauften von Seiten des Herrn zu Seinem Eigentum. Nach dieser Seite mußte die Taufe ihre Bedeutung behalten. Wir können für die Zeiten der Armut, in die wir nach der apostolischen Zeit gekommen sind, wohl keine Schriftworte mehr aufweisen; denn das ganze Neue Testament ist in einer Zeit noch geschrieben, da Alle noch in der Fülle des von Gott ‚durch Christum Gegebenen standen. Aber wir können doch nach dem aus der Zeit der Fülle uns Mitgeteilten berechtigte Schlüsse machen. Wir können mit vollem Recht sagen, daß von Allem, was einst den Christen gegeben wurde, wenn auch noch so viel davon in Hintergrund getreten ist, uns etwas übrig geblieben ist, daß also namentlich die persönliche Beziehung des Herrn zu den Getauften geblieben ist, eben damit auch das Kindschaftsrecht, wenn es auch bei Vielen nur das des verlorenen Sohnes ist, auch ein mehr oder weniger bedeutendes Maß des Heil. Geistes, dazu mehr oder weniger Befreiung von den Ansprüchen der Finsternis, wenn auch nicht von ihren Angriffen, obwohl wir von der Persönlichkeit des Heil. Geistes in uns keine Beweise mehr haben. Es bleibt daher die Taufe etwas höchst Wichtiges durch die ganze Zeit hindurch, bis der Herr kommt; und wir geben viel, ja Alles hin, wenn wir aufhören zu taufen, als kehrten wir in den Bereich der Finsternis zurück von dem des Lichts. Der Hauptgewinn der Taufe ist der, daß durch sie für die Zukunft alle Anknüpfungspunkte zur Wiedererlangung alles Verlorenen uns gegeben sind.
(Forts. folgt.)
103) Ueber die Taufe.
(Zehnter Abschnitt.)
Nach dem Bisherigen werden die Fragen, die bei der heiligen Taufe noch zur Sprache kommen, leicht zu beantworten sein. In unsrem Brenz'schen Katechismus (eig. lutherischen, von diesem nur durch die veränderte Stellung der Hauptstücke verschieden,) heißt es auf die Frage, was die Taufe nütze: "Sie versichert uns der Gnade Gottes, Vergebung der Sünden, Kindschaft Gottes und Erbschaft des ewigen Lebens." Luther selbst aber sagt von der Taufe: "Sie wirket Vergebung der Sünden, erlöset von Tod und Teufel, und gibt die ewige Seligkeit Allen, die es glauben, wie die Worte und Verheißung Gottes lauten." Der lutherische Katechismus aber nennt sie "das göttliche Wortzeichen, damit Gott der Vater durch Jesum Christum, Seinen Sohn, samt dem heiligen Geist bezeuget, daß er dem Getauften ein gnädiger Gott wolle sein, und verzeihe ihm alle Sünden, aus lauter Gnade, von wegen Jesu Christi, und nehme ihn auf an Kindes Statt, und zum Erben aller himmlischen Güter."
Wenn die Taufe das Zeichen eines Bundes ist, den Gott mit dem Täufling schließt, eines Bundes, durch welchen Gott in eine persönlich freundliche Beziehung zu dem Getauften sich setzt, so bleibt bei jeder Taufe, auch bei der Kindertaufe, das gewiß, daß dem Getauften Gnade Gottes und ein Kindschaftsrecht zugesichert wird. Es liegt das ja schon in der Taufformel selbst, nach welcher die Taufe geschehen soll "auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes." Wenn es heißt: "auf den Namen", so will das sagen, daß es ein Einschreiben auf den Namen sei, wie ein Kind auf den Namen seines Vaters eingeschrieben wird, wenn dieser das Kind annimmt, als sein und ihm zugehörig erklären will. Der Getaufte gehört also nicht mehr der Welt, nicht mehr dem Teufel oder irgend einer finsteren Macht als eigen, oder leibeigen, an, sondern dem lebendigen Gott, und so, daß keine andere Obrigkeit der Finsterniß mehr auf ihn Anspruch machen darf, Gott vielmehr eifert für ihn, wenn das geschehen wollte, und der Getaufte seinen Vater zu Hilfe ruft. Insofern erlöst die Taufe auch von dem Tod und Teufel, von jenem, weil der Tod nach dem Tode keine Macht mehr über den Getauften haben soll, wie der Herr sagt: "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe."
Bei der Taufe der Erwachsenen nun in der ersten Zeit war der Getaufte nicht nur darum Kind, weil ihn Gott als Kind auf- und annahm, sondern auch, weil der Getaufte selbst in sich Kindesgefühle zu Gott bekam. Der Geist Gottes gab demselben nicht nur Zeugniß, daß er Gottes Kind sei, sondern lehrte ihn selbst auch rufen: "Abba, lieber Vater!" Mit der Zeit wurde es freilich bei vielen erwachsenen Getauften so, daß die Kindschaft mit Gott zwar wohl auf Seiten Gottes blieb, aber von Seiten der Getauften mehr oder weniger verleugnet wurde; und der Getaufte konnte sogar so weit kommen, daß er gleichsam aus des Vaters Haus lief, wie der verlorene Sohn. Aber er blieb dennoch Sohn und Kind. Der Vater hat wohl getrauert um den verlorenen Sohn, aber nicht aufgehört, sich als seinen Vater anzusehen. Wie aber der verlorene Sohn sich des Vaters, dem er angehört, erinnern kann und Mut bekommen, zum Vater wieder zurückzukehren, und wie er augenblicklich Aufnahme auf Seiten des Vaters findet, so konnte auch ein verkommener Christ plötzlich wieder Kindesgefühle zu Gott und dem Heiland bekommen, Aufnahme finden und zurechtgebracht werden, dabei auch die verborgene Fürsorge des Vaters, und des Heilands Eifer, das Verlorene zu suchen, nicht fehlte. So war zur Zeit Christi Israel nahezu ganz dem verlorenen Sohne gleich; und darum sagt der Heiland, er sei gesandt "zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel", zum Beweis, daß auch sie durch das Bundeszeichen der Beschneidung der Fürsorge ihres Gottes besonders gewürdigt wurden. Auch jetzt wird es wieder so sein, daß die verlorenen Schafe aus dem neutestamentlichen Israel um ihres Bundeszeichens, der Taufe, willen, immer wieder neue Fürsorge von Seiten ihres Vaters erwarten dürfen.
Nach dem ersten Geschlechte der Christen sind deren Kinder an ihre Stelle getreten; und daß diese gleichmäßig durch die Taufe Jesu Eigentum, Seine Kinder, werden, davon sind die Spuren an der christlichen Kinderwelt handgreiflich zu sehen, wenn man nur offene Augen haben will. Viele Worte kann ich nicht darüber machen, weil es mir wehe tut, nur Worte machen zu müssen, wenn man's nicht erkennen will. Stehen sie doch ganz offenbar unter einem besonderen Schutz und Segen Gottes, auch unter innerlicher göttlicher Zucht und Pflege. Es ist nicht auszudenken, wie viel sie am Heiland von frühester Zeit an haben, wie es ihren Geist erfüllt, wenn sie etwas von Ihm sehen und hören. Man bedenke auch, wie durch die ganze Kirchengeschichte hindurch Männer Gottes die ersten Keime zu einer großen Zukunft schon in den ersten Kinderjahren kund getan haben. Man kann es wahrnehmen, wie manche Jahre hindurch, mindestens bis in's vierzehnte Jahr, die segnenden Taufworte an den Kindern nachklingen, wie leicht diese fromm und nachdenklich gestimmt, auch zum Gebet angehalten und innerlich von selbst getrieben werden können. Was gibt es Lieblicheres und Erhebenderes, als einen richtig geleiteten, oft auch nicht gerade unter guter Pflege gestandenen Kreis von Konfirmanden zu sehen, namentlich wenn 14jährig, wie bei uns? Man könnte meinen, lauter Engel Gottes stehen um sie her, weswegen auch Erwachsene gerade bei Konfirmationen viele innere Anregung empfinden. Wie wollte ich hier auch gerne der früheren Konfirmation, wie sie bei uns ist, das Wort reden, da selbst bei schlimmeren Kindern noch etwas von der Taufgnade verspürt wird! Sei's, daß die Welt und der Arge sie später schnell hinnimmt; aber wer weiß, ob nicht an ihnen auch von dem etwas erfüllt werden darf, was Paulus vom wirklichen Israel sagt, daß Gott sie alle unter den Unglauben beschlossen habe, auf daß Er sich Aller erbarme? O, wie brennt mir's da im Herzen!
Nach dem hier Gesagten können also alle Getaufte Kinder Gottes genannt werden, und zwar alle Getaufte aller Confessionen, wenn sie nur ordnungsmäßig "auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes" getauft sind. Wenn wir aber doch, auch in der getauften Christenheit zwischen Kindern Gottes und Kindern der Welt unterscheiden, so hat das seinen guten Grund und volle Berechtigung. Wir können Niemand ein Kind Gottes wirklich nennen, der nicht auch Kind Gottes sein will, der also im Unglauben steht, oder durch den Wandel seine Kindschaft mit Gott verleugnet, der ganz in der Welt lebt und nichts nach Gott und Seinem Wort fragt. Wenn's darauf ankommt, dürfen Alle sich ihrer Kindschaft mit Gott erinnern, weil Gott Seinerseits als Vater ihnen treu bleibt; und die Kindesrechte müssen wir ihnen Allen auch lassen. Wir dürfen ihnen die Sakramente nicht versagen, wenn sie ihrer begehren, auch keinen kirchlichen Segen, weil sie Gottes sind, wie sie sich auch sonst halten mögen, ohne selbst sich ferne zu stellen. Aber ehe sie von sich aus und von Herzen, getrieben von innen, rufen: "Abba, lieber Vater!" wäre es nicht recht, mit dem heiligen Namen eines Kindes Gottes sie anzureden. Kinder Gottes, wie man sie in der Christenheit nimmt, sind immer solche, die sich wirklich zu Gott, als ihrem Vater, zu dem Sohne, als ihrem Herrn und Bruder, und zu dem heiligen Geiste, als ihrem inneren Führer, halten. Die Andern, bei denen das entschieden nicht ist, hat man alles Recht, zunächst nur Welt zu nennen und Kinder der Welt, wie auch der Heiland von Kindern dieser Welt im Gegensatz zu Kindern des Lichts spricht (Luk. 16, 8), und somit in Israel nur die letzteren als Kinder Gottes bezeichnet, obgleich die Andern auch durch die Beschneidung zum Eigentum Gottes gehörten.
Wenn bei Erwachsenen einst Vergebung der Sünden zugesichert wurde, wie es auch heißt (Eph. 5, 26): "Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort," so hat das bei Kindern die Bedeutung, daß die in ihnen liegenden Keime zur Sünde für Gott nicht mehr Ursache sind, die Kinder ferne von sich zu halten, als unwürdig ihrer Kindschaft mit Ihm, wie wir das bei Heiden immer noch denken müssen. Gott nimmt sie als Sein an, als ob Alles in ihnen richtig stünde. Sie gelten Ihm nicht als unrein, wie Paulus schon von Kindern solcher Eltern, deren eine Teil noch heidnisch war, sagt (1 Kor. 7, 14). Wenn aber die alten Bekenntnisse sagen, daß Getaufte "Erben aller himmlischen Güter" seien, oder mit der Taufe "Erbschaft des ewigen Lebens" gegeben sei, so mag das bei Kindern, welche sterben, ehe ihr natürlich Sündliches bei ihnen zur Tat geworden ist, unfehlbar gelten. Aber hier sollte doch der Zusatz nicht fehlen, daß die Seligkeit nur zugesichert sei, wenn die Getauften "fliehen die vergängliche Lust der Welt" (2 Petr. 1, 4), also bei Erwachsenen der Glaube verbleibt mit seinen Früchten bis an's Ende, und bei Kindern nicht das Böse, das in ihnen ist, sondern was Gutes in sie hereingepflanzt ist durch die Taufe, zur Geltung und Reife kommt. Nicht einmal das dürfen sich Getaufte versprechen, daß bei ihnen Gott eher, wie man sagt, durch die Finger sehe, Vieles an ihnen geradezu ungerügt lasse, überhaupt, weil sie Seine Kinder sind, nicht mehr nach der Gerechtigkeit, sondern nur nach der Barmherzigkeit mit ihnen verfahre. Im Gegenteil nimmt's Gott bei Kindern, namentlich wenn sie's sein wollen, schärfer als bei Andern (Matth. 11, 21 ff.), daß sie schon für ein scheinbar Geringeres hart büßen müssen, damit sie leichter zur Umkehr und zur Buße gebracht werden. Die Gerichte sollen ihnen alsdann als Kindern immerhin zu einer Züchtigung dienen, damit sie nicht samt der Welt verdammet werden, wie Paulus sagt (1 Kor. 11, 32).
Noch zweimal habe ich über die Taufe zu reden. Die lieben Freunde mögen sich's nicht zu viel sein lassen!
104) Ueber die Tause.
(Elfter Abschnitt.)
Um vollständig alles auf die heilige Taufe Bezügliche zu besprechen, wäre noch zu reden 1) über das Fallen aus der Taufgnade, - 2) über den Exorcismus (Teufelsaustreibung) bei der Taufe, - 3) über die Wiedergeburt durch die Taufe, - 4) über Taufpaten, - 5) über die Confirmation. - Ueber die Besprengung oder Untertauchung bei der Taufe ist früher einmal (III, 93) gesprochen worden. - Mit einiger Aengstlichkeit gehe ich vorwärts, weil ich sehe, daß Alles mehr Worte braucht, als ich wünsche, wenn ich klar, durchsichtig und befriedigend reden will. Ich tröste mich aber dessen, daß es doch lauter Punkte sind, die den Freunden etwas ihnen Erwünschtes darbieten, da man sonst wenig darüber vernimmt.
1) Vom Fallen aus der Taufgnade.
Man hört in christlichen Kreisen viel von einer Taufgnade reden, aus welcher der Christ fallen könne oder nicht, und spricht auch je und je von Personen, deren Christensinn man besonders rühmen will, die nie aus der Taufgnade gefallen seien, denkt sich's also im Ganzen so, als ob die Mehrzahl der Getauften im Laufe der Jahre aus der Taufgnade falle. Man mag aber damit zwei Fehler machen, einmal den, daß man von Einzelnen zu viel denkt, indem man sie geradezu als sündlos nimmt, während auch bei diesen das doch möglich ist, daß sie sündigen wie alle Menschen, nur nicht gerade in groben Uebertretungen sich finden lassen, und daß sie innerlich doch nicht vom Herrn fallen, oder stets wieder die Gemeinschaft mit Ihm durch Sein Wort, auch das heil. Abendmahl, suchen. Sie sind also in der Taufgnade aus Gnaden geblieben, nicht durch Verdienst der Werke; und es ist daher besser, des Ausdrucks gegen sie, daß sie nicht aus der Taufgnade gefallen seien, gar nicht sich zu bedienen, weil man ihr Eigenes damit zu sehr erhebt. Zahlreicher aber mögen doch in evangelischen Landen die sein, welche, obwohl Sünder, doch als in der Taufgnade geblieben, angenommen werden können, wenn sie auch nicht immer ein gewisses Christentum offen zur Schau tragen. Der andere Fehler, den man macht, ist der, daß man es Sündern zu schwer auflegt, daß sie um ihrer Sünde willen, die sie getan, aus der Taufgnade gefallen seien, als ob das bei der Taufe Empfangene so leicht ganz wieder verloren gehen könne.
So lange ein Mensch so steht, daß er sich wieder zu fassen vermag, wie einst David, kann er doch Kind im Hause Gottes bleiben. Nach unsern bisherigen Betrachtungen kann davon kaum die Rede sein, daß ein Getaufter leicht so aus der Gnade falle, daß ihn Gott nicht mehr als Kind, nicht mehr als Ihm zugehörig, ansehe. Denn Gott bleibt treu, auch den Untreuen. Grobe Sünden mögen von Gott gerügt werden, und den Genuß der Gnade Gottes entziehen; aber gar aus dem Hause wirft Gott sie darum noch nicht. Mitunter kann Er sie mehr oder weniger ihre eigenen Wege gehen lassen, wenn sie nichts nach Ihm fragen, und kann Er sie behandeln, als gehen sie Ihn nichts mehr an, läßt sie auch bei allen Sünden lange ungestraft oder ohne Züchtigung, weil keine Züchtigung anschlägt. Sein Vaterherz aber behält doch der Herr gegen den Getauften; und dieser hat's jedenfalls leichter, als, wer nicht Sein Eigentum geworden ist, bei etwaiger Umkehr von Sündenwegen Wiederaufnahme zu finden, und zwar zu vollen Kindesrechten. Das sehen wir bei dem verlorenen Sohne, der auf eine Weise sich verirrte, daß es gar nicht ärger sein konnte, und doch, als er zum Vater zurückkehrte, von diesem nicht nur aufs Herzlichste mit voller Vaterliebe aufgenommen wurde, sondern sogar besondere Beehrung bekam, indem der Vater ein Freudenfest anstellte, an dem alle Hausgenossen Anteil nehmen sollten, damit Alle gleiche Freude hätten, wie der Vater. Schätzen wir das einmal geknüpfte Band zwischen dem Vater und dem Getauften nicht zu geringe; und gewöhnen wir uns nur an, auch in den verworfensten Menschen uns noch Brüder zu denken, für welche das Vaterherz Gottes schlägt.
Hiernach können wir meist mehr nur von einem Austreten, als von einem Fallen aus der Taufgnade reden. Der Getaufte tritt mit ungescheutem Sündenleben für sich aus der Taufgnade heraus, und macht sich allerdings damit aller Freundlichkeit und Gnadenerweisung Gottes unwürdig. Er stellt sich ferne von Allem, was er für Leib und Seele Erquickendes von dem Vater durch Jesum Christum haben könnte. Der Vergebung der Sünden kann er sich begreiflich nicht mehr getrösten, weil er ja lieber sündigt, als Vergebung sucht. Der Hoffnung des zukünftigen Lebens macht er sich auch verlustig, wenn's nicht anders bei ihm wird; und das nagende Gewissen, so oft es empfunden wird, zeigt ihm mehr die Verdammniß, als die Seligkeit. Auch die Erneuerungskräfte, wie sie gehorsame Kinder vom Vater bekommen, verliert er, weil sie keinen Raum bei ihm finden. Wie soll er ferner den Schutz Gottes, die Bewahrung und Errettung aus großen Nöten, die Hilfe durch der Engel Hut sich versprechen dürfen? Allen Freundlichkeiten Gottes entzieht er sich selbst. Man kann also schon sagen, mit seinem Austreten falle er auch aus der Taufgnade. Indessen tut doch der Vater noch viel Unverdientes, trotz einer solchen Haltung des Kindes, tut's wohl auch, um durch Seine Güte zur Buße zu leiten. Merkwürdig aber ist es, daß oft selbst einem argen Sünder das durch die Taufe bekommene Kindesgefühl nicht gar abhanden kommt; denn wie oft fällt's ihm in argen Nöten ein, wie man im Krieg vornehmlich sehen kann, Gott noch anzurufen, und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit, als ob Gott ihn, Sein Kind, nicht stecken lassen könne. Daß es freilich Grade gibt des Heraustretens und Fallens aus der Taufgnade, ist begreiflich; und so lange der Mensch etwas von Kindesgefühlen gegen Gott bei sich bewahrt, wird ihm auch nach Umständen der Herr nahe treten oder nahe zu treten suchen.
Wenn man denn auch sagen kann, mit dem eigenen Heraustreten aus der Taufgnade sei man auch aus dieser gefallen, obwohl mehr nur aus der Empfindung der Gnade, da Gott Seinerseits Vater bleibt, so ist es doch nicht gut, den Verlust der Taufgnade dem Sünder gegenüber so gar zu betonen, weil man leicht damit zu viel sagt, wie denn auch tugendstolze Leute nur gar zu leicht Sünder gar wegwerfen, als sei es auch dem lieben Gott nimmer möglich, sie wieder anzusehen, oder gar als Kinder noch gelten zu lassen. Viel besser ist es, auch den gröbsten Sünder, wenn man mit ihm in Berührung kommt, mehr als ein verirrtes, seinen Vater betrübendes Kind zu nehmen, das aber doch noch Kind sei, weil das Bewußtsein, dem Herrn auch jetzt noch anzugehören, ein starker Antrieb zur Buße und Umkehr werden kann. Das war beim verlorenen Sohn der Fall, den der Gedanke, daß er einen Vater habe, den er auch jetzt noch seinen Vater nennen dürfe, so sehr überwältigte, daß er keinen Augenblick mehr säumen mochte, dem Vater wieder zuzueilen. Jedem Sünder muß man es offen lassen, daß er dem Herrn Jesu angehöre, und zwar vermittelst des Gnadenbundes durch die heilige Taufe, da ihm Gott versprochen habe, sein gnädiger Gott und Vater zu sein, so daß es nur seiner Umkehr bedürfe. Hätte der verlorene Sohn sich von seinem Vater verstoßen gedacht, wer weiß, was er in seiner äußersten Verkommenheit angestellt hätte. Der Fälle sind ja bei uns viele, da Seelen um gewisser Sünden willen, die sie getan, sich für unrettbar verloren achten und darum lieber gleich ihrem Leben ein Ende machen. Wichtig wäre es, wenn wir's mehr, als es der Fall ist, im Brauch hätten, uns und Andere an die bestimmten Zusagen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes bei der heiligen Taufe zu erinnern, um allezeit Mut zum Glauben an eine Rettung zu bekommen oder zu behalten.
Das aber ist nicht zu übersehen, daß Getaufte, wenn sie durch grobe Uebertretungen die Taufgnade von sich gestoßen und ihren Bundesgott verworfen haben, nicht so leichthin und wie von selbst zur vollen Gnade und zur Gewißheit der Seligkeit werden gelangen können. Es gibt aber viele Christen, die eine üble Vergangenheit hinter sich haben, und so nach und nach, ohne eigentliche Buße vor Gott, der Sünde entwöhnt werden, und damit allein schon glauben, Alles gut zu machen, daß sie als bekehrt zu den Kreisen entschiedener Christen sich stellen. Die mögen wohl überlegen, ob ihnen auch wirkliche Vergebung der Sünden zugekommen sei, und die Vergebung schon damit da sei, daß sie vor sich und Andern über ihre früheren Sünden einen verhüllenden Mantel hängen. Da ist das Herz nicht immer lauter genug vor Gott; und leicht können noch schwere Anklagen in die Ewigkeit nachfolgen. Gefährlich ist's namentlich, wenn viele verborgene Sünden da sind, die man erst drüben will offenbar werden lassen. Möge doch Gott bald einen Geist der Buße über alles Fleisch, wie wir hoffen dürfen, kommen lassen, damit unsrem Heilande, wenn Er kommt, keines von den Ihm durch die Taufe zugeschriebenen Kindern fehlen möge!
105) Ueber die Taufe.
(Zwölfter Abschnitt.)
Wir kommen an den zweiten von den in der vorigen Nummer angegebenen fünf Punkten.
2) Ueber den Exorcismus (Teufelsaustreibung) bei der Taufe (s. Frage III, 94).
Schon in alter Zeit dachte man sich jedes neugeborne Kind als vom Teufel besessen, von dem es vor Allem befreit werden müsse; und die heilige Taufe sei es, durch welche die Austreibung des Teufels, die man Exorcismus nennt, bewirkt werde. Es entstand daher nach der Zeit der Apostel in manchen, vielleicht allen, alten Kirchen der Brauch, besondere Ceremonien bei der Taufe, auch der Erwachsenen, vorzunehmen, durch welche sollte der Teufel ausgetrieben werden. An Eingenommenheit vom Reich der Finsterniß, und an eine Gewalt des Satans über den natürlichen Menschen konnte man denn wohl nach der Schrift (vergl. Apost. 26, 18) bei Heiden denken, die in der ersten Zeit getauft wurden. Bezüglich der Austreibung finsterer Mächte aber und der Befreiung von den Einflüssen Satans wurde in der ersten apostolischen Zeit nichts Besonderes vorgenommen; sondern die einfache Erklärung bei der Taufe, daß der Täufling auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes getauft werde, war von selbst eine Besitzergreifung, daß ich so sage, des Menschen von Seiten Gottes, welcher bindende und ansprechende Dämonen von selbst weichen mußten. Erst später, da der persönliche heilige Geist nicht mehr mit der Taufe gegeben wurde, und mehr und mehr die Kräfte der Finsterniß auch an Getauften erkenntlich wurden, kam man darauf, förmlichen Exorcismus anzuwenden. Aber daß die Ceremonien, deren man sich dabei bediente, eine Bedeutung zur Befreiung des Menschen von dämonischen Mächten gehabt habe, ist in keinem Fall anzunehmen; und wenn nicht die Taufe selbst, was nicht völlig in Abrede gezogen werden kann, eine Lösung zur Folge hatte, so konnten auch in Getauften dämonische Bande im Verborgenen fortbestehen. Alle förmlichen Ceremonien haben den Character von Aberglauben und widergöttlichem Wundertun an sich, bei dem man vorhandene Uebel eher schlimmer als besser macht.
In der jetzigen Christenheit nun werden nur noch Kinder getaufter Eltern getauft. Solche Kinder konnten in der ersten Zeit unmöglich als besessen, nach Art etwa von Heidenkindern, gedacht werden; und wir haben's ja gehört, daß Paulus selbst Kinder, deren einer Teil noch heidnisch war, rein und heilig nennt, was offenbar dämonische Besitzung ausschließt. Die Herrschaft der Finsterniß, wie leicht zu begreifen, kann bei Kindern nicht ohne Weiteres wieder ihren Ansang nehmen, nachdem sie bei den Eltern aufgehört hatte; und die Vorstellung, welche in manchen Confessionen herrscht, daß Kinder, ehe sie getauft sind, noch Heiden seien, die man kaum mit voller Liebe ansehen und herzen könne, mißkennt auf ungebührliche Weise die Kraft der Taufe, wenn sie sich nicht auf neugeborne Kindlein erstrecken soll. Daß sich freilich bei Kindern der späteren Zeit bis jetzt mehr oder weniger Einflüsse und Kräfte der Finsterniß wieder fühlbar machen konnten, auch Eingenommenheit von dämonischen Mächten, ist darum denkbar, weil viele Eltern bis heute sich nichts weniger als frei von finsteren Banden erhalten, weswegen man auch an erbliche Uebel denkt, worunter man Epilepsie, Schwermut, Tiefsinn, gestörte Charactere rechnet. Wie viel ferner verketten sich Eltern schon durch Aberglauben, Sympathie, Zaubereien, Wahrsagereien, spiritistische Torheiten aller Art, indem aus dem Allem die härtesten finsteren Bande entstehen können. Wie sie sich denn selbst in Bande schlagen, so mag auch Vieles auf Kinder übergehen, die ihnen geboren werden. Auch Kinder von Trunkenbolden oder sonst leidenschaftlichen, nervös irritirten Eltern, wie sehr können auch diese Schaden leiden! Schmerzlich ist es auch, wie selbst an Kindern, wenn kaum geboren, abergläubische Sachen und unheimliche Sympathien, angeblich zum Schutz gegen Angriffe von Seiten der Finsterniß, vorgenommen werden, oft auch von Pflegerinnen und Hebammen. Ohne daß ich hier viel davon reden will, erklärt es sich gut, wenn selbst an Kindern frühzeitig, ob getauft oder ungetauft, Allerlei zum Vorschein kommt, in leiblichem und geistigem Befinden, was an dämonische Gebundenheit erinnern kann. Auffallend ist es aber doch, daß im Allgemeinen neugeborene Kinder freier bleiben und als Pfleglinge des Heilandes sich darstellen, wovon man gar leicht ein wunderbares Gefühl bekommen kann, daß es ist, als ob ein Engel Gottes über ihnen wachte. Das findet selbst bei Kindern solcher Eltern Statt, die sich weder durch Glauben und Christensinn, noch durch geordnetes Leben bemerklich machen, ferner solcher Eltern, die in oben angezeigter Weise verderbt und angesteckt sind. Es waltet über der christlichen Kinderwelt ein besonderer Segen, den man nur dem zuschreiben kann, daß eben einmal auch ganze christliche Bevölkerungen vom Herrn als Sein Eigentum angesehen werden, um der in ihnen herrschenden Taufe willen, Seines Ihm fest giltigen Bundeszeichens.
Daß aber durch den Act der Taufe bereits eingedrungenes finsteres Wesen an Kindern beseitigt werde, ist wenigstens der Erfahrung nicht gemäß. Zu einem Schutz und einer Verwahrung gegen andrängende finstere Mächte mag die heil. Taufe wohl etwas bieten, weil mit ihr eine förmliche Uebergabe an den Heiland, als einen sicheren Hort, verbunden ist. Aber eine Befreiung von bereits vorhandenen Uebeln durch die Taufe weiß unsre Zeit kaum aufzuweisen; und sie wird auch nicht geschehen, ehe neue Kräfte, durch welche auch Wunder möglich sind, wieder von oben gegeben sind. Immerhin aber glaube ich es für ratsam erklären zu dürfen, daß man nicht zu lange mit der heiligen Taufe verziehe; denn mitunter mag man doch ein unsicheres Gefühl für sein noch ungetauftes Kind haben. Die so gar lange warten, setzen die Kraft und Wirkung der Taufe herunter; oder glauben sie keine, und nehmen die Taufe fast als eine bedeutungslose Sitte, die nun eben einmal in der Kirche besteht. Daher auch die in unsrer Zeit einreißende Gleichgiltigkeit gegen die Taufe überhaupt, bei der man seine Kinder auch ungetauft läßt. Wer aber der Taufe noch Wert und Kraft beilegt, dürfte die einst vorgeschriebene Zeit der Beschneidung in etwas auch für die Zeit der Taufe maßgebend sein lassen. Die Welt liegt im Argen; und finsteren Einflüssen ist ein armes Kind viel mehr ausgesetzt, als die meisten Menschen, denen überhaupt der Gedanke an finstere Kräfte ferne steht, sich denken. Die Taufe bringt jedenfalls den Kindern einen Schutz; und merkwürdig ist es, daß recht offenbar die meisten auch kleinsten Kinder eine Art Kämpfergeist zeigen, der dem geübten Auge leicht erkennbar ist in manchen Krankheiten, und der gekräftigt zu werden scheint, wenn die Eltern oder andere Personen für die Kinder betend vor dem Herrn stehen. An dem sieht man auch die gewaltige Wirkung der Taufe. Erinnert werde ich oft an das, was David sagt (Ps. 8, 3): "Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um Deiner Feinde willen." - Die Freunde mögen mir's verzeihen, wenn ich hier etwas tiefer gegangen bin.
In unsrer evangelischen Kirche nun kann man das nicht Exorcismus nennen, daß man, wie in Württemberg, die Taufpaten fragt: "Widersaget ihr dem Teufel und all seinem Werk und Wesen?" Denn diese Frage setzt nicht voraus, daß man sich das Kind in der Gewalt des Teufels denke; sondern sie will nur zum Bewußtsein bringen, daß man nicht durch Werke der Finsterniß mit dem Teufel sich verbinde oder verbunden halte, während das Kind an den Herrn Jesum gebunden werden soll. Dem Begriff der Taufe entspricht es aber sehr, daß man vor dem Altar, wie Jesu zusagend, so dem Teufel absagend da stehe.
Ich schließe mit der Bemerkung, daß es auch für die Kinderwelt höchst wichtig ist, daß wieder eine Zeit größeren Einflusses des heiligen Geistes kommen möchte, damit sie geschützter wäre gegen die Angriffe der Finsterniß. Unser Ernst bei der Taufe gibt aber viel. Sorgen wir nur dafür, so viel an uns liegt, daß doch ja der Taufact eine wirksame Aufnahme des Kindes zur Folge habe von Seiten des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!
106) Ueber die Taufe.
(Schluß.)
Ueber die weiteren in III, 104 angegebenen Punkte will ich nur noch kurz reden, um endlich zum Ziele zu kommen.
3) Die Wiedergeburt durch die Taufe.
Die Frage, ob das, was man Wiedergeburt nennt, schon bei der heiligen Taufe erfolge, oder erst bei nachfolgender Bekehrung, beschäftigt Viele. Paulus nun sagt an Titus (3, 5), "die erschienene Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes habe uns, nicht um unsrer Werke willen, sondern nach Seiner großen Barmherzigkeit selig gemacht durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des heil. Geistes, den Er reichlich über uns ausgegossen." Hier redet Paulus mit Bezug auf die erste Zeit, da bei der Taufe die Fülle des Geistes auf die Getauften kam. Daß es da ein Geborenwerden aus Wasser und Geist, wie es der Heiland nötig findet, genannt werden konnte, ist klar. Wenn dann auch Petrus (1 Petr. 1, 3. 23; 2, 2) von einer Wiedergeburt der Christen zu einer lebendigen Hoffnung, und aus unvergänglichem Samen redet, und demgemäß von "jetzt geborenen Kindlein", so kann man Solches nur auf die Taufe beziehen, welche diese Geburt machte. Es machte sich da die natürliche Geburt aus dem Fleische in die aus dem Geiste (Joh. 3, 3 ff.).
Unter der Wiedergeburt ist hienach etwas zu einer Zeit bestimmt Geschehendes, nicht erst allmählig Werdendes verstanden; und man hat sich zu hüten, wiedergeboren nur den zu nennen, der in der Heiligung bis zu einem gewissen Grad vorgeschritten wäre. Schon der Begriff einer Geburt, der zu Grund liegt (vergl. Joh. 1, 13, Jak. 1, 18), läßt es nicht zu, etwas darunter zu verstehen, an dem man sein ganzes Leben hindurch zu arbeiten habe, daß es werde. Da könnte eigentlich von keiner andern Wiedergeburt die Rede sein, als von der aus dem zeitlichen in's ewige Leben. Denn wenn sie auf Erden nicht durch eine Tat Gottes erfolgt, könnte man sie sich bei keinem Menschen geworden denken. Wenn wir auch nicht durch Werke, die wir getan, sondern nach der Barmherzigkeit Gottes durch das Bad der Wiedergeburt selig werden, so macht's mit der Wiedergeburt eine Tat Gottes, nicht das Ringen und Laufen des Menschen. Eine Tat Gottes ist aber ehemals bei der heiligen Taufe entschieden gewesen, da der heil. Geist offenbar und sichtbar auf die Getauften kam. Wiedergeboren wurde dabei der Mensch durch das Herauskommen aus dem Verderben des Fleisches in das Leben des Geistes, durch das Kommen aus der Gewalt des Satans zu Gott, durch das Bewußtsein, nun des Heilands und Gottes zu sein als ein Kind, und somit, statt der Aussicht, verloren zu sein, durch eine lebendige Hoffnung zu einem Erbe im Himmel. Darum wird auch zu Wiedergeborenen, zu Heiligen und Auserwählten erst gesagt, sie sollten sich nun nicht mehr der Welt gleichstellen, sondern sich verändern durch Verneuerung ihres Sinnes (Röm. 12, 2, vergl. Eph. 4, 22 ff.); und auch Petrus sagt zu seinen "jetzt gebornen Kindlein" (2, 2), sie sollten sich nicht gleich stellen, wie vorhin, da sie in Unwissenheit und Lüsten lebeten (1, 14 ff.).
Die Wiedergeburt ist also etwas objektiv von Gott Gegebenes und Bewirktes, wie ja überhaupt kein Geborener zu seiner Geburt etwas beitragen kann. Nur der Glaube wird Anlaß zur Tat Gottes bei der Taufe, jetzt der Glaube der Eltern und Taufpaten; und wenn Luther auf die Frage: "Was ist die Taufe?" der Wiedergeburt nicht erwähnt, aber doch der Aufnahme an Kindesstatt und der Erbschaft des ewigen Lebens, so liegt's doch in diesem Bekenntniß, daß durch die Taufe die Wiedergeburt erfolge. Geringer erscheint freilich die Tat Gottes in unsrer Zeit, da der in das neue Verhältniß zu Gott herein gebärende heilige Geist nicht mehr in derselben Fülle gegeben, nicht mehr durch ein Persönliches aus Gott im Menschen vertreten wird. Jedenfalls haben wir wohl, auch jetzt noch, das Recht, objectiv die Getauften, wenn rechtmäßig getauft, Wiedergeborene zu nennen, als in ein neues kindliches Verhältniß zu Gott gekommen, das jeden Augenblick erfaßt werden darf, aber subjectiv erst dann, wenn's ihnen in der Folgezeit zum vollen Bewußtsein kommt, wessen sie sind, und zum Antrieb, nun auch sich zu erneuern und zu stellen in Gemüt und Sinn auf eine der Kindschaft mit Gott würdige Weise, noch mehr, wenn zugleich bei einer Bekehrung durch eine reale Absolution eine Tat Gottes eintreten kann. Weil sich's daher, - man sollte darüber aufseufzen, - jedenfalls nicht tut, alle Getaufte auch Wiedergeborene zu nennen, da man sieht, wie sie sich im Allgemeinen zu Gott stellen, so sind wir, ohne dem durch die Taufe gegebenen Bleibenden zu nahe zu treten, zu der Unterscheidung zwischen unwiedergeborenen und wiedergeborenen Christen ganz berechtigt, sofern die Einen in das Bewußtsein ihrer Kindschaft mit Gott treten, auf eine Weise, daß sie ihre Kindschaft mit Gott auch durch ihr Verhalten zu realisiren trachten, die Andern nicht.
4) Die Taufpaten.
In der alten Zeit waren die Taufpaten nur Taufzeugen, weil unter der Vermischung mit Heiden die Taufe sollte vorkommenden Falles als wirklich geschehen bezeugt werden können. Bei uns ist es noch Sitte, zu sagen, daß sie die Kinder aus der Taufe heben, was daran erinnert, daß man das Nehmen der Kinder auf die Arme nach der Taufe einst als ein Herausziehen aus dem Taufbecken sich dachte, als wären die Kinder in dasselbe eingetaucht worden. Je heiliger die Taufe gehalten wurde, desto ernster nahmen die Taufpaten ihre Anwesenheit und Beteiligung bei der Taufe. Wenn denn auch in der Schrift weder von Taufpaten, noch weniger von Verpflichtungen derselben die Rede ist, so ist es sicher dem Herrn etwas höchst Wohlgefälliges, Taufpaten mit innerlicher Beteiligung bei der Taufe zu sehen. Es entsteht auch ein eigentümlicher Liebeszug zwischen den Taufpaten, als zweiten Eltern, und den Getauften, ein Liebeszug, wie wir sagen dürfen, durch das Herzutreten des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes bewirkt. Der Heiland nähert sich, wie dem Kinde, so auch den ernsten Taufpaten; und diese wissen oft von einem besonderen Segen zu reden, den sie empfinden durften, und der ihnen ihr Lebenlang nachgeht. Ihr Herz wird warm, wenn sie ihres Patenkindes ansichtig werden; und dieses ist überglücklich an seinen Taufpaten. Etwas Heiliges von oben ist da unverkennbar; und auch das spricht mehr als viel für die Kindertaufe. Die Verpflichtung freilich, die kein Gesetz, sondern das Herz den Taufpaten auflegt, etwa auch an der Erziehung ihrer Patenkinder sich zu beteiligen, darf man nicht zu streng machen, da es die Liebe kränkt, wenn der Eltern Rechte an die Kinder wollen geschmälert werden. Außer den Kundgebungen der Liebe und der Fürbitte wird in der Regel nicht viel weiter von Taufpaten gefordert werden oder geschehen können.
5) Die Confirmation.
Der Vollständigkeit wegen nur noch wenige Worte darüber. Die Confirmation als Taufbundeserneuerung, bei welcher die in der Kindheit getauften Kinder angewiesen werden, ihren Glauben selbst auszusprechen und sich unter den Bund mit Gott dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste zu stellen, ehe sie zum ersten Male am heil. Abendmahle teilnehmen, kommt begreiflich in der Schrift nicht vor. Doch kann man sie angelehnt nehmen an die Sitte der Juden, ihre Kinder im 12. Jahre mit in den Tempel zu nehmen, und unter dem Kreise von Lehrern zu förmlichen Gliedern der Gemeine Gottes aufnehmen zu lassen. In den Kirchen ist sie erst spät eingeführt worden, und förmlich in Württemberg, wie es scheint, erst durch eine Verordnung vom 11. Dez. 1722 (s. Einl. zum Conf.-Büchlein). Wie vielen Segen diese Confirmation mit sich bringt, nicht nur für die Kinder, sondern auch deren Eltern, Taufpaten und Angehörige, für welche der Tag ein christliches, heiliges Fest wird, brauche ich nicht zu sagen. Man sieht, wie kräftig der Geist Gottes doch noch bisher in der Kirche gewirkt hat, auch wo diese angewiesen war, frei nach eigenem Ermessen zu handeln. Auch für die Kindertaufe gibt sie ein gutes Zeugniß. Unberechenbar ist namentlich der Segen, den die Kinder von unserem Confirmationsbüchlein aus jener Zeit haben, das aus 73 Fragen und Antworten besteht und von allen Kindern auswendig gelernt wird.
Wie Vieles sagte ich gerne noch bezüglich des vorausgehenden Unterrichts, der Art der Handlung, und des Alters der Kinder. Aber vielleicht bekomme ich wieder Gelegenheit zu reden. Für jetzt verlangt mich's, die Taufartikel zu schließen. Der Herr lasse auf ihnen einen Segen ruhen!
107) Die murrenden Arbeiter.
Frage in einem Briefe aus dem Nassauischen: "Da vor einiger Zeit ein Gespräch von zwei Freunden über das Gleich niß vom Weinberg und die Bedeutung des Groschens geführt wurde, kam es auch in unserem Freundeskreis zur Besprechung. Indem aber keine rechte Entscheidung Statt fand, und die Meinungen verschieden waren, auch das Murren der frühe gedingten Arbeiter, wie im Gleichniß vom verlorenen Sohne das Murren des älteren Bruders, Manchen unter uns noch dunkel blieb, um entschieden davon zu sprechen, so erlauben wir uns in Liebe, Sie bitten zu dürfen über angeführte Stellen in ihren Blättern Aufschluß zu geben."
Antwort: Das Gleichniß von den Arbeitern im Weinberge steht Matth. 20, 1-16. Um vom Groschen und Murren der Arbeiter zu reden, ist eine Besprechung des ganzen Gleichnisses nötig. An das Murren des älteren Bruders will ich später kommen. Das Gleichniß bietet besondere Schwierigkeiten dar, die schwer zu lösen sind. Ich will versuchen, Alles nach Möglichkeit deutlich zu machen; und nehme ich's in etwas eigener Weise, so mögen mir das die Freunde zu gut halten. Ich geb's einmal, wie mir's gut dünkt, und ich es unter dem Ringen nach Klarheit gefunden habe.
Sehen wir auf das Vorige zurück (Matth. 19, 28-30), so hatte der Herr den Aposteln ein Besonderes verheißen, das sie für ihre volle Hingabe im Anfang, da es der Verleugnungen so viele gab, bekommen würden. "Sie werden sitzen," heißt es, "auf 12 Stühlen und richten die 12 Geschlechter Israel," als solche, die für sich über allem Gericht erhaben sind. Gleich darauf spricht Jesus allgemeiner von Allen, die in der Folge würden mit Hingabe und Verleugnung dem Reiche Gottes dienen, wenn es heißt: "Wer verlässet Häuser etc." Diesen wird nur gesagt, daß sie in dieser Zeit (vergl. Mark. 10, 30) Alles, was sie verließen und aufopferten, hundertfältig würden ersetzt bekommen, und drüben das ewige Leben dazu, ohne gerade eine Stellung als Richtende zu haben. Als Belohnung werden sie Alle gleichmäßig das ewige Leben bekommen. "Viele Erste aber," setzt Er hinzu, "werden Letzte, und Letzte Erste sein." Erste und Letzte heißen sie mit Bezug auf die Zeit des Eintritts in den Dienst Jesu. Die Apostel waren die Ersten, und mit ihnen konnten noch Andere so genannt werden. Nach ihnen kamen Weitere, und nach diesen wieder, endlich Letzte. Der Lohn, oder der volle Empfang des ewigen seligen Lebens, wird nicht nach der Zeit des Eintritts in das Reich Gottes abgemessen. Weil es aber heißt: "Viele Erste werden Letzte sein, und Letzte Erste," so geht daraus hervor, daß von den Ersten nicht Alle ganz über dem Gericht als Richtende stehen, dagegen von Späteren und Letzten es Viele so haben werden, wiewohl auch so schließlich Allen das ewige Leben verbleibt. Einiger Unterschied, bis man das ewige Leben hat, kann da sein, aber ohne daß nach der Zeit des Eintritts es gehen werde. Es liegt in der Rede des Herrn ein feiner Wink, wie eben doch auch wieder auf die Gesinnung und Treue Aller wird gesehen werden.
Kommt nun der Herr auf das Gleichniß von den Arbeitern, so schließt dieses wieder (20, 16) mit den Worten: "Also werden die Letzten Erste, und die Ersten Letzte werden," aber mit dem Beisatz: "Denn Viele sind Berufene, Wenige aber Auserwählte." Weil es dießmal zuerst heißt: "Die Letzten, und die Ersten" mit dem Artikel, kann man es nehmen, als wollte der Herr auf den ersten Ausspruch (19, 30) sich zurückbeziehen, und sagen: "Auf diese Weise geht es zu mit den Ersten, von denen ich gesagt habe, daß sie Letzte werden würden etc." Der Herr wird, wenn, so zu sagen, die Zeit der Ausbezahlung, das Eingehen in das ewige Leben, angeht, nemlich in die volle Seligkeit nach Vollendung aller Arbeitskämpfe, den Anfang mit den spätest Gekommenen machen, und von ihnen aus bis zu den Ersten kommen, daß diese die Letzten werden. Ein Unterschied des Lohns wäre damit nicht ausgesprochen. Wenn aber der Herr hinzusetzt: "Denn Viele sind Berufene, und Wenige sind Auserwählte," so ist damit doch angedeutet, daß von dieser Behandlungsweise Viele als Auserwählte werden ausgeschlossen sein, und es haben, wie die Apostel, die nicht als auf den Lohn Harrende, sondern als Richtende da sein werden, während die andern Alle, als bloß Berufene, den Groschen in angezeigter Weise, der hiernach nichts Anderes ist, als das ewige Leben (19, 29), bekommen. Angezeigt aber ist den Aposteln das, daß es ihnen gleich auch viele Andere, später erst in den Dienst des Reiches Gottes Eintretende, haben werden, daß sie auf Stühlen sitzen und richten oder bestimmen werden, wem sein Groschen zukommen soll, der etwa schlechten Arbeitern, die bloß im Weinberge gewesen, und dort so faul und müssig hingestanden sind, wie auf dem Markte, auch entzogen werden könnte, was aber nur zwischen den Linien läge. Die Worte nemlich: "Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt," wollen nicht sagen, daß nur Wenige, obwohl Viele berufen seien, würden selig werden; denn daß etwa die Murrenden nicht sollten selig werden, ist nicht angedeutet, da sie ihren Groschen unverkümmert erhalten, nur nicht mehr. Auserwählte heißen nur die, welche bevorzugt sein werden, wie die Apostel.
Gehen wir nun näher zum Gleichniß, so wird das Himmelreich verglichen mit dem, was ein Hausvater mit Arbeitern, deren Bestellung und Belohnung, tut an Einem Tage. Dieser Tag hat einen Morgen, und hat einen Abend. Der Morgen ist der Anbruch des Reiches Gottes mit Christo und den Aposteln; der Abend, mit welchem die Tagarbeit, die Kampfzeit, vollendet wird, bringt die Belohnung denen, die am Reiche Gottes gearbeitet haben, oder Mitglieder desselben geworden sind, mit der Zukunft Christi. Es ist also so vorgestellt, wie wenn die ersten Arbeiter den Schluß des Tags, oder die Zukunft des Herrn, noch erleben könnten. Aber bis diese Zukunft eintritt, werden dazwischen hinein immer weitere Arbeiter berufen, wie der Hausvater mit jeder Stunde des Tags neue Arbeiter bestellt, die zu den erst berufenen Arbeitern kommen, und mit diesen den Tag beschließen, das Letzte vollbringen, was das Reich Gottes erfordert. Wir haben hier uns dessen zu erinnern, daß die Möglichkeit einer schnellen Vollendung des Reiches Gottes und der noch zu erlebenden Zukunft des Herrn immer vorausgesetzt wird, wie der Herr etliche Male sagt, daß Solche um Ihn seien, die des Menschen Sohn werden kommen sehen. Daß dieses gegen den ursprünglichen Plan Gottes anders geworden ist, haben wir schon öfters besprochen. Aber das Gleichniß hat die Haltung, wie sie zum ersten Plane paßt, weil die Arbeiter, zu verschiedenen Tageszeiten in den Weinberg geschickt, Alle am Abend noch beieinander sind, und sich gegen einander schätzen können. Eine directe Beziehung auf unsere Zeit hat hienach die Haltung des Gleichnisses nicht; und wir haben aus demselben nur das zu entnehmen, was für die christliche Haltung der Arbeiter zu allen Zeiten wichtig ist.
Dem Gleichniß zufolge wäre zu erwarten gewesen, daß im Verlauf eines Geschlechts, wenn Alles recht nach dem ersten Plane gegangen wäre, der Herr immer wieder neue Arbeiter unmittelbar berufen hätte, wie etwa einen Paulus, so in kleinen Zwischenräumen auch Andere, bis gegen das Ende, selbst kurz noch vor dem Abend. Weil aber Alles anders gegangen ist, so hat eigentlich die unmittelbare Berufung der Arbeiter bald ganz aufgehört; und man weiß auch nach der Zeit der Apostel keine Berufungen, wie sie das Gleichniß andeutet, wenn gleich Anregungen durch den Geist Gottes häufig vorkamen, wie namentlich zur Zeit der Reformation, und noch später je und je. Gegen das Ende hin aber werden denn doch wieder, wie wir annehmen können (Matth. 23, 34), unmittelbare Berufungen von Arbeitern Statt finden, und diese Arbeiter die Aufgabe haben, sich bis zum Ende vollends durchzuschlagen. Diese nach menschlichen Ordnungen berufenen Arbeiter standen der Zeit nach so aus einander, daß sie nicht gleichzeitig arbeiteten, sondern nach einander, sofern die Geschlechter immer wieder sich erneuerten; und nur gegen das Ende hin könnten in kleineren Zwischenräumen stets wieder neue unmittelbare Berufungen vorkommen, da denn wieder von Ersten und Letzten die Rede würde, wie sie nach dem Gleichniß gleichzeitig bleiben. Uebrigens ist der Begriff von Arbeitern auch in weiterem Sinne zu nehmen, indem nicht nur förmlich zur Arbeit Berufene, sondern überhaupt alle wirklich Bekehrte zu den Arbeitern zu rechnen sind. Wer an den Herrn gläubig wird, soll auch in etwas dem Herrn dienen in Seinem Weinberge, d. h. in Seinem Reiche. Diese aber bleiben doch die bloß Berufenen, die nur den Arbeiterslohn, das ewige Leben, ausbezahlt bekommen, während Andere, unter den Vielen Wenige, als Auserwählte einen Vorzug bekommen werden, dem ähnlich, den die Apostel der ersten Zeit haben, daß sie über dem Gerichte erhaben als Richtende sich bezeigen dürfen. Von diesen Bevorzugten aber ist im Gleichniß selbst nicht die Rede. Denn hier werden Alle gleich genommen, wie denn die Bevorzugung erst zuletzt sich herausstellen wird, ohne daß sie im Gleichniß sollte betont sein. Schließlich werden ja auch die Bevorzugten nichts Weiteres haben, als das ewige Leben; und von Bevorzugungen im ewigen Leben selbst ist auch den Aposteln nichts gesagt.
Für uns nun bekommt das Gleichniß die Bedeutung, daß es einen Wink giebt, wie in keiner Weise Frühere gegen Spätere, länger im Kampf Stehende gegen Solche, die ihn nur kurz zu bestehen haben, sich bevorzugt denken sollen. Sei's, wie es wolle, und ist's auch nur eine Schächersgnade, welche Einzelne bekommen, so dürfen auf diese die Andern und heiß in der Arbeit und im Kampf Stehenden nicht heruntersehen und mehr hoffen, als diese. So giebt für die ganze Dauer der Wartezeit bis auf uns herab das Gleichniß den Wink, nie jüngst Bekehrte herabzusetzen, und sich, als ergraut im Dienste des Herrn, höher zu stellen. Das Murren aber ist nicht etwas, was gleichsam ins ewige Leben selbst oder in die Zeit der Annahme vor dem Herrn zu versetzen wäre, wie wenn die Seligen drüben sich gegen einander schützten, ob sie weniger oder mehr verdient, oder zu erwarten gehabt hätten; denn da wird der Groschen einen sie ganz hinnehmenden Wert für sie haben. Vielmehr hat man es ganz ins Diesseits zu verweisen, und zwar so, daß das Murren eine Geringschätzung Anderer, oder einen Sichfühlen vor diesen bedeutet, bei dem sie sich schmeicheln, ein Mehr, ein Voraus sich versprechen zu dürfen, wenn die Abrechnung komme. Lassen sie's denn auch die, welche weniger Kampf und Arbeit haben, fühlen, so kann's so gar mit einer Art Neid oder Mißgunst verbunden sein, daß auch diese oder jene sollten noch zur Arbeit gelangt, oder vom Herrn angenommen worden sein, um ihnen fortan gleichgestellt zu werden, während sie doch so viel geleistet und gekämpft hätten. Diese Gesinnung ist's, gegen welche das Gleichniß gerichtet ist; und wenn sie zuletzt auch nicht gerade am Seligwerden hindert, weil sie ja doch den Groschen bekommen, so kann sie doch denen, die mit ihr sterben, ehe der Abend kommt, zu großem Schaden werden, daß ein Warten auf den Lohn unter Sorge, Angst und Qual bei ihnen eintritt, ohne daß sie an den vorläufigen Ruheort kommen, namentlich wenn auch ihre Gesinnung, wie ein nagender Wurm, an ihnen hängen bleibt, wie jene Märtyrer (Off. 6, 10) das mit ins Grab genommene Rachegefühl. Irgendwie wird die ernste Rede des Herrn, der ihnen den Verweis giebt, auf sie fallen. Zuletzt aber wird's der Heiland ausgleichen, aber nicht anders, als daß die Letzten zuerst das Ihre bekommen. Das Murren wäre denn schon vor oder unter, nicht erst nach der Abrechnung zu denken, was im Gleichniß anders gegeben werden mußte.
Wie viel Selbstgefühl und Ueberschätzung ihrer selbst Arbeiter, die lange gearbeitet haben, auch Brüder, die, wie sie sagen, lange im Lauf gestanden sind, anwandeln kann, und wie sehr sie sich über Andere, die erst spät anfangen, oder über Neulinge, die es nicht durch sie geworden sind, hinaufdenken, und wie viel Mißtrauen und Neid bis Mißgunst sie gegen Neubekehrte zeigen, namentlich wenn sie sie in Freuden sehen über den erlangten Glauben, und in Seligkeitsgefühlen, welche sie selber vielleicht, weil durch die Länge der Zeit etwas abgekühlt, nicht mehr so stark haben, davon hat die christliche Kirche und die Neuzeit nur gar zu viele Beweise gegeben. Mitunter hat's den Anschein, daß sie's großen Sündern gar nicht recht gönnten, wenn sie denken, jetzt bekommen diese auch ihren Groschen. Der Murrgeist kommt gerne auch an Kinder Gottes, selbst gegen den Herrn, daß Er so gütig sei, auch da, wo's die Menschen nicht verdient hätten. Dieses Murren nimmt ihnen viel Frieden, und läuft nie, wie schon bemerkt, ohne Schaden für sie ab.
So ungefähr kann man das Gleichniß nehmen. Ersehen wenigstens kann man aus dem Gesagten viel, wenn's auch Andere in der Auslegung vielleicht besser treffen.
108) Der murrende Bruder.
In der Frage zu Nr. 107, die eine Antwort wünschte über die murrenden Arbeiter, war auch davon die Rede, wie es mit dem murrenden Bruder zu nehmen sei, der sich bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes murrend gegen den Vater verhielt (Luk. 15, 25 ff.). Solches will ich nun auch ein wenig besprechen.
Der Herr hat die Geschichte des verlorenen und wiedergefundenen Sohnes gerne damit geschlossen, daß Er das Murren des gebliebenen ältesten Sohnes anhängte. Denn Er richtete Seine Gleichnisse an die Pharisäer und Schriftgelehrten, welchen Er noch etwas Ernstes sagen wollte. Von diesen nämlich hat es im Anfang des Kapitels (Luk. 15) geheißen: "Sie murreten, und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen." Wie die Pharisäer also vor Augen gegen Jesum murreten, weil Er sich der Zöllner und Sünder annahm, die, wie es heißt, "zu Ihm naheten, daß sie Ihn höreten," so machts ganz gleich auch der brave Sohn, der im elterlichen Hause geblieben war, als er sah, wie der Vater seinen verlorenen Bruder wieder annahm. Das Gleichnis ist ganz so eingerichtet, daß man unter den zwei Söhnen die Zöllner und die Pharisäer abgebildet sich denken sollte. Die Zöllner hatten's wohl nicht so schlimm gemacht, als der verlorene Sohn, und waren nicht, wie dieser, aufs Äußerste verkommen. Aber der Heiland deutet es gerne an, daß die Zöllner noch viel schlimmer sein dürften, als sie waren, und Er sie doch nicht von sich gewiesen hätte, sie nur, wie der Vater den verlorenen Sohn, mit desto größerer Liebe und Freude hätte bei sich ankommen lassen, weil es ja nichts Größeres und Schöneres geben kann, als gerade die verkommensten Menschen zur Besinnung zurückgekehrt zu sehen. Die Pharisäer aber waren viel zu stolz und auf ihre Frömmigkeit und Tugend zu eingebildet, als daß sie ein Herz für Verkommene, auch wenn diese in sich gingen, gewinnen konnten. Sie können's den Sündern nicht vergessen, daß sie Sünder gewesen sind, und tun, wie wenn der fromme Anstand es erfordere, Sünder ewig ferne von sich zu halten.
Ob sich aber nun die Pharisäer getroffen fühlten und hintennach sich schämten, als sie die Geschichte gehört hatten, müssen wir dahingestellt sein lassen. Möglich, daß sie bei ihrem Murren verblieben und dachten, eigentlich habe der älteste Sohn doch das Recht gehabt, mit dem Vater zu trutzen. Sie konnten denken, wie der Bruder, der Vater habe sich etwas vergeben, habe eine ärgerliche Schwachheit gezeigt und nicht nach dem Takt eines ehrbaren Mannes gehandelt. Jedenfalls habe der Vater gar nicht in Betracht gezogen, wie viel der Sohn durch seine Liederlichkeit vom väterlichen Vermögen umgebracht habe, das nun für immer verloren sei. Diese und andere Glossen konnten die Pharisäer über die Geschichte machen, um zu zeigen, daß sie in ihrer Einbildung, Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe ganz verstockte Leute waren. Es hat auch bei uns Prediger gegeben, die in öffentlicher Predigt den Vater schon darüber der Schwachheit anklagten, daß er dem stürmischen Gesuch des Sohnes um seinen Anteil am väterlichen Vermögen nachgegeben und ihm ohne Weiteres mit dem Seinen in die Weite haben gehen lassen. Nun habe er hintennach auch den Schaden gehabt, indem er nach so großem Verluste aufs Neue habe für den verloren Gewesenen sorgen und ihm ein Erbteil geben müssen, um das nun auch der älteste Sohn verkürzt worden sei, so daß dieser ein volles Recht gehabt habe, unzufrieden und mürrisch sich zu bezeigen.
So reden natürliche, rein irdische Menschen, die keinen Funken göttlicher Gesinnung und Bruderliebe in sich haben, indem ihnen zeitliches Gut weit über die Person eines Menschen, und sei es auch eines Bruders, geht. Der Heiland hat aber absichtlich das Gleichnis so gestellt, daß das zeitliche Vermögen des Vaters ganz als Nebensache behandelt wurde, nach dem, wie es sein sollte, bei Seelenrettungen gar nicht umzusehen ist. Stellt aber das Benehmen des Vaters auch die Handlungsweise des himmlischen Vaters bildlich vor, so ist es wahr, daß dieser den Menschen das von Ihm ihnen gegebenes Erbteil auch überläßt, daß sie frei nach ihrem Willen darüber schalten dürfen. Sie sollten's in Seiner Gemeinschaft tun, als bleibend im Hause. Wollen sie nicht, so läßt Er sie machen, läßt sie auch ihre leiblichen und geistigen Gaben und Kräfte verprassen, ohne in der Regel ihrer Freiheit entgegenzutreten. Wollen wir das unklug heißen? Soll der Vater immer nur Zwang anlegen, oder, wie Gott das Recht hätte, ausartende Menschen lieber gar aus der Welt nehmen? So meinen wir oft. Gott aber denkt anders, und macht's wohl weislicher, als die Menschen. Was wäre gewonnen, wenn Gott nur gleich tötete? Wir sehen's, der verlorene Sohn kommt wieder zurück; was wäre sonst aus ihm geworden? Ferner, wenn der Vater, wie er bei Andern je und je tut, dem Sohn, so zu sagen, die Flügel beschnitten hätte, daß er hätte zu Hause bleiben müssen, wäre unter dem der Sohn geraten? Den läßt nun einmal Gott gleichsam austoben, um ihn ewig zu retten, da Er ihn, völlig gedemütigt, als ein treues Kind wieder bekam, wie es der gebliebene Sohn nicht wurde. Der entlaufene Sohn freilich hat viel Böses angestellt in der Fremde, viele Menschen verführt und verderbt. Kann man den lieben Gott beschuldigen, daß er liederlichen Menschen so viel Freiheit läßt, Ihm so viel zu verderben, was mehr war, als der Verlorene unserer Geschichte an zeitlichem Gut seinem Vater verschleuderte? Ja, dem Vater im Himmel geht durch liederliche Menschen viel verloren, aber freilich auch wieder an Solchen, denen Er die Freiheit zu lassen für gut findet. Dennoch wagt Er's; denn wie der Verführer in sich ging und wieder gerettet wurde, so weiß der Vater im Himmel auch das durch ihn Verderbte wieder gut zu machen, was der jüngste Tag herausstellen wird. Wer mag sich wundern, wenn der Herr mit der Freude des irdischen Vaters auch die Freude im Himmel bildlich vorstellen will.
Nun aber der gebliebene Sohn, was sagen wir von dem? Wie der sich im väterlichen Hause gehalten hat, als scheinbar treuer und braver Sohn, ist nicht näher angegeben. Denken wir aber das Eine, wie wenig er jetzt den Vater ehrt, wie er diesen so schnöde behandelt, wie er ihm seine Freude verderbt! Das Alles ist ein Vorbild davon, wie pharisäisch Fromme mürrisch und zänkisch gegen den lieben Gott sich benehmen, wenn Er auch Andern, als ihnen, Gutes und Barmherzigkeit zukommen läßt. Wir sehen auch, wie der irdische Vater auch an dem braven Sohn mag sonst wenig Freude gehabt haben. Jetzt stellt sich's heraus, daß es mit ihm auch nicht viel war, so treu und brav und fromm er sich angestellt hatte. Das ist ein Fingerzeig, wie auch wir, wenn wir fromm sein wollen, uns zu hüten haben, daß wir unserem lieben Vater im Himmel nicht sehr zur Übung werden. Wenn sichs vollends herausstellt, daß die lieben Kinder nach den Verlorenen, die doch gleichen Rang mit ihnen haben, nichts fragen, nicht nur nicht selbst diesen nachgehen, sondern auch, wenn sie selber kommen, sie über die Achseln ansehen und gar nicht ankommen lassen wollen, oder, wenn sie von Andern, wie von Jesu, gesucht und freundlich behandelt werden, böse und ärgerlich werden, und die Annehmenden drob verachten, meinend, man vergebe sich etwas an den Sündern, oder wenn sie stets über solche, die aus großen Lastern herausgekommen sind, hinaussehen und ihre Geringschätzung bis zum Ärger gar nicht aufgeben, also keinen Verkehr mit ihnen haben wollen, was wird das für Folgen haben? Es war schon gar nicht schön, daß der brave Sohn nicht längst Schritte getan hatte, den Verlorenen aufzusuchen oder nach ihm sich umzusehen, was der Vater nicht tun konnte. Es sah sich aber an, als ob er die ganze Zeit über gesagt hätte: "Der ist wohl fort!" So machen's je und je auch bei uns Brüder, daß sie diese oder jene gerne von ihnen gehen und in den Weltstrudel hineinfallen lassen, ohne weiter um sie sich zu bekümmern. Was sind da die Braven? Das sind die, die der Herr könnte am Ende versucht sein, gar aus dem Hause zu jagen. Oder denken wir uns gute Hoffnungen für die murrenden Pharisäer? Wer mit Gesinnungen, wie sie der brave Sohn zeigte, oder mit den Gesinnungen der murrenden Pharisäer, hinfährt, der mag zusehen, ob er einen Platz finde in den himmlischen Wohnungen. O Pharisäer, wie wenig Gutes siehst du vor dir, wenn du nicht noch demütiger gar vor dem Vater im Himmel dich beugst, als der verlorene Sohn, als er wiederkam!
109) Das Übel und die Finsternis.
Frage: "Darf ich Sie bitten, über folgende Sprüche, die mir viel zu schaffen machen, in Ihren Blättern sich zu äußern?"
Jes. 45, 7. "Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der der Herr, der solches Alles tut."
Klagl. 3, 37. "Wer darf denn sagen, daß Solches geschehe ohne des Herrn Befehl?"
Amos 3, 6. "Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?"
Antwort: Solche Bibelsprüche haben etwas ungemein Tröstliches. Denn sie zeigen, daß der Mensch, so viel ihn auch feindselige Kräfte und Mächte umgeben, doch nicht eigentlich in deren Gewalt gegeben ist. Was Satan, und was Menschen Böses an uns verüben, ist nur möglich, wenn Gott sein Jawort dazu gibt. In die Willkür Satans und der bösen Menschen ist Niemand gestellt. Von Seiner Souveränität läßt Gott sich nichts nehmen, soviel sich auch Herren und Souveräne in der unsichtbaren und sichtbaren Welt aufgeworfen haben. Eben weil Gott der Herr bleibt und ohne Ihn nichts geschehen kann, ist Er auch als der anzusehen, der's tut, nicht gerade unmittelbar. In die Furcht des Herrn soll also jedes Übel, das dem Menschen widerfährt, treiben; und den Blick hat man von den direkt wirkenden Mächten und Menschen insofern ganz abzuwenden, als man sich nicht über diese entrüsten, nicht gegen diese feindselig gestimmt werden, nicht vor diesen in Furcht und Angst stehen darf. Oft fällt mir da ein, wie der letzte persische König, welchen Alexander, der König von Mazedonien, überwand, da er in die Tiefen Asiens sich geflüchtet und dort von dem Satrapen Bessus eben den Todesstich erhalten hatte, als der ihm nachsetzende Alexander ihn traf, diesen als einen lieben Freund herzlichst begrüßte und liebte, ungeachtet Alexander vor Augen die alleinige Ursache seines Sturzes von höchster Höhe herab war. Sollen wir von einem Heiden übertroffen werden, und hassen, die uns verderbt und in Nichts verwandelt haben, und doch wissen, daß es der Herr ist, auf dessen Befehl, wie Jeremias sagt, die Feinde Alles getan haben, daß man diese, so viel sie auch persönliche Schuld haben mögen, gar nicht darum ansehen darf, weil sie nichts vermocht hätten, wenn Gott ihnen nicht die Macht gelassen hätte? Wer so zu denken vermag, hat sich zur höchsten Tugend erhoben; und in dem Grad, als er davon zurückbleibt, wird ihn auch der Vater kalt und unfreundlich ansehen. Denn fast ist's eine Lästerung Gottes, Alles auf Menschen werfen. Auch auf Teufel dürfen wir nichts werfen; denn diese sind eine reine Null, wenn Gott nicht ihnen den Willen gewähren will.
Überlegen wir ferner, warum doch wohl Gott so viele Zugeständnisse gibt zu Übeln aller Art, so wollen wir von dem absehen, daß oft Anklagen vorliegen, welche, wenn nicht versöhnt, die Gerechtigkeit Gottes nicht abweisen kann, und nur das anführen, daß Gott einerseits böswillige Mächte (vergl. Satan bei Hiob) und Menschen ihr Sündenmaß, ehe sie gerichtet werden, will und muß voll werden lassen, und daß Er andererseits unsre Ihm unterwürfige und gegen Feindselige priesterliche Gesinnung prüfen und haben will. Wie viel diese zwei Punkte in einander greifen, ist gar nicht auszudenken, nämlich die sich reif machende Bosheit der gottwidrigen Wesen und Menschen, und unsre priesterliche Gesinnung, welche jene vor Gott aufwägen sollte. Wenn wir wollen, haben wir da den Heiland. Was ist den böswilligen Mächten und Menschen nicht Alles wider den Heiland zugelassen worden; und wie hat Er gebetet, namentlich für Letztere! Mit nichts kommen wir dem barmherzigen Gott mehr entgegen, als mit unsrer priesterlichen Gesinnung, welche das Gericht über Sünder aufhält oder aufhebt, und allein durch die ganze Schöpfung, wenigstens verhältnismäßig, Alles eben machen kann. Wer's fassen kann, fasse es; denn es geht tief, wird aber in seiner ganzen umfangreichen Bedeutung nirgends verstanden. Denn in der Regel haben wir selbst zu viel Feindseliges in uns, um priesterlich gegen Feindselige gesinnt zu sein. Was wäre aber aus der ganzen Menschheit, ja aus der ganzen Schöpfung, die noch der Herrlichkeit Gottes voll werden soll, geworden, wenn kein Heiland gekommen wäre, der mit Seinem Priesterherzen Weltheiland geworden ist, und, wenn Sein Priesterherz auch Anklang bei den Seinen findet, so Sieger werden wird, daß zuletzt wird Gott werden und sein Alles in Allen.
Eben weil das Unpriesterliche, d. h. das Feindselige gegen Feindselige so tief uns in's Herz gegraben ist, wird den Feindseligen so viel gegen uns eingeräumt, und zwar nach einem gewissen Recht, das die Feindseligen auch wieder um unsrer Sünden willen an uns haben, oder nach der Gerechtigkeit Gottes, die für Alles Sühne fordern kann. Die Frage, ob Feindselige nicht doch eine Verantwortung haben, wenn auch Gott ihrem Willen willfährt, will ich lieber gar nicht beantworten, denn in ihr liegt an und für sich schon etwas, das in's Gebiet der Rachsucht gehört, also vom priesterlichen Sinn weit abgelegen ist. Dem lieben Gott gefällt diese Frage, wenn wir sie bezüglich Anderer aufwerfen, gar nicht. Bezüglich unser selbst dürfen wir wohl erwägen, daß wir, wenn wir Böses vorhaben, das Gott uns ausführen läßt, Schuld haben vor Gott; aber bezüglich Anderer lassen wir lieber diese Frage liegen. Denn da sollten wir einen Priestersinn haben, der lieber entschuldigt, wie Jesus, und sagt: "Vergib; denn sie wissen nicht, was sie tun", als Schuld aufladet und bestraft sehen will. Ach, Jesu, daß wir wären, wie Du, und uns durch Deinen Geist machen ließen, wie Du bist!
Das Eine noch, - wenn nach Jesajas der Herr sagt, Er mache das Licht und schaffe die Finsternis, so heißt das nicht, Er mache das Böse, wie das Gute. Vielmehr ist hier unter Licht alles Heil verstanden, das Gott wirkt, und unter Finsternis alles Unheil und Übel, das Gott in angezeigter Weise schafft. Will man's tiefer nehmen, so kann man auch sagen, die Finsternis, die den Sünder überfällt, namentlich in der unsichtbaren Welt, sei etwas von Gott an Sündern Gewirktes, den Sündern höchst unwillkommen widerfahrend. Die Nacht, die wird, wenn Sünde von Gott, dem Lichte, trennt, ist ein Etwas, von Gott Geschaffenes. Alle außerirdische Wesen, die von Gott abgefallen, sind in eine von Gott eben für sie geschaffene Finsternis versetzt, nicht nur in eine Abwesenheit des Lichts, das Gott ist, sondern auch in eine positive Finsternis, in der sie nun das trübseligste Dasein haben. Deswegen wird in der Wiederbringung, wenn Alles neu wird, keine Nacht mehr sein (Off. 22, 5). Sonst werden auch unter Finsternis die in obige Finsternis hingegebenen Abfallswesen verstanden. Das gibt wieder zu denken. Der Heiland helfe uns denken und beherzigen durch Seinen heiligen Geist!
110) Das verdammende Herz.
(1 Joh. 3, 20).
Frage: "Die Stelle in 1 Joh. 3, 20 "daß, so uns unser Herz verdammet, daß Gott größer ist, als unser Herz," ist mir immer dunkel; und ich wünschte sehr, einige Aufklärung darüber zu bekommen. Darf ich Sie bitten, in Ihren Blättern etwas zu geben."
Antwort. Johannes ist in seinen Briefen den Worten und der Satzordnung nach nicht immer leicht zu verstehen; und häufig kann man fast gar nicht nach Wunsch zurechtkommen. So ist es namentlich in der angeführten Stelle. Aber die Gedanken, die drin liegen, kann man doch herausfinden; und Auslegungen nach dem Geiste führen immer auf etwas Tiefes. Mit dem muß man sich denn begnügen, auch wenn man dem Buchstaben nach noch etwas vermißt. Ich will's nun versuchen, nach meinem Vermögen über obige Stelle mich zu äußern.
Johannes hatte vorher (v. 17) gesagt, wir sollen vor dem Bruder unser Herz nicht verschließen, also nicht (v. 18) mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit lieben. Denn liebt man bloß mit Worten oder mit der Zunge, so bleibt das Herz zugeschlossen und ist die Liebe kalt. Das Herz ist nur offen, also die Liebe warm, wenn wir mit der Tat unsere Liebe beweisen, weil nur das wahre Liebe ist. Wenn es nun weiter heißt (v. 19): "Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor Ihm stillen" (beruhigen), so liegt nahe, zu denken, daß Johannes auf das Zuschließen des Herzens zurücksieht, da man nicht nach der Wahrheit liebt, bei dem unser Herz keine Beruhigung fühlen kann, wir also auch sonst eine Öde und Kälte in uns haben, dem Herrn nicht nahe genug uns fühlen. Lieben wir aber recht nach dem Herzen, so erkennen wir selbst, daß wir aus der Wahrheit sind, oder wir das, wie wir uns geben, nach der Wahrheit sind, daß, wie unser Lieben, so unser Tun überhaupt ein wahres ist, nicht bloß ein gemachtes, ein erkünsteltes, und ein heuchlerisches. Wir merken das selber, und unsrem Herzen tut das wohl, daß dieses sich stillen und beruhigen, seines Heilandes sich getrösten kann. Hiemit ist uns ein Wink gegeben, wie unser Herz überhaupt unbefriedigt und öde ist, wenn wir nur mit geschlossenem Herzen lieben. Wollen wir innerlich gestillt sein, so müssen wir unser Herz nach der Liebe aufmachen lernen. Ist dieses offen, dann ist's zu allen Opfern bereit, und hat's zugleich, wie den Bruder, so auch den Heiland nahe. Bleibt das Herz zu, so tun wir schon das Geringste, das wir tun oder tun müssen, ungerne; und je und je lassen wir die Brüder leer ausgehen, unter lauter schönen Worten, tun nichts für sie, wie es ihnen ein Bedürfnis wäre. Ein lauterer Christ muß sich ordentlich üben, in Allem mit offenem Herzen vor dem Bruder zu stehen, und nicht mit geschlossenem. Der Bruder hat auch einen feinen Merks; denn im Augenblick, schon beim Grüßen, beim Händedruck, bei scheinbar unbedeutenden Reden, kann er fühlen, ob der Andere sein Herz gegen ihn offen hat, oder geschlossen. Wir mögen's da verstehen lernen, warum viele, sonst aufrichtige Christen eben doch kein gestilltes, befriedigtes, im Herrn beruhigtes Herz haben. Denn es bleibt dabei, wenn dieses nicht offen gegen Andere ist, so ist's auch gegen den Herrn geschlossen; oder macht ihm gleichsam der Herr selbst die Türe seines Herzens zu, wenn er's öffnen will, weil Er nicht herein mag.
Mitunter aber kann's doch auch so sein, daß unser Herz uns verdammt und verurteilt, auch wenn es sonst gegen Andere offen ist. Es kommt eben sonst Mancherlei vor, darüber man sich vor dem Herrn anklagen muß; und dann kann's uns vorkommen, als wären wir ganz verwerflich, weil wir des Guten so gar wenig in uns finden. Darauf bezieht sich denn das Weitere (v. 20), das obige Frage meint: "daß, so uns unser Herz verdammt, daß Gott größer ist, denn unser Herz, und erkennet alle Dinge." Es können Anfechtungen da sein, verborgene Lüste, sonst ungöttliche Gedanken aller Art, um deren willen wir keinen rechten Zugang zu Gott zu haben meinen. Solches Selbstgericht ist ein Stück der geistlichen Armut, die bei den lauteren Christen nicht immer fehlen sollte. Immer sich selig fühlen, darinnen wohl auch sein Wohlgefallen und sein Rühmen haben, ist nicht das Rechte. Arm und leidtragend zu sein, haben wir ja viele Ursache. Aber, wenn das ist, so wird's dem, der stets ein offenes Herz vor seinem Bruder hat, und der sein Herz vor ihm nicht geschlossen hält, leicht werden, mitten unter dem Selbstgericht auch sich aufzuraffen durch den Gedanken, daß "Gott größer sei, als unser Herz." Unser Herz kann nicht das endgiltige Urteil fällen. Es ist ein größerer Richter da, auf den es ankommt, und dem man vertrauen darf, daß Er nicht auf's Härteste mit uns fahren, sondern um Jesu willen mit aller Seiner Barmherzigkeit, Gnade und Vergebung einzutreten bereit sein werde. Der "erkennet auch alle Dinge", sieht des Herzens Bangen und verborgenes Sehnen und Schmachten nach dem Herrn. Darüber wird, wer aus der Wahrheit ist, sein Herz vor Gott stillen, und auch sein Verdammen stillen; denn der größer ist, als unser Herz, bleibt Heiland und Sieger.
Wenn wir weiter lesen (v. 21): "Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Freudigkeit zu Gott; und was wir bitten, werden wir von Ihm nehmen", so ist das schon aus dem heraus gesprochen, daß das Verdammen des Herzens nach dem eben Gesagten gestillt worden ist. Wenn es gilt, durch Bitten etwas zu erlangen, das von Bedeutung ist, namentlich für das Reich Gottes, darf man sein Herz nicht sich verdammen lassen. Verdammt's denn auch nicht, weil's nicht darf, was kann man Alles gewinnen? O, wie wichtig kann das werden! Ich war einst im Fall, nicht direkt, aber indirekt, angepackt vom Feinde, siegen zu müssen. Da hat's in mir gezupft und geheißen: "Was willst denn du, Elender; bleib nur du weg!" Alles in mir wollte mich verdammen. Aber ich habe den Mut gehabt, zu sagen: "Weg mit Allem; jetzt muß geglaubt werden und gilt keine Verdammnis, - will sonst schon mit meinem Heilande es abmachen." Beschreiben kann ich's nicht, wie mir's war. Aber wenn wir nicht über die Verdammnis unseres Herzens hinaus etwas wagen können, sind wir schon gefällt. Aber gewonnen hab' ichs, weil ich mich nicht verdammen ließ! Gepriesen sei Gottes Barmherzigkeit, der wahrlich, - mit Beschämung sage ich's, - größer war, als mein Herz.
111) Vollkommen und heilig.
Frage: "Bitte, erklären Sie uns einmal die zwei Sprüche, die mir viel nachzudenken geben: "Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel"; und: "Ihr sollt heilig sein; denn ich bin heilig." Wie können arme Sünder hier schon auf Erden vollkommen und heilig werden! Ich kann's nicht begreifen. Bitte, eine Erklärung."
Über den ersten der angeführten Sprüche habe ich mich in der ausführlichen Behandlung der Bergpredigt bereits ausgesprochen (1874, Nr. 4, §. 26, S. 27), und so, daß ich es nicht besser zu sagen weiß. Weil es dort unter dem Ganzen wie verloren dasteht, will ich's hier noch einmal hersetzen. Der Spruch heißt:
Matth. 5, 48: "Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist."
Die gegebene Auslegung lautet: "Wie Jünger des Herrn Kinder ihres Vaters im Himmel sein sollen (v. 45), so sollen sie auch Seine vollkommene Art annehmen. Die Worte darf man nicht so schroff nehmen, wie das Viele tun, welche daraus eine unevangelische und gesetzliche Vollkommenheitslehre sich bilden, mit der sie Andern sehr schwer werden können. Der Herr aber bezieht die Vollkommenheit zunächst nur auf die Liebe, die keine einseitig beschränkte, sondern eine nach allen Seiten gerichtete, und insofern vollkommene sein, also namentlich auch die Feindesliebe in sich schließen soll. Wer sein Augenmerk hierauf richtet, fern von Einseitigkeit in der Liebe, dessen Sinn und Wille ist vollkommen, wie er sein soll, ob auch das Vermögen dazu je und je fehlt. In gleicher Weise aber hat man's mit allen Geboten zu nehmen, die der Herr ausgelegt hat, da Er immer auf das Vollkommene hinwies, sofern kein Gebot, wenn nur einseitig gehalten, nach Gottes Willen erfüllt wird. Gott will Willen für Alles im Gebot Liegende, und insofern vollkommene Kinder haben. Wie Gott selbst nichts in einer Beschränktheit ist, so sind wir nur Seine wahren Kinder, wenn auch wir keine Beschränktheit bei uns gelten lassen, oder wenn wir uns schuldig fühlen, im Fall wir nur nach Einer Seite wollten ein Gebot halten. Wie gerne aber entschlüpft der Mensch dem Völligen und Vollkommenen! Zufrieden, nach Einer Seite ein Gebot zu beachten, ja noch mehr, nur je und je darnach getan zu haben, hält Er große Stücke auf sich, von denen gar nicht zu reden, die meinen, wenn nur gewisse Gebote von ihnen gehalten werden, so mache die Nichtbeachtung anderer Gebote nichts aus. Wie bleibt man aber doch da Sünder vor Gott, ja Ihm widerlich, weil man doch dabei etwas sein will!"
Wer, setze ich hinzu, auf's Völlige und Vollkommene ein Augenmerk hat, wird, so oft er nach irgend einer Seite es verfehlt, innerlich gestraft. Treibt ihn das zur Beugung vor dem Herrn, so zeigt er sich damit wirklich vollkommen, wenigstens der Gesinnung nach. Gott sieht ihn auch aus Gnaden so an. Denn sonst können wir ja der Tat nach ganz recht nach keiner Seite sein, und braucht's in Allem Gnade und Vergebung. Wer aus sich vollkommen sein will, oder gar sich darin gefällt, es zu sein, dem fehlt's ganz; denn ein solcher Heiliger ist vor Gott weniger als nichts.
Reden wir nun auch von dem Heiligsein. Mit dem ist's fast dasselbe, wie mit dem Vollkommensein, nur daß nach der Schrift der Ausdruck "heilig" eigentlich weniger besagt, als der Ausdruck "vollkommen", weil er auf die innere Vollkommenheit oder die eigentliche Heiligkeit gar keine Beziehung hat. Ich nehme zuerst die Petristelle zur Hand, welche in der Frage gemeint ist. Da lesen wir:
1 Petr. 1, 14. "Als gehorsame Kinder stellet euch nicht gleich wie vorhin, da ihr in Unwissenheit nach den Lüsten lebetet," - v. 15. "Sondern nach dem, der euch berufen hat, und heilig ist, seid auch ihr heilig in allem eurem Wandel." - v. 16. "Denn es stehet geschrieben: Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig."
Von dem, wie Gott heilig ist, reden wir später; und nur das, wie wir heilig sein sollen, besprechen wir zuerst. Da müssen wir aber vor Allem bedenken, daß die getauften Christen alle schon darum, weil sie getauft sind und dadurch gereinigt sind von ihren Sünden, Heilige genannt werden. Überall heißen die Christen die Heiligen, die es schon sind, nicht erst werden sollen; und sie sollen sich nur als Heilige, die sie schon sind, darstellen lernen. Daraus sieht man, daß der Begriff ein Anderer ist, als wie man ihn in unsrer Zeit und überhaupt in der christlichen Moral nimmt. Obwohl ich das nicht gerade tadeln will, müssen wir doch, um aus der Beschwerung der Gewissen herauszukommen, das Schriftgemäße uns recht vergegenwärtigen. Heilig bedeutet zunächst nur das von der Welt Ausgeschiedene, Ausgewählte, das sich Gott als Sein, im Gegensatz zu dem, das nicht Sein ist, auserkoren hat zum ewigen Leben, also gegenüber von der Welt, die vorerst nur die Verdammnis vor sich sieht (vergl. 1 Kor. 11, 32). Wer Christo angehört, ist heilig, wenn er auch nur als ein durch Christi Blut mit Gott Versöhnter da steht. So wurde einst ganz Israel das heilige Volk, das Volk des Eigentums, genannt, nicht, weil es in Allem recht war und Gott wohlgefiel, sondern einzig darum, weil es um Abrahams willen aus der übrigen Völkerwelt von Gott als Ihm gehörig angenommen war. Dieses heilige Volk, das Volk des Eigentums, sagt Petrus (2, 9), sind jetzt wir durch den Glauben an Christum. Hierüber brauche ich nicht viel zu reden; denn es ist doch gewiß Jedermann bekannt, daß in den Briefen durchweg die Christen, auch die christlichen Frauen, Heilige genannt werden, auch wenn ihnen viel Vorhalt zu machen war und viele ernste Ermahnungen an sie gerichtet werden mußten, zum Zeichen, daß sie nur als aus Gnaden Angenommene, von der Welt zum ewigen Leben Auserwählte, durch den Glauben an Christum zu einer lebendigen Hoffnung Wiedergeborene, (1, 3) heilig waren. Man muß sich also sehr in Acht nehmen, daß man nicht übertriebene Vorstellungen sich bei dem Worte heilig macht, auch nicht so gar erschrickt über der Forderung, heilig zu sein, namentlich damit auch nicht die Vorstellung, daß wir aus Gnaden selig werden, zu kurz kommt.
Sind wir aber als Eigentum Gottes heilige Leute, so soll allerdings "all unser Wandel", unsre ganze Erscheinung, dem entsprechend sein. So heißt es auch bei Petrus: "Als gehorsame Kinder stellet euch nicht gleich wie vorhin etc." Wir sollen uns ansehen, heißt es weiter (v. 18), als erlöst von unsrem eitlen Wandel nach väterlicher Weise. Wie wir auserwählt sind von der Welt, sollen wir uns auch von ihr unterscheiden, und vornehmlich alles Weltförmige und profan uns Darstellende meiden. So sagt auch Paulus (Röm. 12, 1. 2), die lieben Brüder, welche ihm berufene Heilige sind (v. 7), sollten ihre Leiber (sich selbst) begeben zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Wie Untadeliches zum Opfer ausersehen wird, sollen wir auch untadelig sein, zum Opfer für den Herrn uns hingebend, "daß wir uns nicht dieser Welt gleichstellen, sondern uns verändern durch Verneuerung unsres Sinnes", was denn also auch erst geschehen muß, nachdem wir schon heilig geworden sind. Heiligsein heißt denn zunächst tun, was sich den Heiligen ziemt. So sagt Paulus (Eph. 5, 3): "Hurerei aber und alle Unreinigkeit, oder Geiz, lasset nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zustehet; auch schandbare Wort und Narrenteidung, oder Scherz, welche euch nicht ziemen." Um das Gemeine und Profane, das Heiligen nicht ziemet, noch näher zu bezeichnen, setzt Paulus hinzu (v. 5): "Denn das sollt ihr wissen, daß kein Hurer, oder Unreiner, oder Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes." Den alten Weibern sagt Paulus (Tit. 2, 3), "sie sollen sich stellen, wie den Heiligen ziemet, nicht Lästerinnen sein, nicht Weinsäuferinnen etc." Ganz so, sagt ja nun auch Petrus, die gehorsamen Kinder, sollen heilig sein "in allem ihrem Wandel", daß dieser in Nichts dem gleiche, wie sie bisher ihn geführt hatten. Wie viel schriftgemäßer und fruchtbarer wäre es doch, wenn man auch in unsrer Zeit an dem "heilig" nicht so viel herumdüftelte, sondern nur auch das sich merkte, was in obigen und weiteren Stellen anbefohlen ist. Man sieht es auch, daß die Heiligung, wie sie die Schrift meint, doch bei vielen unsrer Christen wenigstens annähernd von selbst sich gibt, ohne daß man so viel Wesens aus ihr, fast dem Seligwerden aus Gnaden zuwider, macht.
Wenn wir denn noch lesen (1 Thess. 4, 3): "Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung", so bitte ich um des Herrn willen, doch da nicht aufzuhören, sondern weiter zu lesen: "daß ihr meidet die Hurerei, und ein Jeglicher unter euch wisse sein Faß zu behalten in Heiligung und Ehren, und daß Niemand zu weit greife, noch vervorteile seinen Bruder im Handel; denn Gott ist der Rächer über das Alles; denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinigkeit, sondern zur Heiligung." Fange man doch nur an, in der angezeigten Weise heilig zu sein, und nicht so gar in den Lüften zu schweben, mit einem Heiligseinwollen, bei dem man am Ende die eigentlichen Gebote ganz übersieht, und absonderliche Weisungen gibt, die in gar keiner Beziehung zu einem inneren Leben stehen. Lesen wir ferner (2 Kor. 7, 1): "Dieweil wir nun solche Verheißung haben" (als "Tempel des lebendigen Gottes"), "so lasset uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen, und fortfahren mit der Heiligung in der Furcht Gottes", so sehen wir ja da, was die Heiligung verlangt; und wem, möchte ich sagen, dem es ein Ernst ist mit dem Christentum, wird es schwer fallen, dem nachzukommen? Wenn endlich zu dem Weibe gesagt wird (1 Tim. 2, 15), "sie werde selig werden durch Kinderzeugen, so sie bleibe im Glauben, und in der Liebe, und in der Heiligung samt der Zucht", so ist sie ja schon als Heilige in der Heiligung, und hat nur dafür zu sorgen, daß sie darin bleibe durch ein Verhalten, wie sich's den Heiligen geziemet.
Wir sehen, daß wir in der Schrift keine Ursache finden, aus der Heiligung, wie sie gefordert wird, etwas Absonderliches zu machen, bei dem es eines Kopfzerbrechens bedürfte, bis man es finde, oder an das man mit Angst und Schrecken hinzusehen habe, als an etwas Unerreichbares, oder über welches, als wäre es uns etwas ganz Fremdes, erst jetzt uns Aufschlüsse gegeben werden müßten. Aber das ist wahr, daß wir gerne liegen lassen, was klar und offen vor uns liegt, und nach Fremdem und Unbekanntem haschen, bei dem uns aber die Schrift ferne geht. Was die Schrift gibt, will man nicht einmal gerne hören, geschweige denn tun.
Es bleibt mir aber noch mehr zu sagen übrig, worüber das nächste Mal.
(Schluß folgt.)
112) Vollkommen und heilig.
Zweiter Abschnitt.
Die Frage s. Nr. 111.
Über den Gebrauch des Wortes heilig in der Schrift möchte ich noch weiter reden, damit man wenigstens das Wort, wie's die Schrift mit ihm meint, recht verstehe, und nicht Anderes in dasselbe hineinlege, als die Schrift zunächst will. Daß heilig und geheiligt bedeutet ein Ausgewähltsein aus der Welt, dem Herrn um des Glaubens willig geweiht und zugehörig, liegt schon in der Stelle des Judas (v. 1), wenn er schreibt "den Berufenen, die da geheiliget sind in Gott dem Vater, und behalten in Jesu Christo." Wie das Behalten, so ist auch das Heiligen, Gottes, und nicht der Menschen Sache. Dasselbe sieht man auch in der Stelle (Kol. 3, 12), da Paulus sagt: "So ziehet nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld." Ehe sie diese Tugenden angezogen haben, sind sie schon die Heiligen und Geliebten Gottes, als die um des Glaubens willen aus Gnaden Angenommenen, also nicht, weil sie bereits zu einer sittlichen Höhe gekommen sind, sollen aber nun der Annahme wert sich mehr und mehr erneuern und umgestalten lassen. Auch wenn es heißt (Eph. 1, 4): "Wir sind erwählet, ehe der Welt Grund gelegt ward, daß wir sollen sein heilig und unsträflich vor Ihm in der Liebe," ist es klar, daß heilig und unsträflich sein, wie namentlich das Nachfolgende (v. 5-8) beweist, eine Gnadengabe der Liebe des Vaters ist, nicht ein durch Kampf Erworbenes oder zu Erwerbendes, obwohl ein Verbleiben darin durch angemessenen Wandel, der fern von allem Profanen bleibt, dazu kommen muß, um fest zu sein. Wir werden heilig und unsträflich durch den Glauben, wenn Gott für uns ist, daß nichts wider uns sein, Niemand uns beschuldigen kann, weil Gott gerecht macht, Niemand uns verdammen kann, weil Christus uns vertritt (Röm. 8, 29-34). Ebenso werden wir (Eph. 5, 26. 27) geheiligt und gereinigt durch das Wasserbad im Wort "auf daß Er Ihm selbst darstellete eine Gemeine, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken, oder Runzel, oder des etwas, sondern daß sie heilig sei und unsträflich." Auch hier ist Letzteres nicht Folge eigenen Ringens und Kämpfens, sondern der Heiligung und Reinigung durchs Wasserbad im Wort, aus welcher der weitere und nie aufhörende Kampf erst sich ergeben muß, unter den wir uns bei Fehltritten immer wieder reinigen lassen müssen durch Christum, damit es bei dem aus Gnaden Verliehenen verbleibe. In dieser Weise ist es immer zu nehmen, wo in der Schrift heilig und geheiligt vorkommt. Wer des Herrn ist durch den Glauben, von Ihm aus Gnaden angenommen, ist heilig im Gegensatz zu dem Gemeinen und Profanen, das außer Gott ist, so viel auch Gebrechlichkeit noch da sein mag.
Wir berühren noch einige Stellen, in welchen das Wort Heiligung vorkommt, und welche oft besonders angeführt werden, um ein Besonderes in eine sogenannte Heiligung zu setzen, die von Menschen zu erzielen wäre. Paulus sagt (1 Kor. 1, 30): "Christus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung." Hier will man das Wort Heiligung als etwas nehmen, zu dem der Mensch durch Christum angespornt werde, oder als die christliche Vollkommenheit, zu der's der Mensch bringen solle. Allein Christus ist uns von Gott gemacht, daß Er durch Seine Person die genannten vier Stücke uns darreiche. In Ihm haben wir die Weisheit, die uns in der Erkenntnis zurecht bringt, in Ihm die Gerechtigkeit, daß wir aus Gnaden ohne Verdienst der Werke gerecht werden durch den Glauben, in Ihm auch die Heiligung, durch welche wir auserwählt, Gott geweiht und zugehörig werden, erwählt uns der unheiligen, dem Fluch noch hingegebenen Welt, in Ihm endlich auch die Erlösung, wenn Er kommen wird, aus allen Ketten und Banden uns vollends frei zu machen, und so uns aus allem Übel zu erlösen. Daß hier auch die Heiligung nicht die sittliche Vollkommenheit bedeutet, nach der wir zu trachten haben, sondern eine unverdiente Gabe Christi ist, zeigt auch das Vorhergehende, nach welchem alle Erwählung des Schwachen, Törichten, Unedlen, Verachteten geschieht, "auf daß sich vor Gott kein Fleisch rühme," "von welchem auch ihr," heißt es, "herkommt in Christo Jesu, welcher uns gemacht ist von Gott etc."
Wir gedenken nur noch einiger Stellen im Hebräerbrief. Da lesen wir (12, 10), Gott züchtige uns durch Trübsale, daß wir Seine Heiligung erlangen. Hier aber ist im Griechischen nicht dasselbe Wort gebraucht, wie in den andern Stellen, wo wir Heiligung lesen, sondern ein anderes, das mit Heiligkeit übersetzt werden sollte, und den wirklichen Stand des Heiligseins ausdrückt, der wird, wenn der Christ seiner Berufung und Erwählung oder der erlangten Heiligung angemessen sich hält; und daß es so werde, läßt es Gott nicht an Züchtigung fehlen. Endlich lesen wir (Hebr. 12, 14): "Jaget nach dem Frieden gegen Jedermann, und der Heiligung, ohne welche wird Niemand den Herrn sehen." Hier ist's dasselbe, was Petrus sagt (1 Petr. 1, 15): "nach dem, der euch berufen hat und heilig ist, seid auch ihr heilig in allem eurem Wandel." Der Wandel soll nicht im Widerspruch stehen mit der aus Gnaden erlangten Heiligung. Wie der Christ aus Gnaden heilig, Gott geweiht und zugehörig ist, soll auch sein ganzer Wandel fern von allem Ungöttlichen, Unheiligen, Gemeinen, Weltförmigen sein; und allen Eifer soll er anwenden, daß er seinem Charakter nicht untreu werde, soll also nachjagen dem Frieden und der Heiligung, oder dem, was Heiligen anstehet. Wer's nicht so macht, der wird den Herrn nicht sehen, nicht unter denen sein, die dem Herrn, wenn Er kommt, jubelnd entgegengehen, wie auch Paulus zu berufenen Heiligen sagt (1 Kor. 6, 9): "Lasset euch nicht verführen; weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber, werden das Reich Gottes ererben." Die auf solcherlei Weise sich betragen, verlieren ihre bereits erlangte Heiligung, werden also den Herrn nicht sehen. Auf Weiteres, wie eine sittliche Vollkommenheit, weist also auch diese Stelle im Hebräerbrief nicht hin, wie dort (v. 15 u. 16) noch näher gesagt ist, daß man nicht durch Unfrieden und sonstige Verunreinigungen Gottes Gnade versäume, daß man namentlich nicht ein Hurer, oder ein Gottloser sei, wie Esau.
Wir sehen, daß das Wort Heiligung in dem Sinne nirgends gebraucht wird, daß es die sittliche Vollkommenheit bedeutet. Will die Schrift hievon reden, so drückt sie es ganz anders aus. So sagt der Heiland in der Bergpredigt, unsere Gerechtigkeit sollte besser sein, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Er sagt nicht, wir sollen heiligere Leute sein, als diese, sondern gerechtere, die sich bei der feinsten Beobachtung der Gebote Gottes sollen finden lassen. Weitere und andere Gerechtigkeit, als die Bergpredigt anzeigt, verlangt der Herr nicht von uns; und nehmen wir zu Herzen, was Er da sagt, so bringt uns das viel sicherer und bestimmter zum rechten Ziel, als das Streben nach einer sogenannten Heiligung, bei der man gar nicht recht weiß, was sie sein soll, und darum leicht dazu kommt, zu denken, man habe sie, wenn man nur in einer Art philosophischer Ruhe bleibe, ohne sich anregen zu lassen, von Niemand nichts Böses sage, in keine Streitereien und dergleichen sich einlasse. Beim Streben nach solcher Heiligung kann man ein recht stolzer Heiliger werden, der sich gewiß nicht versprechen kann, den sichersten Weg zum Himmelreich gefunden zu haben. Sonst sagt Paulus (Eph. 4, 22-24): "So leget nun von euch ab, nach dem vorigen Wandel, den alten Menschen, der durch Lüste in Irrtum sich verderbet. Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts, und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit." Ferner heißt er uns wandeln nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist. Am Schönsten drückt er das aus, was den Heiligen (2 Kor. 1, 1) ansteht, mit den Worten (5, 15): "Er ist darum für sie Alle gestorben, auf daß die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist." Ob das bei denen, die sich so heilig fühlen, immer der Fall ist? Vieles ließe sich noch aus den Briefen anführen, das zu beherzigen wäre, und das die, welche eine Heiligung in höherem Sinne erzielen wollen, in die Länge und Breite durchsprechen sollten, wenn es nicht mit aller ihrer Heiligung nur Schein statt Wirklichkeit werden soll.
Eigentümlich aber ist's, daß man jetzt das Evangelium gegen früher damit verschiebt, daß man die Heiligung statt der Rechtfertigung zu seinem Mittelpunkt macht, und jene, wie man's sonst etwa von dieser gehabt hat, im Nu in solchem Grade erlangen will, daß man fortan sündenfrei wird, mit dem Gefühl des erlangten besten Friedens, ohne bezüglich der Vergangenheit das Genügende nach der Schrift getan zu haben. Ist es aber da nicht etwa so, daß man mit dem bisherigen Frieden, aus der Rechtfertigung durch den Gekreuzigten, in die Tiefe einer geistlichen Armut geführt wird, und mit dem Frieden aus der Heiligung seiner selbst in eine für Andere unbehagliche Höhe heraufkommt? Und auf der Höhe gefällt's dem Menschen. Was aber die Forderungen der Schrift betrifft, so braucht man ob ihnen nicht zu erschrecken. Denn einerseits sind sie von lauteren Christen schon zu erreichen, und werden erreicht; andererseits lesen wir (1 Joh. 1, 9): "So wir unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, daß Er uns die Sünden vergibt, und reiniget uns von aller Untugend."
Über die Worte: "Seid heilig, denn ich bin heilig," das nächste Mal zum Schluß.
113) Vollkommen und heilig.
Dritter Abschnitt, Schluß.
Die Frage s. Nr. 111.
Wir haben noch einige Worte über das zu reden, wie das Wort heilig im Alten Testamente von Gott gebraucht wird. Denn daran sehen Viele mit Bangen hin, daß es heißt (1 Petr. 1, 15): "Nach dem, der euch berufen hat und heilig ist, seid auch ihr heilig in allem eurem Wandel." Hiebei führt Petrus ein Wort im Gesetze an, wenn er sagt: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig." Wie soll es, denkt man, vom Menschen gefordert werden können, oder ihm möglich sein, so heilig zu sein, wie Gott es ist. Wir haben aber schon gesehen, daß man auch an das Wort: "Darum seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Matth. 5, 48), nicht so schroff hinzusehen braucht, indem es nur heißt, wir sollen in Allem nach allen Seiten das Richtige, Göttliche denken und erstreben, und in nichts einseitig bleiben, daß man nach gewissen Seiten am Gleichen auch Böses zulasse. So soll Liebe ganz Liebe sein, auch gegen Feinde, nicht bloß gegen Freunde. Es wird aber damit nicht verlangt, daß wir's auch vermögen sollten, die wir's doch nicht vermögen, und als ob unsre Seligkeit davon abhänge, daß wir vollkommen seien in Allem. Unsere Hoffnung liegt ja nicht in dem, was wir sind, sondern allein in der Gnade durch Christum, wenn nur unsre Gesinnung eine lautere, allseitige, vollkommene ist. Das ist ja die große Erlösung, deren wir uns freuen, daß wir das Vollkommene nur im Auge zu haben und zu erzielen brauchen, aber doch zum Ziel kommen durch die Vergebung der Sünden vermittelst des Blutes Jesu Christi, bei allen unsren sonstigen Schwächen und Unvollkommenheiten. Wir haben ja schon gar keinen rechten Begriff von der Erlösung, wenn uns nicht bei unsrer Schwachheit die Vollkommenheit Gottes vorschwebt.
Was aber das Wort betrifft für die Israeliten: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig," so ist in diesem Spruch beide Male das Wort heilig nicht das, was wir gewöhnlich darunter verstehen, die vollkommene Heiligkeit, wie sie in Gottes Wesen vorausgesetzt werden muß, und also auch bei Israel sein sollte. Im Wort liegt zunächst das, daß Gott heilig heißt gegenüber von sogenannten Göttern, welche die Heidenvölker in so großer Anzahl anbeteten. Gott wird der Heilige in Israel genannt, d. h. der Einzige Seiner Art, wie es keinen andern gibt, der sich von allen andern Göttern unterscheidet, wie sie die Völker ringsumher hatten. Diese Alle hatten etwas gemeinsam Profanes, wie aus der Göttergeschichte hervorgeht, konnten auch ihren Anbetern sich nicht bezeigen, so daß diese rein nichts von ihren Göttern hatten, als ihre eigenen verkehrten Vorstellungen, die sie von einer Verderbnis in die andere führten. Diesen Göttern entgegengesetzt steht Gott einzig da, als heilig. Sprüche kommen ja viele vor, wie der (Ps. 86, 8): "Herr, es ist Dir keiner gleich unter den Göttern, und ist Niemand, der tun kann, wie Du." Bei Jesajas sagt Gott (40, 25): "Wem wollet ihr denn mich nachbilden, dem ich gleich sei? spricht der Heilige." Mit Bezug auf Seine Einzigkeit unter den Göttern, sagt Er (Jes. 43, 3): "Denn ich bin, der Herr, dein Gott, der Heilige in Israel, dein Heiland," ferner (43, 15): "Ich bin der Herr, euer Heiliger, der ich Israel geschaffen habe, euer König." Wie nun Gott als der einzige Gott unter allen Göttern heilig ist, so soll Israel als einziges, und darum heiliges Volk von allen Völkern zu unterscheiden sein. Daher der Ausspruch: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig," mit welchem zunächst nicht auf die höchste unerreichbare Heiligkeit Gottes hingewiesen werden sollte, sondern darauf, daß sich Israel soll von den Völkern unterscheiden, wie der Herr von den Göttern. Wir finden den Spruch dreimal im Gesetze. Zuerst lesen wir:
3 Mos. 11, 44. "Denn ich bin der Herr, euer Gott, darum sollt ihr euch heiligen, daß ihr heilig seid, denn ich bin heilig, und sollt nicht eure Seelen verunreinigen an irgend einem kriechenden Tier, das auf Erden schleicht." - v. 45. "Denn ich bin der Herr, der euch aus Ägyptenland geführt hat, daß ich euer Gott sei. Darum sollt ihr heilig sein, denn ich bin heilig."
Hienach sollen die Kinder Israel in dem heilig sein, daß sie gewisse Tiere nicht essen durften, also in dem Sinn, daß sie als das auserwählte Volk vor allen Völkern da stünden, durch besondere, auf Reinheit zielende Sitten und Gebräuche. Einzig unter allen Völkern sollten sie dastehen, wie Gott als Wundergott in Ägypten sich bewiesen hat, daß die Völker sagten: "Israel ist ein ganz anderes Volk, als wir, ist auf eigentümliche Weise seinem Gott geheiligt, ein Ihm heiliges Volk, wie auch sein Gott einzig ist unter den Göttern." Darum soll Israel auch besondere Vorschriften haben, wie sie ihm Gott gab, die allerdings eine tiefere sittliche Bedeutung hatten, aber doch zunächst auf das, was für ein dem Herrn heiliges Volk anständig ist, und ihm einen Unterschied gibt vor allen Völkern, sich beziehen. Wenn freilich Gott in ähnlichem Sinne, als ein von andern sich unterscheidender Gott, heilig ist, liegt in dem Wort auch die höchste Vollkommenheit; denn was Gott ist, ist Er ja immer vollkommen. - Sonst lesen wir:
3 Mose 19, 2. "Rede mit der ganzen Gemeine der Kinder Israel; und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott."
Auch hier ist gemeint, daß sich Israel frei erhalten soll von den Unsitten der Heiden, damit sich's seines einzigen, heiligen Gottes nicht unwürdig darstellte. Sie sollen Vater und Mutter fürchten, die Feiertage halten, nicht zu Götzen sich wenden, Geopfertes am dritten Tage nicht mehr essen, damit sie das Heiligtum des Herrn nicht entweihten, sie sollen beim Ernten und Weinlesen Armen und Fremdlingen etwas übrig lassen, nicht stehlen, lügen, fälschlich handeln, des Taglöhners Lohn nicht bei sich behalten, im Gericht nicht unrecht handeln etc. Wir sehen, das Weltförmige, bei Heiden wohl, aber bei Heiligen Gottes nicht Angehende, soll Israel meiden, um in Solchem seinen Unterschied vor allen Völkern zu erkennen zu geben, gerade wie die Heiligen des Neuen Bundes zu erwägen haben, was ihnen zieme, um damit heilig zu sein. - In der dritten Stelle (3 Mos. 20, 7) sollte darin Israel heilig sein, daß es nicht zu Wahrsagern und Zeichendeutern sich halte (vergl. 4 Mos. 23, 25) etc., wie andere Völker.
Wir sehen, wie der Spruch: "Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig," uns nicht erschrecken darf. Wollten wir das jedesmal im Alten und Neuen Testamente daran Angehängte als Heilige Gottes treulich halten, wie wohlgefällig wären wir unsrem Gott schon damit! Ein Eifer darin führt auch von selbst immer mehr und entschiedener zu einer wirklichen Heiligkeit.
114) Die Weissagung Joels.
Frage: "Läßt die bekannte Stelle in Joel (3, 1 ff.), in welcher die Ausgießung des heiligen Geistes verheißen ist, die Hoffnung einer erneuerten Ausgießung des heiligen Geistes zu?"
Antwort. Diesmal mache ich mir die Frage selber, was ich sonst nicht tue, weil ich mehr Freiheit habe in der Beantwortung, wenn ich gefragt werde, als wenn ich ungefragt mit etwas in diesem Teil meiner Blätter vortrete. Aber diesmal bin ich berechtigt dazu, die Frage zu bilden, weil ich öfters schon ähnlich gefragt worden bin; und vor Kurzem hat ein fremder, auch sonst isoliert stehender Prediger in dem Saale, da ich jeden Monat Vorträge halte und einen Kreis von Zuhörern habe, der mir und meinen Hoffnungen aus der Schrift zugetan ist, unter Nennung meines Namens, wie ich vernommen, es dartun wollen, daß meine Hoffnung einer neuen Ausgießung des heiligen Geistes in der Schrift nicht begründet sei, weil die Weissagung Joels schon erfüllt sei. Manche der Zuhörer hat dieser Vortrag unruhig gemacht; und darum bin ich es diesen schuldig, es öffentlich zu erklären, mit welchem Recht Obiges behauptet werde. Ich habe mich zwar in jenem Saal selbst schon ausgesprochen, halte es aber für gut, um Vieler willen, die Aufklärung wünschen, auch in den Blättern das Nötige zu sagen.
Bei der in der Apostelgeschichte erzählten Ausgießung des heiligen Geistes hatten viele Juden gesagt, die Apostel, die mit neuen Zungen redeten, seien voll süßen Weins. Da trat Petrus auf, und sagte, daß dem nicht so sei, auch nicht sein könne, weil es erst die dritte Stunde am Tage, nämlich Morgens 9 Uhr, sei. Dann führt er die Joel'sche Weissagung an, die jetzt erfüllt werde. Er sagt die Rede Joels genau und vollständig wieder, weswegen ich sie nach der Apostelgeschichte hersetze. Sie lautet:
Kap. 2, 16. "Sondern das ist's, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist." - v. 17. "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben;" - 18. "Und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselbigen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen." - v. 19. "Und ich will Wunder tun oben im Himmel, und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf." - v. 20. "Die Sonne soll sich verkehren in Finsternis, und der Mond in Blut, ehe denn der große und offenbarliche Tag des Herrn kommt." - v. 21. "Und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden."
So sprach Petrus nach Joel. Jener Prediger betonte nun besonders den Anfang der Rede Petri, da er sagt: "Das ist's, was zuvorgesagt ist." Mit diesem Das ist's soll's für uns ausgemacht sein, daß die Weissagung schon erfüllt und keine andere oder weitere Erfüllung bezüglich der Ausgießung des heiligen Geistes zu erwarten sei. Besehen wir aber doch die Stelle näher, ob denn wirklich die Weissagung damals so ganz erfüllt worden sei. Vor Allem beachten wir, daß Gott will von Seinem Geist ausgießen auf alles Fleisch. Wurde denn das damals schon erfüllt? Man sieht es deutlich, daß Petrus mit seinem Das ist's nur sagen will, die Verheißung fange jetzt an, sich zu erfüllen, und werde immer weiter erfüllt werden, bis sie alles Fleisch habe. Joel aber gibt die Weissagung so, daß die Gabe, die Gott geben will, fortdauern soll bis an den großen und offenbarlichen Tag des Gerichts. Daß er es so meint, geht aus dem hervor, daß er mit den Worten schließt: "Und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden." Eben dazu wird ja der heilige Geist gegeben, und soll Er allem Fleisch zukommen, daß zuletzt alles Fleisch soll in den Stand gesetzt oder veranlaßt werden, zu seiner Errettung vom Gericht den Namen des Herrn anzurufen.
Gesetzt nun, die Gabe des heiligen Geistes, wenigstens in der Fülle, wie Gott es meint, wenn Er's ein Ausgießen nennt, wäre gar nimmer da, und zwar während noch über 800-1000 Millionen Nichtchristen auf Erden sind, soll dennoch die Joel'sche Verheißung erfüllt sein, und zwar ein für Alle mal? Kann Gott bei einer solchen Verheißung nur ein Anfangen, aber kein Fortmachen meinen? Oder soll's dem lieben Gott mit dem Wort "auf alles Fleisch" gar nicht recht Ernst gewesen sein, wie manche Ausleger an eine allgemeinere Erlösung, als ihr System sie zuläßt, gar nicht recht hinmögen, und der Hölle viel mehr lassen, als dem Himmel? Mögen diese zusehen, wie sie mit ihrem Satze, nur Wenige werden selig, nach der Schrift zurechtkommen!
Wohl ist es zu beachten, daß Petrus die ganze Joel'sche Stelle gleich anführt, und in ihr alles das mit erwähnt, was unmöglich nur so plötzlich erfüllt werden konnte. Wie sollten nur so gleich die Söhne und Töchter der Juden weissagen, ihre Jünglinge Gesichte sehen, ihre Ältesten Träume haben, die Knechte und Mägde weissagen? Nur sehr spärlich kam Solches in den christlichen Gemeinen vor. Von Wundern oben im Himmel und von Zeichen unten auf Erden, von Blut, Feuer und Rauchdampf, ist ohnehin nichts geschehen, ebenso von dem, daß die Sonne sich soll verkehrt haben in Finsternis, und der Mond in Blut, während doch Joel Alles nach einander, das in den letzten Tagen geschehen werde, so anführt, daß man es als zusammengehörig und schnell auf einander folgend zu nehmen hat. Es wurde also nicht Alles, was die Weissagung enthält, erfüllt, so auch nicht bezüglich dessen, was sie von der Ausgießung des Geistes Gottes auf alles Fleisch sagt. Wie kann man überhaupt von Petrus erwarten, daß er mehr habe sagen wollen, denn daß jetzt die Weissagung sich zu erfüllen anfange, keinesfalls, daß mit diesem Anfang Alles schon geschehen sei. Wenn nun etwa selbst dieser verhältnismäßig kleine Anfang der Erfüllung in der Folge wieder nachgelassen, zuletzt ganz aufgehört hat, und man dennoch bei der Behauptung bleibt, es sei so erfüllt, daß man nichts Weiteres zu erwarten habe, so darf man wohl fragen, ob das Wort der Verheißung zu seiner rechten Würdigung komme, wenn man sich mit so ungenügender Erfüllung zufrieden gibt.
(Schluß folgt.)
115) Die Weissagung Joels
(Fortsetzung.)
Im Bisherigen habe ich bereits so viel gesagt, daß es überflüssig scheinen könnte, weiter zu reden. Aber es liegt mir daran, recht erschöpfend das Thema zu besprechen, da seit der Zeit, da mir das Licht bezüglich des Bedürfnisses einer erneuerten Ausgießung des Heiligen Geistes aufgegangen ist, immer und immer wieder gerade die Joel'sche Weissagung als Beweis vorgehalten wird, daß nichts Weiteres mehr zu hoffen sei, weil ohnehin auch sonst von einer zweiten Ausgießung des Heiligen Geistes nichts in der Schrift gefunden werde. Ich bedaure, des Raums wegen heute nicht ganz schließen zu können.
An das zuletzt Gesagte mich anschließend, denke ich mir den Einwand, wenn auch die in der Weissagung angekündigten Zeichen auf die letzte Zeit zu beziehen seien, so müsse man doch auf Petri Wort hin dabei bleiben, daß wenigstens die Ausgießung des Geistes Gottes schon erfolgt sei. Nachdem derselbe einmal ausgegossen, habe ich schon sagen hören, ist Er geblieben, und verbreitet Er sich immer weiter von selbst auf alle Gläubige, die Ihn mithin haben. Daß Er nicht so auffallend da sei, wie im Anfang, sagt man, dürfe nicht befremden, da das Außerordentliche mit Ihm nur im Anfang nötig war. Nach der geschehenen einmaligen Ausgießung, weil keine zweite verheißen sei, sei der Heilige Geist da. Wenn man so redet, so wird einfach Unzähliges, das in der Schrift vom Heiligen Geist gesagt wird, geradezu ignoriert; denn wie könnte man sonst denken, wir hätten, was die Apostel und ersten Christen gehabt haben, auch wenn man von den außerordentlichen Kräften absehen will! Wenn man den Herrn wirklich nicht weiter durch Joel weissagen läßt, als was wir noch haben, so heißt das eigentlich die ganze Weissagung gestrichen; ja, dann braucht's, wie der außerordentlichen Kräfte, so des Heiligen Geistes selbst gar nicht. Man macht darum mit seinem natürlichen Geiste so fort, wie jetzt, teilweise etwa von oben angehaucht, aber nicht, daß man eines Ergusses von oben, wie Joel sagt, bedürfte, oder derselbe zugesagt wäre. Was ist es denn um die ganze Verheißung, wenn auch das minder Außerordentliche, was vom Weissagen, Gesichte sehen, Träume haben, gesagt ist, völlig verschwunden bleiben soll?
Haben wir denn wirklich "Seinen Geist?" Der Heilige Geist soll doch Einer sein; und wie viel tausend Geister, die sich alle brüsten, Geister der Wahrheit zu sein, regieren in der Christenheit! Wer hat denn nun den Heiligen Geist? Haben Ihn die Kirchen? aber welche? Haben Ihn die Dissenters? aber welche? Haben Ihn die Separierten? aber welche unter den unzähligen Schattierungen derselben, die sich wider einander stellen? Begreifen kann ich es nicht, wie man sagen kann, der Heilige Geist sei da, ohne daß man zu sagen weiß, wo? Wo ist der Geist der Wahrheit, der in alle Wahrheit leitet? Ja, von dem Geist des Streitens und der Rechthaberei, bei dem man von sich meint, den Geist der Wahrheit zu haben, von den Andern, daß sie Ihn nicht haben, weiß man viel. Wo ist der andere Tröster, das Persönliche aus Gott, das Christum vertreten soll, und bei denen bleiben, die Ihn haben? Wo ist der Geist, von dem der Heiland sagt: "Ihr seid es nicht, die da reden; sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet?" Wo ist der Geist der Sanftmut und Demut, von dem der Heiland zu Seinen Jüngern sagt: "Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?" Wo ist Er? wer hat Ihn? Oder sind die genannten Worte des Herrn nur Phrasen und Redensarten, die in Wirklichkeit anders zu nehmen sind, als sie lauten? Aber es bleibt dabei, daß die Gläubigen sollen sagen: "Wir haben Ihn, und wenn wir Ihn nicht haben, so haben wir Ihn doch; denn die Weissagung ist erfüllet." Wenn ich aber ansehe, was wir haben, so muß ich aufseufzen: "O Herr Jesu, ist das der verheißene Geist, um dessen willen Du als ein Fluch am Holz gehangen bist" (Gal. 3, 13. 14)? Die Weissagung, um weiter zu reden, muß doch allem Fleisch zukommen. Wo ist aber der Geist, der in so raschem Flug, wie zur Zeit der Apostel, Volk auf Volk durchdringt und Jesu zu Füßen legt? Wo der Geist, der, wenn wir auch bei uns den Mund auftun, das Evangelium zu verkündigen, ihrer Viele dahin bringt, daß sie, tiefst erschüttert, ausrufen: "Was soll ich tun, daß ich selig werde?" Bei dem völligen Mißkennen dessen, was der Heilige Geist ist, will man andererseits längst Alles nur gleich eine Ausgießung des Heiligen Geistes nennen, wenn auch nicht das Geringste von dem zu sehen ist, was in der apostolischen Zeit wahrgenommen wurde.
Wir müssen bedenken, daß der Heilige Geist als ein Persönliches aus Gott muß erkennbar, fühlbar, ja sichtbar sein. Er soll als Geist und Feuer da sein, mindestens mit dem in der apostolischen Zeit sichtbaren Feuerglanz. Er soll da sein als ein Geist mit außerordentlichen Kräften, welche die Bestimmung haben, die Kräfte der Finsternis vom Menschen auszureuten, dem jammervoll verunstalteten Menschengeschlecht zu einem Besseren heraufzuhelfen, allem Übel zu steuern, und dem Wort eine Bahn in Aller, auch der ruchlosesten Menschen Herzen zu brechen. Denn der Geist soll strafen die Welt (Joh. 16, 8). So war der Geist einst da; und so haben wir Ihn nicht mehr. Es mag auffallend sein, daß ein einst mit so großem Nachdruck Gekommenes nicht mehr soll da sein; aber ist es Tatsache, so können wir ja nachsehen, wie es kam, daß der Geist, nachdem Er da war, wieder gewichen ist.
Zunächst sagt Petrus in seiner ersten Rede, die Juden sollten Buße tun, und sich taufen lassen auf den Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden; so werden sie empfahen die Gabe des Heiligen Geistes (v. 38); "denn euer und eurer Kinder", sagt Petrus, "ist diese Verheißung, und Aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird." Begreiflich erwarteten diese Juden, daß an ihnen, wenn sie sich taufen ließen, das Nämliche, das sie an den Aposteln sahen, sich zeigen würde. So geschah es auch, und in der Folge immer wieder, daß Jedermann sah, wie etwas, sei es, was es wolle, ich sage ein Feuerglanz, ähnlich dem, was auf die Apostel fiel, auf die Täuflinge kam. Man konnte daher immer mit Bestimmtheit sagen, wer den Heiligen Geist empfangen habe, und wer nicht. Können wir aber, auch nur entfernt, etwas wahrnehmen, das am getauften Kinde vor dem ungetauften wäre? Es wurde aber bald, schon in der apostolischen Zeit, anders. Zuerst war's in Samaria (Ap. 8, 16), da auf Keinen von den Vielen, die da getauft wurden, der Heilige Geist fiel; und erst, als Petrus und Johannes von Jerusalem kamen und ihnen die Hände auflegten, empfingen sie den Heiligen Geist, zum Beweis, daß dieser eigentlich hätte sollen schon bei der Taufe kommen. Wenn aber schon damals der Heilige Geist in einzelnen Fällen zögerte, zu kommen, wie viel mag das in der Folge der Fall gewesen sein, ohne daß das Fehlende durch Handauflegung ergänzt wurde. Hierin aber sehen wir schon, ohne auf einen Grund hingewiesen zu sein, eine Abnahme der Mitteilung des Heiligen Geistes; und auf den innern Stand der Gemeinen hat das Einfluß gehabt. Wenn daher Johannes in seinem Briefe von Gläubigen, oder Gliedern der Gemeine, redete, die aus Gott geboren waren, und von Andern, die nicht aus Gott geboren waren, so kann man daraus schließen, daß eben auf die Einen der Heilige Geist bei ihrer Taufe gefallen war, auf die Andern nicht, so daß die Letzteren leichter ausarten konnten. Darum sagt Johannes (1 Joh. 2, 19) von Solchen, die bereits den Character von Widerchristen angenommen hatten: "Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns blieben; aber auf daß sie offenbar würden, daß sie nicht Alle von uns sind." Wenn da Johannes hinzusetzt (v. 20): "Und ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und wisset Alles", so ist klar, daß jene nicht von den Ihren waren, weil sie den Heiligen Geist nicht bekommen hatten, obwohl sie's dennoch auch hätten besser machen können.
(Schluß folgt.)
116) Die Weissagung Joels.
(Schluß.)
Die Joel'sche Weissagung fing also schon damals an, weniger, in der Folge immer weniger und seltener an den Täuflingen erfüllt zu werden; und zuletzt, nach der Zeit der Apostel, wie wir Ursache haben, zu glauben, war nichts mehr vom Kommen des Heiligen Geistes bei der Taufe sichtbar, wie es offenbar bis auf den heutigen Tag geblieben ist. So gewiß also Petrus das Recht hatte, zu sagen: "Das ist's, was durch den Propheten Joel geweissagt ist," ebenso gewiß ist, daß die Erfüllung bald nachgelassen und zuletzt aufgehört hat, ehe es an alles Fleisch gekommen ist. Mit dem persönlichen Geist Gottes haben auch die außerordentlichen Kräfte des Geistes, die in Korinth noch so mächtig gewirkt hatten, aufgehört; und wir entbehren seit jener Zeit nicht nur der Person, sondern auch der Kräfte des Geistes, selbst des ausdrücklich Genannten vom Weissagen, vom Träumehaben und vom Gesichtesehen. Beides aber sollte doch mindestens noch da sein, wenn der Heil. Geist auf alles Fleisch noch ausgegossen werden soll, was man so, wie es jetzt ist, sich gar nicht denken kann. Keine Mission vermag den Heiden den Heil. Geist zu geben, wie Petrus denen zu Samaria. Wer aber seine Augen verschließen will, und meinen, es sei Alles da, und die Menschen seien selbst Schuld daran, wenn sie's nicht hätten, der mag so reden. Aber mir erlaube er, anders zu denken, Angesichts der großen Trostlosigkeit, in welcher viele, namentlich gläubige Christen sich finden, und des großen Verderbens, das allerwärts herrscht, auch der ungeheuren Unwissenheit und Zerklüftung unter den Christen, und der Unmächtigkeit des Worts und der Sakramente im Ganzen, des immer mächtiger und umfangreicher einreißenden Unglaubens gar nicht zu gedenken. Ich fühle den Mangel der Kräfte von oben als einen großen Jammer, und fühle nur Trost, indem ich mich an die Verheißung anklammere, nach deren Erfüllung mein Herz von Sehnsucht brennt.
Tatsache also ist es, daß alles Fleisch den Heil. Geist nie bekommen hat; und aussichtslos ist es, daß es Ihn noch bekommen werde, wenn es bleibt, wie's ist. Aber verheißen ist's doch. Wie? soll's Gott nun bei dem bewenden lassen, wie es geworden ist? Soll Er etwa, man verzeihe mir den unfeinen Ausdruck, wie mit den Achseln zuckend, sagen: "Jetzt ist's schon einmal so. Ich lasse es jetzt, ob's ganz erfüllt ist, wie Ich gesagt habe, oder nicht." Dem ähnlich kann ich meines Teils nimmermehr denken. Das Wort, aus Gottes Mund gekommen, steht mir zu hoch! Ich sage vielmehr, es muß noch eine Zeit kommen, da Joels Weissagung sich wieder frisch erfüllt, und dann so, daß die Gabe des heiligen Geistes rasch über alles Fleisch kommt, daß dann das übrige alles, das in der Weissagung liegt, auch noch erfüllt wird, bezüglich der Zeichen, die kommen sollen, weil Gott, der nicht will, daß Jemand verloren werde, Alles versuchen wird, um alle Geschlechter der Erde zur Anerkennung Seines Namens zu bringen, um sie vom Gericht befreien zu können. Da wird auch das von Joel, was Petrus nicht mehr anführt, erfüllt werden (3, 5): "Und auf dem Berge Zion und zu Jerusalem" (welche Worte jedenfalls die diesseitige Erfüllung anzeigen) "wird eine Errettung sein, wie der Herr verheißen hat, auch bei den andern übrigen, die der Herr berufen wird."
Ich gehe noch weiter. Bei Joel heißt es: "Es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott." Wir wissen aber, daß die Propheten in allen ihren Weissagungen, wenn diese auf die letzte Zeit sich beziehen, einerseits Zeiträume der Erfüllung gar nicht unterscheiden, sondern immer Anfang und Ende in Eins zusammenfassen, andererseits aber doch das wirkliche Ende vorzüglich im Auge haben. Man kann sagen, alle Weissagungen, die wir auf Christum, und mit Recht, zu beziehen gewohnt sind, haben mit Seiner Ankunft im Fleisch nicht voll sich erfüllt. Sie sagen alle viel mehr, als wirklich zur Zeit Christi sich erfüllt hat, weil sie zugleich das, was mit Christo vorerst nur angebahnt wurde, aber in der Folge ganz sich erfüllen sollte, in Einem prophetischen Bilde darstellen, so daß immer Anfang und volle Erfüllung zu unterscheiden ist. Machen wir's uns an Einer Stelle klar. Wir kennen das Kapitel (40) in Jesajas, welches mit den Worten: "Tröstet, tröstet mein Volk," anfängt. Schon dieser Anfang weist auf ein viel Volleres hin, als mit Christo kam. Dann kommt freilich die Stimme in der Wüste, welche Johannes der Täufer auf sich bezog. Er hatte Recht; aber auch hier sagt die Verheißung mehr, als wirklich geschah, daß wir, abermals mit Recht, auf abermalige Stimmen in der Wüste werden gefaßt sein müssen. Das Ziel der Verheißung ist ohnehin nicht erfüllt, so viel Herrlichkeit auch von Jesu vor und nach Seiner Erdenzeit ausstrahlte, wenn es heißt (v. 5): "Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden; und alles Fleisch mit einander wird sehen, daß des Herrn Mund redet." Darauf hin soll erst recht und mit Erfolg "dem Herrn der Weg bereitet, und unsrem Gott auf dem Gefilde eine ebene Bahn gemacht werden."
Gerade so ist es auch mit der Weissagung Joels. Wenn an den Aposteln der Anfang geschehen ist, so ist doch die eigentliche und volle Erfüllung erst zukünftig. Die letzten Tage haben wohl mit Christo angefangen; und wer hätte damals gedacht, daß sie bis auf 1800 Jahre sich dehnen würden? Die eigentliche letzte Zeit aber ist jetzt doch erst vor der Zukunft Christi, "ehe der große und offenbarliche Tag des Herrn kommt." Die volle Erfüllung haben wir also erst zu erwarten; und somit ist es eben Joels Weissagung, die eine erneuerte Ausgießung des Heil. Geistes klar anzeigt. Die Verheißung wurde erstmals nur vorläufig, und wird erst noch eigentlich und voll und ausreichend bis zum Ende erfüllt werden. Denn in der letzten Zeit gilt's vornehmlich, daß "soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden."
Hiemit wäre auch eine Antwort auf den oft mir gemachten Einwand gegeben, daß doch nirgends in der Schrift von einer erneuerten oder zweiten Ausgießung des Heil. Geistes die Rede sei. Seltsam kommt mir dieser Einwand immer vor. Denn wie kann einer Wiederholung gedacht werden, wenn vom Zurücktreten nichts gesagt ist? Wenn ferner die Verheißung, wenn sie voll gelten soll, unerfüllt geblieben ist, so braucht's ja nichts weiter, als an die volle Erfüllung zu glauben. Man kann auch sagen, daß es gar nicht im Plane Gottes lag, so lange die große Erlösung sich hinziehen zu lassen. Wenn's denn eine öde Zwischenzeit gab, aus Schuld wohl der Christenheit, die hätte treuer sein sollen, so muß doch offenbar der Faden an die erste Zeit wieder angeknüpft werden, weil wir ohne das eine Vollendung des Reiches Gottes uns nicht denken können. Endlich müssen wir wohl bedenken, daß der Heil. Geist nicht gar gewichen ist von der Christenheit, sondern die ganze Zeit hindurch bis hieher mehr oder weniger stark und reichlich auf Viele gewirkt hat, wie ganz besonders in der Reformationszeit; und ohne diese oft bedeutenden Einwirkungen, auch auf einzelne Seelen zu einer Glaubenszuversicht, würden wir kaum mehr ein Evangelium haben. Aber in dem Uebergebliebenen den wirklich ausgegossenen Geist zu sehen, ist und bleibt eine Verkennung der Gabe selbst, wie sie in der Schrift geschildert ist. Indessen haben wir an dem Übrigen, und hätten wir mehr, wenn wir für die Einwirkungen des Geistes offener uns bezeigten, einen Faden, der zur Wiedererlangung des Ganzen leichter führen kann, als man sich denken mag. Demgemäß wäre es doch wieder, wenn man will, keine eigentliche zweite Ausgießung, sondern nur eine Verstärkung der ersten zum Ursprünglichen, oder zum Besitz des persönlichen Heil. Geistes, der wieder kommen sollte. Daß Solches geschehe, muß ich glauben, weil ich Joels Weissagung nicht streichen, oder fast zu einem Nichts, wenigstens für unsre Zeit, herunterdrücken darf.
Nachschrift. Eben werde ich berichtet, daß jener Vortrag (s. Nr. 114) vielen Zuhörern nicht so auffällig gewesen sei, als andern, welche mir Mitteilung machten, und daß insbesondere mein Name nicht genannt worden sei. Ich bitte daher um so mehr, meine Auseinandersetzungen, die ich ohnehin allgemein gehalten habe, nicht als gegen jenen Vortrag gerichtet anzusehen, sondern als aus einem Bedürfnis geflossen, das ich längst hatte, mich einmal eingehend über Joel auszusprechen. Die Hoffnungen, welche in den Propheten für die letzten Zeiten enthalten find, sind mir keine Schulfrage; sie sind vielmehr mir und Vielen zu einer Lebensfrage geworden, weswegen man mir auch einen Eifer darin nachsehen mag.
117) Das Fehlen der Erhörung.
Frage: "Unser hochheiliger Herr hat uns bei mehreren Anlässen die wahrhaft königliche Verheißung gegeben: ""Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, das wird Er euch geben,"" - in welchen Worten der leidenden Menschheit ein Privilegium erteilt scheint, sich von dem Druck aller Übel zu befreien und namentlich in den Besitz der Gesundheit, dem wichtigsten Gut auf Erden, sich zu versetzen. Es ist eine unfaßbare Zusage aus dem Munde der Wahrheit und ein Universaltrostwort für das ganze menschliche Geschlecht. Wie steht es aber mit der Verwirklichung? Welche unzählige Menge von Bitten steigen täglich anscheinend ohne Erhörung zu dem Thron des königlichen Weltbeherrschers empor! Wie manche Seele ringt oft mit dem Herrn um gnadenreiche Beachtung ihres Notschreis, und sich berufend auf die ja auf den Felsen der Ewigkeit gestützte Wahrhaftigkeit des göttlichen Worts! Schon viele gläubige, den Herrn über Alles liebende und ehrende Herzen sind irre geworden an obigen scheinbaren Widersprüchen, weshalb eine eingehendere Besprechung obiger höchst wichtiger Frage, wenn solche für menschliche Einsichten überhaupt möglich, in hohem Grade wünschenswert wäre."
Antwort. Bedenken ähnlicher Art werden oft laut; und etwas eingehender das Vorliegende zu besprechen, kann ich, weil aufgefordert, nicht unterlassen. Darin ist aber doch vielleicht in Obigem zu viel gesagt, daß schon viele gläubige, den Herrn über Alles liebende und ehrende Herzen irre geworden seien, über dem, daß so viel verheißen sei und so wenig verwirklicht werde. Denn wer irre wird, bei dem mag es doch nicht so ganz richtig sein, daß er den Herrn über Alles liebe und ehre. Wer Ihn über Alles liebt und ehrt, der findet sich auch in scheinbare Widersprüche, und beugt sich bescheiden vor der Majestät und Weisheit des Gottes, der wohl wissen werde, warum Er so oft, was wir wünschen, nicht tue, ja der gar aufhören müßte, Gott zu sein, wenn Er uns in Allem nur gleich zu Willen wäre. Er wird an Seiner Wahrhaftigkeit nicht zu zweifeln anfangen, eher es bedenken, daß es einen Ernst erfordere, selbst Verheißenes zu empfangen. Wahrhaft gläubige Seelen ergeben sich auch in das, wenn Gott nicht gibt, wie sie es von Ihm fordern, und lassen sich's nicht einfallen, an Ihm irre zu werden. Sie wollten nie sagen, wie manche Andere, man sollte denken, daß gar kein Gott im Himmel wäre. Wer irre wird, liebt eigentlich doch seine Wünsche und sich selbst mehr, als Gott, und hat wenig Ehrfurcht vor Gott, liebt und ehrt also Gott nicht über Alles.
Im Allgemeinen freilich erscheint es als ein Übelstand, daß Gott gleichsam in eine Lage versetzt ist, Seine Wahrhaftigkeit zweifelhaft werden zu lassen. Man dürfte auch denken, dem lieben Gott selbst tue es wehe, wie es im Alten Testament oft ausdrücklich gesagt wird, hart sein und in Seinem Worte gleichsam untreu werden zu müssen. Im Verborgenen scheint es auch vom Feinde darauf angelegt zu werden, den lieben Gott in Misskredit zu bringen. Die Menschen lassen ihm viel Recht, plagen zu dürfen; und Er tut's um so lieber, weil er weiß, daß die Menschen es schwer haben, als große Sünder Hilfe bei Gott zu finden. Sie kommen in arge Notstände hinein, da sie wohl anfangen, nach Gott zu fragen und zu bitten, während sie darin sonst laß sind, daß sie das gläubige Bitten gar nicht nicht einmal recht verstehen, so arge Notschreie sie tun. Aber wie oft widerspräche es schon der Ehre Gottes, nur so geschwind jetzt zu tun, was sie nur um ihrer selbst willen schreiend begehren. Mir kam's einmal vor, daß ich einen Zimmermann besuchte, der sich gerade vorher im Walde mit einer Axt den ganzen Oberschenkel herab aufgehauen hatte. Als ich bei ihm war, sagte er: "Und dazu habe ich heute gebetet." Er war sonst nicht gerade unrecht, aber das Beten war bei ihm rar geworden. "So", sagte ich, "auch einmal wieder? und nun hätten sollen gleich alle Engel Gottes bereit stehen und schützen müssen, um solchem Beter ja nichts geschehen zu lassen?" Ihm war das Unglück eigentlich nur ein Wink von oben, doch ja fleißiger zu beten; und darum hat ihm der Arge, wenn man so sagen darf, noch mitspielen dürfen. Gott aber hat ihn doch wieder ganz geheilt, also doch erhört. Denn er hätte auch des Todes sein können. Es werden aber auch wieder andere Zeiten kommen; und sie beginnen schon. Da werden alle Verheißungen ihre volle Giltigkeit wieder haben.
In der Frage ist ein Hauptirrtum enthalten, nemlich der, daß in den Verheißungen sollte der leidenden Menschheit ein Privilegium erteilt zu sein scheinen, sich von dem Druck aller Uebel zu befreien etc., und daß die Zusage der Erhörung ein Universaltrostwort für das ganze menschliche Geschlecht sein solle. Zuletzt wird freilich alle Kreatur von allem Uebel befreit werden. Unterdessen ist's aber mit der Erfüllung der Verheißungen anders gemeint. Wollen wir's ein wenig näher besehen. Der Heiland sagt (Joh. 14, 13. 14): "Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf daß der Vater geehret werde in dem Sohne. Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun." Mit wem redet da der Heiland? Er spricht nicht mit Allem, was nur Mensch heißt. Es geht nur Seine Jünger an, und die, welche diesen gleich stehen; und jene waren wohl andere Leute, als wir's sind. Er gibt einen Grund an, warum Er gerade ihnen diese Verheißung gebe. Durch die Erhörung, sagt Er, solle der Vater geehret werden in dem Sohne. Die Erhörung also solle den Wert des Sohnes erhöhen und den Beweis liefern, daß der Vater in dem Sohne geehrt sein wolle. Damit verliert die Verheißung von ihrer Allgemeinheit doch schon viel. Sie kann allgemein werden, wenn Alle gesinnt werden, wie die Jünger es waren in dem Einssein mit dem Herrn durch den Glauben. Alle die Beter aber, die, wie es doch bei uns meist der Fall ist, ganz nur sich allein im Auge haben, daß ihnen ihr Wunsch möchte gewährt werden, ohne daran zu denken, daß durch die Erhörung der Sohn, und wiederum der Vater solle groß werden, können die Verheißung doch nicht mit vollem Rechte für sich in Anspruch nehmen. Mindestens müssen sie dem Herrn durch Glauben und Anhänglichkeit nahe stehen. Unzähligen aber, die ihren Notschrei erheben, steht im Geiste der Sohn ganz ferne, wenn sie auch in Seinem Namen, d. h. auf Ihn sich berufend, bitten. Sie bitten in Jesu Namen, weil sie denken, daß man so bitten solle. Was aber das eigentlich zu besagen habe, überlegen sie nicht, namentlich, daß sie für sich der Erhörung nicht wert seien, sondern das erst durch den Sohn werden. Es ist also für das Verheißungswort schon ein wirkliches Verhältnis zum Sohne vorausgesetzt, daß die Beter in Ihm den Mittler erkannt und gefunden haben, der die einer Erhörung im Wege stehenden Sünden weggenommen habe; und die Erhörung soll ihnen nebenbei mit beweisen, daß sie wirklich Vergebung der Sünden haben, bei Gott um Jesu willen in Gnaden stehen, und desto zuversichtlicher ihres Heilands auch für's ewige Leben dürfen versichert sein. So weit aber denken nicht viele Beter; ja die Meisten haben gar kein Augenmerk darauf, daß sie vor Allem sich zu beugen hätten vor ihrem Gott, wie das eben doch nur gar zu oft nötig ist; und nichts steht vor ihrer Seele, als der Wunsch ihres Herzens, oder die Not, die sie drückt. Der eigentliche tiefere christliche Geist, auch wenn sie im Allgemeinen und nach der Form christlich sein wollen, fehlt eben gar zu sehr unsrem Geschlechte; und wie können sie auf diese Weise, so zu sagen, pochen auf die Verheißung? Ja, selbst bei den Besseren steht es so, daß auch sie nicht ohne Weiteres auf Erhörungen rechnen dürfen, obwohl Gott doch oft erhört. Der Vater wird viel zu wenig in dem Sohne, sofern durch diesen die Erhörung laufen soll, geehrt; und Er weiß es auch wohl, daß Er, wenn Er auch viele Erhörungen gibt, hintennach im Grunde wenig oder gar keine Ehre davon hat, Sein Name dadurch nicht verherrlichter wird unter den Menschen.
(Schluß folgt.)
118) Das Fehlen der Erhörung.
(Schluß.)
Wir haben bereits gesehen, daß die Gebetsverheißungen in der Schrift nicht nur so obenhin gegeben, sondern doch auch an allerlei Bedingungen geknüpft sind, so daß Gott getreu und wahrhaftig bleibt, auch wenn Er nicht erhört. Ich führe noch weitere Stellen an, will aber keineswegs durch Hinweisung auf sie sagen, daß Gott immer strenge bei dem bleibt, was Er zur Erhörung beim Beten haben will. Wir müssen uns, weil Er doch viel tut, wenn wir Seine Wünsche, die Er selbst an den Beter hat, erwägen, viel mehr verwundern, daß Er so oft erhört, als daß Er es nur selten tut. Denn wenn Er's nach dem, wie Er's zusagt, genau nehmen wollte, so könnten, eben nach Seinen eigenen Worten, wenige Christen auf irgend eine Erhörung rechnen. Er tut aber ein übriges in tausend Fällen, weil Er auch durch Seine Güte zur Buße leiten will; und wo Niemand glauben möchte, daß Er sich finden lassen werde, da ist Er oft wunderbar schnell zu haben, wenn der Betende wirklich bei seinem Beten eine Empfindung von Gott bekommt und eine demütige Stimmung zeigt. Aber zum Beweis, wie wir's immer aus Gnaden als unverdient hinnehmen müssen, wenn Er erhört, wie auch, daß wir nie Ursache haben, uns zu beklagen, wenn Er in der Ferne zu stehen, und kein Schreien vor Seine Ohren kommen lassen zu wollen scheint, wie es allerdings oft vorkommt, will ich noch an etliche Worte erinnern, in welchen Gott oder der Herr Jesus Verheißungen an die Seinen ausspricht.
Allerdings ist aber, um das zuvor noch zu sagen, auch eine Unterscheidung zu machen in dem, um das man bittet. Es gibt Wünsche, bei denen wir ein eigentliches Wunder erbitten wollen, zu dem wir weniger Berechtigung haben, weil der uns gegebene heilige Geist nicht mehr derselbe ist, wie vormals, und namentlich die Wunderkräfte nicht mehr in sich schließt. Sonst gibt es wirklich viel Anderes, da wir einfach nur bitten dürfen, nach dem Wort: "Bittet, so wird euch gegeben," namentlich wenn es das Brot und die Bedingungen des Lebens, so auch die Gesundheit, angeht; wie oft erhört da der Herr? Wenn aber zum Bitten auch noch ein Suchen, oder gar ein Anklopfen kommen sollte, da wird es begreiflicher, wie viel Ernst das auf Seiten des Beters, der ihn selten hat, erfordert. Aber in Allem kann auch die Anweisung wichtig und erfolgreich werden, sich an die Fürbitte Anderer zu halten, da es ist, als wenn Gott den Beter nicht immer direkt, sondern nur indirekt erhören wollte, ihm zu zeigen, daß derselbe für seine Person auf nichts pochen könne. Erfahrungen zu Größerem aber bis zu Wundern sind's, die besonders an ernste Bedingungen geknüpft sind; und die hierauf bezüglichen Verheißungen gehen doch mehr die völligen Jünger, und insbesondere die Knechte des Herrn, an, daß diese zu gemeinem Nutz sich an sie halten sollen.
Der Herr gibt die Gebetsverheißungen unter Anderem mit folgenden Worten (Joh. 15, 7. 8): "So ihr in mir bleibet, und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater geehret, daß ihr viel Frucht bringet und werdet meine Jünger." In diesen Worten liegt Vieles, das viele Beter die Hand auf den Mund legen heißt, wenn sie nicht erhört werden. Mitunter sind sie noch gar nicht im Heiland, so können sie auch nicht in Ihm bleiben, wie Er sagt. Wiederum sind Seine Worte ihnen noch nie recht wichtig gewesen, daß sie also Seine Worte nicht in sich haben, und diese mithin auch nicht in ihnen bleibend sein können. Das Alles aber sollte sein, wenn ihnen widerfahren soll, was sie nur bitten würden. Der Vater will ferner bei Seinen Erhörungen auch Frucht sehen an den Betern; und die sollen Jesu Jünger werden, damit Er durch das, was Er an ihnen tut, geehret werde, oder zu der Ehre komme, die Ihm gebührt und die Ihm bei den Menschen so vielfach fehlt. Die Gegenstände der Bitten, wenn sie sein dürfen, was sie wollen, sollten also auch nicht so geringfügig sein, wie sie oft sind, da sie fast nur auf Irdisches und menschlich Persönliches sich beziehen, sondern sollten ein Höheres im Auge haben, das auf das Reich Gottes und seine Vollendung zielt.
Wie es aber in unsrem Geschlechte, namentlich gegenwärtig, aussieht, das ist ja bekannt. Sie ehren den Vater nicht, ehe Er gibt, und ehren Ihn nicht, wenn Er gibt. Oft und viel erhört Er, daß man schon den Mangel der Erhörung nicht so grell hinstellen darf, als man mitunter tut; aber den Menschen, die Er erhört, sieht man's nicht an, daß sie im Gefühl bleiben, Erhörung gefunden zu haben. Sie bleiben die Nemlichen, die sie vorher waren, zufrieden mit dem, was sie erlangt haben, namentlich wenn sie gesund worden sind, auch dann, wenn sie Ursache hätten, in Manchem anders zu werden. Den Vater ehren sie um das Erfahrene nicht mehr, als vorher. Ihr Dichten und Trachten bleibt am Zeitlichen hängen, wenn sie auch sonst eine fromme Art haben; und allerlei Ungeschicktes kommt bei ihnen vor unter den zeitlichen Sorgen. Weiter herauf nach oben kommen sie nicht; und die Sachen des Gottes, der in der ganzen Welt noch verherrlicht werden will, bleiben ihnen gleichgiltig, ohne für sie auch nur ein Verständnis sich angelegen sein zu lassen. Da soll denn der liebe Gott immer geben, wie sie bitten, gar Wunder an ihnen tun; aber für sich fordern darf Er selbst gleichsam nichts. Was Wunder, wenn das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ein kühles geworden ist, und wenn Er sich oft sehr besinnt, ehe Er erhört, denkend, die Leute lieber ein wenig zappeln zu lassen, als ihnen nur so geschwind aufzuwarten; und nach dem Wortlaut der Verheißung, wie er oben gegeben ist (Joh. 15, 7. 8), hat er das Recht dazu.
Erwägen wir auch eine Stelle nach Markus (11, 22-25). Da sagt der Herr:
v. 22. "Habt Glauben an Gott." - v. 23. "Wahrlich ich sage euch, wer zu diesem Berge spräche: Heb' dich und wirf dich in's Meer, und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, daß es geschehen würde, was er saget, so wird's ihm geschehen, was er saget." - v. 24. "Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr's empfahen werdet, so wird's euch werden." - v. 25. "Und wenn ihr stehet und betet, so vergebet, wo ihr etwas wider Jemand habt, auf daß auch euer Vater im Himmel vergebe eure Fehle."
Da redet der Herr zuerst vom Bergeversetzen. Da meint Er aber doch wohl, daß das möglich sei, wenn's nötig sei. Man sieht aber gleich, daß es sich hier um Eliaswunder handelt; und um diese zu tun, wird man wohl auch ein Elias sein müssen. Ein gewöhnlicher Christ, der nicht sonst zu Außerordentlichem berufen ist, soll nur die Berge stehen lassen, wie sie ihm auch nicht folgen werden. Aber auch für ihn gibt's Vieles, da sich's fragt, ob es sein müsse. Ja, weil ich's durchaus haben will! Wenn aber Gott andere Gedanken hat, und besser weiß, was sein muß, wolltest du's erzwingen? In tausend Wünschen haben wir gar nicht das Recht, zu glauben, daß sie geschehen werden, weils auch ohne sie geht. Paulus hat wollen den Satansengel von sich weghaben; aber der Herr sagte zu ihm (2 Kor. 12, 7-9): "Laß dir an meiner Gnade genügen." Seit wir so alberne Leute geworden sind, weil wir den Vollbesitz des Heiligen Geistes nicht mehr haben, wie ihn die ersten Christen gehabt haben, haben wir nicht leicht ein Urteil, ob etwas sein müsse, oder nicht, ob wir mit festem Glauben uns auf etwas werfen dürfen oder nicht. Darum bleibt uns in den meisten Bitten nichts übrig, als das Bekannte zuzusetzen: "Herr, wie Du willst!" Viele Berge müssen wir Berge sein lassen, daß wir sagen: "Mach Du's, lieber Gott, nach Deinem Rat." Wie steht's dann auch mit der Vergebung, die wir Andern zukommen lassen sollen? Wie mit unsrer Willfährigkeit gegen Andere in allen Dingen? Ach, schlimm genug, daß uns Gott, wenn wir bitten, sagen möchte: "Tue du zuvor das Deine." Wie? wenn auch Johannes (1 Joh. 3, 22) sagt: "Was wir bitten, werden wir von Ihm nehmen; denn wir halten Seine Gebote, und tun, was vor Ihm gefällig ist." Können unsre Beter so reden?
Indessen tut doch der Herr zuletzt Alles, was wir bitten. Jeder Bittende ist Ihm lieb; denn er steht Ihm doch näher, als wer nicht bittet. An der Rücksicht aufs Gebet, wenn's lauter ist, läßt's Gott nicht fehlen. Nur erhört Er anders, und wie oft doch so, daß wir staunen und anbeten müssen! Fehlt's aber im Ganzen an Vielem, so wollen wir geduldig warten auf die große Gnadenzeit, die kommen und nicht ausbleiben wird, da die volle Barmherzigkeit Gottes sich auftun wird, die Leute auch anders zu machen. Dann wird's erst recht nach der Verheißung gehen: "Ehe sie rufen, will ich sie erhören." Sonst bete nur fort! Die Engel tragen deine Bitten zum Vater; und die Vergeltung bleibt nicht aus! Endlich wird doch alles Seufzen gestillt, und alles Unebene recht werden!
119) Vom Stillstehen der Sonne.
Frage. "Ich komme wieder mit einer Frage, die mir nicht bloß im Kopf steckt, sondern mich im tiefsten Herzensgrund bewegt, und von deren Bedeutung mein Glaube und inneres Leben beeinflußt wird. Ich frage aber nicht deshalb, um mir ein neues Maaß Naturwissenschaft bei Ihnen zu holen; sondern es gilt mir um den Grund meines Glaubens, welcher ist der Herr und Sein Wort, wenn ich mich an Sie wende. Es wäre mir nämlich sehr erwünscht, wenn Sie mich etwa in ihren Blättern einer Antwort würdigten. In der Bibel nämlich steht an manchen Stellen (Jos. 10, 12. 13; Jes. 38, 8; Ps. 19, 6. 7) ganz unzweideutig geschrieben, daß die Sonne ihren Lauf habe und nicht stille stehe. Nun sagen nicht bloß Naturforscher, sondern auch gläubige Geistliche, denen man ihren geistlichen Sinn, ihren Ernst in göttlichen Dingen und ihre Unterwürfigkeit unter Gottes Wort nicht absprechen kann, die Sonne stehe still, und die Erde bewege sich um ihre Axe; und es kann doch nur Eines wahr sein. Nach den Aussprüchen der Schrift sind alle Menschen, welche sagen, die Sonne stehe still, Lügner! Nach den Aussogen der Naturforscher aber und der Gelehrten, die da sagen, die Sonne stehe still, ist die Bibel an obigen Stellen nicht Gottes- sondern Menschenwort, die Solches nicht besser gewußt haben. Wer hat nun Recht? Es ist Einem im Zweifel über die Sache, so zu sagen, die Hand abgeschnitten, womit man die göttliche Auctorität der ganzen Bibel festhält."
Antwort. Auf die Frage, welches von beiden Systemen das richtige sein möchte, kann ich mich begreiflich in meinen Blättern nicht einlassen, da diese allerdings nicht den Zweck haben, astronomischen Unterricht zu geben. Aber antworten kann ich auf Obiges Mancherlei; und ich hoffe, den Fragesteller werde, was ich sage, befriedigen.
Nach dem Anschein sind Erde und Sonne so gegen einander gestellt, daß man nichts Anderes wahrnimmt, als daß die Sonne um die Erde laufe und die Erde stille stehe. Nicht das mindeste Anzeichen ist vorhanden, das daran erinnerte, daß sich's auch umgekehrt verhalten könnte, also die Erde liefe und die Sonne stille stünde. Der Anschein ist so fest und entschieden, daß es schon Leute aus dem ungebildeten Stande, wie diese gerne argwöhnisch sind, gegeben hat, die geradezu sagten, man habe sie zum Besten, wenn man ihnen darlegen wollte, daß die Erde, und somit auch sie selber, in unaufhörlicher Bewegung um die Sonne sich befänden. Sie meinten, dann sollten sie doch auch etwas davon empfinden, oder müßten gar Häuser und Türme in beständiger Gefahr stehen, durch die Bewegung, die dazu noch eine schnelle sei, mit der Zeit wackelig zu werden und zuletzt über den Haufen zu fallen. Wenn Viele dann vollends sehen, wie die Sonne Tag für Tag eine Bewegung des Laufens zeigt, wie sie gegen Abend am Horizont ganz sichtbarlich untersinkt, und gegen Morgen ebenso sichtbar ganz langsam sich aus der Tiefe heraufwälzt, so wissen sie sich gar nicht darein zu finden, daß es anders sein solle. Demgemäß ist auch, so lange die Welt steht, und unter allen Nationen eine andere Redeweise gar nie gewesen, als daß man von einem Laufen der Sonne und von einem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, überhaupt immer von dem Standpunkt aus, als laufe die Sonne und stehe die Erde stille, unter Gelehrten und Ungelehrten, gesprochen hat, wie man selbst heute noch tut, da doch die Gelehrten alle längst darüber einig sind, zu behaupten, daß es gar nicht anders sein könne, als daß die Erde laufe und die Sonne, der Erde gegenüber, stille stehe.
Wenn es nun so ist, wie konnte die Schrift von dieser gewöhnlichen Sprechweise abgehen, auch wenn das neue System seine Richtigkeit hat? Wie kann man aus dem, daß sie redet, wie alle Welt redet, einen Schluß ziehen, daß sie dem neuen System entgegen wäre, oder astronomisch belehren wolle? Sie redet einfach, wie man gewohnt ist, nach dem Augenschein, ohne im Mindesten sich um astronomische Systeme, die aufkommen, und deren Erfindung Gott ganz den Menschen überläßt, sich zu bekümmern oder nach ihnen zu fragen. Lassen wir das neue System gelten, so erscheint es doch höchst sonderbar, daß man seit Kopernikus, der vor etwa 400 Jahren das System aufgebracht hat, meint, die Bibel hätte sollen von jeher, wenn sie Anspruch auf Göttlichkeit mache, eine von der gewöhnlichen ganz abweichende Sprechart gehabt haben. Sie allein soll nicht reden, wie alle Welt redet; und wenn sie in einzelnen Stellen das Gegenteilige von dem, was Kopernikus sagt, zu betonen scheint, so soll ihr das den Stempel der Unvollkommenheit, des menschlichen Irrtums, gar der Unwahrheit geben, der sich nicht für ein göttliches Buch schicke. Ich kann weder die Gegner der Bibel begreifen, wie sie sollten vernünftigerweise, namentlich zu Jos. 10, 12. 13, sagen können, da sehe man, daß die Bibel nicht göttlich sei, weil sie ein Wunder erzähle, das ganz wider das neue System sei, daß sie überhaupt nicht kopernikanisch denke und rede, noch die Freunde der Bibel, wenn sie aus der Bibel heraus die Unhaltbarkeit des Systems, das aufgekommen ist, steif und fest beweisen wollen. Übrigens scheinen die Ersteren oft nur darum so pochend aufzutreten, weil sie merken, daß die Letzteren ihren ganzen Glauben dadurch angefochten glauben, woran sie eine heimliche Freude haben. Wie aber kann doch der Fragesteller sagen, es gelte ihm um den Grund des Glaubens; und das neue System, wenn es wahr sei, beeinflusse seinen Glauben und sein inneres Leben, weil ihm dann nicht mehr die ganze Bibel göttlich scheine? Wie mag er sagen, daß der Schrift gegenüber entweder alle Menschen, die sagen, die Sonne stehe stille, Lügner seien, oder die Schrift selbst nicht mehr ganz göttlich? Was aber sagt denn die Schrift? Behauptet sie denn etwas, wenn sie bei der allgemeinen Sprechweise bleibt? Sie redet nur, wie andere Leute, und denkt nicht entfernt daran, daß sie so reden sollte oder wollte, daß ja kein Astronom an ihr sich stoße, und ja kein Bibelfreund, der den Astronomen nicht widersprechen könne, ein Ärgernis an der Bibel nehme. Wie kann man's auch den gläubigen Geistlichen verdenken, wenn sie dem neuen System Glauben schenken, als opferten sie damit die göttliche Auctorität der Schrift hin? Dem Erfinder des Systems, der ein sehr frommer und gläubiger Mann gewesen sein soll, ist es gewiß nicht entfernt eingefallen, daß er mit seinem System der Bibel einen Tuck antue. Viele neuere Astronomen freilich, aber nicht einmal die rechten, fangen an, wie schadenfroh zu sein, als sei mit Kopernikus die ganze Bibel hingefallen, wie namentlich vor etlichen Jahren ein Prediger irgendwo gepredigt hat, daß es seit ihm keine Himmelfahrt Christi mehr gebe. So mögen sie sagen, obwohl mit völligem Unrecht. Denn Kopernikus mag stehen oder fallen, - die Bibel ist ein Fels, den ein menschlicher Fund, oder eine Naturentdeckung nicht umwerfen kann.
Wollen wir die angeführten Stellen näher besprechen, vor Allem Jos. 10, 12. 13, da Josua ausruft: "Sonne, stehe still!" Leidet denn das Wunder Not, wenn nach dem neuen System nicht die Sonne, sondern die Erde stille zu stehen hatte? Bleibt nicht das Wunder so, wie so? Oder soll es weniger möglich sein, als wenn die Sonne stille zu stehen hatte? Was aber stand vor Augen stille? War's die Erde, oder war's die Sonne? War's die Sonne, warum soll Josua anders reden, als er redet? Zu tun war's ihm nur um das, daß keine Nacht eintrete, und der Tag sich verlängere. Was kümmert er sich darum, ob's dabei kopernikanisch oder anders zugehe, wenn nur vor Augen das geschah, was er wollte? Gesetzt nun, er wäre kopernikanisch unterrichtet gewesen, hätte er anders gesprochen oder sprechen können? Gesetzt, er war's nicht, hätte ihm geschwind der Geist Gottes zurufen sollen: "Halt', sag's recht, daß du dich nicht irrtümlich ausdrückst; denn eigentlich steht ja die Sonne immer still?" Da hätte wohl nun Josua nach der heutigen astronomischen Sprache ausrufen sollen: "Sonne, stehe scheinbar stille," damit es ja nicht irrtümlich lautete. Was hätten die Israeliten dazu gedacht und gesagt? Ja gesetzt, die ganze Schrift rede irgendwie kopernikanisch, daß die heutigen Astronomen zufrieden wären, was hätten bis auf Copernicus hin alle Bibelleser dazu gesagt, daß immer eine Bewegung der Erde, und nicht der Sonne angenommen werde? Begriffen hätte das Niemand; und eine Annahme in der Bibel zu finden, die in so hohem Grad dem Augenschein widersprach, hätte sicher die ganze Bibel in Mißkredit gebracht; und nur erst durch Kopernikus wäre sie zu Ehren gekommen, wenn dann die Astronomen zu ihrem höchsten Erstaunen gefunden hätten, daß der große Fund längst in der Bibel angezeigt gewesen sei, wie jetzt umgekehrt gerade die Astronomen die Bibel herunterschätzen, nicht nur weil sie vom neuen System nichts drin finden, sondern weil die nun @ recht erkannte Größe des Weltalls die in der Schrift gepriesene Erlösung durch Christum, wie überhaupt die gegebenen Vorstellungen von Gott, zu einer Torheit heruntergedrückt werden, wie sie sagen. Begreifen aber sollten wir's, wie in der Schrift überhaupt, so auch bei Josua, verhalte sich's mit dem neuen System, wie es wolle, unmöglich etwas über die klare Anschauung jedes Menschen Hinausgehendes vorausgesetzt werden kann, worauf der menschliche Geist so lange selbst nicht gekommen ist, zumal das, was die Schrift eigentlich will, immer sich gleich bleibt, wie auch die Himmelskunde sich gestalten mag.
Der Fragesteller führt auch Jes. 38, 8 an, wo gleichfalls ein großes Wunder an der Sonne erzählt wird. Darunter stehen die Worte des Herrn durch Jesajas an den König Hiskia: "daß die Sonne zehen Linien zurücklaufen soll am Zeiger, über welche sie gelaufen ist." Da, glaubt man, sei ganz entschieden von einem Laufen der Sonne die Rede, wie es nicht zum neuen System passe. Aber wieder ist die Frage, wie es denn eigentlich hätte ausgedrückt werden sollen, wenn das System des Kopernikus das richtige ist? Kann man denn da anders reden, als nach dem, wie es vor Augen sich darstellte? und ist das Wunder nicht dasselbe, ob man sich's nach dem neuen oder alten System durch Gottes Allmacht geworden sich denkt? Oder hätte gesagt werden sollen: "scheinbar zurückgelaufen", "scheinbar gelaufen", wie, sich verwahrend, die Astronomen reden? - Endlich erinnert der Fragesteller an Psalm 19, 6, 7. Wer sieht nicht, daß hier ohne alle Beziehung auf die Astronomie, nur eine malerische Beschreibung der aufgehenden Sonne, wie diese sich vor dem Auge darstellt, gegeben werden will? Oder sollte es, unter möglicher Voraussetzung des neuen Systems, heißen: "Er hat der Sonne scheinbar eine Hütte gemacht; und dieselbe gehet scheinbar he@s, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, und freuet sich scheinbar, wie ein Held, scheinbar zu laufen den Weg. Sie gehet scheinbar auf an einem Ende des Himmels, und läuft scheinbar um bis wieder an dasselbe Ende?" So reden wissenschaftlich die Astronomen. Kann es gegen diese beweisen und einen Bibelfreund irre machen, wenn die Bibel nicht so redet, wenn sie also nie sagt, die Sonne ist scheinbar aufgegangen, oder scheinbar untergegangen? Kurz, die Bibel behält ihre volle Auctorität, wie auch die Systeme ausfallen mögen; und aus der Bibel heraus wider solche Systeme auftreten zu wollen, ist durchaus unrecht. Lassen wir in Allem die Wissenschaft, wenn sie sich bewährt, ihren Gang gehen und ihre Erfindungen machen, und scheuen wir deren Anerkennung nicht um deswillen, weil sie in der Bibel nicht angezeigt, oder in der Sprechweise der Bibel ignoriert sind.
Zum Schluß erinnere ich noch daran, daß in der Schöpfungsurkunde (1 Mos. 1, 14-19) nur das gesagt wird, daß Lichter an der Feste des Himmels sein sollen, daß sie scheinen auf Erden. Sie sollten scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Von Bewegungen aber, welche Sonne, Mond und Sterne haben, wollte nichts gesagt werden. Die Auffindung derselben sollte ganz dem menschlichen Geiste überlassen bleiben. Zugleich liegt in dieser Stelle die göttliche Berechtigung zu jeglicher Forschung. Die Offenbarung will sich auf eine Belehrung, wie sich's mit den Bewegungen verhalte, nicht einlassen. Darum dürfen wir auch in keinerlei Redeweise der Schrift, wie sie der äußeren Anschauung entspricht, bezüglich der Bewegungen, eine göttliche Offenbarung suchen und geltend machen.
120) Verhinderung durch Satanas.
(nach 1 Thess. 2, 18.)
Frage: "Ich möchte Sie bitten, mir einmal zu sagen, was der Apostel Paulus damit meint, wenn er sagt (1 Thess. 2, 18): ""Satanas hat uns (Paulus) zweimal verhindert, zu euch zu kommen!""
Antwort. Die Frage läßt sich einfacher lösen, als Sie sich etwa denken. Das Wort Pauli nämlich ist nicht dahin zu verstehen, als ob Satanas in Person den Apostel verhindert hätte, den Besuch in Thessalonich zu machen. In der Schrift kommt schon ein ähnliches gar nicht vor; und die Versuchungen Jesu, da Er dem Willen des Teufels, so zu sagen, preisgegeben war, stehen einzig da. So viel Macht hätte auch Satanas nicht über den Apostel gehabt, der ja zu ihm nur hätte sagen dürfen: "Hebe dich weg, Satan!" und alsbald wäre er frei gewesen. Man darf's auch nicht in Verbindung mit dem bringen, daß Paulus je und je von einem Satansengel zu leiden hatte, wie er das selber sagt (2 Kor. 12, 7); denn diese Leiden konnten nur auf Augenblicke ihm zu schaffen machen, durften ihn aber nicht an seinem Berufe hindern. Sonst hätte der Herr nicht zu ihm sagen können: "Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." Es war das eine Schwachheit, die zu Zeiten den Apostel befiel, von welcher er aber nicht so hingenommen wurde, daß seine apostolische Tätigkeit darunter Not litt.
Wir müssen uns erinnern, daß es sich um eine Reise nach Thessalonich handelte von Athen aus, wo Paulus eben war, wohl 100 Stunden weit. In Thessalonich aber waren ihm die Juden sehr aufsäßig; und Paulus mußte früher von dieser Stadt bei Nacht abgefertigt werden (Apost. 17, 10), weil die Aufregung, besonders nach einem durch die Obrigkeit mißglückten Aufruhr, gar zu groß geworden war. Er kam nach Beroe, auch in Mazedonien gelegen; und weil da das Wort Gottes von den Juden günstig aufgenommen wurde, kamen die von Thessalonich, als sie das erfuhren, stürmisch herbei, und bewegten das Volk auch da so sehr gegen Paulus, daß die Brüder abermals genötigt waren, ihn abzufertigen. Er kam bis an das Meer, um, wie es scheint, sich einzuschiffen, und zu Wasser nach Griechenland zu kommen. Aber die Begleiter Pauli gingen mit ihm seitwärts, und ließen ihn den Landweg machen bis gen Athen, wahrscheinlich, wie das einmal bei Korinth war, weil die Juden am Meere ihre Laurer hatten, die insgeheim den Paulus wegschaffen sollten. Paulus aber hatte keine Ruhe in Athen, um der Trübsale der Brüder willen in Mazedonien; und nach unsrer Stelle hat er sich zweimal vorgenommen, die Reise zu ihnen zu machen, vielleicht weil er dachte, die Aufregung könnte sich gelegt haben. Aber, sagt er, "Satanas hat mich verhindert."
Nach diesem Allem haben wir die Stelle so zu erklären, daß Paulus, als er sich zu reisen entschlossen hatte, von fortgesetzten heimlichen Nachstellungen der Juden hörte, wie diese namentlich es darauf anlegten, ihn unterwegs zu überfallen. Diese Juden, die so unnatürlich fest in ihrer Verfolgungswut sich zeigten, sieht er als solche an, die von Satanas umgetrieben und wider ihn gehetzt würden; und er schreibt daher die Verhinderung, oder den Grund, warum er nicht reisen konnte, weniger den Juden, als dem Satanas zu. So lange dieser die Juden zur Feindschaft und Verfolgung gegen ihn reizte, war es geratener für ihn, die Reise zu unterlassen. Er sah es dafür an, daß es nun auch nicht sein solle. Denn wenn der Herr gewollt hätte, daß er reise, so hätte Er schon die ganze Lage Pauli ändern können. So sieht er es auch als den Willen Gottes an, daß er nicht reisen solle. Denn nach der Anschauung der Schrift kann Satanas nur so weit hindern, als es ihm Gott zuläßt; und ein frommer Sinn, wenn er auch den Satanas als Urheber nimmt, denkt sich's doch nicht anders, als ob es nach Gottes Willen so geschehe. Mit dem Gedanken, daß Satanas der eigentliche Ursächer der Verhinderung war, mildert er auch seine Stimmung gegen die Feinde. Diese können nicht anders; und darum darf er's ihnen auch nicht voll zuschreiben. Wir könnten auf diese Weise auch oft unsre Stimmungen gegen boshafte Leute mildern, wenn wir ihnen weniger Schuld beimessen würden, als der finsteren Gewalt, die sie nun einmal beherrscht, und der sie sklavisch hingegeben sind, ohne sich gegen sie wehren zu können.
Hienach ist auch Eph. 6, 12 zu erklären, wenn Paulus sagt: "Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen" (d. h. mit Menschen, welche öfters, vergl. Matth. 16, 17, so bezeichnet werden), "sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel." Der Sinn ist: "Wenn wir auch vor Augen mit Menschen zu kämpfen haben, so sind's doch nicht sowohl sie, als die bösen Mächte, welche sie beherrschen."
121) Die Weissagung bis auf Johannes.
zu Matth. 11, 13.
Frage: "In Nr. 17 (1875, 1, 94) habe ich eben gelesen, wie Sie sagen: ""Wenn der Herr sagt (Matth. 11, 13), alle Propheten hätten bis auf Johannes geweissagt, so ist das offenbar mit Bezug darauf gesagt, daß die zukünftige Erscheinung des Propheten Elia die letzte Weissagung in der Schrift sei. Mit ihr schließen also alle Propheten."" Was wird nun so aus der Offenbarung Johannis? Deren Verfasser ist zwar nicht in der Eigenschaft eines Propheten aufgetreten; aber sein Buch ist doch eine Weissagung, und eine der größten, die in der heiligen Schrift steht."
Antwort. Ich erwidere auf diese Einwendung, daß ich in meiner Bemerkung unter Schrift nicht die ganze heilige Schrift verstanden habe, mit Einschluß des Neuen Testaments, auch unter allen Propheten nur die des Alten Testaments. Ich stellte mich auf den Standpunkt des Herrn Jesu, dem Seiner Zeit das Alte Testament die Schrift war. Vom Propheten Elias, der in der Erfüllung Johannes der Täufer war (v. 14), ist im letzten Propheten Maleachi die Rede, und zwar im letzten Vers des letzten Kapitels. Somit schließen die Propheten des A. Testaments mit dieser Stelle; und mit Bezug darauf, wollte ich sagen, sage der Herr, daß alle Propheten bis auf Johannes geweissagt hätten. Es ist also klar, daß ich nicht sagen wollte, mit Elias oder Johannes habe sich alle Prophetie geschlossen. Im N. Testament fängt eine neue Prophetie an, durch den Herrn selbst, und durch die Apostel, und durch die Offenbarung Johannis. Deren Weissagungen bleiben, was sie sind.
122) Kraftlosigkeit des Worts.
Frage: "Was kann Ursache sein, daß uns das Wort Gottes kraftlos wird; und was ist zu tun, damit es wieder seine Wirkung an der Seele beweisen kann, entweder nach Hebr. 4, 12, oder belebend, aufmunternd oder tröstend, je nachdem es der Zustand des Herzens erfordert?"
Antwort. Allerdings ist es eine allgemeine Erfahrung, daß das Wort Gottes, auch wenn es trifft und bewegt, doch wenig bleibende Wirkung hat, und so kraftlos erscheint. Wenn gewünscht wird, daß es wieder eine Wirkung haben möchte, "wie ein zweischneidiges Schwert, das durchdringe, und Seele und Geist, auch Mark und Bein scheide, und ein Richter sei der Gedanken und Sinne des Herzens" (Hebr. 4, 12), so wird das wohl nicht eher wieder werden, als bis eine erneuerte Kraft des heiligen Geistes, wie sie im Anfang war, uns wieder zukommt, von der ich immer sage, - und auch die angeführte Erfahrung beweist es, - daß sie uns fehle, aber auch hoffe, daß sie wiederkomme. Indessen wäre doch die Frage, ob wir, sei's mit dem Mangel, wie es wolle, nicht besser darin uns üben sollten, wieder ein Gewissen zu Gott zu bekommen. Die Leute wollen immer nur Kraft des Wortes haben zur Belebung, zur Aufmunterung, zum Trost, aber nicht recht zur Erneuerung ihres Sinnes, zu prüfen, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille (Röm. 12, 2). Um den wirklichen Gotteswillen in Allem kümmern sich Wenige; und wenn sie auch nach dieser Richtung viel hören und lesen, so lassen sie's eben gehört und gelesen sein, und werden nicht anders, bleiben in ihrer ganzen Art unverändert. Lernten wir mehr zu unsrer Besserung Gottes Wort lesen und hören, statt nur immer aufgemuntert und getröstet zu werden, so dürften wir doch vielleicht mehr Kraft des Wortes verspüren. Der Heiland wäre schneller dabei, auch mit Nachwirkungen von Seiten des heiligen Geistes!
123) Von Träumen.
Frage: "Darf ich Sie bitten, mir die Frage zu beantworten: ""Was hat man von Träumen zu halten?"" Selbst losgeworden davon, finde ich doch im Gespräch mit Freunden, die etwas auf die Träume halten, daß ich nicht genügende Schriftkenntnis besitze, um damit entgegenzutreten. Namentlich bin ich in Verlegenheit, wenn behauptet wird, die Deutungen und Auslegungen, zu welchen die Träume führen, treffen genau so ein."
Antwort. Zur Rechtfertigung der Träume kann man sich nicht auf die Schrift berufen. Denn wenn in dieser von Träumen die Rede ist, sind es Erscheinungen des Herrn oder Seines Engels, die sich im Traume, nicht im Schlafe, kundgeben. So erscheint der Engel des Herrn dem Joseph, dem Manne der Maria, dreimal im Traume (Matth. 1, 20; 2, 13. 19). Da ist unter Traum ein eigentümlicher Schlafzustand verstanden, der in der Mitte liegt zwischen Wachen und Entzückung, aber klares Bewußtsein übrig läßt. Wir haben für diesen halbwachen Zustand nicht das rechte Wort; und wenn die Schrift sagt: "Im Traume", so dürfen wir nicht entfernt an das denken, was wir Träume nennen. Es heißt nicht: "Der Herr ließ den Joseph träumen;" sondern: "Der Engel erschien ihm im Traume." Das ist doch etwas ganz Verschiedenes; und wie bei Joseph, so ist's bei allen bedeutsamen Eröffnungen im Traume zu verstehen, wo sie in der Schrift vorkommen. Auch bei Joseph, dem Sohne Jakobs, haben wir's so zu nehmen, wenn es gleich nur heißt: "Dazu hatte Joseph einmal einen Traum;" denn offenbar hat da der Herr es gemacht, wie auch Joseph selbst eine göttliche Offenbarung darin fand. So war's auch bei den andern Träumen, die in Josephs Geschichte vorkommen, da man deutlich sieht, wie den Träumenden eine wirkliche göttliche Eröffnung durch die Träume vor der Seele stand. Dasselbe war's beim König Nebukadnezar in Daniel (2, 1 ff.), da er von der Bedeutung seines Traums so erfüllt war, daß er meinte, seine Traumdeuter müßten den Traum herausbringen, ohne daß sie ihn hörten. Daniel sagt auch nachher zu ihm (v. 28), Gott vom Himmel habe ihm etwas angezeigt. Alle diese und andere Stellen von Träumen stehen in einer Weise da, daß ihre Göttlichkeit jedem Leser klar erscheinen muß.
Unsere Träume kommen auch je und je in einem halbwachen Zustande. Aber da fragt sich's, wer mit uns rede. Können wir denken, daß der Herr oder Sein Engel mit uns rede? Kaum wird das ein Träumender, auch wenn er seinem Traum eine Bedeutung gibt, zu denken wagen; denn wenn der Herr etwas sagt, muß es doch etwas Rechtes sein. Wer redet also? Es gibt auch "böse Geister unter dem Himmel" (Eph. 6, 12), die etwas in's Ohr raunen oder sonst vor Augen stellen können. Wenn nun dem Menschen etwas Weissagerisches gesagt wird, kann das von dem Gott sein, der im Alten Testament so ernst gegen die Träumer und Wahrsager redet? Kann Er eine wahrsagerische Träumerei selbst machen wollen, während Er doch sie so stark richtet, wenn ein Mensch sich drauf legt, oder auf sie was hält? Wie haben aber die alten Träumer und Wahrsager ihre Sachen bekommen? Nicht anders, als so, daß insgeheim ein finsteres Wesen mit ihnen redete, oder sie beeinflußte. Deswegen hat's Gott verboten, auf Träumer zu hören. Gegen Träumer, die ja, wenn sie ihre Träume auslegen und weissagerisch sein lassen, die Maske eines Propheten annehmen, hat's besonders der Herr, wie wir aus 5 Mos. 13, 1 ff. ersehen, weil man bei solcher Träumerei einen andern Gott hat, als den rechten. Träumer, die ihre Träume gerne haben, auslegen, gar groß damit tun, sündigen wider das erste Gebot und bezeigen sich als Abgötter. Gott will wahrlich nicht, daß wir im Verkehr, oder unter dem Einflusse finsterer Wesen sein sollen. Diese finsteren Wesen wissen schon etwas, und mehr, als die Menschen auf Erden, haben wohl auch irgend welche Tücke vor gegen andere Menschen, und machen sich den Spaß, diese Tücke vorher den Träumern zu sagen, daß sie sich höchlich verwundern sollten, wenn's eintreffe. So locken sie leichtgläubige und fürwitzige Leute aus ihrer Einfalt heraus. Denn ein Jedes, das auf Träume hält, fühlt sich darin, wenn's triumphierend sagt: "Habe ich's nicht vorher gesagt? Hat mir's nicht gerade so geträumt?" Die Thoren, die nicht bedenken, wer's ihnen sagt, und wie verderbt und unnatürlich sie dadurch werden nach Leib und Seele, auch nicht denken an den Bann, in den sie geraten an die finstere Welt, wenn sie mit Wohlgefallen in solchen Sachen stehen!
Was bleibt nun übrig, zu tun, wenn unwillkürlich Träume, die etwas zu besagen scheinen, uns vorkommen? Das haben wir zu tun, daß wir gar nicht drauf achten, sie gar nicht recht in unseren Gedanken bewegen, oder auf sie uns zu besinnen streben, mit gar Niemanden davon reden, auch einfach sie nicht glauben. Viele solche finstere Träume gehen nur darum in Erfüllung, weil man sie glaubt. Der den Traum eingebende Dämon kann auch, wie schon gesagt, das machen, was er träumen läßt. Da geht es nach dem Sprichwort: "Wie man glaubt, so wird Einem." Glaubt man's nicht, so läßt Gott dem Dämon seine Tücke nicht zu; und der Traum bleibt unerfüllt. So hat einmal Jemand zu mir gesagt, daß es seiner Tochter ganz deutlich geträumt habe, er werde in so und so viel Jahren sterben. Sie glaubte es fest; und der Vater kam ängstlich zu mir. Ich aber erwiderte ihm: "Glaub's nicht, und befiehl dich dem Herrn an, so wird's nicht." Er folgte mir, und hat lange über jene Zeit hinausgelebt, von der geträumt worden war. Der Herr will unsre Treue erproben; und Treue gegen den Herrn besteht darin, daß wir Abergläubisches und Teuflisches nicht annehmen und glauben. Ist aber Jemand wider seinen Willen mit Träumereien geplagt, so soll er es ernst damit nehmen, und mit frommem Sinn Alles tun, um von dem finstern Einfluß befreit zu werden. Es gelingt auch leicht; und wenn weniger, so vermag auch Fürbitte da Vieles auszurichten, sobald der Träumer nicht dennoch eine geheime Freude daran hat, oder gar sich wichtig nimmt. Ein Ernst wider die Träumerei, und Nichtachtung alles Geträumten ist der sicherste Weg, frei zu werden.
Hiemit glaube ich das Meine gesagt zu haben. Mit jeweiligen Ahnungen mehr von Geschehenem, als Geschehendem ist es etwas Anderes. Mitunter freilich sollen Ahnungen auch Mahnungen sein, ernstlich den Herrn um Abwendung eines Gedrohten zu bitten; und nach dieser Seite gibt's oft liebliche Erfahrungen.
124) Die Neun und Neunzig.
Frage: "Wie ist das zu verstehen, wenn in dem Gleichnis von dem verlorenen Schafe der Heiland von den 99 sagt, sie seien Gerechte, die der Buße nicht bedürfen? Dieselben sind doch Menschen, die Alle vor Gott Sünder sind, also auch der Buße bedürfen. Diese Frage hat mich, einen einfachen Landmann, und etliche Brüder dieser Tage sehr beschäftigt. Dürfte ich Sie bitten, in Ihren Blättern eine Erklärung zu geben?"
Antwort. Ich will versuchen, den allerdings ein wenig auffälligen Punkt zu erörtern. Denken wir uns in die Veranlassung zum Gleichnisse hinein. Zum Herrn kamen Zöllner und Sünder, daß sie Ihn höreten. Er hat mit ihnen so freundlich und liebreich gesprochen, als wären sie keine Sünder, hat sogar mit ihnen gegessen, was als ein Zeichen von Freundschaft und Vertraulichkeit galt. Dazu machten die Pharisäer und Schriftgelehrten murrend ihre Bemerkungen; und der Herr antwortet mit dem Gleichnis vom verlorenen Schafe. Weil Er mit Beziehung auf die Zöllner und auf die Pharisäer redet, so gibt Er den Eindruck, daß Er unter dem verlorenen Schafe die Zöllner, und unter den 99 die Pharisäer verstehe; und daß die Letzteren nun die Gerechten heißen sollen, die keiner Buße bedürfen, das kann befremden.
Wir müssen nun da denken, daß der Heiland die Pharisäer, nach der ihnen gebührenden Achtung, so nimmt, wie sie sich selbst nehmen. Sie sehen sich, wenigstens den Zöllnern gegenüber, als Gerechte an, welche nicht, wie die Zöllner Buße zu tun, oder ihren Sinn zu ändern hätten, was das Wort Buße im Grundtext besagen will. Der Herr findet's unfein und unrecht, die Pharisäer als solche zu nehmen, die nicht, nach dem gewöhnlichen Maßstabe, gerecht wären, etwa zu ihnen zu sagen: "Meinet denn ihr, ihr seiet besser, als die Zöllner? Prüfet euch recht, und ihr werdet finden, daß ihr Sünder seid, wie diese, und darum auch Buße zu tun nötig hättet." So will und kann Er nicht mit den Pharisäern reden. Er muß sie nehmen als zum heiligen und auserwählten Volk Israel gehörig, wofür die Juden überhaupt galten. Blieben sie, - und anders durfte es der Heiland nicht voraussetzen, - den Geboten und Satzungen treu, die Gott durch Mose gegeben hatte, wie es ja viele Israeliten gab, so hießen sie nach der Sprache des Alten Testaments Gerechte. Von den Zöllnern aber nahm man an, daß sie von dem Gott Israels abgefallen seien, weil sie im Dienste der Heiden standen, und zwar in dem gehässigen Zollwesen, das als eine Sache angesehen wurde, die ganz gegen die Würde des Volkes, als des Volkes Gottes, streite, also auch ganz wider Gott sei. Der Heiland muß das von den Zöllnern jetzt auch gelten lassen, und will die Zöllner so wenig rechtfertigen, als Er die Pharisäer heruntersetzen will. So läßt Er die Zöllner mit einander, als die Sünder, dem verlorenen Schafe gleich sein, und die Pharisäer mit einander, als Gerechte, den 99 gleich, die sich von ihrem Hirten nicht verlaufen hätten.
Was nun das betrifft, daß diese Gerechte, die unter den 99 vorgestellt werden, der Buße nicht bedürfen, so hat das bei ächten Israeliten, die nicht wissentlich die Gebote Gottes übertraten, einige Berechtigung. Sie bedurften keiner Sinnesänderung, wenigstens nicht im weiteren Sinne. Denn unter Buße ist, wie gesagt, die Sinnesänderung verstanden. Ihr Sinn war ja bei Gott, dem Herrn, wird als solcher angenommen. Sie hielten sich angenommener Maßen nach den Satzungen, die ihnen vorgeschrieben waren. Die Zöllner aber hatten ihren ganzen Sinn zu ändern, weil sie als von Gott abgefallen schienen, einen Sinn wider Gott angenommen hatten. Wenn sie wieder zurückkommen, ächte Israeliten werden, haben die Engel im Himmel eine größere Freude an ihnen, als an den 99, die nicht als Abgefallene umzukehren hatten, weil ein Wiedergefundenes immer am Meisten Freude macht.
Etwas Anderes ist es freilich, wenn von der Sinnesänderung im engeren Sinne gesprochen werden soll. Da müssen auch die Pharisäer oder die 99 bekennen und sagen, daß sie, obwohl treue Israeliten, wenn sie's waren, doch Sünder seien vor Gott, und um das, was sie dennoch Sünder sind, Buße nötig haben. Nach dieser Seite werden Zöllner und Pharisäer wieder einander gleich; sofern die Einen, wie die Andern, umzukehren hatten auf den eigentlichen Weg der Bekehrung, namentlich jetzt, wo das Reich Gottes durch Jesum anfing. Von dieser besonderen und tieferen Buße oder Sinnesänderung will der Heiland nicht direkt reden, obwohl sie in feiner Weise doch auch wieder eingeschlossen ist in Seiner Rede. Er nimmt den Fall an, als hätten die Pharisäer oder die 99 alle Gerechtigkeit erfüllt, wie sie den Menschen möglich ist, und als könnten sie in engerem Sinn Gerechte zu nennen sein, die in Allem wenigstens recht sein wollten gegen Gott und Menschen, wie es im Alten Testamente gemeint ist, wenn da von Gerechten die Rede ist. Sonst konnte die Rede Jesu den Pharisäern auch ein Schlag in's Gewissen sein, daß sie fühlen mußten, so ganz wären sie doch nicht Gerechte, die der Buße nicht bedürften. Der Herr redet ja auch nicht direkt von ihnen, sondern von den 99; und ob nun die Pharisäer zu diesen 99 gehörten, darüber sollten sie sich selbst besinnen.
Man kann überhaupt, um das Wichtigste noch zu sagen, anführen, der Herr nehme die 100 Schafe, weil sie unter dem Hirten standen und von diesem nicht wegliefen, als bereits unter die höhere Hut gekommen, ob man nun Pharisäer oder Andere darunter verstehen mag, wenn Er auch jenen den Gedanken offen läßt, Er meine sie, ob sie's verdienten, oder nicht. Sind die Schafe aber bereits unter der Pflege des Hirten, gezählt als sein Eigentum, so sind sie schon über die zu solcher Stellung nötige Buße hinübergekommen. Sie stehen schon in der Gerechtigkeit vor Gott. Wozu sollen denn diese noch weiterer Buße bedürfen, außer soweit sie im Täglichen noch Fehltritte sich beigehen lassen, die sie aber auch nicht aus dem Rang von Gerechten bringen? Ist einmal Jemand bekehrt, so bedarf er, in's Ganze genommen, keiner Buße mehr. Wozu denn immer und immer Buße tun, als ob man den rechten Weg noch nicht ergriffen hätte? Jene 100 waren also bereits, als Schafe ihres Hirten, Gerechte, bis ihrer Eines mutwillig sich verlief und von den Gezählten sich abtrennte. Dieses Eine hatte Buße zu tun, d. h. umzukehren und wieder sich zu bekehren. Bei den Andern blieb's so, daß sie als Gerechte angesehen wurden, die keiner solchen Buße, d. h. keiner solchen Umkehr bedurften, weil sie nicht in eine ähnliche Verirrung, weg vom Hirten, gekommen waren.
Man sieht also, wie man ganz und gar nicht daran sich aufzuhalten hat, daß die 99 sollen Gerechte heißen, die der Buße nicht bedürfen. An eine vollkommene Gerechtigkeit, in der sie gestanden wären, hat man auch nicht zu denken, sowie daran, daß sie nicht doch noch einer täglichen Buße bedurften. Man denke an den ältesten Bruder des verlorenen Sohnes. Dieser war auch ein Gerechter, der keiner Buße bedurfte, d. h. keiner Umkehr in's Vaterhaus, weil er aus diesem nicht gegangen war. Daß er aber dennoch, obwohl er der treue Sohn geblieben war, für sein Betragen, als der Bruder wieder kam, Buße zu tun hatte, sieht Jedermann. Leicht kann's gefährlich auch für Gerechte werden, wenn sie auf ihre Gerechtigkeit pochen. Dies eine weitere Lektion für die Pharisäer im Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Hiemit sei es genug. Herzlichen Gruß an den Landmann und seine Brüder!
125) Matth. 13, 13-15 und Mark. 4, 12. über Verstockung.
Frage. "Die Stelle Marc. 4, 12, die mir schon viel zu denken gegeben hat, ist mir auch nach der Auslegung in Ihren Blättern (1875 Nr. 31, S. 243 u. 244) unerklärlich geblieben. Ich meine die Worte: "auf daß sie sich nicht dermaleins bekehren etc." Denn diese Worte können allerdings nach der Fassung des Matthäus wohl als beabsichtigte Folge einer von der Finsternis herrührenden Verstockung genommen werden, wie Sie es zu fassen scheinen" (Ich fasse es wirklich so). "In Marc. 4, 12 aber scheint zu liegen, daß es die Absicht des Herrn war, und ebenso auch nach Jes. 6, 10, wenn man letztere Stelle nicht nur nach der Anführung des Matthäus (13, 14. 15), sondern auch im Text des Jesajas liest. Und doch sage ich mit Ihnen: "In Jesu kann ja die Absicht nicht gewesen sein, daß sie sich nicht bekehrten." - Vielleicht haben Sie die Güte, in Ihren Blättern mir über diese Frage nähere Auskunft zu geben."
Antwort. Gerne will ich mich näher aussprechen, wiewohl ich glaube, in meiner früheren Auslegung bereits Genügendes gesagt zu haben. Um aber andern Lesern das Verständnis zu erleichtern, muß ich die betreffenden Stellen hersetzen. Der Herr erklärt, warum Er in Gleichnissen rede, nach Markus namentlich "denen, die draußen sind." Da sagt Er nun:
Nach Matth. 13, 13. "Darum rede ich zu ihnen durch Gleichnisse. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht." - (Hier ist es so gegeben, als hörten sie auch Anderes nicht mit hörenden Ohren, weil sie's nicht verstünden. Darum redet der Herr zu Verständigen lieber durch Gleichnisse, um nicht durch gerade Reden an Unverständige das Wort zu profanieren.) - v. 14. "Und über ihnen wird die Weissagung Jesaja erfüllet, die da sagt: Mit den Ohren werdet ihr hören, und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen, und werdet es nicht vernehmen." - v. 15. "Denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre Ohren hören übel, und ihre Augen schlummern, auf daß sie nicht dermaleins mit den Augen sehen, und mit den Ohren hören, und mit den Herzen verstehen und sich bekehren, daß ich ihnen hülfe."
Nach Markus 4, 11 kürzer: "Und Er sprach zu ihnen: euch ist's gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen" (die Jünger werden als solche genommen, die sehen und hören und verstehen, auch was man ihnen geradeaus sage.). "Denen aber draußen widerfähret es Alles durch Gleichnisse" (die draußen sind eben die, die voraus zu nichts ein Verständnis haben). - v. 12. "Auf daß sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen;" (jetzt erst recht so, weil sie schon geradeaus Gesagtes nicht verstehen). - "auf daß sie sich nicht dermaleins bekehren, und ihre Sünden ihnen vergeben werden."
Bei Matthäus nun ist es leicht zu erkennen, daß der Herr eine vorhandene Verstockung voraussetzt, von der wir denken müssen, daß sie durch Einflüsse finsterer Mächte geworden ist. Satan versuchte an den Zuhörern Alles (vergl. Matth. 13, 19, wornach der Arge das Wort wieder aus dem Herzen reißt), um Jesu Wort unwirksam zu machen. Satan wollte die Bekehrung hindern, damit Jesus nicht helfen könne, und verstockte daher, wen er konnte. Die Schuld liegt freilich an den Leuten, daß Satan so viel Macht an ihnen hatte, und Gott sie ihm lassen mußte. Daß es so zu nehmen ist, liegt deutlich in den Worten Jesu: "daß ich ihnen nicht hülfe." Der Herr ist doch zu helfen da; und wie kann Er auch nur entfernt andeuten wollen, Er gedenke nicht, Allen zu helfen. Aber eine Macht steht Ihm noch entgegen, die Seinen Plan, zu helfen, hindern will. Der Fragesteller kann sich auch zu dieser Erklärung des Matthäus verstehen, meint aber, bei Markus sei es anders.
Bei Markus aber ist vor Allem zu bedenken, daß er dieselbe Rede des Herrn, bei derselben Veranlassung gesprochen, anführt, nur kürzer. Was ist natürlicher, als daß man da das Kürzere nach dem Längeren ergänzt. Markus, wie wir sehen, läßt vor v. 12 die Worte weg: "denn des Volkes Herz ist verstockt", auf welche eigentlich das "auf daß sie nicht etc." sich bezieht. Setzt man sie aus Matthäus herein, so läuft Alles, wie bei Matthäus. Die Evangelisten reden eben oft bruchstückmäßig; und weil wir ihrer drei oder vier haben, so dürfen wir sie nicht als geschieden von einander nehmen, und in Allem allein ansehen; und wie leicht macht sich's doch eben hier mit dem Einfügen des Zwischensatzes aus Matthäus? Markus konnte den Zwischensatz um so eher auslassen, weil er vorher von "deren draußen" gesagt hatte, daß es ihnen durch Gleichnisse widerfahre. "Die draußen" sind aber die, die draußen sind, obwohl sie auch da sind, Sie waren "draußen" mit ihrem Geiste, oder mit ihrem Glauben an Jesum, namentlich an das Himmelreich, von welchem allein die Gleichnisse handeln. Als draußen stehend sind sie die, die schon eine gerade Rede vom Himmelreich nicht verstehen, weil sie von finsteren Mächten eingenommen und gehindert sind. Man kann daher umschreibend auch so sagen: "auf daß es ja so wird, wie's der Arge will, und ich jetzt nicht ändern kann, daß sie mit sehenden Augen nicht sehen etc., wenn ich nur in Gleichnissen mit ihnen rede." Jedenfalls, ob sich's nun leicht verständlich mache, oder nicht, kann doch nicht der Heiland zu gleicher Zeit nach Markus von Seiner, nach Matthäus von des Argen Absicht reden, die Bekehrung zu verhindern.
Was nun den Jesajas (6, 9. 10) betrifft, so will ich den Lesern zu lieb die Stelle auch hier hersetzen.
v. 9. "Und der Herr" (der den Jesajas zum Boten berief) "sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volke: Höret's, und verstehet's nicht; sehet's, und merket's nicht." - v. 10. "Verstocke das Herz dieses Volkes, und laß ihre Ohren dicke sein, und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen, und sich bekehren und genesen."
Wenn hier der Herr zu Jesajas sagt: "Verstocke das Herz dieses Volks," so ist doch klar, daß Jesajas selbst der verstockende Mann nicht sein konnte. Wer ist's nun? Gott kann es auch nicht sein; denn sonst würde Er zu Jesajas geradeaus sagen: "Aber ich will, wenn du predigst, machen, daß sie dich nicht verstehen; denn ich will sie verstocken." Wie kann das sein, wenn doch eben jetzt Gott den Jesajas zum Predigen beruft, und zwar in besonders feierlicher Weise, da die Seraphim vorher erklärt hatten, alle Lande müssen der Ehre des Herrn voll werden? Es ist also zwischen den Zeilen wieder von einer verstockenden Macht die Rede, die eben, wenn Jesajas zu predigen anfing, sich rege und mächtig widerstehend erzeigen werde. Die Zuhörer stehen bereits tief in der Verstockung; und wenn sie nun durch des Jesajas ernste Reden sollen aufgeweckt werden, so dringt der Arge mit seiner Verstockung nur um so liefer ein. Der Herr sah voraus, daß es so gehen werde, und will das dem Jesajas sagen, damit er nicht durch die Erfolglosigkeit seiner Predigt abgeschreckt werde, dennoch im Gehorsam fortzumachen. Es ist daher, als ob der Herr mit Seiner nervigen Rede sagte: "Predige ihnen, auch wenn sie's nicht verstehen, und wenn sie nicht, und immer weniger, aufmerken, weil es ihnen dennoch gepredigt sein muß. Ich weiß, und du sollst auch wissen, daß du so wenig mit deinem Predigen ausrichtest, daß sie vielmehr eben durch dein Predigen noch verstockter werden; und es ist, als ob ich zu dir sagte: Verstocke das Herz dieses Volks, daß sie nicht sehen, noch hören, noch verstehen, also auch nicht, wie ich so gerne wollte, genesen." Ich meine doch, das sei so klar, daß es wohl möchte zu verstehen sein, ohne an eine Art Absicht Gottes zu denken, daß Er des Volkes Genesung nicht wolle. Bei den Propheten ist freilich die verstockende Macht nicht so offen gelegt, wie wir's zu denken gewohnt sind, weil im Alten Testamente vom Reich der Finsternis, über welches erst nach und nach der Geist Gottes aufklären konnte, fast gar nicht die Rede ist. Deswegen wird wirklich oft, wie aber nicht gerade in unsrer Stelle, von Gott gesagt, daß Er verstocke. Aber dieses ist immer in ähnlicher Weise zu nehmen, wie Gott, bezüglich der Trübsale, die Er über Hiob verhängen ließ, und deren Ursächer Satan war, zu diesem sagte (2, 3): "Du aber hast mich bewegt, daß ich ihn ohne Ursach verderbet habe," wie wenn's Gott getan hätte, während es doch Satan, freilich mit Gottes Zulassung, tat. So verstockt Gott, indem Er durch Satan verstocken läßt. In Allem, was Satan tut, darf Gottes Wille nie weggedacht werden, der zur Strafe die böse Macht ihr Werk treiben läßt, freilich auch wieder so, daß Gott sich die schließliche Heilung und Rettung vorbehält, wie namentlich bei Israel.
Wollte übrigens diese Auslegung des Jesajas nicht jedem Leser genügen, so verweise ich auf den besten Ausleger, den man finden kann, und dessen Auctorität gelten wird, nämlich auf Jesum selbst. Dieser nämlich führt bei Mathäus, wie wir oben lesen können, die Weissagung durch Jesajas mit andern Worten an, und offenbar so, daß diese für uns zugleich eine Erklärung sind. Er läßt nämlich Gott in Jesajas nach Matthäus erstlich sagen: "Mit den Ohren werdet ihr es hören und nicht verstehen," statt: "Höret's und verstehet's nicht." Zweitens läßt Er Gott sagen: "Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt," statt: "Verstocke das Herz dieses Volks." Der Heiland verläßt also die eigentümliche Redeweise in Jesajas, und wird wohl damit auch sagen wollen, wie Jesajas zu verstehen sei. Wenn nun der liebe Fragesteller das, wie es Matthäus sagt, verstehen kann, so möge er in Jesajas nicht etwas Anderes sehen, als was der Heiland sagt. Ich denke auch, er werde sich jetzt zufrieden geben können. Gottlob, daß der Heiland des Sinnes ist, Allen helfen zu wollen!
126) Gottes Wille zu unsrer Seligkeit.
Frage: "Es ist mir nicht leicht möglich, über folgende Punkte hinwegzukommen. Gott will, daß alle Menschen selig werden (und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen). Gott will also; es ist Sein eifriges Bestreben, gleichsam sein Ideal, alle Menschen selig zu machen. Nun sagt Er aber: "Ich bin der allmächtige Gott." Also kann Er das, was Sein Wille ist, leicht ausführen. Er kann den Menschen auf dem natürlichen Wege zur Seligkeit leiten, oder ihn dazu zwingen. Kurz, jeder Mensch muß nach diesen Voraussetzungen selig werden; aber nach Matth. 25, 33 gibt es Schafe und Böcke."
Antwort. Es ist nicht richtig, und mit der den Menschen von Gott gegebenen Würde und Persönlichkeit nicht verträglich, den lieben Gott sich als den zu denken, der nach Seiner Allmacht mit den Menschen fahre. Gott sagt wohl: "Ich bin der allmächtige Gott;" wenn Er aber bei Abraham dazu setzt (1 Mos. 17, 1): "Wandle vor mir und sei fromm," so deutet Er damit auf Seinen Schutz hin, den Abraham, wenn er vor Ihm wandelte, bei Ihm finde, mit Bezug auf seine Feinde aber, daß Er diese zu strafen Macht habe, keineswegs aber, daß Er diese mit Seiner Allmacht bekehren werde. Ich weiß wohl, daß es eine theologische Richtung gibt, die das ganze Christentum auf der Allmacht Gottes aufbaut. Aber die Schrift weiß nur von einer Barmherzigkeit Gottes, die bekehren und retten will, und von einer Allmacht nur, sofern sie den Widerspenstigen entgegenzutreten weiß.
Wenn nämlich Gott Menschen oder sonst vernünftige Wesen mit freiem Willen geschaffen hat, so hat Er eben damit etwas von Seinem Allmachtswillen abgegeben. Er läßt sich's, oder muß sich's gleichsam gefallen lassen, daß die Menschen als freie Wesen auch wider Seinen Willen sich stellen. Er kann nicht augenblicklich mit Seiner Allmacht drein greifen, daß die Menschen ja nicht sündigen. Wenn man so viel auf die Allmacht Gottes setzt, so hätte eigentlich gar keine Sünde aufkommen können; denn die Sünde ist ja das, was Gott am Wenigsten will. Um daher der Allmacht Gottes ihr volles Recht zu lassen, haben Viele sogar ein System gemacht, nach welchem Gott soll die Sünde gewollt haben und gar der Urheber der Sünde sein, weil ja, sagen sie, ohne Seinen Willen auch die Sünde nicht habe werden können, und Sein Wille entscheide. Wir sehen aber leicht, wie Solches Alles zusammen verwirrt; und wie damit am Ende auch aus der Erlösung ein Mechanismus, oder ein Spiel gemacht wird, das Gott mit den Menschen treibt, wenn Er sie sündigen macht, und dann durch Seine Allmacht wieder erlöst, das setze ich hier nicht auseinander. Es steht in vollkommenem Widerspruch mit aller Sprache der Schrift.
Gott nun hat dem Menschen so sehr die Freiheit gegeben, Gutes oder Böses zu tun, daß Er es selbst darauf ankommen läßt, wie weit sie greifen würden, ohne mit gebieterischer Strenge ihnen das Böse zu wehren. Er will, daß sie von innen heraus, nicht zwangsweise, das Gute tun oder Folgsamkeit beweisen. So war's schon im Paradies. Da hatte Gott ein Verbot gegeben. Dabei ließ Er's bewenden. Er hat's nachdrücklich den Eltern gesagt; und vielleicht, wenn Er oder Sein Engel allabendlich sie besuchte (1 Mos. 3, 8), wurde jedes Mal vor dem Baum des Erkenntnisses gewarnt. Mehr aber tat Gott nicht. Als daher die Menschen Gelüste bekamen, zu dem Baum wenigstens hinzuzutreten, zupfte sie Gott nicht gleichsam ängstlich mit den Worten: "Bleibet doch weg!" Als sie ferner die Frucht anrührten, was bereits ihnen verboten war, wehrte Er's nicht; und wider die Schlange trat Er auch nicht mit Seiner Allmacht auf, (auch mit den Teufelswesen will Gott nicht ohne Weiteres, wenn die Menschen sich mit ihnen einlassen, mit Seiner Allmacht handeln). Das Gewissen zu Gott, das ihnen eingepflanzt war, das hätte sie vom Genuß der Frucht abschrecken sollen; und ob sie das Gewissen stark genug reden ließen, darauf kam es an. Offenbar regte sich ihr Gewissen, wenn sie zu der Schlange sagten: "Gott hat uns verboten;" aber daß sie sich's von der Schlange verschwatzen ließen, gar mit der Hoffnung, selbst wie Gott zu werden, das war ihre Sünde und Geringschätzung des Gottes, dessen Stimme ihnen über Alles, auch über die Stimme des Verführers, hätte gehen sollen.
So kam denn der Fall. Hätte nun Gott sogleich mit Seiner Allmacht auftreten, oder den Eltern mit Gewalt es nehmen sollen, sein zu wollen, wie Er? Hätte Er auch, was der Sündenfall sonst übles machte, weil mit ihm durch die Frucht eine Verderbnis bis in den Tod hinein erfolgt war, durch Seine Allmacht wieder gut machen sollen, damit ja doch gewiß alle künftigen Menschen nach Seinem Willen möchten selig werden? Das tat Er nicht, und konnte Er auch nicht tun, wenn Er etwa auch durch Seine Allmacht dem augenblicklichen Tode wehrte; und schon das Fortbestehen der Sünde, ja deren Fortwuchern bis ins Gräulichste hinein zeigt, daß Gott nicht mit Seiner Allmacht dem Menschen helfen will, weil das keine Hilfe wäre, die für die Folgezeit die Menschen vor der Sünde sicher stellte, und weil es auch gegen die Heiligkeit Gottes stritte. Der Mensch hat es nun einmal verfehlt, und dabei bleibt's; und wenn auch Gott vermöge Seiner Allmacht Vieles tut, um es nicht mit den Menschen durch die Sünde gar aus werden zu lassen, so hat Er doch nie mit Gewalt bekehrt, und nur etwa Mittel und Wege ihnen geschaffen, sich zu bekehren, abermals nur, wenn sie wollten, damit Seine Barmherzigkeit eintreten könne, die allein helfen soll. Barmherzigkeit ist der einzige Weg, auf welchem Gott die Menschen zurückführen kann, weil da auch der Mensch mit Buße, Bitten und Flehen in Anspruch genommen wird, also mit dem inwendigen Menschen Gott sich nähert. Zuletzt wurde es freilich so mit den Menschen, daß auch zur Buße oder Sinnesänderung ihnen keine Kraft blieb; und da hat der Vater der Barmherzigkeit Jesum, Seinen Sohn, gesandt, um durch Ihn eine Erlösung möglich zu machen, die Allen, die an Ihn sich gläubig hielten, offen stehen sollte.
Zur Bewerkstelligung der Erlösung muß freilich der durch und durch satanisch verderbte und verstrickte Mensch von allen Banden der Finsternis befreit werden; und dazu braucht's neben der Barmherzigkeit auch eine Allmacht Gottes, die den Bußfertigen und Gläubigen durch Christum, dem sie, als dem für Alle geopferten Menschensohn, von Gott gegeben ist, zu gut kommen soll. Wenn aber Gott erlöst von den Banden der Finsternis, und zuletzt alle ohne Unterschied wieder frei stellt, so kommt's doch wieder darauf an, ob fortan wirklich der Mensch des Herrn sein will, oder nicht. Will er nicht, so zwingt ihn Gott nicht. Gott kann nur Seinen Willen aussprechen, Alle selig zu wissen; aber unser freier Wille darf nicht Not leiden. So kommt's, daß die Schrift, trotz des Willens Gottes zur Seligkeit Aller, auch von einer Verdammnis redet, welche die widerspenstig Bleibenden trifft. Daher denn auch die Schafe und Böcke, das ewige Leben und die Verdammnis. Wo die Barmherzigkeit den Willen des Menschen nicht überwältigt, macht's nimmermehr die Allmacht. Bis dran hin geht diese; aber nur die den Sünder erhörende Barmherzigkeit rettet. So finden wir's geschrieben; und dabei wollen wir's ohne weiteres Grübeln belassen, sei's auch, daß da der freie Wille des Menschen sich möglicherweise über den Willen Gottes stellt, dieser also, freien Menschen gegenüber, die Gott geschaffen, nicht in seiner vollen Absolutheit mehr da steht. Was übrigens jenseits der Offenbarung liegt, ist uns verborgen. Gott aber bleibt Gott, und bleibt auch der allmächtige Gott, mag's mit den Kreaturen zum Leben oder zum Tod gehen.
127) Melchisedek.
Frage: "Es ist in der heiligen Schrift, und besonders viel im Hebräerbriefe, die Rede von einem Melchisedek, daß Christus ein Priester sei, nach der Ordnung Melchisedeks. Bei dieser hohen Bedeutung ist es doch ausfallend, daß uns nichts Weiteres über die Person berichtet ist, als daß er nach 1 Mos. 14 König zu Salem gewesen sei. Dächsel sagt: ""Melchisedek steht noch im alten noachischen Bunde mit universalistischer Grundlage, während Abraham bereits in einem Bunde mit partikularistischer Grundlage stände."" Da mir das nicht genügend zum Verständnis ist, möchte ich Sie bitten, in Ihren Blättern, wenn möglich, eine umständlichere Erklärung zu geben."
Antwort. Gerne will ich es versuchen, mich über den Melchisedek der Schrift auszusprechen, da ich weiß, daß Vielen ein Gefallen damit geschieht, welchen die Erscheinung des Melchisedek und die Auslegung im Hebräerbrief rätselhaft ist. Es sind früher sogar Viele auf den Gedanken gekommen, ob nicht Melchisedek ein höheres, als menschliches Wesen gewesen sei, gar das Wort selbst, das in Christo Mensch geworden, so daß er kein eigentlicher Mensch, sondern eine göttliche Erscheinung war. Von solcherlei Gedanken aber hat man sich durchaus frei zu erhalten, da man mit ihnen nur in noch größere Verwicklungen kommt, während im Grunde doch Alles gar leicht und einfach sich verstehen läßt.
Von Melchisedek ist geschichtlich in der Schrift nur in drei Versen die Rede, welche 1 Mos. 14, 18-20 stehen. Abraham hatte die Gefangenen Sodoms, welche ein assyrischer Fürst durch einen Überfall weggeschleppt hatte, mit all ihrer Habe wiedergebracht, indem er es wagte, mit dem Gesinde seines Hauses den Feinden nachzujagen. Er wurde nun feierlich vom Könige in Sodom empfangen; und hiebei erschien auch Melchisedek, der König von Salem, um an der allgemeinen Freude teilzunehmen; und er bezeigte sich mit einer priesterlichen Hoheit. Ich setze den Lesern zu lieb die drei Verse, die von ihm reden, her.
v. 18. "Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein hervor. Und er war ein Priester Gottes, des Höchsten." - v. 19. "Und segnete ihn, und sprach: Gesegnet seist du, Abram, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzt." - v. 20. "Und gelobet sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand beschlossen hat. Und demselben gab Abram den Zehenten von Allerlei."
Weiteres ist nirgends von Melchisedek gesagt. Er bekommt aber eine besondere, bildliche Bedeutung durch den 110. Psalm, der mit den Worten anfängt:
Psalm 110, 1. "Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege."
Der Psalm redet offenbar von dem verheißenen Christus; und wenn David sagt: "Der Herr sprach zu meinem Herrn," so versteht er unter diesem seinem Herrn seinen ihm verheißenen Sohn in der Zukunft, den er selbst aus Ehrfurcht, oder ahnend, daß Er mehr als sein Sohn sein werde (s. Matth. 22, 45), seinen Herrn nennt. Der Psalm versetzt auch den Leser in die Verherrlichung dieses Christus, zu der Er als Auferstandener, der Geschichte zufolge, nach dem Kreuzestode gekommen ist. Nach Seinem Siege (v. 3) am Kreuze wird er zur Rechten Gottes erhöht, um in der Unsichtbarkeit über Seine Feinde zu herrschen, bis Er sie wird unter sich gebracht haben, von Zion, wie es heißt (v. 2), ausgehend. "Sein Volk" (auf Erden), d. h. die an Ihn gläubig gewordene Schar, "wird Ihm willig opfern in heiligem Schmuck," d. h. angetan mit den Kräften des heiligen Geistes, und vermittelst der Macht des zur Rechten Gottes Sitzenden die Unterwerfung der Feinde ausrichten, so daß ihrem Herrn "Kinder geboren werden, wie der Tau aus der Morgenröte". Diesen Kindern, müssen wir hereindenken, wird der zur Rechten Gottes Sitzende ein Heiland und Erretter von aller Sünde, ein Versöhner mit Gott, ein Erlöser von allem Übel, mit Einem Worte ein Seligmacher. Für solches Alles aber muß Er selbst, der zur Rechten Gottes erhöhete König, auch Priester, mit der Bedeutung eines Hohenpriesters sein, der Seine Kinder, d. h. Alles, was Er sich unterwirft, priesterlich bei Gott vertritt; und das sagt nun auch der Psalm, mit den außerordentlich feierlichen Worten:
v. 4. "Der Herr hat geschworen, und wird Ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedeks," (d. h. in derselben Weise, wie Melchisedek, der ein König und Priester war).
Es ist dies die einzige Stelle, in welcher der verheißene Messias, der sonst ein König sein sollte, als der zukünftige Hohepriester angekündigt wird. Begreiflich aber sollte das Hohepriestertum, zu welchem Er berufen wird, ein anderes werden, als das Gewöhnliche aus dem Hause Aaron für Israel. Von diesem, das ein irdisches war, unterschied es sich schon als ein himmlisches, weil Er ja zur Rechten Gottes sitzt; und weil's ein himmlisches sein sollte, bekam es eine Bedeutung für's Jenseils des Menschen, welche das aaronitische nicht gehabt hatte. Weil aber doch, wenn von einem Hohenpriestertum die Rede war, die Juden auf das aaronitische gerichtet waren, so sollte ihnen durch die Verheißung nahe gelegt werden, daß sie für die Bedürfnisse nach dem ewigen Leben nicht an das aaronitische ferner sich zu halten hätten, sondern daß dafür ein anderes, als das aaronitische würde eingerichtet werden; und weil die Bedeutung dieses neuen Hohenpriestertums über dieses Leben hinausgeht, während das aaronitische dafür nichts bieten konnte, so lag nahe, daß das aaronitische eigentlich würde überflüssig werden, indem jenes doch auch wieder seine Wirkungen im Diesseits hat, sofern es Versicherungen für's Jenseits geben soll, so daß es Alles, was das aaronitische hat, mit einschließen würde. Die Weissagung mußte mit Einem Worte den nach Erlösung Harrenden nahe legen, was sie durch Christum zu erwarten hätten, nämlich ein anderes Hohepriestertum, als das bisherige, daß sie also von Letzterem nicht ihr wahres und ewiges Heil erwarten dürften, vielmehr an eine Aufhebung des Bisherigen zu denken hätten. Dies geschieht damit, daß die Weissagung den verheißenen Christus einen Priester "nach der Weise Melchisedeks" nennt, im Gegensatz zum Bisherigen. Der Ausdruck will besagen, daß Christus würde König und Priester zugleich sein, und so sehr Priester, daß der bisherige von ihm ganz überschattet werde, und eigentlich nichts mehr zu bedeuten habe.
Ein völlig Neues soll es mit dem Priestertum werden, wie, was man in Vergleichung bringen kann, mit dem Bund überhaupt, den Gott mit Israel geschlossen hatte. Denn nach Jeremias (31, 31 ff.) will Gott einen neuen Bund machen mit Israel, ausdrücklich nicht, wie der bisherige Bund gewesen ist, da die Gebote auf Tafeln geschrieben waren; sondern es soll ein Bund sein, bei dem Gott Sein Gesetz in die Herzen schreiben würde. Hiemit wurde eine durchgreifende Veränderung des neuen Bundes in Aussicht gestellt. Gerade das Schreiben aber der Gebote in die Herzen geschieht, wie wir wissen, durch das neue Priestertum, durch welches der Geist Gottes, zur Versieglung der Vergebung der Sünden auch für's Jenseits (vergl. Jer. 31, 34), den Gläubigen übermittelt wird. Damit nun recht klar werde, wie Christus ein anderer und neuer Priester sein werde, wie es der bisherige nicht war, wird Er in der Verheißung ein Priester genannt "nach der Weise Melchisedeks."
So seltsam auf den ersten Augenblick dieser Ausdruck den Israeliten, die den Psalm hörten, sein mußte, so begreiflich und treffend ist doch die Vergleichung mit Melchisedek, oder das Vorbild, das dieser sein sollte, wenn das neue Priestertum überhaupt mit einem kurzen Worte bezeichnet werden sollte; und die Weissagung hüllt gerne, was sie sagt, in Verblümungen und Dunkelheiten ein. Melchisedek nämlich ist der einzige Priester Gottes, des Höchsten, dessen im Alten Testamente gedacht wird, und zwar vor den aaronitischen Priestern. Alle anderen Priester, deren die Schrift gedenkt, waren heidnische, die zu keinem Vorbild dienen konnten. Jedenfalls mußte der vorbildliche Priester ein Priester Gottes, des Höchsten, sein; und das war Melchisedek nach der Schrift, welche sein Bekenntnis anführt, mochte nun viel oder wenig an seinem eigentlichen Wert als Gottespriester sein. Möglicherweise war Melchisedek nichts Besonderes, vielleicht in seiner Weise so verstrickt, als andere Heiden. Aber er gebärdete sich als ein Priester Gottes, des Höchsten; und Moses nennt ihn so. Das war genug, wenn noch Anderes an ihm zu einem Vorbild dienen konnte, um ihn zum Vorbild des kommenden Priesters zu nehmen.
Das Nächste, wodurch Melchisedek zu einem Vorbild sich eignete, war, wie schon bemerkt, daß er König und Priester zugleich war, wie es Christus werden sollte. Ein Israelite hatte den eigentlichen Priester Gottes, der die Sache der Menschheit für die Ewigkeit verwalten sollte, nicht in einem aaronitischen Priester zu suchen, sondern in seinem verheißenen Könige selbst, der sein Leben für die Welt lassen und ihr, als zur Rechten Gottes sitzend, durch seine Fürbitte die Begnadigung und das zukünftige Leben bei Gott verschaffen würde. So viel konnte jeder Israelite leicht sich denken; und wenn die eigentliche Gnade Gottes durch das Blut des ihm geschenkten Messias zu erwarten war, konnte er leicht von seinem bisherigen Priester absehen, der nichts Weiteres vermochte, als für diese Zeit eine Begnadigung auszuwirken, daß nämlich das Volk trotz seiner Sünden fortbestehen dürfte, ohne damit eine Zusicherung einer völligen Vergebung in alle Ewigkeit geben zu können.
Noch Anderes kann man als Vorbild finden. Melchisedek bedeutet König der Gerechtigkeit, und Salem, wo er regierte, Frieden. Demgemäß ist vorgebildet, daß Christus würde ein König sein, der durch Gerechtigkeit ein Friedensreich aufrichte. Nebenbei kann man auch Brot und Wein, das Melchisedek hervorträgt, auf das heil. Abendmahl wichtig nehmen, vermittelst dessen sich Christus, als durch eine priesterliche Verrichtung, seinen Reichsgenossen persönlich mitteilen werde. Melchisedek heißt Priester Gottes, des Höchsten, von dem er sagt, daß Er Himmel und Erde besitze, d. h. im Himmel und auf Erden walte. Er erkennt damit den einigen Gott an, wie das in der ältesten Zeit je und je vorkam, und allerdings aus Noah's Zeit ererbt erscheint. Daß aber seine Begriffe von Gott durchaus recht waren, läßt sich nicht gerade erkennen. Ein höheres Bekenntnis von Gott ist jedenfalls das, daß er Himmel und Erde gemacht habe, obwohl jetzt Abram dem Melchisedek nachspricht. Auch ob Melchisedek wirklich in einem priesterlichen Verhältnis zu Gott stand, wie Abraham, ist nicht angedeutet. Sein Priestertum kann ein selbstgemachtes gewesen sein, nicht angeregt durch göttliche Offenbarungen. Wenn er Abraham segnet, tat er's wohl, mit besonderem Selbstgefühl sich über Abraham hinaufstellend; und dieser läßt ihm die Würde, ihm für den Segen die Gabe des Zehenten darreichend. Wie dem auch sei, so erscheint dennoch Alles, wie es geschrieben steht, als ein entsprechendes Vorbild auf Christum, bei dem es auf den eigentlichen Wert des Melchisedek gar nicht ankommt. Den Segen betreffend, so ist nicht zu übersehen, daß Melchisedek damit vorbildlich nicht nur den Abraham segnete, sondern auch seine ganze Nachkommenschaft, wiederum nicht nur diese, sondern auch alle Geschlechter der Erde, die durch Abrahams Samen gesegnet werden sollten. Melchisedek steht vorbildlich als der da, der den ersten Segen, den Abraham empfing, zur Verwirklichung bringt, wie das durch Christum, den er vorbildet, werden soll. Solches Alles ist man der Geschichte, als einem Vorbilde auf Christum, zu entnehmen berechtigt, wenn im Psalmen, sogar mit einem Eidschwur, den Gott tut, Christus ein Priester genannt wird "nach der Weise Melchisedeks."
Daß Melchisedek als eine geheimnisvolle oder auffallende Erscheinung in der Geschichte da steht, ist gerade das, was ihn zu einem Vorbild eignet. Wenn mehr von ihm gesagt wäre, könnte man kein gleich gewichtiges Vorbild in ihm finden, weil dann manche Züge mit gegeben werden müßten, welche die tiefere Bedeutung des Vorbilds gestört hätten. Deswegen kann der Hebräerbrief in seiner Auslegung, wie wir später finden werden, bedeutungsvoll auch das nehmen, was verschwiegen wurde. Nur so viel konnte gesagt werden, was zum Vorbild nötig und wichtig war; und daraus geht auch hervor, daß man ganz und gar nicht berechtigt ist, aus der wirklichen Person des Melchisedek etwas Besonderes zu machen.
Gerne habe ich im Bisherigen zuerst die Stellen in Moses und im Psalmen für sich allein, ohne den Hebräerbrief beizuziehen, betrachtet und mit einander verglichen, weil eben der Hebräerbrief Vielen ein Anlaß geworden ist, in der Person des Melchisedek selbst eine geheimnisvolle zu finden, ohne genügenden Grund zu haben. Nehmen wir aber jetzt den Hebräerbrief besonders zur Hand.
Der Hebräerbrief ist an Judenchristen gerichtet, welche die Anfechtung hatten, daß ihnen der Hohepriester Israels nichts mehr sein solle; und darunter dachten sie sogar an eine Rückkehr in's Judentum, meinend, dieses sei ja doch von Gott angeordnet worden, daß also, es zu verlassen, auch unrecht sein könnte vor Gott. Insbesondere vermißten sie im Neuen Bunde nach ihrem Gemüte den Hohenpriester mit den Opfern. Da hat nun der Hebräerbrief bereits ihnen gesagt, sie sollen des Apostels und Hohenpriesters, Christi Jesu, wahrnehmen (3, 1). Er findet also Beides in Christo Jesu repräsentiert, den Moses als Apostel, und den Aaron als Hohenpriester. Er weist sodann nach, daß Christus als Apostel höher stehe, als Moses, weil Er der Sohn, nicht, wie dieser, der Knecht, im Hause Gottes sei, (3, 2-6). Ebenso weist er es nach (5, 14-6, 10), daß Christus auch als Hoherpriester größer sei, als Aaron, wobei er bereits die Psalmstelle benützt, nach welcher Christus soll ewiglich Priester sein, nach der Ordnung (Weise) Melchisedeks. Über Letzteres aber gibt er noch (Kap. 7) eine eingehende Auslegung, welche darauf hinausläuft, daß nach der Psalmstelle nicht nur ein neues Priestertum mit angedeutetem eigentümlichem Character für den Neuen Bund, der ja auch durch Jeremias verheißen sei (Kap. 8), aufkommen, sondern eben damit auch das alte abgetan werden solle, daß also die Judenchristen irrig daran seien, wenn sie meinten, wider Gott zu handeln, weil sie das alte Priestertum verlassen hätten, da sie ja gerade so der Verheißung, also auch dem Willen Gottes gemäß handelten.
In der Auslegung nun geht der Hebräerbrief weiter, als wir bisher gegangen sind, indem er in der Stelle bei Moses auch ein Vorbild der höheren Persönlichkeit Jesu, oder des göttlich Persönlichen fand, das in Christo Jesu erschienen ist. Er sagt:
Hebr. 7, 1. "Dieser Melchisedek aber war ein König zu Salem, ein Priester Gottes, des Allerhöchsten, der Abraham entgegenging, da er von der Könige Schlacht wiederkam, und segnete ihn." - v. 2. "Welchem auch Abraham gab den Zehenten aller Güter. Auf's erst wird er verdolmetscht ein König der Gerechtigkeit; darnach aber ist er auch ein König Salem, das ist, König des Friedens." - v. 3. Ohn Vater, ohn Mutter, ohn Geschlecht, und hat weder Anfang der Tage, noch Ende des Lebens. Er ist aber vergleicht dem Sohne Gottes, und bleibet Priester in Ewigkeit."
Neu und eigentümlich in dieser Auslegung ist das, daß in der Stelle bei Moses Melchisedek auch als Vorbild dessen gefunden werden kann, daß Christus göttlicher Abkunft, oder in Ihm ein Persönliches aus Gott sein werde, das von Ewigkeit ist, weil es Gott ist, dem entsprechend, was Johannes in seinem Evangelium (1, 1 ff.) vom Wort sagt, das im Anfang bei Gott war, und Gott war. Zur Gottheit gehört vornehmlich die Ewigkeit des Seins. Der Mensch hat einen Anfang, Gott nicht. Der Mensch hat ein Ende, des irdischen Lebens wenigstens, also mit seinem Sein auf Erden, während Gott mit Seinem Sein im Himmel kein Ende hat. Der Mensch ist aus einem Geschlecht entsprossen, Gott nicht. Der Mensch hat Vater und Mutter, Gott nicht. Nun ist in Moses bei den Urvätern vor Noah, und bei den Altvätern nach Noah, ferner bei den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, wie auch bei Ismael und Esau, besonders bei dem ersten Hohenpriester, Vater und Geschlecht, auch Zahl der Lebensjahre, die sie gelebt haben, angegeben. Von Melchisedek aber, bei dem ein Näheres über sein Geschlecht erwartet werden konnte, wenn ein Hoherpriester nach seiner Weise aufkommen sollte, ist gar nichts gesagt, als daß er gelebt habe (Hebr. 7, 8). Weder seine Geburt, noch sein Geschlecht, noch sein Tod ist angezeigt. Das Alles hat Moses verschwiegen; und dieses Stillschweigen über die Geschlechtsverhältnisse des Melchisedek hat man, nach der Auslegung des Hebräerbriefs, auch wichtig zu nehmen, als habe der Geist der Weissagung damit angezeigt, wie man Melchisedek auch als ein Vorbild des in Christo gekommenen Persönlichen aus Gott zu nehmen habe, das wirklich, was bei Melchisedek nur verschwiegen ist, weder Geschlecht, noch Eltern, noch Anfang der Tage, noch Ende des Lebens habe. So meine es die Verheißung, welche sage, der kommende König und Heiland solle ein Priester ewiglich sein nach der Ordnung Melchisedels, d. h. nach der Weise, wie von Melchisedek nichts, was zu seiner irdischen Abkunft oder seinem irdischen Geschlecht gehört, bekannt sei. Das Stillschweigen Mosis eignete sich ganz dazu, eine Ahnung von dem zu geben, was Christus nach Seinem Wesen sein würde. Auch wenn die Verheißung sagt, Christus werde ewiglich Priester sein, findet das der Hebräerbrief in dem vorgebildet, daß von Melchisedeks Tod nichts gesagt ist, er also gleichsam "bleibet Priester in Ewigkeit" (Hebr. 7, 3). Dieses sein scheinbares Bleiben, ist ein wirkliches bei Christus nach der Verheißung, also ein auf Ihn vorgebildetes. Mit dem Allem aber will der Hebräerbrief nichts über die eigentliche Person des geschichtlichen Melchisedek sagen. Der ist nur Vorbild mit dem, was bei Mose von ihm gesagt ist, und mit dem, was von ihm verschwiegen wird. Er selbst hat Vater und Mutter, kommt aus einem Geschlechte her, hat auch Anfang der Tage und Ende des Lebens; aber das, daß es nicht angezeigt ist, läßt ihn ein Vorbild auf den sein, der es Alles nicht hat, als Gott, der von Ewigkeit bei Gott war.
Sonst wird noch im Hebräerbrief bis auf's Kleinste hinaus die ganze Stelle in Mose zu einem Vorbild Melchisedeks auf Christum erschöpft, weil dazu die Verheißung im Psalmen berechtigt, welche ja auch eine überaus feierliche Erklärung Gottes ist, wenn es heißt: "Der Herr hat geschworen, und wird Ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester in Ewigkeit, nach der Weise Melchisedeks." Der Hebräerbrief zeigt uns dabei, wie wichtig wir es überhaupt mit Verheißungen, die aus dem Munde Gottes gekommen sind, zu nehmen haben. Wie vom Gesetz, so darf auch von den Propheten, wie der Heiland sagt (Matth. 5, 17-19), "nicht zergehen der kleinste Buchstab, noch ein Titel, bis daß es Alles geschehe;" und "wer auch von den kleinsten Aussprüchen Gottes in den Propheten etwas auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich." Wie wichtig sollte man dieses in unsrer Zeit nehmen, da wir wohl nahe daran sind, die Erfüllung alles dessen, was auch durch die Propheten verkündigt und noch nicht erfüllt ist, durch Christum allmählich kommen zu sehen!
Nach jenem Vorbild nun, wie der Hebräerbrief weiter ausführt, erscheint Christus größer als Abraham, weil dieser dem Melchisedek den Zehnten gibt, den er ihm gibt, weil derselbe sich in ein gar großes Ansehen als Priester Gottes, des Allerhöchsten, zu setzen gewußt hatte, und so auch ein Abraham, der's ihm Stillen reeller war, ihm nachstehen mußte. Aber gegeben wird nun einmal der Zehnten, wie auch Melchisedel den Abraham segnet; und mit Beidem ist das Vorbild gegeben, daß der nach der Verheißung im Psalmen kommende Priester größer sein werde, als selbst Abraham. Hervorgehoben wird ferner, daß durch Abraham auch der Stamm Levi, der von ihm kam, und der später den Zehenten vom Volke erhielt, mit verzehentet wurde. Ferner wird gesagt, die verheißene Veränderung des Priestertums habe auch die Veränderung des Gesetzes, daß von Aaron der Priester abstammen müsse, zur Folge. Ja dieses Gesetz wird durch die Verheißung geradezu aufgehoben. Wie ernst es aber damit Gott gemeint habe, daß also kein Israelite Bedenken haben dürfe, wenn er den bisherigen Hohenpriester gegen den neuen aufgebe, zeigt der Eidschwur Gottes, mit dem Er den neuen Priester verhieß. Weil dieser ferner ewiglich bleibe, also immerdar lebe, wird gezeigt, welch großer Vorzug das doch sei, daß hinfort durch einen einigen Priester, der nimmer in Abgang komme, um durch einen andern ersetzt zu werden, alle Vermittlung mit Gott besorgt werde. Wie wichtig das sei, führt der Hebräerbrief besonders aus (7, 22-28). Über Alles, fährt er im Weiteren fort (Kap. 8), dürfe man sich nicht wundern, weil ja überhaupt ein neuer Bund, wie in Jeremias verheißen sei, statt des alten habe kommen müssen. Der Hebräerbrief schließt mit den Worten: "Indem er saget: Ein Neues, machet Er das Erste alt. Was aber alt und überjahret ist, das ist nahe bei seinem Ende." Damit hatten die Judenchristen, die Miene machten, zum Alten zurückzukehren, eine genügende Unterweisung, wenn diese gar anzeigt, daß es bald mit dem bisherigen Priestertum ganz zu Ende gehen werde, wie durch die etwa ein Jahrzehnt später erfolgte Zerstörung Jerusalems wirklich geschah.
Auch der Fragesteller (Nr. 39, III, 127) mag mit dieser Auseinandersetzung genügende Auskunft haben.
128) Von Gelübden.
Frage. "Warum hält der liebe Gott im Alten Testamente so fest daran (4 Mos. 30), daß man das, was man gelobt, auch halten müsse, sogar, wenn es einem unbedacht entfahren sei, und so, daß der Vater oder der Ehemann, wenn sie davon entbinden, doch die Missetat tragen sollen (v. 16). Kommt es nicht, möchte man fast sagen, wie eine Härte heraus, daß solche Dinge den Menschen so zur Last gemacht werden, wo es doch im Halten der Gebote schon genug im Leben zu verleugnen und zu halten gibt, besonders wenn sie im tieferen Sinn, wie wir sie nach des Heilands Anweisung kennen, aufgenommen werden? Fällt im Neuen Bunde alles derartig Bindende weg? Und wie soll man's überhaupt mit Dingen halten, die man oft sogar vielleicht im Unwillen versprochen, nie mehr zu tun, und die man dann doch wieder tun möchte? Das hat so etwas Bedrückendes, daß ich sehr froh wäre, wenn Sie es nicht für unwert hielten in den Blättern zu besprechen. Es handelt sich natürlich da oft um Dinge, die nicht an sich Sünde sind."
Antwort. Vor Allem möchte ich die Fragestellerin bitten, daß sie doch Gebote der Schrift möchte recht lesen und nach ihrem ganzen Wortlaut ansehen lernen, ehe sie sich durch dieselben ängstlich machen läßt, und ob ihnen sich beunruhigt und quält. So setzt sie nach ihrem Brief voraus, es heiße in Mose nur (v. 3): "Wenn Jemand gelobt," während es doch heißt: "Wenn Jemand dem Herrn ein Gelübde tut, oder einen Eid schwöret, daß er seine Seele verbindet." Damit ist doch etwas ganz Anderes gesagt, als wenn es bloß hieße: "Wenn Jemand gelobt." Letzteres läßt alle möglichen Auslegungen und Anwendungen zu; und wenn man auf alle diese Anwendungen das ernste Wort des Herrn sich bezogen denkt so kann man freilich in große Bewegungen, Sorgen, Kämpfe, Bedrückungen kommen, die man sich ganz ersparen könnte, wenn man einfach das Wort nehmen würde, wie es da steht.
Bei Mose ist nämlich von Gelübden die Rede, die man dem Herrn tut, also von Gelübden, die einen eidlichen Character haben, sofern man Gottes Name nachdrucksvoll mit in's Spiel bringt. Damit "verbindet der Mensch seine Seele," oder, wie es auch heißt (v. 8), "verbindet er sich über seine Seele," d. h. auf sein Leben, an welchem Gott es bestrafen soll, wenn er das Gelübde nicht hielte. Hatte nun Jemand in Israel auf den Namen des Herrn (Jehova), den zur Rache an ihm anrufend, wenn er wortbrüchig würde, ein Gelübde getan, so erforderte es die Ehre Gottes, oder die Achtung vor Ihm, daß das nicht ohne Weiteres nichts sein sollte, ob mit voller Absicht, oder übereilt und unbedachtsam, oder im Affekt geschehen. Jeder Israelite sollte Respekt vor dem Namen seines Gottes haben und den nicht zu leichtfertigen, oder nichts geltenden Eidschwüren mißbrauchen, namentlich in Gegenwart Anderer, wer die nun seien. Tat er's dennoch, so hat er sich verbunden, oder gebunden, hat er seine Seele oder sein Leben dran gesetzt, und kann er sich selbst nicht wieder los machen. Gott nimmt ihn beim Wort, um der Ehre Seines Namens willen. Schon das bloße Aussprechen eines eidlichen Gelübdes sollte diesem eine Giltigkeit geben; und es konnte dasselbe weder zurückgenommen, noch in der Folge nach Belieben für ungiltig erklärt werden. Zur Aufhebung des Gelübdes brauchte es mindestens eine priesterliche Absolution durch Opfer, die darzubringen waren (s. 3 Mos. 4 u. 5).
War's nun eine Weibsperson, die das Gelübde tat, - Mose bespricht das ausführlich, weil ihr wohl schneller ein unbedachtsames Wort entfahren konnte, - so fragte es sich, ob sie noch als ledig beim Vater war, oder als verheiratet einen Mann hatte. In beiden Fällen war sie nicht völlig ihrer selbst, sondern entweder ihres Vaters, oder ihres Mannes. Sie konnte also nicht, so zu sagen, ihr Leben dran setzen, wie das bei einem Gelübde geschah, weil der Vater oder der Mann ein Recht daran hatte. Deswegen konnten Beide den Eid, und somit auch das eidliche Gelöbnis, ungiltig machen. Das Gesetz aber erforderte, daß das noch am gleichen Tage geschah, an welchem der Eid zu den Ohren des Einen oder des Andern kam. Schwieg der Betreffende dazu, so galt's, als hätte er seine Einwilligung dazu gegeben; und das erforderte wieder die Ehre Gottes, daß, wenn an eine Aufhebung gedacht wurde, mit ihr nicht säumig verfahren werde. Der Eid und das Gelübde blieb also giltig, wenn der andere Tag kam. Übrigens erforderte auch die Aufhebung Umstände; und abgemacht war's damit noch nicht, wenn der Vater oder Mann erklärten, daß sie's nicht gelten lassen. Vielmehr nahmen sie mit ihrer Erklärung die Missetat auf sich, die da war, wenn ohne Weiteres nun der Eid nicht gehalten wurde. Sie mußten, statt der Tochter oder des Weibes, das vor den Priestern Erforderliche tun, um den Eifer Gottes über den Mißbrauch Seines Namens nicht zu wecken. Dies der Sinn des Worts (v. 16): "So soll er die Missetat tragen."
So ist's mit den eidlichen Gelöbnissen zu nehmen, über welche Mose redete. Die Gelöbnisse bezogen sich meist auf gewisse Versprechungen, zu denen der Gelobende sich verpflichtete, etwa an den Herrn in dem Tempel, oder an Arme, oder sonst wohin, so und so viel geben zu wollen, wenn dieses oder jenes geschehe oder nicht geschehe, ferner eine Zeit lang sich Entbehrungen durch Fasten aufzulegen, und dergleichen. Veranlassungen zu Gelübden in einem Leben, da man durch Befürchtungen, Sorgen, oder Hoffnungen und Wünschen vielfältig umgetrieben wird, konnte man Viele finden; und mitunter waren sie nicht gerade unschuldiger Art. So war's, wenn jene Juden, mehr denn vierzig, ein Gelübde taten, und sich hart verbanneten, nichts essen und trinken zu wollen, als bis sie Paulum getötet hätten, ein Gelübde, welches selbst die Hohenpriester recht fanden, weil es ein Eifern um Gott zu sein schien (Apost. 23, 12-14). Auch des Eidschwurs, den Herodes der Tochter der Herodias tat, als sie vor ihm tanzte, ihr gelobend, zu geben, was sie wolle, bis an die Hälfte seines Königreichs hin, da sie dann das Haupt Johannis forderte, gehört hieher. Solcherlei Gelübde sind in sich schon Sünde, noch mehr im Halten derselben, und mußten einst durch Sündopfer vor dem Herrn ausgesöhnt werden, wenn überhaupt Aussöhnung möglich war.
Die Fragestellerin wird aus dem Allem sehen, daß die Beängstigungen, die sie um der Gebote Mosis willen sich macht, völlig grundlos sind. Bei ihr sind's keine eidliche Gelübde, die sie tut; denn wenn das, so wär's ja schnurgerade wider das Wort des Herrn Jesu: "Ihr sollt allerdinge nicht schwören." Bei uns soll Alles mit Ja oder Nein abgemacht werden; denn, "was darüber ist," sagt der Herr, "ist vom Übel." Von förmlichen Gelübden sollte bei uns gar nie die Rede sein; und werden sie gemacht, wie wenn Jemand dem Herrn geloben will, sich nicht zu verehelichen, sich unter allen Umständen etwas für immer zu versagen, wenn nicht sonst vernünftige Gründe zu festem Entschluß vorliegen, so sind sie doppelt unrecht, einmal weil sie einen eidlichen Character an sich tragen, den sie nie haben sollten, sodann weil man dem Herrn oft wider Sein Gebot etwas gelobt. Geloben ferner, daß man diese oder jene Sünde nicht mehr tun wolle, wenn's wie eidlich geschieht, ist gleichfalls unrecht; denn wer kann auf sein Vermögen hin eidlich sich verbinden? Tut man's, wie wenn man sich damit stärken wollte, in welch großes Gedränge kann man kommen, wenn dennoch Schwachheit überwiegt? In Allem müssen wir bittend, nicht schwörend vor dem Herrn stehen. Bei Versprechungen oder Vorsätzen, die der Christ faßt, so weit sie nichts das Gewissen Berührendes enthalten, soll jeder Christ, obwohl immerhin mit Bedacht als vor dem Herrn, sich seine Freiheit vorbehalten, dabei zu bleiben oder nicht, je nachdem die Verhältnisse und Stimmungen sich anders gestalten. Sich oder seine Seele zu etwas auf eine durchaus unverbrüchliche Weise verbinden, ist unter keinen Umständen recht, weil man damit sich nicht an den Herrn bindet, sondern an sich. Wir aber sollen des Herrn sein, und nicht unser selbst. Folgt die Bittstellerin dieser Weisung, und hat sie nur immer in Allem, was sie verspricht und tut, den Herrn vor Augen, der auch reich ist an Gnade und Vergebung, so werden bei ihr die Bedrückungen alle wegfallen, die ihr schon schwer geworden sind.
129) Über Sonntagsarbeiten.
Statt der Frage. Gar oft schon, seit die Blätter erscheinen, bin ich entweder von ängstlichen Gemütern, oder von strengen Sonntagsverehrern über kleinere Sonntagsarbeiten, Geschäfte und Beschäftigungen gefragt worden, was ich von denselben halte. Ich habe mich aber nie in diese Fragen einlassen mögen, weil sie mir etwas kleinlich vorkamen, ich auch nicht der sein will, der über Alles, was Christen tun, (von dem, wie es entschiedene Weltleute machen, ist da nicht die Rede), richten, oder in Allem Normen geben will, nach denen sich die Leute richten sollten, da ich diese nur nach meinem Ermessen geben könnte, weil ich keinen Anhalt in der Schrift hätte Meine Ansicht in etwas geltend zu machen, wenn verschieden darin gedacht wird, liegt mir nicht an. Beim Worte will ich bleiben; und nur, so weit dieses mir Winke gibt, spreche ich mich aus. Es liegt nun wieder ein ziemlich langer Brief vor mir, der über Allerlei fragt, und zwar von einem Geistlichen. Etwas nun doch zu sagen, kann ich mich diesmal nicht enthalten; und vielleicht kann ich damit Manchen dienen, daß sie sich ein wenig freier zur Sache stellen lernen, wenn sie mir Recht geben können. Ich bleibe aber nicht bei dem Briefe allein, sondern halte mich allgemeiner und mit Rücksicht auch auf früher an mich gestellte Fragen.
Antwort. Wenn von Sonntagsarbeiten, die irgendwo im Schwange gehen, die Rede ist, und geurteilt werden soll, ob sie zu den verbotenen gehören, oder nicht, so macht bei mir das viel aus, ob sie zu einer Landessitte gehören oder nicht, und ob sie unbeschadet des Sonntagsgefühls für die, die sie tun, und für die, die sie sehen, Statt finden können. Was einmal üblich ist und doch eigentlich dem Sonntag und der Sonntagsandacht nicht im Wege steht, lasse ich gerne ungerügt, auch wenn es mir nicht recht gefällt. Es kommt mir anmaßend vor, wider etwas zu Feld zu ziehen, was allgemein angenommen ist, ohne sonst sündlich zu sein. Schroffe Gesetzlichkeit ist ohnehin nicht gut, und stimmt auch nicht zu der evangelischen Freiheit, die wir haben. Das Wort Pauli darf doch nicht ganz unbeachtet bleiben, wenn er sagt (Kol. 2, 16): "So lasset euch nun Niemand Gewissen machen über Speise und Trank, oder über bestimmte Feiertage, oder Neumonden, oder Sabbather." Da denkt der Apostel gewiß an Engherzigkeiten, mit welchen etliche Christen genannte Tage begingen, indem sie von Vielen unberechtigt sagen, daß es wider das Gewissen laufe. Solche Engherzigkeiten konnte man auch an den Sabbathen haben, die man sich nach der Anweisung Pauli nicht ins Gewissen reden lassen soll. Wider die Feiertage selbst kann es ja der Apostel nicht haben, und besonders nicht wider den Sabbath, welchen die Propheten sichtbar an manchen Stellen auch für den neuen Bund gelten lassen. Nur wider schroffe Gesetzlichkeit redet er, da nur gleich der Eine zum Andern sagt: "Das und das darfst du nicht tun, oder du sündigst wider das göttliche Gebot vom Halten des Sabbaths." Auch wenn der Herr Jesus sagt: "Des Menschen Sohn ist ein Herr auch des Sabbaths", hat Er wohl damit zunächst Seine Jünger gegen die Pharisäer in Schutz nehmen wollen, wegen ihres Ährenausraufens, aber zugleich auch bestimmt angedeutet, daß in dem Reiche Gottes, das Er gründe, Freiheiten bestehen dürften, die man unter dem Gesetz, dem Israel unterworfen war, nicht hatte, ohne den Sabbath, wie Viele irrig es auslegen, aufheben zu wollen. Das Wort Jesu spricht jedenfalls gegen alle Härten, zu welchen Eiferer je und je geneigt sind.
Letzteres geht auch aus dem Weiteren, das der Herr bei jener Gelegenheit sagte, hervor. Da sagt Er mit Bezug auf die strenge Haltung des Sabbaths, die man dem Herrn glaubt schuldig zu sein, als ein Opfer an Ihn: "Barmherzigkeit ist besser, denn Opfer." Viele Arbeiten, die Manche sich erlauben, muß man aus Liebe und Barmherzigkeit zulassen, oder ungerügt lassen. Wie die Jünger des Hungers wegen Ähren ausrauften, da sie recht arbeitend sich dabei benahmen, daß es nicht mehr sabbathlich aussah, so tun Viele Vieles in der Not, oder um ihrer Armut willen, da man nachsichtig sein muß. Wer will, wie schon geschehen ist, die Obst- und Gemüsehändler alle verdammen, die am Sonntag, namentlich in der Frühe, auf dem Markte oder an den Straßenecken stehen, oder die, welche diesen etwas abkaufen? Wer will die Fleischer verdammen, die am Sonntag Morgen das Fleisch an die Käufer, die kommen, aushauen? Es ist auffallend, wie oft andere Sonntagseiferer dergleichen Arbeiten ganz mit Stillschweigen übergehen, weil sie fühlen, wie ein Eifer dagegen unpassend ist, und nur an andern viel geringeren Arbeiten sich aufhalten. So kann man's Kindern verdenken, daß sie am Sonntag Sträußchen anbieten, um einen Zehrpfennig zu bekommen. Darf man sich von diesen und Andern, die etwas, wie werktäglich feil haben, unwillig abwenden, als von solchen, die nichts nach dem Sonntag fragten? Du darfst auch nicht so heilig sein, daß du meinst, keinen Pfennig aus der Tasche langen zu dürfen, weil das Zahlen nicht sonntäglich sei. Im Gegenteil möchte ich dir raten, dein Geben sonntagswürdig zu machen, indem du das Zweifache und Dreifache gibst von dem Geforderten, dem Herrn zu lieb, der dich den Armen wohltun heißt.
Sehr werktäglich sieht es auch aus, wenn etwa Gärtner am Sonntag Morgen Blumensträuße machen. Aber gehe einmal in eine Gärtnerei. Wenn du da rührige Arbeit mit Anfertigung von Blumensträußen siehst, magst du den Kopf schütteln. Aber wenn du fragst: "Für wen machet ihr denn die?" so kannst du mitunter, wie ich's einmal gehört habe, die Antwort bekommen: "Den hat ein Pfarrhaus, da man noch dazu fromm sein will, bestellt. Da ist die Magd heute frühe gekommen, und hat auf heute Morgen elf Uhr den Strauß bestellt, daß er ja nicht fehle; und um dieses Dinges willen kann ich heute nicht in die Kirche gehen." Eine sehr unzufriedene Äußerung kann bei solchem Gärtner noch mitlaufen. Was lernen wir aber daraus? Ich meine Zweierlei. Erstlich halte du für dich schon den Sonntag, wie dir's beliebt; und wenn du an Andern etwas siehst, das dir nicht gefallen will, so decke es mit dem Mantel der Liebe und Barmherzigkeit zu; denn du weißst nicht, wie viel dazu geseufzt wird. Zweitens hüte dich, daß du nicht ohne Not Anlaß wirst, daß Leute, an die du Arbeitsforderungen am Sonntag machst, nicht über dir seufzen müssen, weil du ihnen etwas vom Sonntag nimmst. Laß also den Andern in Ruhe mit deinem Urteile und mit deinen Forderungen, und kehre vor deiner Türe allein am Sonntag.
So gibts auch Übelstände mit Dienstboten aller Art. Die haben's oft am Sonntag härter, als an andern Tagen. Tut nichts, denkt man, es sind ja nur Dienstboten. Die sollen laufen und springen und arbeiten, wie man's fordert; dazu sind sie da. Ist das so ganz recht gedacht, oder gesprochen? Aber du sagst's etwa nicht, handelst aber so, wie wenn du's sagtest. Übrigens mögen mir die Leser verzeihen. Da bin ich schon zu weit gekommen, und weiter, als ich wollte, wie wenn ich Richter sein wollte über solche, die den Dienstboten am Sonntag etwas auflegen. Ich will aber ihnen nichts befehlen; denn ich habe selbst nur zu oft unter dem zu seufzen, was auch bei mir Dienstboten aufgelegt werden muß, und nicht bloß diesen, ohne es ändern zu können. Aber das lernen wir daraus, wie die Eiferer in vielen andern Fällen so groß Unrecht tun, mit ihrem Eifern, Angesichts des vielen Unvermeidlichen, das sie am Ende sich selbst an sich und Andern am Sonntag erlauben müssen, ungeachtet es sehr werktäglich aussieht. Aber auch dafür wollen wir vor Allem sorgen, daß wir nicht ohne Not und über Gebühr Forderungen an Andere machen, durch welche diese um ihren Sonntag kommen. Aber nur Vorsicht im Urteilen!
Im menschlichen Leben geht's überhaupt seltsam zu; und des Seufzens gibts viel, eben auch bezüglich des Sonntags, was uns nur mild und nachsichtig machen kann. Ich will hier nur noch Eines anführen. Als ich Pfarrer in Möttlingen war, kam einmal unter der großen Erweckung, die dort Statt fand, ein Dienstmädchen von Kentheim, eine halbe Stunde von der Oberamtsstadt Calw entfernt, zu mir. Sie war auch geistlich aufgeweckt; und nun war ihr nicht mehr Alles gleichgiltig. Sie diente bei einem Bäcker, der alle Morgen, namentlich an den Sonntagen, frisches Backwerk nach Calw zum Verkauf schickte. Obiges Dienstmädchen mußte es auf dem Kopfe hintragen. Nun mußte sie das einmal auch am Karfreitag tun; und darüber wurde sie im Gewissen unruhig. Es wurde ihr zur Sünde, daß sie am Todestage des Heilandes so ein werktägliches Geschäft treiben mußte. Schmerzlich erregt fragte sie mich, ob sie nicht um des Herrn willen einen Dienst aufkündigen müßte, der ihr die Entheiligung des Karfreitags, wie aller Sonntage, in solcher Weise gebiete Das Mädchen meinte es redlich und nicht streng frömmelnd. Aber der Gekreuzigte war ihr eben zu lieb geworden, und ihr Gewissen war auch sonst erwacht. Was sollte ich nun zu dieser Karfreitagsarbeit sagen? Ich besann mich und erwiderte endlich, wie ich's umständlich hersetzen will: "Du bist eben doch nicht ganz deiner selbst, wenn du ums Geld dienst. Du bist dich deiner Herrschaft schuldig. Der Apostel aber sagt (Eph. 6, 7), die Dienenden sollen sich dünken lassen, daß sie dem Herrn dienen, und nicht den Menschen. Sie dürfe auch diese unvermeidliche Sonntagsarbeit so nehmen; und tue sie im Gehorsam und mit Pflichttreue, was ihr aufgetragen sei, so sündige sie nicht. Wenn eine Sünde drin liege, so falle die Verantwortung nicht auf sie; und tue sie das Ihre nicht mit Seufzen, sondern mit Nachsicht, so mildere das die Verantwortung. Aufkündigen? Ja, anderswo wirst du's gleich besser kriegen. Was mußst du nicht an Sonn- und Festtagen Alles tun, daß es auch den Schein hat, als kämest du um Sonntage und Feiertage? Zur Kirche aber kommst du ja doch noch; und wenn je und je nicht, mußst du dir's auch gefallen lassen, und im Stillen, im Geiste, Sonntag halten. Ich rate dir daher zu bleiben; und tu's um des Herrn willen als einen Liebesdienst. Wenn du mit deinem Backwerk auf dem Kopf den schönen Talweg von Kentheim bis Calw gehst, so bist du ja da in der Freiheit; und wie kannst du so gemütlich an den Heiland denken, der für dich gekreuzigt ist, also an Seinem Todestage nicht bloß Backwert auf dem Kopf zu tragen hatte, sondern auch die Dornenkrone und Sein Kreuz. Mach's so, dann ist dein Heiland bei dir, und wirst du sicher einen reichen Karfreitagssegen haben." Das Mädchen wurde sehr beruhigt und zufrieden. Aber sieh', so muß man da raten; oder hätte ich anders reden sollen? Aber bedauern mußte ich doch das arme Mädchen; und doch, wie Viele haben's viel übler, auch an Sonntagen. Dabei dachte ich auch an ihre Herrschaft. Die muß leben von ihrer Bäckerei; und die Calwer wollen eben frisches Backwerk, und am allermeisten an Sonn- und Festtagen. Was denn da machen? Aber wird der Sonntag wirklich gestört durch solch ein Geschäft? Wird er entheiligt? Wer als ein Gebundener seine Augen zum Herrn emporrichtet, kann immer schöne Sonntage haben. Du aber, der du frei bist, knechte nicht über Gebühr deine Untergebenen. Deren Seufzen bringt kein Gutes. Aber um Alles, - nur nicht richten und nach Härte räsonieren!
(Schluß folgt.)
130) Über Sonntagsarbeiten.
(Schluß.)
Frage, siehe vorige Nummer.
Fortsetzung der Antwort. Obige Geschichte von dem Mädchen am Karfreitage habe ich darum umständlich erzählt, daß es als ein Beispiel diene, wie man Vieles auch an den heiligsten Tagen müsse geschehen lassen, das genau betrachtet ein für den Sonntag zart fühlendes Gewissen anstoßen kann, aber nicht anstoßen darf, weil es unvermeidlich ist, wenn nicht Liebe und Rücksicht für Andere hintangesetzt werden soll. Strenge können wir schon gegen uns selber sein, indem wir namentlich uns nicht ohne Weiteres erlauben, was nicht nötig wäre, oder aufgeschoben werden kann, auch nicht Besorgungen, die den Tag vorher gemacht werden könnten, auf den Sonntag verschieben. Am Sonntag Morgen hat man früher auf dem Lande nie Futter geholt, indem man das Nötige noch am Samstag Abend holte; und wenn es jetzt vielfältig anders geworden ist, macht's keinen guten Eindruck. Früher hat man auch am Samstag zeitiger mit der Arbeit aufgehört, um Alles im Hause und vor dem Hause sonntäglich zu machen, ja, die letzten Stunden des Samstags bereits als Sonntag zu haben. Jetzt ist häufig der Samstag ein Tag, an dem man bis tief in die Nacht hinein fortmacht, ohne zu bedenken, daß man damit allein schon sich und dem Gesinde den halben Sonntag nimmt. Dieser ist ein rechter Sonntag nur dann, wenn er als solcher schon in der Frühe und mit dem Aufwachen anfängt. Wer nun in Diesem und Anderem für sich es besser zu machen im Stande ist, der tue es; aber Andere, die es nicht so machen, kann man etwa ermahnen, wenn man Gelegenheit hat, aber nicht richten, wenn sie es nicht so machen. In unsrer Zeit sind Vieler Bedrängnisse viel zu groß geworden, als daß man strenge gegen Andere sein darf. Familienhäupter aber sollten wenigstens darauf sehen, daß bei ihnen persönlich eine Repräsentation des Sonntags da sei, wenn auch Untergebene von mancherlei Geschäften nicht ganz befreit werden können. Wie viel indessen könnte auch Rücksicht auf Untergebene besser beobachtet werden, als häufig geschieht.
Überhaupt Andere am Sonntag schonen, so viel möglich, möchte als Pflicht erscheinen. Ich könnte in's Einzelne gehen, bleibe aber lieber bei allgemeinen Winken. Um diese aber zu verstehen, gebe ich nur hie und da ein Beispiel. Vor Jahren hat mir einmal ein Arzt in Stuttgart geklagt, daß er von Kranken je und je, die einmal meinen, der Arzt müsse ihnen jederzeit zu Dienst sein, gerade an Sonntagen Morgens gerufen werde, da es gar nicht nötig wäre. Dadurch gehe ihm der Kirchgang verloren, mitunter auch der Besuch des heil. Abendmahls, den er vorgehabt. Wenn er dann zu den Kranken komme, und sehe, daß sie nur in übertriebener Ungeduld und Ängstlichkeit, ja gar nur nach Laune, zu ihm geschickt hätten, so tue ihm das nur um so weher, weil er ohnehin so oft durch dringende Krankheitsfälle um den Besuch der Kirche komme. Am Sonntag sollte doch Jeder dran denken, daß andere Leute auch Sonntag haben, und diesen brauchen, ehe er mir nichts dir nichts Anforderungen an Andere macht, durch welche diese um den Sonntag gebracht werden. Wie oft aber werden rücksichtslos Arbeitsbestellungen verschiedener Art gerade auf den Sonntag, an diesem zu besorgen, gemacht. Ehe man solche macht, sollte man sich mindestens besinnen, ob man's nicht auch anders machen könnte. Wie gesagt, für sich den Sonntag halten und Andern den Sonntag nehmen, kann dem Herrn nicht gefallen. Leider aber daß man's heutzutage oft in der Welt mit Solchen zu tun hat, die gar nichts mehr nach dem Sonntag fragen, und dann sich bezeigen, als ob's Andern auch so wäre. So wurde einmal, nach meiner Erfahrung, ein junger, sonst gebildeter Mensch von einem Beamten, bei dem er eine Anstellung suchte, vom Lande her am Sonntag Morgens 10 Uhr auf's Bureau berufen. Solche Vorfälle lassen seufzen, wie wirklich der Sonntag angefangen hat, für nichts genommen zu werden. Wie übel aber, wenn auch solche, bei denen man bessere Grundsätze sucht, je und je am Sonntag Alles gehen lassen, wie es geht, und kein Bedenken tragen, Andere, wenn sie namentlich in einer Abhängigkeit von ihnen stehen, rücksichtslos am Sonntag, wie am Werktag, zu Allem zu brauchen.
Das Thema, über welches ich rede, könnte noch weit ausgesponnen werden. Aber ich will zu den besonderen Fragen, die jetzt an mich gemacht worden sind, übergehen. Ein ferner Geistlicher fragte, ob es nicht ein Verstoß gegen die Sonntagsheiligung sei, wenn die Leute ihre Gebühren für Taufen, Leichen etc. an den Pfarrer immer nur am Sonntag bringen. Er bemerkt dabei, er habe ihnen im Anfang es verboten, und erklärt, sie hätten solche Gebühren am Werktag zu bringen, weil sich's auf den Sonntag nicht schicke. Nun haben ihm aber die Leute, zum Teil auf Filialen wohnend, gesagt, sie stehen in abhängigen Verhältnissen, und dürfen am Werktag nicht eben so fortlaufen, weswegen sie die Gebühren lieber am Sonntag, bei Gelegenheit des Kirchenbesuchs, bringen. Nun wisse er, schrieb er, nicht recht, was tun, weil es ihm gegen das Gewissen gehen wolle, am Sonntag Geld einzunehmen.
Denke ich mich nun in die Lage des Pfarrers, so würde ich ohne Bedenken die Gebühren am Sonntag annehmen. Erstlich wird ja da nicht gemarktet, ein Handel, ein Geschäft abgemacht, sondern einfach die Taxe gegeben, was ohne alle Störung des Sonntagsgefühls geschehen kann. Sodann sehen die Leute das nicht gerade als etwas Werktägliches an, dem Pfarrer für seine Kirchendienste die Gebühren zu geben. Es ist ihnen gleichsam ein heiliges Geld, ein Opfer, wie auch dem Pfarrer das Geld an und für sich nichts sein sollte, das ihn weltlich stimmte. Ärmeren Leuten kann er's auch je und je ganz erlassen; und Andere bringen's mit Liebe und Dankbarkeit, vielleicht mehr als die Gebühren wären. Liebe aber darf man wohl am Sonntag erzeigen und annehmen. Ferner ist mir jeder Besuch von einem Pfarrangehörigen lieb, und gerade am Sonntag, da ich ein sonntägliches Wort vielleicht besser bei ihm anbringen kann, als am Werktage, wenn ich den Besuchenden einige Minuten traulich bei mir sitzen lasse. Endlich ist's wirklich eine Plage für die Leute, wenn der Pfarrer zu dem Geld, das ihm gehört, auch noch die Drangabe eines Arbeitstags oder Taglohnes, den die Leute verlieren, fordert. Das wären die Gründe, die mich bestimmten, ganz frei die Leute auch am Sonntage mit ihren Gebühren zu mir kommen zu lassen.
Mir kam's einige Male vor, daß ein Weinproduzent, 4 Stunden von hier, dem ich Wein abgekauft hatte, das Geld dafür am Sonntag bei mir holen wollte, weil er gerne einen Kirchenbesuch bei mir damit verband. Ohne Bedenken tat ich nach seinem Begehren, und ließ ihm am Sonntag das Geld geben; und das hat keine Sonntagsstörung gemacht, weil es auch nicht werktäglich betrieben wurde, da das Geld hingerichtet war. Denn was ist Geld, das der Mann mit fortnimmt? Ich denke nicht mehr, als jene Bretzeln, welche mir vor Jahren ein Bäcker von ferne her, dessen Tochter geheilt worden war, bei jeweiligen Kirchenbesuchen bei mir am Sonntag mitbrachte, da er aus seiner tiefen Rocktasche eine Bretzel nach der andern hervorzog, und vor mir auf den Tisch legte, bis zur Zahl zwölf. Hätte ich zu ihm sagen sollen: "Lieber, die Bretzeln kann ich nicht annehmen; denn am Sonntage sollte man die nicht hertragen. Das solltest du am Werktag tun?" Kann ich aber die Bretzeln annehmen, die mir mit großer Befriedigung von Seiten des Bäckers gebracht wurden, so auch etwas Geld; und kann der Bäcker mir seine Bretzeln bringen, so trägt wohl eben so leicht jener Weinproduzent sein Geld fort. Der Sonntag aber ist in beiden Fällen geheiligt.
Eine andere Frage machte derselbe Geistliche. Ihm ist's anstößig, daß in seinem Lande die Frauen am Sonntag stricken, sogar wenn sie etwas Erbauliches lesen oder vorlesen hören. Nun fragte er mich, wie ich die Sache ansehe und was ich dazu denke. Was soll ich nun sagen? Ich sage das, daß bei uns die Frauen solche Sitte nicht haben. Bei uns würde ich auch ein Wörtlein sagen, wenn ich's wahrnehmen würde, namentlich in Gesellschaft. Fremde Frauen aber mag ich nicht richten; und wenn ich's draußen, wo es zum Teil allgemeine Sitte ist, namentlich unter den Vornehmen, zu stricken, wahrnehme, so stelle ich mich dazu mehr beobachtend, als richtend. Aufgefallen ist mir's freilich draußen auch schon, und von draußen her auch hier, wenn je und je eine Frau am Sonntag, wo sie geht und steht und sitzt, ihre Stricket in der Hand hat, und ganz emsig fortstrickt, wie am Werklage. Angenehm war mir das nicht zu sehen. Denn damit ist der Sonntag gar nicht von einer Familie repräsentiert, wenn Alles strickt, und es gerade so macht, wie am Werktag. Aber es ist allgemeine Sitte; und gegen eine solche eifern, wenn sonst dem Sonntag doch das Seine wird, ist nicht gut. Es kommt gesetzlich steif heraus, wenn man's geradezu verbieten wollte. Man muß es den Frauen selbst überlassen, wie weit, und auf welche Tageszeit und sonst Gelegenheit oder Einsamkeit sie das Stricken beschränken könnten und dürften. Eigentlich gestört wird der Sonntag nicht dadurch, weil's nicht vereinzelt geschieht, und weil es Niemanden auffällt. Das ist auch wahr, daß die Aufmerksamkeit auf ein Gelesenes größer ist, wenn die Hände etwas dabei zu tun haben, wie Kinder ihre Sprüche besser hersagen können, wenn sie dabei mit ihrem Schurzbändel vermittelst der gefalteten Hände spielen. Deswegen hat auch der bekannte fromme Prediger Oberlin im Steinthal sogar unter der Predigt die Frauen angewiesen, zu stricken. Dessen ungeachtet will ich dieser Sitte nicht das Wort reden, weil ich am Sonntag gerne auch den Sonntag repräsentiert sehe.
Man erlasse mir's, über die Sonntagsarbeit mehr hier zu schreiben. Denn des Dings wäre da gar viel zu sagen; aber es wäre nur gesagt, ohne daß es viel Frucht brächte.
131) Das Lebensziel.
Frage: "Es ist von mir sowohl, als auch von Freunden von mir und manchen Andern die Frage angeregt worden, ob das Lebensziel des Menschen bestimmt sei, oder nicht. Hiob spricht: ""Du hast dem Menschen ein Ziel gesetzt; das wird er nicht übergehen."" Andererseits sieht man auch wieder, daß viele tausend Menschen ihr Leben verkürzen durch liederliches Leben. Ist das auch bestimmt? Wollten Sie daher nicht die Güte haben, in Ihrem Blatt diese Frage, wenn auch nur kurz, zu beleuchten? Gewiß ist diese Frage von Wichtigkeit; und Viele würden es Ihnen danken, wenn sie Klarheit darüber bekämen."
Antwort. Die Frage, die hier gemacht wird, führt auf ein Allgemeineres, nämlich auf das Verhältnis zwischen dem Willen Gottes und der menschlichen Freiheit, welches für alle Denker zu allen Zeiten ein unauflösliches Rätsel gewesen ist; und alle Systeme, die darüber ersonnen worden sind, haben so viel Unebenes, daß man schon an dem ihre Unrichtigkeit erkennen kann. Einerseits kann der Glaube nicht anders, als mit Hiob sprechen, daß Gott dem Menschen ein Ziel gesetzt habe, das er nicht übergehen könne. Andererseits zeigt der Augenschein, daß der Freiheit des Menschen viel Spielraum gegeben sei, sein Leben abzukürzen. Tut er letzteres, so können wir ihn nicht anders, denn vor Gott dafür verantwortlich uns denken, als hätte er doch das ihm gesetzte Ziel übergangen. Immer geschieht Vieles, von dem wir nach unsrem Bewußtsein und Gewissen sagen müssen, daß es wider Gottes Wille sei. Ja, jede Sünde, welche sie sei, ist eine Tat, für die wir Gott Rechenschaft schuldig sind, obwohl andererseits auch wieder ein Wille Gottes, wenigstens ein zulassender, dazu gedacht werden muß.
Die Philosophie fühlt sich immer in einem Gedränge, wenn sie an die erwähnte Frage kommt; und immer erkennt man sie auf Abwegen, wenn sie das Eine auf Kosten des Andern auf die Spitze treibt. Sie kann den unbeschränkten Willen Gottes so grell auffassen, daß sie des Menschen Freiheit ganz aufhebt, und ihn selbst als eine willenlose Maschine nimmt, mit der Gott gleichsam ein Spiel treibt, daß Er ihn meinen läßt, als habe er einen Willen, auch wider Gott, und hat ihn doch nicht. Andere fassen die Freiheit des Menschen so bestimmt auf, daß sie sich nicht scheuen, selbst das Wesen Gottes der menschlichen Freiheit zu lieb zu beschränken. Jene heben mit der Freiheit den Menschen, als ein vernünftiges Wesen, auf; und diese heben mit der Beschränkung Gottes gleichsam Gott selbst auf.
Was soll ich nun dem Fragesteller erwidern? wie ihn zufriedenstellen? Kann ich ihm die Klarheit geben, die er von mir verlangt? Solches bitte ich ihn, nicht von mir zu verlangen. Ich bleibe in meiner Einfalt bei dem, daß hier ein Geheimnis ist, welches auszumitteln dem Menschen nie gelingen wird, schon darum nicht, weil er in dieser Zeit weder Gott, noch sich selbst oder den Menschen, im eigentlichen Grunde versteht. Des Menschen Aufgabe ist, in dieser Zeit Gott und den Menschen so zu nehmen, wie es Gott von ihm in seinem zeitlichen Leben gewollt hat, daß er's nehme. Er muß in sein Glaubensbewußtsein, ob's ihm klar sei, oder nicht, das aufnehmen können, daß einerseits nichts ohne den Willen Gottes geschieht, und so auch kein Sterben erfolgen könne, das Er nicht gewollt hat, und daß andererseits doch der Mensch für Alles, was er tut, Gott verantwortlich ist, weil ihm sein Gewissen sagt, was er als wider den Willen Gottes gehend zu nehmen habe. Er soll einmal sich denken, daß Gott ihm sein Lebensziel gesetzt habe, und auch das dazu, daß er es nicht übergehen könne. Aber in der Wirklichkeit muß er auch wieder sich als den nehmen, der Gottes Willen übergehen könne. Vielleicht kann er sich denken, Gott habe in doppelter Weise sein Lebensziel festgesetzt, einmal, wie es sein sollte, wenn nichts dawider Laufendes vorkäme, sodann wie es wirklich wird durch die Dazwischenkunft von Umständen, die nicht im ursprünglichen Willen Gottes gelegen waren, daß man also von einem eigentlichen Willen Gottes, und dann wieder von einem Ihm gleichsam abgenötigten Willen Gottes reden könnte, da das Letztere das wäre, was man Zulassung nennt. Doch ist Gotte von Ewigkeit her das Eine, wie das Andere bewußt. Dieser zweite Wille aber, der als ein Gott abgenötigter erscheint, liegt unter der Verantwortung des Menschen, dem einmal ein freier Wille gelassen ist.
Aus Allem geht hervor, daß ein Christ als Christ eigentlich an solchen Gedanken nicht herumgrübeln sollte. Sie bringen ihn aus der Einfalt heraus, nehmen ihm die Ehrfurcht vor Gott, oder setzen ihn in eine falsche Stellung zu Ihm, lähmen und verderben auch leicht das Gewissen. Wenn ein Heiland hat kommen müssen, um das durch die abgefallene Kreatur Verderbte wieder gut zu machen, und wenn gar ein Heiland nur auf dem bittersten Leidensweg Alles zum ursprünglichen Willen Gottes wieder zurückbringen konnte, so bleibt uns nichts Anderes übrig, als einerseits Gott uns ähnlich vorzustellen, wie Er das gewollt hat, nämlich als den, der beleidigt, gekränkt, beeinträchtigt, betrübt, erzürnt, auch zu Mitleiden angeregt werden kann, wie die Menschen, so sehr wir Ihn andererseits auch wieder erhaben über Alles nehmen müssen. Ins Heiligtum des eigentlichen Wesens Gottes aber sollen wir uns nicht hineinwagen. Wir müssen Gott nehmen als einen, für den wir fühlen, wie Er für uns fühlt, der uns befiehlt, und den wir fürchten, dem wir vertrauen, zu dem wir beten, von dem wir auch uns Vieles und Großes, selbst im Leben, herausbitten können. So will Gott von uns hienieden genommen sein, nach der Schrift; und wir begeben uns naseweise über die Sphäre hinaus, in welche uns Gott hienieden eingeschlossen hat, wenn wir in's Unendliche hinaus mit unsern Gedanken fahren wollen. Tun wir Letzteres, so ist's unser eigener größter Schaden.
132) Der Sünde gestorben.
Frage: "Es wäre mir und Vielen sehr wünschenswert, eine gründliche Auslegung über gewisse Stellen der Schrift zu vernehmen, über welche gegenwärtig in vielen Kreisen gesprochen wird, ohne daß ich über die Art, wie die Stellen ausgelegt werden, mit mir selbst ins Reine kommen kann. Es sind hauptsächlich die Stellen Röm. 6, 6. 8 und 11, und 2 Kor. 5, 14, nach welchen behauptet werden will, daß unser alter Mensch im Glauben an Jesu Tod auch tot sei, wirklich tot und abgetan, und daß Jesus Sieger sei über Alles. Liegt Solches wirklich ganz so in den Stellen? und wie ist die Behauptung selbst aufzufassen, um sie mit den gewöhnlichsten Erfahrungen auch gläubiger Christen in Einklang zu bringen? Haben Sie die Güte, in Ihren Blättern sich darüber zu äußern?"
Antwort. Der Fragesteller will die Behauptung besprochen wissen, daß nach gewissen Stellen der Schrift "unser alter Mensch im Glauben an Jesu Tod auch tot sei, wirklich tot und abgetan." Ob nicht gleich von vorn herein unter dem "alten Menschen" die "alte Natur" irrtümlich verstanden wird, kann man fragen. Ich werde im Folgenden darauf zurückkommen. Die Stellen aber sind teils Röm. 6, 6. 8 und 11, teils 2 Kor. 5, 14. Ob das Behauptete in diesen Stellen liege, wird gefragt, und wenn so, wie es mit der Erfahrung auch gläubiger Christen in Einklang zu bringen sei, nach welcher nämlich, wie damit angedeutet ist, auch gläubige Christen keineswegs von sich sagen können, daß der alte Mensch, d. h. die sündliche Natur, nach der Auffassung des Fragestellers, in ihnen nicht mehr lebe, sondern eigentlich tot und abgetan sei.
Vorerst will ich auf das zurückgehen, was für eine Absicht der Apostel in Röm. 6 mit seiner Rede hat. Das sagt er in v. 2, da auf die Einwendung gegen die Lehre des Evangeliums von der Gnade, ob man denn in der Sünde beharren dürfe, damit die Gnade desto mächtiger werde, geantwortet wird: "Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?" Die Versuchung wäre hienach da, in der Sünde nun desto mehr zu beharren. Das läßt schon fürchten, daß gerade wirklich tot die sündliche Natur nicht sein werde; denn dann würde auch die Versuchung zur Sünde nicht mehr da sein. Indessen wird ein gläubiger Christ, sagt Paulus, nicht in der Sünde leben, weil er der Sünde gestorben ist. (Merke, daß es nicht heißt: "abgestorben"). Schon hier behauptet Paulus nicht, daß die Sünde tot, wirklich tot sei in den Gläubigen, sondern daß der Gläubige der Sünde gestorben sei. Der Gläubige ist tot, gleichsam abgestumpft für die Sünde, selbst wenn die Sünde, die sündliche Natur, noch in ihm lebt. Wir sehen hier, daß es ein absonderlicher Glaube sein muß, der tot macht für die noch lebende Sünde; und es mag deren doch auch Gläubige geben, die nicht gerade tot geworden sind für die noch lebende Sünde, trotz ihres Glaubens. Ich wenigstens möchte nicht von allen Gläubigen, auch nicht von mir, sagen, daß sie durch ihren Glauben wirklich tot für die Sünde geworden seien, ohne in irgend einem Punkte ihr zu unterliegen. Wir wissen's ja, wie oberflächlich vieler Gläubiger Glaube ist, wie die Meisten im Grunde nur systemgläubig sind, ohne je eine Empfindung vom Tode Christi gehabt zu haben; und sicher wird nur der, welcher, indem er glaubt, ein rechtes Gefühl von dem grausen Tode hat, den Jesus erlitt, und welcher diesen sich fleißig vorhält, welchem, wie Paulus sagt (Gal. 3, 1) "Christus Jesus vor die Augen gemalt" worden ist, tot werden können für die Sünde. Wir haben uns sehr in Acht zu nehmen, in unsrer Zeit Alles nur gleich allgemein für Alle, die sich gläubig nennen, gelten zu lassen, wie es die Apostel geben. War's so einst bei den gläubigen Römern, wer aber sind wir? möchte man da oft fragen.
Doch gehen wir weiter. Der Apostel will das beweisen, wie, wer der Sünde gestorben sei, in ihr nicht mehr leben werde. Er führt, so viel wir sehen können, vier Gründe an. Erstlich sagt er (v. 3 und 4), wir seien in den Tod Christi getauft und mit Ihm begraben worden. Er spricht da von Erwachsenen, wie sie damals getauft wurden, die eine ernstere Empfindung von der Taufe bekommen konnten; und wenden wir wiederum nicht so schnell, was er sagt, auf uns völlig an, weil wir auch getauft worden sind, wenn wir wiederum nicht ähnliche Empfindungen beim Rückblick auf unsre Taufe haben, wie jene Christen, wie das bei Wenigen der Fall sein wird; denn der bloße Mechanismus der Taufe, wenn deren Art und Bedeutung uns nie zu Sinn kommt, wie das sein könnte, wenn wir Andere taufen sehen, kann's doch nicht ausmachen, daß wir um der Taufe willen nicht mehr werden in der Sünde leben. Paulus nun will mit Bezug auf seine Christen sagen: "Wir sind im Taufwasser gleichsam ersäuft worden." Auch hier heißt es, wir seien ersäuft worden, nicht unsre Sünde, oder unsre sündliche Natur. Die Sünde kann lebendig, regsam bleiben; aber wir sind getötet für für sie, daß wir also sollten, nicht werden fortan in einem neuen Leben wandeln. Wäre die Sünde getötet, so könnte Paulus nicht sagen: "Also sollen," sondern müßte er sagen, "werden wir in einem neuen Leben wandeln." Die vorbildliche Ersäufung durch die Taufe auf den Tod Christi soll uns eine Aufmunterung sein, ja nicht mehr das alte Leben fortzusetzen, sondern nun, als mit Christo auch wieder auferweckt, in einem neuen Leben zu wandeln.
Zweitens sagt Paulus (v. 5), wir seien eingepflanzt in die Ähnlichkeit des Todes Christi, und werden es auch in der Ähnlichkeit der Auferstehung Christi sein. Sind wir wirklich durch den Glauben an Christi Tod in Einer Person mit Ihm gleichsam zusammengewachsen, so ist Sein Tod auch unser Tod, und wird Seine Auferstehung auch unsre Auferstehung werden. Wie kann aber dann noch von einer Sünde, in der wir verharren wollten, die Rede sein? So hätte denn Paulus den zweiten Grund angegeben, warum das nicht sein könne. Wir sehen aber da handgreiflich, wie tief doch unser, d. h. auch der Gläubigen unsrer Zeit, Glaube gehen muß, wenn Sein Tod soll unser Tod sein; und wenn, was erst zukünftig zu hoffen ist, Seine Auferstehung auch unsere Auferstehung werden soll, so bliebe das sehr in Frage bei Allen, die nur oberflächlich glauben, ohne daß ihr ganzer Mensch dabei ist und gleichsam an Christum hinwachst. Mit Gewißheit können wir es annehmen, daß nicht bei Allen, die sich gläubig nennen, Christi Tod auch ihr Tod ist. Es war wohl nach dem Erlösungsplan Gottes durch Christum so angelegt, daß das werden sollte; und damit es leichter würde, war ja der persönliche heilige Geist den Christen gegeben, der die Richtschnur geben konnte, "nicht nach dem Fleisch zu wandeln," und dazu helfen, daß der Gläubige tot bliebe für die Sünde. Bald aber hat sich bei den Christen herausgestellt, daß sie, unaufmerksam auf die Stimme des Geistes, und verlockt durch die Lüste des Fleisches, wieder aufwachten vom Tod für die Sünde, und in dieser zu leben wieder anfingen, daß sie statt auf den Geist auf das Fleisch säten und von diesem das Verderben ernteten, ohne, wie es sein sollte, zu Christi Tod und Auferstehung mit Ihm zusammengewachsen zu bleiben. Wie seufzen wir um neue Gnaden, daß das Anfängliche wieder werde! Aber damit, daß wir aus Allem einen Mechanismus, ein Selbstverständliches ohne Kampf, für uns machen, werden wir nicht richtig postiert werden. Wie viel brauchts des Seufzens bei uns! Solches wird aber der Herr auch endlich erhören!
(Schluß folgt.)
133) Der Sünde gestorben.
(Schluß.)
Frage s. Nr. 45.
Fortsetzung der Antwort. Der dritte Grund, den Paulus in Röm. 6 anführt, warum wir in der Sünde nicht mehr leben werden, ist der, weil unser alter Mensch mit Christo gekreuzigt sei. Damit kommen wir zu der ersten Schriftstelle, nach deren Auslegung gefragt wird. Diese heißt:
v. 6. "Dieweil wir wissen, daß unser alter Mensch samt Christo gekreuziget ist, auf daß der sündliche Leib aufhöre, daß wir hinfort der Sünde nicht dienen."
Hier müssen wir wieder beachten, daß es heißt: "unser alter Mensch," nicht unsre "alte Natur." Denn der Apostel unterscheidet ausdrücklich den "alten Menschen" von dem "sündlichen Leib." Der alte Mensch ist der Mensch selbst, sofern er an seiner sündlichen Natur hängt, dieser sich hinzugeben geneigt. Alt heißt er, weil der Mensch bisher so war. Des Menschen, der jetzt Christ ist, früherer Wille zur Sünde wird der alte Mensch genannt. Dieser Wille aber, will Paulus sagen, ist durch den Glauben mit Christo gekreuzigt, begreiflich, wenn's bei uns geht, wie es bei den Römern oder den damaligen Christen ging, oder gehen sollte, damit der "sündliche Leib" aufhörte. Bei uns wird es aber der Gläubigen wenige geben, die von sich sagen können, daß durch den Glauben an Christum den Gekreuzigten ihr Wille und ihre Neigung zur Sünde wirklich "gekreuzigt und ganz ertötet" sei; gleichwie bei uns nicht alle auf Christum Getauften werden Christum angezogen haben, wie Paulus an die Galater schreibt (3, 27), die bei der Taufe den persönlichen heiligen Geist empfangen hatten. So freilich sollte es sein, wie Paulus sagt; aber wie arm, wie schwach, wie herzlos ist unser Glaube! Er sollte aber so sein, wie Paulus sagt; "damit unser sündlicher Leib aufhöre," d. h. abgetan, entkräftet, unwirksam werde, "daß er der Sünde hinfort nicht diene," der Sünde, die also noch in uns lebt, ferner nicht sollte die Herrschaft lassen. Der sündliche Leib ist also etwas, das nicht augenblicklich so aufhört, daß es nicht mehr möglich ist, der Sünde zu dienen. Vielmehr wird seine Entkräftung immer mehr eintreten, je mehr wir die Herrschaft der Sünde nicht gelten lassen.
In der Frage, oder vielmehr in der Behauptung Vieler, welche dem Fragesteller auffällig wurde, wird offenbar "alter Mensch" und "sündlicher Leib" mit einander verwechselt. Dies ist daraus ersichtlich, daß die Erfahrung gläubiger Christen, wie dem Fragesteller nicht unbekannt ist, nicht die ist, daß der sogenannte "alte Mensch aufgehört" habe, d. h. die alte Natur keine Macht mehr habe. Es handelt sich aber nicht um die Macht der Sünde, die reizt, sondern um den Willen zur Sünde. Jene kann bleiben, wenn auch gedämpft und niedergehalten, dieser aber gestorben sein und so ertötet für die Sünde, daß diese es nicht mehr über ihn gewinnen kann. Wenn der Apostel fortfährt (v. 7): "Wer gestorben ist, der ist gerechtfertiget von der Sünde," so sagt er etwas Ernsteres, als Viele im Augenblick sich denken mögen. Nur der, dessen Wille zur Sünde getötet ist, ist eigentlich gerechtfertigt von der Sünde. Wenn der Wille noch lebt, mithin von der Sünde nicht abgewendet ist, so ist kein Tod eingetreten, und steht auch trotz des Glaubens die Rechtfertigung von der Sünde in Frage. Man kann auch zu schnell und oberflächlich meinen, von der Sünde gerechtfertigt zu sein, ehe man dem Willen und der Neigung nach der Sünde gestorben ist, oder einen gegen die Sünde ertöteten Willen hat. Indessen dürfen wir nicht verzagen. Man kann auch, wenn der Wille nicht gar gestorben ist, doch denselben durch die Vorstellung des Kreuzes Jesu überwinden, und dennoch frei bleiben von der Sünde. Wer aber dem Willen in Vielem seinen Lauf läßt, der mag, wenn er nicht durch Buße sich immer wieder in Ordnung bringt, zusehen, ob er eine Vergebung der Sünden zu völliger Rechtfertigung habe.
Der vierte Grund, den Paulus anführt, daß wir im Stande der Gnade nicht in der Sünde verharren können, liegt in V. 8, welchen der Fragesteller auch erklärt wünscht. Derselbe heißt:
v. 8. "Sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit Ihm leben werden."
Das Gestorbensein mit Christo sichert den Glauben, daß wir auch mit Christo leben werden. Das Leben mit Christo, sei's diesseits, sei's vornehmlich jenseits, darf zuversichtlich von dem geglaubt werden, der mit Christo gestorben ist, nämlich so, daß er sich in Christo um seiner Sünde willen gekreuzigt denkt, in Christo der Sünde stirbt, dem Willen und der Neigung nach, wie sie sein alter Mensch hatte. Solche Zuversicht aber läßt nicht ferner in der Sünde leben, für die man doch mit Christo den Kreuzestod erlitten hat. Es ist hier wiederum klar, daß der Glaube an unser Leben mit Christo, und das Gefühl seines Lebens mit Christo, in dem Grade zweifelhaft wird und bis zur Täuschung da sein kann, als der gläubige Christ nicht in der angezeigten Weise mit Christo gestorben ist. Eine genaue Erwägung der Worte Pauli kann uns vor aller Sicherheit, welche so viele Christen bezüglich ihres Glaubens haben, verwahren, wenn wir's uns sagen lassen, wie's da steht. Ohne Weiteres aber mit seinem Glauben, bei dem oft so wenig Empfindung des Todes Jesu ist, sich zu nehmen, als sei man mit Christo gestorben, das kann sehr sicher machen; und wenn Andere da Behauptungen von Gefühlen, die sie haben, aufstellen, so tun sie's oft nur vor Andern, mit beredten Worten es herausstreichend, ohne das eigentlich an sich zu erfahren, was sie rühmen, wobei sie entweder wirklich, durch einen falschen Geist betört, sich selber betrügen, oder heuchlerisch tun, als ob sie's so fühlten, wie Paulus sagt, während es nicht so ist. O, wie haben wir uns vor Leuten zu hüten, die so viel reden von Gefühlen und Erfahrungen, die sie haben, und eigentlich nicht haben. Denn sagen kann man viel; aber sagen und haben ist am Ende doch Zweierlei. Es bleibt dabei, wenn du wirklich mit Christo gestorben bist, also daß dein alter Mensch mit seiner Neigung und seinem nach Verkehrtem gerichteten Willen zur Sünde ertötet ist, so darfst du glauben, daß du auch mit Christo leben werdest. Ist dem aber nicht so, und ist dein Willensmensch eigentlich nicht anders geworden, so werde nicht sicher und laß dich nicht sicher machen.
Ich gehe jetzt an v. 11, der besonders häufig in unsrer Zeit angeführt wird, und so, daß er eigentlich den Brennpunkt eines jetzigen Systems bildet. Er lautet:
v. 11. "Also auch ihr., haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid, und lebet Gotte in Christo Jesu, unsrem Herrn."
Fassen wir den Zusammenhang in's Auge. Diesem zufolge will Paulus sagen: "Wie Christus der Sünde gestorben ist und nun Gotte lebet, so sollet ihr's dafür nehmen, daß ihr, die ihr als gläubige Christen mit Christo gekreuzigt und gestorben seid, eben der Sünde gestorben seid, und Gotte lebet in Christo." Die mit Christo Gestorbenen sollen es also erwägen, daß sie eben der Sünde gestorben sind. Der Tod am Kreuze, den Christus, und wir mit Ihm durch den Glauben, erlitten hat, hat's wider die Sünde, daß die nicht mehr soll getan werden. Wie Christus für die Sünde gestorben ist, daß die soll nicht mehr angerechnet werden dem, der glaubt, so soll der mit Ihm Gestorbene es nie vergessen, daß er der Sünde gestorben sei, dieser nicht mehr zu dienen, sondern vielmehr ganz Gotte zu leben in Christo. Der Spruch ist also nicht sowohl ein Zusicherungsspruch, ein Trostspruch, auf den man pochen darf, als vielmehr ein Ermahnungsspruch, den man wohl zu beherzigen hat, und den der nicht beherzigt, der wollte in der Sünde verharren (v. 2), der er doch eigentlich in und mit Christo gestorben ist. Sein Gestorbensein mit Christo ist eine Täuschung, wenn er in der Sünde fortlebt und nicht Gotte dient.
Daß es Paulus so meint, ist aus dem Nachfolgenden ersichtlich. Denn da tritt's erst recht hervor, was er mit allem bisher Gesagten will. Weil ihr nämlich, sagt er, mit Christo gestorben und also der Sünde gestorben seid und sein wollet, "so lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten." Man lese alles Weitere bis zum Ende des Kapitels; und man wird da finden, wie sehr auch die Römer, so sehr er sie nimmt für das, was es mit den Gläubigen sein sollte, die Ermahnung bedurften, doch ja sich als der Sünde gestorben zu betrachten, und nicht mehr ihr zu dienen, sich von ihr nicht mehr durch die im sterblichen Leibe noch lebenden Lüste beherrschen zu lassen. Aus diesem Wort ist ersichtlich, daß in dem sterblichen Leibe noch Lüste sind, die durch den Glauben noch nicht "tot und abgetan sind," und die darum auch dem, der mit Christo gestorben ist, gefährlich werden können. Sie leben in ihm und wollen immer zur Herrschaft kommen, und wer für sie der eigenen Neigung nach nicht gestorben und tot ist, und sich nicht mit vollem Ernste ihrer Herrschaft erwehrt, der kann wieder ins alte sündliche Wesen zurücksinken, und am Ende auch wieder den Tod sich an ihnen holen.
Wir sehen also, daß der alte Mensch mit seinem Willen soll tot sein für die Sünde, als mit Christo gestorben. Ob er's bei dir ist, das prüfe selbst an dir. Aber sei recht vorsichtig, daß du nicht durch einnehmende Reden und unrichtige Auffassungen der Schrift zu einer falschen Zuversicht und Hoffnung dich betören lassest, als ob mit einem Glauben, der nicht tief genug geht, Alles nur so schnell erreicht wäre.
So ist es auch mit der Stelle in 2 Kor. 5, 14, welche der Fragesteller noch erklärt wünscht, in der es heißt:
2 Kor. 5, 14 - sintemal wir halten, daß so Einer für Alle gestorben ist, so sind sie Alle gestorben."
Es soll doch mit diesem Spruche nicht bewiesen werden wollen, daß mit Einem Male alle Menschenkinder gestorben und gerechtfertigt worden seien von der Sünde (Röm. 6, 7), weil Christus für Alle gestorben ist! Die Gläubigen sind's freilich, wenn's mit ihnen den rechten Weg geht, wenn ihr Glaube die Stärke und Art hat, die er haben soll. Lies aber weiter (v. 15), und erwäge, "daß Christus für Alle gestorben ist, auf daß die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist." Ist Letzteres bei dir der Fall, nun gut; aber fehlt's, so hüte dich wieder, dir nicht etwas von Andern vorsagen zu lassen, das eigentlich nach der Wahrheit nicht bei dir ist. Laß dich nicht betören, daß du im Kampf nicht laß wirst! Denn daß dir der verbleibt, kann dir jetzt aus Allem klar werden.
134) Über Hebr. 10, 22.
Frage. "Ich möchte sie bitten, mir in den Blättern die Stelle Hebr. 10, 22 auszulegen, namentlich den letzten Satz des Verses."
Der Vers lautet: "So lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben, besprenget in unseren Herzen, und los vom bösen Gewissen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser."
Antwort. Um zum rechten Verständnisse dieses Spruchs zu kommen, müssen wir vor allem daran denken, daß der Hebräerbrief an Judenchristen geschrieben ist, welche gerne wieder an den bisherigen sichtbaren Hohenpriester, der damals noch bestand, sich angeschlossen und gehalten hätten. Es war ihnen, als fehlte ihnen etwas, wenn der bisherige Hohepriester, der ihnen, weil er ja von Gott aufgestellt war, so hoch stand, gar nichts mehr für sie sein sollte, während im Neuen Bunde nichts äußeres mehr statt seiner ihnen geboten war. Sie hätten auch, wie es scheint, gerne noch geopfert, namentlich ihre Morgen- und Abendopfer, mit Beten vor dem Herrn dargebracht, da denn auch der Priester, der selbst jeden Morgen und Abend opferte, wenn er aus dem Tempel, in dessen Vorderteil er das Blut brachte, oder räucherte, wieder heraustrat, die Betenden und Opfernden mit einem priesterlichen Segen, der ein Zeichen der Gnade des Herrn war, entließ. Diesen Segen hörten sie jetzt nimmer aussprechen, wenn sie nicht, gleichmäßig mit den andern Juden, in den Tempelvorhof gingen. Ein frommer Israelite pflegte auch mit seinen Anliegen, diese meist still auf dem Herzen tragend, oder durch ein Dank- oder Speisopfer dem Herrn gleichsam persönlich bringend, in den Tempel zu kommen; und da fühlte er sich innerlich beruhigt, aufgerichtet, getröstet, gestärkt, wenn er den Tempel wieder verließ. Wir können da an den Zöllner denken, der im Tempel sein Herz vor Gott ausschüttete, mit den Worten: "Gott sei mir Sünder gnädig", und von dem es heißt, daß er gerechtfertigt vor dem Pharisäer vom Tempel herabging, was er, wie offenbar der Heiland andeuten will, innerlich fühlen mußte. So war's bisher; aber seit der Vorhang im Tempel zerriß bei dem Tode Jesu, haben sicher die andächtigen Juden keine inneren Bezeigungen vom Herrn erfahren, weil sie hiezu zu Jesu fortan gewiesen waren.
Im Allgemeinen nun war, namentlich im Anfang, das Bisherige den Judenchristen nicht gerade versagt, wie denn auch Paulus vor seiner Gefangennehmung in Jerusalem noch Gelübdeopfer dem Herrn im Tempel darbrachte (Apost. 21, 23 ff.), auf Anweisung der Brüder hin, um weniger anstößig vor den eifernden Juden zu erscheinen, wenn sie ihn nicht gerade feindselig gegen das Judentum gestellt sehen würden. Auch von den viel tausend Juden, welche in der Stadt gläubig geworden waren, wurde gesagt (v. 20), daß sie Alle Eiferer über dem Gesetz gewesen seien. Aber, obwohl Pauli Handlungsweise unter den vorliegenden Umständen nicht zu tadeln ist, so hatten denn doch die eifernden Judenchristen nicht das Richtige; und erleuchtete Lehrer, wie auch Paulus sonst in seinen Briefen, mußten ihnen entgegentreten, namentlich, wenn mehr oder weniger Zurückbleiben von den Versammlungen damit verbunden war (vgl. Hebr. 10, 25). Diejenigen freilich, die weniger jüdisch sich hielten, waren den eifernden eigentlichen Juden ein Anstoß und Ärgernis; und diese traten verfolgend wider sie auf. Hierauf spielt auch der Hebräerbrief öfters an (wie 12, 1-5 und sonst). Da fühlten sich nun viele Judenchristen in einer Klemme; und die Versuchung trat ihnen immer näher, lieber ganz von den Christen, wenigstens äußerlich, sich zurückzuziehen, und zu den Juden sich offenbarer zu halten, wohl meinend, daß sie im Stillen ja doch Christen sein, und an Jesum, als den Herrn und Christ sich halten könnten. Diese Judenchristen nun warnte namentlich der Hebräerbrief sehr ernstlich, ihnen darlegend, daß ihr Vorhaben doch ein förmlicher Abfall von Christo wäre, ja daß es sich dann ausnähme, als ob sie "wiederum ihnen selbst den Sohn Gottes kreuzigten und für Spott hielten" (6, 6). Er zeigt ihnen ferner, mit Hinweisung auf den "verheißenen Priester nach der Ordnung Melchisedeks" (s. Nr. 39 und 40), daß für den Neuen Bund der bisherige Priester eigentlich aufgehört habe, und ein Christ Jesum, auch wenn Er unsichtbar sei, für seinen rechten Hohenpriester anzusehen habe, mit welchem sein gläubiges Gemüt vollkommen ausreichen könnte, weil derselbe nicht nur fürs zeitliche, sondern vornehmlich für's jenseitige ewige Leben hohepriesterlich fürbittend die Seinen bediene. Den Schluß seiner Belehrungen und Auseinandersetzungen bildet das Wort, welches vor dem Spruch steht, der hier ausgelegt werden soll (v. 19-21), indem gesagt wird: "So wir denn nun haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasset uns herzutreten etc." Das Haus Gottes, oder die Familie Gottes auf Erden, war bisher das Volk Gottes, Israel, das nun übergegangen ist im Neuen Bunde, auf Alle, die an Jesum gläubig werden (s. 3, 2-6). Das alte Volk Gottes hatte den bisherigen irdischen Hohenpriester; und das neue Volk Gottes hat Jesum als einen unsichtbaren himmlischen Hohenpriester. Der ist der Vertreter der Gläubigen und ihr Fürsprecher bei Gott, wie es bisher vorbildlich der Hohepriester aus dem Geschlechte Aarons gewesen war.
Nach diesen Vorbemerkungen gehen wir an den Spruch (10, 22), der uns zur Erklärung vorgelegt ist. Wenn derselbe anfängt: "So lasset uns hinzugehen", so ist da von einem Hinzugehen zu Jesu Christo die Rede, als dem rechten Hohenpriester. Zu Ihm sollen wir hinzugehen, wie man früher zum irdischen Hohenpriester hinzugegangen ist. Damit ist gesagt, daß wir in allen Anliegen, wie früher in den Tempel zum Priester (vergl. Hanna bei Eli), an Jesum uns halten sollen, der unser Vertreter und Fürsprecher bei Gott ist. Bei Ihm haben wir tägliche Vergebung der Sünden, und Versöhnung unter vorkommenden Fehltritten durch gläubiges und bußfertiges Bitten zu suchen. Ihm sollen wir Alles anbefehlen, von Ihm Alles hoffen. Namentlich sollen wir an dem "Bekenntnis der Hoffnung" zu Ihm festhalten, daß nämlich durch Ihn einmal Alles werde ausgeglichen werden und namentlich die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes werde zu erwarten sein. Schon früher hatte der Hebräerbrief (4, 16.), nachdem er von dem großen Hohenpriester, den wir haben, gesprochen hatte, nämlich "von Jesu, dem Sohne Gottes, der gen Himmel gefahren ist," gesagt: "Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfahen, und Gnade finden, auf die Zeit, wenn uns Hilfe Not sein wird." Auf diese Weise also sollten die Judenchristen zu Jesu hinzugehen, ohne etwas Anderes zu begehren, oder nach einem andern Hohenpriester, der ihnen jetzt doch nichts mehr geben könne, weil er als abgeschafft anzusehen sei, Sehnsucht und Scheelblick ferner zu haben.
Nun will aber doch unser Spruch noch weiter sagen, nämlich auf welche Weise Jeder hinzugehen soll zu Jesu, dem Hohenpriester; und man muß sich sehr in Acht nehmen, nicht zu glauben, als sei es bei jedem im sogenannten Glauben Hinzugehenden bereits so, wie der Spruch sage. Ist's mit dem Glauben ganz richtig, dann trifft Alles zu, wie es heißt: "Mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben, besprenget in unsern Herzen, und los von dem bösen Gewissen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser." Gerade das Erste: "Mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben," zeigt, daß der Spruch unter dem Gesichtspunkte einer Ermahnung an die Judenchristen aufzufassen ist, wie sie mit ihrem Hinzugehen bei ihrem Hohenpriester finden könnten, was sie bedürften. ZuZugleich beziehen sich die einzelnen Ausdrücke auf bisher Übliches und Gefordertes, als ein Vorbild von dem, wie man's geistlich dem entsprechend jetzt im Neuen Bunde zu tun habe. nächsten Blatte wollen wir das Einzelne näher beleuchten.
(Schluß folgt.)
135) Über Hebr. 10, 22.
(Schluß.)
Fortsetzung der Antwort. (s. Nr. 134). Wir haben nur noch das Einzelne des Spruchs, der von der Art, wie man zum Hohenpriester Jesus Christus hinzutreten soll, redet, zu besprechen. Wir müssen's zunächst mit Bezug auf Judenchristen auslegen, denen gesagt werden soll, wie ihr Bisheriges beim irdischen Hohenpriester geistlich auch beim jetzigen Hohenpriester sich finde. Ich setze den Spruch noch einmal her.
Hebr. 10, 22. "So lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben, besprenget in unseren Herzen, und los von dem bösen Gewissen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser."
Fünferlei wird den Judenchristen hier vorgehalten. Die zwei ersten Punkte sind zugleich mehr allgemein ermahnend.
1) mit wahrhaftigem Herzen, d. h. mit einem Herzen, als dem wahrhaftigen Opfer, das jetzt gefordert wird, statt der bisherigen vorbildlichen Opfer, welche sonst mit Tieren und anderen Gaben dargebracht wurden. Es bedarf keines anderen Opfers mehr, als daß man sein Herz Jesu entgegenbringe. Bisher mußte auch das Beste, woran gleichsam das Herz hing, geopfert werden; jetzt ist das Herz selbst zu opfern, das keines Andern mehr sein soll. Wer das tut, kann der vollen Gnade und Huld des Hohenpriesters versichert sein. Wie aber fortan das Herz das wahrhaftige und das alleinige Opfer ist, das vor dem neuen Hohenpriester Wert hat, so soll es auch wahr und lauter vor diesem stehen, nicht geteilt zwischen diesem und jenem Hohenpriester, nicht mit einem geheimen Zuge zu dem bisherigen, wodurch das Opfer an Jesum wertlos wird. Alle ihre Gebete sollen daher ein Opfer sein an den Hohenpriester, der sie ja mit Seinem Blute erkauft hat, daß ihnen nichts über Jesum, den wahrhaftigen Fürsprecher, gehen soll. Wie viel damit für die Christen überhaupt gesagt ist, liegt klar da. Mit halbem, oder geteiltem, oder gar heuchlerischem Herzen vor Jesum treten, ist eine Herabwürdigung dieses Hohenpriesters. Im Innersten des Herzens muß Alles lauter und wahr für Jesum allein sein.
2) In völligem Glauben, daß nämlich wirklich Jesus der ausreichende Hohepriester sei, der Alles zurechtbringen könne, und neben dem es keines Andern mehr bedürfe. Die Judenchristen dürfen nicht mißtrauisch oder zaghaft sein, als ob sie weniger gut fahren beim neuen Hohenpriester, oder als ob die Mitbenützung des irdischen Hohenpriesters noch erforderlich wäre, um an Jesu den vollen Fürsprecher zu haben, oder als ob das Opferblut Jesu erst durch das Blut der Opfertiere seine volle Kraft bekäme. Vielmehr soll der Glaube an Jesum ein völliger sein, daß in Ihm Alles zu haben sei, und Er in Allem Helfer und Fürsprecher sei auf Zeit und Ewigkeit. Fest und bestimmt sollen sie das glauben, ohne allen Zweifel und ohne alle Kleinmütigkeit. In unserer Zeit hat man mehr daran zu denken, daß man nicht sonst mit zweifelnden Gedanken zu Jesu komme, als ob Sein Opfertod und Seine Fürbitte nicht für alle Sünder und wider alle Sünden zureichend sei, und man der vollen Sündenvergebung bei Jesu nicht versichert werden könne.
3) Besprenget in unseren Herzen. Im Alten Bunde wurden die Opfernden, oder die zum Hohenpriester hinzutraten, besprengt mit Opferblut oder mit Wasser, oder mit der Asche der roten Kuh (9, 13), wodurch "die Unreinen zur leiblichen Reinigkeit geheiliget wurden," d. h. ein Recht bekamen, als Reine in den Tempel zu kommen, und in der Gemeine der Heiligen zu stehen, ohne daß völlige Reinigung und Heiligung der Herzen damit gegeben werden konnte. Dergleichen Vorbildliches ist jetzt nicht mehr nötig. Dagegen bedarf es einer geistlichen Besprengung der Herzen mit dem Blute Christi, das reinigt und versöhnt und eine unendlich erquickendere Besprengung gibt, als die frühere war, weil sie ins Herz dringt zu Ruhe und Frieden. Eine Besprengung, wird den Judenchristen gesagt, ist immer noch da, aber eine geistliche, weil sie eine Besprengung des Herzens ist. Aber daß sie dieser teilhaftig würden durch Buße und Hingabe an Jesu Opfer, das sollten sie sich angelegen sein lassen, weil sie, wenn besprenget in ihren Herzen, mit ihrem Hinzutreten zum Hohenpriester, oder mit allen ihren Bitten und Anliegen an Ihn, Ihm angenehm sein würden, und Ihn sich huldvoll machten. Für Weiteres hätten sie nicht zu sorgen. Uns in unsrer Zeit ist damit eine Andeutung gegeben, wie wir immer und immer wieder, wenn wir bittend zu Jesu kommen, Seines Opfers für uns eingedenk sein, und als durch Sein Blut besprenget in den Herzen vor Ihm stehen möchten. Der für uns Gekreuzigte muß uns allezeit vor Augen schweben, wenn wir bitten und beten.
4) Los von bösem Gewissen. Im Alten Bunde wurde wohl auch eine Vergebung der Sünden erteilt, teils allgemein durch den Hohenpriester am großen Versöhntage, teils besonders, indem man Sünd- und Schuldopfer darbrachte. Wer hierin treu war, durfte ohne Furcht und Zagen im Tempel vor dem Herrn erscheinen; aber das böse Gewissen wurde ihm nicht so ganz genommen, weil die Sünden nicht völlig vergeben werden konnten zum ewigen Leben. Der zeremoniell versöhnte Israelite wurde nur in dieser Zeit von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes getragen, wiewohl auf Hoffnung des Völligen, das mit Christo kommen sollte. Im Neuen Bunde, da der ersehnte Christus als gekommen angenommen wird, reinigt das Blut Jesu auch die Gewissen nach der Verheißung, weil der Sünden hinfort in Ewigkeit nicht mehr gedacht werden soll (Hebr. 8, 12). Das Blut Christi nimmt die Sünden völlig weg; und so kann auch das Gewissen los und frei werden. Mit dieser Zuversicht nun sollten die Judenchristen zu ihrem jetzigen Hohenpriester herzutreten. Indessen kommt's doch wieder darauf an, daß Jemand wirklich in der vollen Vergebungsgnade steht, wirklich vermittelst seines Glaubens an Christum los ist vom bösen Gewissen. Ist noch böses Gewissen da, d. h. unvergebene Sünde, sofern der Mensch für sich nicht genug getan hat zur völligen Vergebung, so steht derselbe zaghaft vor Jesu, so auch, wenn er's von dem bisherigen Hohenpriester will noch in etwas abhängig sein lassen. Ist überhaupt Unlauterkeit des Sinnes, der sich nicht gar als Sünder erkennen will, Ursache von noch vorhandenem bösem Gewissen, so ist Barmherzigkeit, Gnade und Hilfe, auch bei heißem Bitten und Flehen, nicht so leicht möglich, des Hohenpriesters Fürbitte nicht gewiß.
5) Gewaschen am Leibe mit reinem Wasser. Im Alten Bunde wurden viele Waschungen vorgenommen, bei vorkommenden äußerlichen Unreinheiten; und wer nicht die Weisungen, wie sie der Herr im Gesetz vorschrieb, beobachtete, durfte nicht in den Tempel, in die Gegenwart des Herrn, treten. Im Neuen Bunde geschehen nun solche Waschungen nicht mehr, als erforderlich zum Herzutreten zum Herrn im Gebet. Dennoch gilt ein an Christum gläubiger Israelite, schon um seiner Taufe willen und sonst, als ein am Leibe mit reinem Wasser gewaschener; und er darf sich als das ansehen, als wäre es ganz nach dem Gesetze, weil dieses nur Vorbildliches vorschrieb, auf das, was geistlich im Neuen Bunde erfüllt wird. Aber dessen ungeachtet gehört auch jetzt Aufmerksamkeit dazu, daß durch Buße und Ernst wider die Sünde, und durch Kampf wider den sündlichen Leib die geistliche Waschung geschehe, die durch die äußerliche einst vorgebildet wurde. Wer sich reinigt durch Kampf wider die Sünde, durch Buße Alles durch Christum gut macht und sonst sich lauter vor dem Herrn stellt, als Einer, der nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandeln will, so den Schmutz gleichsam von sich abwaschend, der gilt vor dem Herrn, wie einst ein Israelite, der, ehe er vor den Herrn im Tempel trat, seinen Leib mit reinem Wasser gewaschen hatte. Er gilt als rein, ohne die Waschungen, vor dem Hohenpriester, Jesu Christo.
Auf diese Weise ist Alles im Spruch (10, 22) in eine Beziehung zu setzen zu dem, was im Alten Bunde gewöhnlich war. Wie in diesem überhaupt Alles vorbildlich war, so auch das Verhältnis zum Hohenpriester. Ohne daher des irdischen Hohenpriesters ferner zu bedürfen, hat man in Christo Alles geistlich, und zwar wahrhaft, vollständig und völlig; und wer's gewissenhaft in Allem nach dem Geiste nimmt, darf alle Hilfe und Barmherzigkeit von Jesu erwarten in allen Anliegen Leibes und der Seele. So ist der Spruch aufzufassen; und so mag er auch dem Fragesteller verständlich, fruchtbar und belehrend sein.
136) Vom Fallen und Ausstehen.
Frage: "Ist es richtig, wenn behauptet wird: Das Leben der Christen verläuft ordentlicher Weise zwischen täglichem Fallen und Aufstehen. Das ist unabänderliche Tatsache, die bleiben wird und bleiben soll bis zu den Tagen des Gerichts?"
Antwort. Angesichts der heiligen Schrift liegen doch in obiger Behauptung Härten, die ich nicht nachsprechen möchte. Wir hören doch Paulum sagen: "Wie sollen wir in der Sünde beharren, der wir gestorben sind," nämlich dem Willen nach, wie ich kürzlich (Nr. 45 und 46) dargelegt habe. Ferner sagt er: "Wir sind Schuldner, nicht dem Fleische, daß wir nach dem Fleische leben; denn wo ihr nach dem Fleische lebet, so werdet ihr sterben müssen." An die Galater schreibt er von offenbaren Werken des Fleisches, und nennt unter diesen auch Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, und setzt hinzu: "Die Solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben." Sonst sagt er auch, wir seien "berufen, heilig und unsträflich zu sein in der Liebe." Wie nun zu solchen und anderen Stellen obige Behauptung passen soll, kann ich nicht verstehen. In der Schrift begründet ist sie nicht; und außerhalb der Schrift mag ich mich mit keiner Behauptung stellen.
Vor Allem aber wäre nachzusehen, was denn unter Fallen verstanden ist. Fallen ist doch schon eine wirkliche Sünde, eine wirkliche Übertretung eines Gebots. Es kann darunter nicht verstanden sein eine sündliche Regung, die der Christ hat, aber, wenn er aufrichtig ist, bekämpft, ehe sie zum Ausbruch kommt. Unzählige sündliche Regungen, auch Lüste, können unwillkürlich dem Menschen kommen; aber wenn Alles nur bei dem bleibt, daß er darunter geplagt ist, ohne daß er ihm den Lauf läßt, so kann man's nicht einmal Sünde, geschweige denn ein Fallen nennen. Wenn daher in jener Behauptung eben nur die jeweilig sich regenden Keime zur Sünde im Menschen verstanden werden, so sagt sie etwas ganz Anderes, als in ihr dem Worte nach liegt. Ich scheue mich aber, in einer so wichtigen Sache mich so inkorrekt auszudrücken, da man leicht drauf kommen könnte, Sünden aller Art dürften täglich vorkommen, wenn man nur auch täglich wieder aufstehe. Das tägliche Aufstehen beim täglichen Fallen verstehe ich auch nicht recht. Denn was soll es sein? Doch nicht das, daß man eine Weile nicht falle. Sind's wirkliche Sünden, so wird's mit dem täglichen Aufstehen kaum etwas Rechtes sein.
Es ist nun wohl wahr, daß es wenige Christen gibt, die nicht täglich wirklich sündigen, also fallen, wenn man nur das ansieht, daß nach Paulus auch Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten und Haß unter die Fleischeswerke gehört, die den Anteil am Reiche Gottes gefährden, also in die Buße kommen sollten. Wie Wenige erhalten sich aber davon frei? Ich sage weiter: Wer steht von dergleichen täglich auf? Diese Fleischeswerke nehmen Wenige in die Buße. Sie tun sie eben, und lassen's dabei bewenden; wo ist dann das Aufstehen? So ist's überhaupt ein Leben nach dem Fleische; und das kann doch nicht ordentlicher Weise sein. Müssen aber wirklich die angeführten Sünden sein? Muß es denn gehadert, geneidet, gezankt, gehaßt sein? Ich meine, ein aufrichtiger Christ könnte, wenn er wollte, das Alles wohl lassen. Aber freilich, dann gibt's auch Sünden, selbst wirklich fleischlicher Art; und auch Christen erlauben sich häufig Vieles, das, wenn's auch nicht das ärgste ist, - aber sehen dürfte man nicht immer Alles, - doch vor Gott Ehebruch ist. Darf man's leicht nehmen, indem man sagt, das Leben des Christen verlaufe ordentlicher Weise zwischen täglichem Fallen und Aufstehen? Soll das unabänderlich sein, und wirklich so bleiben, weil man sieht, daß es bei den Meisten so ist? Behüte! Nach der Schrift sollte eben doch Alles anders sein.
Wollen wir denn den Worten Johannis gar nichts für unsre Zeit lassen, wenn er sagt: "Wer von Gott geboren ist, der sündiget nicht, kann nicht sündigen, bewahrt sich, und der Arge wird ihn nicht antasten?" Sind wir etwa auch nicht in dem vollen Sinne von Gott geboren, wie die ersten Christen, welche neben einem völligeren Glauben auch den persönlichen heiligen Geist gehabt haben, so können wir doch immer durch die Gnade und Kraft Gottes so gestellt sein, daß wir nicht fündigen, sondern uns bewahren. Begreiflich ist dann unter Sündigen ein wirkliches Fallen verstanden, eine wirklich bewußte Übertretung eines göttlichen Gebots, auch eine ausbrechende Characterart, aus welcher die von Paulus ernstlicher tarierten feineren Fleischeswerke fließen. Sollte es einem aufrichtigen Christen nicht möglich sein, nicht nur auffallendere Sünden zu lassen, sondern auch gegen sündliche Aufwallungen jeder Art, oder Neigungen zu Geiz und Hochmut und Härte, zu kämpfen und wachsam zu sein? Warum muß er denn immer wieder Sünder werden, da er doch gar wohl aufhören könnte, Sünder zu sein, ja sich darüber freuen könnte, kein Sünder mehr sein zu müssen? Ich berufe mich auf die lieben Brüder selbst, welche obige Behauptung aufstellen, ob sie nicht doch eigentlich Alles, Feineres wie Gröberes, von dem Paulus sagt, daß es Werke des Fleisches seien, bei einem aufrichtigen Christen nicht mehr erwarten, und daß sie frappiert werden, wenn es bei demselbigen vorkommt. Wie oft sagen sie: "Das und das hätte ich bei dem oder der nicht mehr gesucht?" Sie schütteln darüber den Kopf, und meinen, der oder die hätten sich besser halten sollen. Sie setzen also die Möglichkeit eines Nichtsündigens voraus; warum fordern sie denn nicht die Wirklichkeit und machen das Fallen und Aufstehen zu einer geordneten, unabänderlichen Sache? Einen feineren Merks hat da freilich oft die Welt, welche ernstlicheren Christen nicht so viel erlaubt, als diese oft sich selbst untereinander. Ist es bei den Meisten anders, daß sie mehr sündigen, als nicht sündigen, trotz des Glaubens, in dem sie stehen wollen, so zeugt das nur davon, daß es mit dem Christentum unsrer Zeit im Ganzen nicht viel ist, beweist aber keineswegs, daß das Fallen oder Sündigen unabänderlich sei, und bleiben solle, gar ordentlicher Weise. Freilich, weil wir in einer Welt sind, die im Argen liegt, da wir mit sündigen Menschen und Teufelstücken aller Art in Konflikt kommen, kann uns im Gedränge, in der Übereilung, in der Unvorsichtigkeit Mancherlei begegnen, ob dem wir vor uns zu Sündern werden. Aber gewiß hat da der Herr oft Nachsicht gegen uns, daß Er's gerade nicht als ein Sündigen wider Ihn nimmt. Andererseits beugt's den aufrichtigen Christen hintennach so, daß er auch darum den Charakter eines Sünders verliert. Rühmen wird er sich eines Nichtsündigens nie, sondern immer der Gnade, die Gottlose selig macht.
Der Fragesteller bezieht sich mit seiner Frage auf die neue Lehre, die aufgekommen ist, der er das Wort reden möchte, daß sie nicht darum falsch wäre, weil sie vollkommene Heiligung darbiete, die freilich, wie mit magischem Zwang, sich schnell machen solle, und bei der Viele sagen, so und so lange haben sie nicht mehr gesündigt. Ich meine aber, wir brauchen diese neue Lehre nicht, um nicht zu sündigen, und haben sonst richtigere Anleitung in der Schrift, um dazu zu kommen, daß wir nicht sündigen. Ich fürchte, mit jener neuen Lehre, welcher doch der rechte Ernst und Kampf fehlt, werde man leicht ein übertünchter Heiliger, der das gerade nicht ist, dessen er sich rühmt. Das Rühmen von sich selbst ist überhaupt nicht des ernsten Christen Sache. Paulus, nachdem er gerecht geworden war durch den Glauben, rühmte sich (Röm. 5, 1 ff.) des Friedens mit Gott, der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, auch der Trübsale, - seiner Heiligung rühmte er sich nicht. Ich halte es mit ihm, auch rücksichtlich der Weisung, die er gibt, wenn er von sich sagt (1 Kor. 9, 27): "Ich betäube meinen Leib, und zähme ihn, daß ich nicht den Andern predige, und selbst verwerflich werde." O, was haben wir doch an der Schrift? Wozu denn Neues, oder gar künstliche Griffe, wie man sagt, daß sie das Neue habe?