Glaubensfragen
III. Beantwortung von Fragen.
1) Das Hassen des Vaters und der Mutter.
Frage: Wenn der Herr Jesus Seine Jünger Vater und Mutter etc. hassen heißt, was sagt Er damit?
Antwort: Allerdings hat der Herr Solchen, die als Jünger Ihm nachfolgen wollten, ernste Worte ans Herz gelegt; und gar Viele haben keine Ohren für das, was von ihnen gefordert wird, wenn man es ihnen nicht mit den erschütterndsten Worten sagt. Nun ist nichts für den Glauben und die Bewährung des Glaubens gefährlicher, als wenn man sich durch Rücksichten auf Angehörige, die sonst, auch nach dem Willen Gottes, hoch zu achten und zu ehren sind, nachsichtig und weich machen läßt, bis zum Zurücktreten und Abfall. Rücksichten auf Vater und Mutter, die sonst in Allem zu nehmen sind, können Anlaß werden für Viele, sich ihres Berufes in Christo ganz unwürdig zu zeigen. Deswegen sollen nach dem Willen des Herrn auch die natürlichen Bande verleugnet werden, wenn sie versuchlich sind für die Nachfolge Christi. Der Herr selbst ist mit seinem Beispiele vorangegangen. Als einmal Seine Mutter und Seine Brüder ihn von Seiner Arbeit abrufen wollten, sagt Er: "Wer ist meine Mutter? und wer sind meine Brüder", andeutend, nach diesen habe Er jetzt nichts zu fragen. Weil denn auch in der ersten Zeit Jünger, die ihm nachfolgten, den Ruf bekamen, ganz sich dem Dienste des Reiches Gottes zu widmen mit Hingabe all des Ihren, so galt für sie auch das Wort im Gesetze, das vornehmlich den Priestern galt und also lautete (5 Mos. 33, 9. 10): "Wer zu seinem Vater und zu seiner Mutter spricht: Ich sehe ihn nicht, und zu seinem Bruder: Ich kenne ihn nicht, und zu seinem Sohne: Ich weiß nicht, - die halten Deine Rede, und bewahren Deinen Bund, die werden Jakob Deine Rechte lehren, und den Israel Dein Gesetz, die werden Räuchwerk vor Deine Nase legen und ganze Opfer auf Deinen Altar." Mit Rücksicht hierauf hat der Herr Jesus zu dem, der zuvor Abschied nehmen wollte von den Seinen, gesagt (Luk. 9, 62): "Wer seine Hand an den Pflug leget, und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes", d. h. das Reich Gottes zu verkündigen. Und zu dem, der sprach: "Herr erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe", sagte Er (Luk. 9, 59. 60.); "Laß die Todten ihre Todten begraben; gehe du aber hin, und verkündige das Reich Gottes." Wenn es hieß: "Jesu nach!" so wars das Höchste, was von einem Menschen gefordert werden konnte, dem alles Andere nachzusetzen war. Da sollten alle Rücksichten auf Vater und Mutter, auf Brüder und Schwestern, auf Weib und Kinder aufhören, wenn sie wollten ein Hindernis gegen die Nachfolge Jesu werden. Mochten denn auch die Angehörigen mit Tränen nachrufen: "Willst du uns denn verlassen, lieber Sohn oder Bruder? Hast du uns denn nicht mehr lieb, hassest du uns gar?" so sollte ein treuer Jünger Jesu kein Ohr für solche Bitten haben, und kein Auge für ihre Tränen, sondern festen Muts und unerbittlich bei der Nachfolge Jesu bleiben. Wer's nun so machte, bei dem hatte es das Ansehen, als hassete er Vater und Mutter etc., da er ja gar nichts mehr nach ihnen zu fragen schien, was sie auch dabei denken, und welche Folgen es für sie haben mochte. Um es recht nachdrücklich zu verstehen zu geben, daß man unter Umständen es so wirklich machen solle, sagte der Herr (Luk. 14, 26): "So jemand zu mir kommt, und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben", (d. h. und ist nicht des Sinnes, daß er, wenn es um meinetwillen nötig wird, alle anderen Rücksichten fahren lassen kann), "der kann nicht mein Jünger sein", oder "den kann ich nicht zu meinem Dienste brauchen." Begreiflich kann solches Wort allgemeinere Bedeutung bekommen für jeden Christen.
In der Anwendung eines solchen Spruches in unsrer Zeit aber muß man sehr vorsichtig sein, daß man nicht dennoch wider Jesum handle. Da kann es vorkommen, daß Jemand mit eifrigster Begier irgend Lehrern, auch unberechtigten Lehrern und Sectirern, anhängt, trotz des Widerstandes von Seiten der Angehörigen, und daß er mit Berufung auf den Spruch, daß man Vater und Mutter verlassen, gar hassen solle, nichts mehr um die Eltern sich bekümmert, ohne zu bedenken, daß es da nicht Jesus ist, der ruft, sondern irgend wer, und daß man Jesu nachfolgen könne, ohne Anhänger von diesem oder jenem zu werden. Davon aber kann nie die Rede sein, daß das vierte Gebot: "Du sollst Vater und Mutter ehren", durch Jesum sollte aufgehoben worden sein. Wie straft nicht der Herr die Pharisäer, wenn sie, unter dem Vorgeben, daß es dem Vater und der Mutter nützlicher wäre, das, was sie ihnen zum Lebensunterhalt zu geben verpflichtet sind, zu opfern, die Gebühr entzogen, indem Er sagt: "Damit geschieht es, daß Niemand hinfort seinen Vater oder seine Mutter ehret, und habt also Gottes Gebot aufgehoben, um eurer Aufsätze willen." So können Manche unter dem Vorwand, Gotte und nicht der Welt dienen zu wollen, ungebührlichen Widerstand gegen ihre Eltern erheben. Unter den jetzigen Verhältnissen mag es nicht leicht zu rechtfertigen sein, wenn Jemand, unter dem Vorgeben, Jesu treu sein zu wollen, diese zu betrüben und zu verletzen und mißzuachten sich herausnimmt, dabei Eigensinn, Trotz, Ungehorsam, störriger Sinn nur zu leicht die Hauptrolle spielt. Wenn einmal die Zeit wieder kommt, da mit Bezug auf das Bekenntnis Jesu ein Ja oder Nein von den Bekennern gefordert wird, da mag in vollem Sinn das Wort Jesu wieder gelten (Luk. 14, 26): "Wer nicht hasset seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein."
Noch mag bemerkt werden, daß die Schrift, wenn sie von Hassen und Lieben redet, meist nicht von den Affekten oder von den Empfindungen des Hasses oder der Liebe redet, sondern von einer Handlungsweise, die auf Hassen oder Lieben schließen lassen kann. Dies wird am Deutlichsten mit dem Worte im Propheten Maleachi (1, 2. 3) erklärt, da Gott sprach: "Jakob habe ich geliebet, aber Esau habe ich gehasset." Hier kann nicht von Empfindungen des Hasses und der Liebe, die Gott gehabt hätte, die Rede sein, da sich's auf eine Zeit bezog, da die Beiden noch nicht geboren waren. Vielmehr hat Gott den Jakob damit geliebt, daß Er ihn zum Stammvater des Volkes Gottes erwählte, ohne gerade mehr Empfindungen der Liebe gegen ihn zu haben, als gegen Esau, gleichwie umgekehrt Esau damit gehaßt wurde, daß er zunächst vom künftigen Gottesvolk ausgeschlossen wurde, ohne daß Gott einen besondern Haß gegen ihn gehabt hätte. Gott hatte Seine Gründe, warum Er nicht beide zu Stammvätern des Einen Volkes, das werden sollte, haben wollte; und der, den Er dazu haben wollte, erschien als der Geliebte, der andere als der Gehaßte. Daß Gott sonst auch auf Esau liebende Rücksicht nahm, ist aus Mancherlei in der Geschichte zu ersehen, wie namentlich daraus, daß Israel von den Edomitern, den Nachkommen Esau's, weichen mußte, als diese sogar bewaffnet ihm den Durchgang durch ihr Land verwehren wollten (4 Mos. 20, 14-22; vgl. auch 5 Mos. 23, 7).
2) Unvergebenes Unrecht.
Frage: "Hat es für einen Menschen auch für sein jenseitiges Leben Bedeutung, wenn er ein Unrecht, das er Andern getan, zwar bereut, aber von diesen keine Vergebung wegen desselben zu erhalten sucht?
Antwort: Was für ein jenseitiges Leben des Menschen, frage ich zunächst, ist gemeint, wenn ein Benehmen hienieden für dasselbe soll eine Bedeutung haben? Es kann doch nicht das Leben der Seligkeit sein, welches schließlich in vollkommenster Art eintreten soll. Denn da muß und wird Alles vollständig bereinigt sein, daß keinerlei Feindschaft und widrige Empfindung der Seligen wider einander mehr Statt finden, und Alles, was hienieden gekränkt hat, in alle Ewigkeit vergessen sein wird, auch dem, der Unrecht getan hat, wenn er dahin kommt. Unter dem jenseitigen Leben kann also nur das Jenseits verstanden sein, welches mit dem Tode beginnt und bis zur Auferstehung fortdauert, auf welche das Gericht folgen soll. Solches jenseitige Sein kann man aber nicht das jenseitige Leben des Menschen nennen. Zwar sagt der Heiland: "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe", also gleich nach dem Tode leben; aber wenn bei Jemanden in dieser Weise das Leben nach dem Tode anfängt, so ists vorläufig schon ein wirkliches seliges Leben, für welches ein Benehmen hienieden auch keine weitere Bedeutung hat, weil dann alle Sünde vergeben ist. Das Sein im Jenseits also kann man für den, bei dem noch etwas übel nachwirkt, nicht sein jenseitiges Leben nennen, weil zunächst auch keine Entwicklungen möglich sind, wie sie ein Leben erforderte. Offenbar hätte die Frage anders gestellt werden sollen etwa so: "Hat es für einen Menschen auch für sein nächstes Jenseits und das ihm bevorstehende Gericht eine Bedeutung, wenn er ein Unrecht, das er Andern getan, zwar bereut, aber von diesen keine Vergebung wegen desselben zu erhalten sucht?" Die Frage hat zugleich ihr Absehen darauf, ob der Glaube an Christum, den Versöhner unsrer Sünden, der mit Vergebung der Sünden für die Gläubigen einsteht, alle Bedeutung auch eines solchen Unrechts aufhebe, das man zwar bereut, aber wegen dessen man keine Vergebung bei dem Unrechtleidenden nachgesucht habe.
Im Allgemeinen wird man sagen können, daß auch für die, welche schließlich um ihres Glaubens an Jesum willen selig werden, nicht ganz bereinigte Sünden nach ihrem Tode zunächst noch könnten etwas zu bedeuten haben. Wenn das nicht wäre, so hätte es ja nicht viel zu besagen, ob man viel oder wenig Eifer für seine Erneuerung anwende, viel oder wenig Fleiß tue in der Heiligung, wenn man nur durch den Glauben die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, wie man denkt, gewiß habe. Auch würde die Ermahnung Petri (2 Petr. 3, 14) wenig Bedeutung haben, wenn er sagt: "Darum tut Fleiß, daß ihr vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfunden werdet." Das sagt er wohl von denen, die noch leben, wenn der Herr kommt; aber wenn es für diese Uebelstände nach sich zieht, wenn sie's haben in Manchem fehlen lassen, so seufzen gewiß die bis dahin Gestorbenen unter mancherlei Uebelständen, wenn sie nicht unbefleckt und unsträflich im Frieden abgeschieden sind, auch wenn für sie, wie für jene Lebende, nicht gerade Alles sollte verloren sein. Wenn ferner Petrus (2 Petr. 1, 11) Rat gibt, wie man sich verhalten solle, damit "reichlich dargereicht werde der Eingang zu dem ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi," so liegt darin ein Wink, daß es auch nicht reichlich, mithin mangelhaft, und dann nicht ohne Erleidung von Strafen, ausfallen könne, ohne daß gerade Verdammnis die Folge ist.
Der Glaube an die Versöhnung durch Christum sichert also nicht unbedingt vor mancherlei üblen Zuständen, die dem Tode nachfolgen könnten, wenn der Gläubige an der Erneuerung seines Wesens durch Buße und Glauben es hat wesentlich fehlen lassen. Es mag mit Vielen, die wir hienieden oft selig preisen um ihres Glaubens willen, seltsam aussehen in ihrem Jenseits, zumal wenn sie über ihr ganzes Nichts nicht innerlich gebrochen gewesen sind, obwohl sie Einzelnes bereut haben. Mitunter haben die Gläubigen eine eigene Art von Selbstgerechtigkeit, bei der sie sogar die Gerechtigkeit Christi zu ihrer Selbstgerechtigkeit machen, und, sich im Glauben ansehend und sicher stellend, den eigentlichen Stand ihres Wesens vor Gott ziemlich außer Acht lassen, während doch so bestimmt gesagt ist, "wir seien durch Christum erwählet, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor Ihm in der Liebe" (Eph. 1, 4), oder wie die Schrift sonst sich ausdrückt. Wenn es ferner heißt (Gal. 6, 7. 8): "Irret euch nicht, was der Mensch säet, wird er ernten; wer auf sein Fleisch säet, wird vom Fleisch Verderben ernten," (nicht das Verderben, also nicht gerade gleich die Verdammnis, aber doch Verderben und Schaden, (vergl. 1 Kor. 3, 15); so ist das zu Gläubigen gesagt, daß sie nicht um ihres Glaubens willen, wie der auch sei, zu sicher sein sollen. Ist nun Jemand doch nicht gerade verloren, wie dieses selbst bei dem nicht sein sollte, den Paulus "dem Satan übergab zum Verderben des Fleisches" (1 Kor. 5, 5), in welche Zeit soll dann das Verderben, das er erntet, fallen? In welche Zeit soll für das Mangelhafte, das in der Bekehrung gewesen und geblieben war, ohne recht in die Buße gekommen zu sein, die Strafe fallen, die auf so Vieles nach dem N. Testamente gesetzt ist, trotz eines Glaubens an Jesum? Da darf man denn wohl an das denken, daß man möglicherweise im Jenseits noch Vieles büßen, und viele Unseligkeit und Pein erleiden müsse, bis an den jüngsten Tag, da es wieder in Frage kommt, ob sonst der sogenannte Gläubige noch angenommen werden könne oder gar als Uebeltäter weggeworfen werden müsse (Matth. 7, 23). Man darf sich also wohl hüten, daß man sich nicht einer gewissen Leichtfertigkeit schuldig mache, bei der man jeden Glauben nur gleich als ausreichend sich denkt für den Empfang der höchsten Seligkeit. Denn gewaltige Enttäuschungen könnte das drüben zur Folge haben (vergl. Matth. 7, 21-23).
In der angeführten Frage nun soll beantwortet werden, ob auch das, wenn Einer ein Unrecht, das er an Andern getan, zwar bereut, aber von diesen keine Vergebung wegen desselben zu erhalten sucht, Uebelstände im Jenseits nach sich ziehen könne, einerseits für das Befinden in der Zwischenzeit bis zum Gericht, andererseits für die Verhandlungen im Gericht selbst. Mit kurzem Ja oder Nein läßt sich aber diese Frage nicht beantworten. Ein Bereuen freilich will oft nicht viel sagen, namentlich wenn man nichts davon äußert. Sonst kommt sehr viel darauf an, welcher Art das Unrecht ist, das man getan, ob ein solches, das nachhaltige und bedeutsame Folgen für die Andern gehabt hat und hat, oder ein solches, da man nur vorübergehend wehe getan hat, da es auch die andern bald wieder vergessen haben, - auch darauf, ob man böse Absichten gehabt hat, oder nur aus Uebereilung zu einem Unrecht gekommen ist, - ferner darauf, ob man nicht ein Unrecht an einem Andern erst damit recht zum Unrecht mache, daß man ängstlich und gesetzlich kommt und um Verzeihung bittet, - wiederum darauf, ob man nicht überhaupt aus übel ärger macht, wenn man ihm Nachklänge gibt, - dann ob ein Unrecht wirklich gut gemacht werden kann, sofern Wiedererstattung und Anderes mit eintreten sollte, zu der man doch die Mittel nicht hat, - auch ob der Andere ein Verständnis hat für eine ihm entgegenkommende, versöhnliche Rede. Kurz man kann's zu leicht nehmen, und kann auch zu ängstlich sein. Man kann mit Recht einen Gewissensdruck fühlen, kann aber auch unnötigerweise sich plagen, als ob es so schwer halte, volle Vergebung der Sünden zu bekommen, ehe man Alles bis aufs Kleinste und Pünktlichste wieder gut gemacht habe. Man kann in ein dem Glauben widersprechendes gesetzliches Wesen hineinkommen, bei dem es eigentlich doch auch wieder an der rechten demütigen Buße vor Gott fehlt, wie auch an der Erkenntnis der unverdienten Gnade, indem man sich ein gewisses Recht zur Vergebung bei Gott erwirken möchte.
Es würde uns zu weit führen, die hier denkbare Fälle alle aufzuzählen und zu besprechen, zumal mancher Einzelfall auch wieder einer besonderen Beherzigung und Behandlung bedarf, was der speziellen Seelsorge angehört. Das Wichtigste ist, daß man nichts versäume, Liebe und Freundschaft, wenn getrübt, wieder herzustellen. Ist diese da, auch ohne Besprechung des vorgekommenen Unrechts, so darf man sich frei über Vieles beruhigen, wenn nur das Unrecht nicht wiederholt wird, weil dann der Andere als den Vergebenden sich zeigt; und vergibt der, so ist's auch in etwas eine Vergebung vor Gott, daß der Unrechttuende nichts weiter für sein Unrecht zu fürchten hat. Am Ende muß doch Alles sich bereinigen lassen, wenn's beim Gläubigen, wie etwa Angesichts des Todes, zu völliger Buße vor Gott und alleinigem Erfassen der Gnade Gottes in Christo Jesu kommt, wie beim Schächer am Kreuz, der mit Jesu ins Paradies kommen darf, ohne das viele Unrecht, das er auf Erden getan, wieder gut gemacht, oder bei irgend Jemanden eine Vergebung nachgesucht zu haben. Der Heiland hat ja schließlich auch mit den Andern ein Wörtlein zu reden; und blieben diese bei der Unversöhnlichkeit, weil der Unrechttuende nicht demütig vor sie hergekrochen ist, so fiele Alles mehr auf ihren Kopf. Indessen gibt es doch Fälle, da bestimmte Aussöhnung nötig ist, und nicht Alles in der Stille sertig werden kann. Wir sehen das deutlich an dem Wort Jesu in der Bergpredigt, da Er sagt (Matth. 5, 23-25): "Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst" (also überhaupt auch betend vor Gottes Angesicht treten willst)," und wirst allda eindenken, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe. Sei willfertig deinem Widersacher bald, dieweil noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher nicht dermaleins überantworte dem Richter und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen." Das sind doch wieder ernste Worte, welche Einer, den das Gewissen zupft wegen begangenen Unrechts, nicht so gar in den Wind schlagen darf. Im Jenseits sind gleich vorläufige Richter da, und an Kerkern fehlts dort auch nicht.
3) Von Separation.
Frage. Wo liegt im Bekenntnis einer kirchlichen Gesellschaft die Grenze, welche eine Separation rechtfertigt und verlangt?
Antwort: Wer ist, frage ich zuerst, die kirchliche Gemeinschaft, welche Veränderungen im Bekenntnis macht? Sinds sämtliche Glieder solcher Gesellschaft, die darüber einig werden, oder ist's nur ein gewisser Teil, die Mehrheit oder die Minderheit, der kirchlichen Gemeinschaft, die Höheren oder die Niederen derselben? In der Regel wird man sagen können, wenn man auch die Geringen etwas gelten läßt, daß doch bei Weitem der größte Teil der Gemeinschaft nicht einig ist in freien Veränderungen des Bekenntnisses. Das schlichte Volk will in Einfalt bleiben bei dem Herkömmlichen, das ihm von Kind auf durch Erziehung im Leben und Leiden lieb und heilig geworden ist. Dieser Tage habe ich gehört, daß der sogenannte Protestantenverein, welcher bekanntlich das Bekenntnis mehr oder weniger frei geben will, im Ganzen 24,000 Unterschriften zähle; und davon fallen allein auf eine gewisse kleine Provinz Deutschlands 18,000. In der letzteren nun, da aber auch die niedrigeren Klassen sich nicht sonderlich herbeigelassen haben, wird am Meisten gerüttelt am bisherigen Bekenntnis; und da hat man es namentlich gegen den apostolischen Glauben, der nahezu bis an die Zeit der Apostel hinaufreicht. Derselbe fängt an mit den Worten: "Ich glaube einen allmächtigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erde," und zählt dann hauptsächlich die Tatsachen auf, die an die Person Jesu sich anschließen, und welche die eigentliche frohe Botschaft des Evangeliums ausmachen. Ich setze sie her. Es lautet:
"Ich glaube au Jesum Christum, den eingebornen Sohn Gottes, unsern Herrn, der empfangen ist von dem heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, der gelitten hat unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben und begraben, ist abgestiegen zu der Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Todten, aufgefahren gen Himmel, da sitzet Er zu der Rechten Gottes, Seines allmächtigen Vaters, von dannen Er wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten."
Dieses Bekenntnis wollen sie im kirchlichen Gottesdienst, wie bei der heiligen Taufe, und in Schulbüchern ausgeschlossen haben, und in jener Provinz mit dem Vorgeben, dasselbe stoße gegen die Sittlichkeit an. Gesetzt, es geschieht solches, sei's dort oder sonstwo, wer tut das? Tut's die kirchliche Gemeinschaft im Ganzen? Lassen wir's dort jene 18,000 machen, ist das die ganze Bevölkerung jener Provinz? Wird nicht vielmehr die Zahl derer, die am alten Bekenntnis festhalten, oder die wenigstens nicht wagen, sich gegen dasselbe aufzulehnen, oder die in einer Gleichgültigkeit hinleben, aus welcher sie doch näher haben zur Wahrheit, viel größer sein, als die Zahl derer, die nun stürmisch gegen den altherkömmlichen Glauben anlaufen? Nicht einmal jene 18,000 sind mit voller Entschiedenheit dabei; und Viele wären bald anders gestimmt, wenn man sie recht anzufassen wüßte. Es sind immer nur einzelne Wühler, die mit tyrannischer Gewalt ihren Unglauben Andern aufdringen wollen, und denselben nach ihrer Stellung zum Gesetz zu erheben trachten, keineswegs die wirkliche kirchliche Gemeinschaft.
Hieraus geht nun wohl hervor, daß man sehr vorsichtig sein muß mit Separationen, um des von oben her mißachteten Bekenntnisses willen, damit man nicht ungerecht und lieblos werde gegen die Vielen, die doch noch einen Zug zum rechten Bekenntnis haben. Es können wohl Gläubige, ohne sich den Schein zu geben, als ob sie sich über Andere erheben wollten, zu Vereinen und Zusammenkünften sich verbinden, um mit einander ihres Glaubens sich zu trösten, wenn sie von der Kanzel herab sollten ungetröstet bleiben. Sie können sich in ihren Familien erbauen und zum rechten Glauben ermuntern, können ihre Kinder anhalten, unterweisen und fördern durch allerlei Mittel, die ihnen zu Gebot stehen, um vor dem Unglauben sie zu verwahren und vor falscher Lehre zu warnen, auch um für sich vor Gott und Menschen bekenntnistreu zu erscheinen; und hört man in Kirche und Schule nicht mehr den apostolischen Glauben, weil's an dem vornehmlich hängt, so kann jeder Hausvater um so mehr sein Kind zum Vaterunser auch den Glauben hersagen lassen, wie das in der ersten Zeit der Reformation nach Luther's Vorgang gewesen ist. Da hätte ja immer noch, wer wollte, das Bekenntnis; und vielleicht weil man solches Bekenntnis hatte und nicht achtete, hat es der Herr geschehen lassen, daß das von der Mehrzahl fast in den Winkel Geworfene nun endlich angetastet werden durfte.
Wir sehen, wenn man mit Herz und Tat treu bleiben will, braucht's keiner Separation; und eine Grenze, hinter welcher es nicht auszuhalten wäre, ist noch nicht da, wenn auch ein einstweiliges Fernbleiben von Kirchen, in welchen der rechte Glaube nicht nur annulliert, sondern gar gelästert wird, nicht zu verargen wäre. Separation nämlich wäre es, wenn eine förmliche Austrittserklärung aus der Kirche abgegeben, und eine aparte neue kirchliche Gemeinschaft, - oder wollte man sich gar auf nichts separieren? - gebildet wird, gegenüber der allgemeinen, der man bisher angehört hatte. Damit wird ein förmlicher Riß in's Ganze gemacht. Was ist aber die Folge davon? Die Stillen und Seufzenden im Lande, die nicht so schnell mit dringlichem Eifer an die Separierten sich anschließen könnten, weil ein gewisses Etwas mit Recht sie zurückhält, fühlen sich alle gekränkt, beleidigt, über die Achsel angesehen, jedenfalls von ihren Besseren verlassen, mit welchen ihnen fernere Gemeinschaft sehr erschwert scheint. Die Separation ist demgemäß kaum gerechtfertigt, noch weniger verlangt. Wenn man's genau bedenkt, spielt beim Gelüste nach Separation nur zu häufig Allerlei mit, was nicht taugt: Eigenliebe, Selbstgefälligkeit, ungebührliches Hervortreten, fleischlicher Eifer, Rücksichtslosigkeit für's Ganze und Einzelne, auch Lieblosigkeit, jedenfalls unpriesterlicher Sinn. Nicht immer wird die Ehre Gottes gewahrt, wenn man unter dem Schein, bekenntnistreu zu sein, eigene und die Liebe verletzende Wege einschlägt. Auch denen im Alten Bunde, welche selbst Götzenaltäre am heiligen Orte aufgerichtet sehen mußten, blieb nichts als Seufzen übrig und Harren auf bessere Zeiten. Separationen wurden dort nie gemacht. Bekenntnistreu ist der, welcher da, wo man sein Bekenntnis übel nimmt, ausharrt, und unter Leugnern und Spöttern fest sich stellt, daß er durch nichts von seinem gläubigen Standpunkt sich abbringen läßt, und sich nicht scheut, ein Schaf mitten unter Wölfen zu sein. Die Andern, die nur gleich den Reißaus nehmen, um nur mit denen zu schaffen zu haben, die ihr Bekenntnis ehren, sind feige oder pochend, und können nach manchen Seiten hin gar Verräter an der guten Sache werden, während sie die, welche mit Geduld und Treue in schweren Abfallszeiten ohne Separation ausharren, mit einiger Verachtung ansehen.
So lange also eine kirchliche Gemeinschaft das ächte Bekenntnis nicht geradezu verbietet, sondern es nur gestattet, etwa auch, den Ungläubigen zu Gunsten, mit Ausmerzung des Glaubens in Kirchen- und Schulbüchern, daß jeder denken, reden, auch predigen dürfe, wie es ihm beliebe, mag Niemand vor Gott das Recht haben, sich zu separieren. Man denke sich die vielen Uebelstände, welche förmliche Separationen nach sich ziehen. Der nächste Uebelstand ist der, daß man für immer Scheidungen macht, die doch eigentlich nicht wären. Man scheidet sich von Unzähligen, die man dann etwa als Ungläubige nimmt, mit denen man aber ganz gut im Glauben einig fortleben, und unter denen man, wenn man freundlich sich zu ihnen stellt, ungemein viel wirken könnte. Die Separation schneidet von Letzterem Vieles, ja Alles weg, zumal sie eben auch wieder etwas Stagnierendes, nichts Lebenskräftiges zu werden droht, mit einer Langenweile ohne Wachstum, wie man's ja bei schon vorhandenen Separationen finden kann. Dennoch behält sie eine Dauer. Denn wenn sich einmal eine separierte Gemeinschaft gebildet und konstituiert hat, so gibt sie sich nicht leicht dazu her, sich wieder aufzulösen, wenn es sich mit der allgemeinen Kirche wieder besser gestaltet. Wie schnell aber kann sich das Ganze Alles wieder ändern, weil doch die Mehrzahl besser denkt, oder für's Bessere empfänglich bleibt! Vom Nichts aber können Leute, die schon etwas hatten, doch nicht in die Länge leben. Wie mit Gewalt drängt sich's ihnen wieder auf, daß sie mit Begierde und Heißhunger dem Verlorenen zueilen. Gesetzt nun, es käme wieder besser, so würde der Eigensinn vieler Separierten doch nimmermehr einer Rückkehr zur allgemeinen kirchlichen Gemeinschaft das Wort reden; und der Riß bliebe also auf Kind und Kindeskinder. Denkt man ferner an die vielen Zerwürfnisse und Streitigkeiten, die es in den Familien und unter der ganzen Bevölkerung gibt, wenn Separationen aufkommen, da man dann auch bald wahrnehmen kann, daß die Separierten im Allgemeinen keineswegs so viel bessere, demütigere, göttlicher denkende und handelnde Christen sind, als die Andern; was ist dann da durch die Separation gewonnen für das Reich Gottes, oder nur auch für den Einzelnen? Im Bekenntnis selbst also, da man ja dieses Niemanden rauben kann, liegt keine Grenze, von welcher an die Separation gerechtfertigt oder verlangt wird. Selbst wenn es so weit käme, was aber vor der Hand noch nicht zu fürchten ist, daß man das Bekenntnis gar aus dem Gedächtnis der Christen ausmerzen wollte, und Jeden vor Gericht zöge, der am alten Bekenntnis bliebe, und nicht einem neu aufgekommenen Antichristlichen huldigte, so darf man noch nicht sich separieren, wiewohl dann dieses nichts mehr nützen würde. Ausharren soll der treue Christ und nie zu einer Separation aus eigener Wahl sich hergeben, weil er mit ihr sich die Sehnen abschneidet und zu weiterer Wirksamkeit sich nahezu untüchtig macht. Werden wir freilich einmal, wie in der antichristlichen Zeit geschehen mag, durch Andere separiert, in die Luft und ins Grab, wie sie einst Jesum von sich separierten, so ist das eine Separation, zu der man wider Willen kommt, und der man sich nicht mehr erwehren kann.
Besonders ungeschickt ist es, wenn Geistliche, die es geschehen lassen müssen, daß man von oben herab das Bekenntnis preisgibt, somit auch den Ungläubigsten eine rechtliche Stellung im geistlichen Amte läßt, sagen, in einer solchen Kirche können sie nicht mehr mit gutem Gewissen ihr Amt bekleiden. Wie aber, lieber Bruder? Gesetzt, um dich her predigen alle Geistlichen den Unglauben, was hindert dich das, den Glauben zu predigen? Oder ist's eben darum überflüssig, daß du ihn predigst? So lange dir's erlaubt wird, ganz frei nach dem altherkömmlichen Glauben die Gemeinde zu unterweisen, bist du nicht ein Mietling und ein Verräter an deinem Heilande, wenn du deinen Posten verlässest, da du doch noch deinem Heilande etwas zu Ehren tun kannst? Hast du ein besseres Gewissen, wenn du abtrittst und einem Anderen Platz machst, der nun auch den Unglauben predigt und in diesen deine Gemeinde zu verflechten droht? Offenbar ist dir nichts Anderes zu sagen und zu raten, als daß du ausharrst und mit desto größerem Ernst und Eifer deinen Heiland preisest. Tut's Keiner mehr, so tust's doch du noch. Was sage ich? Gesetzt, sie verbieten dir's einmal, so zu predigen, wie Christus und die Apostel dich's gelehrt haben, und befehlen dir's, einen etwa neu aufkommenden Glauben, den Irrglauben des Antichrist's, hinfort zu verkündigen, so sollst du dennoch nicht fortgehen, dich nicht separieren, sondern sollst bleiben, und nach deiner Weise fortmachen, nicht von der Stelle weichen, bis sie dich fortjagen. Jagen sie dich fort, so gehst du an die Zäune und auf die Straßen und verkündigst das Heil in Christo, wie du's gelernt und erfahren hast, ob sie dir auch mit Gefängnis und Tod drohen. Wer's nicht so macht, der ist's, von dem der Heiland sagt (Joh. 12, 25): "Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren." Eine Separation ist nie gerechtfertigt und nie als Pflicht verlangt, es sei denn, daß nicht du dich separierst, sondern sie dich separieren, wie sie das nun tun mögen.
So meine ich's, - will aber Niemand richten.
4) Die Geisteslästerung.
Frage: "Was ist unter der Sünde wider den heiligen Geist, oder, wie es in der Schrift heißt, unter der Lästerung des heiligen Geistes zu verstehen?"
Antwort: Wir werden zwar im Verlauf der Auslegung des Evangeliums Matthäi auf das in der Frage Berührte zu sprechen kommen. Weil aber so Viele sind, die bezüglich der sogenannten Sünde wider den heiligen Geist in der Anfechtung stehen und darum bald eine Erklärung zu hören wünschen, so kann ich mich nicht enthalten, die Frage, wie sie jetzt an mich gekommen ist, gleich zu besprechen. Es freut mich, daß der Fragesteller selbst schon die gewöhnliche Sprechweise der Christen korrigiert, indem er fühlt, daß man mehr nur über die Lästerung des heiligen Geistes zu reden habe. Sonst nämlich redet man meist von der Sünde wider den heiligen Geist; und hierin liegt allein schon der Grund, warum man in der ganzen Frage gewöhnlich unklar geblieben ist. Denn wenn man sagt Sünde wider den heiligen Geist, so hat man ein vieldeutiges Wort vor sich und kommt leicht in Angst, ob man nicht dieselbige schon getan habe. Man übersieht's dann ganz, daß in der Schrift eigentlich doch nur von der Lästerung des heiligen Geistes die Rede ist, womit man sogleich nur auf ein Einiges sich zurückversetzt sieht. Genau genommen sind nämlich alle Sünden, die der Mensch tut, Sünden wider den heiligen Geist. Der heilige Geist, wie er im Menschen, oder durch das Wort zu dem Menschen redet, wills anders, als es der Sünder macht; und mithin ist jede Sünde, die der Mensch tut, namentlich wenn sie auf Göttliches sich bezieht, und der Mensch überhaupt irgendwie unter dem Einfluß des Geistes steht, wider die Winke und Weisungen gerichtet, die der Heilige Geist gibt, also Sünde wider den heiligen Geist. Wenn man nun Alles, was wider den Geist Gottes geschieht, unter das rechnen wollte, was ewig nicht vergeben wird, so wäre damit jede Sündenvergebung aufgehoben, und könnte kein Mensch selig werden, während doch der Herr nur die Lästerung des Geistes als eine von den andern Sünden allen verschiedene Sünde so überaus verderblich hinstellt. Man sollte also sagen: "Unter allen Sünden wider den heiligen Geist ist nur die Eine, welche eine Lästerung des Geistes ist, diejenige, welche nie vergeben werde."
Andere Sünden wider den heiligen Geist kann man auch ein Betrüben des heiligen Geistes nennen; und zwischen dem Betrüben und Lästern des heiligen Geistes hat man also einen Unterschied zu machen. Paulus nämlich sagt (Eph. 4, 30 f.): "Betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, damit ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung." Dann setzt er hinzu: "Alle Bitterkeit, aller Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch, samt aller Bosheit." Damit nennt er Sünden, mit welchen der heilige Geist betrübt, aber nicht gerade gelästert wird, weil man dabei auf Seine Stimme und Weisungen nicht achtet. Wie ein Vater oder eine Mutter betrübt wird, wenn die Kinder alle Unterweisungen in den Wind schlagen und tun, was sie wollen, ohne daß darum die Eltern die Kinder ganz verwerfen, - so wird der heilige Geist betrübt, wenn man ihm nicht folgt, ohne daß gleich ewige Verwerfung die Folge wäre. Solches Betrüben des Heiligen Geistes hat wohl auch üble Folgen, wenn es nicht in die Buße kommt, und kann für den Menschen hier und dort bittere Früchte tragen; aber vergeben kann es werden, weil's Alles in das Kapitel der Sünden gehört, für welche Christus am Kreuz gestorben ist, und deren Vergebung der Herr selbst in der Stelle, da Er wider die Lästerung redet, zusichert. Wenn es also je und je Christen gibt, die sich bewußt sind, daß sie der inneren Stimme, die sie gehabt haben, nicht folgsam gewesen und so in Sünde gefallen seien, - wiederum wenn sie sich vorwerfen müssen, je und je gute Regungen zur Bekehrung gehabt, diese aber alle mißachtet zu haben, weil sie die Welt mit ihren Lüsten und Begierden nicht verlassen wollten, - ferner wenn sie im Lauf der Bekehrung schon gestanden, aber zur Welt und ihren Sünden wieder zurückgefallen sind, - so haben sie wohl den heiligen Geist betrübt, aber damit noch nicht gelästert, was der Fall wäre, wenn sie die Regungen und Weisungen des heiligen Geistes selbst als teuflisch genommen und vor Andern verhöhnt hätten. Die Vergebung steht solchen Menschen allen offen, wenn nur von nun an Buße kommt und fortan den Stimmen des heiligen Geistes Gehör geschenkt wird. Sonst gibt es auch Seelen, die mit allerlei lästerlichen Gedanken, welche wider ihren Willen und zu ihrem eigenen Schrecken in ihnen aufsteigen, zu kämpfen haben. Dergleichen sind aber entschieden als finstere Eingebungen und Plackereien von Seiten Satans anzusehen, wie man schon an dem sieht, daß sie ganz innerlich sind, und in keiner Weise offen an den Tag treten, weder mit Worten noch mit Werken. Bei diesen Seelen kann nicht einmal von einem Betrüben des heiligen Geistes die Rede sein, das ihnen zur Last fiele, geschweige denn von einer Lästerung des Geistes, weil alle solche Gedanken und Stimmen ganz wider ihren Willen da sind und ihnen selbst unsäglichen Kummer machen, sofern sie ihrerseits und dem Geiste Gottes unterwürfig zu sein, Sinn und Bestreben hätten. In allen diesen Fällen ist also nichts von der Sünde zu sehen, die nicht mehr vergeben wird, weil, wie klar, nichts weniger als Lästerung des Geistes darunter vorhanden ist.
Das Alles wird vollkommen deutlich, wenn man die betreffenden Bibelstellen näher betrachtet. Da lesen wir in Matthäus (12, 22-24), wie Jesus einen Besessenen, der blind und stumm war, geheilt habe, also, daß derselbe nun redete und sahe. Hierüber entsetzte sich alles Volk und sprach: "Ist dieser nicht Davids Sohn?" Die Tat Jesu hat also einen solchen Eindruck auf das Volk gemacht, daß dieses von selbst auf den Gedanken kam, ob nicht Jesus der Verheißene, der Messias, wäre. Das aber war es, was die Pharisäer ärgerte und zum Widerspruch reizte. Nichts konnten sie weniger leiden, als daß man sollte Jesum für den Messias halten; und doch sollte eben das vom Volk erkannt und zu seinem Heil geglaubt werden. Aber weil die Taten Jesu zu offenbar waren und nicht geleugnet werden konnten, so wußten die Pharisäer sich nicht anders zu helfen, als daß sie Alles, was Jesus tat, ein Teufelszeug nannten. Natürlich, dachten sie wohl, kann 's bei den Dingen Jesu nicht zugehen; und wenn nicht natürlich, so geschehen sie aus des Teufels Geist und Kraft. Daß es aber auch aus Gottes Geist und Kraft geschehen könne, das wollten sie, selbst wider besseres Gefühl, nicht einmal fraglich lassen, sondern unter allen Umständen verwerfen. So sagten sie: "Er treibt die Teufel nicht anders aus, denn durch den Beelzebub, der Teufel Obersten." Damit bezeichneten sie Jesum als einen Menschen, der mit lauter Teufelskünsten umgehe, den auch der Teufel ausgerüstet hätte mit höllischen Kräften, um die Leute an sich zu locken und insgeheim ins Verderben zu bringen. Weil aber Jesus so gar großen Erfolg mit Seinen göttlichen Kräften hatte, die auch den Pharisäern nicht verborgen bleiben konnten, so stellen sie's, mit offenbarer Mißachtung eines Bessern, das in ihnen sich regte, den Leuten vor, als stehe er im Bund mit dem Obersten der Teufel, dem Beelzebub (d. h. Mückengott, nach einem Namen, welchen die Philister einst ihrem Gott gegeben hatten). Der heilige Geist Gottes in Jesu wurde also geradezu ein Teufelsgeist genannt; und das ist die eigentliche Lästerung des heiligen Geistes.
Nach unserer Sprache würden die Pharisäer etwa gesagt haben, Jesus wäre ein Zauberer, ein Schwarzkünstler erster Größe, der in vollkommenster Weise unheimlicher Künste mächtig sei, um größere Dinge auszuführen, als Andere, die nur im Kleinen und Geringen etwas vermögen. In jener Zeit aber hatte man einen bestimmteren Glauben an die Existenz des Teufels, als jetzt; und wo dieser auch bei uns ist, indem man Schrift und Erfahrung noch etwas gelten läßt, da weiß man, welch ein Grauen die Leute anwandelt, wenn vom Teufel die Rede ist, durch dessen verborgene Macht etwas geschehe. Man denke sich daher, wie über die Maßen gräulich und boshaft die Rede und Beschuldigung der Pharisäer vor dem Volke war. Denn wenn so fromme Leute, wie die Pharisäer waren, von denen man voraussetzen konnte, daß sie es gut verstünden, was es um die göttlichen und teuflischen Dinge sei, also sich aussprachen, so war's kein Wunder, wenn wirklich Viele vom Volk eine Scheue vor dem Geiste Jesu und allem Besonderen, das bei Ihm hervortrat, bekamen, das Kreuz, wie wir sagen, vor Ihm machten, ferne traten, lieber gar nicht mit Ihm sich einlassen wollten, um nicht durch Ihn in Stricke des Teufels verwickelt zu werden. Mindestens ließen's Viele einstweilen auf sich beruhen, ohne das Heil in Christo zu ihrem Leben durch Glauben zu empfangen. Ein stärkerer Aufenthalt des Reiches Gottes durch die Bosheit der Frommen des Landes läßt sich gar nicht denken. Denn alle Predigt, alles Wirken und Reden Jesu wurde mit solcherlei Beschuldigungen, wenn sie Anklang fanden, gänzlich unwirksam gemacht, wenn der, der immer nur Gottes Ehre verteidigen will und im Namen Gottes, als von Gott gesandt, und als durch Gottes Geist Alles tut, Solches nur scheinbar mit Gott tun, im Grunde aber in der Kraft und im Geiste des Teufels vollbringen soll. Wie aber soll sich überhaupt Göttliches kundtun, wenn selbst die heilige Art, wie man sie doch bei Jesu sah, sollte als eine teuflische aufgefaßt werden können? Aus diesem Allen erklärt sich die gewaltig ernste Rede Jesu wider solche Lästerer. Eben daraus ist es auch verständlich, wie einfältig alle die denken, die sich mit der Anfechtung, als hätten sie die Sünde wider den heiligen Geist getan, plagen, während ihnen doch nie entfernt eingefallen ist, den Geist Jesu für einen Teufelsgeist, "einen unreinen Geist" (Marc. 3, 30), zu nehmen, wie es die Pharisäer taten, geschweige denn öffentlich sich also aussprechen zu wollen, um Jedermann vor Jesu als einem Mann, der mit dem Teufel im Bunde gestanden sei, zu warnen.
Da wir einmal angefangen haben, über die Geisteslästerung zu reden, so ist es wohl der Mühe wert und Vielen erwünscht, so erschöpfend als möglich von diesem Thema zu reden. Wir wollen aber jetzt die Stellen der Schrift, welche davon reden, auch noch hier hersetzen. Bei Matthäus (12, 31. 32.) lautet es also:
"Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben. Und wer etwas redet wider des Menschen Sohn dem wird es vergeben; wer aber etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird's nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt."
Markus (3, 28-30) sagt's also:
"Wahrlich, ich sage euch: "Alle Sünden werden vergeben den Menschenkindern, auch die Gotteslästerung, damit sie Gott lästern. Wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich, sondern ist schuldig des ewigen Gerichts. Denn sie sagten: Er hat einen unsauberen Geist."
Lukas (12, 10) endlich erwähnt der Rede Jesu nur kurz mit den Worten:
"Und wer da redet ein Wort wider des Menschen Sohn, dem soll es vergeben werden; wer aber lästert den Heiligen Geist, dem soll es nicht vergeben werden."
Man sieht es deutlich, daß der Heiland nichts, was man gegen Seine Person sündigt, sei's mit Worten oder mit Werken, eine Sünde sein lassen will, die nicht vergeben werden kann, weil Er, der den Menschen Versöhnlichkeit anpreist, nicht selbst der Unversöhnliche sein kann. Nur sofern jene Sünde den Heiligen Geist, also nicht Seine eigenste Person, angeht, gibt Er sogar den Schein von Härte um der Ehre Seines Vaters willen, der Ihm den Heiligen Geist gegeben hatte. Er hat gleichsam Seinem Gefühl nach nicht das Recht, eine Vergebung da zuzusichern, weil die Majestät Gottes, die der Herr immer gewahrt wissen will, es Ihm nicht gegeben hat. So sehr Er Gottes Sohn ist, hat Er doch als Mensch eine zärtere Gottesfurcht, als alle Menschenkinder, die die scheinbare Härte nicht verstehen wollen. Hier aber ist es, als ob die Vergebung nur unmittelbar von Gott, nicht von Ihm, dem Menschensohne, ausgehen dürfte, wenn sie sollte überhaupt noch möglich sein. Wenn nach der Rede des Herrn Gotteslästerung überhaupt soll vergeben werden können, so liegt der Grund darin, daß bei ihr der persönliche Gott doch dem lästernden Menschen ferner steht, als dies bei dem Heiligen Geist Gottes in Christo der Fall war, der den persönlich gegenwärtig wirkenden Gott den Menschen gegenüber repräsentierte. Wenn etwa die Existenz Gottes geleugnet wird, ist's nicht so lästerlich, als wenn der in Christo durch den Geist vor Augen wirkende Gott verhöhnt wurde. Durch den Heiligen Geist in Christo war Gott den Menschen näher gestellt, als in der Person Christi selbst, der sonst als Menschensohn sich darstellte. Daher daß Gottes- und Christuslästerung wohl, nicht aber Geisteslästerung soll vergeben werden können, zumal da bei Letzterer dem persönlich gegenwärtig wirkenden Gott eine persönliche Opposition entgegentrat.
Die Schriftstellen lassen uns also über das Wesen der Lästerung des Geistes nicht im Zweifel, namentlich wenn Markus ausdrücklich dessen erwähnt, daß die Pharisäer von Jesu gesagt hätten, Er habe einen unsauberen d. h. dämonischen Geist. Hiernach nannten die Pharisäer den Heiligen Geist aus Gott, der in Fülle über Christum bei Seiner Taufe kam, einen unsaubern, einen Teufelsgeist, so sehr er sich ihnen als Gottes Geist erbot; und wer also in ähnlicher Weise etwa redet, daß er den Geist in Christo einen verführerischen, in das Reich des Teufels unvermerkt hinein führenden Teufelsgeist nennt, und vor den Andern als einen solchen ausschreit, mit der bösen Absicht, den, der im heiligen Geist steht, um seinen Einfluß zu bringen, der ist's, der den Geist lästert und die Sünde begeht, von welcher der Herr sagt, daß sie nicht werde vergeben werden.
Es ist aber begreiflich, daß diese Sünde da nicht geschehen kann, wenigstens nicht ebenso wie damals, wo keine Erweisungen des Geistes vorhanden sind, man also nicht persönlich der Person des Heiligen Geistes gegenübersteht, wie damals, - auch nicht, wo Jemand etwa lästert, der weder von Christus, noch vom Heiligen Geist, noch vom Reich der Finsternis einen Begriff hat, sondern in dem Allem blind und unwissend ist. Da bleiben alle Lästerungen, wie sie auch lauten mögen, wohl meistens, - immer, will ich nicht gerade behaupten, - Sünden, die vergeben werden können, wenn nur den Leuten die Schuppen noch von den Augen fallen. Wenn aber die Pharisäer in Jesu Zeit den Geist in Christo lästerten, so wußten sie, was sie sagten, weil sie mindestens von Beidem, vom Heiligen Geiste und vom Reich Gottes, einen Begriff hatten, auch sonst in der Schrift mannigfach so unterwiesen waren, daß sie, wenn sie hätten wollen ihr Inneres sprechen lassen, wohl die Erweisungen des Geistes Gottes bei Jesu würdigen, jedenfalls unmöglich Seine Art mit des Teufels Art verwechseln konnten. Nur niedrige Leidenschaften des Neids, des Hasses, des Stolzes, der Herrschsucht verblendeten ihre Augen und ihr Gemüt dergestalt, daß sie, selbst wider bessere Regungen in sich, in genannter Weise sich aussprachen. Wo das Alles anders ist, ist selbst eine Lästerung des Geistes, wenn sie hervorzutreten scheint, nicht alsobald auch die Lästerung, welche der Herr so schwer nimmt.
Die Ungläubigen unserer Zeit also, die weder hören noch sehen, und wenn sie sehen oder hören, gar nicht verstehen, die namentlich weder an einen Heiligen Geist, noch den Teufel glauben, werden mit allem Widerspruche gegen Christum, wenigstens Seinen Geist nicht lästern, die Person dieses Geistes nicht verletzen. Je nachdem sie freilich Erfahrungen gemacht haben und machen an Zeugen der Wahrheit, können sie nahe daran hinkommen; aber in vollem Sinne wird kaum Jemand in unserer Zeit den Heiligen Geist Gottes lästern, daß er also die Sünde begehe, die nicht vergeben wird, namentlich so lange auch die Gaben und Kräfte des Heiligen Geistes sich nicht wieder erneuern. Es bleibt uns somit für alle Ungläubigen, auch wenn wir sie Lästerer nennen müssen, ein Hoffnungsfunke übrig. Denn im Grunde können doch nur mehr oder weniger Gläubige oder Unterrichtete jene böse Sünde begehen. Es mögen wohl Zeiten eintreten, da die Werke Gottes durch den Heiligen Geist wieder mehr hervortreten, auch Austreibungen dämonischer Kräfte durch den Heiligen Geist geschehen, da mag's auch wieder, vorerst nur in etwas, in der Folge je länger je mehr, möglich sein, den Geist Gottes zu lästern, wenn man etwa alles Wunderbare, das Christus durch Seine Knechte tut, in das Gebiet der Schwarzkunst verlegt, oder sonst mit verbotenen oder unverbotenen Künsten böswillig verwechselt, um den eigentlichen Eindruck, den es nach Gottes Rat machen sollte, zu verwischen und bei Andern unwirksam zu machen. Aber sonst ist nichts, was unsere Zeit mit Unglauben und Lästerung sündigen mag, dem zu vergleichen, was die Pharisäer einst Jesu gegenüber taten. Deswegen wird so bestimmt vom Herrn selbst gesagt, alle Sünde und Lästerung werde den Menschen vergeben, auch was sie reden wider des Menschen Sohn. Der Herr sagt das, ehe er das scharfe Wort ausspricht, das man hart nennen mag, ohne daß auch nur das Geringste von Härte in Seinem Gemüt vorlag, da dieses selbst Mitleiden hat mit solcherlei Menschen, die sich außer den Bereich Seines Vergebungsrechtes stellen. Es ist, wie wenn Er warnen wollte, daß man nicht gleich Alles, was Unglaube und Unverstand lästert, in das arg verdammende Gebiet der Geisteslästerung versetze, weil Ihm immer noch viel auch zur Vergebung von Lästerungen offen stehe.
Es kommt auch nicht leicht vor, daß man gewöhnliche Christen Geisteslästerer nennt, als hätten sie als solche unnachsichtliche Verdammnis zu erwarten, außer wenn man selbst wieder ungöttlich erregt ist. Immer sind's nur Angefochtene, die sich selbst bezeichnen als die, welche die schwere Sünde getan hätten. Diese aber sollten sich wohl merken, daß unmöglich eine Sünde, der man sich schuldig fühlt, namentlich wenn sie rein innerlich ist, ewig verdammlich sein kann. Allezeit sind's Anläufe der Finsternis, wenn Leute innerlich so gepeinigt werden. Denn das ist in unserer Zeit des Teufels Tücke, daß er verschüchterten Seelen immer nur die Stellen der heiligen Schrift gleichsam vorplaudert, welche etwas Scharfes wider arge Sünder in sich schließen. Weil der Heiland nur selig machen will, so braucht Satan die List, den Menschen, die in der Bekümmernis ihrer Sünden stehen, es einzugeben, daß der Heiland doch nicht der Seligmacher sei, als den Er sich anpreise; und das sollen Seine eigenen Worte beweisen. Indem nun nach den Worten des Herrn Eines nicht soll vergeben werden, so machts der Arge den Leuten gerne so, als hätten sie gerade dieses begangen, weiter sie betörend, wie sie da doch vergeblich eine Vergebung erwarten oder Hoffnung auf Befreiung von der Verdammnis haben dürften. Weil denn auch noch gewissenhaftere Seelen nicht gerade gar arge Sünden begehen, ob denen der Böse sie der Geisteslästerung bezüchtigen könnte, so gibt er selbst ihnen Lästerungen aller Art ein, die sie in sich so deutlich vernehmen, als wären sie's selbst, die also lästerten, damit er ja dann wieder sollte gleichsam sagen können: "Wie willst doch du, arger Lästerer, noch eine Vergebung hoffen, und Teil an dem Jesu haben, der doch dir selber die Vergebung abspricht?" Man verzeihe mir diese einfältige Rede; aber man kann es erfahren, wenn man viel mit solchen Seelen zu tun hat, wie es ganz buchstäblich so ist. Immer aber ist's der Arge allein, der so lästert, wenn er den Seligmacher ohne Weiteres bei den Seelen zum ewig und unnachsichtlich verdammenden Richter macht; und ihm wird ja ganz gewiß solche Lästerung des Geistes Gottes in Christo nimmermehr vergeben werden. Ihm ist der Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, gewiß (Off. 20, 10), aber nicht denen, die er mit List und geheimen Einflüsterungen zu verdüstern und in Angst und Verzweiflung zu bringen trachtet.
Heutzutage gibt es Leute, selbst Gläubige, die mit spiritistischen Dingen, - in vollem Umfange sei deren hier erwähnt, - sich viel zu tun machen, da sie irgendwie Mitteilungen vom Jenseits zu bekommen glauben, durch Geister oder Dämonen, die sie gleich als göttlich nehmen. Diese haben es je und je im Brauche, diejenigen, welche darunter nicht göttliche, sondern dämonische Kundgebungen, Offenbarungen und Wahrsagereien voraussetzen, wenn sie das auch als Warnung öffentlich aussprechen, geradezu Lästerer des Geistes der Weissagung zu nennen. Damit werden umgekehrt die Worte Jesu zu Verstrickungen in die Netze Satans mißbraucht. Nehme man sich in Acht, Alles, was vom Jenseits sich zu erkennen geben will, nur gleich den Heiligen Geist zu nennen, und mit andächtiger Verwunderung davor hinzustehen und sich davon leiten zu lassen. Zu allen Zeiten hat's wahre und falsche Propheten gegeben, von welchen jene den Geist Gottes hatten, diese aus dem Geist der Finsternis redeten. Wir kennen wohl die Geschichte mit Ahab und Josaphat (1 Kön. 22), vor welchen vierhundert Propheten vom falschen Geiste sich betören ließen, und nur der Eine, Micha, den rechten Geist aus Gott hatte. War Micha ein Gotteslästerer, weil er offen sagte, jene hätten den falschen Geist? Einer der Letzteren, Zedekia, meinte das wohl; denn der schlug Micha auf den Backen und sprach: "Wie? ist der Geist des Herrn von mir gewichen, daß er mit dir redet?" Der Erfolg aber rechtfertigte den Micha. Darf man den falschen Geist nicht als das bezeichnen, was er ist, ohne von denen, die ihm anhangen, einen Backenstreich zu empfangen und Geisteslästerer gescholten zu werden? Wir kommen in eine Zeit, und teilweise sind wir schon darin, da man wahrlich muß unterscheiden lernen, was des Geistes Gottes ist, und was nicht. Wenn einmal der Widerchrist mit seinen Offenbarungen auftreten wird, wird er auch alle, die ihm nicht huldigen, Geisteslästerer nennen wollen. Laß dich aber schelten und bleib weg von dem, was in seiner ganzen Art dir's deutlich zeigt, daß es nicht von Gott sein kann, wenn du nicht willst in böse Netze verstrickt werden, da du am Ende erst recht dazu kommen kannst, in vollem Sinne gar den wirklichen Geist zu lästern, der ja um des neuen Glaubens willen geächtet werden muß. - Sonst möchte ich auch an das erinnern, daß es immerhin ein böses Ding ist, wenn heutzutage die Alle Narren gescholten werden, die noch zur Bibel und zur biblischen Wahrheit sich halten, wenn selbst alle frommen Erregungen, die bei den Einen oder Andern erwachen, ohne Weiteres als Äußerungen eines Wahnsinns und beginnender Geisteskrankheit aufgefaßt werden. Dem Sinne nach ist das dasselbe, was die Pharisäer sagten, als hielten sie dafür, jene Fromme hätten einen unsauberen Geist; nur ist eben die heutige Sprache eine andere. Wenn man denn auch das nicht gerade mit vollem Ernste die gefährliche Geisteslästerung nennen kann, so wäre es doch wünschenswert, wenn beherzigt würde, was der Herr Jesus bei jener Gelegenheit noch weiter gesagt hat (Matth. 12, 36): "Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gericht" (bleibts etwa auch bis dorthin auf den Leuten liegen?) "von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben."
Eigentümlich, um noch Alles zu besprechen, ist freilich das Wort Jesu, daß die Lästerung des Geistes weder in dieser, noch in jener (eig. der kommenden) Welt oder Weltzeit vergeben werde, welche Worte Markus damit ergänzt, daß er Jesum sagen läßt: "Der hat keine Vergebung ewiglich" (eig. in die Ewigkeit, in die jenseitige Weltzeit, hinein), "sondern ist schuldig des ewigen Gerichts." In dieser Zeit nun können alle Sünden vergeben werden, wenn der Mensch Buße tut und anderen Sinnes wird. Ohne Buße wird ja nichts vergeben. Der Heiland gibt daher zu verstehen, daß auch Buße die Lästerung des Geistes, wenn sie einmal geschehen und zum Ärgernis Vieler begangen worden ist, nicht aufhebe, sondern der Mensch mit ihr als einer unvergebenen in die Ewigkeit gehe, Wir haben kein Recht, Solches damit zu mildern, daß dergleichen Sünder gar nicht mehr Buße tun können; denn damit würde doch eigentlich der ganzen Rede des Herrn der Nerv genommen. Der Grund so großer Verwerflichkeit liegt schon in dem, was oben bemerkt wurde, daß diese Sünde, weil sie ein persönlicher Angriff auf die Person Gottes selbst, nicht Christi ist, über das hinausgeht, wofür der Herr Befugnis zur Vergebung hat, dann wohl auch in dem Schaden, den diese Sünde bei Vielen verursacht, die durch sie Zeitlebens vom Glauben abgestoßen worden sind, also auch mit unvergebenen Sünden in die andere Welt kommen. Wie nämlich kann, was das Letztere betrifft, eines Menschen Sünde, wenn ihn seine Sünde auch reut, nach dem Tode ungültig gemacht werden, wenn ob ihr Andere unselig gestorben sind? Es bleibt also mindestens die Sünde auf ihm ruhen, so lange es Seelen gibt, die um ihretwillen der Vergebungsgnade entbehren. Dieser Mißstand mit Seelen, die vor der Verdammnis zittern, kann bleiben bis an den jüngsten Tag. Bei vielen Sündern kann solcher Mißstand irgendwie, ohne daß wir verstehen, wie, nach der Rede des Herrn drüben noch vor dem Gericht beseitigt werden, bei Geisteslästerern aber nicht. Deren Sünde bleibt auf ihnen; und mit ihr beladen, treten sie einmal vor, wenn sie vor Gericht geladen werden. Sie sind "des ewigen Gerichts schuldig," ohne dem Gerichte enthoben zu sein, wie sonst Gläubige.
Wie wird's denn dort gehen? Beachten dürfen wir's denn doch, daß es nicht heißt: "Sie sind der ewigen Verdammnis schuldig", sondern nur: "des ewigen Gerichts," was auch heißen kann "des Gerichts, das über die Ewigkeit entscheidet." Sollte, fragen wir, doch noch etwas für sie möglich sein, namentlich wenn sie mit Reue und Buße geschieden sind von diesem Leben, ohne Vergebung zu empfangen? Als ganz unerbittlich dürfen wir den Gott, von dessen unmittelbarstem Willen es da abhinge, nicht nehmen, da Er ja nicht will, daß Jemand verloren werde. Indessen heißt's bei Markus: "Der hat keine Vergebung ewiglich." Wir haben aber schon gesagt, daß es eigentlich heißt: "In die Ewigkeit hinein," wie wir unter Ewigkeit schon die nächste Zeit nach dem Sterben verstehen. "Ewiglich" könnte also auch nur heißen: "In der ganzen Zeit fort und fort, da überhaupt noch können Sünden vergeben werden", so daß jene Sünde eben vor Gericht noch unvergeben wäre. Vor Gericht aber werden noch Viele durch außerordentliche Gnade freigesprochen werden (vgl. 1 Kor. 5, 5; 11, 30-32). Ob auch da nicht nach Umständen selbst gegen Geisteslästerer zur Letzte ein Begnadigungswort ausgesprochen werden könne, dürfen wir nicht absolut bezweifeln, da die Rede des Herrn nicht ganz entgegensteht, zumal am jüngsten Gerichte keinerlei Härte, die es auch nur dem Schein nach wäre, wird hervortreten dürfen, so wenig wir sonst Gott anzuklagen das Recht hätten. Mehr zu etwaigen Gunsten jener armen Sünder sagen, können und dürfen wir nicht, da andererseits die Worte Jesu auch nicht abgeschwächt werden dürfen. Werden wird's jedenfalls vor aller Kreatur so, daß Alles sagen muß: "Du, Herr, bist gerecht, und alle deine Gerichte sind recht." "Ein schreckliches Warten des Gerichts und Feuereifers" wirds jedenfalls für viele Spötter und Lästerer geben. Ach, daß sie's Alle erkenneten!
5) Laien-Abendmahl.
Frage: "Ist das Feiern des Abendmahls unter Laien gestattet?"
Antwort. Den Anlaß zu dieser Frage mag die Wahrnehmung gegeben haben, daß heut zu Tage an vielen Orten keine gläubigen Prediger sind, sondern solche, die gegnerisch zu den großen Taten des Evangeliums stehen, auch zu der tieferen Auffassung des heiligen Abendmahls. Da haben manche Gläubige keinen Mut, sich von Händen das heil. Abendmahl reichen zu lassen, die nichts Heiliges in dem erblicken, was sie darreichen. Daher erwacht in solchen Gläubigen, die das heil. Abendmahl doch nicht gar entbehren wollen, der Gedanke, ob sie, obwohl nur Laien, d. h. nicht Kirchendiener, es nicht geradezu für sich unter einander nehmen könnten; und ob ihnen das gestattet sei, das wird oben gefragt. Wenns ihnen gestattet sein soll, müßten sie sich's als vom Herrn gestattet denken. Sie müßten's wagen können, zu glauben, daß es vor dem Herrn dasselbe sei, ob sie's ohne einen dazu autorisierten Diener des Evangeliums, also außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, empfangen, oder nicht, daß es also mit dem Empfang der Sündenvergebung vor und unter dem heil. Abendmahl, ebenso mit der persönlichen Gegenwart des Herrn, Seines Leibes und Blutes, ganz dasselbe sei, auch wenn die Elemente, Brod und Wein, nicht auf gewöhnliche Weise geweiht wären, daß man demnach versichert sein dürfte, den vollen Segen zu haben, wie er da möglich ist, wo es in der Kirche oder sonst durch einen Geistlichen geschieht, wenn Alles ordnungsmäßig, auch nach Bekenntnis und Glauben, zugeht.
Man mag schon hieraus ersehen, daß man Mühe haben wird, eine Gestattung eines solchen Abendmahls zuzugeben, zumal von einer dringlichen Notwendigkeit unter den angegebenen Verhältnissen durchaus noch nicht die Rede sein kann. Gelegenheit, anderwärts zu einem heil. Abendmahle zu gehen, mag's denn doch immer noch geben. Gesetzt aber, das ginge nicht, so ist auch noch nicht einzusehen, warum man da nicht mehr sollte zum heil. Abendmahl gehen können, wo der Geistliche, sei's auch das ganze geistliche Regiment, nicht mehr rechter Art ist. Die Art der Austeilung, auch die Liturgien, haben sich bis daher noch nirgends so gemacht, daß der Gläubige, indem er von der Person des Mannes, der's austeilt, absieht, nicht sollte nach seinem Glauben und Bedürfnis befriedigt werden können. Wer im Herzen richtig gestellt ist, namentlich sich selbst prüfend und richtend, gebeugt und bußfertig, wie es ja sein soll, der kann nicht ohne Segen bleiben, da er ja nichts eigentlich Anstößiges hören und sehen muß; und wenn er zugleich über den Stand der Zeit seufzend und gedrückt, also auch bittend und fürbittend, zum Altar tritt, namentlich beim Blick auf die vielen Anderen, die mit ihm gehen, für welche sein Herz nicht sich verschließen darf, dem kann's mitunter sein, als ob er mehr Segen hätte, als wenn es durch's Ganze besser stünde. Gelüste zu apartem Abendmahl ist am Ende doch wieder Hang nach Separation, gegen welchen wir ein umständliches Wort in Nro. 3 gesprochen haben.
Daß es auf Separation hinausläuft, kann man auch in dem erkennen, daß Neigung zur Separation, schon von der Reformation an, vielfältig zum Verlangen nach einem Laienabendmahl getrieben hat. Manche Sekten, die damals entstanden, haben zunächst nur Letzteres wollen, indem sie das gewöhnliche Abendmahl darum ganz verwarfen, weil Alles kommen darf, und darunter begreiflich immer Viele, die man nicht als würdige Abendmahlsgenossen sich denken kann. Sie hielten nur ein solches Abendmahl für das richtige, zu dem lauter wirklich gläubige und rechte Christen sich versammelten. In der Regel bekamen solche Sekten auch sonst eine gewisse Farbe, wie man heute noch vielfältig sehen kann, dadurch die Separation eine völlige wurde. Wer denn Gelüste nach einem Laienabendmahl hat, muß schon, um dazu zu kommen, Allerlei mit in den Kauf nehmen, wie die Drangabe der bisherigen kirchlichen Gemeinschaft, auch etlicher Stücke seines bisherigen Glaubens, wie der Kindertaufe, und die Annahme von vielem Absonderlichem. Da will man nur immer ein besseres und reineres Abendmahl haben, und weil's die Kirche nicht hat, von Laien, oder von sogenannten Predigern, die doch im Grunde nichts Anderes sind, als Laien. Zu welchem Guten aber eine solche Separation führen soll, zu welcher eben das Liebesmahl Jesu Anlaß gibt, und bei welcher dasselbe von seinem Liebescharakter viel einbüßt, ist nicht einzusehen.
Die sogenannte Mystik, die gerne für sich allein heilig sein lehrt, auch die Gnadengaben von Oben für sich allein haben will, hat Manche sogar dahin getrieben, zu glauben, daß man auch ganz für sich allein das heil. Abendmahl zu nehmen berechtigt sei, ohne einen zweiten Genossen zu haben, geschweige denn einen Diener, der's darreichte, auch daß man aus jedem Essen und Trinken, zu Hause oder auf dem Felde, ein heil. Abendmahl machen könne, durch welches man in eine geistliche Gemeinschaft mit dem Herrn Jesu komme. Mir selbst ist einmal eine Frau vorgekommen, die steif und fest darauf bestand, daß sie weder Kirche noch Geistliche, noch sonst Jemand brauche; sse könne Alles ganz allein für sich abmachen, dabei sie mimisch mir's vormachte, als nehme sie mit der einen Hand Brod in den Mund, und hielte sie sich mit der andern ein Glas vor den Mund. So, meinte sie, könne Jedes für sich das heil. Abendmahl in seiner Kammer nehmen. Die arme Frau hatte es von Schwarmgeistern, deren Viele im Finstern umschleichen, geerbt. Wenn man dergleichen vernimmt, so sollte man wahrlich eine Scheue vor jedem willkürlichen Gebrauch des heil. Abendmahls bekommen, denn etwas besonders Hohes sollte doch Jeder fühlen, wenn er sich Jesum als den erstmals das heil. Abendmahl Allen Darreichenden denkt, und nun an dessen Statt nur gleich jeden beliebigen Christen, vollends gar sich selber, nehmen soll.
So weit man zurückdenken kann, hat auch noch immer der Grundsatz gegolten, daß das Abendmahl sollte nur von Dienern der Kirche, die ordnungsmäßig angestellt sind, und hier an Christus Statt stehen, gefeiert werden. Nirgends, soviel man weiß, hat je eine Kirchenbehörde die Feier auch Laien überlassen, so daß diese ganz nach ihrer Willkür frei und ungebunden es halten dürften; und auch von Laien, wenn sie nicht gerade sich separieren wollten, wurde kaum je das Ansinnen an eine Kirchenbehörde gestellt, ohne Diener der Kirche ein Abendmahl feiern zu dürfen. Es machte sich ganz von selbst so, ohne daß es je eines Gesetzes oder einer Verordnung bedurft hätte, weil anders es dem Gefühle Aller widersteht. So werden auch Evangelische, die in der Zerstreuung unter lauter Katholiken wohnen, von einem richtigen Gefühle geleitet, daß sie nie, selbst wenn sie freiere Richtungen haben, sich entschließen können, ohne Weiteres unter sich, den Laien, das heil. Abendmahl zu halten, weil kein Geistlicher für sie zu haben sei. Wer soll denn auch der Erste, der Darreichende, der Redende dabei sein? Kaum getraut sich's je Einer, diese Rolle zu übernehmen und mit Bestimmtheit zu sagen vor den Andern: "Nehmet hin und esset, das ist der Leib Jesu Christi"; ferner: "Nehmet hin und trinket, das ist das Blut Jesu Christi." Was berechtigt, anzunehmen, daß wirklich der Leib und das Blut Christi da sei? Es sagt's eben Einer; und das bloße Sagen und Nehmen soll's ausmachen, daß es ein vollkräftig wirkendes Mahl sei. Sollte man da nicht ein Bedenken, ja gar einen Schauder bekommen, so leicht, ja leichtfertig es machen zu wollen? Was für ein Vertrauen werden auch die Andern haben, wenn irgend ein Beliebiger da redet und handelt, und sie es aus seinen Händen empfangen? Merken sie vollends geistliche Anmaßung bei dem Einen oder Andern, der's auf sich nehmen wollte, so kann's und sollte es ihnen werden, als müßten sie geradezu davon laufen. Wie schwer die Leute, wer sie sein mögen, einen Zug zum Laienabendmahl bekommen, ist auch daraus ersichtlich, daß sie's Kranken und Sterbenden nie von sich aus zu geben wagen, wenn kein Geistlicher zur Hand ist; und sollte es auch einen Heiligen geben, der's auf sich nehmen wollte, so wüßte Jeder, was auf den zu halten wäre. Sonst wissen wir, daß zum rechten Gebrauch des Mahles auch eine seelsorgerliche Behandlung gehört, da die Kommunikanten Buße tun, nötigenfalls bekennen, jedenfalls Vergebung der Sünden, als zugesichert, nicht bloß innerlich empfunden, bekommen sollen. Welcher Laie nimmt diese Behandlung auf sich; und wenn sie, weil's Keiner auf sich nimmt, unterbleibt, was soll dann das heil. Abendmahl sein?
In großer Verlegenheit sind oft auch Christen von der andern Kirche, mit welcher sie es nicht mehr halten wollen oder können, ohne den Mut zum Übertritt in die evangelische Kirche zu haben. Sie gehen lieber ohne Abendmahl hin, zunächst am Wort allein sich aufrichtend, als daß sie es unter sich nehmen wollten, weil sie aus Rücksichten, die eben unsere Zeit leider nehmen muß, nicht ohne Weiteres das Mahl in unserer Kirche empfangen können. Sie fühlen's schmerzlich, Alles entbehren zu müssen, lassen's aber lieber so gehen, als daß sie zu einem Schritt sich bewegen ließen, der noch viel mehr wider ihr Gewissen liefe, als wenn sie in ihrer Kirche blieben. Sonst macht man die Wahrnehmung, daß häufig Separierte, wenn sie als Sekte ihre Laienprediger haben, nur einen geringen Begriff vom heil. Abendmahl haben, und dieses fast nur als einen schönen Gebrauch nehmen, denn als etwas, wodurch ihnen wirkliche geistliche Güter zufielen und namentlich Christus in wirklicher Gegenwart zu haben wäre. Das mögen die Alle wohl bedenken, die in unserer Zeit von unberechtigten Predigern, die nichts als Laienprediger sind, mit so großem Eifer zur Separation gedrängt werden, dabei auch ein sogenanntes Abendmahl der Köder sein muß, daß sie da das, was sie beim heil. Abendmahl suchen, doch eigentlich nicht finden, sonst aber das rechte dadurch einbüßen.
Die Freunde mögen mir's nachsehen, wenn ich auch diesmal die vorliegende Frage umständlicher bespreche, als ihnen vielleicht lieb ist. Aber wenn ich einmal über etwas rede, so möchte ich's gerne nach allen Seiten besprechen.
Die Verteidiger des Laienabendmahls berufen sich auf die apostolische Zeit, welche die Gestattung desselben bestätige. Denn da, sagen sie, brachen sie das Brod "hin und her in den Häusern" eigentlich aber "von Haus zu Haus", bald in diesem, bald in jenem. Allerdings war nicht gleich Alles recht organisiert, namentlich, da man in der Zeit nach der Ausgießung des heiligen Geistes doch noch auch an den Tempel sich hielt, und die christlichen Sitten äußerlich noch etwas freier sich halten mußten und konnten. So lesen wir (Ap. 2, 46): "Und sie waren täglich und stets bei einander einmütig im Tempel, und brachen das Brod hin und her in den Häusern" (weil das im Tempel nicht geschehen konnte, und andere Gotteshäuser nicht da waren), "nahmen die Speise und lobeten Gott mit Freuden und einfältigem Herzen." Außer den Aposteln waren nicht gleich andere Vorsteher oder Diener erwählt. Aber doch waren überall, so weit es sein konnte, Apostel mit dabei, oder Männer, die von selbst deren Rang bekamen, wie ein Jakobus, der Bruder des Herrn, und noch viele Andere. Dazu standen auch alle Christen noch in der Vollkraft des heiligen Geistes, daß von einem Unterschied zwischen Klerikern (Geistlichen) und Laien gar keine Rede sein konnte; und bei der Einmütigkeit Aller unter einander war es, als ob's immer in der Gemeinschaft Aller geschehe, wenn man auch in verschiedenen Häusern das Brot brach, d. h. das Abendmahl mit einander hielt, was man unter dem Brotbrechen verstehen kann, wiewohl das fraglich ist. Wenn es ferner heißt: "Hin und her in den Häusern," so ist das anders, als wenn es bloß hieße: "in den Häusern", und deutet an, daß man mit einander Eins wurde, wohin man immer sich zusammenfinden wollte, weil das nur in Privatwohnungen geschehen konnte. Alles blieb aber im Zusammenhang mit den Aposteln, und so auch mit allmählich von selbst sich ergebenden Dienern und Bischöffen, im Namen der Apostel, wie wir eben dort auch lesen (v. 42): "Sie blieben aber in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft, und im Brotbrechen, und im Gebet", Alle miteinander ganz gleichmäßig. Wirkliche älteste gab es auch frühzeitig (Ap. 15, 2).
Mochte man es nun aber damals mit dem Abendmahl halten, wie man wollte, so war's in keinem Fall das, was man jetzt unter Laienabendmahl versteht, und kann man aus jenen Stellen nicht das Mindeste zu Gunsten des Letzteren herausnehmen. Denn bei Letzterem ist die Ansicht mit ausgesprochen, daß man den Diener der Kirche gar nicht brauche, weil jeder Laie das Gleiche sei, wie der Diener und Geistliche. Sonst aber, wenn wir lesen (Apost. 20, 7): "Auf einen Sabbat aber, da die Jünger zusammenkamen, das Brod zu brechen, predigte ihnen Paulus", ist ersichtlich, daß man bei Zeiten eben auf Sabbate zusammenkam zum Abendmahl; und wenn das, wie konnte das sein, ohne daß älteste dabei waren? So lesen wir auch (1 Kor. 11, 18 ff.): "Wenn ihr zusammenkommt in der Gemeinde, höre ich, es seien Spaltungen unter euch." Ferner: "Wenn ihr nun zusammenkommt" (nämlich um das heilige Abendmahl zu halten), "so hält man da nicht des Herrn Abendmahl", d. h. so machet ihr es so, daß man es kein Abendmahl mehr nennen kann. Da ist abermals wieder von der Gewohnheit eines aparten Abendmahls nicht die Rede. Alle kamen zusammen, auch wenn sie sonst nicht im Geiste ganz einig waren. Ein Besonderes mit Ausschluß von Dienern der Gemeinde ist nirgends, auch nur entfernt, im Neuen Testamente angedeutet. Deswegen ist die Berufung derer, die so großes Gelüste nach Laienabendmahl haben, auf die Schrift durchaus unrecht. Vielmehr sieht man bereits die Anfänge von gewissen Organisationen, wie sie begreiflich in der Folge immer bestimmter wurden und werden mußten.
Bald war es ferner so, daß man es genauer nahm mit dem heiligen Abendmahl und nicht ohne Weiteres Alle annahm. Die, welche nicht Anteil nehmen wollten oder durften, entließ man aus dem Kreise der Versammelten, ehe man die Feier begann, mit den Worten: "Eclesia missa est", d. h. "die Gemeinde ist entlassen", woraus später die Benennung des Abendmahls mit Messe entstand. Wie konnte neben solcher Behandlung des Abendmahls ein apartes Laienabendmahl als gestattet gelten? Nie und nirgends lesen wir es anders, als daß das Abendmahl in den Händen der Leiter und Ältesten der Gemeinde sich befand, oder in Ämtern, wie deren verschiedene bestanden (1 Kor. 12, 6), wie "Gott neben Aposteln und Propheten auch Evangelisten, Hirten und Lehrer gesetzt hat, daß die Heiligen zugerichtet würden zum Werk des Amts, dadurch der Leib Christi erbauet werde" (Eph. 4, 11). Aparte Abendmahlsfeier aber hätte außer den Bereich des Leibes Christi gestellt, der nur durch das gemeinsame Zusammenwirken Aller erbaut werden kann.
Verteidiger des Laienabendmahls übrigens schützen auch das sogenannte allgemeine Priestertum vor, welchem gemäß alle Christen sollen Priester sein, mithin auch zu Allem berechtigt, zu dem man sich sonst nur berufsmäßig Angestellte berechtigt denkt. Die vielen unklaren Begriffe aber, welche bezüglich des allgemeinen Priestertums herrschend sind, jetzt hier zu besprechen, würde zu weit führen. Vorerst mag genügen, was vorhin von Paulus über die Ämter angeführt worden ist. Auch mag noch an die Worte Pauli (1 Kor. 12, 4-13) erinnert werden: "Es sind mancherlei Gaben, aber es ist Ein Geist; und es sind mancherlei Ämter, aber es ist Ein Herr; und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist Ein Gott, der da wirket Alles in Allen. In einem Jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinen Nutz." Indem aber Gott (v. 11) "einem Jeglichen Seines zuteilt, nachdem Er will", so kann man es nicht begreifen, wie doch wollte jeder Christ Alles ansprechen, also für Alles gleichmäßig nach eigenem Willen und Willkür sich für berechtigt halten, wenn doch Gott Ämter eingesetzt hat.
Nur das Eine mag man noch fragen, ob nicht, wenn etwa doch auch zu Manchem Alle berechtigt sein mögen, wenigstens das heilige Abendmahl etwas sei, das für die, welche es darreichen, keiner besonderen Berechtigung bedürfe. Um diese Frage zu beantworten, erinnere ich an die Einsetzung selbst. Jesus ist's, der da das Abendmahl darreicht; und indem Er das tut, ist Er derjenige, der die Elemente des Mahles zu dem macht, wofür sie der Glaube hält. Wenn Er sagt: "Das ist Mein Leib," und: "Das ist Mein Blut," so ist's, wie Er's sagt, weil Er es sagt. Wer's denn an Seiner Statt darreichen will, muß doch dessen auch versichert sein, daß Brod und Wein wird, was es werden soll, weil er spricht und darreicht. Wie kann das Jemand aus sich selbst wagen? Wenn überhaupt das Amt die Stellvertretung Jesu vorstellt, so muß offenbar hier das Amt vertreten sein. Nur dieses kann mit Zuversicht sagen: "Das ist der Leib, das ist das Blut Jesu Christi;" und wo das Amt nicht ist, kann man sich Christum im Brod und Wein nicht vergegenwärtigt denken. Hieraus geht hervor, daß auch ein Geistlicher, wenn er bloß ordiniert, nicht aber amtlich berufen, oder wieder außer Dienst ist, kein Abendmahl mit seiner vollen Bedeutung auszuteilen im Stande ist, wenn er's privatim nach eigener Willkür, auf seine Ordination sich berufend, etwa in kleineren Kreisen austeilen will. Ist's ihm nicht ausdrücklich vom Amt zugelassen, so ist er nur Laie, wie die Andern. Die Ordination allein gibt überhaupt keinen andern Charakter, als den der Befähigung, durch Übertragung von einem Amt zunächst nur stellvertretend zu sein, so lange man nicht auch investiert ist. Heißt's ihn Niemand, oder tut er's gar in einigem Gegensatz zum Amt, so ist das von ihm ausgeteilte Abendmahl kein heiliges Abendmahl, nicht das Hohe und Große, das wir im Abendmahl uns denken. Wie von Laien, so ist's auch von einem nicht berufenen Geistlichen eine Anmaßung, die dem Herrn nicht gefallen, und zu der Er sich nicht persönlich stellen mag. Ich habe das selbst erfahren, wie schwer mir's wurde, und wie unruhig ich im Innern wurde, als ich nach dem Austritt aus meinem Amte in meinem jetzigen Hause zu Bad Boll das heilige Abendmahl auszuteilen versuchte, ehe ich volle Genehmigung von Seiten der Kirchenbehörde bekommen hatte. Gesetzt nun, es treten Verhältnisse ein, nach welchen der Genuß des heiligen Abendmahls durch das Amt untersagt oder dem Gewissen erschwert ist, wie es eigentlich jetzt noch nicht sein sollte; und gesetzt, man stünde einsam und könnte sich nirgends hinwenden, so bliebe nichts übrig, als sich einstweilen ohne Abendmahl zu gedulden, und es bezüglich desselben zu haben, wie einst die Kinder Israel mit der Beschneidung, da 40 Jahre lang kein in der Wüste Geborenes dieses Bundeszeichen bekam, ohne deswegen ferne von seinem Bundesgott und dessen Gnaden zu stehen.
Wenn ferner bei der Einsetzung der Herr sagt: "Trinket Alle daraus", so hat das Wort "Alle" doch noch eine besondere Bedeutung. Offenbar will unter Anderem der Herr andeuten, daß bei jedem Abendmahl die Gesamtheit der Gläubigen, aller zum neuen Bundesvolk Gehörigen, in's Bewußtsein kommen muß. Wie sie einst das heilige Abendmahl wohl "hin und her in den Häusern" feierten, und doch Alle einmütig waren, so soll es jetzt "hin und her in den Kirchen", den jetzigen großen Versammlungshäusern, gefeiert werden, und zwar mit derselben Einmütigkeit des Sinnes, mit dem Bewußtsein der Gemeinschaft mit allen Gläubigen durch die ganze Welt hin. Der Herr will Aller Heiland sein, und nicht mein und dein aparter. "Er ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für der ganzen Welt"; und der Gedanke hieran schließt jedes aparte, separate Abendmahl aus, durch welches dasselbe zu einer Winkelsache gemacht wird. Es ist daher gewiß unrecht, wenn je und je Geistliche, auch wenn sie angestellt sind, doch für sich und ihre Familie in ihren Häusern lieber aparte das heilige Abendmahl nehmen, als in der Kirche, meinend, als Hauspriester solches Recht zu haben, aber nicht bedenkend, daß gerade beim Abendmahl der Priester Vater und Mutter, Bruder und Sohn so wenig kennen darf, als einst Levi, wenn er ganze Opfer vor den Altar bringen wollte (5 Mos. 33, 9. 10). Nicht minder unrecht ist es, wenn Einzelne ohne äußeren Grund oft zu einem Geistlichen kommen, - ich weiß Fälle, da sie's alle Tage tun, - um für sich privatim das heilige Abendmahl zu empfangen. Solches aparte, separate Wesen ist ganz gegen den Geist des Evangeliums, wie er im heiligen Abendmahl concentriert sein soll. Eine Separatstellung verträgt sich mit nichts weniger, als mit dem heiligen Abendmahl, bei dem das für Alle, als eine Gesamtheit, vergossene Blut Jesu Christi, des Heilandes Aller, dargereicht werden soll. Auch grundsätzlich separat gehaltene Abendmahle mögen kaum aus besagtem Grunde das erreichen, was sie wollen, nämlich vorzugsweise Gegenwart des Herrn und Seines Leibes und Blutes. Man beherzige doch wohl solche Gedanken; denn es handelt sich um nichts weniger als um ein wirkliches Abendmahl, das man habe oder nicht habe. Insbesondere dürften Sentimentalitäten in nichts ferner bleiben als bei dem hochheiligen Sakrament des heiligen Abendmahls. - Etwas Anderes ist es mit Krankenkommunionen, die der berufene Geistliche austeilt, (der berufslose nur mit Genehmigung des Letzteren), und an welchem auch andere Personen Teil nehmen können. Denn hier wird, um es kurz zu sagen, die Krankenstube zu einer wirklichen ordnungsmäßigen Kirche, da man sich in die Gemeinschaft aller durch's Blut Jesu Erlöseten versetzen kann.
Will man, um das noch zu berühren, einwenden, es sei ja doch auch die Nottaufe durch andere Personen als die Geistlichen, namentlich durch Hebammen, erlaubt, so diene zur Erwiderung, daß es wohl Nottaufen, aber nicht Notabendmahle gibt, sodann, daß es nun einmal von den Behörden gestattet ist und auch gestattet werden kann, weil doch alle Kinder und zwar ohne sonstige seelsorgerliche Behandlung getauft, auch privatim getaufte Kinder hintennach öffentlich vorgetragen werden. Beiläufig erwähne ich noch, daß Hebammen ihres Berufes wegen, da zwei Menschenleben in ihre Hände gelegt sind, mit allem Recht und nach einem ganz richtigen Gefühl von Jedermann als die geeigneteren und für den Augenblick geheiligteren Personen zur Stellvertretung des Amts angesehen werden.
6) Wie die Berufung wird.
Frage: "Was tut Gott, was der Mensch bei der Berufung und Auserwählung?"
Antwort: Einst fragte ein Jüngling den Herrn (Matth. 19, 16-26): "Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben?" Der Herr aber erwiderte: "Was heißest du mich gut? Niemand ist gut, denn der einige Gott." Wenn der Herr hiemit sagte, daß kein Mensch gut sei, - denn der Jüngling erkannte das Höhere in Jesu noch nicht, - so kann auch kein Mensch etwas Gutes tun, d. h. etwas, das als etwas Gutes einen Wert vor Gott hätte, um dessen willen Er das ewige Leben ihm geben sollte. Damit allein schon ist jegliches Tun eines Menschen zu seiner Berufung oder Erwählung ausgeschlossen; und auf das kann's nie hinauslaufen, daß dabei etwas Gott tut, und etwas der Mensch tut, und also beide zusammen wirken, jeder in seinem Teile, daß Berufung und Erwählung werde. Mit Einem Worte, man kann das, was vom Menschen dabei ist und dabei sein muß, nicht ein Tun nennen. Wenn man von einem Tun redet, das es machen soll, so bleibt immer Gott allein, der das tut, und der Mensch tut nichts dabei. Beim Menschen brauchts kein Tun, sondern ein Sein, eine Stimmung des Gemüts zu Gott, bei der Gott Sein Werk an ihm ausführen kann. Auch wenn der Herr zum Jüngling sagt: "Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote," kann Er nicht sagen wollen, das Halten der Gebote sei ein Tun, womit er's verdienen könne, sei ein Gutes, das ihn wert oder verdienstlich vor Gott mache. Was soll es denn auch Sonderliches sein, wenn der Mensch nicht tötet, nicht die Ehe bricht, nicht stiehlt, nicht falsch Zeugnis redet, wenn er auch Vater und Mutter ehrt? Soll ihm Gott dafür dankbar sein? Aber wer diese Gebote hält, hat ein Gemüt zu Gott, einen Zug zu Ihm, der ihn nötigt, sich zusammenzunehmen, um kein Verbrecher zu werden; und weil Gott diesen Zug ansieht, den auch ein unvollkommenes Halten der Gebote verrät, kann's dem Menschen zum Leben dienen. Denn weil Solches schon das Gesetz verspricht, ist's eine sichere Annäherung zu der Gnade Gottes, welche der neue Bund eröffnet, weswegen es auch vom Heiland dort, bezüglich des Jünglings, heißt (Marc. 10, 21): "Und Jesus sahe ihn an und liebte ihn." Der Zug zu Gott, und sein liebendes Gemüt zu Ihm, wäre freilich beim Jüngling erst dann vollkommen gewesen, wenn er wirklich um Gottes und Jesu willen alle seine Güter hätte hergeben können, was aber immer noch kein eigentlich Gutes gewesen wäre, das er getan hätte, um dessen willen er's verdient hätte, Sündenvergebung zu empfangen und berufen zu werden.
Der Mensch ist ursprünglich Gottes, und sollte es in sich haben, Eins mit Gott zu sein, also in Nichts wider Gott, vielmehr in Allem konform mit dem Willen Gottes zu sein, ohne sich zu besinnen, ob er wollte oder nicht, und ohne einen Kampf in sich zu haben, ohne irgend einen Widerstand in sich, als wirklich in sich, wider die Gebote zu fühlen. Nur wo dieses Sein in Gott, dieser Zug des Herzens und Gemüts zu Gott, ist, wird beim Menschen, was er tut, recht, - und gut, weil recht. Ist aber dieses Sein in Gott zerstört, der Zug zu Gott verdorben, durch Scheelsehen nach Anderem, so gibt's im Menschen lauter Widerständliches gegen Gott; und nur ein wenig dämmert vom Verlorenen etwas in ihm hervor, wenn er tut, was uns gut vorkommen will. Wird nun der Mensch zu Jesu gerufen, so wird jener sein innerster Zug wieder angesprochen; und hat er noch ein Gemüt und Herz zu Gott, so läßt er sich auch berufen, d. h. er nimmt mit Tränen den Ruf Jesu an, aber als einen durchaus unverdienten. Bewährt er sich dann auch fernerhin in seinem Tun und Trachten, als wieder Eins mit Gott geworden, so ist er auserwählt, d. h. allem Gericht entnommen. In dem Allem aber macht's nicht ein Tun des Menschen aus, sondern ein Werden in Gott, durch das alleinige Erbarmen Gottes, welches der sonst sündige, aber doch noch für Gott fühlende Mensch wieder annimmt, als aus Gnaden, dabei er sich immer noch bewußt bleibt, wie langsam, wie träge, wie säumig, wie unvöllig er ist, den Zug gelten zu lassen, so daß Gott immer mehr tun muß, damit es zu etwas komme, und der Mensch immer mehr zu einem Kommen an's Herz Gottes erwache. Daraus ergibt sich von selbst, daß bei Menschen nie von einem Verdienst gegen Gott die Rede sein kann. Denn wenn ein Kind Vater und Mutter liebt, hat es Verdienst? ist's eine Tat? Wenn es nach Verirrungen Vater und Mutter wieder in die Arme fällt, wie der verlorene Sohn, hat er Verdienst? Tut er etwas Anderes, als daß er eben wieder geliebt sein möchte, während er Verstoßung fürchten muß? Es bleibt nur das Erbarmen Gottes, das der sonst sündige Mensch nicht verdient hat, daß ihn Gott beruft und auserwählt; und beim Menschen ist's nur das Wiedererwachen eines Gefühls der Liebe zu Gott, das ihm nie hätte entschwinden sollen. Wer etwas Verdienstliches in irgend etwas, das er tut, erkennen und fühlen will, zeigt, daß er noch nicht Eins mit Gott ist, auch nicht gut, weil er noch ein Eigenes neben Gott hat. Gut ist der Mensch erst, wenn er Eins mit Gott ist in Allem, das er tut, auch Alles, was er tut, als selbstverständlich nimmt, ohne im Mindesten es sich anzurechnen, dagegen es ihm als ein Verrat an sich selbst, wie an Gott, vorkommt, wenn etwas bei ihm wider Gott sein sollte.
Der Mensch kann also zu seiner Berufung nichts tun, und zwar so wenig, daß er nicht einmal einen Willen zu Gott hat, wie er sein sollte. Deswegen muß Gott selbst zur Berufung in den Menschen das Wollen legen. Daß nach dem Sündenfall, wie der nun einmal geworden ist, eigentlich kein Mensch von sich aus mehr ein genügendes Wollen hat, ist an Dem zu erkennen, daß Tausende wohl gerufen werden, aber ohne zu folgen, ohne ein geneigtes Ohr dem Rufe zuzuwenden, daß sie sogar mit Widerwillen und Ärger oder Zorn sich davon abwenden. Sie können nicht wollen. Die Sünde hat sie zu sehr bestrickt, Satan zu sehr gebunden; und auch von Verstockten wissen wir ja, denen vorweg das Wollen abgeht. Wie ihnen es fehlt, so Allen ohne Unterschied, nur daß vorerst die Einen leichter, die Andern schwerer zum Wollen zu bringen sind. Aber alles Glauben ist eine Gabe Gottes (Joh. 6, 29); darum sagt der Herr (v. 65): "Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben." So ist's, auch wenn der Ruf des Herrn an Jemand kommt, wie damals an Viele, die, obwohl gerufen, doch nicht glaubten. Von Lydia lesen wir (Apost. 16, 14): "Der Herr tat ihr das Herz auf, daß sie darauf Acht hatte, was von Paulo geredt ward;" und sonst sagt Paulus (Phil. 2, 13): "Gott ist's, der in euch wirket beide, das Wollen und das Tun, nach Seinem Wohlgefallen." Wenn es so steht, so ist es klar, wie von einem Tun des Menschen, das zur Berufung oder Auserwählung führte, keine Rede sein kann. Es bedarf einer Lösung von einer Gebundenheit des Willens zu Gott; und zu dieser kann der Mensch nichts tun, muß Gott Alles tun. Deswegen hat auch dort (v. 25 u. 26) der Herr auf die Frage der Jünger: "Je, wer kann denn selig werden?" geantwortet, mit Ernst sie ansehend: "Bei den Menschen ist's unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich."
Es wäre nun nur noch das anzusehen, wie es kommt, daß Viele wollen und Viele nicht wollen, also nicht Alle berufen, noch weniger Alle auserwählt werden können. Da haben manche Kirchenlehrer gelehrt, daß Gott nach einem für uns undurchdringlichen Willen den Einen es gebe, den Andern nicht, so daß die Einen zur Seligkeit, die Andern zur Verdammnis von Ewigkeit her nach einem unveränderlichen Ratschluß Gottes sollen bestimmt sein. Daß aber diese Anschauung eine durchaus verkehrte ist, kann man schon in dem sehen, daß es Viele gibt, die bis an ihr Ende nicht glauben, zuletzt aber doch noch den Heiland finden. Hatte nun Gott diese zur Seligkeit bestimmt, warum wartet Er zu, und versagt Er ihnen das Wollen und den Glauben bis an ihr Ende? Warum macht Er sie nicht früher ihres Glaubens froh? Da sagen jene wohl: "Gott hat es einmal so gewollt, wer will etwas dawider sagen?" Aber kühler und ungemütlicher kann man denn da doch nicht reden, als so. So hart und kalt redet auch Gott nirgends in der Schrift mit den Menschen; denn auch Röm. 9, 19 ff. bedarf nur einer richtigeren Auslegung.
Offenbar hat die Langsamkeit, mit welcher Viele zum Glauben kommen, einen andern Grund, nämlich den, daß eben die Gebundenheit der Menschen eine verschiedene ist, daß die Einen durch die Sünde und durch die Gewalt des Teufels, in die sie durch die Sünde gekommen sind, gebundener sind, als die Andern, mithin auch ihr Herz und Gemüt gegen Gott verschlossener ist, wie auch ihr Zug zu Gott. So braucht es bei den Einen mehr Zeit, als bei den Andern. Daß Gott aber nichts versäumt, Allen nahe zu kommen und ihr Herz aufzutun, dürfen wir bei dem Gott voraussetzen, der nicht will, daß Jemand verloren werde, und der daher mit der Vollendung der Dinge und der Zukunft Jesu verzieht (2 Petr. 3, 9). In Zeiten nun, da auch der Geist Gottes weniger wirksam ist durchs Wort Gottes, was allerdings seinen Grund in vorgekommener Untreue wirklich Berufener haben kann, da auch die Diener des Evangeliums saumseliger, und, wenn auch gläubig, doch geistloser und ungesalzener sind, als es ursprünglich war, können wir uns nicht wundern, wenn Vieler harte Herzensdecke nicht so leicht bricht, daher die Menge der Ungläubigen als eine viel größere erscheint als die der Gläubigen. Muß sich doch Mancher über sich selbst verwundern, daß ihm das Herz zu Gott aufgegangen ist, nachdem es lange gänzlich verschlossen gewesen war. Deswegen sollten wir die Alle, deren Wille zu Gott noch gebunden erscheint, mehr mit Mitleiden, als mit Ärger und Zorn ansehen; denn daß wir etwa freier sind, denn sie, dürfen wir wahrlich uns nicht als ein Verdienst anrechnen, um die Andern über die Achseln anzusehen. Wenn aber "Gott Alles beschlossen hat unter den Unglauben, auf daß Er Sich Aller erbarme" (Röm. 11, 32,), so dürfen wir eine Zeit erwarten, da Gott die Herzen freier machen wird, da "Er auf dem Berge Zion das Hüllen wegtun wird, damit alle Völker verhüllet sind, und die Decke, damit alle Heiden zugedeckt sind" (Jes. 25, 7). Ist Solches den Israeliten besonders verheißen, daß ihnen werde einmal die Blindheit weggenommen (Röm. 11, 25) und die Decke von den Herzen abgetan werden (2 Kor. 3, 16), so dürfen wir's für alle Menschen, auch für die Verstockten erwarten, daß sie das, was bisher ihr Gemüt zu Gott gehemmt hat, verlieren und freier die Berufung annehmen, und dann es auch bis zur Auserwählung bringen werden. Solche Zeit wird bald kommen; und wir sind ihr wohl viel näher, als die Welt gegenwärtig glaubt. Wenn aber solche Zeit kommt, dann wird's erst recht klar werden, wie alles Tun des Menschen zur Berufung nichts ist, sondern Alles ganz und gar von der Barmherzigkeit Gottes abhängt, welche die Bande löst und den Menschen wieder Gottes sein läßt, um nach dem innersten Willen des Menschen selbst, der nur vergraben war, der Berufung Gehör zu schenken.
Immerhin mag es auch sein, daß Manche, die berufen werden, oder an die der Ruf kommt, aus freier und eigener Wahl nicht wollen, wie auch in der Folge wohl Alle werden von den Banden los sein, die sie bis dahin verhinderten, und doch nicht zur Liebe Gottes und zu rechtem Ergreifen des Evangeliums zu bringen sind. Das wäre der in sich böse eigentliche Schlangensame, dem nicht zu helfen ist, und der nach der Schrift ins ewige Verderben sinkt. Wie das kommt, daß es auch solche Menschen gibt, die in ihrem eigenen Selbst Gott mißachten und verwerfen, das zu ergründen, ist uns zu hoch; und darüber viel zu grübeln, wird auch zu nichts führen. Wir, die wir Seine Stimme hören, wollen doch nur unsere Herzen nicht verstocken, sondern eilen, daß wir unsere Seele erretten, wenn Er ruft und beruft, und wollen mit Treue gegen uns selbst und gegen Gott nichts versäumen, um auch auserwählt und des ewigen Lebens gewiß versichert zu werden.
7) Zu den Gedanken ans Jenseits.
Frage: "Ist es gleichgiltig, ob dem Christen als letzter Zweck die Glückseligkeit, oder die innere Vollendung im Jenseits vorschwebt?"
Antwort: Der Fragesteller denkt sich begreiflich die Glückseligkeit, wie die innere Vollendung, erst im Jenseits; und der Sinn seiner Frage wäre hienach: "Soll dem Christen fürs Jenseits mehr das vorschweben, daß er dort selig ist, als das, daß er dort innerlich vollendet ist? Oder ist es für ihn gleichgiltig, ob ihm das Eine oder Andere als Letztes vorschwebt?" Nach Seligkeit und vollkommenem Wohlbefinden bezüglich seines ganzen Wesens blickt freilich der Mensch gerne, besonders, wenn er sich hienieden viel bedrängt und sehr mit Kümmernissen des Leibes und der Seele beladen sieht. Da entfährt ihm oft der Wunsch: "Ach, wenn ich doch nur schon im Himmel wäre! Wie wird's dort so gut sein, wenn alles Leid und aller Schmerz wird weg sein!" So rufen Kranke, Sterbende, mit schweren Plagen Behaftete, von Anderen bis in den Tod Geplagte, oft und viel. Gibts doch gar je und je Leute, die dem Jammer dieser Zeit zuletzt mit eigener Hand ein Ende zu machen trachten, hoffend, übler könne es ihnen doch nicht gehen, als sie's hienieden hätten, und der liebe Gott werde es ihnen nicht zu hoch anschlagen, wenn sie, des Jammers satt, zum Besseren zu eilen versuchten.
In allen diesen Klagen und Sehnsuchtsgedanken aber ist auf den ersten Blick ein großer Unverstand zu erkennen. Denn man sieht's, wie der Mensch gewohnt ist, nur nach dem zu sehen, ob's ihm wohl oder übel gehe, nicht nach dem, ob er innerlich richtig stehe oder nicht. Nur gar zu häufig hat er gar kein Denken daran, daß für eine Seligkeit droben doch möchte mehr erforderlich sein, als er schon habe. Er denkt sich gerne fertig. Sein Reifwerden liegt ihm gar wenig an; und sein Eifer dazu ist sehr gering, während er, über das Ernstere hinwegsehend, nur nach den Herrlichkeiten des Himmels blickt. So haben's einst auch die Pharisäer gemacht. Da hat der Herr einmal über Tisch etwas von einer Vergeltung in der Auferstehung der Gerechten gesprochen. Da wird gleich Einer, der mit zu Tische saß, lüstern nach jener herrlichen Zeit, und sprach zu Jesu (Luk. 14, 15): "Selig ist, der das Brot isset im Reich Gottes", wohl sich schmeichelnd, daß es ihm nicht fehle, und er's nur zu erwarten brauche, bis er mit vollen Zügen die Seligkeit schmecken werde. Der Herr aber antwortet ihm mit dem Gleichnis vom Abendmahl, zu dem die Geladenen, Äcker und Ochsen und Weiber mehr achtend, nicht kommen wollen; und zum Schluß sagt der Herr: "Ich sage euch, daß der Männer Keiner, die geladen sind, mein Abendmahl schmecken werden." Da hatte der Pharisäer, was er brauchte. Wenn ihm der Mund schon wässerig war, wie man sagt, nach den herrlichen Leckerbissen des himmlischen Mahles, kann's soweit kommen, daß ihm gar kein Anteil am Mahle wird.
Das also muß jedenfalls auch bedacht werden, daß die innere Vollendung im Jenseits einer Anbahnung hienieden bedarf. Wann denn soll diese anfangen? Wohl muß dort zu ihrer Vollendung der Herr das Meiste zulegen. Das müssen wir hoffen; denn sonst würden wir's nie vor uns sehen. Aber wir dürfen's denn doch nicht darauf ankommen lassen, daß die Vollendung ganz von selbst sich machen werde, ohne daß hienieden ein ernstlicher Kampf um sie gekämpft wird, damit sie unter dem Beistande Gottes gefördert werden möge. Wer darin locker und gleichgiltig denkt, dem kann's gehen, wie den Geladenen im Gleichnis. Denn nur, "wer Fleiß tut, seinen Beruf und seine Erwählung fest zu machen, und nicht faul und unfruchtbar bleibt in der Erkenntnis Jesu, wird nicht straucheln", d. h. ohne Anstoß Eingang in's ewige Leben haben (2 Petri 1, 8-10). Wenn nun der Christ sich hienieden noch so viel mit Schwachheit und Sünde umgeben sieht, sollte ihm doch vor Allem daran liegen, nach dem inwendigen Menschen weiter zu kommen, und so viel von der inneren Vollendung zu erlangen, als ihm durch Fleiß und Hilfe Gottes möglich ist. Hierin aber mag doch der stets zurückbleiben, der beim Blick ins Jenseits mehr auf die Seligkeit dort schaut, als auf die innere Vollendung, die dort sein muß, weil ohne diese keine Seligkeit möglich ist. Die innere Vollendung muß zuerst kommen, dann erst die Seligkeit; und auf letztere mit Überspringung der ersteren schauen, ist mindestens unklug, verrät auch minder ernsten Sinn. Und wie Not tut doch der! In himmlischen Seligkeitsgenüssen ruhen, bringt ohnehin immer dem inneren Menschen Schaden. Wer sie liebt, wird leicht des Kampfes, der Verleugnung, die von ihm gefordert wird, der mühevollen Ausdauer, müde, als wollte und dürfte er auf Lorbeeren ausruhen, die er nicht sich erkämpft hat. Darum mag es nicht nur nicht gleichgiltig sein, was man hienieden vom Jenseits vorzugsweise in's Auge faßt; sondern es droht den größten Schaden zu bringen, wenn man nicht zunächst rein absieht vom jenseitigen Seligsein, sondern eben im Kampf selbst, koste es, was es wolle, seine Seligkeit sucht, weil dieser die innere Vollendung anbahnt und dem Ebenbilde Gottes allein näher bringt, welches dort fertig ist, auch die größte Seligkeit ausmachen wird.
8) Des Menschen Sohn der Richter.
Frage: "Im Evangelium des 6. Trinitatissonntags (zweiten Jahrgangs), Joh. 5, 19-29, heißt es: "Gott hat Ihm Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum, daß Er des Menschen Sohn ist." Wie ist das Letzte zu verstehen? Einer der Theologen sagt: "Weil Er als Menschensohn Mitleiden haben kann mit der Schwachheit derer, die Er richten soll" (vgl. Hebr. 2r 18). Umgekehrt ein Anderer: "Weil Eals des Menschensohn bereits alles Mitleiden, alles menschliche und göttliche Erbarmen an den Sündern erschöpft hat, ehe sie für immer gerichtet werden." Ein Dritter: "Das Gericht soll eine Gott dargebrachte Huldigung sein, ein Cultus, sogut als die Anbetung selbst. Deswegen muß dieser Act aus dem Schoß der Menschheit hervorgehen. Diese Genugtuung muß von dem dargebracht werden, der die Beleidigung verübt hat. In dieser Hinsicht steht das Gericht in gleicher Linie mit der Versöhnung, welche durch dasselbe vollendet wird." Noch andere wieder anders."
Antwort: Unter den angeführten Erklärungen kommt die dritte dem, wie ich mir's denke, am Nächsten. Meine Gedanken gehen von dem aus, daß Gott es ist, dessen Majestät und Heiligkeit durch die Sünde der Menschheit verletzt worden ist, und daß Gott ohne ein Entgegenkommen von Seiten der Menschheit selbst nicht ausgeföhnt werden kann. Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit erfordert es, daß Er für Seine Person nichts Anderes tun kann, als sämtliche Sünder verwerfen und ewig von Seinem Angesicht verstoßen, wenn sie nicht von selbst wieder zurückkommen und mit völliger Selbstverwerfung und Hingabe Seiner Gnade sich in die Arme werfen.
In Christo nun sollte der Act der Rückkehr der Menschheit vollzogen werden. Denn da die Menschen unfähig geworden waren, für sich allein zurückzukehren, sofern sie, wenn sie auch anfangen wollten, sich zu beugen, doch des Unbeugsamen noch so viel an sich haben, daß Er ihre Buße nicht zur Befreiung vom Gericht oder zur Aufhebung der Verwerfung gelten lassen kann. Wenn Er also am jüngsten Tage richtete, könnte Er nur verdammen. Deswegen heißen alle Menschen von sich aus in der Schrift verloren. Zum Richten nämlich gehört immer auch die Frage, ob Jemand der Verdammnis wert sei oder nicht, freigesprochen werden könne oder nicht. Gott aber, bloß die Sünde ansehend, kann nur dahin sich aussprechen, daß Alle der Verdammnis wert wären, weil Alle, nur mit dem Unterschied von mehr oder weniger, gleichmäßig vor Ihm schuldig sind; denn Gott, als heiliger Gott, kann zwischen einem mehr oder weniger Schuldig nicht unterscheiden, da ja, wer ein Gesetz übertritt, am ganzen Gesetz schuldig ist. Den Dieb oder Ungerechten kann Er nicht vor dem Ehebrecher schuldig finden, wie umgekehrt nicht; ob Einer Mörder oder meineidig ist, muß im Gericht gleich gelten. Freisprechen kann Er keinen Sünder vor dem Andern; denn weil jede Sünde das Unrecht ist, Nichtbeachtung Gottes in sich schließt, macht auch jede Sünde verwerflich. Es mußte also nach Gottes wunderbarem Rat etwas Anderes, denn die Sünde, als das für das Gericht Entscheidende da sein, dabei es wieder in Frage kommen kann, ob Jemand verwerflich sei oder freigesprochen werden könne.
Dieses Andere nun ist der Glaube an Jesum und Seinen Opfertod, der, wenn er redlich ist, die stärkste Selbstverwerfung in sich schließt, wenn nämlich der Sünder denken muß: "Mir kann nichts helfen, als das Blut Christi; und meine Sache ist verloren, wenn dieses nicht für mich eintritt." Deswegen sagt auch der Herr (Joh. 16, 8. 9): "Der heilige Geist wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich" d. h., er wird sie überzeugen, daß nichts Anderes fortan verdamme, als die Hartnäckigkeit, mit welcher der Sünder nicht an Jesum glauben und dadurch zur Selbstverwerfung kommen will. Ebenso heißt es (Joh. 3, 18): "Wer an den Sohn glaubet, der wird nicht gerichtet" d. h. wenn er noch so viele und große Sünden getan hat, so fällt er doch nicht dem Gerichte anheim, weil er nämlich, sich selbst verwerfend, allein an das Versöhnungsblut Jesu sich hält. "Wer aber nicht glaubt", heißt's weiter "der ist schon gerichtet", d. h. für den gibt es, weil er sich noch nicht genug als Sünder fühlt, keine Rettung vom allgemeinen Verwerfungsurteil. "Denn er glaubet nicht", schließt's dort, "an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes", was ihn allein von der göttlichen Verwerfung losspricht.
Um deswillen nun, daß Jesus der Gesinnung und Selbstaufopferung nach, als Opfer für die Sünden der ganzen Welt, den Tod erlitten hat, und damit das der Menschheit gebührende Verwerfungsurteil an Sich hat vollstrecken lassen, ist in Ihm die ganze Menschheit wieder angenommen, soweit sie Seinen Opfertod für sie ergreift, oder an Ihn glaubt. Der Vater hat es jetzt mit Niemand zu tun, als nur mit Seinem Sohne, der zugleich des Menschen Sohn ist. In Jesu sind alle, wie sie alle vorher verworfen waren, schon angenommen, dem Gerichte enthoben, nur daß Jesus, des Menschen Sohn, gleichsam verantwortlich ist für das, ob sie genügend im Glauben an Seinen Opfertod sich halten. Das Gericht also, das zuletzt noch gehalten wird, ist nichts Anderes, als eine Erklärung, wer vom Gericht freigesprochen ist; und insofern steht das Gericht, wie obiger dritter Theologe gesagt hat, "in einer Linie mit der Versöhnung, welche durch dasselbe vollendet wird." Nur Glaube an Jesum wird gefordert, um frei zu sein; und wer diesen nicht hat, bei dem brauchts keine weitern Umstände mehr, - er fällt ohne Weiteres der Verdammnis anheim. Man sieht es deutlich, wie solches Gericht nur dem Menschensohn überlassen werden kann. Dieser, weil ja an Seine Person geglaubt werden muß, hat zu untersuchen, wer glaube, und wie Jemand glaube, ob für Alles, - daß also dennoch jede Sünde zur Sprache kommt, und es bei keiner überhaupt genommen, keine gleichsam ignoriert werden kann, - genügende Buße und genügender Glaube an die alleinige Vergebung durch Jesu Blut da ist, oder nicht. Wer in dieser Untersuchung besteht, der wird zu der Schaar der Erlöseten gestellt.
Hiebei bekommt auch die Majestät und Heiligkeit Gottes ihr gebührendes Recht, sofern in Jesu und mit Jesu die Menschheit als eine solche dasteht, die selbst zu dem Gott, den sie gekränkt hatte, mit tiefster Unterwerfung, weil unter den Schutz des Blutes Jesu sich stellend, zurückkehrt. Jesus ist Vorgänger und Repräsentant Aller (vgl. Hebr. 2, 10). Die gesamte gläubige Menschheit, mit Jesu an der Spitze, ist gleichsam der verlorene Sohn, der aus der Fremde zum Vaterherzen Gottes zurückkommt. Ihr, die mit Jesu und unter einander zu Einer Person zusammengewachsen ist, streckt der Vater, als dem verlorenen Sohne, Seine Arme entgegen, Freudenfeste feiernd über "den, der Tod war, und ist wieder lebendig worden, der verloren war, und ist wieder funden." Mit Solchem steht auch das im Einklang, was des Menschen Sohn im Weltgerichte sagt: "Was ihr Einem meiner geringsten Brüder getan oder nicht getan habt, das habt ihr Mir getan oder nicht getan." Denn Alles, was Er als Sich getan nehmen kann, läßt Er aus übergroßer Gnade den Glauben an Ihn sein, der rettet, wenn er auch nicht gerade in ausgesprochener Weise vorhanden war. Auch ist damit das Wort Pauli (1 Kor. 15, 28) erklärt: "Wenn aber Alles dem Sohn untertan sein wird, alsdann wird auch der Sohn selbst untertan sein Dem, der Ihm Alles untertan hat, auf daß Gott sei Alles in Allem."
Erwägen wir das Alles, so mögen wir wohl verstehen, warum es heißt (Joh. 5,22): "Der Vater richtet Niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben", ferner (v. 27): "Der Vater hat dem Sohne Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum daß Er des Menschensohn ist." Klar wird es auch, wenn es heißt, des Menschen Sohn werde einst kommen in Seiner Herrlichkeit, und sitzen auf dem Stuhl Seiner Herrlichkeit, und vor sich alle Völker versammeln zu einem Gericht, welches über das ewige Leben und die Verdammnis entscheiden wird (Matth. 25, 31 ff.).
9) Das Zeichen des Menschensohns.
Frage: "Was ist das Zeichen des Menschensohns am Himmel?"
"Nach meiner Ansicht wiederholt sich an der Gemeine, als dem Leibe Christi, das Leiden und Sterben des Herrn. Wenn die Gemeine, als Leib Christi, in der antichristlichen Zeit öffentlich für tot erklärt wird und als sittliche Erscheinung am Himmel der Völker als getötet erscheint, und nachher in der ersten Auferstehung wieder aufersteht, dann sollte das eintreffend sein: das Zeichen des Menschensohns am Himmel."
"Ist das richtig?"
Antwort: Die Frage will eine Erklärung über Matth. 24, 30. Da wird gesagt, daß, wenn die Zeit da ist, oder, wie es heißt: "Bald nach dem Trübsal derselbigen Zeit, werden Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel sich bewegen; und alsdann werde erscheinen das Zeichen des Menschensohns im Himmel, und werden heulen, wenn sie das wahrnehmen, alle Geschlechter der Erde." In dieser Stelle kann ich nichts Bildliches finden. Ich muß sie gerade so nehmen, wie sie lautet. Unter der Sonne und dem Mond kann ich nichts Anderes verstehen, als die wirkliche Sonne und den wirklichen Mond, ebenso unter den Sternen nur wirkliche Sterne. Nehme ich's anders und lasse ich mich auf geistliche Auslegungen ein, so habe ich so gut als gar nichts an der ganzen, Großartiges versprechenden Weissagung. Wenn ferner die Kräfte des Himmels sich bewegen werden, so mag diese Weissagung Veränderungen anzeigen in den Gesetzen oder Kräften, unter welchen bisher die Bewegungen des Himmels vorgegangen sind, wie sie mit ungemeinem Scharfsinn die Astronomie nach sicheren Beobachtungen wahrgenommen und bewährt gefunden hat. Erschütterungen des ganzen Himmels, wodurch auch Ordnungen und Gesetze für's Weitere anders werden, mögen wohl angedeutet werden, wie schon begreiflich ist, wenn überhaupt soll zuletzt gar ein neuer Himmel entstehen, zur Zeit, wann Gott die ganze Schöpfung erneuern wird.
Wenn nun mitten unter diesen gewaltigen Erschütterungen und Erregungen des Himmels oder der Himmel, also durch den ganzen Weltenraum hin, das Zeichen des Menschensohns im Himmel erscheinen soll, so kann ich unter Letzterem auch nichts Anderes verstehen, als ein äußerlich Sichtbares, das am Himmel von allen Völkern der Erde, wie das innerhalb 24 Stunden möglich ist, wahrgenommen wird, weswegen ein so großes Entsetzen eintreten wird, das sich in Schreien und Heulen kund gibt. Es mag lange in Ruhe stehend erscheinen, bis es sich allmählich vom Himmel zur Erde niedersenken wird. Möglich, daß solch Zeichen des Menschensohnes eben der Menschensohn selbst ist in überstrahlender Herrlichkeit und unter Begleitung von Engeln und Heiligen. Er selbst aber ist vielleicht nicht gerade im Vordergrund zu sehen; und so wäre alles sonst Sichtbare, das mit Ihm kommt und Ihn einschließt, eben Sein Zeichen, das am Himmel erscheint. Großes, unaussprechlich Großes wird in der ganzen Schöpfung zu solcher Zeit vorgehen, worüber aber viel zu denken und eingehende Vorstellungen sich zu machen, keinen Wert haben mag, weil wir's doch in kein klares Bild bringen können. Deswegen ist es besser, geradezu nur die Worte, ohne viel Erklärung und Auseinandersetzung zu nehmen, wie sie da stehen. Dem Glauben und der Hoffnung aber geben sie immerhin viel, ja genug, obgleich sie nur ein Thema sind ohne Ausführung. So gibts viele Weissagungen der Schrift, an denen man genug haben muß, wenn man nur ihr Wort hat und außer diesem nichts Weiteres zu ergründen vermag.
Der Fragesteller aber nimmt das Wort Himmel nur bildlich, ohne den eigentlichen Himmel zu verstehen, wenn er die Gemeine, als den Leib Christi, eine sittliche Erscheinung am Himmel der Völker nennt, d. h. eine Erscheinung unter den Menschen, die belebend, erfrischend, erleuchtend gleichsam über ihnen schwebt, wie das Blau des Himmels über der Erde. Bei uns wird allerdings in solcher Weise das Wort Himmel öfters gebraucht; aber die Schrift tut das nie. Wenn sie Himmel sagt, so ist's bei ihr immer der wirkliche Himmel. Wenn nun, denkt sich der liebe Bruder weiter, die Gemeinde am Himmel der Völker wird ertötet scheinen, d. h. wenn es scheint, als ob sie auf Erden den Garaus genommen habe. so wird sie in der ersten Auferstehung doch wieder erstehen, also auf's Neue eine belebende und erleuchtende Macht am Himmel der Völker, d. h. unter den Völkern, sein; und das wäre die Erscheinung des Zeichens des Menschensohns am Himmel, wenn mit Seiner Gemeine der Menschensohn wieder zur Geltung kommt. Soll etwa das dann auch die erste Auferstehung sein? Klar sind mir die Worte des Bruders nicht. Aber man sieht es, daß man zu keiner richtigen Anschauung über das Zeichen des Menschensohns am Himmel kommen kann, wenn man das Wort Himmel nicht ganz so nimmt, wie es der Wortlaut nehmen heißt.
Was aber den Gedanken betrifft, daß an der Gemeine, als dem Leib Christi, das Leiden, Sterben und Auferstehen des Herrn sich wiederholen werde, so kann ich diese Ansicht nicht teilen. Der Heiland ist so verwachsen mit Seiner Gemeine, daß es wäre, wenn sie sollte gar ertötet werden, als ob Jesus zum zweiten Male sterben müßte. Er aber hat mit Einem Opfer Alles vollendet; und die Gemeine kann mit ihrem Tode dieses Opfer nicht erst vollkommen machen müssen. Wahr ist es nach der Schrift, daß die Gemeine oder der Leib Christi auf Erden noch viele Trübsale haben werden. Diese haben aber ihren Grund in dem, daß Satan vollends überwunden werden muß, was nun Sache der Gemeine, vermittelst ihres Glaubens an Christum, ist, weil ja Christus selbst nicht mehr auf Erden ist, also mit Seiner Person nicht mehr weiter einstehen kann. Wohl ist Satan, der Fürst dieser Welt, durch den Tod Christi einstweilen gerichtet (Joh. 16, 11). Aber vollstreckt ist das Urteil noch nicht, sofern er seine Tatzen noch in Allem hat; und er ist vorerst noch aus Allem durch den Glauben der Gemeine vermittelst der himmlischen Macht Christi herauszutreiben. Das Urteil wird also nicht anders vollstreckt, als durch den Glauben derer, die Christo anhangen und sich mit Zuversicht auf seine Macht werfen. Satan greift sie an, wo er kann; und wird er angegriffen, so wehrt er sich mit Wut und Grimm, will sich so leicht nichts nehmen lassen, weswegen auf Seiten der Kämpfer, deren es freilich immer nur wenige gibt und vorerst meist nur in der Stille, außerordentliche Ausdauer nötig ist, zumal die dem Satan übrig gebliebene Macht durch den Abfall so Vieler und das mannigfache Buhlen mit ihr von Seiten der Christen wieder verstärkt worden ist. Der Glaube aber an Christum und die Macht Seines Blutes hat die Angriffe Satans abzuwehren, gewinnt's auch durch Ausdauer wider ihn, wenn gleich unter viel Kampf und Anfechtung, unter Schmerzen und jeweiligen scheinbaren Niederlagen. Endlich aber wird der Glaube über alle Gewalt der Finsternis die Oberhand behalten, und erfüllt, was Paulus schon in seiner Zeit sagte: "Aber der Gott des Friedens wird Satan unter eure Füße zertreten in Kurzem" (Röm. 16, 20), was an einer allgemeinen Erweckung durch die ganze Welt hin erkennbar werden wird.
Zuletzt bleibt dem Satan, für sich selbst an der Gemeine unmächtig geworden, nur noch das übrig, daß er abfällige Christen, an welchen er allein noch einen Halt hat, und die nun die eigentlichen Widerchristen werden, zur Feindschaft und zum Widerstand gegen die Kinder Gottes stärkt. Menschen aber, die noch nicht in dem Grade, wie Satan, gerichtet sind, denen also noch viel Freiheit gelassen ist, mit welcher sie Tyrannei und Gewalt bis in's Unglaubliche üben können, freilich ihnen selbst zum Gerichte, werden viele Plagen zufügen, welche die Gläubigen nicht abwehren, wohl aber im Glauben an Jesum durch Geduld und Standhaftigkeit überwinden können, auch wenn sie ihr Leben darunter lassen müssen. Die Widerchristen, mit dem sogenannten Antichristen an der Spitze, mögen's zuletzt wohl so weit bringen, daß es den Anschein gewinnt, als ob sie die Gemeine Christi gar ausrotten könnten und dürften. Aber die Auserwählten werden Tag und Nacht zu Gott rufen, und haben die Verheißung, daß zuletzt sie der Herr erretten werde in einer Kürze (Luc. 18, 8). In einer Zeit, da Alles verloren scheint, wird plötzlich die Erscheinung des Menschensohns im Himmel eintreten ("nach der Trübsal" heißt es, d. h. wenn diese zu Ende gehen soll), ehe also die Ertötung der Gemeine erfolgt. Dann wird auf einmal Allem eine andere Wendung gegeben. Satan wird auf tausend Jahr gebunden, die Widerchristen werden weggerafft, die Auserwählten dem Herrn entgegengerückt, und die übrigen Menschen kommen unter die Pflege Jesu und der Seinigen, die herrschen werden, wie das nun sei (Off. 20, 4).
So ungefähr finden wir's in der Schrift. Aber daß der Leib Christi, oder Seine Gemeine, gar müßte ertötet werden, und, wenn ertötet, Christo gleich wieder auferstehen, davon können wir nichts in der Schrift finden. Das Zeichen des Menschensohns im Himmel oder Er selbst wird also das Panier sein der Erlösung und des Siegs.
10) Das Israel Gottes.
Frage: "Ist ein wirklicher Unterschied da zwischen Israel und der Gemeine als Braut Christi? Die Darbisten sagen das."
"Ist nicht vielmehr von Abraham ab nur Ein Volk, Ein Israel Gottes, früher der Mehrzahl nach aus Juden bestehend, jetzt der Mehrzahl nach aus Gläubigen aus den Heiden? Früher eine Ruth und Rahab, jetzt viele Ruths und Rahabs und Andere, aber immer das nämliche Volk Gottes? Jetzt ein Volk ohne Land auf Erden, später wieder ein Volk mit Land, wenn die Juden bekehrt werden?"
Antwort: Die Meinung, daß ein Unterschied sei beim Israel Gottes zwischen Juden und Nichtjuden, kann ich durchaus nicht anders als unbiblisch nennen. Erst heute (13. Sept.) hat es in der Losung der Brüdergemeine geheißen (Eph. 2, 19): "Ihr", nämlich vormalige Heiden, "seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge" d. h. die nur gastweise an den Gottesdiensten Israels Teil nehmen dürften, "sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen." Geborene Juden, die gläubig geworden sind, haben also kein Recht in irgend einem Stück sich vor geborenen Heiden bevorzugt zu denken, als ob die Heiden nicht als gleichberechtigte Bürger, sondern als minder völlige Hausgenossen Gottes anzusehen wären.
Es tut mir immer wehe, heutzutage Viele so sich aussprechen zu hören, als ob Nichtjuden nicht in Allem die gleichen Ansprüche nach der Verheißung machen dürften, wie die Juden, und als ob die Verheißungen, weil sie an Israel gerichtet sind, so auszulegen wären, daß die Juden Vorrechte haben sollten, die nur ihnen gebührten. Solches widerspricht dem ganzen Geist des Evangeliums, welches will, daß in vollem Sinn Alle Eines seien in Christo. Wie kann doch neben diesem ein Vorrecht bei den Juden Platz haben? Bilden doch nun die Gläubigen in Christo zusammen, Heiden gleichmäßig mit den Juden, das eigentliche Volk Gottes; und wie ein Gottesvolk außer Christo gar nicht mehr denkbar ist, so auch kein apartes Gottesvolk aus Gläubigen in Christo, separiert von Anderen, oder gar herrschend über die Anderen. Deswegen sagt Petrus (1 Petr. 2, 9): "Ihr aber" (die ihr glaubet v. 7), "seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums", womit er sie ganz so anredet, wie Gott einst Israel in der Wüste angeredet hat vor Sinai (2 Mos. 19, 6); und Petrus sagt es so, daß die Juden als Juden zunächst nicht mehr dieses Volk seien, zu dem Gott also stehen wolle. Wenn denn vollends Paulus (Röm. 11, 17 ff.) sagt, die Heiden seien eingepfropft in den Ölbaum, vom wilden in den edlen, so daß die Letzteren, als ausgehauen, gar nicht mehr zum Ölbaum gehören, so lange sie nicht glauben, wie kann er sagen wollen, daß die Eingepfropften nicht ganz das Nämliche seien, als die Ausgehauenen, wenn diese wieder eingepfropft seien, und daß sie diesen Letzteren dann Vorrechte lassen müßten, die ihnen nicht gebühren? Von den unbekehrten Juden aber sagt Paulus in der angeführten Stelle gar nichts Anderes, als daß sie würden einmal Alle selig werden, und Gott habe es Alles beschlossen unter den Unglauben, auf daß Er Sich Aller erbarme. Mehr haben die Juden nicht anzusprechen, als daß Sich einmal Gott ihrer erbarme zur Seligkeit, wie Er Sich aller Welt zur Seligkeit erbarmen will. Von einem Unterschied also zwischen Israel und der Gemeine, als der Braut Christi, ist und kann nicht die Rede sein. Wir nähren, wenn wir so etwas denken, unvermerkt wieder den fleischlichen Sinn der Juden, der ihnen einst so vielen Schaden gebracht hat.
Die Vorstellung, als hätten die Juden, wenn sie sich bekehrten, besondere Vorrechte zu erwarten, enthält auch eine Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit eigener Art, ist eine Wunde in ihr eigenes Fleisch hinein. Der liebe Bruder, der die Frage stellt, redet richtig von der Ruth und Rahab, die nicht von Abrahams Blut waren, und doch dem Volke Gottes einverleibt galten. Beide zeugten Kinder mit Israeliten und hatten viele Nachkommen, sogar den David, welche doch ganz als ebenbürtig mit den Israeliten galten, obwohl sie nur einseitig Abrahams Blut hatten. Es ist ein Gesetz Gottes, nach welchem Einseitigkeit der Abstammung das gleiche Recht gibt, wie wenn beide Eltern gleiches Blut hätten. So wird auch im Neuen Bunde der ungläubige, d. h. heidnische Mann geheiligt durchs Weib, und das ungläubige, d. h. heidnische Weib durch den Mann, so daß ihre Kinder nicht unrein, sondern heilig sind, ebenbürtig mit andern, deren beide Eltern christlich sind (1 Kor. 7, 14). Genau genommen hätte man die Gläubigen in Christo gar nicht Christen, sondern, als eingepfropft in Abrahams Stamm, Juden oder Israeliten nennen sollen. Hätte man das von Anfang so getan, wie man auch nach allen Äußerungen der Schrift das Recht gehabt hätte, ob es wohl um der unbekehrten Juden willen nicht angieng, so würden die Vorstellungen unserer Zeit ganz andere sein. Wie ihm aber sei, so sind jedenfalls sämtliche Christen, als Israeliten, für Genossen des Einen von Gott erwählten Volkes zu nehmen.
Dies wird uns deutlicher, wenn wir bedenken, wie viele Tausend Juden, die doch sich bekehrten, unter die Heiden sich mischten, und zwar in allen Ländern. So gibt es jetzt Millionen ebenbürtiger Juden, als zum wirklichen Samen Abrahams gehörig, durch die ganze Welt verbreitet, ohne daß man sie für Juden hält. Die Geltung der Abstammung kann sich nie verlieren, und wird auch, wie gesagt, durch eintretende Einseitigkeiten nie verloren. Wer unter den Christen von den Juden abstammt, hat das Recht zu sagen, er sei um nichts weniger Abrahams Kind, als was man jetzt noch Juden nennt; und die Letzteren können unter keinen Umständen, wenn sie sich bekehren, etwas, auch ihr ehemaliges Land nicht, ansprechen, was sie nicht mit jenen gemeinschaftlich haben sollen. Mir ist es unbegreiflich, wie Judenfreunde, wunderlicherweise selbst es bedauernd, daß sie nicht auch Juden seien, obwohl sie's möglicherweise sind, fortfahren, so über Vorrechte zu reden, wie sie es tun.
Wenn sie sagen, das bekehrte Israel müsse einst die Heiden bekehren, so frage ich sie, ob denn das nicht jetzt schon geschehe. Denn wer weiß, wie viele wirkliche Abrahamskinder, die aber eben jetzt Christen heißen, Missionare sind, durch die ganze Welt zerstreut? Aber ich rede da nur so; denn auch andere, die gar kein Abrahamsblut in sich haben, gelten mir doch und gewiß auch dem Heilande als Abrahamskinder um des Glaubens willen (Röm. 3, 29. 30.). Denn wenn Gott dem Abraham aus Steinen kann Kinder erwecken (Matth. 3, 9), so sind das Kinder, wirkliche Kinder, die Ihm vollkommen dasselbe sind, als was von Abraham stammt.
Aus dem Allem geht auch hervor, daß ich mir nie denken kann, daß wieder Israel als solches werde ein oder sein Land für sich bekommen, in welchem sie in eigener Weise, gegenüber von den anderen Christen, hausen sollen. Am allerwenigsten kann ich mir das denken, wenn es den jetzt erst sich bekehrenden Juden ausschließlich zukommen soll. Die darauf bezüglichen Verheißungen bedürfen nur einer dem Geist des Evangeliums entsprechenden Auslegung. Schon zu Moses hat der Herr gesagt (4 Mos. 14, 24): "Aber so wahr, als ich lebe, so soll alle Welt der Herrlichkeit des Herrn voll werden", d. h. nicht nur Israel, das eben'jetzt aufs Neue begnadigt wurde. Die ganze Welt soll das gelobte Land werden, und ist's, soweit sie das Evangelium kennt. Dies schließt nicht aus, daß in der Zeit der tausend Jahre nach Christi Wiederkunft eine Zentralisation der Kinder Gottes irgendwo sein werde, "das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt" nebst Land (Off. 20, 13), und zwar "auf der Breite der Erde", was nicht gerade auf Palästina hinweist.
11) Zur letzten Trübsal.
Frage: "Ist es wahr, daß die Gemeine nicht in die große Trübsal kommen wird, und vor dieser bangen Periode wird aufgenommen werden in die Luft, wie die Darbisten sagen?"
"Ist es nicht vielmehr wahr, daß eben diese Trübsal uns notwendig ist, und die Gemeine als Leib Christi in den Hades kommen muß, damit sie den Hades überwinde und so triumphierend zeige in der ersten Auferstehung, daß die Pforten der Hölle (des Hades) sie nicht überwältigen können?"
"Ist nicht eben die Überwindung des Hades unsere Legitimation zur Herrschaft auf Erden mit der eisernen Rute?"
Antwort. Diese Frage führt zu mancherlei Punkten, über welche ein Wort zu reden ist. Ich versuche es, nach meinem Dafürhalten Gedanken darüber auszusprechen, ohne als ein Lehrmeister, der sich nicht auch wieder etwas sagen läßt, auftreten zu wollen.
Vorerst aber bemerke ich, daß ich solche Fragen ungern beantworte, wenn ich bei ihnen allein stehen bleiben soll. Denn mit ihnen überspringt man mir zu sehr die Gegenwart, auf eine Zukunftszeit hin blickend, über die man Allerlei sagen kann, Geschicktes und Ungeschicktes, von dem sich aber mir nichts abwirft für die Gegenwart. Wenn ich aber nicht für die Gegenwart sorge, so kann ich von hinnen scheiden müssen, ohne die geträumte Zukunft zu erleben; und dann ist gar nichts gewonnen, wenn das, was die Gegenwart erheischt, ziemlich verwahrlost geblieben ist. Mancher kann auch, indem er so gar immer nur in die fernere Zukunft hinausschaut, vor sich her in Sümpfe und Abgründe fallen; oder liegt er in diesen, ohne sich aus ihnen herauszuarbeiten. Wie aber ist's dann gefehlt für ihn?
Daß bei obiger Frage die Gegenwart übersprungen wird, kann ich an dem erkennen, wenn ich fragen will: "Wer und wo ist denn die Gemeine, welche der Leib und die Braut Christi sein soll?" Ist denn irgendwo und irgendwie eine solche Gemeine vorhanden? In welchem Lande denken wir uns diese? Sagt man, sie bestehe aus den zerstreut auf der Erde sich befindenden Gläubigen der sogenannten unsichtbaren Kirche, so ist das schon recht; aber dann ist's doch keine Gemeine, keine Vereinigung Vieler oder Aller, welche eine Anschauung von einer Gemeine darböte, da sie ja fast gar zu unsichtbar wäre und fast gar zu klein zu denken. Wer sind dann wieder diese Gläubigen? Wie sind doch alle, die an Christum glauben, so getrennt von einander, auch dem Geiste nach, daß man auch das nicht recht weiß, unter welcher Kirche oder Partie oder Gemeinschaft man die Gläubigen finden oder suchen soll, welche Glieder der unsichtbaren Gemeine sind. Auch von der reinen Jungfrau, welche Paulus gerne Christo zuführte, wenn er käme (2 Kor. 11, 2), sieht man kaum viel an ihnen, wohl aber viel Abstoßendes, Liebloses Weltliches, versteckt Heuchlerisches. Die die Besten zu sein scheinen, wie viel Herbes, Ausschließendes, Selbstgerechtes haben sie oft gegen Andere, die auch zur Gemeine gehören wollen? Man kann's, wie gesagt, nicht zu einer Anschauung der Gemeine bringen, die da wäre, und die Christo als eine Braut zubereitet wäre. Mitunter gibt es Vereinigungen von Christen, die unfehlbar sich für die Gemeine halten mit allen ihren Gliedern. Man könnte ein Dutzend Namen nennen von solchen, die meinen, nur sie hätten's, und nur sie seien's; und was nicht zu ihnen gehöre, stehe schon außerhalb der Gemeine, die der Heiland als Seine Braut anerkennen werde. Auch die Darbisten, so viel ich weiß, stehen so, daß sie gar nichts Anderes denken, als daß sie's seien, mitunter recht bestimmt, daß sie's ausschließlich seien. Auf wie Weniges aber würde, wenn's so genommen wird, um nur das Eine zu sagen, die Frucht des Kreuzestodes Jesu sich reduzieren! Wie dem aber sei, so sieht mich's seltsam an, von einer Gemeine reden zu sollen, die etwa den Vorzug haben soll, nicht in die kommende große Trübsal zu kommen, während ich im Grunde fast nirgends etwas von einer Gemeine sehe, und Jeder, ich schließe mich selber nicht aus, für sich Sorge tragen muß, ob er sich als ihr angehörig annehmen könnte, wenn er aufrichtig das besieht, was er eigentlich ist.
Das Nächste, worauf wir also sollten zuerst blicken, wäre: "Wie kann und wie wird eine Gemeine, die der Herr einmal als Seine Gemeine und Braut ansehen kann? Daß nun Menschen im Stande seien, eine solche Gemeine zuwege zu bringen, wird kaum Jemand annehmen; und auch die, welche Alles daran setzen, um Leute zu bekehren, mit Eifern auf diesem und jenem Wege, dagegen ja nichts zu sagen wäre, sehen zur Genüge, wie wenig sie fertig bringen. Mitunter gibt's sogenannte Erweckungen, auch umfangreicher Art; aber wie schnell vergehen sie wieder, und wie wenig bleibt von ihnen übrig, wie vor Jahren an den Erweckungen in England und Amerika zu sehen war! Da waren wohl über ein Jahr lang alle Zeitungen davon voll; aber daß nur wenig göttlicher Zug, dagegen viel menschliches Treiben und Schieben dabei war, ist an dem zu erkennen, daß Alles fast spurlos wieder verschwunden ist, ja in Vieler Herzen eher eine Verstockung zurückgelassen hat. Für die Gemeine des Herrn wurde nichts davon abgeworfen. Soll aber wirklich diese Gemeine werden, zu welcher gesagt wird (Offenb. 19, 7): "Lasset uns freuen und fröhlich sein, und Ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist kommen und Sein Weib hat sich bereitet," so muß von Oben ein Neues kommen. Es muß eine erneuerte wirkliche, nicht bloß scheinbare Ausgießung des heiligen Geistes kommen, welche neu belebend wirkt auf die Christenheit, auf Israel, auf die Heidenwelt, mit Einem Wort auf alles Fleisch, damit eine Erregung werde, die in kurzer Zeit die ganze Welt durchgehe, und eine wirkliche Gemeine Christi in's Dasein rufe. Hierauf sollten die Gläubigen mehr ihre Gedanken richten. Solches sollten sie mehr glauben und hoffen, als sie tun; und auf Solches sollten sie mit Wort und Gebet wirken. Sie sollten Tag und Nacht rufen lernen mit jener Witwe: "Rette uns von unsrem Widersacher," "und gib uns das von diesem Geraubte wieder zurück." Das wäre das Erste, worauf wir beim Blick auf die letzte Zeit zu achten haben, um auch jetzt schon mit gläubiger Treue reeller darauf wirken zu können. Alles Andere, das man sonst von der letzten Zeit sagt, liegt mir ferner, als das; und ehe ich das Angeführte sehe, habe ich auch für alles Andere so gut als kein Interesse, weil man erst, wenn ein neuer Geist die Christenheit durchweht, die Offenbarung recht verstehen und ein Richtiges über Ferneres sehen und sagen kann.
Hieraus geht hervor, daß ich in keiner Weise auf den Gedanken eingehen kann, daß die Gemeine Christi nicht werde in die große Trübsal kommen, sondern vor dieser bangen Periode werde aufgenommen werden in die Luft. Letzteres geschieht auch unzweideutig nach der Schrift (1 Thess. 4, 17) erst mit dem Kommen des Herrn, da zuerst die Toten in Christo auferstehen, und die Lebenden, so weit sie's wert sind, Ihm entgegengerückt werden. Dieses apostolische Wort wird bei jener Vorstellung gänzlich außer Acht gelassen. Ich aber bleibe beim Wort.
Daß die Gemeine in den Hades kommen müsse und den Hades dadurch überwinden, um sich zur Herrschaft auf Erden zu legitimieren, ist gleichfalls mit Nichts aus der Bibel zu begründen, und sonst undenkbar. Ehe es ja mit den Gläubigen allen zum Sterben kommt, wird der Herr die Tag und Nacht rufenden Auserwählten erretten in einer Kürze (Luc. 18, 7. 8), also so, daß sie am Leben bleiben und alsbald vom Herrn können empfangen werden. In den Hades (peinlichen Ort der Unterwelt) kommt schon gar ein Auserwählter, auch wenn er stirbt, nicht. Oder was soll das Wort Jesu am Grabe des Lazarus heißen: "Wer an mich glaubt, der wird nicht sterben, ob er gleich stürbe", wenn es nicht das heißt, daß er nicht in den Hades komme, sondern lebend zu einem Leben im Licht irgendwie geführt werde. Die Legitimation zur Herrschaft haben etwa die Märtyrer, "die Seelen der Enthaupteten" (Off. 20, 4). Aber nicht ihr, sondern des Heilands Tod bringt die Legitimation. Wer treu bleibt bis zum Tode ist zu Allem legitimiert, ob er gewaltsam sterben muß oder nicht. Aber Verdienst hat er keines dabei, sondern hat nur der Tod Christi, dessen Blut ausreicht zur Vollendung Aller nach Seinem Willen, ohne daß es einen Zuschuß von Verdienst auf Seiten der Menschen bedürfte.
12) Das Entgegenkommen zur Auferstehung.
Briefliche Frage: "Gerne hätte ich Sie neulich gehört (in einem zu Stuttgart gehaltenen Vortrage) über das Entgegenkommen zur Auferstehung der Toten, von dem der Apostel im Philipperbrief redet. Denn diese Stelle sagt wohl viel, und mag von großer Wichtigkeit sein. Sie scheint mir etwas weniger Bekanntes zu sagen, weswegen Belehrung und Aufschluß hierüber mir und sicher vielen Andern sehr erwünscht wäre."
Antwort: Der Fragesteller will Näheres wissen über das Wort Pauli (Phil. 3, 11): "Damit ich entgegenkomme zur Auferstehung der Toten." Der Sinn ist wohl einfacher, als er sich's denkt, obwohl die Worte einiger Auslegung und Beleuchtung bedürfen. Vorher hatte Paulus gesagt, wie ihm daran gelegen sei, "zu erkennen Ihn (Christum), und die Kraft Seiner Auferstehung, und die Gemeinschaft Seiner Leiden, daß ich Seinem Tode ähnlich werde." An diese Worte schließt sich Obiges an: "Damit ich entgegenkomme zur Auferstehung der Toten."
Um den Wortsinn uns klarer zu machen, denken wir's uns, als ob es hieße: "zu erkennen Ihn und die Kraft seiner Auferstehung, nämlich die Kraft, aus welcher einerseits unsere Gemeinschaft mit Seinen Leiden, andererseits mit Seiner Auferstehung folgt. Wenn nämlich Paulus die Auferstehung Jesu erkennen möchte, so schließt diese auch Seinen Tod ein, wie wenn er sagte: "zu erkennen Ihn, nämlich Seinen Tod und Seine Auferstehung, oder die große Bedeutung und Wirkung, die Beides für den Menschen und das ganze Heilswerk hat." Die Erkenntnis ist besonders in dem wichtig, daß Beides auch an den Jüngern des Herrn sich darstellen soll, sowohl Sein Leiden, namentlich wenn's auch ein Märtyrerleiden ist, als Seine Auferstehung.
Wie wir mit Ihm leiden, so werden wir auch mit Ihm auferstehen. Paulus kann möglicherweise ganz Seinem Tode ähnlich gemacht werden, wenn er für die Sache Jesu das Leben lassen muß. Wenn das, so denkt er sich, wie bemerkt, auch eine Ähnlichkeit mit der Auferstehung Jesu. Aber das will er nur bescheiden ausdrücken, weil die Auferstehung nicht alsbald nach seinem Tode eintritt, sondern erst bei der allgemeinen Auferstehung der Toten. Deswegen sagt er nur: "damit ich Ihm entgegenkomme zur Auferstehung der Toten." Er kommt insofern nach seinem Tode dem auferstandenen Christus entgegen, oder nahe, als er, wenn er auch stirbt, doch lebt, d. h. nicht in die Totenwelt kommt, wie Andere, die keinen Heiland haben, sondern in einen Zustand des Lebens eintritt, der bereits dem Zustand von Auferstandenen entgegen oder nahe kommt, als eine Frucht oder Wirkung der Auferstehung Christi. Er denkt dabei wohl auch an die himmlische Behausung oder Hütte, welche die in Christo Sterbenden bekommen, um nicht bloß oder unbekleidet erfunden zu werden (2 Kor. 5, 1 ff.). Das wäre dann das Entgegenkommen auf die Zeit hin oder bis zu der Zeit der allgemeinen Auferstehung der Toten, da die Ähnlichkeit mit der Auferstehung Christi erst vollendet wird. Ich hoffe, der Bruder werde verstehen, was ich sage, und wie ich's meine. (Vgl. auch Röm. 6, 5.)
13) Unmöglichkeit der Wiedererneuerung.
Frage: Die Schriftstelle Hebr. 6, 4-6 hat mich neulich bewegt. Ich glaube, schon etwas von den hier erwähnten himmlischen Gütern geschmeckt zu haben, und trotz manchfacher Untreue schließlich immer wieder durch wahre Buße erneuert worden zu sein. Setzt die Epistel eine größere Geistesgabe, oder einen tieferen Abfall oder Beides voraus, weil sie für unmöglich erklärt, was ich bei mir und Andern beobachtet zu haben glaube? Ich wäre für eine praktische Erklärung dieser Verse dankbar.
Antwort: Vorerst bitte ich die Leser um Entschuldigung, wenn ich die ganze Stelle, um die sich's da handelt, hersetze. Sie lautet (Hebr. 6, 4-6):
"Denn es ist unmöglich, daß die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe" (mit Christo), "und teilhaftig geworden sind des heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, wo sie abfallen und wiederum ihnen selbst den Sohn Gottes kreuzigen und für Spott halten, daß sie sollten wiederum erneuert werden zur Buße." - Richtiger übersetzt: "Denn unmöglich, die, so einmal erleuchtet sind, u. s. w., wiederum zu erneuern zur Buße."
Die Stelle hat schon vielen Christen Not gemacht und die schwersten Anfechtungen gebracht. Mitunter möchte ich es fast eine kleine Unart nennen, wenn die Leute, wie absichtlich Zweifel suchend, und wie mürrisch dem Heiland es vorhaltend, so gar sehr solche ernst lautende Stellen immer wieder zu einer Selbstentmutigung sich vorsagen, und zwar mit Umgehung aller trostreich lautenden Aussagen der heiligen Schrift. Ein gewöhnlicher einfacher Christ sollte sich an solchen Stellen gar nicht aufhalten. Er weiß ja, auch aus der Schrift, daß er immer im Kampf steht, und daß es bei ihm stets auf allerlei Weise zum Fallen und Aufstehen kommen kann, macht auch bei sich die Erfahrung, wie der Fragesteller andeutet, daß er sich durch Buße stets wieder zurechtfinden und aus der Angst und Bekümmernis zu Mut und Freude am Worte Gottes sich aufrichten kann, warum soll er doch gerade an jene Stelle so ängstlich hinsehen, als ob ihm mit dieser gesagt werden solle, daß ihm Buße unmöglich sei, so sehr er auch Buße tue. Offenbar sollte es ihm klar sein, daß er solche und andere Stellen gar nicht als sich geltend nehmen darf, vielmehr sie für sich ignorieren muß. Solches hat er sogar sich zur Pflicht zu machen, weil so viel gewiß ist, daß der, welcher an solchen Stellen immer, und meist mit einer gewissen Erregung, herumdenkt, zuletzt die Stimme des reißenden Wolfs vernimmt, der auf nichts mehr aus ist, als die in Christo freudig gewordenen Seelen herunterzustimmen, und ihnen die Hoffnung zweifelhaft zu machen, weil Zweifler und Ungläubige am Schnellsten vom Heiland und Seiner Gnade weggebracht und bis zur Verzweiflung mutlos gemacht werden können. Denke also, lieber Leser, bei Allem, was ich schreibe, nicht an dich, als ob ich dir den Glauben, der wankend werden will, zu stärken hätte, sondern nur daran, daß dir der Sinn der Stelle klar werde, die immerhin auf Allerlei, das die Erkenntnis fördert, führen kann, wie es auch der Fragesteller meint.
Vorerst mußt du den Zusammenhang genauer ansehen. Der Apostel redet mit Judenchristen, darum Hebräer genannt, die es nicht recht ertragen konnten, fern von den herkömmlichen jüdischen Gottesdiensten und Gebräuchen zu stehen. Im Anfang zwar blieben sie noch am Tempel (Apost. 2, 46); und auch Paulus entzog sich nicht jüdischer Gebräuche, selbst noch als er von seiner letzten Missionsreise nach Jerusalem zurückkehrte (Ap. 4, 24). Damals waren überhaupt die unzähligen, gläubig gewordenen Juden der Stadt alle noch Eiferer über dem Gesetz. Mit der Zeit wurde das aber doch anders; und der Zug zum Tempel mußte immer geringer werden, weil die Christen eben doch hier nichts Rechtes mehr für sich finden konnten. Es entzogen sich also Viele dem Tempel; und diese mögen's den Andern, welche die Anhänglichkeit sich nicht nehmen lassen konnten, verdacht haben. Auch den wirklichen Juden wurde der Unterschied zwischen Christen und Juden mehr bewußt; und sie konnten nur mit widrigen Empfindungen die Christen im Tempel sehen. Dieselben Juden waren auch verfolgungssüchtig, und machten den Judenchristen überall, besonders in Palästina, das Leben recht sauer. Da standen denn die dem Jüdischen anhänglichen Judenchristen zwischen Türe und Angel. Sie wollten vom Tempel nicht lassen, und hatten doch keinen freien Zutritt dahin; und hielten sie sich ganz zu den Ihrigen, so fühlten sie sich unbefriedigt, oder gar als solche, die wider Recht das Gesetz verließen. Da kam ihrer Vielen der Gedanke, ob sie nicht gläubige Christen sein könnten, auch wenn sie sich zu den Juden hielten, mit Vermeidung der christlichen Versammlungen (Hebr. 10, 25-29); und schon waren sie nahe daran, es so zu machen, weswegen der Hebräerbrief sehr ernstlich davor warnt. Ihm kommt's als ein Abfall von Christo vor, sofern sie Christum und Sein Heil geringer achteten, als die Vorbilder des Alten Testaments im Tempel, und zugleich in die Gemeinschaft mit solchen Juden zurückkehrten, welche fortwährend Schmäher Christi und Lästerer Seines Namens, als des Gekreuzigten, waren. Um mit diesen gut Freund zu bleiben, mußten sie stille zu ihren Lästerungen sein, mußten sich überhaupt als die ansehen lassen, die ihnen nicht ganz Unrecht gaben, wenn sie sagten, Jesus sei mit Recht gekreuzigt worden, wurden also wirklich von Christo abfällig, daß sie wiederum, wie es in unserer Stelle heißt: "Ihnen selbst den Sohn Gottes kreuzigten und für Spott hielten." Dies um so mehr, wenn sie wirklich die jüdischen Gebräuche höher stellten, als was das Evangelium ihnen bot. Darin lag eine große Herabsetzung des Kreuzestodes Jesu.
Wir sehen also, daß es etwas sehr Ernstes mit dem Abfall der Judenchristen gewesen wäre, wenn sie ihren kleinmütigen, ängstlichen und ungläubigen Gedanken nachgegeben hätten. Es war ein Abfall viel größer und bedeutungsvoller, als jegliches Zurückfallen in etwaige schwere Versündigungen. Wenn also unsere Stelle sagt: "Wo sie abfallen," so ist nicht das Fallen in gewisse Sünden gemeint, wie Ehebruch und sonst, wie es Manche nehmen wollen, sondern ein wirkliches Preisgeben des Glaubens an Jesum, als den Sohn Gottes, der über Alles gehen sollte, und als den, der das Opfer für die Sünden der Welt geworden sei. Schon darum also können gewöhnliche Christen bei jener Stelle nicht im Mindesten an sich denken, weil sie in ähnliche Verhältnisse, wie die Hebräer, gar nicht kommen können. Ein ähnliches könnte es etwa sein, wenn sie nach empfangener Erkenntnis des Heils zu wirklichen Spöttern und Verächtern Christi sich schlügen, mit Vermeidung gläubiger Christen (vgl. Ps. 4, 1), um nicht dem Haß der Welt, wie der in erregten Zeiten kommen kann, sich auszusetzen, oder weil sie fleischlichen Prassereien der Welt nicht absagen können. Aber auch auf diese kann kaum volle Anwendung unserer Stelle gemacht werden, wie wir im Folgenden sehen werden.
Besehen wir noch weiter unsere Stelle (Hebr. 6, 4-6), so ist der Verfasser des Hebräerbriefs daran, "starke Speise zu geben, d. h. tiefgehende Erklärungen wichtiger Punkte, wie bezüglich des Hohenpriestertums Jesu. Da sagt er aber (5, 12-15), er scheue sich, das zu tun, wenn er daran denke, wie sich die zum Abfall geneigten Judenchristen wieder als Kinder bezeigten, welche eher Milch brauchten, als starke Speise. Indessen will er sie doch jetzt (6, 1-3) als die Vollkommenen, die Erwachsenen, als die in der Erkenntnis des Evangeliums Erstarkten, nicht als Kinder behandeln, darum "die Anfangsgründe des christlichen Lebens jetzt lassen und zur Vollkommenheit fahren, um nicht mit den einfachsten Lehren noch einmal Grund legen zu wollen, wenn er etwa spräche: "Von Buße der toten Werke, vom Glauben an Gott, von der Taufe, von der Lehre, von Handauflegen, von der Toten Auferstehung und vom ewigen Gerichte." Das will der Verfasser tun, wenn's etwa Gott zuließe, d. h. wenn ihn Gott mahne, daß es am Platze wäre, den Lesern wieder mit solchen Lehren zu kommen. Denn, - müssen wir es uns weiter denken, - mit den Elementen könne er jetzt nicht bei diesen Hebräern zurecht kommen, weil es ja unmöglich wäre, mit diesen Elementen solche, die nach so großer Erleuchtung wieder an Abfall dächten, oder als Abgefallene zu denken wären, zur Buße oder Sinnesänderung zu erneuern. Der Hebräerbrief nimmt also die Hebräer, an die er gerichtet ist, noch nicht als Abgefallene, - sonst könnte er ihnen ja nicht das Vollkommene bieten wollen, - sondern als solche, die eben durch starke Speise noch zu erhalten wären, während er bei ihnen nichts ausrichten könnte, wenn er nur mit den Anfangsgründen sie zurecht bringen wollte. Zugleich aber will er die Hebräer warnen, in ihrem Verhalten stille zu stehen, weil sie sich der Gefahr aussetzten, daß man nicht mehr auf sie wirken könnte. Man denke sich auch, wie es möglich sein solle, wirkliche Abgefallene, die ganz wieder in die Gemeinschaft der Juden zurückgekehrt und von der Gemeinschaft der Christen gewichen wären, mit Vorhalten der ersten Anfangsgründe wieder zur Rückkehr in die Gemeinschaft der Christen zu bestimmen. Sie wären viel zu abgestumpft für das, was die Anfangsgründe bei Anderen Anregendes und Aufweckendes haben.
Auch nach einer andern Seite können die heutigen Christen die angeführte Stelle nicht völlig auf sich anwenden. In ihr ist nämlich der Vollbesitz des heiligen Geistes vorausgesetzt, wie ihn die ersten Christen bekommen hatten, weswegen sie genannt werden konnten, "die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe" (welche ist Christus selbst) "und teilhaftig worden sind des heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt." Wer in solcher Fülle das Höchste, das nur dem Menschen durch's Evangelium gegeben werden kann, empfangen hatte, und etwa wieder zu Spöttern und Verächtern sich schlug, bei dem mag es doch begreiflich sein, daß man mit den gewöhnlichen einfachen Lehren (v. 1. 2), mit welchen man unbekehrte Leute anzufassen sucht, nicht mehr zurecht kommt. Sie wissen ja Alles so zur Genüge, daß es ihnen nur langweilig vorkommt, wenn man so wieder zu ihnen herabsteigt. Sie werden eher ärgerlich oder verdrießlich, wenn man wieder als Kinder sie zu behandeln anfängt, als daß man damit sie wieder zu besserem Sinne erneuern sollte. Bei ihnen kann ein Rückschlag bis zur Verstockung erfolgen; und der Apostel oder Verfasser des Hebräerbriefs würde eine ganz vergebliche Arbeit unternehmen, mit der einfachsten Kinderlehre solche Abfällige umzustimmen.
Bei uns nun ist es mit den Gaben des Geistes doch gar anders als im Anfang. Zwar schmecken die Christen wohl auch, wie der Fragesteller von sich sagt, etwas von den himmlischen Gütern; aber weil sie diese nicht völlig haben, bleiben sie möglicherweise immer wieder empfänglich zur Erneuerung auch durch die einfachsten Lehren, wenn man nur diese in rechter Weise anzubringen weiß. Wenigstens darf man nie eine Unmöglichkeit voraussetzen, bei ihnen etwas auszurichten, weswegen Beides, ein Aufstehen, wie ein Fallen, etwas Gewöhnliches ist. Eine Zeit lang kann's bei Manchen, wozu aber auch Anderes mitwirkt, allerdings sich fast zur Unmöglichkeit gesteigert haben; aber mit einem Male können sie, wie die Erfahrung vielfältig lehrt, wieder empfänglich werden, um doch wieder erneuert zu werden, und dann nur noch Größeres zu empfangen, als sie selbst im besten früheren Zustande gehabt haben. Sonst darf immerhin jeder Christ es wohl beherzigen, daß er Empfangenes nicht leichtsinnig wieder wegschleudere, weil er gar leicht einer vielbewässerten Erde ähnlich wird (v. 7. 8), "die, weil nur Dornen und Disteln tragend, untüchtig ist, und dem Fluche nahe, reif zum Verbrennen." Eine Unmöglichkeit zur Umkehr aber darf bei uns nie vorausgesetzt werden, und kann auch in unserer Stelle nie für uns liegen, so lange das Höchste, wie es in der Stelle beschrieben ist, uns nicht geworden ist, ohne welches die Verwerflichkeit vor Gott kaum den Grad erreichen kann, der etwa für die ersten Christen denkbar war.
Was aber nun die Unmöglichkeit der Wiedererneuerung auch für die Hebräer betrifft, so lautet die Stelle nur scheinbar so hart, als man sich's gewöhnlich denkt, wie man überhaupt bei allen solchen Stellen, wie bei der von der Lästerung des Geistes, stets sich in Acht nehmen muß, daß man ihnen nicht eine steife Härte unterschiebt, die sie nicht haben wollen, und die auch nicht zum ganzen Geist des Evangeliums paßt. Vielen ist es dann gleichsam willkommen, etwas mit Grund gegen die Schrift denken oder sagen zu dürfen. Besehen wir die Worte und den weiteren Zusammenhang näher. Wörtlich übersetzt, wie schon oben gesagt, heißt's eigentlich: "Unmöglich, die einmal Erleuchteten wieder zur Buße oder Sinnesänderung zu erneuern." Damit ist die Unmöglichkeit, daß sie nämlich unter keinen Umständen wieder erneuert werden könnten, nicht gesagt. Nur daß Menschen oder Lehrer, etwa durch Vorhalten der einfachen Grundlehren, es zu Stande bringen könnten, wird als unmöglich angenommen; aber die Hoffnung, daß sie durch Gottes Gnade und Einwirkung wieder zu einem andern Sinn gebracht werden könnten, ist damit noch nicht abgeschnitten. So sagt auch einmal (Matth. 19, 25. 26), als die Frage aufkam: "Je, wer kann denn selig werden?" der Herr zu den Jüngern: "Bei den Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich."
Ferner ist zu beachten, daß es nicht heißt: "Denn es ist unmöglich", sondern nur: "denn unmöglich", da man auch ein anderes Wort, als "ist" hereindenken kann. Man kann's nehmen: "Unmöglich wäre es" oder: "scheint es", oder: "möchte es sein." Jedenfalls liegt die volle Bestimmtheit: "Es ist unmöglich" nicht in den Worten. - Das Nachfolgende in der Stelle ist auch wichtig für eine mildere Auffassung, wenn es weiter heißt: "Wir versehen uns aber, ihr Liebsten, Besseres zu euch, und daß die Seligkeit (euch) näher sei, obwohl wir also reden." Damit ist jede Härte der Stelle wieder aufgehoben; und man sieht es deutlich, daß der Verfasser, in heftigem Gemütsdrang, voll Angst für die Hebräer, ein Stärkeres sagt, als er eigentlich fühlt. Er redet, wie in einer Verlegenheit, was denken und sagen, wenn wirklich ein Abfall, wie wir ihn oben dargelegt haben, bei den Hebräern erfolgen würde.
Endlich macht der Verfasser den Abfall selbst als kaum denkbar, ja als unmöglich, wenn er weiter sagt (v. 10): "Denn Gott ist nicht ungerecht, daß er vergesse eures Werks und Arbeit der Liebe, die ihr bewiesen habt an Seinem Namen, da ihr den Heiligen dienetet und noch dienet." Darin liegt, daß der Verfasser überzeugt ist, daß Gott es nie so weit kommen lasse, daß ein so gefährlicher Abfall geschehe. Mit der ganzen Rede, wenn er ihr den stärksten Ausdruck gab, will er darauf wirken, daß seine Leser desto mehr Fleiß anwenden möchten, die Hoffnung fest zu halten bis ans Ende" (v. 11), zumal diese durch Zweierlei, nämlich durch Verheißung und Eid, bekräftigt worden ist (v. 17-18). Der Apostel denkt sich also den Abfall schon unmöglich; und nur wenn dieser möglich wäre, müßte etwa auch die Wiedererneuerung unmöglich sein. Er spricht also nur aus tief bewegtem Herzen, das voll Angst ist für die lieben Brüder, und richtet sich selbst für sie wieder auf, indem er es nicht glauben will und glauben kann, daß je ein so großer Abfall geschehen werde. Sonst aber mußte er auch so stark reden, weil schon Gedanken an solchen Abfall dem inneren Menschen großen Schaden bringen; und um auch sie ihnen zu nehmen, hält er es ihnen vor, wie ja alle Hoffnung für sie verloren ginge, wenn sie ihren Abfallsgedanken Gehör schenkten und sie zur Tat werden ließen. Man sieht also, wie gerade unsere Stelle die festeste Zuversicht einem gläubigen Gemüte schenkt, das auch für sich selbst in Ängsten kommen kann, weil sie der Barmherzigkeit Gottes für einmal Erleuchtete Alles zutraut, um ja mit diesen unter allen Versuchungen und Anfechtungen es zu einem guten Ende zu bringen. Sie führt uns auf dasselbe, was Paulus sagt (1 Kor. 1, 9): "Denn Gott ist treu, durch welchen ihr berufen seid zur Gemeinschaft Seines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn." Ferner (2 Thess. 3, 3): "Aber der Herr ist treu, der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen." Wiederum (1 Thess. 5, 24): "Getreu ist der, der euch rufet, welcher wird's auch tun."
14) Die Missetat der Väter.
Frage: "Wie ist die Drohung in 2 Mose 20, 5. zu erklären? Ist das: "Die mich hassen" auch auf die Kinder zu beziehen, oder nur auf die Väter; und wenn nur auf die Väter, wie reimt sich dann damit Hesek. 18, 20.? Wenn aber das: "Die mich hassen" auch auf die Kinder geht, so daß nur dann, wenn die Kinder in der Väter Fußstapfen wandeln, Gott der Väter Sünde an ihnen heimsuchen will, widerspricht dem nicht die Tatsache, daß oft auch fromme Kinder unter ihrer Väter Sünden leiden müssen?"
Antwort. Die Beantwortung kann nach drei Punkten geschehen, nämlich: 1) Wie ist die Drohung nach 2 Mos. 20, 5. zu verstehen? - 2) Wie kann man die Stelle Hes. 18, 20. erörtern? - 3) Was ist zu der Tatsache zu sagen, daß oft Kinder unter ihrer Väter Sünden leiden müssen?
Wir fragen also erstlich: "Wie ist die Drohung nach 2 Mos. 20, 5. zu verstehen?" Die Stelle lautet:
"Bete sie" (die fremden Götter und die Bildnisse) "nicht an, und diene ihnen nicht" (als Göttern)." Denn Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte oder vierte Glied, die mich hassen" (Letzteres eigentlich: "an denen, die mich hassen."
Die Worte sind ein Anhängsel zum ersten Gebot, welches (V. 3) lautet: "Du sollst keine andere Götter neben mir haben, und dir kein Bildnis oder Gleichnis machen." Denen gegenüber, die dieses Gebot übertreten, ist nach unserer Stelle Gott ein eifriger, gleichsam eifersüchtiger Gott. Seine Eifersucht wird hauptsächlich durch Abgötterei angeregt, weil Er seine Ehre keinem Andern lassen will. Wo also, so zu sagen, die Eifersucht Gottes angeregt wird, bleibt Sein Eiferlange fühlbar, auf mehrere Geschlechter hinaus, damit zugleich der Mensch erkenne, wie nichts so sehr ihm selbst verderblich ist, als Abgötterei, Götzendienst und Zauberei. Denn diese Sünden bringen ihn in die unmittelbare persönliche Knechtschaft des Fürsten der Finsternis, so daß dieser Menschen, die des Herrn sein sollten, gebunden hält, als wären sie sein Eigentum. In dergleichen Sünden aber werden oft schon Kinder jüngsten Alters mit hereingeflochten, wenn man nur bedenkt, wie viele Kinder von Eltern, Hebammen und andern Personen und Quacksalbern durch Geheimmittel aller Art, die man an ihnen versucht, eingezaubert oder in Satansketten eingeschmiedet werden. Hieraus erklärt sich, warum sich Gott den eifrigen Gott nennt. Der Eifer Gottes aber, durch besondere Strafen jeder Art erkennbar, soll nur an denen fortdauern, "die Gott hassen", oder die Ihm entfremdet bleiben. Oben angezeigte, richtigere Uebersetzung nämlich macht von selbst klar, daß die Worte: "Die mich hassen", nicht auf die Väter gehen, sondern auf die Kinder. Gott hassende Kinder also, zu welchen schon die gehören, welche die geschehenen Sünden nicht erkennen, oder unbeachtet lassen, werden für der Väter Missetat, namentlich ihre Abgötterei, heimgesucht bis ins dritte oder vierte Geschlecht; wenn nicht weiter, so liegt darin eine gnädige Schonung.
Zunächst nun geschieht die züchtigende Heimsuchung Gottes etwa am ganzen Volke, wenn es nachsichtig gegen die Abgötterei geworden ist, dann auch an einzelnen Städten und Dörfern, oder an einzelnen Familien. Begangene Abgöttereien können noch auf das dritte und vierte Geschlecht außer den nachteiligen Wirkungen, die sie an und für sich im Verborgenen durch die Knechtung an die Finsternis bringen, empfindliche Gottesstrafen zur Folge haben, wie durch Seuchen, besondere Leibesplagen, frühen Tod, Mißwachs, Teurung, verderbliche Naturerscheinungen, feindliche Überfälle, Überhandnehmen reißender Tiere, Feuers- und Wassersnot und dergl. Doch heißt es ausdrücklich nur in dem Fall, wenn der Haß gegen Gott, d. h. die Entfremdung von Gott, nicht aufhört. Auf Allem bleibt dann ein Unsegen und Fluch, schon weil der Herrschaft finsterer, satanischer Kräfte die Tore geöffnet worden sind. Solchen Fluch kann und will Gott nicht aufheben, auch wenn die nächsten Nachkommen nicht mehr Götzendiener sind, aber doch Gotteshasser, d. h. Gott entfremdete oder gegen jene Sünden nachsichtige Leute bleiben, bei welchen deswegen schon die natürlichen Wirkungen der Abgöttereisünde fortdauern. Letzteres können darum auch Menschen sein, die nicht mehr Abgötterei treiben. So konnten schon Kinder oder Enkel, oder Urenkel der Väter Abgötterei meiden, ohne deswegen Freunde Gottes zu werden, oder Ihm durch Buße zu kindlicher Anbetung näher zu kommen. Wenn das, so galten sie als Gotteshasser, wie sie auch nichts Ernstliches taten, um auf die Aufhebung des Fluches zu wirken. So mußten sie, was die Väter verschuldet haben, tragen, auch wenn sie nicht mehr dieselben Sünden vollbrachten. Denn sie sollen nicht nur die Abgötterei lassen, sondern auch gegen sie eifern und wirklich fromme Herzen bekommen, die mit Liebe und Wärme und Reinheit des Herzens zu Gott allein sich halten, um den Fluch der abgöttischen Eltern von sich abzuwenden. Über das dritte und vierte Geschlecht hinaus aber soll die Heimsuchung nicht gehen, auch wenn die Nachkommen nicht ganz nach dem Willen Gottes sind, nur daß sie nicht durch ähnliche Sünden den Fluch erneuern.
Im Gegensatz zu dem genannten Fluche steht der Segen derer, die "Gott lieben und Seine Gebote halten", also fern von Abgötterei und Götzendienst bleiben. Solches wird, als Moses das Volk wieder an die Gesetzgebung erinnerte, im fünften Buch (5, 9. 10.), abermals bei Anführung des ersten Gebots, mit den Worten gesagt: "Und der Ich Barmherzigkeit erzeige in viel Tausend" (Gliedern oder Geschlechtern), "die mich lieben und meine Gebote halten." Hiemit ist gesagt, daß Gott immer wieder, wenn noch so viele Zeit darüber hingeht, ihres Geschlechts gedenke, und daß Er, selbst wenn sie, wie wir hinzudenken müssen, dazwischen hinein auch abgöttisch werden, und auf etliche Geschlechter sich verderben, immer wieder Gnadenzeiten für sie eintreten lasse, wie das Israel im Ganzen erfahren hat, und auch noch hoffen darf für die Zukunft, weil Gott ihrer Stammväter, die Ihn liebten und seine Gebote hielten, nie vergessen kann.
Was aber nun die Heimsuchung Gottes wegen anderer Sünden der Väter, als die Abgötterei war, betrifft, so ist hierüber eigentlich nichts in der Schrift gesagt. Selbst als einst die Rotte Korah in der Wüste von der Erde verschlungen wurde, heißt's ausdrücklich (4 Mos. 26, 10. 11.): "Aber die Kinder Korah starben nicht," sicher darum, weil sie am Aufruhr des Vaters keinen Anteil genommen, und von ihren Hütten wichen, als diese bedroht wurden (4 Mos. 16, 23-35). Man hat kein Beispiel in der Schrift, daß eine Sünde, die ein Vater für sich tat, und die in keiner Beziehung zu der Familie und den Kindern stand, an den Nachkommen heimgesucht wurde. Wenn ein Vater ein Mörder war, ein Ehebrecher, ein Dieb und Betrüger und Meineidiger, auch Weinsäufer, so konnte er Das für sich sein, ohne daß es die Kinder berührte; und daß diese das, was der Vater war, je sollten zu büßen haben, ist nirgends gesagt, liegt auch, wie nachgewiesen, in obiger Hauptstelle nicht, da es immer mit Sünden der Abgötterei eine besondere Bewandtnis hatte. Nur etwa, wenn Kinder ungerechtes Gut der Eltern erben, ist's, können wir sagen, etwas, womit sie auch einen Fluch erben können, wenn sie ihn nicht durch ihr Verhalten aufheben. Dieses Verhalten müßte sich nicht nur darauf beziehen, daß die Kinder nicht gleiche Ungerechtigkeit sich zu Schulden kommen lassen, sondern daß sie, wie zur Sühne der Sünden der Väter, desto mehr Barmherzigkeit an ihren Mitmenschen tun, namentlich wenn sie wußten, wie es die Eltern gemacht haben, und daß sie Solches dann nach Kräften, auch aus Scham und Buße für die Sünden der Eltern, auszuführen trachten.
Dies wird deutlicher, wenn wir zweitens fragen: "Wie kann man die Stelle Hesek. 18, 20 erörtern?" Diese lautet:
"Denn welche Seele sündigt, die soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Missetat des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Missetat des Sohns; sondern des Gerechten Gerechtigkeit soll über ihm sein, und des Ungerechten Ungerechtigkeit soll über ihm sein."
Zur Vervollständigung dieses entschiedenen Wortes, das den Sohn von der Schuld des Vaters freispricht, kann man anführen v. 14-18:
"Wo er," nämlich der ungerechte und verbrecherische Vater, "einen Sohn zeuget, der alle solche Sünden siehet, so sein Vater tut, und sich fürchtet und nicht also tut u. s. w., der soll nicht sterben um seines Vaters Missetat willen, sondern leben."
Hiemit wird klar das oben Gesagte bestätigt, daß Sünden, die der Vater tut außer Zusammenhang mit seinen Kindern, wenn diese nicht mit in die Sünde hineingezogen werden, wie das bei der Abgötterei der Fall ist, die jedenfalls auch von den nächsten Angehörigen zur Anzeige gebracht werden sollte, nie an den Kindern heimgesucht werden. Keine Sünde des Vaters, die er für sich, offenbar oder geheim tut, bringt einen Fluch auf die Kinder, wenn diese nicht in dieselbe Sünde fallen, oder Mithelfer sind, wie das bei Achans Kindern gedacht werden muß (Josua 7, 24-26), oder kalt und gleichgültig dabei bleiben. Es kann geschehen, daß Kinder von verbrecherischen Eltern nur desto mehr geraten, indem schon deren Beispiel heilsam auf sie wirkt, und in ihnen einen Eifer wider ähnliche Versündigungen erweckt. Wenn etwa ein Vater in Sünden der Unzucht und des Ehebruchs lebt (V. 15), oder hart, unbarmherzig, ungerecht gegen Arme, gegen Knechte, Taglöhner, Untergebene ist, und die Kinder es merken, wie unrecht da der Vater handelt, sogar Vieles gut zu machen suchen im Stillen, jedenfalls es so zu Herzen nehmen, daß sie nie dieselben harten Gesinnungen an den Tag zu legen im Stande wären, so wird eher ein vielfältiger Segen auf sie fallen, denn ein Fluch. Wie sehr können sie auch ein Unrecht, das auf ihrem Erbe ruhte, durch entgegengesetztes Verhalten in der Furcht Gottes gut zu machen suchen, daß sich mit dem Erbe kein Fluch auf sie forterbt. Andernteils freilich, wenn sie nichts Anderes wissen, als mit dem ungerechten Mammon sich gütlich zu tun, kann ein mitgeerbter Fluch ihnen auch den letzten Heller nehmen.
Wir fragen endlich drittens: "Was ist zu der Tatsache zu sagen, daß oft fromme Kinder unter ihrer Väter Sünden leiden müssen?" Ich erwidere, daß es freilich eine schmerzliche Sache ist, wie viel Trübsal durch böse Eltern den Kindern zufällt. Man denke nur an den Jammer, den ein Trunkenbold seinem Weib und seinen Kindern bringt, die ein wahres Marterleben durch ihn bekommen. Mancher Vater verspielt seine Habe, bringt durch übermütige Spekulationen seine Familie an den Bettelstab, ist Ursache von vielem Kummer, wenn er als Verbrecher in die Hände der Obrigkeit fällt. Wie oft leiden Kinder, jüngere wie ältere, unter der Mißhandlung und dem Unverstand der Eltern, oder Lehrer, oder Vorgesetzten. Die hart Bedrängten mögen fromm sein, müssen aber unter den Sünden der über ihnen Stehenden unsäglich viel leiden.
Was wollen wir sagen? Dergleichen Trübsale müssen auch zum Besten dienen, sind oft das beste Mittel, vor großen Abwegen zu bewahren. Sonst ist's eben einmal so, daß Alle zusammenhängen, Einer für Alle und Alle für Einen stehen. Kinder sind ohnehin in der ersten Zeit ihres Lebens gleichsam Eine Person mit den Eltern; und so kann ihnen, besonders wenn dämonisch Finsteres mit im Spiel steht, schon allerlei angeboren werden von den Eltern her, Blödsinn, Wahnsinn, Plagen und Gebrechen aller Art, selbst Taubheit, Blindheit, Lahmheit. Aber hiebei waltet doch mehr ein Gesetz der Natur, als ein ausdrücklicher Fluch Gottes, der auf die Kinder fiele; oder tragen's die Kinder als Märtyrer für ihre Eltern. Auch in der Gesellschaft überhaupt müssen ja Alle unter den Sünden Vieler viel Entsetzliches leiden, im Kleinen und Großen. Wie viel Elend können im Großen leichtfertige und kriegslustige Fürsten über viele Länder bringen. Die Trübsale alle aber, die man unter Anderer Sünden leiden muß, sollen zu Gott führen, dann auch wieder priesterliche Teilnahme, selbst für die Ursächer der Plagen, wecken. Diese Teilnahme kann zuletzt Alles nach des Herrn wunderbarem Rat zur Erlösung Aller ausgleichen.
Fromme aber sollten sich nur nicht ärgern, nicht rachsüchtig werden, nicht in fortwährender Erbitterung stehen; denn da weicht der Segen der Trübsal, und wird Alles, was sie leiden, ihnen zu einem Fluch, den sie sich selbst durch ihr Betragen zuziehen. Sonst sollen die Frommen nur nicht in Allem so empfindlich sein, Alles nicht gleich für ein so großes Unglück halten, selbst wenn Vermögen eingebüßt wird und nach Außen Schmerzliches erfolgt. Viele Leiden sollten Fromme nicht so hoch anschlagen, da ihnen ja doch ihr Heiland bleibt. Die Trübsale gehören zu ihrer Zucht und Prüfung und Ausreifung zum ewigen Leben. So ist Alles kein Fluch, und mit diesem Wort sollte man nicht so freigebig sein; sondern es ist ein Segen, wenn man offene Augen haben will. Sonst ist's auch mit der Frömmigkeit sogenannter frommer Kinder oft eine eigene Sache. Wie oft läßt sie Lücken, daß die Trübsal auch wieder gerechte Züchtigung ist. Aber Gottlob, daß ein Heiland ist, der zuletzt aus allem Übel erlösen wird!
15) Zur Lästerung des Geistes.
Diesmal beantworte ich nicht eine an mich gemachte Frage; sondern ich gebe etwas, was an die in Nr. 4-6 beantwortete Frage über die Geisteslästerung sich anhängt. Es ist die Mitteilung einer Geschichte, die das früher Gesagte bestätigt, und über die Bedeutung der Geisteslästerung ein klares Licht gibt. Die betreffende Person lebt längst nicht mehr.
Vor vielen Jahren kam öfters von ferner her eine Person zu mir, die, nicht in der Form von Schwermut, Tiefsinn oder Geisteskrankheit, sondern ganz natürlich, mit vollem ungeschwächtem Verstande, von dem entschiedenen Gedanken gequält war, daß sie ewig verloren sei. Ihr Jammer war herzzerreißend, weil ich sah, daß er ein natürlicher war. Ich wollte ausfragen, was sie denn auf dem Gewissen hätte; aber mit keiner Liebe konnte ich's bei ihr herausbringen, indem sie immer versicherte, sie könne es unmöglich sagen, es sei zu arg, und sie fürchte, wenn sie's sage, werde ihre Gewissensqual noch ärger, weil sie wisse, daß sie keine Vergebung bekommen könne, ich ihr auch keine Vergebung zusichern könne. Sie sei zufrieden, wenn sie nur meiner Teilnahme und Fürbitte versichert sei. Öfters kam sie zu mir; und so viel ich sie trösten und auf die Gnade verweisen und zu einem Bekenntnis drängen wollte, so war's Alles umsonst. Ich betete wohl jedesmal mit ihr, und empfahl sie der Barmherzigkeit Gottes an, auch in mir gegen Unwillen kämpfend, daß sie so gar nicht sich herausgeben wollte, so sehr sie's auch immer zu mir hertrieb; aber immer ging sie ungetröstet fort.
Endlich vermochte ich es doch über sie, mir zu sagen, was es wäre. Sie bekannte, sie hätte einmal, da es sich um die Vaterschaft eines unehelichen Kindes, das sie gebar, handelte, vor Amt bei dem heiligen Geist einen falschen Eid geschworen, weil sie gedacht habe, mit einem solchen Eid am Gewissesten auf Glauben an ihre Aussage rechnen zu dürfen. Wahrscheinlich hat sie's an die Formel: "So wahr mir Gott helfe und Sein heiliges Evangelium" angebracht, eine Formel, zu der ich niemals gut sehen kann, weil mit ihr das einzige Mittel zur Seligkeit um äußerliche irdische Dinge, wenn falsch geschworen wird, in die Schanze geschlagen werden soll. Manche Jahre waren seit jenem Vorfall hingegangen; auch die Folgen des Meineids, die unbedeutend waren, waren ausgeglichen und verwischt, wenn auch Erbitterung von mancher Seite eine Zeitlang fortgedauert hatte. Auch das Kind wurde von der Person aufgezogen. Aber für diese war seit damals alle Ruhe dahin, weil sie stets vor sich die Hölle offen sah, als ein Mensch, dem nie mehr vergeben werden könne, weil ihre Sünde offenbar ein Lästerung des Geistes gewesen sei.
Begreiflich erschrak ich auf dieses Bekenntnis sehr; und ich wußte mir nicht gleich Rat. Sonst aber hatte die Art und Haltung der Person etwas Empfehlendes für sie. Schweigend saß ich vor ihr und betete still zum Herrn, mir's für die Sünderin zu geben. Endlich fiel mir ein, ihr zu sagen, ihre Sünde sei doch eigentlich keine Lästerung des Geistes gewesen, sondern nur eine große Versündigung an Ihm und Seiner Person. Sie habe ja nicht den heiligen Geist einen Teufelsgeist geheißen, wie die Pharisäer das einst taten. "Nicht wahr?" fragte ich, "so hast Du's nicht gemeint?" "O nein", erwiderte sie "ich habe dem heiligen Geist nicht zu nahe treten, sondern nur mit Anführung seines Namens mir helfen wollen." In etwas schien das auf sie zu wirken, denn nun war's doch nicht accurat die Lästerung, von der gesagt ist "daß sie weder in dieser, noch in jener Welt vergeben werde." Die Person nahm mit mehr Vertrauen meinen Zuspruch hin. Als ich ihr aber, vorläufig segnend, die Hände auflegte, blieb ihr Inneres hart wie ein Stein; und nicht die mindeste Empfindung einer kommenden Gnade und Vergebung wurde ihr fühlbar. Ich mußte sie, verlegen und tief bewegt, fast so ungetröstet entlassen, wie immer. Doch ließ mir die Sache keine Ruhe; und meine Gedanken waren stets vor dem Herrn mit ernstem Gebet auf die Person gerichtet.
Es stand nicht lange an, so kam die Person wieder, verzweiflungsvoll wie immer, mit einem namenlosen Druck auf dem Herzen, als stünde schon der Abgrund offen vor ihr, der sie auf ewig verschlingen sollte, Alles darum, weil sie eine vollkommene Kälte in sich fühlte, ohne die geringste Empfindung von einer Gnade und Freundlichkeit von oben, eine Öde und Leere, wie sie sonst krankhaft Verzweifelnde oft haben, während hier nichts von Krankheit sich zeigte. Mir nun war allmählich der Gedanke gekommen, wie begreiflich die Kälte sei und das Gefühl der Getrenntheit vom Herrn, wenn doch der heilige Geist der ist, der die Vergebung der Sünden im Herzen zu versichern und zu versiegeln hat; und gerade an diesem hatte sich die Person so schwer versündigt. Ob's nun die bekannte Lästerung war, oder nur der angeführte Mißbrauch zu falschem Eide, so hatte doch die Person die Erteilung der Vergebung durch den heiligen Geist förmlich und freventlich zurückgewiesen, daß es einer besonderen Aussöhnung bedurfte, die gleichsam vom heiligen Geist selbst auszugehen hatte. Da wagte ich denn eine besondere Bitte, mit welchen Worten, kann ich nicht mehr sagen, aber direkt zum heiligen Geist gerichtet, es möchte doch das Hindernis der Vergebung, welches durch die Sünde der Person eingetreten, aufgehoben werden, und aus übergroßer Gnade und Barmherzigkeit der armen Sünderin Verzeihung zukommen, daß es ihr werden dürfte, wie jedem anderen bußfertigen Sünder. Ich war ungewöhnlich ergriffen. Aber als ich nun noch einmal fast ohne Worte, gleichsam schüchtern, segnete, mit ernster Intention auf die geschehene Versündigung, wurde es mit einem Male helle im Geiste der Person. Eine Ruhe floß über sie hin; und nicht lange stand es an, so brach sie unter lautem Schluchzen in Loben und Danken aus. Es war, als fühlte man's, wie der heilige Geist sich gnädig zu ihr herabgelassen hätte. Der Friede blieb ihr auch; sie hatte, hatte in Wahrheit, und behielt die Vergebung ihrer Sünden.
Diese Geschichte gab mir ein neues Licht über die Bedeutung der Lästerung des heil. Geistes, wie sie im Evangelium gemeint ist, und erklärte mir's bestimmter, warum gerade bei dieser Sünde der Heiland keine Vergebung zusichern konnte. Denn wie kann der heilige Geist, der ja immer als Person zu denken ist, um das Eine zu sagen, "Zeugnis geben dem Geiste des Menschen, daß er Gottes Kind sei" (Röm. 8, 16), wenn derselbe Ihn als einen Teufelsgeist vor Andern verschrieen hatte, wie's die Pharisäer taten. In den Sachen Gottes läuft Alles nach einer gerechten Ordnung. Die gewöhnliche Bitte zu Gott um Vergebung der Sünden, sei's auch mit einem endlich gekommenen Glauben an Jesum, zumal dieser bei den Pharisäern doch schon in etwas da gewesen war, kann nicht ausreichen, wenn nicht bei ihr besondere Rücksicht gegen die Person des heiligen Geistes in's Auge gefaßt wird. Es braucht etwas Weiteres und Besonderes, wie das nun sei, etwas Anderes, als bei der Vergebung gewöhnlicher Sünden, damit der heilige Geist, ohne den keine Vergebung ist, sich an jenen Sündern, um Jesu willen, bezeigen könne, wie an andern Sündern. Zunächst konnte also vom Herrn die Hoffnung der Vergebung nur abgesprochen werden, auch für jenseits, weil nur, was auf Erden vergeben wird, auch im Himmel soll vergeben sein (Matth. 18, 18). Daß aber doch solchen Sündern nicht gar alle Hoffnung abgeschnitten ist, ist, mir wenigstens, mit obiger Geschichte klar geworden.
16) Geduld auf Hoffnung.
Frage: "In einer Boller Morgenandacht vom Jahr 1860 oder 1861 ist gesagt: ""Die Geduld muß ein Kind der Hoffnung sein, nämlich der Hoffnung auf die noch irgendwie kommende Hülfe des Herrn."" - Darf man aber nun auf keine Abhülfe des Herrn mehr hoffen, so ist doch die Geduld der Ergebung die einzig übrige."
Antwort. Daß in irgend einer Sache keine Abhülfe des Herrn mehr zu hoffen sei, bleibt immer in Frage. So wie etwa die Sachen jetzt stehen, auch die jetzigen Ordnungen im Reiche Gottes sind, mag es wohl sein, daß man oft Abhülfe sich nicht denken kann. Aber Verhältnisse können sich ändern; und auch im Reiche Gottes können Änderungen vorgehen, daß Kräfte von oben leichter zu haben sind, als bisher. So kann immer noch gehofft werden, wenn man auch in Geduld warten muß. Eine Geduld bloßer Ergebung, die nichts mehr hofft, braucht's in Vielem, namentlich in peinlichen Leibesnöten, nicht zu sein. Oft begehrt man freilich auch eine Abhülfe, wo sie nicht gerade nötig ist, vielmehr das Übel als eine Last mit frommem Mute zu tragen ist, ohne daß es dem Menschen viel Pein einträgt. Da gehört das Leiden in die allgemeine Unvollkommenheit hinein, in der wir einstweilen stehen. Aber selbst diese allgemeine Unvollkommenheit nenne ich nur eine einstweilige, da auch sie in der Schöpfung nur eine durch die Sünde eingetretene Unordnung ist, die nicht ewig währen wird.
Es kann eine Gnadenzeit von oben kommen, in welcher alle Dinge möglich sind. Als der Heiland kam, hatten die Blinden, Tauben, Lahmen, Gichtbrüchigen, Besessenen, Aussätzigen alle keine Hoffnung einer Abhülfe ihrer Gebrechen. Äußere Mittel konnten ihnen nicht helfen; und in der Ordnung Gottes lag es nicht, ohne Weiteres Wunder zu tun. Da kam der Heiland; und Ihm war Alles möglich. Er vermochte in Allem abzuhelfen; und Menschen, die nicht entfernt mehr eine Hoffnung für sich hatten, fanden ganz unerwartet Hülfe. Noch ehe Er da war, wurde selbst die hochbetagte Elisabeth, auf Hoffnung schon des Kommenden, mit einem Sohne gesegnet, da sie längst alle Hoffnung eines Kindersegens aufgegeben hatte. Man denke auch an den Blindgeborenen; und wer hätte je gedacht, daß selbst Tote dürften gesund wieder erstehen, gar aus dem Grabe heraus?
Gegenwärtig nun sind wir in einer Zeit, wo wir Vieles hoffen dürfen, was man in gewöhnlicher Zeit nicht erlangen kann. Eine Gnadenzeit hätte man freilich zu allen Zeiten zu hoffen das Recht gehabt, wenn man nur hätte wollen dran denken. Jetzt denken Viele daran; und wenn die Meisten in jetziger Zeit nur Böses und Schlimmes erwarten, und wenn man glaubt, dazu hätte man ein Recht, so muß man auch denen, die Gutes hoffen, das Recht dazu lassen, weil sie auf die grundlose Barmherzigkeit Jesu bauen. Eine Gnadenzeit weiten Umfangs ist also möglich; und so bleibt's dabei, daß wir in Vielem können geduldig sein auf die Hoffnung, der Herr sehe endlich darein und lasse sich's erbarmen. Langdauernde, unüberwindliche Übel können daher auch eine Mahnung vom Herrn sein, um die Gnadenzeit, daß sie endlich komme, zu bitten, in welcher möchte durch Jesu Kraft auch wieder Alles möglich werden können.
Gesetzt aber die Gnadenzeit erleben wir nicht, so ist's auch kein Schade, darauf gehofft zu haben; und um so mehr sollten wir geduldig sein auf Hoffnung, daß wir, wenn nicht mehr hienieden, doch jenseits Hülfe finden, da alles Leid wird sein Ende erreicht haben. Es bleibt also stets bei der Geduld auf Hoffnung. Ergebung kann man freilich solche Hoffnung auch nennen, sofern man in dieser Zeit die Hülfe nicht mehr erwartet, also für seine irdische Wallfahrt sich in Das ergibt, was einmal nicht zu ändern ist. Es gibt auch Sachen, da man unbedingt sich ergeben muß, wie wenn Jemand im Krieg Arme oder Beine verloren hat; denn auch in einer Gnadenzeit werden ihm Arme und Beine nicht wieder zurückgegeben werden. Aber die Ergebung soll eine Geduld auf Hoffnung sein, auf die Zeit, da beim Herrn Alles wieder zurecht kommt. Ich bleibe also dabei, "Geduld auf die noch irgendwie kommende Hülfe des Herrn" zu empfehlen. Ergebung ohne Hoffnung ist trostlos und unfromm, und Geduld der Ergebung, die nicht auf die Hoffnung blickt, kaum denkbar. Geduld auf Hoffnung mit Ergebung ist allein dem Herrn wohlgefällig.
17) Vom brünstigen Beten.
Frage: "Ich erlaube mir in Bezug auf Nro. 10 der Blätter zu bemerken, ob nicht das brünstige Beten der Methodisten dem Vater der Barmherzigkeit weit mehr wohlgefällt und Erhörung findet, als das oft gedankenlose Nachsprechen der gedruckten Gebete unserer Kirchen? Und überhaupt, hat der Herr nicht selbst sein Siegel darauf gesetzt, wenn Er spricht: "Aus dem Munde der Unmündigen hast du dir ein Lob zugerichtet."
Antwort. Vom brünstigen Beten der Methodisten will ich gerade nicht weiter reden; denn mit Parteien will ich keinen Krieg anfangen. Es gibt auch andere Christen, - und mir sind diese mehr bekannt, als die Methodisten, - welche in ein heißes, brünstiges Beten Alles setzen. Wie wenig Gutes aber ihnen das meist einbringt, habe ich zur Genüge erfahren; und das sage ich gerne denen, die sich sagen lassen, weil es auch meine Pflicht ist. Ohne davon zu reden, daß der Beispiele nicht wenige sind, daß solche Beter zuletzt auch von Sinnen kommen können, bemerke ich nur, daß sie häufig ein tiefsinniges, geistlich ungesundes Wesen bekommen, bei dem ein wirkliches Wachstum des inneren Menschen nicht möglich ist. Ich möchte solchen brünstigen Betern es nur an's Herz legen, ob sie glauben können, daß ihr Beten aus dem Geist sei, und nicht vielmehr aus der Meinung komme, als ob mit bloßem und brünstig tönendem Gebete, als mit einem Gesetzeswerk, beim Herrn etwas zu erreichen wäre. Der Herr sagt doch: "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viele Worte machen, wie die Heiden meinen, daß sie dadurch erhöret werden." So lange die Worte Jesu überhaupt etwas gelten, sollte man auch diese Worte bedeutungsvoll nehmen, um nicht schnurgerade ihnen entgegen sich zu bezeigen.
Der Fragesteller redet vom Lob der Unmündigen; aber er soll nachsehen, ob Unmündige viele Worte machen, überhaupt brünstig mit ihrem Gebete sich benehmen. An der Kindesart gerade der Unmündigen, die nur einfach ihre Sachen sagen, ohne ganze Reden zu halten, sollten jene Beter das Beten lernen. Ich habe schon Unmündige beten hören; und das tat wohl.
Was aber der Fragesteller von dem "oft gedankenlosen Nachsagen der gedruckten Gebete unserer Kirche" sagt, bedarf auch einer Berichtigung. Einmal gefällt mir der Beisatz "unserer Kirchen" nicht; denn er zeigt an, daß es der liebe Bruder gegen die Kirchen ein wenig hat, da ja die gewöhnlichen Gebetsbücher nicht gerade Gebete der Kirche genannt werden können. Sodann hat man's gar zu sehr gegen das Lesen gedruckter Gebete, als ob die, welche solcher sich bedienen, keine Beter wären. In diesen Gebeten aber ist doch Eines nach dem Andern in einer Ordnung und Vollständigkeit gesagt, wie es ein anderer Beter kaum aus sich herauszubringen vermag. Die Gedanken der Beter werden durch sie auf ein Bestimmtes fixiert; und warum sollten sie nicht aus dem Herzen das nachbeten können, was sie lesen? Statt diese Gebetsbücher wegzuwerfen, gebe man doch lieber den Leuten Rat, wie sie mit Nutzen solche Bücher brauchen könnten. Die sogenannten Herzensgebete sind häufig auch nur Bücher, d. h. Gebete nach gelernten Redensarten, die stets dieselben bleiben. Wie ihm sei, nötig ist das Beten, sehr nötig; aber daß man's recht mache damit, wird man doch auch raten dürfen. Gott gefällig wird Alles sein, wenn der Herr das Herz aufrichtig und lauter findet, auch gehorsam unter das Wort. (Siehe auch Nr. 18, IV. 33).
18) Aus der Bekehrung Pauli.
Frage: "Apost. 9, 7 u. 22, 9 scheint sich zu widersprechen. Würden Sie nicht so gut sein und Ihre Meinung darüber mitteilen, damit man dem Unglauben gegenüber antworten kann. Habe ich doch selbst gehört, daß ein ungläubiger Pastor sich dahinter versteckt hat."
Antwort: Man kann sich nur verwundern, wie man an scheinbaren Widersprüchen, welche ein und derselbe Verfasser in seinen Mitteilungen zeigt, sich stoßen, überhaupt, daß man an Widersprüche nur denken mag, ohne sie sich selbst zu erklären, wie wenn diese der Verfasser nicht selbst auch gesehen, oder wichtig genommen hätte, wenn sie wichtig wären. Sonst spricht gerade das, daß der Verfasser nicht Alles so ganz accurat gleich wiedergibt, was er wiederholt, für die Lauterkeit und Wahrheit seines Sinnes und seiner Geschichte. Heutzutage macht man aber gerne aus den heiligen Schriftstellern einfältige Leute, die nicht selber merken, wenn sie sich widersprechen, um desto leichter den eigentlichen Inhalt antasten oder seinen Unglauben vor sich und Andern verstecken zu können.
In der ersten Stelle sagt Lukas aus der Bekehrungsgeschichte Pauli:
Kap. 9, 7: "Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen und waren erstarret. Denn sie hörten eine (eig. die) Stimme, und sahen Niemand."
Später erzählt Paulus selbst seine Bekehrung, da ihm gestattet war, zu Jerusalem vor den Juden zu reden. Er sagt Betreffs des Vorigen:
Kap. 22, 9: "Die aber mit mir waren, sahen das Licht und erschraken; die Stimme aber des, der mit mir redete, hörten sie nicht."
Diese beiden verschieden lautenden Stellen findet man widersprechend, und die Verschiedenheit wichtig genug, um Anstoß daran zu nehmen. Besehen wir's ein wenig. Lukas sagt: "Die Gefährten Pauli stunden und waren erstarret;" Paulus sagt: "Sie sahen das Licht und erschraken." Wenn Lukas nicht sagt wie Paulus, sie hätten das Licht gesehen, so liegt dasselbe doch in dem, daß er sagt, sie hätten die Stimme gehört, was nur durch das Licht so auffällig wurde. Um erstarrt zu werden, mußten sie etwas sehen und hören.
Ferner sagt Lukas: "Sie hörten die Stimme und sahen Niemand. Paulus sagt: "Die Stimme aber des, der mit mir redete, hörten sie nicht," ohne des Nichtsehens von Jemand zu gedenken. Diese Verschiedenheit nennt man nun einen Widerspruch, weil es das eine Mal heißt, sie hätten eine Stimme gehört, das andere Mal, sie hätten sie nicht gehört, hier aber mit dem Beisatz "des, der mit mir redete." Wie leicht läßt sich aber das vereinigen? Die Gefährten konnten die Stimme hören und nicht hören, je nachdem man das Hören nimmt. Hörten sie bloß die Stimme, aber nicht die Stimme des, der redete, so war's kein ihnen vernehmliches Hören, also kein eigentliches Hören oder Vernehmen. Paulus will nicht sagen, sie hätten überhaupt keine Stimme gehört, sondern nur nicht die Stimme des, der redete. Das Nichtverstehen der Stimme liegt bei Lukas auch in dem Beisatz: "Und sahen Niemand," den Paulus wegläßt, der aber andeutet, daß auch Lukas ein Hören ohne Verständnis der Rede meint. Will man beide Berichte vereinigen, so sagen sie: "Sie sahen das Licht und hörten die Stimme, sahen aber Niemand, und vernahmen auch nicht die Stimme des Ungesehenen." Offenbar sind's nur verschiedene Berichte, ohne inneren Widerspruch.
19) Die Geister von Gott.
Frage: "Wie kann ein Christ prüfen, ob die Geister von Gott sind oder nicht? Ist das Kennzeichen nicht genügend, das Johannes angibt (1 Joh. 4 ff.), nämlich: ""Ein jeglicher Geist, der da bekennet, daß Jesus Christus ist in das Fleisch kommen, der ist von Gott."" Oder das, was Jeremias (23, 29) sagt: ""Ist mein Wort nicht, wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?"" In der letzten Zeit werden viele falsche Propheten sein; aber zugleich wird auch eine außerordentliche Geistesausgießung Statt finden. Was hat der Christ nun zu tun, um nicht in die Netze der falschen Propheten zu geraten, und um die Wirkungen der Geistesausgießung als solche zu erkennen? Ists nicht genügend, wenn er sich überzeugt, ob diese Propheten inwendig reißende Wölfe sind? Hätte der böse Geist in die 400 Propheten fahren können (1 Kön. 22, 22), wenn sie ächte Propheten des Herrn gewesen wären, weil er ja Micha nicht beeinflussen konnte? Ich bitte also um eine weitere Erklärung des in Nr. 6 berührten Gegenstandes, der für unsre Zeit so sehr wichtig ist."
Antwort. Die ganze Frage ist im Grunde eine verfrühte zu nennen. Sie will Fürsorge treffen auf eine Zeit, die noch nicht ist, sondern die erst erwartet wird. Denn in der Frage ist von falschen Propheten, die also falsche Offenbarungen geben, die Rede, welche kommen werden, aber noch nicht da sind, ferner von einer außerordentlichen Geistesausgießung, die auch noch nicht geschehen ist. Um auf die Frage recht zu antworten, wie die falschen Propheten von den ächten zu unterscheiden wären, muß man doch vorerst warten, wie die verschiedenen Geister derselben sich aussprechen, um dann Vorsichtsmaßregeln zu treffen, damit man nicht getäuscht werde. Im Allgemeinen kann vorerst nur gesagt werden, daß man sich gründlicher mit der Bibel befassen möge, als dies gewöhnlich geschieht. Die Schrift, wenn man ihrer mächtig ist und ihren vollen Geist begriffen hat, ist genügender Schutz gegen alle Täuschung. Aber was hilfts, gegen etwaige falsche Offenbarungen zu reden, wenn man die ächte, bisher schon da gewesene, so gering achtet und würdigt, und wenn man tut, wie wenn sie gar nicht da wäre? Ich kann mir nicht denken, daß in irgend einem Punkte uns einmal die Schrift werde stecken lassen; denn schon ein gewöhnlicher einfacher Bibelleser, wenn er nur nicht Eigenes unter sein Gelesenes mischt, wird auch in den schwersten Zeiten des Antichrists aus dem Worte Gottes über Alles zu voller Klarheit kommen, besonders wenn in solcher Zeit, wie mit Gewißheit zu hoffen ist, der heilige Geist wieder mächtiger durchs Wort wirkt. Wozu darum auch das Haschen und Schauen nach neuen Propheten? Wenn wir nur einmal wieder bessere Schriftgelehrten hätten, welche übrigens auch verheißen sind, und wohl einmal neben Weisen die einzigen Propheten sein werden, die wir zu erwarten haben (Matth. 23, 34).
Was die Kennzeichen betrifft, an denen man falsche und wahre Geister oder Propheten unterscheiden kann, so mögen sie für redliche, aufrichtige, noch nicht sonst eingenommene Seelen eine Bedeutung haben, daß sie bald das Richtige erkennen. Aber nach dem, wie die Menschen jetzt sind, redet man vergeblich von solchen Kennzeichen. Denn auch diese nimmt man vorkommenden Falls, wie man will. Untrüglich sind sie dem, der einmal wackelig ist, nicht; denn er denkt sie sich nach seinem Gelüste. Da darf man selbst den scheinbar Besten nicht trauen, daß sie nicht in etwas eingenommen sind, so oder so; und dann gelten Kennzeichen nichts mehr. Jene beiderlei Geister berufen sich gleichmäßig auf die Schrift. Beiderlei Geister können den Schein der Wahrheit haben; und ein Schein genügt Vielen. Beiderlei Geister können auch, um an die Frage zu erinnern, Feuer sein, das gewaltig versengend um sich wirkt, oder ein Hammer, der Felsen zerschmeißt; und die Wirkungen von Beiden finden ihre Freunde. Der unechte Geist kann auch die gewöhnlichen Bekenntnisse nachäffen, und damit Unvorsichtige bestechen. Er kann in einer Weise von Christo reden, daß es den Schein hat, als habe er den vollen Begriff von Ihm; und doch ists Täuschung. Kürzlich habe ich in einer theologischen Zeitschrift eine sehr christlich gehaltene Abhandlung über die Geisttreiberei (Spiritismus) in Amerika und sonst gelesen. Da wird erzählt, wie man einmal einen Geist (Spirit) gefragt habe, ob er Christum als ins Fleisch gekommen annehme, nach 1 Joh. 4, 1. Nach langem Zögern und Besinnen sagte der Geist: "Je confesse Jésus Christ en chair" (d. h. "ich bekenne Jesum Christum im Fleisch.") Das nahmen die Leute denn als das ächte Bekenntnis; und doch fehlte das Wort: "gekommen" darin, an dem im Grunde Alles liegt. Heißt ferner der Herr an den Früchten die Propheten erkennen, so machen Manche viel Rühmens von der Frömmigkeit, christlichen Art und Untadelhaftigkeit der Person, in welcher sie einen Geist von Gott glauben. Da soll also menschliche Untadelhaftigkeit, wie man sie mit Leichtigkeit bei Jedem nachweisen kann, ein überzeugendes Kennzeichen sein, daß Alles ächt sei. Ich verstehe aber doch unter den Früchten etwas Anderes. Sie sollten doch im Zusammenhang mit Christo und Seiner Kraft stehen, mit bedeutenden sonstigen Wirkungen des heiligen Geistes durch Jemand. Unsere Frage redet auch davon, daß falsche Propheten inwendig reißende Wölfe sind. Sind sie's inwendig, so kommts doch auch heraus. Nun beißen sie den Leuten nicht gerade den Kopf ab; denn das wäre zu arg. Aber doch tun sie's, mit Schimpfen, Verunglimpfungen, Hadern bis aufs Blut; und Viele meinen, das sei ein gerechter Eifer um den Herrn. Eiferer dürfen also reißende Wölfe sein; und reißende Wölfe werden für gute Eiferer angesehen. Wo bleibt nun das Kennzeichen? So gehts durch Alles hindurch; und viele Worte über Kennzeichen machen, wird zu nicht viel führen.
Der Fragesteller scheint zu denen zu gehören, welche schon in jetziger Zeit Geister von Gott mit wirklichen göttlichen Offenbarungen für möglich halten. Es ist bekannt, daß manche Erscheinungen vorkommen, durch welche solche Gedanken genährt werden. Diesen jetzt schon als solche sich geltend machenden Personen, daß sie einen Geist von Gott haben, setze ich nur das Eine entgegen, daß sie mir Alle nichts gelten, wenn sie unweigerlich Glauben fordern. Wer's mit Heftigkeit und absoluter Entschiedenheit als Pflicht von mir fordert, daß ich gewissen Prophetenerscheinungen Recht geben und mich unterwerfen müsse, den weise ich ohne Weiteres zurück. Vergewaltigen lasse ich mich nicht. Ich will meine Besinnung behalten; und wer mir etwas, als komme es von Gott, aufzwingen will, der fordert zu viel von mir, mißhandelt mich, will mich zu seinem Sklaven machen. Meine Meinung ist daher, von Allem ferne zu bleiben, was ein Rühmens von sich macht und zwingend auftritt. Echte Propheten werden einmal nicht sagen: "Ich bin ein Prophet, der Geist Gottes ist in mir, der Herr hat mit mir geredet", sondern sie geben ohne Selbstempfehlung den Redlichen den Eindruck, daß mit ihnen der Herr sein müsse. Wo dieser Eindruck nicht von selbst sich macht, da ist's nichts und wird's nichts; und wenn ihm Alles zufällt, so rate ich Jedem, auch jener Micha zu sein, wenn der Herr auch nicht mit ihm redet, wie mit diesem, der von den 400 Propheten dadurch sich unterscheidet, daß er nicht großsprecherisch tat.
Abermals möchte ich nachträglich fragen: Wozu denn das große Verlangen nach Propheten, oder Geistern, welche göttliche Offenbarungen geben? Haben wir denn nicht genug am Wort Gottes? Warum denn in diesem nicht suchen und sich Weisungen holen, zumal man weiß, wie leicht man sonst irre geführt werden kann? Haben sie denn das Wort Gottes schon erschöpft? Oder läßt sie's in irgend etwas in Zweifel? Mir gefällt es gar nicht, daß so Viele nur immer Propheten haben wollen. In der Regel lassen die, die das wollen, die Schrift liegen, oder wollen sie sie nur nach ihrem Gelüste bezüglich kommender Dinge ausbeuten. Sie haschen nach Ungewöhnlichem, Außerordentlichem, und stehen so nicht mehr in der Einfalt. Man hat auch der Beweise nur zu viele, wie die Alle, die nach Neuem durch Propheten oder neue Offenbarungen lüstern sind, auf das Abenteuerlichste geraten können. In der Regel tappen sie auf Alles zu, was sich als unmittelbar göttlich herausstellen will. Wenn's nur nicht gewöhnlich ist, und über das Gewöhnliche hinausgeht, so gilts ihnen schon. Sie prüfen nicht mehr, ob's von Gott sei oder nicht. Dies sieht man in dem, daß sie alle Kennzeichen der Schrift verdrehen und umdeuten, um ja in dem nicht gestört zu werden, was sie nun einmal absolut für göttlich angesehen wissen wollen. Die Prophetensucht Bieler unsrer Tage kann diesen noch großen Spuck spielen. Der Herr sei ihnen gnädig!
20) Die jenseitige Sündenvergebung.
Frage: "Matth. 12, 32 heißt es: " "Wer etwas redet wider den heiligen Geist, dem wird es nicht vergeben, weder in dieser, noch in jener Welt." " Ist damit nicht mittelbar ausgesprochen, daß auch noch in jener Welt gewisse Sünden vergeben werden?"
Antwort: Das Wort Jesu, welches von einer Vergebung der Sünden in dieser oder jener Welt redet, hat allerdings etwas Auffallendes und läßt dem Gedanken Raum, daß wirklich können auch nach dem Tode noch Sünden vergeben werden, doch mehr nur zur Verschonung vor dem Gericht. Es gibt Theologen und Christen, welche mit dem Tode dem Menschen Alles abschneiden und fest dabei bleiben, daß kein Mensch, wenn er einmal tot sei, etwas bezüglich einer Vergebung der Sünden hoffen dürfe. Ja, sie gehen noch weiter und bleiben fest darauf, daß kein Mensch, wenn er nicht selig sterbe, noch hoffen könne, zu Gnaden angenommen zu werden, auch wenn er plötzlich, wie im Kriege oder unter Mördershänden und sonst, einen unerwarteten Tod gefunden hat, der ihn gar oft unvorbereitet antrifft. Diese Ansicht findet keine Unterstützung in obiger Rede Jesu, welche doch klar eine Hoffnung, welche sie auch sei, übrig läßt; und man sollte doch, Angesichts solcher entschiedenen Reden Jesu vorsichtiger sein mit der Abschließung von Systemen, zumal wenn diese an und für sich etwas Hartes haben, und die Macht des Versöhnungsblutes Jesu so gar sehr beschränken. Denn immerhin bleibt da dem denkenden Menschen die Frage offen, ob es nicht ungerecht und unbillig scheine, wenn der Herr dem Einen Raum zur Buße und Ausreifung für die Ewigkeit lasse, dem Andern nicht. Wenn man etwa sagt, wie sie sagen, Gott wisse, ob ein Mensch noch bekehrungsfähig wäre, wenn er länger lebte; und wenn Gott erkenne, daß er sich doch nicht bekehren würde, ob er auch noch so lange lebte, so habe Gott das Recht, ihn abzurufen von dieser Welt, wenn Er wolle, auch wenn derselbe ohne Weiteres verloren sei. Aber das sind Reden, welche dem Geist der Schrift nicht entsprechen, und die man nur des einmal angenommenen Systemes wegen führt, bei denen man auch nicht bedenkt, daß den Verdammten einmal auch nicht ein Schein des Rechts bleiben dürfe, sich über Ungerechtigkeit zu beklagen, weil an ihnen nicht geschehen sei, was an den Seligen, und sie sich wohl bekehrt hätten, wenn Gott ebenso an ihnen Alles versucht hätte. Seien wir doch vorsichtig und schließen wir nicht nach eigenen Gedanken ab, wo das Wort Gottes und namentlich Jesus selber noch ein Anderes offen läßt.
Die Frage freilich, wie man sich die Vergebung in der andern Welt zu denken habe, bleibt eine schwierige; und wir haben abermals vorsichtig zu sein, nach der entgegengesetzten Seite, daß wir nicht zu viel sagen, mehr, als der Herr und die Schrift sagen will. Wir gehen namentlich zu weit, wenn wir denken, der Mensch werde durch Pein und Strafe in der andern Welt nach und nach ein Besseres werden auf eine Vergebung hin, und endlich auf den Standpunkt gläubiger Seelen zu einem guten Orte gleichsam heraufgebildet werden. Hiebei käme man auf die Lehre vom Fegfeuer; und für diese hat man kein Wort in der Schrift, man mag suchen, so viel man will. Nur dafür sind sonst noch Andeutungen gegeben, daß in den Zeiten vor dem Ende, um dem Gerichte zu entreißen, Vergebungen könnten Statt finden. So sagt der Herr von Sodomitern, daß sie es am jüngsten Gericht werden erträglicher haben, als die, welche hienieden die Stimme Jesu mißachtet haben. Solches kann keinen andern Sinn haben, als daß noch Sodomiter, mithin auch andere Menschen, vor dem Gerichte noch freigesprochen werden von der Verdammnis, aber eher nicht. Überhaupt zeigen solche Reden an, daß noch einmal am jüngsten Tage werde eine Abwägung bezüglich der Sünden Statt finden, also eben da können Sünden vergeben werden. Auf dasselbe führt die Rede Pauli (1 Kor. 5, 5), wenn er Jemanden dem Satan übergibt zum Verderben des Fleisches, "auf daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu," Letzteres, wie es scheint, eher nicht. Paulus gibt Hoffnung der Seligkeit, aber der Befreiung und Vergebung erst am Ende. Ferner sagt er (1 Kor. 3, 13-15), der Tag, offenbar der Gerichtstag, werde es klar machen; dann können Jemandes Werke verbrennen, er selbst aber selig werden, "so doch, als durchs Feuer," d. h. wohl, nach bis dahin erlittenen Strafen, die auch Feuerstrafen sein können. Auch wenn er von Korinthern, die um Mißachtung des heil. Abendmahls haben sterben müssen, redet, gibt er zu verstehen, daß sie damit von dem Herrn gezüchtigt werden, "auf daß sie nicht samt der Welt verdammet werden" (1 Kor. 11, 30-32). Die Bereinigung ihrer Sünde sehen wir auch in dieser Stelle auf die Letztzeit gewiesen. So viel ist also gewiß nach der Schrift, daß Viele, die unselig gestorben sind, am jüngsten Tage, wie das nun sei, vielleicht auch im Verlaufe der letzten Zeit, wenn Befreiungen von den Ketten Satans über alle Kreatur Statt finden, Vergebung finden können, der Grundsatz also: "Wie der Baum fällt, so liegt er," wenigstens nicht auch bezüglich des Gerichts gelten kann. Man könnte auch aus der Lehre von der Höllenfahrt Jesu (1 Petr. 3, 19 ff.) und aus dem, daß auch den Toten das Evangelium verkündigt werde, (1 Petr. 4, 6) Hoffnungen für Tote überhaupt schöpfen; aber darüber zu reden, würde hier zu weit führen.
In der zuerst angeführten Rede des Herrn an die Geisteslästerer kann man also nur das entnehmen, daß jene Gotteslästerer nicht nur bis zum jüngsten Tage keine Vergebung finden werden, sondern, wenn man schroff auslegen will, etwa auch da nicht, also in die Verdammnis fahren. Wie man auch milder denken und auslegen kann, haben wir früher auseinander gesetzt (s. Nr. 4-6, u. Nr. 15). Für die Frage aber, ob etwa unmittelbar nach dem Tode könnten noch Sünden vergeben werden, die wegen übereilten Todes nicht vergeben worden sind, hätten wir keine Schriftstelle. Man kann es nur als möglich denken, aber nicht zur Gewißheit erheben. Ernst aber ist das Wort (1 Joh. 3, 8): "Wer Sünde tut, der ist vom Teufel." Ehe dieser weiter überwunden ist, als wir bis jetzt sehen, mögen unbekehrte Verstorbene noch viel unter ihrer Gebundenheit schmachten. Buße und Glauben kann frei machen. Darum, wie ihm nun sei, - denn Bestimmteres dürfen wir nach keiner Seite zu sagen wagen, - bleibt es immer geraten, mit Buße und Bekehrung, auch wohl Bekenntnis, nicht zu säumen. Denn gewagt ists, auf eine Vergebung zu hoffen, wenn nicht Alles bereinigt ist vor dem Tode, weil es jenseits gar finster werden kann. Wie die Zustände nach dem Tode sein werden, können wir auch nicht sagen. Lehrreich aber ist die Geschichte des reichen Mannes und Lazarus. Jener litt Pein der Flamme; und Hoffnung kann dem gutmütig scheinenden Manne von Abraham nicht gegeben werden, aus der Pein, die freilich noch nicht die eigentliche Verdammnispein ist, zu entkommen, oder nur auch Linderung zu erfahren. Aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, das dürfen wir nicht vergessen, auch unendlich größer, als Mancher harte Theologe sie gelten läßt. Den Ernst Gottes jedoch zeigt auch die Schrift, gegen die, welche die Gnadenzeit auf Erden mit Füßen treten.
21) Christus der Eckstein.
Frage: "Über einige Bibelstellen wünschte ich Aufklärung zu erhalten, wie über Matth. 21, 44, wo der Herr den Ungläubigen das gewaltig erschütternde Wort zuruft: ""Wer auf diesen Stein fället etc."" Nach meinen Begriffen liegt in den ersten Worten das Urteil über Alle, die im Unglauben beharren, und daher dem ewigen Gerichte verfallen sind, in dem letzteren aber der Trost für die, welche in Buße und Reue über ihre Sünden wie zermalmt werden, und welche der Herr in Seiner Gnade erretten wird."
Antwort: Der Spruch (Matth. 21, 44), welchen der Fragesteller näher erklärt wünscht, lautet vollständig so:
"Und wer auf diesen Stein fället, der wird zerschellen" (zermalmt werden); "auf welchen aber Er fället, den wird Er zermalmen", (eig. "den wird Er worfeln").
Der Herr hatte das Gleichnis gegeben von den Weingärtnern, welche die Früchte fordernden Knechte ihres Herrn, zuletzt auch seinen Sohn, töteten, um alle Früchte des Weinbergs für sich allein zu haben. Auf Jesu Frage, was nun wohl der Herr diesen Weingärtnern tun werde, wurde geantwortet: "Er wird die Bösewichte übel umbringen." Hierauf nennt sich der Herr den Stein, den nach der Schrift die Bauleute verworfen haben, der aber zum Eckstein worden sei. Damit will Er aber das, was Andere gesagt hatten, daß der Herr des Weinbergs die Bösewichte übel umbringen werde, nicht wiederholen. Die andern Evangelisten zwar (Marc. 12, 9 und Luk. 20, 16) lassen diese Worte auch den Herrn sagen, aber doch nur der Kürze wegen, während sie offenbar nach dem Umständlicheren des Matthäus zu nehmen sind. Der Tat nach lag es ja dem Herrn nicht nahe, Seine Feinde, auch wenn sie Ihn töteten, einst übel umzubringen, d. h. zur Verdammnis zu weisen; denn wir wissen, wie Er für sie gebetet hat. So will Er mit dem Stein (v. 42), der zum Eckstein wird, nur das herausheben, daß Er, der von Menschen Verworfene, würde hoch gehalten sein. Denn der Beisatz: "Von dem Herrn ist das geschehen; und es ist wunderbarlich vor unsern Augen", wie derselbe aus dem Propheten angeführt wird, läßt nur auf Gnade und Barmherzigkeit schließen, die an Seiner Person hängen würde. Sonst sagt der Herr bezüglich Seiner Mörder (v. 43) nur das:
v. 43. "Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und den Heiden gegeben werden, die seine Früchte bringen."
Hierauf (v. 44) folgt obiger Spruch, der besprochen werden soll.
Wir sehen, daß der Herr nur den Eindruck geben will, Er werde, wenn sie Ihn auch durch den Tod wegrafften, doch derjenige sein, an welchem sich Alles würde auferbauen, wie wir ja auch nach dem Wort im Briefe Petri (1 Petr. 2, 5) "als die lebendigen Steine uns aufbauen sollen zum geistlichen Hause und zum heiligen Priestertum." Diejenigen nun, die an Jesu nicht auferbaut werden wollen, die also nicht zum Hause, das gebaut wird, verwendet werden können, die sinds, von welchen unser Spruch redet. Erstlich werden sie bezeichnet als solche, die auf den Stein fallen, die etwa, wie von einer Höhe herab gegen ihn herrollend, an ihm anprallen und dadurch zerschellen, zerfahren, aus einander gestöbert werden. Damit ist gesagt, daß sie gegen den Stein, wenn er einmal gesetzt sei, nichts mehr auszurichten vermögen. Sie können gegen ihn anprallen, können in Massen wider den Herrn auftreten wollen. Ihn selbst, als den Eckstein, können sie nicht erschüttern; sie können sich nur an Ihm zerstoßen. Sind sie zusammengerottete Massen, so fallen sie aus einander, und verlieren dadurch alle Macht wider Ihn; oder beschädigen sie sich selbst zu ihrem Schaden und Verderben, je nach ihrer Versündigung an dem Herrn, dem Eckstein. Von einem Gerichte, das ganz und gar, bis in die Hölle, verderben würde, ist nicht die Rede. Nur die Unmacht der Feinde gegen den festgesetzten Eckstein ist geschildert. Aber Anprallende können auch noch zur Besinnung kommen, von ihrer geträumten Höhe herabsinken und dann etwa zu Buße und Glauben kommen, um auch als Bausteine zu dienen.
Wenn es aber im Weiteren heißt: "Auf welchen aber Er fället, den wird Er zermalmen" (eig. worfeln), so wird der Stein nicht, wie im Vorigen, liegend, sondern als von einer Höhe fallend gedacht. Schon durch den Fall oder Sturz von oben her wird er machen, daß Alles, worauf er fällt, aus einander fliegt, wie wenn es geworfelt würde. Den Zusammenrottungen der Menschen wider Christum wird im Nu ein Ende gemacht werden. Wenn da der Stein fallend genommen wird, so hat es Beziehung auf die Wiederkunft Christi vom Himmel her. Da wird es sein, wie wenn er als ein Stein auffiele, der namentlich Seine Feinde aus einander treibt. Bildlich ist damit vorgestellt, wie Alles Ihm weichen, Ihm sich unterwerfen muß, wie Alles nichts gilt wider Ihn. Eigentlich Gerichtliches oder gar Verdammendes ist damit wieder nichts gesagt, da von dem nicht die Rede ist, was im Weiteren mit den Zerschellten und Geworfelten wird. Der ganze Spruch enthält also nichts "gewaltig Erschütterndes". Er sagt nur, wie Christus der Eckstein, wenn auch zunächst von Jedermann verworfen, doch werde köstlich und hochgepriesen sein, wie Er alles Andere übertreffen, und allem Anderen vorgehen werde, wie vor Ihm alles Hohe und Große werde Staub sein und im Staub sich beugen müssen.
22) Dämonische Anfechtungen.
Frage einer Frau von Stand: "Recht herzlich bitte ich Sie, mich in ihre Fürbitte zu nehmen, speziell wegen einer besonderen Art von Anfechtung. Obwohl ich mich jetzt Gottlob! weit wohler fühle, als früher, so kommen mir doch noch oft die gewöhnlichsten und gemeinsten Schimpfnamen in den Mund; und ohne es zu wollen, spreche ich sie aus, bis jetzt, wenn ich allein bin; aber meine Tochter klagt so oft, daß sie es Morgens und Abends höre, wenn ich zu Bett bin. Ebenso habe ich oft einen unwiderstehlichen Hang, die Zunge herauszustrecken. Diese Schimpfwörter beziehen sich keineswegs auf irgend eine Person. Es wäre schrecklich, wenn so etwas überhandnehmen würde und sich nicht mehr abgewöhnen ließe. Wenn Sie doch in Ihren Blättern diese Angelegenheit einmal besprechen wollten! Ich habe schon gehört, daß noch Andere dergleichen Anfechtungen haben.
Antwort. Umständlich in den Blättern über Ihre Angelegenheit mich zu äußern, finde ich nicht ratsam; und es ist mir fast genug, nur Ihre Angelegenheit öffentlich machen zu dürfen, da sie an und für sich schon etwas Belehrendes hat. Sonst ließe sich gar Manches sagen; aber unsre Zeit erträgt es nicht, daß man viel über vorhandene Kräfte der Finsternis rede und denke. Sie meint, durch Stillschweigen Tatsachen auszulöschen, und macht es gerne wie der Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, wenn Gefahr für ihn kommt, als ob die Gefahr nicht da wäre, wenn er sie nicht sehe.
Die Plage aber, von der Sie mir erzählen, ist allerdings eine auch sonst vorkommende, nur mannigfaltig, bald so, bald anders. Häufiger kommt sie freilich bei Personen vor, die sonst den Eindruck von Geisteskranken geben. Aber auch andere Personen, welche vollkommen bei Sinnen sind und in nichts gestört erscheinen, haben ähnliche Sachen, wie Sie von sich erzählen, und ebenso unwillkürlich, auch ihrem sonstigen Wesen und Charakter ganz widersprechend. Im Allgemeinen kann ich nun sagen, daß man an solchen Erfahrungen sieht, wie die Macht der Finsternis im Verborgenen noch vorhanden ist und in ihrer bösen Art sich zu erkennen gibt, auch wütet, selbst dann, wenn sie sonst den Menschen nicht verderben und verunreinigen darf, vielmehr dessen Geist frei lassen muß, so vergewaltigt auch Zunge und Gebärden zu sein scheinen. Obwohl der Herr sagen konnte: "Der Fürst dieser Welt ist gerichtet, so ist dieser doch noch nicht abgetan; und daß er das würde, wäre die Aufgabe des Glaubens der Christenheit. Dieser, angetan mit der Kraft Christi, sollte Siege auf Siege wider die Finsternis erringen, damit der vorerst nur angebahnte Sieg Christi seiner Vollendung entgegen komme. Der Glaube hat sich durch Gebet unter Festhalten der Verheißungen zu bewähren. Wir sollen ja allezeit beten und nicht laß werden, auch wenn wir, wie die Witwe im Evangelium, lange Zeit mit unsern Bitten abgewiesen zu werden scheinen. Der Glaube soll nicht aufhören, zu rufen: "Rette uns von unserem Widersacher." Denn endlich wird doch der Herr erretten und zuletzt gar in einer Kürze. Durch Gebete, mit welchen wir die unmittelbare Hilfe des Herrn in Anspruch nehmen, können wir Kräfte zur Hilfe herbeiziehen. Die Christen aber müssen vor Gott als die erscheinen, welche sich für den Sieg wider die Finsternis interessieren und darauf hin die Macht Christi und Seines für uns vergossenen Bluts in gläubigem Bitten ergreifen. Der Herr fährt nicht fort wider den Satan zu streiten, wenn Niemand auf Erden Ihn darum bittet oder im Glauben unter brünstigem Gebet Seine Hilfe in Anspruch nimmt. Solches Bitten und Glauben ist freilich in unserer Zeit sehr in Abgang gekommen, weswegen die Kräfte der Finsternis immer mächtiger werden. Denn Niemand tritt ihnen mit vollem Ernste entgegen. Wer aber nun, wie Sie, verehrte Frau, für sich so hart angefochten ist, dem sollte es ein Sporn sein, um so ernster so zu bitten, und so zu glauben, wie es der Herr von den Seinen fordert, damit sie Sieg erlangen.
Bei Ihrer Anfechtung nun, verehrte Frau, kann ich gute Hoffnung haben, daß sie, wenn Sie, wie nun auch ich, den Sie um Fürbitte ansprechen, es an Bitten und Glauben nicht fehlen lassen, werde durch die Gnade des Herrn zu beseitigen sein. Günstige Erfahrungen, daß der Herr da zu finden ist, eben da, "wo sonst kein Mensch uns helfen kann", mache ich viele. Ich will nun Ihrer fürbittend gedenken, und bitte Sie nur, Mut zu haben und getrost zu sein. Der Herr wird gewiß Ihnen helfen. Es mag auch wohl bald die Zeit kommen, da dergleichen Anfechtungen, an welchen der Mensch keine besondere Schuld hat und die ihm auch auf keine Weise als Schuld angerechnet werden, mit Leichtigkeit werden wegzubringen sein durch Bitten und Glauben, während es jetzt noch, um des Unglaubens der Christenheit willen, Mühe macht, die zur Besiegung der satanischen Mächte nötigen Kräfte von oben zu bekommen. Zuletzt wird doch der Herr über Alles siegen, und wir mit ihm. "Der Gott des Friedens", sagt schon Paulus (Röm. 16, 20) "zertrete den Satan unter Eure Füße in Kurzem." Mit Paulus dort sage ich auch zu Ihnen: "Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit Ihnen."
23) Die Übergabe an den Satan.
Frage: "Wie ist der Vers zu verstehen 1 Tim. 1, 20? Wie kann ein Apostel, der doch noch immer ein Mensch ist, einen andern Menschen dem Satan übergeben? Wie durfte er das wagen, da er doch nicht wissen konnte, wie weit die Macht des Satans dann über diesen Menschen kommen konnte, und er dadurch verloren ginge? Im andern Fall hätten Hymenäus und Alexander doch immer wieder zum Glauben zurückkehren können; und nun wurde es ihnen beinahe zur Unmöglichkeit gemacht."
Antwort: Die Frage kommt von der andern Kirche; und dieser diene ich auch gerne, wenn sie Verlangen nach der Wahrheit zeigt und Auskunft wünscht. Eine andere Frage, die mit obiger über die Ehescheidung gemacht wurde, will ich ein ander Mal besprechen. Was obige Stelle betrifft, so lautet sie:
1 Tim. 1, 19. 20. "Und habest den Glauben und gut Gewissen, welches Etliche von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten haben; - 20. unter welchen ist Hymenäus und Alexander, welche ich habe dem Satan übergeben, daß sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern."
Merken wir hier die Absicht, die Paulus hat, nämlich "baß sie gezüchtiget werden, nicht mehr zu lästern." Es handelt sich also bei der Übergabe an den Satan nur um eine leibliche Züchtigung, welche besonnener machen sollte, "nicht mehr zu lästern." Die Übergabe an den Satan ist nichts Anderes als ein Zurückgeben der genannten Christen an die Heidenwelt, in welcher Satan mit seinen Strafen und Plagen herrscht. Die Gläubigen sind mit ihrer Aufnahme in die christliche Gemeine unter den Schutz Gottes gekommen, da der Arge sie nicht antasten durfte, auch nicht so leicht, wenn sie sündigten, weil Sündenvergebung galt und leicht wieder erworben werden konnte. Jene Männer aber sollten wieder unter die Strafen für ihre Sünden fallen, deren Ausrichter Satanas ist. Waren die Männer nun wieder den Angriffen des Satans preisgegeben, wie alle Heiden, so konnten sie doch leichter gegen Versuchungen zur Sünde sich wehren, als andere Heiden; und taten sie's nicht, so lag die Schuld allein an ihnen. Denn Satan hat überhaupt nicht die Macht, Seelen zu Grund zu richten, auch wenn sie seinen Plagen unterworfen sind, es wäre denn, daß sie mit eigenem Willen in seine Versuchungen eingingen. Büßen aber mußten sie für ihre Sünden, weil sie außer der Vergebung standen. Eine Rückkehr zum Glauben übrigens war bei ihnen eher denkbar, wenn sie in der Heidenwelt mit Schmerz das Gute, das sie gehabt, vermißten, als wenn sie mit bösen Gesinnungen und vom Glauben abfällig, in der Gemeinde noch weiter geduldet worden wären. Unfromme, wenn man sie Frommen gleichstellt, werden nur in ihren unrechten Gesinnungen bestärkt, wie man das auch in unserer Zeit wahrnehmen kann. Der Apostel dachte auch, das Lästern werde ihnen bald vergehen, wenn sie wieder unter Züchtigungen ständen, von welchen sie als Christen, wie das damals war, frei waren. Ihre Seligkeit, da sie wieder umkehren konnten, war also keineswegs gefährdeter, als bei schiffbrüchigem Glauben innerhalb der Gemeinde.
Das Nämliche hat Paulus noch einmal getan bei einem Manne, der seines Vaters Weib hatte (1 Kor. 5, 1), sei es, daß dieselbe als seine Stiefmutter geschieden war von seinem Vater, oder Witwe seines Vaters. Über diesen Mann beschloß Paulus,
V. 5. "Ihn zu übergeben dem Satan, zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu."
Da ist es noch klarer, daß Paulus den Menschen nicht in dem Sinne dem Satanas übergab, daß derselbe sollte verdammt werden. "Zum Verderben des Fleisches" geschah es, daß nämlich Satan ihn für seine große Sünde der Blutschande mit aller Schärfe sollte züchtigen dürfen, was innerhalb der Gemeinde nicht dasselbe gewesen wäre. Aber die Züchtigung sollte dazu dienen, vom ewigen Gerichte zu befreien, dem der Mensch als Christ, wenn er mit Verhöhnung der Gnade so schwer sündigen konnte, eher unterlegen wäre. Auch bei ihm ist hienach die Übergabe an den Satan nichts Anderes als Ausschluß aus der Gemeinde. Der Mann aber hat sich nachher wieder bekehrt; und dann war Paulus der Erste, der ihn wieder trösten und aufnehmen hieß (2 Kor. 2, 1-11). Ich denke, so sei die Frage deutlich und verständlich beantwortet.
24) Zur Hoffnung des heiligen Geistes.
Frage: "Welche Gründe haben Sie für die Annahme, daß die Gemeinde des Herrn den heiligen Geist in viel zu geringem Maße besitzt? Und welche Gründe zu der Hoffnung, daß es darin besser kommen werde?"
"Was sollte von menschlicher Seite geschehen, daß es wieder besser werde?
"Es ist wohl im ersten und namentlich zweiten Bändchen der Andachten über diese Punkte gesprochen; aber wie Wenigen im Verhältnis sind wohl diese Schriften bekannt? Könnte und sollte nicht mehr geschehen, um das noch so schlafende Interesse für diese Anliegen zu wecken unter den Gläubigen und Seufzenden weit und breit?
Antwort. Der Fragesteller meints gut. Er geht davon aus, daß die von mir gelegentlich ausgesprochenen Gedanken nach seinem Dafürhalten zu wenig bekannt seien, - sie sind aber bekannter, als er glaubt, - und daß darum mehr von mir sollte geschrieben werden. Mir aber liegt es ferne, geradezu auftreten zu wollen, als wollte ich der Lehrmeister Anderer oder gar Aller sein, weswegen ich nur gelegentlich meine Gedanken äußere, und so, als wären sie für Jeden, der den Herrn lieb hat, selbstverständlich. Nur anregen wollte ich; aber Anregungen sollten doch eine Folge haben, und die haben sie nicht. Deswegen will mir das beharrliche Schweigen, das ich überall erfahre, allmählich unheimlich, ja drückend werden. Wie lieb wäre es mir doch, es regten sich in der Sache einmal auch andere Federn; und der liebe Fragesteller, der doch jetzt fragt, wofür ich ihm danken möchte, würde, wenn ihm die Punkte wichtig sind, die er von mir stets berührt findet, der Sache einen guten Dienst tun, wenn er, angeregt durch das Gehörte, selbst forschte, ob sich's in der Schrift also hielte, und dann für das, wie er's findet, irgendwie öffentlich einstehen würde. Ich wäre sogar schon befriedigt, wenn nur auch von Andern darüber gesprochen würde, selbst wenn sie in Manchem gegnerisch zu reden sich veranlaßt sehen würden. Denn für mich, so lange ich allein rede, wird es mit jedem Tage schwerer, mich öffentlich auszusprechen. Aber, ob michs auch oft viel Überwindung kostet, so kann ich's einmal nie und nirgends, und in keinem Aufsatz unterlassen, mein Anliegen betreffs einer Erneuerung der Ausgießung des heiligen Geistes zu berühren. Die Punkte, die mich beschäftigen, kommen mir so klar, so einfach, so schriftgemäß, d. h. in die ganze heilige Schrift überall so verwoben vor, daß ich es nicht begreifen kann, daß ich immer allein reden muß. Wie viel wäre doch in der Hauptsache gewonnen, wenn auch Andere sprächen, indem nur dadurch Leben und Frische, auch Verwahrung vor Mißverständnis und unrechten Erwartungen, in die Sache käme, die mir seit 30 Jahren eine Lebensfrage geworden ist für das Bestehen und den ganzen Fortgang des Evangeliums auf Erden!
Glaube ja nicht, lieber Freund, daß ich's gut mache, wenn ich viel schreibe, so lange alle Welt mich allein schreiben läßt. Wer in einer Sache allein steht, ist noch allezeit von Allen übel darum angesehen worden. Weil Alle schweigen, meinen sie, sollte auch ich schweigen; und weil Niemand etwas davon wissen will, sollte ich's als ein Zeichen nehmen, daß ich sollte stille sein, und daß ich auf meine Gedanken nichts zu halten habe. Nun kann ich aber nicht schweigen, und was ist die Folge davon? Das, daß namentlich die Mehrzahl der sogenannten Brüderwelt nahezu ganz von mir abgewendet ist, so sehr ich von meiner Seite sonst ein liebendes Entgegenkommen zeige und im Kreise der Brüder, zu denen ich einen Zug habe, wie kaum ein Anderer mehr, stille bin, um nicht zu reizen oder Widerspruch und damit Trennung zu wecken. Ich sage es frei heraus, denn es ist so. Bis vor einigen Jahren war ich harmlos genug, zu glauben, man höre es gerne von mir, habe auch Liebe zu mir, und finde ich auch einigen, vorerst stillen Eingang. Unterdessen hat sich, weil ich schonend war, die Meinung verbreitet, ich sei anders geworden; und ich merkte, daß viele sich darob hoch freuten. Da erschrak ich und wurde wieder lauter. Jetzt aber ist es mir zur Gewißheit geworden, - und ich täusche mich nicht, - daß ich um das, was ich Besonderes habe, wie sie sagen, namentlich bezüglich der Erwartung des heiligen Geistes und seiner Gaben und Kräfte, übel angesehen bin, auch gemieden, wohl gar als der genommen werde, "der Israel verwirre". So habe ich's gegenwärtig, und so wird es bleiben, so lange Brüder, wie du, die mir näher kamen, nicht auch ein Bischen für mich einstehen, weil die Andern meist, wiewohl mir gegenüber im Stillen, nur gegnerisch denken, oder wie ich's nehmen soll. Doch kann ich nicht lassen, des Herrn zu harren.
Wenn ich doch auf deine Fragen einige Antwort gebe, so tue ich es wieder, weil ich, namentlich wenn gefragt, nicht schweigen kann. Ich muß damit heraus; denn es brennt mir im Herzen. Du willst vorerst Gründe wissen, "für die Annahme, daß die Gemeinde des Herrn den heiligen Geist in viel zu geringem Maße gegenwärtig besitze". Die Frage ist aber eigen gestellt. Du redest von der Gemeinde des Herrn. Wenn die wirklich da wäre, wie könnte ich annehmen, daß sie nicht den heiligen Geist besäße? Aber, mein Lieber, wo ist sie? Welche Kirche oder Sekte unter so Vielen ist sie? Meinst Du die unsichtbare Gemeinde, wie man von einer sichtbaren und unsichtbaren Gemeinde redet? Aber die hier gemeinte unsichtbare Gemeinde muß doch auch eine sichtbare sein, d. h. aus sichtbaren Gliedern der Kirche bestehend. Daß nun die Gemeinde des Herrn irgendwo repräsentiert wäre mit den Vollkräften des heiligen Geistes, das denkst Du doch gewiß nicht. Somit wäre die Frage, ob sichtbare Gläubige den heiligen Geist wirklich in genügendem Maße besitzen. Wie mißlich aber ist es, die Frage so gestellt zu beantworten? Denn da sieht es aus, als ob ich zu der Annahme gedrängt werde, daß es gar keine wahre Gläubige gebe, wenn sie sollen wirklich den heiligen Geist nicht haben. So etwas aber auch nur entfernt zu sagen oder zu denken, lasse ich mir nie einfallen. Solchen Heiligen kann und will ich mich nie gleichstellen, welche heutzutage über alle Kirchen und Gläubige nur so geschwind den Stab brechen. Was ich denke, glaube und hoffe, kommt bei mir aus einem liebenden und teilnehmenden, keineswegs richterischen Herzen heraus; und eben die, welche ich hochschätze und liebe, die aber einen Mangel fühlen werden, wie ich selbst in mir, möchte ich durch Gnaden von oben gehoben wissen, daß sie es völliger hätten, was die Schrift mit dem heiligen Geist verheißt. So viel ist mir gewiß, wenn ich die Bibelstellen, welche vom heiligen Geist irgendwie in der Schrift reden, mit dem, wie wir's jetzt haben, rein alle mit einander, da ich mich selbst am wenigsten ausschließe, vergleiche, so komme ich, es sei aber ganz mit Liebe und Teilnahme gesagt, auf folgende drei Sätze:
1) Es muß anders mit uns werden, wenn's überhaupt etwas sein soll.
2) Es wird anders werden, damit es etwas sei, nach der Verheißung des Evangeliums.
3) Es kann nur anders werden durch den heiligen Geist, wie derselbe in der ersten Zeit gewesen ist.
Du fragst nun freilich auch nach Gründen zu der Hoffnung, die ich habe. Was soll ich sagen? Mein Hauptgrund ist das Evangelium selbst. Diesem ist für mich alle Spitze abgebrochen, wenn es nicht in dem verheißenen heiligen Geiste wurzelt. Schon der Täufer sagt, der ihm nachfolge, werde mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen. Der Heiland sagt: "Wer an mich glaubt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen." Er sagt: "Ich will euch nicht Waisen lassen, will euch an meiner Statt den andern Tröster, den heiligen Geist, senden." Die Verheißung sagt: "Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch", ferner: "Ich will euch ein neu Herz geben, und will meinen Geist in euch geben, und will eure steinernen Herzen von euch nehmen und euch fleischerne geben." Paulus sagt: "Christus sei am Holz gehangen, damit wir den verheißenen Geist empfingen." Wiederum heißt's: "Sie sollen Alle von Gott gelehret sein, und das Gesetz Gottes soll in ihre Herzen geschrieben werden." Auch soll Niemand in Wahrheit, d. h. nicht bloß nach dem Kopf, sondern nach dem Herzen Jesum den Herrn heißen können "ohne durch den heiligen Geist." Sehe ich nur diese einfachen Stellen an, welche mir die Quintessenz des Evangeliums darbieten, und vergleiche unsere Zeit damit, so muß ich sagen: "Ach, wie fehlt's!" Gehe ich noch näher an die Propheten hin, so sind der Stellen so viele zu finden, die ein Überschwängliches sagen von dem, was Gott noch tun werde an den Gebundenen und Gefangenen, damit das angenehme Jahr des Herrn komme, daß ich jetzt nicht anfangen kann davon zu reden; denn es wäre des Großen zu viel, daß ich kaum wüßte, was zuerst herausgreifen. Zugleich wünsche ich eben das, daß doch auch Andere ohne mich mit offeneren Augen in die Schrift hineinsehen möchten, als sie gewöhnlich tun. Ich halte mehr darauf, wenn sie's selber finden, und glaube damit genug zu tun, daß ich in Allem, was ich schreibe und rede mit Auslegung einzelner Schriftstellen, an die verborgenen Tiefen der Verheißung, wie sie sich vor mir eröffnen, hintupfe.
Endlich fragst du: "Was sollte von menschlicher Seite geschehen, daß es wieder besser werde?" Hierauf kann ich nichts Anderes antworten, als, es sollte mehr Seufzen und Sehnen nach dem Vermißten unter den Christen entstehen, überhaupt mehr Glauben an den heiligen Geist. Sie lassen's aber überall Alles gut sein, wie es ist, und tun, als haben sie keine weiteren Bedürfnisse von oben, wiewohl sie offenbar Alles nur angelernt oder ausgedacht, nicht gleichsam inspiriert haben. Sie brauchen nicht weiter, als sie haben. Ich weiß wenige Gläubige, die forschen in der Schrift. Das, was sie haben und denken, bleibt Jahrzehnte lang immer dasselbe, obwohl's im Großen nichts fördert, und kaum Früchte gesehen werden. Aus der Schrift nehmen sie einen gewissen Cyclus von Gedanken, und lassen alles Übrige stehen. Dazu mag ich die gläubige Welt ansehen, wie ich will, so lassen sie, weil die bösen Menschen doch nicht glauben wollen, den Heiland lieber einen Kaputtmacher sein, der eben jetzt Alles mit Gerichten in den Abgrund schmettere, denn einen Seligmacher, den's nach dem Herzen treibe, etwa wieder neue Hebel vermittelst des nun eben doch sonst verheißenen Geistes zur Rettung Vieler anzusetzen. Solche Alle tun freilich nichts für eine Wiederkehr des heiligen Geistes. Wer etwas tun will, der lerne für Millionen ein Herz haben, wie es Jesus hat, der nicht zum Schein durch Sein Blut hat wollen eine Versöhnung der ganzen Welt herbeiführen. Die, welche mit Teilnahme unter dem Jammer eines endlosen Elends nach allen Seiten seufzen, jammern und sich sehnen, und in der Schrift Verständnis über den heiligen Geist suchen, die sinds, die zu einer besseren Zeit helfen. Tun's nicht Viele, so tun's mit mir Wenige; und wenn mich Alle verließen, so bleibe ich betend im Kampfe wider die Übermacht der Finsternis, die Alles in ihre Bande geschlagen hat, und Alles tut, um neue Erweisungen der Kräfte des Geistes zu verheben und zu hintertreiben, fest und unbeweglich, wie auch im Ringen um die endliche Heimsuchung Gottes vermittelst des heiligen Geistes über allem Fleisch. Ich rufe schon 30 Jahre darum - und Vielen bin ich drüber zum Gespötte geworden, - ich rufe aber fort und lasse nicht nach; und schon mein unwiderstehlicher Drang, fortzumachen ohne Rast und Ruhe, ist mir, dem nahezu 70jährigen Manne, Bürgschaft genug, daß michs Gott noch erleben lassen werde, das Heil Gottes kommen zu sehen, zu neuem Erwachen aller Welt durch den heiligen Geist.
25) Katholische Dienstboten.
Frage: "Bitte um gelegentliche Beantwortung in den Boller Blättern der Frage: Ist es ein Unrecht, wenn evangelische Herrschaften katholische Dienstboten mieten. Sind solche (natürlich freiwillig) bei der Hausandacht zuzulassen, da doch ihre Kirche den Laien das Lesen der Bibel untersagt?"
Antwort: Katholische Dienstboten zu mieten, habe ich selbst mich nie gescheut, wenn sie eine Gemütsart zeigten, bei der man mit ihnen auskommen konnte, ohne daß sie Mißtrauen zeigten und aus Mißtrauen unrecht sich benahmen. Nur das Eine hat man zu fürchten, daß sie insgeheim zu ihrer Konfession hinüberziehen möchten; und namentlich versuchen sie sich gerne an Kindern, weswegen diese niemals katholischen Dienstboten übergeben werden sollten. Ich weiß sehr traurige Beispiele. Sonst aber habe ich nie gefunden, daß ich der Katholiken bezüglich ihrer Treue weniger versichert war, als Anderer. Man täuscht sich sehr, wenn man Katholiken vom Volk so gar viel anders sich denkt, als Protestanten. Sehr häufig ist, was sie nach ihrer Konfession Besonderes an sich haben, nur äußerlich an ihnen, wie es auch meist nur äußerliche Dinge sind; und gleich erscheints wie von ihnen abgestreift, wenn man erbaulich nach Herz und Gemüt mit ihnen redet. Deswegen kann ich im Verkehr ganz so mich gegen sie benehmen, als wären sie von meiner Konfession. Von Haus aus haben sie das Wichtigste mit uns gemein. Sie haben den dreieinigen Gott, Jesum als Gottes Sohn und als Erlöser durch Seinen Tod u. s. w. Was sie darüber haben, lasse ich geradezu liegen; und tue ich's, so machen sie's auch so. Selig werden etwa wollen sie durch Glauben und Werke, und wir durch Glauben mit Werken. Ein gewöhnlicher Christ versteht da das Feinere nicht; drum lasse man's lieber unbesprochen. Die Unterschiede in der Lehre überhaupt, wie man sie gewöhnlich schildert, werden bei ihnen gar nicht gedacht; und auch die Protestanten werden derselben nicht recht inne. Oft habe ich es wahrgenommen, daß man auch bei Katholiken ganz gut an einen inneren Menschen kommen kann; und ist ein solcher noch nicht da, so kann er geweckt werden und ist oft schneller geweckt, als bei Protestanten. Ich möchte Allen, die mit Katholiken verkehren, raten, nur sie als solche nicht zu nehmen; und wenn sie christliche Gespräche mit ihnen führen wollen, sollen sie das Unsere, als für sie selbstverständlich sich denken. Man lasse nur Alles weg, was auf eine Differenz hinweist, brauche nicht einmal der Worte Katholik oder Protestant; und wie viele Punkte für das Herz und Gemüt bleiben übrig, an denen man Eins werden kann! Ich gestehe, daß ich schon viel Liebliches an Katholiken erfahren habe, ohne daß diese übertraten, worauf hinzuwirken ich nicht für meine Aufgabe halte. Eine Liebe zu uns können sie auch nur auf diese Weise bekommen. Ich habe schon geistlich angefochtene oder schwermütige Katholiken in meinem Hause gehabt, mit denen ich je und je leichter zurechtkam, als mit Evangelischen, weil bei ihnen ein gewisser kindlicher Glaube häufig schneller anzuregen ist. Warum soll man, wenn es so ist, so gar große Scheue haben vor katholischen Dienstboten, oder gar meinen, man tue ein Unrecht, sie zu mieten?
Ich hatte einmal für meine frühere Ökonomie einen katholischen Melker aus der Schweiz in Diensten. Er war Laienbruder, hatte ein italienisches Doktordiplom erhalten, stach also besonders tief und mit Bewußtsein im Katholizismus. Zuletzt war er zu Hause eben noch Schulmeister gewesen; weil er aber als Eiferer für seine Schule bei den Leuten sich verfeindete, war's ihm entleidet, und er wurde in ganz anständiger Weise - mein Melker. Ich ließ ihn unbelästigt seinen Weg gehen, und er versah mit Treue das ihm Befohlene. Die Gottesdienste besuchte er zuerst selten. Er wollte auch mit mir, dem ketzerischen Pfarrer, nichts zu tun haben, obwohl er mich insgeheim liebte. Wenn er krank war, und ich ihn besuchte, kehrte er mir den Rücken zu, wahrscheinlich meinend, es schade ihm an seiner Seligkeit, wenn er sich durch meine Gegenwart beflecke. Beten durfte ich ohnehin nicht mit ihm. Aber mein Haus kam sonst gut mit ihm aus; und die Kinderlehren waren ihm sehr lieb, wie auch Morgen- und Abendsegen mit dem Gesinde, da es ihm rührend vorkam, wenn letztere meine Frau hielt. Endlich bekam er eine unheilbare Krankheit, das sogenannte Miserere; und sein Leiden war sehr schwer. Meine Besuche aber konnte er nicht leiden. Ich fragte ihn, ob ich einen katholischen Priester kommen lassen solle. Er bejahte es. Der Priester kam und tat an ihm nach dem Gebrauch seiner Kirche. Bald wurde es ängstlich mit ihm, und kam es öfters über ihn, als ob's eben ausgehen wollte. Jedesmal sprang ich herbei; aber er wollte lange nichts von mir. Endlich da ich, innerlich seufzend, schon wieder von ihm weg zur Tür ging, rief er laut: "Herr Pfarrer, Sie dürfen nicht fort." Ich blieb und fragte: "Darf ich beten?" "Ja," war die Antwort. Ich betete ganz kurz, um vorsichtig zu sein: "Herr Jesu, nimm ihn aus Gnaden auf als dein Kind!" Da wurde er ruhig und still, stierte in die Ecke, als sähe oder hörte er etwas. Endlich rief er aus: "Aus Gnaden! aus Gnaden! Ich höre es! Aus Gnaden! Ist's möglich, daß so ein wüster Mensch, wie ich bin, selig werden kann?" Ein Mark und Bein durchdringendes Bußgebet folgte diesen Worten nach. Bald sangen wir: "Aus Gnaden soll ich selig werden." Er sang kräftig mit, und wollte immer wieder gesungen haben. Ich sagte einen Liedervers um den andern aus verschiedenen Liedern vor. Als ich einmal aus dem Liede: "Mir ist Erbarmung widerfahren," an die Worte kam: "Nun weiß ich das und bin erfreut, Und rühme die Barmherzigkeit," raffte er sich auf, umfaßte mich krampfhaft mit beiden Armen und rief: "Herr Pfarrer, Sie sind ein prächtiger Mann!" Mein ganzes Dienstpersonal mit andern Gästen des Hauses sammelte sich vor dem Sterbebette; und Alles bekannte, so schön und so evangelisch haben sie noch Niemand sterben sehen. Denn all sein Besonderes war ganz von selbst von ihm abgestreift; und nur das Evangelische hatte noch einen Wert für seine Seele, ohne daß irgend ein Wort von meiner Seite auf das hin ausgesprochen worden wäre. Er begann immer wieder zu singen: "Aus Gnaden," ohne weitere Worte zu haben; und ich war genötigt, Worte anzuhängen. So entstand, wie aus seinem, des Sterbenden, Mund, das Verslein:
"Aus Gnaden soll ich seelig werden,
Aus Gnaden nimmt mich Jesus an,
Aus Gnaden scheid ich von der Erden,
Aus Gnaden geh' ich himmelan.
Aus Gnaden ist der Heiland mein,
Aus Gnaden schlaf ich selig ein."
Bald starb er. Es war den 15. Februar 1857. Sein katholischer Vater kam aus der Schweiz und wollte zuerst keine Gebetsgemeinschaft mit uns haben. Zuletzt ging's aber von selbst, da er unsre Gesinnung sah. Zum Begräbnis berief ich den katholischen Priester. Dem erzählte ich das Lebensende des Mannes, wie dieser habe aus Gnaden selig werden wollen. "Nicht wahr?" fragte ich, "ihr haltet's ja auch so in eurer Kirche." "Ja wohl," versetzte er, freundlich und befriedigt. Wir beide, neben einander in den Chorröcken, begleiteten die Leiche zum Grabe. Er machte es nach dem Gebrauch seiner Kirche; und ich durfte nach ihm ein Gebet sprechen. Das Wort: "Aus Gnaden" war ein Wort der Einigung geworden. - Solche Erfahrungen können doch ermutigen, katholische Dienstboten nicht so gar von sich zu weisen. Weil der Herr da ohne all' mein Zutun so viel getan hat, belebte mich's mit der Hoffnung, es werde die Zeit kommen, da alle Konfessionsunterschiede schwinden, wenn wir einmal den heiligen Geist wieder in der Fülle haben werden, wie Ihn die ersten Christen gehabt haben. Was brauchen wir aber weiter zu einer Einigung der Herzen für dieses und jenes Leben, als das Wort: "Aus Gnaden!"
Katholiken aber nicht zu den Hausandachten zuzulassen, auch wenn sie wollten, weil ihre Kirche den Laien das Lesen der Bibel untersage, ist gewiß sehr unrecht. Gute und fromme Katholiken werden auch nie solch' Lesen verdammen; und bekannt ist mir eigentlich nichts davon, daß ihre Kirche es förmlich verbiete. Wenn aber doch, so würde ja auch unter den Heiden alles Missionieren aufhören, wenn man überall die Leute nach den bestehenden feindseligen Gesetzen wider das Evangelium behandeln wollte. Bekommen wir doch mehr Herz für die Katholiken, und unterlassen wir das viele Gezänke unsrer Tage, namentlich im gemeinen Leben. Lasset ihr Christen allen Streit über eure Köpfe hingehen, und lernet freundlich und leutselig gegen die Katholiken sein, so weit's geht; und es geht bei Vielen, sehr Vielen weit!

































III. Beantwortung von Fragen.
26. Verhalten gegen Ungläubige.
Briefliche Frage: "Dürfte ich Sie bitten, gelegentlich in Ihren Blättern einmal den Text: 2 Joh. v. 9 u. 10 zu erklären, besonders v. 10. Meine Frage könnte lauten:" Welches Verhalten gegen entschiedene Ungläubige verlangt dieser Ausspruch des Apostels von uns?" - Meine eigene feste Überzeugung ist, daß alle die, welche den Herrn Jesum Christum von Herzen ergriffen haben, oder vielmehr von Ihm ergriffen worden sind, mit Solchen keine Gemeinschaft pflegen können, sie nicht, ohne daß ganz nahe verwandtschaftliche Pflichten es forderten, in ihre gesellschaftliche Kreise ziehen dürften, wenn sie nicht Glaubensmut und innere Freudigkeit besitzen, ihnen, wenn sie sie zu sich einladen, ein entschiedenes Zeugnis abzulegen, von dem Grunde der Hoffnung, die ihnen ist."
Antwort: Den Lesern wird es lieb sein, die angeführten Schriftworte hier ganz vor sich zu haben. Sie lauten:
2 Joh. v. 9. "Wer übertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott; wer in der Lehre Christi bleibet, der hat beide den Vater und den Sohn." - v. 10. "So jemand zu euch kommt, und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause, und grüßet ihn auch nicht."
Vor Allem müssen wir den Unterschied der Zeiten zwischen damals, da Johannes schrieb, und jetzt, wohl ins Auge fassen. Damals waren gläubige Christen überall unter der großen Mehrzahl der Heiden fast verschwindend; und es mußte daher um so mehr darauf gesehen werden, daß die Wenigen, die glaubten, ihren Charakter vollständig bewahrten. Es war nicht anders möglich, als daß Alles, was Christ sein wollte, in eine Gemeinde sich zusammenschloß; und innerhalb dieser konnte und durfte es keine Verschiedenheiten des Glaubens, namentlich wenn sie die Grundlehren betrafen, geben, wenn nicht Alles zusammenfallen sollte. Übertreter in der Lehre Christi konnte man da unmöglich dulden, zumal Solche nicht, die, wie Johannes sagt, innerlich außer der Gemeinschaft mit Gott und Christo standen. Sie hatten, weil der Lehre Christi ferne getreten, keinen Gott, standen also der Tat nach als Heiden da, die nur störend aufs Ganze einwirken konnten, wenn sie dennoch als Brüder angesehen sein wollten. Mit ihnen, als wäre man Eins mit ihnen, Gemeinschaft pflegen, war gefährlich; denn unvermerkt konnten sie einen üblen Einfluß ausüben, welchem nur eine größere Gemeinschaft, wie diese jetzt besteht, entgegenstehen konnte. Freundschaftliche Behandlung durch Aufnahme zu sich in's Haus und durch Gruß, der im Morgenlande etwas sehr Umständliches ist, konnte auch Ungläubige, sofern sie sich damit als Brüder behandelt sahen, nur in ihrer Verkehrtheit stärken, als dürften sie diese wohl haben, ohne darum weniger vor den Andern zu gelten. Man sieht es deutlich, daß da ein scharfes Auge sein mußte auf Abweichende, namentlich wenn die Abweichung die Grundlehren von der Person Christi betraf als eines Gottessohnes, der als Wort von Gott ins Fleisch gekommen war. Denn jede Abweichung der Art konnte einen unberechenbaren Schaden für Alle bringen.
Jetzt ist das anders. Denn Alle sind getauft und christlich unterwiesen, also dem Namen nach Christen. Wenn denn auch ihrer Viele abweichend sind, so werden doch die Andern durch das Bekenntnis der Gesamtheit genugsam getragen, daß ein schädlicher Einfluß von der Person der Ungläubigen als solcher kaum denkbar ist. Ob ich sie sehe oder nicht sehe, sonst Verkehr mit ihnen habe, oder nicht, kann mir nichts ausmachen. Ob ich sie ins Haus nehme, vorkommenden Falls bewirte, in gewissen Kreisen bei mir habe, auch freundlich sie grüße, hat keine Wirkung weder auf die Ungläubigen selbst, noch auf mich. Es bleibt sich Alles unverändert gleich; und wenn ich mir bewußt bin, das Meine zu bewahren, was soll es schaden, wenn die Andern je und je bei mir sind? Im Gegenteil kann's gerade auf diese eine gute Wirkung haben, wenn ich nur in ächt christlicher, demütiger, sanftmütiger, friedfertiger Haltung mich zeige. Anders ist es freilich, wenn die Ungläubigen streitsüchtig sind, Alles dran setzen, ihren Unglauben Andern in's Herz zu senken, bitter, hart und lästernd sich benehmen. Da versteht sich's von selbst, daß ich als friedfertiger Christ ihnen ausweiche, nichts mit ihnen zu schaffen haben kann, eben weil sie Friedensstörer sind und im höchsten Grade ärgerlich, als solche, die ihre Grundsätze Andern aufdringen, diese geradezu ihrer Freiheit berauben wollen. So sind aber die Ungläubigen selten, auch wenn sie entschieden ungläubig sind, es sei denn, daß ich mit meiner selbstgerechten Art sie aufreize. Sie sind in der Regel in Gegenwart derer, die glauben, stille, lassen meist Jedem das Seine, wohlwissend, daß sie bei entschiedenen Gläubigen nichts ausrichten. Sie sind, möchte ich sagen, in dieser Beziehung viel diskreter gegen die Gläubigen, als diese gegen sie.
Die Frage verlangt besonders eine Auslegung des 10. V. bei Johannes; und eine solche kann vollständig auf's Klare führen. Wenn es nämlich heißt: "So jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht," so ist da nicht von Heiden die Rede, welche je und je Besuch machten, sondern von Solchen, die sich für Christen ausgaben, und sich unter die rechneten, die der Gemeinde angehörten, aber im Widerspruch mit der Grundlehre standen, auch als Lehrer ihres Unglaubens in die Häuser kamen. Wie sollte es für einen erleuchteten Christen möglich sein, solche Verführer bei sich zu beherbergen, wenn sie namentlich für ihre Grundsätze missionierend herumzogen und gastliche Herberge in Anspruch nahmen? Wie konnten sie solche mit dem Gruße: "Friede sei mit euch!" empfangen? Etwas Anderes war's, wenn sonst Ungläubige, d. h. Heiden, die gar nichts vom Evangelium wollten und wußten und Leute dieser Welt waren, in's Haus kamen. Ein Verkehr mit diesen, wie ihn das tägliche Leben mit sich bringt, selbst wenn sie lasterhafte Menschen waren, hat auch Paulus nicht verboten. "Sonst", sagt er (1 Kor. 1, 9-13), "müßtet ihr die Welt räumen." So macht sich denn auch für uns die damalige Vorschrift Johannis doch ganz anders. Wir dürfen nicht so isoliert uns stellen, daß wir Alles meiden, was nicht Eins mit uns ist; denn sonst müßten wir die Welt ganz räumen, müßten am Ende wieder als Eremiten in Höhlen schlüpfen, um ja mit Niemand zu tun zu bekommen, der nicht gläubig ist.
Wenn daher ferner gefragt wird, ob es recht sei, mit Ungläubigen Gemeinschaft zu pflegen, so ist Gemeinschaft und Verkehr doch Zweierlei. Gemeinschaft setzt Einheit oder Ausgleichung des Geistes voraus, und die ist freilich nicht immer möglich. Beim Verkehr aber denkt man nur an den Menschen; und den Menschen kann man bei sich in Vielem annehmen, ohne mit sich selbst zu verfallen. Den Menschen, wer es auch sei, muß ich in Allem ankommen lassen, wo er es von mir als einem Mitmenschen erwarten kann. Christus hat ja Alle mit Seinem Blute erkauft; und somit geht der Ungläubige als Mensch mich noch mehr an, weil der Heiland an ihn Anspruch macht. Kann ich also Jemand nicht als Bruder oder Schwester annehmen oder einladen, so doch als Menschen, den ich unter allen Umständen achten und ehren muß. Obige Frage redet im Weiteren von Lesekränzen, Gesangvereinen etc., zu welchen Gläubige die Ungläubigen nicht einladen sollten. Wenn aber die Letzteren gerne dabei sind, was hat denn das zu sagen? Oder sollen die Ungläubigen mehr Liebe haben, als die Gläubigen? Kann's denn nicht auch jenen zu Gutem dienen, wenn diese noch eine Liebe zu ihnen zeigen? Wie können sonst Ungläubige anders werden, wenn die, welche sich gläubig nennen, sie immer nur als räutige Schafe von sich abweisen? Nehmen wir uns doch in Acht, daß wir nicht vor dem Herrn einen großen Vorwurf uns zuziehen, wenn unsre Gläubigkeit gegen sonst Jedermann unsre Herzen zuschließt.
Die Frage setzt voraus, daß man verpflichtet sei, nur gleich gegen Ungläubige, wenn man sie einladet, Zeugnis von seinem Glauben und Hoffen abzulegen. Dies ist aber ganz verkehrt. Es ist ja nicht so, als ob sie nicht wüßten, was ich glaube, und als ob ich ihnen etwas beizubringen hätte, das ihnen ganz fremd ist. Mein Zeugnis gegen sie wäre daher immer nur ein Hofmeistern, ein Belehren, ein Strafen, eine Geringschätzung ihrer Person. Jemand zu sich einladen, um den Hofmeister oder Lehrmeister an ihm zu machen, wie kann das recht sein? Warum denn aber nur an den Ungläubigen hofmeistern, und nicht auch an den Gläubigen, die es oft auch gut brauchen könnten, und bessere Ohren haben sollten, als die Andern? Aber Beide können Solches nicht leiden; und wer verbittern will, der fange nur gleich an, zu predigen. Mein Rat für den Verkehr mit Jedermann, namentlich mit Unglaubigen, ist der, daß der, der glaubt, nicht zuerst in Glaubenssachen das Wort nehme, sondern strenge darauf sei, stets nur den Zweiten machen zu wollen, d. h. als gefragt zu antworten. Besser, es kommt gar nichts zur Sprache, als vorlaut sein.
Ich bitte um Nachsicht.
27) Von Hingeschiedenen.
Briefliche Frage. "Gar oft in meinem Leben hörte ich beim Tod eines Jünglings oder einer Jungfrau das Bedauern aussprechen: "Ach, daß er schon so frühe sterben mußte!" Ich konnte das nie hören, ohne zu sagen, wie töricht es sei, den Heimgegangenen zum Herrn zu bedauern; der sei ja aller Trübsal entnommen und bei seinem Heiland. Und nun mir selbst ein 12jähriges, ein christliches, glückliches Kind gestorben, muß das tief vermissende Mutterherz, so oft es an die letzten Tage und Stunden seines Kindes denkt, ausrufen: "O, armes Kind!" Wie kommt das? Warum muß das Herz beim Anblick von Tod und Grab immer wieder selbst nach Trost ringen, der ihm sonst so fest und klar war?"
"Dürfen wir fest hoffen, daß Mutter- und Kindesliebe auch droben fort bestehen darf? Ist es doch das reinste, edelste Empfinden auf dieser Welt, ein Stück Paradies, das der Apostel Paulus selbst so hoch stellt (1 Kor. 13). Diese Liebe kann doch nicht unter das Vergängliche gehören, das verwesen muß; es ist ja göttlicher Natur."
"Welches Buch eines frommen Mannes behandelt Tod und Ewigkeit eingehender?"
"Eine tief trauernde Mutter bittet um Antwort im Boller Blatt und dankt zum Voraus.
Über Alles, was Sie in Ihrem Briefe fragen, kann unser Einer nicht viel sagen, weil er zu wenig Anhaltspunkte in der Schrift hat. Man wünschte freilich oft, die Bibel möchte mehr enthalten. Aber es hat seine Gründe, wenn sie so schweigsam ist; und wahrscheinlich wüßte sie über die Mehrzahl der Verstorbenen nicht viel Gutes zu sagen. Die Leute wünschten nur immer herrliche Himmelsfreuden für die Dahingeschiedenen zu hören; und wenn's die Bibel etwa anders sagte für die Meisten, aber nach der Wahrheit, so wäre es des Schmerzlichen zu viel, das die Hinterbliebenen in dieser armen Wett hätten. Was sie beim Tode jugendlicher Personen denken und fühlen, daß sie aller Trübsal entnommen seien, hat wohl einigen Grund in der Schrift, wenn man Jes. 57, 1.2 liest:
v. 1. "Aber der Gerechte kommt um, und Niemand ist, der es zu Herzen nehme; und heilige Leute werden aufgerafft, und Nieman achtet drauf. Denn die Gerechten werden weggerafft vor dem Unglück, - v. 2. und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden, und ruhen in ihren Kammern."
Aber doch ist auch in dieser Stelle nur gesagt, daß die Gerechten jener Zeit viel Elend in dieser Welt nicht mehr sehen dürfen und in sofern zum Frieden kommen. Aber das Ruhen in ihren Kammern, wie das Alte Testament sagen muß, weil Weiteres vor dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu in der Regel nicht zu erwarten war, selbst nicht von allen sogenannten Gerechten, die es nicht immer mögen so gut bekommen haben, wie ein Abraham, ist noch nicht der Wünsche höchstes Ziel. Viel entnehmen kann also aus der angeführten Stelle unser sehnendes Herz nicht. Wir Christen freilich dürfen mehr hoffen, doch nur, wenn wir im Herrn sind. Denn auch junge Leute, wenn sie nicht entschieden in dem Herrn sterben, haben wohl kaum das zu erwarten, was es sonst heißt: selig sind sie von nun an." Mit einer höchsten Seligkeit drüben sich so schnell und so sehr trösten für jeden Abgeschiedenen, sollte man nicht tun; und darum muß man dem Bedauern der Hinterbliebenen, wenn Einer so früh sterben mußte, nicht gerade schroff mit dem Wort entgegentreten: "Ihr solltet euch eigentlich mehr freuen, als traurig sein." Besser ist's und für Leidtragende wohltuender, nach der Ermahnung des Apostels "zu weinen mit den Weinenden", und für's Andere auf den barmherzigen Gott und Heiland zu blicken, der Alles gut macht, ob wir leben oder sterben.
Oft ist ein frühes Sterben junger Leute auch ein von Angehörigen oder Andern Verschuldetes und fast zu schnell Erfolgtes, oft irgendwie selbst verschuldet. Da ist es nicht gerade so töricht, wenn Leidtragende sie bedauern, daß sie nicht noch etwas Nützliches in der Welt geworden sind, obwohl es nicht geraten ist, sich viele Gedanken zu machen, weil wir in Gottes Gedanken nicht hineinsehen können. Jedenfalls ist die Tröstung an Leidtragende, ihre Verstorbenen seien ja jetzt aller Trübsal entnommen, und beim Heiland, nicht immer sonderlich angemessen. Daß dieser gewöhnliche Trost morsch ist oder sein kann, mag man merken, wenn man selbst dran muß, wie es Ihnen, werte Frau, mit Ihrem 12jährigen Kinde ergangen ist. Da lernt man ernster und wahrer an Tod und Grab hinsehen, mit richtigerem Gefühle. Wenn da Jemand zu Ihnen mit dem Gleichen kam: "Was betrübst du dich so sehr, dein Kind ist ja jetzt beim Heiland", so wird das Ihnen nicht so besonders tröstlich gewesen sein; und vielleicht haben Sie's hart und unempfindlich gefunden. Die Leute trösten da wirklich Andere mit etwas, womit sie sich selbst in ähnlichem Falle nicht trösten können. In dem Vermissen aber liegt eben ein Besonderes, das nicht so schnell die Lebenden in freudige Stimmungen versetzt werden läßt. Die Natur hat ein Grauen vor dem Tod; und auch im besten Falle verläßt uns dieses Grauen nicht, und zwar mit Recht, weswegen auch Sie, die jetzige etwaige Seligkeit des Kindes vergessend, und mehr an die letzten Tage und Stunden des Kindes denkend, immer wieder ausrufen: "O, armes Kind!" Denn eigentlich sollten wir ja nicht sterben, sondern leben, und ist der Tod zwischenein gekommen, der auch viele Mühe Kampf und Allmacht Gottes erfordert, bis er als der letzte Feind wird wieder aufgehoben sein. Daher ergrimmete auch zweimal der Herr am Grabe des Lazarus. Nehmen Sie es daher, werte Frau, nicht seltsam, daß Sie immer wieder um Trost ringen müssen. Indessen lernen Sie doch über Schmerz und Trauer hinüberkommen; und zuletzt müssen Sie doch zu freundlichen Anschauungen des Jenseits für Ihr Kind zu kommen trachten, was ja bei einem so jungen Kinde leicht ist. Wohl uns, daß wir von einem Heiland wissen, der uns vom Erzmörder, welcher nach der Schrift des Todes Gewalt hat, befreit hat, daß wir, wenn wir glauben, fortan leben, ob wir gleich sterben!
Daß Mutter- und Kindesliebe auch dort fortbestehen dürfen, kann man glauben, namentlich unter denen, die ganz des Herrn sind. Aber wahrnehmen darf man hienieden doch nichts davon, weswegen man auch nicht mit seiner Phantasie so viel dran sein sollte. Auch Schriftworte gibt es keine, die etwas sagen und lehren. Außer dem, was vom reichen Manne gesagt ist, der auch in der Hölle und Qual von Mitleiden mit seinen Brüdern erfüllt war, die ebenso lebten, wie er, mithin das gleiche Schicksal mit ihm zu erwarten hatten, wird uns nichts in der Schrift gesagt. Aber auch das, ob der reiche Mann wirklich fortdauernde Kunde von seinen Brüdern hatte, ist nicht gerade in der Geschichte angedeutet; und möglich ist es schon, daß Personen, die dem Herrn ferne stehen, dort auch ferne von den Ihren auf Erden gerückt werden, daß sie von diesen nichts mehr erfahren. Doch ist die Schrift schweigsam, weil das viele Denken an Hingeschiedene, das bis in Abgötterei hineinläuft, besonders wenn man mit ihnen gleichsam fortleben will, gefährlich ist für die Lebenden, und für das Leben stumpf macht. Da vergessen Viele, daß doch eigentlich der Heiland der Erste und Einzige ist, nach dem wir hienieden zu sehen haben; und an dem verlieren wir viel, wenn wir nur immer nach den Unsrigen im Jenseits blicken. Ich rate Ihnen, sich damit zu beruhigen, daß ihr Kind in den Händen des Heilands ist. Lassen Sie's Ihm ganz, ohne für sich ferner nach dem Kinde zu fragen. Es hat den Heiland gewisser, als Lebende; und schon an dem sieht man, was der Lebenden erste Sorge sein soll. Daß aber drüben einmal Mütter und Kinder werden einander finden und haben, wenn wir richtig stehen, zeigt auch obenerwähnte Geschichte an Lazarus, der als ein Abrahamssohn in seines Vaters Schoß kam.
Bücher über Zeit und Ewigkeit gibt es viele, die zum Teil auch gerne gelesen werden. Mir gefallen sie aber nicht recht, weil sie zu viel eigene Gedanken bringen müssen bei der großen Schweigsamkeit der heiligen Schrift. So reden die meisten Bücher mehr träumerisch, als wahr über Tod und Ewigkeit. Bleiben Sie, werte Frau, bei der Schrift; denn was diese ihnen nicht sagt, sagen Ihnen andere Bücher nicht mit Sicherheit. Propheten sind es ja nicht, welche diese geschrieben haben.
28) Von der Flucht.
Frage: "Gilt die Flucht, von der in Matthäus und in der Offenbarung Johannis die Rede ist, auch für die kommenden Christen, oder ist sie nur traditionell?"
Antwort. Gerne beantworte ich diese Frage nach meinem Verstehen, bleibe aber nur bei den Schriftworten, ohne Versuche zu machen, in diese etwas hineinzulegen, was ich nicht darin finde. Auf Gedanken an eine Flucht, welche auf die letzte Zeit den gläubigen Christen bevorstehen soll, führen, so viel mir bekannt ist, nur zwei Stellen. Die erste ist in der Weissagung Jesu enthalten, welche Matthäus (Kap. 24) wiedergibt von der Zerstörung Jerusalems und von Seiner Wiederkunft. In dieser Rede ist stellenweise ausschließlich das Eine oder das Andere berührt; und teilweise kann man, was zunächst nur Jerusalem angeht, vorbildlich auch auf die letzten Zeiten nehmen, da man aber schon vorsichtig sein muß, daß man nicht zu schnell und zu bestimmt etwas festsetze und ausmale, was nicht unmittelbar in den Worten liegt. Ich wenigstens lasse mich nie auf etwas ein, was ich nicht unmittelbar im Worte finde. Bei Matthäus nun heißt es, offenbar mit etwas Neuem gegen das Vorige anfangend, das vom Ende redet, das seinen eigentlichen Anschluß erst v. 29 hat:
v. 15. "Wenn ihr nun sehen werdet den Greuel der Verwüstung, davon gesagt ist durch den Propheten Daniel (9, 26. 27), daß er stehe an der heiligen Stätte (wer das lieset, der merke drauf!) - v. 16. Alsdann fliehe auf die Berge, wer im jüdischen Lande ist. - v. 17. Und wer auf dem Dache ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen. - v. 18. Und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine Kleider zu holen. - v. 19. Wehe aber den Schwangern und Säugern zu der Zeit. - v. 20. Bittet aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat."
Bei Lukas (Kap. 21, 24), welcher dieselbe Rede des Herrn gibt, wie auch Markus (Kap. 13), wird hinzugesetzt:
v. 24. "Und sie werden fallen durch des Schwerts Schärfe, und gefangen geführt unter alle Völker, und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis daß der Heiden Zeit erfüllet wird."
Die Stelle in Matthäus schildert handgreiflich das Gedränge, in welches eine Stadt kommt, gegen welche feindliche Heere zur Belagerung anrücken. Da gibt der Herr den Leuten den Rat, so schnell als möglich, und ohne noch auf etwas zu achten, aus der Stadt zu fliehen, weil es ihnen, wenn einmal eingeschlossen, nicht mehr möglich werden würde, wieder herauszukommen. Nach der Geschichte ists auch so geworden.
Tiefere Bedeutung hat mir diese angeratene Flucht auch deswegen nicht, weil sie keine Flucht ins Weite, oder in eine Wüste sein soll, sondern nur auf die Berge, dahin man auch vom jüdischen Lande fliehen soll. Denn auf den Bergen ist in Judäa Sicherheit vor den Feinden gewesen, weil Letztere sich nur auf die Stadt beschränkten, und dahin, wo nichts zu erobern war, wie auf den kahlen Bergen, nicht leicht kamen, und sonst ein bloßes Erwürgen der Leute außerhalb der Stadt sich nicht zur Aufgabe machten. Wie nun in der Stelle eine Aufforderung an die gläubigen Christen in der Letztzeit liegen soll, durch Flucht vor den antichristlichen Gräueln sich zu schützen und darum in die entlegensten Länder sich zu begeben, wo der Arm des Antichrists sie nicht soll treffen können, kann ich, nach meinem bisherigen Einsehen, nicht verstehen. Auch wenn es bei Matthäus im Anschluß an das Obige heißt:
v. 21. "Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, als nicht gewesen ist, von Anfang der Welt bisher, und als auch nicht werden wird. - v. 22. Und wo diese Tage nicht würden verkürzt, so würde kein Mensch selig (eig. errettet vom Tode); aber um der Auserwählten willen werden die Tage verkürzt."
kann ich nicht glauben, daß damit die Trübsal der Letztzeit geschildert sei. Es sind schon die Worte entgegen: "Und als auch nicht werden wird," mit welchen gesagt ist, daß auch die letzte Trübsal nicht so arg sein werde, als die der Juden zur Zeit der Zerstörung ihrer Stadt, weil ja hinter dieser keinesfalls etwas kommen könnte. Jene Trübsal aber hätte noch gräulicher werden können, wenn sich's in die Länge gezogen hätte, da möglicherweise Niemand im Lande am Leben geblieben wäre. Der Herr aber hat um der Christen willen, welche der Herr die Auserwählten nennt, es nicht wollen so weit kommen lassen, und die Belagerungszeit verkürzt. Eben in jener Zeit hat es auch viele falsche Christus und falsche Propheten gegeben, vor welchen der Herr warnt. Diese mögen schon ein Vorbild der letzten Zeit sein. Aber der Herr bleibt bei dem Thema von der Zerstörung, und schließt dieses erst v. 28 mit den Worten: "Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler," was man auf die Adlerfahnen der römischen Heere bezieht.
So greulich, um hier noch auf etwas Wichtiges hinzuweisen, geht es ganz gewiß, auch in der heißesten Zeit des Antichristentums, nicht zu, als es in Jerusalem während seiner Belagerung und Zerstörung zugegangen ist. Sagt's doch oben im Grunde der Herr selber, daß nach ihr nichts Ähnliches mehr vorkommen werde. Um seines Glaubens willen wird man allerdings hart angefochten sein, und Mancher wird sein Leben seinem Glauben zum Opfer bringen müssen. Aber man muß sich hüten, selbst Angesichts der Stelle in Off. 13, 15-17, da das dort Gesagte unmöglich allgemein werden kann, die letzte Trübsalszeit nicht gar zu schrecklich darzustellen, wie sie sich doch eigentlich kaum denken läßt, da ja zugleich auch der Sieg des Evangeliums, was freilich, mir gegenüber, Vielen in Frage steht, durch die ganze Welt wird offenbar sein. Die Reaction gegen diesen Sieg wird allerdings groß sein; aber so über die Maßen greuelhaft, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt, kann ich sie mir nicht vorstellen. Ich meine, man habe hierin Maß zu halten; und fast ärgerlich ist mir's, wenn man sich denkt, der Herr vermöge nur auch gar nichts gegen menschliche und satanische Kräfte, und lasse es mit Seinen Auserwählten auf's Alleräußerste kommen, bis er endlich mit Allmachtskräften Alles, was Ihm widersteht, niederschmettern wird. So kann ich mir's nicht vorstellen, daß es werde. Der Heiland wird doch Heiland bleiben und den Charakter eines Seligmachers dem Antichristen nicht zum Opfer bringen. Ich möchte wünschen, man käme von der panischen Furcht, die man vor der letzten Trübsal hat, doch ein wenig zurück. Eine Gnadenzeit geht ihr voraus; und die wird doch auch ihre Früchte tragen. Aber freilich, wer glaubt das? Man sieht lieber auf Schrecken und Verdammnis, als auf Erlösung hin. So viel ist gewiß, ich werde mich nicht einmal als der Letzte an die Fliehenden anschließen.
Die zweite Stelle, welche für die Flucht sprechen soll, ist in der Offenbarung Johannis im 13. Kapitel. Dort ist vom Weib, mit der Sonne bekleidet, die Rede, das unter Nachstellungen des Drachen einen Sohn gebar, der, nachdem er das Seine ausgerichtet, wie man (v. 4 u. 5) hereindenken muß, entrückt wurde zu Gott und seinem Stuhl. Das Weib stellt offenbar das Volk Gottes, Israel, vorzüglich die Gläubigen desselben, vor, aus deren Schoß Christus kam. Nach der Entrückung des Sohnes heißt es dann:
v. 6. "Und das Weib entflohe in die Wüste, da sie hatte einen Ort, bereitet von Gott, daß sie daselbst ernähret würde 1260 Tage."
In dieser Zeit erhub sich ein Kampf im Himmel wider den Verkläger; und die Gläubigen überwanden ihn durch des Lammes Blut, worauf der Drache nur um so heftiger das Weib, die Gemeinde Gottes auf Erden, zu verfolgen anfing, weil er auf die Erde geworfen war. Dann heißt es wieder:
v. 14. "Und es wurden dem Weibe zween Flügel gegeben, wie eines großen Adlers, daß sie in die Wüste flöge, an ihren Ort, da sie ernähret würde eine Zeit und zwo Zeiten und eine halbe Zeit" (zusammen wieder 1260 Tage) "vor dem Angesicht der Schlange."
Hier ist nicht mehr von einer Flucht, sondern von einem Fliegen in die Wüste an ihren Ort von Seiten des Weibes die Rede, offenbar an den Ort hin, der ihr bereitet war nach v. 6 innerhalb der Wüste. Auch hier bleibt das Weib nicht unangetastet von der Schlange; denn diese schoß nach ihr, daß sie sie ersäufete. Aber es ward ihr geholfen; und der Drache begann ein Neues.
Fragen wir nun, von wo das Weib zuerst entfloh, so können wir nur an das gelobte Land denken, wo bisher der Sitz des Volkes Gottes war. Jetzt muß sie in die Wüste entfliehen, d. h. in die Heidenwelt, welche, gegenüber vom heiligen Lande, als eine Wüste gilt. Der Sitz des Volkes Gottes wird also fortan der Boden des bisherigen Heidenlandes sein, weil es in der Heimat nicht mehr fortkam. Das Weib bekam einen besonderen Ort in dieser Wüste, wo sie beschützt, gepflegt und genährt werden sollte von oben. Ob v. 14 nicht im Grunde das Nemliche sagt, wie v. 6, läßt sich fragen; denn auffallend ist, daß die Zeitdauer gleich angegeben ist.
Eine nähere Auslegung möchten da jetzt vielleicht Viele von mir erwarten. Aber ich werde nie Auslegungen geben, die nicht direkt im Worte liegen, und scheue mich, schon den unzähligen anderen Auslegungen gegenüber, etwas Bestimmtes von mir aus zu sagen, als ob ich Offenbarungen darüber hätte, wie Andere je und je sich den Schein geben. So viel aber möchte durch das Gesagte klar sein, daß die Vorstellung von einer Flucht in der Letztzeit auch in der zweiten Stelle keine Unterstützung findet. Nicht einmal eine Andeutung kann ich darin erkennen. Sie ist eine nun einmal herkömmliche Vorstellung, die sich in den Gemütern festgesetzt hat, ohne daß man sich Rechenschaft darüber geben kann. Insofern nenne ich allerdings die ganze Vorstellung eine traditionelle, d. h. durch Sage außer der Schrift oder durch unrichtige Erklärung der Schrift von Mund zu Mund gegangene. Für biblisch kann ich sie nicht halten, wenn man mir nichts Anderes entgegenzuhalten weiß.
29) Zur Heiligung.
Frage (aus der Ferne): "In allen Ihren Schriften und namentlich auch neuerlich in den Auslegungen über die Bergpredigt, dringen Sie mit allem Ernst auf die Heiligung des Lebens bei denjenigen, die Jünger des Herrn sein wollen; und das erweckte Gewissen sagt Ja und Amen zu solcher Forderung. Allein der Kampf, in dem ich seit meiner Erweckung stehe, hat mich auf das Äußerste entmutigt und mich die beschämende Erfahrung machen lassen, daß es mit der Erneuerung nur äußerst langsam geht, so daß für draußen stehende der christliche Character schwerlich erkennbar sein dürfte. Sollten jene Gebote der Heiligung hauptsächlich deshalb vom Herrn und Seinen Aposteln gegeben sein, um das Bußgefühl zu schärfen, damit der Mensch, sich mehr und mehr als Sünder erkennend, den Heiland der Sünder um so inniger erfasse? Ist die Heiligung nichts Anderes, als die täglich erneuerte Rechtfertigung? Oder bestätigen ihre seelsorgerlichen Erfahrungen die Möglichkeit der Heiligung in der Weise, daß die Züge des christlichen Characters sich so bilden, daß der Wandel auch ohne Wort predige? Ich würde Ihnen für eine Beantwortung meiner Frage in den Blättern von ganzem Herzen dankbar sein."
Antwort: Vorerst lassen Sie mich Ihnen eine Beruhigung geben, wenn Sie durch meine Schriften, namentlich durch die Auslegungen der Bergpredigt, zu einer Heiligung des Lebens sich gedrängt fühlen, die Sie als Jüngerin des Herrn haben sollten. Der Herr selbst hat es in Seiner Rede nicht so gemeint, daß Er von Seinen Jüngern in erster Linie die Heiligung als Gesetzesvorschrift fordert, damit sie in zweiter Linie zum Wohlgefallen des Herrn kämen. Ich habe das zu erklären versucht in §. 23 (Nr. 16, S. 123 vom J. 1873). Die ganze Bergpredigt, die dem Jünger so viel sagt, wie er sein muß, sollte nicht den gesetzlichen Character haben, mit dem drohenden Beisatze, wie ihn das Gesetz von Sinai hatte. Nicht das Gesetz, sondern die Gnade ist das Erste im Neuen Bunde. Gnade bietet Jesus an, Gnade und Erlösung den Mühseligen und Beladenen. Sünder erquicken mit der Gewißheit, daß sie einen Heiland haben, der sie aus aller Sündennot herausreißt, will zuerst der Heiland. Daher sein liebevolles Anreden: "Selig sind, die geistlich arm sind." Vom Sünder will Er hienach nicht zuerst die Heiligung, damit sie Gnade bekämen; sondern Er bietet Seligkeit an, damit sie heilig würden, da denn die Schwachheiten bei redlichem Ernste nicht mehr so viel ausmachen können.
Sonst verlangt der Herr nur das Gefühl der Armut, des Nichtsseins und Nichtshabens vor Gott, wie es bei dem, was sonst der Glaube heißt, ist. Zur Verstärkung dieses Gefühls kann allerdings die Bergpredigt dienen. Denn bei jedem Punkte, den diese berührt, empfindet der Mensch, daß er, wenn's so gehalten werden soll, nichts sei. Aber mit dem Gefühl des Nichtsseins soll man dem Heiland nicht ferne, sondern nahe kommen. Ich darf bei Ihm nicht denken: "Weil ich nicht so bin, wie Er sagt, stehe ich Ihm noch ferne"; sondern ich muß denken: "Weil ich nicht so bin, so brauche ich Ihn, und freue ich mich, Ihm zueilen und Seine Gnade, Versöhnung und Vergebung ergreifen zu dürfen, als ein Mensch, der vor Gott rein nichts hat, um gerecht erfunden zu werden." Je schwerer also Ihnen, liebes Fräulein, der Kampf scheint, desto freudiger sollten Sie werden, daß Sie einen Heiland haben, der Sie nicht läßt. Da braucht es schon nicht so viel Kampf, wenigstens nicht in der Art, wie es Viele nehmen. Wer sich durch Schwachheiten inmitten des Kampfes ängstlich machen läßt, ob auch der Heiland noch etwas von ihm wollen könne, denkt ganz verkehrt, ganz unevangelisch. Denn lieb und wert ist Ihm Jeder, der nur merkt, daß er nichts sei, was ja nur beim ernsten Jünger sein kann; und je tiefer er's fühlt, in der Demut, desto lieber ist er Ihm, wenn er sich dennoch weder Vertrauen zu Ihm, noch den Ernst zum Rechten nehmen läßt.
Man muß daher nicht so viel Kampf haben, muß kindlicher sein, und bezüglich seines Verhaltens nicht so ängstlich tun. Denn das Nämliche, das zur Gnade führt, das Gefühl der Armut und des Nichtsseins, führt auch ganz von selbst zum rechten Verhalten, ohne Sorge und Kampf; und es braucht nur zum Bewußtsein zu kommen, wie's eigentlich vor Gott recht sei, um alsbald auch so zu werden, je länger, je mehr. Der Geist aus Gott, der mit der Gnade kommt, und immer völliger in die Kinder Gottes eingeht, macht's Alles leicht; und so freut sich der Jünger Jesu, aus Seinem Munde das Rechte zu hören, ohne im Mindesten sich ängstlich machen zu lassen, weil ja sonst Natur und Gewohnheit viel verdeckt. Es tut ihm wohl, es nur zu wissen. Denn was hindert ihn, wenn er für sich nichts sein will, gleich in Allem das Bessere anzufangen und zu werden? Leben Sie sich also, liebes Fräulein, nur recht in die Gnade hinein. Halten Sie sich als Eine, die nichts hat und nichts ist, an Jesum, der Sie mit Seinem Blute erkauft hat, und lernen Sie daneben von Ihm, wie Er dort sagt: "Nehmet auf euch mein Joch" (das Joch eures Nichtsseins und meiner Gnade), "und lernet von mir." So macht sich Alles unter lauter Freude, daß man einen Heiland hat, dessen man gewiß ist, auch unter Schwachheiten und Torheiten, in Zeit und Ewigkeit. Die täglich erneuerte Rechtfertigung aber, von der Sie reden, kommt allein mit dem täglich erneuerten Gefühl des Nichtsseins.
Sie meinen ferner, wertes Fräulein, nach außen sei Ihr christlicher Character noch schwer erkennbar. Sie möchten namentlich seit Ihrer Erweckung jetzt vor den Leuten ein Anderes sein. Da sage ich Ihnen noch, daß man das Anderssein nicht so handgreiflich von sich aus nach eigenem Gefühle erwarten darf; denn sonst wird's unkindlich, erzwungen, fast pharisäisch und Andern eher widerlich. Schon vorher Sind sie nach außen nicht gerade ärgerlicher und anstößiger gewesen, als eben Andere es auch sind, so daß Sie nur fortmachen dürfen, und haben nur etwaiges Anstößiges und ärgerliches, wie es Alle haben, mit Eigenliebe, Eigensinn, Widerspruchsgeist, Selbstsucht, Empfindlichkeit, Neid und sonst ungeschmacktem Wesen immer mehr fallen zu lassen, was Sie als Eine, die in dem Gefühl der eigenen Armut steht, gerne lassen können. Die Leute werden dann nicht gleich sagen: "Ei, wie ist doch die anders geworden!" So auffällig macht sich das nicht. Aber Sie selbst können doch bald merken, daß die Leute lieber mit Ihnen umgehen, gerne um Sie sind, etwas Wohl tuendes fühlen, das von Ihnen aus auf sie übergeht, ohne besondere Intention von Ihnen aus. Viel auch darüber zu denken, brauchen Sie nicht, wenn's nur den Leuten recht ist; und Alle, die nicht gerade widrig gegen Göttliches gestimmt sind, fühlen's, ohne sich Gedanken darüber in Beziehung auf Sie zu machen, aus dem Jetzt gegen Vorher. So machen Sie schlicht fort. Vermittelst Ihres Gefühls des eigenen Nichtssein sind Sie ein Licht, wo Sie hinkommen, während Leute, die etwas von sich fühlen, lauter Finsternis vor sich her tragen. Sie scheinen mit Jenem, ohne es zu wollen und ohne Worte zu machen. Sie scheinen und leuchten und können das so wenig verhindern, als Sie machen können, daß ein Licht nicht scheine, wenn es einmal brennt. Vertrauen Sie dem stillen Lichte, das Sie haben, daß es erleuchtet Alle, mit denen Sie umgehen; und immer heller brennt's nur mit dem Einen, daß Sie immer mehr von sich denken: "Ich bin nichts, mein Heiland ist's allein." Das brennt alles andere Ungeeignete von Ihnen weg, daß Sie namentlich in keiner Weise, auch mit Ihrem Frommsein, sich über Andere stellen. Ein Weiteres, das es mit den Andern etwa werden soll, überlassen Sie dem Herrn und Seinem Geist, dem Sie eine stille Handhabe geben für Andere durch Ihre bloße Gegenwart vor denselben, sie auch allmählich sich näher zu bringen. Dabei denken Sie mit mir an eine kommende Heilszeit, in der Alles leichter wird, was jetzt noch durch die Übermacht der Finsternis, die allerwärts zu fühlen ist, sehr erschwert ist. Der Herr gebe Ihnen viel Gnade und Hilfe, auch Freudigkeit mitten unter der Schwachheit!
30) Kains Weib und Stadt.
Frage: "In der heil. Schrift lesen wir, daß Adam und Eva das erste Menschenpaar gewesen, Eva den Kain und sodann den Abel geboren, Kain den Abel erschlagen habe, und darauf in ein anderes Land gegangen sei, wo er sein Weib erkannte und eine Stadt baute. Woher kam dieses Weib? Wie ist es überhaupt nach Vorstehendem möglich, daß Kain ein Weib nahm, da doch die ersten und einzigen Menschen, seine Eltern, außer ihm damals nur den einen von ihm erschlagenen Sohn gehabt? Wozu sollte ferner Kain "eine Stadt" gebaut haben, wenn in jener Gegend nur er, sein Weib und sein erster Sohn Hanoch wohnte? Diese drei Personen hatten wohl auch in Einem Zelte Platz gefunden."
"Vorstehende Fragen und Einwände wurden von einem Ihnen bekannten Gliede einer Ihnen nahe befreundeten Familie zur Beschönigung von Zweifeln und Verteidigung von Unglauben gemacht, und würde man Ihnen sehr dankbar sein, in Ihrem Blatte eine kurze Erwiderung zu lesen."
"Von weiteren bei derselben Gelegenheit zur Sprache gekommenen angeblichen Widersprüchen mag noch aus dem Neuen Testament das Wort aus der Bergpredigt Erwähnung finden: "Selig sind, die reines Herzens sind," gegenüber dem Worte: "Wir sind allzumal Sünder," wobei doch kaum "reine Herzen" vorausgesetzt werden können."
Die Einwendungen gegen die Schrift, welche obige Frage berührt, sind gar gewöhnliche, werden aber doch mehr nur in gemeinen Kreisen und von ungebildeten Leuten, die aber klug sein wollen, vernommen. Wer ein wenig nachdenkt, stößt sich an alle dem nicht, was solche Leute als feinen Witz meinen erfunden zu haben. Denn er sieht, daß die Geschichte Kains und Abels als eine wertvolle und tief geistreiche sich hören läßt, daß also der Verfasser nicht so auf den Kopf gefallen sein kann, daß er so arge Widersprüche in Einem Kapitel bringen sollte, ohne sie selbst zu merken. So dumm war sicher der Verfasser nicht. Es gehört aber viel dazu, mit ungeschlagenem Gewissen so zu reden und sich breit zu machen, wie's jener Freund getan zu haben scheint.
Mose will auf's Kürzeste erzählen, und darum alles Selbstverständliche weglassen, voraussetzend, jeder Leser komme schon zurecht, ohne Alles kindisch schulgerecht geschrieben zu finden. So redet er nur von der Erzeugung Kains und Abels, ohne gleich hinzuzusetzen, daß hinter diesen drein noch andere Kinder gefolgt seien, nachdem doch einmal (1 Mos. 3, 20) Eva "die Mutter aller Lebendigen" genannt worden war. Wie viele Kinder, auch Enkel, mögen erzeugt gewesen sein, bis Adam 130 Jahre alt wurde (5, 3). Oder soll das Wort dort (5, 4): "Und zeugete Söhne und Töchter," erst auf die Zeit gehen nach Seth's, des Ersatzes für Abel, Geburt? Wie undenkbar, daß mit einem Male Adam wieder kinderlos nach 130 Jahren soll da gestanden sein? Weil allerdings Moses nur Seth weiter mit Namen nennt, sagt er von diesem, als wäre er jetzt wieder der Erste, was von den andern Allen, die nicht genannt sind, galt, daß "er ein Sohn gewesen sei, seinem Bilde ähnlich." Daß aber die ersten Eltern frühzeitig Kinder erzeugt haben, liegt zwischen den Zeilen auch in dem Wort (5, 2), da es heißt: "Und schuf sie ein Männlein und ein Fräulein, und segnete sie." Dieser Segen aber bezog sich offenbar zunächst auf die Fruchtbarkeit, wie es auch bei der Schöpfung heißt (1, 28): "Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch." Wie schief wäre es doch da gegangen, wenn die ersten Eltern den Segen verschmäht, und 130 Jahre lang nach Kains und Abels Geburt gewartet hätten, weitere Kinder zu erzeugen, oder wenn erst die durch den Brudermord wieder entstandene Kinderlosigkeit die Eltern zur Besinnung gebracht hätte, daß sie nicht allein bleiben dürften? Es läuft also für einen halbwegs aufmerksamen Leser Alles recht, daß es ihn nicht frappieren kann, daß Kain ein Weib mit in die Fremde nimmt. Man kann sich's gar nicht anders denken, als daß schon viele Söhne und Töchter, selbst Enkel, werden auf der Welt gewesen sein, von Adam und Eva abstammend, welche, groß geworden, einander heirateten, bis mit der Vermehrung des Menschengeschlechts die Sitte, Geschwister zu heiraten, abkam. Daß aber keusche Zucht in den Geschwisterehen Statt fand, ist daraus zu ersehen, daß selbst Kains Stamm erst im 6. Geschlecht anfing, mitunter zwei Weiber zu nehmen.
Man bedenke doch, daß Mose keine Menschengeschichte schreiben will, sondern es ihm nur um ein Paar Geschichten zu tun ist, die er erzählen will, ohne auf das Übrige alles, das sich von selbst verstand, zu achten. Alles ging seinen Weg natürlich fort; und warum soll Mose darüber Worte machen? Daß es bald sehr lebhaft um die Eltern herging, liegt auch in dem, daß Kain einen Bluträcher fürchtete, und sagt (4, 14): "So wird mir's gehen, daß mich todtschlage, wer mich findet," so nämlich, denkt er, früher oder später. Das setzt einen lebhaften Menschenkreis voraus, der schon zur Zeit der Ermordung Abels bestand, auch daß Abel schon verheiratet war und groß gewachsene Kinder hatte, an die ein Racheeifer wider Kain kommen konnte. Warum aber braucht das Mose so haarscharf zu sagen, da es das Natürlichste von der Welt ist, also von jedem Leser leicht hereingedacht werden kann?
Wenn Kain in der Fremde eine Stadt bauete, so geht daraus hervor, daß Kain schon Kinder, selbst Enkel, muß in die Fremde mitgenommen haben, so daß es eine rechte Auszugskarawane geworden ist. Warum denn das nicht lieber in dem Wort "Stadt" erkennen, als Kain einsam gestellt und Mose einen dummen Erzähler zu nennen? Der in der Fremde erst erzeugte Sohn Hanoch war freilich dem Kain als ein ihm doch noch verbliebener Segen von Gott besonders wert; und dieser Hanoch wird um so mehr allein genannt, weil man die nach seinem Namen genannte Stadt kannte. Daß Kain aber sogleich eine Stadt gebaut habe, steht nicht im Texte. Zuerst mögen's allerdings nur etliche Hütten gewesen sein. Diese vermehrten sich allmählich, bis das Bedürfnis, festere Wohnungen zu haben, entstand; und wie Kains Geschlecht überhaupt als ein erfinderisches geschildert wird, so wird ihm auch nachgesagt, daß es die erste Stadt gebauet habe, obwohl in seinem 7. Geschlechte unter Jabal die Sitte teilweise wieder aufkam, in Hütten zu wohnen und Vieh zu ziehen. Das Alles ist doch leicht aus dem Texte erkennbar; und man bedenke, wie viele unnötige Worte Mose hätte brauchen müssen, um Alles schulgerecht zu erzählen, damit ja Klüglinge im 19. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Alles richtig befänden. Aber schön ist es nicht, mit solchem leichten Geiste, - ich kann's nicht anders nennen, - die Bibel zu lesen.
Bei dem zweiten Einwurf, dessen der Brief erwähnt, wird gar dem Herrn Jesu selbst etwas Unrechtes aufgebürdet. Er sagt nämlich in Seiner Bergpredigt: "Selig sind, die reines Herzens sind." Das ist doch, meint man, ein Widerspruch zu dem andern Wort des Apostels: "Sie sind allzumal Sünder." Begreiflich hat da der Apostel vor dem Heiland recht; denn wer wird, was er sagt, bestreiten können? Indessen, um kurz zu sein, ist reines Herzens sein und kein Sünder sein zweierlei. Jenes ist von Jüngern Jesu gesagt, die nichts Anderes, als Gott, in ihren Herzen gelten, namentlich den Leidenschaften des Geizes, der Wollust und des Hochmuts kein Recht mehr lassen wollen. So gestellt kann ein Mensch schon werden, wenn Jesu Wort und Geist an ihn kommt. Sündenfrei ist er aber freilich dann noch nicht. Er war's nicht vorher, ehe er so wurde, und ist's auch fernerhin nicht, weil der Mensch unter der natürlichen Verdorbenheit und unter dem Kampf mit Welt und Finsternis unmöglich von Allem, selbst von dem, was er hasset, ganz frei bleiben kann. Der Herr sieht ihn aber doch als reines Herzens an, weils der Mensch so will und immer wieder, auch nach Fehltritten, so werden läßt. Wer sollte das nicht verstehen, ohne an einen Widerspruch zu denken? Viele wollen aber auch nicht reines Herzens sein; und so ist ihnen das andere Wort willkommen. Trösten sich doch Viele mit dem Wort Jakobi (3, 2): "Wir fehlen Alle mannigfaltiglich." (Siehe auch I. §. 14).
31) Die Wunder.
Frage: "1) Ist es schriftgemäß, daß Wunder nur in neuen Offenbarungsepochen auftreten, in den Entwicklungsperioden der gegebenen Offenbarungen dagegen zurücktreten oder ganz aufhören? - Oder, wenn sie auch jetzt noch geschehen: 2) Ist es nur dem herrschenden Unglauben und Kleinglauben, oder welchen Umständen sonst zuzuschreiben, daß Wunder nur noch in engeren Kreisen vorkommen, dagegen nicht, wie in der apostolischen Zeit, vor aller Welt Augen? - Die zweite Frage kann etwa auch so formuliert werden: Würden wir, wenn wir mehr und zuversichtlicher glaubten, zur Stärkung unsres Glaubens gewürdigt werden, mehr zu sehen nach Joh. 11, 40? - Um die Beantwortung dieser Fragen in Ihrem Blatte bitten einige Studenten."
Antwort. Daß man Fragen dieser Art an mich richtet, begreife ich wohl. Aber verlegen bin ich doch immer, weil die Fragenden voraussetzen, ich systematisiere viel an den Erfahrungen, die ich mache, und die ich hier jetzt nicht gerade ignorieren will, zumal obige Fragesteller im Weiteren ihres Briefes an mich dieselben nicht unberührt lassen. Auch meinen Viele, ich denke so viel an den Wundern herum, um eine umfassende und in's Ungewöhnliche gehende Anschauung über sie zu gewinnen, und mir nach allen Seiten eigentümliche Begriffe, Gedanken und Grundsätze zu bilden, wobei Manche auch an Übertriebenheiten denken, zu welchen ich Neigung habe. Wer mich aber näher kennt, wird mir bezeugen müssen, daß ich nicht der Mann bin, der nur immer an den Wundern ist, und außer von diesen kaum etwas Anderes zu reden vermag. Man mag es von mir glauben oder nicht, so fühle ich mich immer in einer biblischen Nüchternheit bezüglich alles Wunderbaren, obwohl ich diesem mehr, aber gewiß der Schrift gebührende Aufmerksamkeit schenke, als ich zu meiner Verwunderung finde, daß es Viele, selbst entschiedene Bibelgläubige, tun.
Es ist mir Bedürfnis, noch Einiges weiter zu sagen. Vor nichts fürchte ich mich mehr, als in eine separate Stellung oder in einen Gegensatz mit der Mitwelt zu kommen, für die ich ein weites, ein sehr weites Herz habe. Ich kann mich daher in dem, was man bei mir Besonderes findet, nie anders als in der Gemeinschaft mit der gläubigen Welt denk?n, namentlich bezüglich dessen, daß ich von allen Seiten um eine Fürbitte angesprochen werde, die auch, warum soll ich's nicht sagen? vielfältig wirkt. Sind sie nicht Eins mit mir, so tröste ich mich dessen, daß sie es wären, wenn sie ähnliche Erfahrungen gemacht hätten, und daß sie es doch wenigstens an mir tragen. Ich bin daher gewohnt gewesen, überall unbefangen zu verkehren, als wäre Obiges und Anderes Allen selbstverständlich, keinenfalls etwas Neues oder Ungeeignetes, zumal ich ganz ferne davon bin, Leidende zu mir herzuziehen. In der Einfalt, ohne einen Plan, ohne eine Berechnung, auch ohne Meditation hinter dem Pulte auf besondere Gedanken hin, bin ich immer meine Wege gegangen und in das hereingekommen oder eigentlich hereingeschoben worden, was ich erlebte. So weiß ich eigentlich auch über obige Fragen kaum mehr zu sagen, als andere Leute. Nur unter Gesprächen und unter Erklärungen, die man mir abnötigte und die ich dabei immer erst finden mußte, bin ich nach und nach zu klarer Einsicht oder Anschauung gekommen. So geht mir's jetzt auch mit obigen Fragen. Um auf sie zu antworten, muß ich mich erst besinnen, weil ich voraus es noch nicht in mir habe. Mir selbst Neues werde ich wohl jetzt Manches sagen müssen; und insofern bin ich den Fragestellern auch dankbar, die aber dann auch mit Nachsicht, was ich schreibe, aufnehmen möchten.
Besehe ich nun die erste Frage, so muß ich sagen, daß der darin ausgesprochene Hauptsatz, daß "Wunder nur in neuen Offenbarungsepochen auftreten," immerhin mit Maß verstanden, mir gefällt und mich belehrt. So etwa wird es sein, muß ich mir sagen. Auch das Weitere vom Zurücktreten oder Aufhören der Wunder hat einige Berechtigung, obwohl das nähere Besprechung erfordern mag. Wenn gefragt wird, ob es schriftgemäß sei, so kann man wohl keine Stelle auffinden, die den Hauptsatz förmlich ausspräche; aber schriftgemäß ist dieser wenigstens in dem Sinn, daß man's der Tat nach in der Schrift so findet, doch mehr nur bezüglich der Offenbarung durch Mose, worüber aber näher zu reden wäre. Neue Offenbarungsepochen, - so viel ist klar nach der Schrift, - sind auch Wunderzeiten, oder Zeiten, in welchen große und Allen auffallende Wunder geschehen, mit welchen Gott nicht bloß redend, sondern auch handelnd sich kundgibt. Beides mußte in solchen Zeiten bei einander sein. Denn wie kann man Offenbarungen, die Gott gibt, mit Vertrauen hinnehmen, wenn man nicht auch zugleich Gottes Hand zu sehen bekommt? Worte kann Jeder ersinnen und für göttlich ausgeben; aber Wunder, wenn sie handgreiflich durch ihre Art schon als Gottes Werke erscheinen, geben Zeugnis von der Göttlichkeit der Worte, weswegen auch der Heiland sagt: "Wenn ihr meinen Worten nicht glaubet, so glaubet mir doch um meiner Werke willen; denn die zeugen von mir." So konnte auch das Volk Israel einem Mose, der ihnen Befreiung und Auszug aus Ägypten versprach, als von Gott ihm zugesichert, unmöglich vollen und zuversichtlichen Glauben schenken, wenn ihnen Gott nicht gleichsam sichtbar wurde durch Zeichen, die er gab (2 Mos. 4, 1 ff. 30. 31). Den Propheten der neuen Epochen offenbart sich Gott durch Wort, denen, welchen die Propheten glauben sollen, durch Taten Gottes, welche die Propheten verrichten. Die Offenbarungen geschehen also doppelt, teils an die Propheten, teils an das Volk selbst. Auch der Herr Jesus sagt zu jenem Obersten: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht," Worte, die man sonderbarer Weise gewöhnlich dahin mißversteht, als wollte der Herr damit dem Obersten einen Vorwurf machen, daß er an Ihn nicht auch ohne Wunder glaube. Man geht weiter, und läßt den Heiland selbst mit jenen Worten Seine Wunder herabsetzen. Der Herr aber will offenbar zu dem Obersten sagen, Gott lasse ein Wunder ihn sehen, damit er zum Glauben an Jesum, der von Gott gekommen und gesandt sei zum Heil der Welt, gelangen möchte. Es wird also gerade mit jenen Worten den Wundern eine große Bedeutung gegeben, da ohne sie das Große, das zu glauben ist, nicht geglaubt werden könnte. Aber ein Wink sollte es zugleich für den Obersten sein, weil Mancher wohl Wunder sieht und erfährt, aber doch nicht glaubt. Auch die Jünger Jesu hatten wohl voraus etwas Glauben, als sie Jesum sahen und hörten (Joh. 1, 41, 49 ff.); aber erst als der Herr das große Wunder zu Kana getan und damit Seine Herrlichkeit geoffenbart hatte, heißt es (Joh. 2, 11): "Und Seine Jünger glaubten an Ihn." Grundlegende Offenbarungen also lassen sich gar nicht denken ohne Wunder. Denn Gott muß für Seine Offenbarungen mit Seiner Person, Seiner Allmacht, einstehen. (Forts. folgt.)
32) Die Wunder.
(Zweiter Abschnitt.)
Offenbarungsepochen, um von diesen nun zu reden, hat es im Grunde nur zwei gegeben, die durch Mose und die durch Christum. Man kann freilich sagen, die erste, ja grundlegende Offenbarung sei dem Abraham geschehen. Doch war es bei dieser nicht so, daß Abraham gleichzeitig von seinen Zeitgenossen Anerkennung und Glauben an seine Offenbarungen zu fordern gehabt hätte, weswegen seine Zeit keine Epoche genannt werden kann. Wenn er predigte, so predigte er als ein Prophet, und was ihm Gott gesagt hatte; aber was er außer seinem Familienkreis zu predigen hatte, waren nur geläuterte Religionsbegriffe, zu welchen jeder Mensch den Grund in sich fand. Ein Abraham brauchte nur in Andern, was in ihnen schlief oder vergraben war, wieder zu wecken. Denn "er predigte von dem Namen des Herrn" (1 Mos. 12, 8.; 13, 4), "von dem Namen des Herrn, des ewigen Gottes" (21, 33). Sein Glaubensbekenntnis lag in dem Namen, den er Gott gab, wenn er ihn hieß (14, 22): "Den Herrn, den höchsten Gott, der Himmel und Erde besitzet"; und damit stimmte er mit dem Könige Melchisedek überein, der zugleich ein Priester Gottes, des Höchsten, war" (14, 18. 19) was im Grunde Abraham auch war, wenn es von ihm heißt, daß er Altäre gebaut habe. Sonst sagt wohl auch Gott von Abraham (26, 5): "Er hat gehalten meine Rechte, meine Gebote, meine Weise und mein Gesetz", was anzeigt, daß Abraham eine umfassende Offenbarung erhielt, die der mosaischen ähnlich war zur Haltung verschiedener Gebräuche, wie der Beschneidung und des Sabbats (vergl. 2 Mos. 16, 22 ff). Aber diese Offenbarung betraf nur seine Familie, die noch in den ersten Anfängen war, und hatte den Charakter von Regeln und Sitten, die in der Familie und dem Stamm einheimisch bleiben sollten, wie Hausväter auch sonst je und je Gesetzgeber für ihre Familie wurden. Epoche machend können Einrichtungen, die in einer beginnenden Familie gemacht werden, nicht heißen.
Erwägen wir das, so bedurfte Abraham keiner Legitimation vor seinen Zeitgenossen, weil Alles, was er diesen war und sein sollte, Jeder selbst begriff, der nur in sein eigen Herz und Gewissen ging, und somit Abraham nicht als legitimierter Gottesmann da zu stehen nötig hatte. So waren also eigentliche Wunder in der Patriarchenzeit nicht Bedürfnis; und was die Patriarchen Besonderes erfuhren, galt nur ihnen persönlich, wie Gotteserscheinungen, auch Engelerscheinungen, Bewahrungen durch Engel, besondere Leitungen und Führungen von Seiten Gottes. Daher kamen unbegreifliche, übernatürliche Wunder, die den lebendigen Gott in weiterem Kreise vergegenwärtigen sollten, um den Offenbarungen ein göttliches Ansehen zu geben, kaum in der Patriarchenzeit vor. Sonst aber hatten die Patriarchen nur für sich zu glauben, was Gott ihnen sagte, und mußten mit geringen und unscheinbaren Zeichen zufrieden sein. So wurde einmal dem Abraham nur der Sternenhimmel gezeigt, um an ihm die Größe seiner Nachkommenschaft zu sehen (1 Mos. 15, 5). Daß er da glaubte, wurde ihm ja zu besonderer Gerechtigkeit gerechnet. So ging's durch die ganze Geschichte der Patriarchen hindurch; und Wunder, wie sie später vorkommen, werden uns keine erzählt.
Anders war's, als Mose kam. Dieser sollte ein ganzes Volk für sich gewinnen, sollte auch die Ägypter überzeugen, daß Gott mit ihm rede, um sie, wenn möglich, willfährig gegen seine Forderungen zu machen. Da mußten Wunder geschehen, welche die persönliche Kundgebung Gottes oder Sein persönliches Interesse für das Volk zu erkennen geben sollten, und zwar so, daß die Wunder Allen in Sicht kamen. Ohne auffallende Wunder hätte Mose unmöglich das große Werk des Auszugs aus Ägypten ausführen können. So wurde denn auch die Zeit Mosis, als eine Offenbarungsepoche, eine große Wunderzeit. Weil aber die Wunder auf ein ganzes Volk zumal wirken sollten, so geschahen keine Wunder an einzelnen Personen, sondern nur Wunder im Großen, welche zugleich von dem allmächtigen Gott Eindruck machen sollten, wie die Strafwunder in Ägypten waren, ferner der Durchgang durchs rote Meer, wiederum das Manna vom Himmel, das Wasser vom Felsen, und dann auch der Übergang über den Jordan, und die Eroberung des Landes mit der Zerstörung Jericho's und dem Stillstand der Sonne und des Monds. Nur Wunder, die das ganze Volk angingen, tat Gott; und das war in sofern wichtig, als dem ganzen Volk ein Eindruck davon für alle Zukunft bleiben sollte. Wunder, wie sie Jesus tat, konnten einen ähnlichen Eindruck nicht auf das Volk machen, denselben in ihm auch nicht auf ewige Zeiten zurücklassen, während die Wunder unter Moses selbst den Nachbarvölkern bis in die späteste Zeit im Gedächtnis verblieben. Auch später setzte sich das Wunder mit der Wolken- und Feuersäule, gleichsam als Beweis für die früheren Wunder, lange fort; und wenn dieses je und je, weil es weniger geschätzt wurde, aufhörte, so erneuerte sich's doch wieder unter Salomo und noch etliche Male. Damit sollte das Volk fort und fort seinen Wundergott persönlich vor sich haben. Es kam nämlich Alles darauf an, ein ganzes Volk beim festen Glauben an den lebendigen Gott zu erhalten, und nicht etwa nur Einzelne völlig zu Gott zu bekehren. Das ganze Volk mußte etwas haben und sehen oder glauben, damit es ein Gottesvolk würde, weil nur auf dem Bestand eines Gottesvolkes die spätere Offenbarung durch Christum ruhen konnte.
Die zweite Offenbarungsepoche ist mit Christus eingetreten. Auf Christum war auch die erste Offenbarung vorbereitend. Denn wenn durch Christum die Erlösung kommen sollte, so war es notwendig, daß durch eine vorausgehende Offenbarung das Gewissen der Menschen geschärft, die Erlösungsbedürftigkeit überhaupt geweckt wurde. Nur so konnte Christus nach Seiner wahren Bedeutung erfaßt werden. Deswegen brachte die neue Offenbarung, d. h. die neue Kundgebung Gottes, nicht sowohl neue Lehren und Unterweisungen, als eine tatsächliche Hilfe für den Menschen, der wieder in die Gemeinschaft mit Gott kommen sollte. Der Mensch galt, als unter die Sünde und die Knechtschaft der Finsternis verkauft, für verloren. Sich selbst konnte er nicht aus den Schlingen der Sünde und Finsternis herausreißen, weil er bei seiner natürlichen Verdorbenheit und Ohnmacht nicht im Stande war, auch das Gesetz zu halten, also stets der Verworfene blieb vor Gott, wenn nicht fremde Hilfe ihm entgegenkam. Diese Hilfe kam mit Christus, der eben die Offenbarung der Hilfe und des Heils vorstellte. In Ihm und durch Ihn offenbarte sich Gott; oder eigentlich Gott selbst kam durch Ihn, sofern Er das ewige Wort bei Gott, ja Gott, war, und Fleisch wurde, als Menschensohn die ganze Menschheit an Seine Person herzuziehen, und durch sich für die Aufnahme bei Gott tüchtig zu machen. Da wurden denn ganz neue Dinge verkündigt, die in keines Menschen Herz vorher kommen konnten, die also auch kein Mensch ohne Weiteres annehmen konnte, wenn sie ihm nicht durch ein sichtbar werdendes Hervortreten Gottes selbst gewiß wurden. Verkündigt wurde, daß Jesus Gottes Sohn sei, Seinem Wesen nach Eins mit Gott, also höher stehend als alle Menschen. "Ist Er's", mußte Jeder denken, "bloß darum, weil Er sagt, daß Er's sei?" Wie kann man einem Menschen es doch zumuten, es zu glauben, daß Er's sei, wenn er's nur Ihn sagen hört? Geglaubt mußte auch werden, daß Er der Heilige und Unschuldige sei, dessen Opfertod für die Unheiligen, damit diesen Vergebung ihrer Sünden zukäme, vor Gott eine Geltung habe. Wer kann das glauben, wenn er nur vor Augen einen tadellosen Menschen vor sich sieht, und nicht die Wertschätzung seiner Person vor Gott durch ein Zeugnis von Gott selbst erlennen darf? Geglaubt mußte werden, daß Jesus der alleinige Weg zu Gott sei, der sagen konnte: "Niemand kann zum Vater kommen, denn durch mich." Wer will auf bloße Versicherungen von Ihm für sein ewiges Heil sich Ihm anvertrauen? Wie sollten Mühselige und Beladene mit Vertrauen zu Ihm kommen, um Ruhe der Seele zu finden, um das ewige Leben durch Ihn zu haben, das nur Er darbieten könne, wenn außer Seinem Sagen kein anderes Zeugnis da war?
Wer aber sollte für Jesum und Seine Person zeugen, wenn nicht Gott selbst, in dessen Namen Er Alles aussprach, und mit welchem Er im engsten Bunde zu stehen vorgab? Wie ferner konnte Gott für Ihn zeugen, wenn nicht durch Jesum Dinge geschahen, die kein Mensch tun konnte, und welche den bestimmtesten Eindruck gaben, daß Gattes Allmacht dabei sei, Er selbst persönlich sich dabei beteilige? Da war es eine durchaus notwendige Sache, daß Wunder als Werke Gottes durch Jesum geschahen. Wer also den Wundern, die von Jesu erzählt werden, Abbruch tut, der nimmt Sein Auftreten gar nicht als eine Offenbarung Gottes. Denn wenn Gott durch Ihn redete, so mußten Gotteswerke mit geschehen, und das um so mehr, weil der wirkliche Gott überhaupt sonst mehr durch Werke, wie bei der Schöpfung, sich offenbarte, als durch Worte, die Er an die Menschen richtete. Der allmächtige Gott, der schaffen kann, was Er will, wird nur an Schöpfungen oder denen ähnlichen Werken erkannt, die von Ihm ausgehen; und fehlen diese bei Seinem Reden, so fehlt für den Menschen der eigentliche Nerv zum Glauben. Das nächste Mal ein Weiteres über die Wunder Jesu.
(Fortsetzung folgt.)
33) Die Wunder.
(Dritter Abschnitt.)
Wir haben noch weiter von den Wundern Jesu zu reden. Diese nämlich mußten ganz anderer Art sein, als wir sie bei Mose finden. Schon das macht einen großen Unterschied, daß Jesu eigenste Person dabei beteiligt war, wie bei Mose nicht. Bei Mose geschahen die Wunder alle außer ihm, ohne seine Person, die wenigen abgerechnet, die er vor Pharao mit dem Stab und sonst tat. Jedenfalls tat er sie, wenn er sie tat, auf besonderes Geheiß Gottes. Eine über und außer ihm stehende Macht tat sich da kund, während bei Jesu Alles als aus Ihm und durch Ihn gehend geschah. Jesus selbst war der Wundertäter, während es bei Mose der unsichtbare Gott war. - Sodann hatte Jesus nicht auf ein ganzes Volk, wie dieses war, zu einer Volkstat zu wirken, wie Mose, weswegen äußerlich auffallende Wunder, wie sie die Pharisäer etwa am Himmel gerne gesehen hätten, nicht der Würde Jesu entsprochen hätten. Bei Ihm kam es darauf an, daß tiefer gehende göttliche Empfindungen unter den Leuten entstünden und rege würden, weswegen auch eine innere Vorbereitung bei dem Volke vorhanden sein mußte, wie diese durch Johannes den Täufer bewirkt wurde. Eben darum hatte es auch der Herr nicht gerne, wenn viel Wesens von Jedermann mit Seinen Wundern gemacht wurde, weil darunter viel Unverstand sein konnte. Hierin liegt auch ein Hauptgrund, warum Er je und je das weitere Aussagen dessen, was Er getan hatte, geradezu verbot.
Der Mensch sollte durch Jesum innerlich angefaßt und zu einer wirklichen göttlichen Stimmung gebracht werden. So mußte neben der frappanten Gotteskraft auch eine gewisse Unscheinbarkeit bei Seinen Wundern sein, weil eben diese viel mehr in die Tiefe des Gemüts führen konnte als erschütternde äußere Erscheinungen das vermochten. Die Unscheinbarkeit lag aber darin, daß das Wunder geschehen war, ehe man sich recht umsah, und ohne daß man Besonderes vorgehen sah. Ferner mußte der Herr Herz und Gemüt für Einzelne zeigen, wie das bei den Heilungswundern geschah, um es klar zu machen, wie Er gekommen sei, den Menschen von allem Übel los zu machen. Dabei mußte Er Jedem, auch dem Geringsten und Ärmsten, eine gewisse Achtung und Wertschätzung, Berücksichtigung und Teilnahme bezeigen, um Liebe zu wecken, wie Er Liebe zeigte. Alles, wie Seine Worte, so auch Seine Werke, mußte bei Ihm vom Herzen zum Herzen kommen. Auch wenn Er Seine Macht über die Natur offenbarte, geschah es nicht auf eine schreckende und erschütternde, sondern auf eine wohl tuende, den Menschen nach innen ergreifende Art, wie das bei der Verwandlung des Wassers in Wein geschah, bei der Beschwichtigung der Stürme, bei der wunderbaren Brotausteilung, auch beim Wandeln auf dem Meere, da Er durch persönliches Herkommen auf den wogenden Wellen nur Empfindungen des Zutrauens wirken konnte. Immer war's so, daß Jeder denken konnte: "Was kann ich mir nicht Alles von dem versprechen, der Solches tut?" In allen diesen Wundern, so groß sie waren, war doch auch immer eine gewisse Unscheinbarkeit, in einer kaum bemerkten Art, da Niemand recht wußte und denken konnte, wie es eigentlich zuging, und doch wurde. Mit all dem zeigte Er eine göttliche Hoheit, wie sie sonst auf keine andere Weise gleich klar vor Jedermanns Augen gestanden wäre, eine Herrlichkeit Gottes, die in Ihm war, und Jeden, der wollte, wie mit Gewalt zur Anerkennung Seiner Person nötigte.
Ganz besonders nahe lag Jesu die Knechtschaft an, unter welcher der Mensch durch die finsteren Mächte steht; und Befreiungen von Dämonen und der Gewalt des Satans, durch welche der Mensch sich selbst entrissen wurde, waren etwas sehr Gewöhnliches, und von Jesu mit großem Ernste Vorgenommenes. Welche wohl tuende Eindrücke muß es doch machen, wenn Menschen durch Ihn von verborgenen Feinden befreit wurden, welche ihr ganzes Wesen insgeheim zernagten und zerstörten! Auch die Todtenerweckungen mußten die Hoffnung steigern, daß Er Herr auch über den unüberwindlichsten Feind, den Tod, sei, also zur Aufhebung des Todesfluchs, der auf der Menschheit lag, Macht habe. Solches Alles, und was noch sonst erzählt wird, kann man sich von Jesu nicht wegdenken, ohne an Ihm geradezu nichts zu haben, als einen Lehrer, der nicht einmal etwas Neues vorbrachte, das nicht in seinem Keime vollständig schon in der ersten Offenbarung enthalten war. Nur ein Wunderheiland konnte Jesus sein, der durch Seine Wunder gleichsam Hand anlegte zu der Erlösung, die Er dem Menschen, ja der ganzen seufzenden Kreatur, bringen, sollte. Wie klar erscheint es so, daß in der Offenbarungsperiode Christi Wunder geschahen, d. h. Tatsachen, an welchen man gar nichts Anderes, als Gottes eigenstes und persönliches Wirken erkennen konnte.
Übrigens war in dieser zweiten Offenbarungsperiode die Offenbarung Gottes eine gedoppelte, einmal durch Christum, das fleischgewordene Wort bei Gott, sodann durch die Person des heiligen Geistes aus Gott. Letzterer war, wie das Wort, in Jesu, und wird auch bei Ihm als dasjenige genannt, durch welches Jesus Wunder tat. So sagt Er, daß Er "durch den Geist Gottes die Teufel austreibe" (Matth. 12, 28), weswegen auch die Rede der Pharisäer, daß Er durch Beelzebub es tue, als eine Lästerung des heiligen Geistes galt, verschieden von der Gotteslästerung. Der heilige Geist sollte aber auch auf die Apostel und die Jünger überhaupt fallen, weil auch sie Wunder zu tun befähigt werden mußten. Sie mußten nämlich, wie Christus selber, als Wundertäter da stehen, um das Große, das man durch den Glauben an Jesum erlange, wie Vergebung der Sünden, Kindschaft mit Gott, Hoffnung des ewigen Lebens etc., als vermittelt durch Christum, annehmbar zu machen. Wie konnte Solches, und was sonst von der Person Jesu, namentlich Seiner Auferstehung, durch welche die geistlichen Güter verbürgt wurden, von der Welt angenommen werden, wenn man's nur als Lehre vortrug, ohne Mitbezeugungen Gottes selbst, als Zeugnisse Gottes geben zu können? Die Verkündiger mußten ihre Predigt annehmlich machen durch Taten, die sie im Namen Gottes und des Auferstandenen durch den heiligen Geist vollbrachten.
So setzte sich also die Wunderzeit nach Christus fort, vermittelst des heiligen Geistes. Schon daß Jemand den heiligen Geist aus Gott habe, mithin Lehren ausspreche, denen man als göttlichen trauen dürfe, konnte an ihm nur bemerklich werden, wenn auch ein göttliches Tun dabei hervortrat. Die Wunder bezeugen, daß, wer sie tut, Gott in sich habe. So kam es, daß die Apostel wirklich überall durch Zeichen und Wunder sich hervortaten; und nur dadurch konnten sie den überraschenden Eingang unter allerlei Völkern finden, den sie fanden. Ohne Wunder, welche durch die Apostel und Jünger geschahen, wäre das Evangelium wohl gar nicht aufgekommen und zu einer Weltreligion geworden; oder wäre es in kurzer Zeit wieder vergessen gewesen, weil die Wunder Jesu selbst nicht, wie die Mosis, durch ihre Art, oder Großartigkeit vor dem Publikum, sondern nur durch die Predigt weltkundig werden konnten, da man sie bald nicht mehr geglaubt hätte, wenn sie sich nicht immer wieder gleichsam erneuerten im Namen Jesu, durch die, welche unter Leuten, die noch ganz in der Finsternis waren, Jesum zur Geltung zu bringen berufen waren. Wir sehen es ja, wie sehr in unserer Zeit, weil keine Wunder mehr geschehen, das Evangelium mit allen seinen Wundern in Mißkredit kommen will, ungeachtet wir Alles durch schriftliche Zeugnisse verbürgt besitzen, welche in der ersten Zeit nicht gleich da waren.
Wir können uns daher nicht verwundern, daß in der Schrift so viel von Wundern erzählt ist, welche nicht nur durch Apostel, sondern auch durch Jünger geschahen. Der Hebräerbrief sagt (2, 4): "Gott hat der Predigt Zeugnis gegeben mit Zeichen und Wundern und mancherlei Kräften, und mit Austeilung des heiligen Geistes, nach Seinem Willen." In der Apostelgeschichte lesen wir (5, 12): "Es geschahen aber viel Zeichen und Wunder im Volk durch der Apostel Hände", ferner (v. 15 u. 16): "Also, daß sie die Kranken auf die Gassen hinaustrugen, und legten sie auf Betten und Bahren, auf daß, wenn Petrus käme, sein Schatten ihrer Etliche überschattete, Es kamen auch herzu viele von den umliegenden Städten gen Jerusalem, und brachten die Kranken, und die von unsaubern Geistern gepeinigt waren; und wurden Alle gesund." Auch der Almosenpfleger "Stephanus, voll Glaubens und Kräfte, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk" (6, 8); und von Philippus, der gleichfalls Almosenpfleger war, und nach Samaria kam, um von Christo zu predigen, heißt es (8, 6. 7): "Das Volk aber hörete einmütiglich und fleißig zu, was Philippus sagte, und sahen die Zeichen, die er tat. Denn die unsauberen Geister fuhren aus vielen Besessenen mit großem Geschrei; auch viel Gichtbrüchige und Lahme wurden gesund gemacht." Wir sehen also, daß es, namentlich in der ersten Zeit, um die Apostel her ganz so zuging, wie um Jesum.
Die zweite Offenbarungsperiode haben wir also nicht auf die Zeit Jesu zu beschränken, sondern auch auf die der Apostel auszudehnen, sofern diese fortwährend unter den Offenbarungen Gottes standen, teils in ihrem Geist, teils durch Wunder, die sie taten. Wer dergleichen Wunder leugnen mag, steht eigentlich ganz außer dem Bereiche der Offenbarungen Gottes, und hat nichts an Jesu und den Aposteln, als natürlich redende und handelnde Menschen, über deren Wort und Predigt er dann auch glaubt denken zu dürfen, was er will. Neue Fragen eröffnen sich jetzt freilich, mit denen wir uns das nächste Mal beschäftigen wollen.
(Fortsetzung folgt.)
34) Die Wunder.
(Vierter Abschnitt.)
Wie es mit den Wundern in den beiden Offenbarungsepochen zu Mosis und zu Christi Zeiten war, haben wir bisher in der Kürze besprochen. Nun wäre die weitere Frage die, ob nach der Schrift die Wunder nur in solchen Zeiten auftreten, und sodann in den Entwicklungsperioden der gegebenen Offenbarungen zurücktreten oder ganz aufhören. Dieser Hauptsatz, als Regel aufgestellt, hatte mir im Anfang etwas Annehmliches, wenn, wie ich oben sagte, mit Maß genommen. Je mehr ich aber jetzt über das Thema der an mich gerichteten Frage nachdenke, desto weniger kann ich mich mit obigem Hauptsatze zurechtfinden. Jedenfalls muß ich für mich das Wörtlein nur im Vordersatze streichen; und bezüglich des Nachsatzes komme ich doch mehr darauf, anzunehmen, daß es nach dem Sinne Gottes, der einmal persönlich vorgetreten ist, eigentlich nicht so sein sollte, daß Wunder, d. h. Tatsachen, die unmittelbar von Gott ausgehen und nicht, oder nicht ganz, natürlich sich erklären lassen, wieder zurückträten, d. h. kaum mehr zu haben wären, oder gar ganz aufhörten. Vielmehr hängt es, wie ich finde, nach der Schrift, nur von der Haltung des Volkes zu seinem Bundesgott ab, ob man von Ihm etwas sehen und erfahren dürfte, das man, weil von Ihm allein kommend, Wunder nennen muß. Man kann Solches klar und deutlich, wenn auch einfach und mit unscheinbaren Worten, in dem finden, was einst der Prophet Asaria, auf den der Geist Gottes kam, predigte:
2 Chron. 15, 1-7: "Der Herr ist mit euch, weil ihr mit Ihm seid; und wenn ihr Ihn suchet, wird Er sich von euch finden lassen. Werdet ihr aber Ihn verlassen, so wird Er euch auch verlassen."
Reden wir ein wenig darüber, und zwar zunächst mit Rücksicht auf die Zwischenzeit zwischen Moses und Christus.
So viel läßt schon die Geschichte erkennen, daß Wunder, wie sie unter Mose und dann Josua geschahen, in der Folge wohl zurückgetreten sind, aber doch nur, weil ihr Bedürfnis für das Volk, nachdem dieses im gelobten Lande zur Ruhe gekommen war, nicht mehr dasselbe war. Auffallend ist es aber doch, daß, wenn je und je das Bedürfnis eintrat, die Wunder, auch große Wunder, nicht fehlten. Wenn man denn auch sagen kann, daß Wunder nicht gerade etwas Alltägliches geblieben sind, daß sie also nicht geradezu, auch wenn allerlei Notstände kamen, in Anspruch genommen und erwartet werden konnten, so ist doch Gott selbst von Israel nicht zurückgetreten, und wurde nur in dem Grade dem Volke weniger fühlbar, als die Gesetze und Gebote, wie sie eingeführt waren, weniger sorgfältig gehalten wurden. Kündigte sich doch die Gegenwart Gottes auch durch außerordentliche Gerichte an. Wenn daher Gott mit Israel war, auch mit den Einzelnen vom Volke, so war bei ihm in Allem Gottes verborgene Hand erkennbar. Daher ging ein Zug des Wunderbaren durch Alles, sowohl im öffentlichen, als im Privatleben des Volks, wie man es bei keinem andern Volk fand, indem Gott Heidenvölker einfach ihre Wege gehen ließ, ohne scheinbar nach ihnen persönlich zu fragen, weder zum Guten, noch zum Bösen.
Reden wir vorerst ein wenig davon, wie es Israel im Privatleben hatte. In Fällen von Krankheit waren die Leviten als Ärzte bestellt, auch die Priester. Letzteren aber war in Vielem, und sicher mehr, als uns schriftlich aufbehalten ist, eine gewisse Behandlungsweise vorgeschrieben, wie beim Aussatz, die nur einen Erfolg haben konnte, wenn Gottes Hand mitwirkte. Ein frommer Israelite, der auch Sühnopfer darbrachte, durfte diese verborgene Hand Gottes erwarten, wenn er sonst im Glauben und in der Furcht Gottes unter dem Halten der gesetzlichen Vorschriften stand. So hatte auch Gott versprochen, daß Er von den Krankheiten Ägyptens, wenn das Volk Seine Gesetze und Gebote hielte, keine auf sie legen werde, mit dem Beisatz: "Denn ich bin der Herr, dein Arzt" (2 Mos. 15, 26). Cs muß darum unter dem Volk ganz gewöhnlich geworden sein, sich die Hilfe als vom Herrn kommend zu denken, wenn sie nur zum Priester gingen, weil sie damit den Herrn suchten. Ebenso muß es gewöhnlich gewesen sein, daß die Hilfe der Art war, daß man sagen mußte, der Herr habe geholfen. Darum konnte jeder Israelite recht von Herzen beten (Ps. 77, 15): "Du bist der Gott, der Wunder tut." So sagt auch David (Ps. 107, 17-22) von Israeliten, die todtkrank waren: "Und sie riefen zum Herrn in ihrer Not; und Er half ihnen in ihren Ängsten. Er sandte Sein Wort und machte sie gesund, und errettete sie, daß sie nicht starben." Dem Könige Assa aber wurde es sehr zum Vorwurf gemacht, daß er "bei seiner Krankheit in den Füßen, die sehr zunahm, nicht den Herrn suchte, sondern die Ärzte," d. h. nicht den vorgeschriebenen Weg durch Priester einschlug, dabei es als ein Suchen des Herrn gegolten hätte, sondern sonst sich behalf, mit Ärzten, die entweder rein natürlich heilen wollten, ohne nach Gott zu fragen, was wenigstens in Israel nicht anging, oder die gar zauberische Sachen vornahmen. Aus Allem geht hervor, daß in Israel an Kranken im Stillen mögen viele eigentliche Wunder geschehen sein, eben weil Gott sich dem Volke zu erbieten versprochen hatte. Wenn auch dergleichen Wunder weniger geschahen, so war nur Unglauben oder Fahrlässigkeit der Leute Schuld daran, wie eben Viele nicht vom Herrn sich geheilt wissen wollen, und schon nicht dran denken, wie nahe ihnen die Hilfe wäre. So deutet Jesus in der Schule zu Nazareth an, wie man sich zu den Zeiten des Propheten Elisa gleichgiltig gegen den Letzteren verhalten, und darum keine Hilfe bei ihm gefunden hätte, wenn Er sagt, den Unglauben der Nazarener strafend:
Luk. 4, 27: "Und viel Aussätzige waren in Israel zu des Propheten Elisa Zeiten; und der Keiner ward gereinigt, denn alleine Naeman von Syrien."
Diese Aussätzige gingen also nicht zu Elisa, sich von ihm heilen zu lassen, obgleich seine Wunderkräfte bekannt und anerkannt waren. Denn ein gefangenes Mädchen aus Israel war es, das dem Naeman anzeigte (2 Kön. 5, 3), daß er von seinem Aussatze los werden könne, wenn er nur bei dem Propheten zu Samaria wäre. Bei solcher Gleichgültigkeit des Volks mochten freilich die Wunder allmählich zurücktreten, zuletzt gar aufhören; aber der Herr hatte es anders gemeint.
Sehen wir die ganze Anlage des Volkes Gottes an, wie wir sie beschrieben finden, so können wir uns Wunder schon gar nicht wegdenken. Der Herr ließ eine Hütte bauen, und sagte zu Mose (2 Mos. 29, 42-46):
v. 42. "Da will ich euch zeugen und mit dir reden." - v. 43. "Daselbst will ich den Kindern Israel erkannt und geheiligt werden in meiner Herrlichkeit." - v. 45. "Und will unter den Kindern Israel wohnen und ihr Gott sein." - v. 46. "Daß sie wissen sollen, ich sei der Herr, ihr Gott, der sie aus Ägytenland führete, daß ich unter ihnen wohne, ich, der Herr, ihr Gott."
Wenn wir Solches lesen, das wir mehrfältig in der Schrift besprochen finden, so können wir doch nicht sagen, es hätten nur in der Zeit der Gründung des Gottesstaats Wunder vorkommen sollen. Den in Liebe und Freundlichkeit tätigen Gott in Seiner Mitte haben, der nichts tut, an dem man siehet, daß Er da sei, ist doch gewiß nicht denkbar. Am Schönsten stellen uns die Psalmen das Verhältnis Gottes zu Seinem Volke vor. Sie zeigen uns, wie sehr sich ein Israelite der Verheißungen Gottes in allen Nöten getröstete, und wie das Anrufen des Herrn um Hilfe jeder Art eigentlich ein Grundzug des ächten Israeliten war. Wir brauchen's nicht mit Beispielen zu belegen. Gewiß geschah im Stillen viel, das man wunderbar nennen konnte; denn unzählige Male redet David von Wundern, die der Herr tue an denen, die Ihm vertrauen. Wie tief und auffallend solche Wunder gingen, können wir nicht sagen. Aber gering dürfen wir sie nicht anschlagen, wenn David immer so fröhlich davon redet, und wir den Herrn so bestimmt sagen hören: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen." Wie konnte auch David Anderes von Seinem Gott erwarten, als Wunder, wenn er betet (Psalm 27, 8): "Mein Herz hält Dir vor Dein Wort: Ihr sollt mein Antlitz suchen. Darum suche ich auch, Herr, Dein Antlitz."
Wunder, ich wiederhole es, konnten unter einem Volke nie aufhören, dem Gott als Herr und König galt, zumal dieser Gott eine eigene Wohnung, die Seine Gegenwart gleichsam anschaulich machen sollte, hatte, und da persönlich, wenn auch vermittelt durch Engel, sich befragen ließ durch Priester, wie sonst auch durch Propheten. Da mußten doch die Spuren des lebendigen und mächtigen Gottes überall zu sehen sein, und namentlich unter allerlei Bedrängnissen, wie sie in's menschliche Leben hereinfallen. Je größer diese waren, desto mehr und auffallender mußte sich das Walten Gottes in Israel zu Wundern gestalten. Kurz, wer den Offenbarungsgott hat und behält, muß doch möglicherweise immer auch einen Wundergott an Ihm haben; oder sein Glaube läuft Gefahr, eine Täuschung zu sein.
Weiteres das nächste Mal.
(Fortsetzung folgt.)
35) Die Wunder.
(Fünfter Abschnitt.)
Wir haben noch Weiteres von der Entwicklungsperiode der Offenbarung zwischen Moses und Christus zu reden. Das letzte Mal war nur von den stillen, weniger auffallenden Wundern die Rede, wie sie im Privatleben der Israeliten vermittelst ihres Glaubens an den unter ihnen wohnenden Herrn und Gott fortwährend zu erwarten waren und auch wirklich vorgekommen sind. Wir können aber noch von andern Wundern reden, die in zahlreicher Fülle je vor dem ganzen Volke offenbar geworden sind. Daß es so war, können wir nur begreiflich, ja notwendig finden. Denn wenn Gott so große Wunder aufgewendet hat, um ein ganzes Volk unter Seine Pflege in einem besonderen Lande, das wunderbar ihm erobert werden mußte, mit Vertilgung vieler Stämme, zu bekommen, wie konnte Er Sein Werk je sich selbst überlassen und zurücktreten mit Seinem wunderbaren Tun, auch wenn es nötig wurde, um das Volk in seinem Bestand zu erhalten, und den Geist, den Er ihm eingehaucht, nicht versiegen zu lassen. Offenbar lag Ihm daran, das Volk als Volk mit den göttlichen Einrichtungen zu erhalten; und wie viele Gefahr lief das Volk, teils wie gen seiner Schwachheit, teils wegen der vielen Völker umher, in deren Mitte es lag! Wenn die Wunder zurückgetreten wären, so würden nicht nur bald auch die ersten Wunder in Vergessenheit gekommen und für Fabeln gehalten worden sein, sondern auch Israel schnell all sein Besonderes verloren haben, oder aus der Geschichte verschwunden sein. Wozu aber dann Moses und alle seine Geschichte?
Wir dürfen uns also nicht verwundern, wenn schon im Buch der Richter, d. h. in den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Volks in Kanaan, große Wundergeschichten erzählt sind, namentlich wenn der Bestand des Volkes durch benachbarte Völker in Frage kam. Diese Wunder glichen zwar nicht denen unter Moses; aber zu solchen war auch die Veranlassung nicht da. Darauf kommt es auch nicht an, daß Wunder sollten den gleichen Charakter haben, um Wunder zu sein. Wenn der Herr Dinge tut, die Seine persönliche Beteiligung außer Zweifel stellen, sei's auch, daß natürliche Handlungen der Menschen mit darunter vorkommen, so sind's Wunder, eben weil dabei der allmächtige Gott unmittelbar und persönlich hervorgetreten ist. So war's schon ein Wunder, wenn Israel nach dem, wie es erzählt ist, von den mächtigen Herrschern Jabin und Sissera durch Barak und Deborah befreit wurde. Wie wunderbar ist die Geschichte Gideons, dem noch besondere Wunderzeichen zukamen, und der mit nur 300 Mann an die 200,000 Amalekiter schlug und vernichtete, weil Gott da einen Beweis geben wollte, was Er gegen Baal sei, und was Er, wenn Er herzutrete, vermöge für Sein Volk, das immer sonst so geneigt war zur Abgötterei! Wunderbar war es auch, was Jephtha zur Rettung des Volkes durch die Hand des Herrn tun durfte. Simsons Geschichte endlich, die mancherlei eigentümliche Wunder darbot, sollte die Macht und Stärke Gottes in Israel wider die Philister zeigen, damit diese nicht der beständige Schrecken des Volkes wären.
Überall in der Geschichte war die unmittelbare Nähe Gottes erkennbar, sowohl mit Züchtigen, als mit Retten. Davon gibt auch die Geschichte Samuels, Sauls, Davids und Salomo's Beweise. Unter den beiden letzten Königen entzündete auch je einmal Feuer vom Himmel den Altar, wie beim ersten Opfer unter Aaron in der Wüste. Auch das jeweilige Hervortreten der Wolken- und Feuersäule über dem Tempel war eine wunderbare Bezeigung Gottes. Wir können die Einzelheiten nicht alle anführen, aber erinnern an die Verdorrung der Hand Jerobeams durch den Propheten vor allem Volk, während der König einen Götzenaltar selbst einzuweihen im Begriff stand. Im Reich Israel, das ferner von Gott stand, als das Reich Juda, erstand eben darum auch der größte Prophet Elia mit seinem Nachfolger Elisa, durch welche die größten Wunder, teils vor dem Volk, teils an Privaten, geschahen, welche an Größe denen unter Moses in nichts nachstanden, weil sich's darum handelte, das ganze Volk zu dem Bekenntnis zu drängen: "Der Herr ist Gott! der Herr ist Gott!" Wie wunderbar war später die Befreiung der Stadt Samaria? Sonst erwähnen wir besonders der Geschichte des Königes Hiskia in Juda, und des großen Wunders der Befreiung Jerusalems unter ihm, da 185,000 Assyrer in der Nacht vom Engel des Herrn geschlagen wurden und Morgens todt da lagen. Wie groß und wunderbar der Herr sich oft erzeigte, ist auch aus dem ersichtlich, was Hiskias mit der Sonnenuhr erfahren durfte (2 Kön. 20, 8 ff.). Große Wunder hörten auch in der babylonischen Gefangenschaft nicht auf, wie aus dem Buch Daniel zu ersehen ist. Denken wir nur an die Rettung Daniels vom Löwengraben, und der drei Männer vom Feuerofen. Man sieht es, daß der Herr in Israel sich immer wieder durch große und sehr große Wunder bemerklich machte, wie sie erforderlich waren, im Großen und Kleinen, und gar nicht so, als ob es den lieben Gott gleichsam schwer angekommen wäre, mit solchen Wundern sich zu zeigen. Sie ergaben sich so leicht, mitunter auch so unerwartet, daß man sah, Gott wollte allezeit als ein Wundergott, d. h. als wirklicher Gott gleichsam persönlich erscheinend, in Israel angesehen sein, weil im Grunde doch damals alle Anerkennung Seiner selbst daran hing, und die Bedeutung der Erwählung des Volkes Israel nicht heruntergedrückt werden durfte. Als Regel oder Lehrsatz kann es darum nicht gelten, daß nur in neuen Offenbarungsepochen Wunder als persönliche Bezeigungen Gottes auftreten, und diese dazwischen hinein wieder zurücktreten oder ganz aufhören.
Aufgehört haben freilich in Israel die Wunder nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Bis auf Christum, besonders nachdem auch keine Propheten mehr aufstanden, 400 Jahre lang, ist von keinen Wundern und überhaupt von keinem Bezeigen Gottes mehr die Rede. Schon der Geist des Volkes war nach der Rückkehr aus Babylon ein anderer, als er zur Zeit seiner Blüte gewesen war. Glaubenshelden, die mit vollem Herzen zum Herrn sich hielten und zu Seiner Macht, gab es keine mehr. Aber auch der Herr stand dem Volke ferner, und wohnte nicht mehr in der Art, wie früher, unter Israel. Segen zwar und Hilfe erfuhr das Volk viel; und wunderbar kann man es immerhin nennen', wie schnell es wieder zu einer großen Nation anwuchs, die sich auch ein Ansehen zu verschaffen wußte. Aber selbst unter den Makkabäern, deren großartige Kämpfe Israel von den Syrern befreite, trat Gottes persönliche Wundermacht nicht hervor. Begreiflich aber war das wohl. Denn das Volk machte den Mechanismus seiner Gottesdienste und Gebräuche zu seinem Gott, und hatte wenig Aufmerksamkeit auf den lebendigen Gott, der sich wunderbar bezeigte. Selbst der Glaube an wiederholt geschehende Wunder war dem Volke ferne gekommen, wie auch bei uns in der Christenheit. Sie suchten den Herrn nicht mehr zu Wundern@; und wie diese Vielen, namentlich den Oberen, an Christo später sogar ärgerlich waren, wissen wir ja. Auffallend aber bleibt es immer, daß Wunder in Israel sonst immer nach Bedürfnis eintraten, so lange das Volk richtig stand. Erst mit der Abnahme des Geistes des Volks, da sie innerlich gleichsam mit Gott nicht mehr lebten, verschwanden allmählich die Wunder. Am Volk allein hing es, daß sein Gott und Gottes wunderbares Walten ihm ferne kam. Angelegt aber war es doch von Gott, immer und immer als der Wundergott sich zu zeigen, der Er im Anfang gewesen war. Ist daher nicht eher der umgekehrte Satz wahr: "Weil Gott angefangen hatte, Wunder zu tun, oder persönlich sich zu erkennen zu geben, konnte Er, ohne Seiner Ehre zu nahe zu treten, mit dergleichen Wundern, wie sie nun wurden, auch nicht mehr aufhören, außer die, welchen sie zukommen sollten, machten sich ihrer unwert?"
(Forts. folgt.)
36) Die Wunder.
(Sechster Abschnitt.)
Wir hätten nun die weitere Frage zu beantworten, ob etwa die Wunder nach der zweiten Offenbarungsepoche durch Christum, innerhalb welcher die Wunder eine so große Rolle spielten, in der nachfolgenden Entwicklungsperiode, bis zur Wiederkunft des Herrn, zurückgetreten seien oder aufgehört haben. Hier müssen wir aber zunächst die Frage besprechen, ob sie nach der Anlage des Evangeliums haben zurücktreten und aufhören müssen, oder ob ihr Zurücktreten und Aufhören, wie das geworden scheint, wirklich nach dem Plan des Herrn war, oder nur als eine Folge von eingetretenem unrichtigem Verhalten zu Christus und Seiner Offenbarung erscheint.
Auffallend ist nun da schon, daß der Herr Seinen Jüngern, selbst als Er noch lebte, wenn Er sie statt Seiner in den Städten umhergehen ließ, nicht nur den Auftrag gab, das kommende Heil zu predigen, sondern auch Wunder zu tun, da Er ihnen selbst Tote aufzuwecken befahl (Matth. 10, 8). Man könnte nun freilich sagen, das habe so sein müssen, weil sie den Herrn selbst repräsentierten, und den Leuten es nicht nur sagen, sondern auch mit der Tat vor Augen stellen sollten, was Großes es sei um Jesum. Aber von Jesu konnten und durften sie noch nicht sagen, daß Er Christus oder der Messias sei, sondern nur daß Er predigen heiße, "das Himmelreich sei nahe herbeigekommen" (10, 7). Somit priesen sie mit den Wundern weniger die Person Jesu an, als die Wichtigkeit und Größe des Himmelreichs, das anbreche. Wie es im Himmelreich zugehe und was man da zu erwarten habe, mußten sie den Leuten in etwas mit der Tat zeigen. Wenn aber das, so konnte es kaum darauf angelegt sein, ein Himmelreich anzubieten, in welchem wohl jetzt an Elenden aller Art zur Hilfe Wunder geschehen, aber später nicht mehr vorkommen sollten. Offenbar sollte ein Stück des Himmelreichs mit solchen Wundern, die lauter Wunderhilfen waren, gegeben werden; und daß mit dem Wachsen des Himmelreichs dieses weniger himmlisch werde, sofern weniger, zuletzt gar nicht mehr der lebendige Gott in ihm sich erweise, möchte an sich schon kaum denkbar sein.
Gehen wir weiter. Wenn der Herr später von dem Glauben an Ihn sagt, daß man durch ihn, auch wenn er nur so klein wie ein Senfkorn wäre, die größten Dinge zu tun, selbst Berge in's Meer zu versetzen, solle fähig werden, und wenn Er überhaupt sagt, daß dem, der Glauben habe, Alles möglich sein würde, so wird dem Glauben, den doch alle Christen haben sollen, etwas beigelegt, das man nicht ohne weiteres wieder von ihm wegzudenken das Recht hat. Man würde offenbar den Worten Jesu zu nahe treten, wenn man dem Glauben nur auf eine gewisse Zeit hin die große Bedeutung und Macht ließe, ohne daß hiefür vom Herrn selbst ein Wink gegeben wäre. Auch der allgemeine Spruch: "Alles was ihr bittet im Gebet, so ihr glaubet, so werdet ihr's empfahen," nur auf die Zeit Jesu und der Apostel bezogen, wäre für uns ein völlig wertloses Wort, und eher schmerzlich als tröstlich, wenn es später nichts mehr gelten soll. Am letzten Abende ferner befiehlt es der Herr Seinen Jüngern an, wie sie sich's angelegen sein lassen sollten, Ihm und an Ihn zu glauben. Da setzt er hinzu (14, 12): "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubet, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere denn diese tun; denn ich gehe zum Vater." Diese Worte kann man unmöglich bloß auf den größeren geistlichen Erfolg beziehen, den die Jünger nach Seinem Hingang haben würden; denn Er redet von Werken, wie Er sie tue. Wer denkt dabei an Anderes, denn die großen Zeichen und Wunder, die Jesus tat? Daß es so zu nehmen sei, zeigt das letzte Wort des Herrn an Seine Jünger, da er von den Zeichen redet, die folgen würden dem, der glaubte (Marc. 16, 17.) Wie hier, so weisen alle Reden des Herrn nur darauf hin, daß Zeichen und Wunder etwas Bleibendes sein sollten, nicht etwas Vorübergehendes, das in der Folge wieder nachlassen oder verschwinden würde. Denn die Wunder sollten ja nicht bloß, wie man gewöhnlich annimmt, Beweise für die Wahrheit des Evangeliums sein, und bei den Leuten dem Glauben daran eine Bahn brechen, sondern zugleich eine äußere Darstellung des Heils darbieten, das mit Christo für Leib und Seele in Zeit und Ewigkeit gekommen sei.
Nicht den leisesten Wink kann man im Neuen Testamente finden, daß es mit den Wundern wieder anders werden sollte. Von den Wundergaben und Wunderkräften, wie sie die Korinther ohne den Apostel unter sich pflegten, wissen wir. "In einem Jeglichen erzeigten sich da die Gaben des Geistes zum gemeinen Nutz" (1 Kor. 12, 7), also wie es unter dem Gedränge des menschlichen Lebens Bedürfnis wurde. Besonders auffallend ist Jakobi Wort (5, 14 - 18), der kein Bedenken trägt, zu sagen oder anzudeuten, was einst einem Propheten Elias, der auch nur ein Mensch war, heißt es, gleichwie wir, möglich war, könnten auch Christen unter einander tun, wenn sie glaubten. Sie sollten, je nachdem sie glaubten, Alle Eliaswunder zu tun im Stande sein. Wohl nimmt man für gewöhnlich an, die Wunder seien im Anfang etwa nötig gewesen, weil ohne sie der Glaube an das Evangelium nicht aufgekommen wäre. Aber seltsam wäre es schon an und für sich, daß ein Apostel etwa als Wundertäter sich hinstellt und sagt: "An diesen Wundern, die ich tue, könnet ihr erkennen, daß die Lehre, die ich bringe, von Gott sei", zugleich aber, obwohl er sagt, vermöge seines Glaubens an Jesum tue er solche Wunder, zu erkennen gibt: "Nur mein Glaube vermag Solches; euer Glaube wirds nicht auch machen können." Es wäre das um so seltsamer, da ja allen Gläubigen derselbe heilige Geist zugesagt wurde, den die Apostel hatten. Jedenfalls verlören die Wunder selbst alle höhere Bedeutung, selbst alle Glaubwürdigkeit, wenn die Wunderkräfte ausschließlich bei denen verbleiben sollten, die erstmals das Evangelium verkündigten, und nicht auch in etwas auf Alle übergehen, die glaubten. Nur wenn alle Gläubige vermittelst ihres Glaubens etwas vermögen, wenn auch nur nach besonderen Gaben, die der Einzelne empfängt, hat das, was die Apostel tun, volle Bedeutung.
Aber auch abgesehen davon, ist es abermals seltsam, daß sollten Wunderhilfen nur unter den ersten Heiden, denen gepredigt wurde, nötig gewesen sein, und unter Anderen, deren so Viele übrig blieben, nicht mehr. Nicht minder seltsam ferner erscheint es, wenn man sich den Vollbesitz des heiligen Geistes nur bei den Aposteln und in der apostolischen Zeit mit Gottes Absicht und Plan gegeben denkt, während doch derselbe in den folgenden Jahrhunderten überall von Bedeutung war, wo völlig blinde und umnachtete Heiden noch sind. Genau genommen hätte die gebildetere römische Welt eher der Wunder, sofern sie zum Glauben helfen sollten, weniger allerdings der Wunderhilfen, die überall Bedürfnis sind, entbehren können, wenn einmal keine Wunder mehr sein sollten, als alle übrigen Völker der Erde. Wenn demnach in der Schrift selbst nirgends etwas voraus steht von einem Nachlassen oder Aufhören der Wunder, das mit der Zeit eintreten werde, so wäre das zu begreifen, weil es eben einfach, auch wenn es tatsächlich anders geworden ist, nicht so hätte gehen sollen. Man hätte also stutzig darüber werden müssen, daß nach dem Vorsatz Gottes auf einmal alle Erweise der göttlichen Kraft und Barmherzigkeit, welche zu Mut und Freudigkeit erheben, auch Befreiung von allerlei Übeln geben konnten, verschwinden sollten.
Wie man es besehen mag, so kann man unmöglich das, was allerdings später geworden ist, voraus schon in der Anlage des Evangeliums sich denken; und es erfordert eine besondere Erwägung, warum etwas, was seiner Anlage nach nicht hätte nachlassen oder aufhören sollen, doch nachgelassen und aufgehört habe. Wenn auch Jesus bei Seinem Abschiede zu Seinen Jüngern sagte: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende", so kann doch damit nicht gesagt sein: "Von nun an bin ich der Vorsehungsgott, wie es bisher mein Vater gewesen ist, so verborgen und rätselhaft und so selten zu unmittelbarer Hilfe zu haben, als es Gott immer gewesen ist." Wie stimmte doch das zu der Versöhnung, welche durch Christum eingetreten sein sollte! Damit wäre geradezu Jesus ganz weggegangen von der Erde, als ob nichts gewesen wäre, einfach verschwunden, wie Alle, die von der Zeit in die Ewigkeit gehen, wie wirs allerdings fast jetzt haben, da man jetzt häufig auch viel hat gegen eine Anrufung des Sohnes statt oder neben der des Vaters. Aber wahrlich, so sollte es nicht sein. Jesus will unser bleiben, obwohl erhöht zu Seinem Vater, auch unser mit besonderen Bezeigungen, die in Ihm den auf Erden gewesenen, in Allem zur Wunderhilfe sich erbietenden Jesum kenntlich und anschaulich machen. So und nicht anders müssen wir's nehmen. Weiteres später!
(Fortsetzung folgt.)
37) Die Wunder.
(Siebenter Abschnitt.)
Die Besprechungen über die Wunder sind umständlicher geworden, als ich mir im Anfang dachte; und ich fühle mich auch weiter hineingetrieben, als mir lieb ist. Aber so etwas mit wenigen Sätzen, die nichts Durchsichtiges geben können, abmachen, ist mir unmöglich, zumal wenn der Gegenstand, der besprochen wird, viele Seiten darbietet, die in unsrer Zeit den meisten Christen fremd geworden sind. Ich habe mich daher meinen Gedanken überlassen, hoffend, doch Vielen damit einen Dienst zu tun. Jetzt dachte ich in zwei Abschnitten vollends fertig zu werden. Aber als ich das Heutige entwarf, verdoppelte sich's schon wieder; und so mag es mir auch mit dem Letzten gehen. Habt Geduld mit mir, liebe Freunde!
Ich komme an das Weitere der an mich gerichteten Frage, wie sie in Nr. 6 (III 31) abgedruckt ist, ob es etwa dem herrschenden Unglauben und Kleinglauben zuzuschreiben sei, daß Wunder nur noch in engeren Kreisen vorkommen, nicht aber vor aller Welt Augen. Die Beantwortung der Frage, die wieder zu Allerlei führt, wird mir nicht leicht, weil ich nun außerhalb der Schrift mich gestellt sehe, und allein aus Erfahrung und Nachdenken, wenn auch mit Hinweisungen auf die Schrift, Gedanken schöpfen kann. Ich gehe auch darum mit einigem Zagen daran, weil auf unsicherem Boden auch vielerlei Ansichten und Anschauungen möglich sind, ich aber in Dingen, da ich nicht ganz auf die Schrift mich gründen kann, nicht gerne vortrete. Erfahrungen freilich habe ich viele gemacht; aber weil diese, ich kann wohl sagen, ohne meine Schuld, nach vielem Betracht einzig dastehen, so macht mich das noch zaghafter. Denn wie sollte ich gerne auf Erfahrungen mich berufen, welche Andere nicht machen! Aber ganz umgehen kann ich sie nicht. So muß ich abermals um Geduld und Nachsicht bitten, wenn ich mich, wenn auch möglichst vorsichtig und keineswegs mit dem Gedanken, mich aufdrängen zu wollen, doch gebe, wie ich bin und geworden bin. Es mag eine Zeit kommen, da ich mich vollständig und unumwunden werde erklären dürfen. Aber ein Neues muß geschehen sein; oder ich müßte das Meiste, worin ich Erfahrungen gemacht habe, wie Keiner, mit mir ins Grab nehmen.
Die nächste Frage wäre: "Sind die Wunder geblieben, oder sind sie zurückgetreten? Haben sie nicht gar ganz aufgehört?" Hier muß Geschichte und Erfahrung sprechen. Beide aber sprechen nicht zu Gunsten des Fortbestands der Wunder. Daß im Stillen und vereinzelt der Herr manches tut und zu allen Zeiten getan hat, das man wunderbar nennen zu dürfen berechtigt ist, kann zwar nicht geleugnet werden. Aber den Begriff des Wunders muß man dann sehr erweitern, und auf jede verborgene Mitwirkung Gottes ausdehnen, die in allem möglich ist und oft sehr stark hervortreten kann, daß man wohl den Herrn drob preisen darf. Solche Wunder indessen sind nur Bezeigungen der göttlichen Vorsehung und Freundlichkeit, keineswegs das, was man unter den Wundern versteht, die der Herr verheißen hat. Denn ein Wunder ist doch nur das, was jede natürliche Erklärung ausschließt und rein nur als unmittelbares Gotteswerk erscheint. Daß wir nun nach der apostolischen Zeit je einmal Wunderzeiten gehabt hätten, d. h. Zeiten, in welchen Gott allseitig wunderbar hervorgetreten wäre, wie in den Offenbarungsepochen, das kann Niemand behaupten. Denn zu welcher Zeit sind Blinde, Taube, Lahme, Aussätzige, Besessene, Fallsüchtige, abgesehen von natürlichen Mitwirkungen, für gewöhnlich, und so im Nu, wie bei dem Herrn und den Aposteln, etwa durch das Wort eines Mannes Gottes, geheilt worden? Ehe aber dergleichen geschieht, sind die Wunderkräfte nicht da, wie wir sie in der Schrift lesen.
Wenn denn auch zu allen Zeiten Gebetserhörungen vorgekommen sind, besonders zu Krankenheilungen, wenn ferner besondere und schnelle Gottesbewahrungen, auch Errettungen, die man füglich als durch den Dienst der Engel geschehen nehmen darf, sich zu erkennen gegeben haben, so zeigt das nur, daß der Herr nicht gar gewichen ist von Seinem Volk, daß Er im Verborgenen, wie hinter der Wand, ein Auge namentlich auf kindliche und lautere Christen hat, auch zeigen will, daß Er, wenn's Zeit ist, wieder zu haben wäre, wohl auch wieder einmal werde zu haben sein. Aber andernteils erfahren wir auch, wie oft, auch wenn der Herr ernstlichst angerufen wurde, nicht einmal auffallende Gebetserhörungen gemacht worden sind, Gottesbewahrungen und wunderbare Errettungen nicht eingetreten sind, erfahren es auch, wie über die Maßen groß oft die Bedürfnisse nach einer wunderbaren Gotteshilfe wären, dabei die Leute sagen, ein Stein möchte sich erbarmen, ohne daß aus der Unsichtbarkeit eine helfende Hand vorträte. Mitunter mag's freilich auch seine eigentümlichen Ursachen haben, warum sich der Herr so gar ferne stellt. Aber bei solchen Erfahrungen kann man doch sicher sagen, die Wunder seien zurückgetreten, wenn man es auch gelten lassen darf, daß sie nicht ganz aufgehört haben, sondern in Einzelfällen sich zeigten. So ists bis in die neueste Zeit geblieben; und wenn in dieser auch wieder Mancherlei geschieht, das an die Wunder der ersten Zeit erinnern kann, so ist es immer noch nur vereinzelt; oder hat man es als einen Übergang zu einer erst kommenden Zeit zu nehmen, in welcher vielleicht doch die Wunder wieder eintreten dürfen. Aber in vollem Sinne erwarten kann man bis jetzt noch nirgends Wunder, auch wenn noch so viel Glauben vorhanden ist, einfach darum, weil die Zeit der Wunder aufgehört hat und noch keineswegs zurückgekehrt ist.
Begreifen aber können wir obiges Alles wohl. Denn das größte Wunder, die besondere Gabe des heiligen Geistes, mit welcher nach der Schrift ein Persönliches aus Gott gegeben war, erscheint schon bald nach dem Beginn des zweiten Jahrhunderts als gewichen. Sie ist von dieser Zeit an in nichts mehr so, wie zu der Apostel Zeiten, erkennbar gewesen, wie auch ihrer nicht mehr in der Art gedacht wird, bis auf uns herab. Man redet zwar von einem heiligen Geiste, den der getaufte Christ empfange und den jeder Christ habe, aber nur, weil nach der Schrift Ihn Jeder haben sollte. Da muß man Ihn haben, auch wenn man Ihn nicht hat, und wenn Sein Dasein eigentlich nirgends gefühlt wird. Man macht an Pfingstfesten viel Wesen damit und betet und singt inbrünstig: "O heil'ger Geist, kehr bei uns ein", und was ists für ein Geist, der im Grunde die Meisten beseelt? Wie wenig Empfindung von der Person des heiligen Geistes in sich haben auch die besten Christen!
Daß der wirkliche heilige Geist frühzeitig aus der Christenheit wieder gewichen ist, kann man schon in dem schriftlichen Nachlasse der ersten Christen nach der Apostel Zeit finden. Da erstaunt man in Allem, was man zur Hand nimmt, wiewohl nicht viel auf uns gekommen ist, wie groß, neben manchem Guten, das man liest, der Unterschied ist zwischen diesem und den Schriften der Apostel. Selbst die ganze Anschauung des Christentums wird im Allgemeinen eine flache, mit wenig tiefer Erkenntnis, und mit wenig Gewürz und Kraft. Mitunter kommen sehr geringe, bis ans Kindische und Abenteuerliche streifende Sachen vor, später auch je und je angrenzend an unnüchternen Glauben, fast an Aberglauben. Daß übrigens der Geist Gottes an und für sich doch noch einen Einfluß behielt, so gut es ging, kann man an Vielem sehen, namentlich auch an dem allmählich, freilich unter viel Streit und Hader werdenden wunderbaren Gebäude der Glaubenslehre, wie es sich bis zur Reformation und durch diese vollends ausgebildet hatte, das mit seiner gewaltig großen und tiefen Unterlage, wenn auch häufig nicht genug innerlich erfaßt, und mit seinem kühnen Glauben, so wenig es im Allgemeinen eigentlich lebendiges Christentum schuf, doch ein unverkennbares Zeichen ist, wie mächtig auf einzelne Männer der Geist Gottes noch einwirkte, freilich nur an der Hand des von den Evangelisten und Aposteln Hinterlassenen, daß es nicht als eine freie und eigentliche Offenbarung erscheint. Das Gebäude hat offenbar der Herr auf Hoffnung eines endlich Durchschlagenden werden lassen. Aber schon der starre Formalismus, der mit dem Glaubensgebäude in Aller Herzen kam, ist ein Beweis, daß der lebendige, oder, wie Ihn der Herr verheißt, persönliche heilige Geist nicht als vorhanden sich zeigte. So ists bis heute geblieben; und wer hat in unsrer Zeit Mut, an das Dasein des vollen heiligen Geistes zu glauben, bei der entsetzlichen Zerrissenheit der christlichen Gemeine, da es Jeder auf die leichte Achsel nimmt, mit seinen Fündleins brutal und alleingeltenwollend sich aufzupflanzen?
Erwägen wir das, so ist ja der heilige Geist nach der Schrift der Träger der göttlichen Gaben und Kräfte, wie schon bei dem Herrn selbst, so auch bei den Aposteln und allen denen, durch welche Wunder geschahen, wie in Korinth und sonst. Wich dieser persönliche Gottesgeist aus der Mitte der christlichen Gemeine, so war auch den Wundern die Spitze abgebrochen; und auch die etwa vorkommenden vereinzelten Wunder, wenn man sie so nennen kann, geschahen nicht als aus einer Kraft kommend, die ein Mann Gottes bleibend in sich gehabt hätte, wenn sie auch ausnahmsweise durch sein Glauben und Bitten geschahen. So lange der heilige Geist nicht in der Art, wie Er verheißen ist, wiedergekehrt ist, können wir von eigentlichen Wundern, die noch geschehen, nicht reden, es sei denn je und je nach Gottes unabhängigem Wohlgefallen, und weniger an der Person eines Menschen hängend. Wenn auch bisweilen ein etwaiger Gottesmann durch Gebet etwas vermochte, so war's nur ein vereinzeltes Geschenk vom Herrn; und Männer, die, wenn ihnen einmal etwas gelang, nun gleich sich zu Vielem und Großem befähigt glaubten, und gar Wundertäter zu sein sich schmeichelten, sind schon gar oft in traurige Verkehrtheiten, zuletzt gar in dämonisches Treiben, hineingeraten, wenn sie nun meinten, Wunder erzwingen zu müssen. Man denke an Gasser und Hohenlohe.
Vergessen wir also nicht, daß alle Verheißungen der Schrift, die auf Wunder zielen, nur unter der Voraussetzung des Vorhandenseins des heiligen Geistes gegeben sind; und man muß sich sehr in Acht nehmen, jene Verheißungen gerade so, wie sie lauten, auf eine Zeit gelten zu lassen, da die Kraft, welche Wunder tut, nicht irgendwo auf Erden Wurzel hat. Bedeutungslos sind freilich dergleichen Verheißungen auch für uns nicht, sofern sie uns ermutigen, wenigstens durch Bitten viel vom Herrn zu erlangen, obwohl es da stets dem freien Erbarmen Gottes überlassen werden muß, ob und wie Er erhören wolle. Ein pochender Glaube verrät in unserer Zeit nur eine schwache Erkenntnis der heiligen Schrift, und noch mehr ein gänzliches Übersehen dessen, wovon wir gefallen sind. Auch verrät es eine schmerzliche Geringschätzung der Majestät Gottes und der Wunder selbst, wenn man dem bloß menschlichen Glauben, also mehr nur aus sich heraus, ohne sich in wesenhafter Gemeinschaft mit dem Herrn durch den Geist zu fühlen, Alles für möglich halten will. Wie sollten wir's doch uns angelegen sein lassen, um die Wiedererlangung der Gabe und Kraft des heiligen Geistes zu bitten! Denn wir stecken tief unten und kommen zu keiner Höhe herauf, ehe das durch Christi Blut uns Erworbene, die Verheißung des Geistes (Gal. 3, 13. 14), wieder in vollem Maße geworden ist.
(Forts. folgt)
38) Die Wunder.
(Achter Abschnitt.)
Im vorigen Abschnitt habe ich ausgeführt, wie nach der Apostel Zeiten in der Christenheit die Wunder zurückgetreten seien, beziehungsweise ganz aufgehört haben, und zwar mit dem Verschwinden des persönlichen heiligen Geistes von der Erde. Weil aber im 6. Abschnitt aus der Schrift nachgewiesen wurde, daß der heilige Geist und die Wunder bleibende Zeichen des Vorhandenseins eines Heilandes sein sollten, so wäre noch ein Erklärungsversuch zu machen, wie es kam, daß es anders wurde, als es in der Anlage des Evangeliums angezeigt erscheint. Daß man, weil in der Schrift selbst von einem Aufhören der Wunder und des heiligen Geistes nicht die Rede ist, nur Vermutungen geben kann, wird Jeder begreiflich finden; und ganz leicht ist eine überzeugende Darstellung nicht zu machen, zumal ein gewisser Hauptpunkt, der da zur Sprache kommt, meines Wissens von Niemand je bedeutungsvoll genug genommen worden ist. Ich berühre zuerst Anderes, darin Jedermann leicht mit mir Eins werden kann. Ich muß aber dabei weniger auf das Zurücktreten der Wunder, als auf das Verschwinden des heiligen Geistes, des Trägers der Wunder, reden; und die heute und das nächste Mal zu betrachtende Frage wäre: "Wie kam's etwa, daß der heilige Geist wieder hinweggenommen worden ist von dem Herrn?"
1) Grundregel hätte bei den Christen das Wort Pauli (Gal. 5, 25) sein sollen: "So wir im Geist leben," d. h. den Geist haben, "so lasset uns auch im Geist wandeln." Im Geist wandeln aber heißt, die Lüste des Fleisches nicht vollbringen (5, 16): "Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch. Dieselbigen sind wider einander." Durch den Besitz des heiligen Geistes wurde den Christen der Kampf mit dem Fleisch nicht genommen. Das Fleisch machte immer noch nach allen Beziehungen Anforderungen an die Christen, namentlich wenn diese nicht wach genug waren; und Aufgabe war, "durch den Geist des Fleisches Geschäfte zu töten." Darum sagt Paulus (Gal. 5, 7): "Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten. Wer auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten." Könnten wir nicht sagen, Gott lasse sich auch insofern nicht spotten, daß Er ohne Weiteres den heiligen Geist da nicht belassen kann, wo man neben Ihm alle Werke des Fleisches tut, wenigstens nicht durch den Geist gegen sie sich wehrt? Wenn ferner Paulus die Korinther von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes sich reinigen heißt (2 Kor. 7, 1), wird sich der heilige Geist unausgesetzt beflecken lassen? Wenn wiederum Paulus sagt (Ephes. 4, 30 ff.): "Betrübet nicht den heiligen Geist Gottes, und lasset alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei, und Lästerung ferne von euch sein, samt aller Bosheit"; wird der heilige Geist bleiben können, wenn Er sieht, daß die Meisten, die Ihn haben, sich gar nicht angelegen sein lassen wollen, Ihn nicht zu betrüben? Wir brauchen es nicht weiter auseinander zu setzen, wie mit der Zunahme der sittlichen Verderbnis und mit der Abnahme höherer sittlicher Gesinnung und Art auch Abnahme des heiligen Geistes eintreten mußte, bis dieser zuletzt gar wich, weil so gut als Niemand mehr Allem dem entsprach, was beim Besitz des heiligen Geistes von ihm erwartet wurde. Wenn auch einzelne höchst achtungswerte Persönlichkeiten in der Kirchengeschichte vorkommen, so zeugte wohl in diesen mächtig der heilige Geist, aber ohne bei ihnen zu bleiben und Gaben und Kräfte zu Zeichen und Wundern ihnen mitzuteilen.
2) Es sind Spuren in der Schrift vorhanden, daß von dem Götzendienst nicht alle Christen ganz rein geblieben sind. So erinnert Paulus an die Israeliten in der Wüste, welche alle in der Gnade Gottes gestanden sind und durch Götzendienst in bedeutende göttliche Ungnade fielen, da er mit den Worten schließt (1 Kor. 10, 14): "Darum, meine Liebsten, fliehet den Götzendienst." Wiederum sagt warnend Paulus (2 Kor. 6, 14 - 16): "Ziehet nicht an fremdem Joch mit den Ungläubigen. Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial? Was hat der Tempel Gottes für eine Gleiche mit den Götzen?" "Ihr aber," fährt Paulus fort, "seid der Tempel des lebendigen Gottes." Wenn aber Gott in ihnen wohnte, als in einem Tempel, so war das vermittelst des heiligen Geistes. Konnte, wer irgendwie am Götzendienst sich beteiligte, noch ferner ein Tempel Gottes bleiben durch den heiligen Geist? Im Groben freilich hielten's Christen nicht leicht mit dem Götzendienst. Aber im Verkehr mit den Heiden, welche überall lange in der Mehrzahl waren, und unter welchen die Christen teils Freunde, teils Verwandte haben konnten, war im Kleinen und Feinen Allerlei möglich, wodurch eine Annäherung an das Götzenwesen, fast spielend und tändelnd, vielfältig sich zu erkennen gab. Wie gefährlich, die Christen auch dämonisch bindend, das werden konnte, sagt Paulus ausdrücklich zu den Korinthern, als er die Frage behandelte, ob der Genuß des Götzenopferfleisches erlaubt sei oder nicht. Da erlaubten sich die Korinther gar im Götzenhause selbst sich zu Tische zu setzen (1 Kor. 8, 10), frech sich für stark genug haltend, um das ohne Schaden tun zu können. Paulus aber sagt die bedeutsamen Worte (1 Kor. 10, 19 - 22):
v. 19. "Soll ich sagen, daß der Götze etwas sei? oder daß das Götzenopfer etwas sei?" - v. 20. "Aber ich sage, daß die Heiden, was sie opfern, das opfern sie den Teufeln (Dämonen), und nicht Gotte. Nun will ich nicht, daß ihr in der Teufel Gemeinschaft sein sollt." - v. 21. "Ihr könnt nicht zugleich trinken des Herrn Kelch, und der Teufel Kelch; ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Herrn Tisches, und des Teufels Tisches." - v. 22. "Oder wollen wir dem Herrn trotzen? Sind wir stärker, denn Er?"
Paulus fürchtet also den Einfluß von Dämonen, die Eingang in die Christen sich zu verschaffen suchten. Daß diese Dämonen die kleinste Spalte, daß ich so sage, die der Christ offen ließ, zum Eingehen benützten, dürfen wir doch wohl denken; und waren sie einmal da, wie schwer wurden sie wieder entfernt, da auch Niemand etwas dagegen tat, weil sie gar unbemerkt in Unzähligen hausen können. Ich rede aus Erfahrung. Nun aber konnte der heilige Geist doch nicht wohl mehr bleiben, wenn neben Ihm auch Dämonen sollten Besitz in den Christen gefunden haben. So sehr Alles auch den Götzendienst mied, so leicht konnten doch nach und nach die Meisten zu Schaden gekommen sein, ohne selbst es zu merken, weil sie nicht vorsichtig genug waren, zumal solcher Eingang der Dämonen, bei geringerer Achtsamkeit auf Reinhaltung der Sitten, schon beim einfachen Zutreten zu den Tempeln oder beim Anschauen unzüchtiger Statuen oder Bilder möglich war. Mit all dem aber wurde der heilige Geist geradezu verscheucht; und die Wunder gingen zur Neige.
3) Wir finden ferner im Neuen Testament manche Hinweisung darauf, daß neben dem heiligen Geist auch falsche Geister, die nicht aus Gott waren, unter den Christen sich vernehmen ließen. Schon den Korinthern muß Paulus Mancherlei sagen bezüglich der Benützung der Gnadengaben des heiligen Geistes, welche so reichlich unter ihnen ausgeteilt waren. Manche Unordnungen rißen ein, dazu Selbstgefälligkeit, unrechtes Verhalten mit dem Seinen vor den Andern, und sonst allerlei Streit und Eifersüchtelei. Da blieb denn nicht Alles lauter. Daher mußten, wenn Weissager redeten, Andere da sein, die richteten, d. h. erklärten, wie weit man die gegebene Weissagung für ächt zu nehmen habe (1 Kor. 14, 29). Die Thessalonicher ferner, um Anderes sonst Vorkommendes unberührt zu lassen, ermahnt Paulus (2 Thess. 2, 2), "sich nicht bewegen oder erschrecken zu lassen, weder durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief, als von ihm gesandt, daß der Tag Christi vorhanden sei." Da gab es also Brüder, welche durch den Geist zu reden schienen, aber einen Geist hatten, der irre führen konnte. Am Schlagendsten ist die Stelle im Briefe Johannis (4, 1):
v. 1. "Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falscher Propheten ausgegangen in die Welt."
Da ist doch klar ausgesprochen, wie man frühzeitig sich in Acht nehmen mußte, daß man nicht durch falsche Geister in Männern, die Propheten zu sein schienen, irre geführt wurde. So mochte es je länger je mehr werden; und die gewöhnlichen Christen kamen dadurch in peinliche Verlegenheiten und Gefahren, namentlich da die falschen Propheten immer besonders viel Anspruch auf Glauben machten, und geneigt waren, diejenigen, welche ihnen nicht glaubten, Lästerer des Geistes zu nennen. Sollte es möglich sein, daß der heilige Geist unter solchen Umständen länger blieb? Es war, möchten wir sagen, wenn, wie ich es selbst einmal hörte, zwei Brüder gegen einander schnaubend behaupteten: "Ich habe auch den heiligen Geist", gar kein anderer Rat Gottes mehr möglich, als daß Er den heiligen Geist ganz zurückzog, damit man geradezu von Allen, die aus dem Geist zu reden vorgaben, sich abzuwenden das Recht bekam, um allein bei der Schrift, die sicher aus dem Geist redete, zu bleiben. Das Bleiben des heiligen Geistes war geradezu unmöglich geworden. Derselbe wird auch gewiß nicht wiederkehren, ehe sämtliche falsche Geister, soweit sie aus der Unsichtbarkeit sich erkenntlich machen, entweder durch die Macht Christi gar zum Schweigen gebracht, oder als falsche leicht erkennbar gemacht sind. Die Wunder gingen nun aber auch dahin.
4) Langsam mag es rückwärts gegangen sein, wie mit den Gaben des Geistes, so mit den Wundern. Zuletzt scheint aber Alles schnell verschwunden zu sein, weil so bald gar keine Spur mehr sich zeigte; denn was etwa noch erzählt wird, trägt einen zweifelhaften Charakter. Mit der Abnahme von Wundern mag auch der Glaube an Wunder, nämlich an wiederholte Wunder, oder die wirksame Kraft des Glaubens an sie, abgenommen haben. Weil den Wundern so viel Verborgenes im Wege stand, wie ich das nächste Mal dartun will, konnte man sie weder mit Ernst im Namen Jesu, noch mit Bitten zum Herrn erzielen; und wenn doch vielleicht je und je noch Manches zu erreichen gewesen wäre, so bemächtigte sich Aller, auch der Besten, eine gewisse Ohnmacht, aus der sie sich nicht zu einer Kraft und Stärke im Herrn erheben konnten. Statt zu kämpfen und zu ringen um Erneuerung des Verlorenen, wie wohl im Anfang noch möglich gewesen wäre, und leichter, als jetzt, ließ man's allmählich liegen; und zuletzt hieß es, wie heute noch: "Wunder sollten nur in der ersten Zeit sein, dann nicht mehr." Begreiflich wurden so eigentliche Wunder, auch für Solche, die bisweilen schon noch Glauben gehabt hätten, zu einer völligen Unmöglichkeit, weil ein in Abgang Gekommenes nicht so schnell wieder in Gang gebracht werden kann. So ist's bis heute gewesen. Nur ein Neues von oben kann Alles wieder neu machen.
Ein Fünftes das nächste Mal.
(Forts. folgt.)
39) Die Wunder.
(Neunter Abschnitt.)
Im letzten Abschnitt wurden vier Ursachen angegeben, um deren willen man sich denken kann, daß der heilige Geist, und mit Ihm die Wunder, aus der Christenheit geschieden seien. Ein Wichtiges bleibt noch übrig anzuführen.
5) Was am Meisten wider den heiligen Geist war, ist das, was Lukas (Apost. 19, 19) "die vorwitzige Kunst" nennt, und was sonst in der Schrift Zauberei genannt wird. Die Christenheit, so sehr sie in dieselbe verflochten ist, will nicht von ihr gesprochen wissen. Man ist gewohnt, auch ohne sich ihr ganz zu entziehen, sie unter einen Aberglauben zu verweisen, hinter dem der Tat nach nichts sei, als Lüge und Täuschung, und übersieht es so ganz und gar, daß man bei ihr mit finsteren Kräften es zu tun hat, die nicht nur augenblicklich, wenn auch ganz im Verborgenen, den übelsten Einfluß auf den Menschen haben, sondern auch, wenn einmal eingedrungen, von selbst nicht wieder weichen, mithin, meist oder lange unbemerkt, als ein Bann im Menschen liegen können, neben welchem die Zinswohnung des heiligen Geistes sich nicht verträgt.
Die vorwitzige Kunst, oder die Zauberei ist nichts anderes, als ein Wirken mit der persönlichen Finsternis, wie wenn diese Gott wäre, der aus der Unsichtbarkeit Seine Hand darböte. Man tuts also, - ich kann nicht anders, denn gerade heraus reden, - mit dem Teufel, statt mit Gott, ob man sich's bewußt wird oder nicht. Was man nur mit gewissen Zeichen, mit gewissen Worten, zu gewissen Zeiten, dazu noch unter abergläubischem Anrufen Gottes, auch mit Anhängseln, sich wirksam denkt, zum Guten oder Bösen, ob man's frei tut, oder geheim und unbeschrien, erscheint als eine Herausforderung der Dämonenwelt, sich einzufinden und es zu bewerkstelligen. Hieher gehört Alles, was man unter Sympathie versteht, die man in scheinbar unschuldiger Form entweder selbst treibt, oder durch Andere an sich treiben läßt, da denn häufig schon kleine Kinder durch Hebammen und sonst abergläubische Frauen in den Bund der Finsternis gebracht werden, - ferner Kartenschlägerei und jede Form der Wahrsagerei, wenn sie ein Geheimnis eröffnen soll. Noch schlimmer ist's, wenn man mit der Geisterwelt selbst zu verkehren trachtet, entweder unmittelbar oder mittelbar, letzteres in neuerer Zeit durch Tischrücken, Geisterschreiberei, Erzielen von Geisterklopfen, auch durch Magnetismus und Somnambulismus, und anderes spiritistisches Wesen. Denke nun Jeder selbst nach, was das sei, in irgend einer Weise mit persönlichen Wesen der Finsternis in eine Gemeinschaft zu kommen, da doch nur so die geheimen und sonst unerklärlichen Wirkungen jener Kräfte möglich sind; und unter solchem Unwesen, zu dem vielfältig auch die besten Christen wenigstens teilweise ihre Augen zudrücken, soll man den persönlichen heiligen Geist noch haben, oder Gotteswunder erwarten dürfen!
Die Bedeutung der vorwitzigen Kunst erkannten die ersten Christen wohl, weswegen sie zu Ephesus (Apost. 19, 19) Bücher darüber, welche einen besonders großen Geldwert hatten, geradezu, sogar öffentlich, verbrannten, wie wenn sie Grauen und Schrecken davor hätten verbreiten wollen. Von der geheimen Wirkung der Zauberei bekommt man auch einen Eindruck bei der Erwähnung des Zauberers Simon in Samaria, da es so sehr betont wird, wie er das Volk, Kleine und Große, mit seiner Zauberei verzaubert habe (Apost. 8, 9 - 11). Sonst könnte es allerdings auffallen, daß von den geheimen Wirkungen der Zauberei in der Schrift nirgends eingehend die Rede ist; aber es scheint, sie achtete es unter ihrer Würde, so viel von der Macht der Zauberei zu reden. Wie die Zauberei ihr Wesen im tiefsten Versteck treibt, so daß nichts in ihr Geheimnis einzudringen vermag, so will die Schrift ihr Heimliches nicht offen zu Tag legen, wenn der Mensch nicht selbst drauf kommt. Dieser aber könnte darauf kommen, wenn er wahrnimmt, wie in der Schrift, teils bei Moses, teils in den Propheten, vor nichts mehr und mit stärkeren Worten gewarnt wird, als vor der Zauberei. Auch von dem geheimen Schaden der Abgötterei sagt die Schrift nichts, außer dem Einen, was wir das letzte Mal von Paulus angeführt haben. Wer aber den Warnungen der Schrift nicht Gehör schenken will, der soll den Schaden haben, welchen der Ungehorsam zur Folge hat, wie die ersten Eltern den Schaden von ihrem Ungehorsam tragen mußten, ohne eine Belehrung bezüglich der Schlange und ihres in der Frucht verborgenen Schlangengifts bekommen zu haben. Wenn Gott befiehlt, soll Er nur befehlen dürfen; und des Menschen Frage, warum Er's befehle, ist schon ein Ungehorsam, der sich alsbald mit Lüge bestraft, wie bei den ersten Eltern, welchen die Schlange die Frage warum? in den Mund legte. Wollte man aber nur auf die Erfahrung besser merken, so hätte man Antrieb genug, den Geboten Gottes unbedingten Gehorsam zu leisten. Aber sie wollen nicht hören, nicht aufmerken; und wer das nicht will, muß nach dem Sprichwort fühlen, und in diesem Fall, wie empfindlich! Denn die Zauberei, weil sie in Verbindung mit Persönlichem außer Gott bringt, bringt von Gott weiter ab, als Alles. Israel wurde einst um dieser Sünde willen Gott gegenüber der Hurerei und des Ehebruchs angeklagt, sofern es gleichsam mit Andern sich einließ, während es von keinem andern Bund, oder keiner andern Vermählung gleichsam wissen sollte, als mit dem Herrn, "der sich mit ihm verloben wollte in Ewigkeit." Zum Beweis aber, daß Zauberei und Wunder Gottes nicht zusammengehen, und diese da nicht sein können, wo jene ist, hat müssen Bileam einst sagen (4 Mos. 23, 23): "Denn es ist kein Zauberer in Jakob und kein Wahrsager in Israel. Zu seiner Zeit wird man von Jakob sagen und von Israel, welche Wunder Gott tut."
Blicken wir nun zur apostolischen Zeit zurück, so war in ihr freilich unter den Christen von vorwitzigen Künsten nicht mehr die Rede, hatten sie doch das gute Teil empfangen mit dem heiligen Geist. Aber fürchten für die Zukunft ließ doch schon ein Zauberer Simon, der in die Gemeinde aufgenommen war. Er war wohl nicht der Einzige; und wie schwer wurde es solchen Menschen, von ihrer Zauberei Alles rein abzulegen. Mit den ephesinischen Büchern waren nicht alle, die es gab, verbrannt; und wie leicht konnte der Fürwitz, auch die Gewohnheit, bei Manchem das Alte wieder wecken. Auffallend ist ferner, daß Paulus warnen mußte vor dem Götzendienst, daß Manche überhaupt unvorsichtig genug mit der Beteiligung an Götzenopfermahlzeiten, die doch auch dämonische Folgen hatten, sich betrugen, ferner daß Paulus unter den Werken des Fleisches, vor welchen er die Galater warnt, auch Abgötterei und Zauberei nennt (Gal. 5, 20). Auffallend ist weiter, daß falsche Geister sich bald einschlichen, vermittelst welcher leicht auch Zaubereisünden Eingang fanden. Denkt man an die Heiden, was die alle unter sich trieben, und wie Vieles konnten sie als Christen beibehalten, oder wieder aufsuchen, besonders als eine Abnahme des heiligen Geistes fühlbar wurde, da man Wunder, wie auch in unserer Zeit oftmals, mit anderen Kräften herbeizwingen wollte! Später kam das Christentum, und wie wenig geläutert, das wissen wir, unter die germanischen Völker, unter welchen Zauberei eine besondere Rolle spielte. Wie viel ist eben von dieser unsrem Volke verblieben, mit Tagwählerei, Segenssprechen, Zauberformeln, Wahrsagerei etc.! Später kam viel von den Arabern her; und unsäglich viel wurde durch die Kreuzzüge eingeschleppt, weswegen arabische Wörter und Zeichen auf den meisten unter unsrem Volke vorkommenden Zauberzetteln verzeichnet sind. In neuester Zeit hat auch die gebildete Welt, die überhaupt in nichts sich so fern stellt, als man gewöhnlich meint, Vieles mit neuen Namen zu Ehren gebracht, und mit dem Gedanken, daß es Alles nur Spiel der Natur sei. Wenige bedenken es, wie sehr dämonische Kräfte bei Allem im Spiele sind, welche nur einen bindenden Einfluß auf Unzählige ausüben, die zum Teil mit Lachen und Scherzen in diese Finsternisse sich verlieren, während sentimentale Naseweisheit Verkehr mit Verstorbenen durch Tischchen und Anderes sucht. Sollte neben Solchem, mit dem man in persönliche Gemeinschaft mit der Finsternis kommt, der persönliche heilige Geist fortbestehen oder Eingang finden können? Nimmermehr! Wie stimmt Christus mit Belial? Die ganze Welt liegt im Argen, ist eingetaucht in Gräuel der Finsternis, so wenig sie's glauben will. Da kann der Wundergott sich nicht offenbaren, und können Wunder des heiligen Geistes nicht geschehen. Auch wer nicht befleckt ist von diesen finsteren Dingen, nimmt's wenigstens nicht zu Herzen; und wenn auch Gott ihn ansehen möchte, so prallt's an denen ab, die ein Wunder vom Herrn erwarten, weil ein Bann in ihnen liegt, der nicht ausgelöscht ist. Was hilft da in den meisten Fällen aller Glaube? Vor Allem müssen die finsteren Kräfte aus dem Mittel getan werden, muß die Macht der Finsternis zertreten werden, um in nichts mehr etwas zu vermögen; eher haben wir nichts Gutes, nichts von einem heiligen Geiste, nichts von Wunderzeiten zu erwarten. Vor Gott aber sind alle Dinge möglich!
(Schluß folgt.)
40) Die Wunder.
(Zehnter Abschnitt und Schluß.)
Im 6. Abschnitt (III, 36) haben wir es dargetan, wie eigentlich in der Zeit nach Christo der heilige Geist und mit ihm die Wunder hätten fortbestehen sollen, um die Menschheit reif zu machen zur Zukunft Christi. Aber in den 3 nachfolgenden Abschnitten ist ausgeführt worden, wie mit dem Verschwinden des heiligen Geistes, worunter, um es wiederholt zu sagen, nicht ein Aufhören des Einflusses des heiligen Geistes, sondern das Aufhören der persönlichen Innwohnung desselben in den Christen verstanden ist, auch die Wunder aufgehört haben. Viele meiner Freunde werden sich verwundert haben, daß ich mit so großer Bestimmtheit die Erfahrung, welche die Christenheit gemacht hat und macht, dargelegt habe. Aber es ist gut, wenn man sich den Standpunkt klar macht, von dem aus die wichtigen Sachen zu behandeln und zu beurteilen sind. Mit dem Erwachen einer klaren Erkenntnis von Allem wird auch alle Täuschung, der man sich so gerne hingibt, wegfallen, auch der ganze Ernst verstanden werden, welcher in Allem liegt.
Die Frucht nämlich von dem eingetretenen Mangel liegt offen zu Tage, und scheint in unsrer Zeit immer empfindlicher hervorzutreten. Von dem Überhandnehmen des Unglaubens brauche ich kaum zu reden, das unsre Zeit charakterisiert; und wie ist das anders möglich, wenn nirgends die volle Kraft des Evangeliums wahrgenommen wird, schon im Wort nicht, das gepredigt wird; noch mehr tritt's hervor in dem, daß man im Allgemeinen mit seinem Glauben nur auch gar nichts vermag, um in überzeugender Weise auf die Christenheit zu etwas Besserem zu wirken. Wer einmal, sich losreißend von den kindlichen Eindrücken, welche doch noch Viele in der Jugend bekommen, anfängt, in die Kritik zu kommen und von Zweifeln sich einnehmen zu lassen, wie kann er wieder davon loskommen, wenn er nichts den Zweifel mit der Tat Niederschlagendes vor sich sieht! Wie Viele kommen darum an eine äußerste Grenze des Unglaubens! Die Wunder der Schrift schon, wie selten werden sie auf eine das Gemüt erhebende Weise geglaubt! Sie liegen auch in dem der sie noch glaubt, als ein totes Kapital. Daß an dem Glauben der Gläubigen vielfältig nicht viel ist, erkennt man schon an dem, daß auch sie gerne über die Möglichkeit neuer Wunder die Achseln zucken, und über etwa geschehene Wunder lächeln und spötteln, nicht bedenkend, daß sie damit den Stab über alle Wunder brechen, und denen entgegenkommen, die nun offen sagen, es sei einmal Zeit, das Einmal Geschehene, worunter die Gesamtheit alles Wunderbaren in der Schrift verstanden ist, von sich abzuschütteln. Auch das Wunder der Person Jesu, Seiner Menschwerdung, Seiner Auferstehung, Seiner Himmelfahrt, wird von den Meisten mit so schwachem Gefühl und so wenig ganz und mit voller Entschiedenheit geglaubt, daß man sie kaum für berechtigt halten kann, so sehr über die, welche nichts glauben, zu eifern; denn die sogenannte Wissenschaft zeigt ihnen allerlei Hintertüren. Wie arm und unwissend steht vollends die große Menge da, nicht überall gleich, aber doch in gar vielen Gegenden fast jammervoll, namentlich in der andern Kirche, da sie doch auch zu den Christen gehören! Schon der Zug zum Wort Gottes, so viel man auch Bibeln verbreitet, und zu den Kirchen und Gottesdiensten, wie gering ist er geworden! Sonst geht Alles seinen Weg natürlich, fleischlich, sündlich, oft wohl ehrbar, aber wie ungöttlich durch Alles hindurch! Wenn nur auch die, die geistlich sein wollen, alle geistlicher wären! Aber man sage selbst, wie wenig man überall an einander hat zu geistlicher Erbauung und Aufrichtung, selbst da, wo es noch einigen Schein hat. Solches Alles sage ich nicht, um zu tadeln, zu schelten oder zu richten; denn ich fühle mich selbst auch zu sehr als ein Kind unsrer Zeit, und unterscheide mich von Andern nur etwa darin, daß ich darunter seufze, sie vielleicht nicht, oder nicht genug. Nein, schelten und richten kann ich nicht mehr, kann ich Niemand mehr; denn ich denke mir immer, wer wohl die oder jene wären, wenn wir die großen Güter des Evangeliums noch hätten.
Überlegen wir, wie Alles so geworden ist, so können wir nicht anders, denn sagen, daß die List und Macht der Finsternis, gegen welche keine entschiedenen Angriffe gemacht worden sind, an Allem Schuld ist. Satan mit seinen Künsten hat Alles einzunehmen gewußt und die Zahl ächter und Leben zeigender Bekenner des Evangeliums auf ein Kleinstes heruntergedrückt, wie man jetzt häufig nur von einem kleinen Häuflein redet, das selig werde, gegenüber den unzähligen Massen, die Alle verloren gehen sollen. Hiegegen aber sträubt sich mein Gemüt aufs Äußerste. Soll der Herr Jesus, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug, so wenig Frucht von Seinem bittern Leiden und Sterben haben? Soll der Teufel mächtiger und stärker sein, als der Herr Jesus, und dieser außer Stands sein, dem Hohnlachen der Finsternis zu steuern? Soll Jesus, dem doch alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, so zu einem Nichts heruntergedrückt werden, als es jetzt den Anschein hat? Sollen die Recht behalten, welche bereits triumphieren, daß man nun bald mit dem Christentum auf Erden werde fertig werden? Gott hat die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab; und wer sind sie nun, die Gott mit dieser Hingabe Seines Sohnes gewinnt? Gott versöhnete die Welt mit Ihm selber, und rechnete ihr die Sünden nicht zu (2 Kor. 5, 19); und wer sind sie nun, die als die Versöhnten erscheinen? Christus ist die Versöhnung für der ganzen Welt Sünde geworden (1 Joh. 2, 1); und nun soll's bei einem geringen Häuflein zur Wirklichkeit kommen? Das letzte öffentliche Wort Jesu, auf Griechen hinweisend, die Ihn zu sehen begehrten, war (Joh. 12, 32): "Und ich, wenn ich erhöhet werde von der Erde, so will ich sie Alle zu mir ziehen." Macht man aus diesen Worten Jesu nicht geradezu einen Spott, wenn man unter Allen nur das versteht, was man jetzt vor Augen hat, und wie es Viele sich denken? Stelle ich mir die großen Verheißungen der Schrift vor, wenn Gott bei Jesajas sagt (45, 22 - 24): "Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Ende. Ich schwöre bei mir selbst und ein Wort der Gerechtigkeit gehet aus meinem Munde, da soll es bei bleiben: ""Mir sollen sich alle Kniee beugen und alle Zungen schwören, und sagen: Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke,"" - ferner wenn Paulus sagt (Phil. 2, 10. 11): "Gott hat Ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle der Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters," was doch nicht heißen kann, daß sie dann mit nur wenigen Ausnahmen werden in den Abgrund geworfen werden, - ferner wenn in der Offenbarung (7, 9) von "einer Schaar die Rede ist, die Niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl Gottes stehend," - denke ich an diese und andere viele Verheißungen der Schrift, so bleibt mir's unumstößlich gewiß, daß die jetzt allerwärts bestehende Armut und der so grell sich darstellende Abfall nichts Anderes ist, als Folge eines wunderbaren Zusehens Gottes und unsres Heilandes, um desto gewisser "sich zuletzt Aller erbarmen" zu können (vergl. Röm. 11, 32 ff.). Er siehet zu auf eine Zeit, da Er plötzlich erwachen, das Licht wieder hervorbrechen lassen und mit wunderbarer Übermacht Aller Herzen noch an sich ziehen wird. Entweder ist's nahezu nichts mit allem Evangelium und seinen großen Hoffnungen, wie wir's bisher ohne innere Bewegung, nur nach dem System, geglaubt haben; oder eine große wunderbare Sieges- und Triumphzeit muß noch kommen, welche aller Welt beweisen soll, daß Jesus doch Der ist, der einen Namen hat, der über alle Namen ist. Die Herrlichkeit des Herrn, wie schon Jesajas gesagt hat, muß sich noch allem Fleisch offenbaren.
Eine andere Zeit freilich kann nicht langsam, mit allmählicher Entwicklung aus dem heraus, was da ist, eintreten. Nur eine Allmachtstat Gottes, die schnell durch Alles hindurch eine neue Bewegung und ein neues Erwachen schafft, kann der durch die feinsten Fugen hineingedrungenen Verderbnis eine andere Wendung geben. Er muß lösen den Bann, der auf Allem liegt, und statt dessen sich selbst geben nach Seiner Freundlichkeit und Liebe. Insofern bin ich mutig genug, nach den Propheten, die mir's in unzähligen Stellen gleichsam aufdrängen, noch eine dritte Offenbarungsepoche zu erwarten, nicht in dem Sinn, daß neue Offenbarungen in Aufschlüssen kommen sollen, wie sie mit Mose und Christo kamen, - denn an diesen muß es genügen, - sondern in dem Sinn, daß das durch Mose eingeleitete, und durch Christum zur Möglichkeit einer Verwirklichung gekommene Heil, durch neues, unzweideutig als von oben kommendes Wirken über die ganze Kreatur hin wirklich vollbracht werde. Solche Epoche fände ihren Abschluß in der Zukunft des Herrn, und müßte eben hierauf hin gewaltige Vorbereitungen von Seiten Gottes in sich schließen, unter welchen Gottes wunderbare Hand allen Völkern der Erde fühlbar wird.
Fest ist, daß die Kräfte der Finsternis nicht ewig werden zum Verderben des Menschen und zum Aufhalten seines Heils ihr Spiel treiben dürfen. Endlich wird doch der Eifer des Herrn erwachen; und je mehr, wie bereits, wenn auch mehr im Verborgenen, geschieht, der Herr von den Seinen angerufen wird wider die Finsternis, je mehr Kämpfe dagegen gekämpft werden, da doch in unsern Tagen Vieler Aufmerksamkeit darauf stark angeregt worden ist, je mehr auch die Auserwählten überhaupt schreien lernen: "Rette uns von unsrem Widersacher," - desto gewisser läßt sich erwarten, daß es zuletzt bis auf einen Punkt gekommen sein wird, da mit Einem Male der Herr durchbrechen und die Kräfte der Hölle wie mit Einem Schlag so niederschmettern wird, daß sie aufhören müssen, so geheim auf das ganze Wesen des Menschen zu wirken, wie das bisher gewesen ist, daß auch alle Wirkungen der vorwitzigen Kunst gänzlich versagen werden. - Breschen sind bereits in das Bollwerk der Finsternis geschossen, wie man an dem sehenkann, daß mehr als früher Fürbitten gerade in dämonischen Angegriffenheiten starke Wirkungen haben, nicht so, daß man offen davon reden und zeugen kann, weil die Wirkungen zunächst doch mehr ausnahmsweise erscheinen, aber so, daß, wer will, da und dort stille Beweise davon finden kann. Auch andere Gebetserhörungen wider harte Krankheiten und sonst sind um Vieles häufiger und mitunter auch frappanter geworden, als das in früheren Zeiten der Fall war.
Wenn namentlich der Verfasser dieser Blätter Manches und Vieles erfährt, so steht das im Zusammenhang mit einem vor 30 Jahren, wenigstens teilweise, glücklich vollendeten Kampfe, den er mit der Finsternis hatte. Die nächste Folge des erlangten Siegs war sichtbar eine verhältnismäßige Befreiung von finsterer Macht in ziemlichem Umkreise, da auch die Greuel, die im Aberglauben liegen, zu allgemeinerer Kenntnis kamen; und so zeigten sich auch gleich und ganz ungesucht, ja überraschend, auffallende Heilungen, die damals ziemlich Aufsehen machten. Noch wichtiger aber war die damals plötzliche und allgemeine Erweckung in einer ganzen Gemeinde und weit umher zu Buße, Sündenerkenntnis und Vergebung der Sünden, welche an Realität viele andere, von denen man sonst hört, mag übertroffen haben, zum Beweis, wie schnell Herzen empfänglich werden für das Heil in Christo, wenn nur die über ihnen gelagerten Kräfte der Finsternis beseitigt, oder nur auch gelockert sind. Wer jene Zeit mit erlebt hat, wird mir's verzeihen können, wenn ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß sie mir ein Vorbild ist von dem, was einmal in der ganzen Welt vorgehen wird, da der Sieg Christi über Seine verborgenen Feinde wird völlig geworden, und dann auch die Bahn zur eigentlichen Wiederkehr des heiligen Geistes wird gebrochen sein. Solche plötzlich, wie über Nacht, eintretende Heilszeit, - denn anders ist es nicht denkbar, - stelle ich mir so bedeutend vor, daß ich sie eben darum eine dritte Offenbarungsepoche zu nennen geneigt bin, in welcher alle Kräfte des heiligen Geistes und demgemäß alle Wunder der Vorzeit, selbst nach Erfordernis die großen mosaischen Wunder, kurz Alles, was je Wunderbares geschah, wie in einer neuen Auflage wird wieder zu Tag kommen, weil Gott, der nicht will, daß Jemand verloren gehe, sein Äußerstes tun wird, um möglichst Jedermann zur Buße zu bringen (2 Petr. 3, 9). Eine Vorstellung darüber freilich, wie sich's machen werde, wage ich nicht bei mir festzusetzen; auch darüber, wie sich's zum nachfolgenden Antichristlichen gestalten werde, mache ich mir noch keine Gedanken. Erst, wenn das Erste kommt, wird man im Zweiten sich zurechtfinden können. Des Herrn Hand aber ist nicht verkürzt, um Alles in vollkommenster Weise zum siegreichen Ziele zu führen, was irgend je in den Propheten und sonst verheißen ist. Aus Allem aber mag man ersehen, wie ich mir nicht denken kann, wie große Wunder, wenn der Herr nicht Ausnahmen machen will, sollen möglich sein, ehe die angeführte Heilszeit angebrochen ist.
Ehe ich schließe, gedenke ich bedeutender Verheißungen, die noch in dieser Zeit auf ihre Erfüllung warten, und denen ich immer mehr Bedeutung habe geben müssen, als es Andere tun. "Die Schrift aber kann nicht gebrochen werden." Wann ist erfüllt worden, was Moses zu Israel, sicher auch mit weiterem Umfang, sagt:
(5 Mos. 30, 6) "Der Herr, dein Gott, wird dein Herz beschneiden, und das Herz deines Samens, daß du den Herrn, deinen Gott, liebest von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf daß du leben mögest?"
Wann ferner ist das Wort in Jesajas erfüllt worden, das lautet:
(Jes. 25, 7) "Und Er wird auf diesem Berge das Hüllen wegtun, damit alle Völker verhüllet sind, und die Decke, damit alle Heiden zugedeckt sind?"
Wiederum, soll's mit Joels Weissagung von der Ausgießung des Geistes Gottes über alles Fleisch, die erfolgen soll, "ehe der große und schreckliche Tag des Herrn erfolgt, da dann, wer des Herrn Namen anrufen wird, soll errettet werden; denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird eine Errettung sein, wie der Herr verheißen hat, auch bei den andern Übrigen, die der Herr berufen wird," (Joel 3, 1 - 5), - soll's mit dieser Weissagung aus sein, weil der Anfang der Erfüllung an Pfingsten geschah? Ich frage weiter, wann ist Hesekiels Wort erfüllt worden? Da heißt es:
(Hes. 36, 26. 27) "Und ich will euch ein neu Herz und einen neuen Geist in euch geben, und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen, und euch ein fleischern Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und darnach tun.
Noch Vieles könnte ich anführen, namentlich auch Jes. 40, 1 - 8. Die lieben Freunde mögen aus Allem ersehen welch' Großes ich von einem Heilande erwarte, der Sein Blut vergossen hat für die Sünden der ganzen Welt, und welch Großes ich für eine Welt erwarte, welche Gott so sehr geliebt hat, daß er ihr Seinen eingebornen Sohn hingab. Wenn Gott liebt, so muß wahrlich etwas Rechtes, Seiner Majestät und Größe Entsprechendes zu erwarten sein. Ja, Gott liebt, liebt auch die Sünder, für die Jesus geblutet hat; und Seine Liebe bleibt ein ewig leuchtender Stern für die ganze seufzende Kreatur. Mit Lieben will sich Gott groß machen an der ganzen Schöpfung; und weil Er liebt, hat Er mit großer Geduld zugewartet, bis sich Alles reif machte zum Empfang Seiner Liebe. (2 Petr. 3, 9).
41) Untunliche Fürbitten.
Frage: "Der Heiland sagt im hohepriesterlichen Gebet (Joh. 17, 9): ""Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein."" - Und Johannes sagt (1 Joh. 5, 16): ""So Jemand siehet seinen Bruder sündigen, eine Sünde nicht zum Tode, der mag bitten. Es ist eine Sünde zum Tode, dafür sage ich nicht, daß Jemand bitte."". - Welches ist nun die Sünde zum Tode? Ist's der Unglaube? Sollen wir nur für die Brüder bitten? und nicht für die, welche das Wort Gottes kennen, aber nicht glauben und nicht Buße tun wollen?"
Antwort. Die Frage, aus dem Bauernstand an mich gerichtet, kann nach drei Seiten besprochen werden, in wiefern Fürbitten auch untunlich sein können.
1) Es erscheint allerdings auffallend, daß der Heiland in Seinem Gebet ausdrücklich sagt, Er bete für Seine Jünger, und nicht für die Welt. Warum doch das? können wir fragen. Indessen kann schon der Beisatz: "Denn sie sind Dein," in etwas zum Verständnis führen. Bitten für die, die des Herrn sind, sind doch ganz andere, als Bitten, die man sich für solche denkt, die nicht des Herrn sind. Der Heiland nun will zunächst für die Seinen bitten, und hat somit Bitten der Liebe und Freundschaft auf dem Herzen, Bitten um allerlei Gutes für Leib und Seele, das doch Sein Vater möge Seinen Lieben, nach Seinem Weggange von der Erde, zukommen lassen. Das sind Bitten, wie er sie für die Welt als solche nicht tun kann, ehe sie auch Seinem Herzen nahe gekommen ist. Er wagt sie schon gar nicht vor Seinen Vater für die Welt zu bringen. Sehen wir weiter das Gebet an, so bittet Er für Seine Jünger (v. 11): "Erhalte sie in Deinem Namen, die Du mir gegeben hast, daß sie Eines seien, gleichwie wir." So kann Er für die Welt nicht bitten. Ferner bittet Er (v. 13), "sie möchten in sich Seine Freude vollkommen haben." Wiederum (v. 15): "Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel." Ferner (v. 17): "Heilige sie in Deiner Wahrheit." Das sind lauter Bitten, die Er nur für Seine Jünger bitten kann; und so sagt Er: "Ich bitte für sie, und bitte nicht für die Welt." Obwohl Er der ganzen Welt zu lieb gekommen ist, will Er doch eben jetzt besondere Bitten tun für Seine Jünger, die Ihn lieb haben. - Im Verlauf aber erweitert Er den Kreis derer, für die Er bitten will, und dann das Nämliche bitten will, was für Seine Jünger, wenn Er betet (v. 20): "Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, daß sie auch mögen in uns Eins sein." Für die Welt aber hat der Herr vorerst nur allgemeine Bitten, oder allgemeines Interesse, wie das schon in den Worten liegt (v. 18): "So sende ich sie, nämlich meine Jünger, auch in die Welt," d. h. die Welt herzurichten, daß man auch für sie kann allerlei Bitte und Fürbitte tun; - ferner in dem Wort (v. 21): "Auf daß die Welt glaube, Du habest mich gesandt", wiederum in dem Wort (v. 23): "Daß die Welt erkenne, daß Du mich gesandt hast." Da zeigt also der Herr volles Interesse für die Welt. Sie aber, so lange sie Welt ist, verdient keine andere Fürbitte, als die, daß sie glauben und erkennen lerne. Eher kann für sie keine andere Bitte geschehen. Wir nehmen's da nicht immer so genau, und meinen, wir könnten und dürften und sollten für Jedermann, wenn er nur uns äußerlich näher angeht, ob er auch sonst vom Herrn noch so ferne stehe, das Nämliche erbitten, wie für Liebhaber Jesu. Da soll solche Fernstehende Gott segnen mit Wohltaten aller Art, mit Glück und Gesundheit, mit wunderbarem Raten und Helfen, wie wenn Alles zwischen ihnen und Gott im Reinen wäre. Da kommt's mit unsren Fürbitten nicht gerade immer geschickt und Gottes würdig heraus. Denn Segen und Frieden und alles Gute kann nicht gleich ohne Weiteres überall Raum und Boden finden.
2) Besehen wir nun die Stelle in Johannes, da er sagt, für einen Bruder zu bitten, der eine Sünde zum Tod getan habe, heiße er gerade nicht. Man sieht es, daß er es nicht eigentlich verbieten will; aber anbefehlen will er's auch nicht. Es ist ihm, scheint es, wie wenn jetzt der Bruder Welt wäre, Welt, für die man zunächst nicht mehr Allerlei bitten darf, weil's schon vor Gott sich nicht schickte. Eine Sünde zum Tode nun ist nicht der Unglaube; denn am Glauben fehlt's im Grunde auch jenem Bruder nicht, sondern am Tun darnach. Der Unglaube ist überhaupt nur ein sündlicher Zustand, nicht mit einer Tatsünde zusammenzustellen. Sünden zum Tod, denke ich, sind solche, auf welche mit ausdrücklichen Worten der Tod gesetzt ist, sei's, daß Gott selbst der Rächer sein will, wie es heißt: "Hurer und Ehebrecher wird Gott richten," oder daß die Obrigkeit die Todesstrafe zu verhängen hätte, wie über Mörder. Wenn nun ein Bruder, der doch Jesum kennt, der auch den heiligen Geist, wie damals, hatte, solche todeswürdige Verbrechen tut, verbietet es schon der Anstand gegen Gott, es nur gleich im Gebet zu fordern, Gott solle es doch den Bruder nicht entgelten lassen, solle ihm's nachsehen, auch wenn er etwa noch nicht zur Buße geneigt ist. Förmlich bitten für solchen Bruder kann Einer, der in der Furcht Gottes steht, nicht immer, ohne das Gefühl zu bekommen, daß ihm selbst der Respekt vor Gott abgehe. Da ist oft ein bekümmertes Schweigen vor Gott eine viel anständigere und wirksamere Fürbitte, als eine Bitte mit Worten. Sieht Gott dich in solcher Trauer und im Schmerz wegen des Bruders, auch um des Herrn willen, der mit betrübt ist, so ist das genug für Gott, doch auch, so viel möglich, auf dich zu achten, und Solches als eine Bitte hinzunehmen, ohne daß du förmliche Worte darüber an Gott richtest. In der Folge kann sich Alles immer mehr bessern, je nachdem der Bruder, der gesündigt, zur Reue und Buße kommt. Dann geht's auch wieder mit der Bitte an. Denn zuletzt muß die Liebe alle Sünder annehmen; aber die Heiligkeit Gottes müssen wir auch immer im Auge behalten, namentlich wenn wir vor Ihn betend treten.
3) Es wird endlich ängstlich gefragt, ob man denn nur für Brüder bitten dürfe, und nicht auch für Andere, namentlich nicht für solche, die Gottes Wort kennen, ohne zu glauben, (d. h. hier wohl, ohne zu den sogenannten Gläubigen sich zu stellen), oder Buße zu tun. Wir müssen uns aber doch auch in Acht nehmen, daß wir nicht mit dem Worte Bruder gegenüber von Nichtbrüdern zu viel Wesen machen. Wir sind in einer Christenheit, in der man sich nicht so sehr nur gleich als Bruder darf über die Andern erheben. Sie sind Alle auf den Namen Christi getauft, sind unterwiesen im Worte Gottes, haben auch mehr oder weniger eine Weisung von oben in sich, oft mehr, als man sich denkt, wobei freilich von entschiedenen Christusleugnern nicht die Rede sein kann. Für gewöhnlich muß man sachte tun, sich so hoch als Bruder, und Andere so niedrig als Nichtbrüder zu denken. Kommt's vollends auf Sünden an, so sind diese auch nicht immer gerade vorzugsweise bei den Nichtbrüdern. Sie können auch bei den Brüdern sein, und oft auf empfindliche Weise. Wir sollen also möglichst für Alle bitten, für Alle eine brüderliche Empfindung haben, ob sie nach dem Anschein weit sind im Christentum oder nicht. Wir dürfen für Alle bitten, weil sie mehr oder weniger doch Brüder sind, und dürfen den Herrn anrufen, daß sie lernen sich näher hergeben und für ihre Seele sorgen. Nur wenn gerade eine Todsünde irgendwo ist, - ach, wie oft ist sie eben bei Brüdern, wie schon die Stelle in Johannes andeutet, - hat man mit Bitten in oben angegebener Weise sachte zu tun, ohne wegzuschätzen oder zu verwerfen, nur um der Ehre Gottes willen. Sonst aber muß Jeder wieder Bruder werden und Bruder bleiben; und mit brüderlichem, sage brüderlichem Entgegenkommen gegen Jedermann, wie viel kann doch damit erreicht werden?
42) Der Wille zur Seligkeit.
Frage: "Da Sie schon so manche Fragen in Ihrem mir lieb gewordenen Blatte beantwortet haben, so möchte ich mir, einem einfachen Laien, erlauben, auch eine Frage zu stellen, welche Sie die Güte haben mögen, freundlichst zu beantworten: ""Will der Mensch Seiner Seele Seligkeit?"", d. h. hat der natürliche Mensch überhaupt guten Willen, daß er im Ernste seiner Seele Seligkeit will?"
Antwort: Das Weitere des Briefs zeigt mir, daß die Frage auf einen Punkt führen will, über welchen von jeher alle Theologen und Christen im Unklaren gewesen sind. Sie geht in's Philosophische hinein über die Freiheit des Willens; und darin haben sich schon die größten Denker versucht. Aber fertig geworden ist die menschliche Wissenschaft noch nicht darüber. Wir aber wollen ein wenig bei der Einfalt bleiben, auch bei der Liebe, die den Menschen gerne auch noch etwas Gutes zutraut; und für das, was unser innerer Mensch braucht, können wir uns schon etwas zurechtfinden.
Jetzt sind wir Alle Christen; und die Christen, die auf den Herrn Jesum getauft sind, sind nicht mehr so ganz natürliche Menschen, wie etwa ungetaufte Heiden. Wir müssen annehmen, weil denn doch die Taufe etwas ist, daß der getaufte Christ etwas vom Geiste Gottes vernehmen kann und darf, also nicht mehr völlig natürlich ist. Was er freilich vernimmt, kann von ihm überhört, zu Zeiten auch verdeckt, und wie ausgelöscht werden, je nachdem er ohne Bildung und Unterricht und unter unrechten Menschen aufwächst, oder in ein Weltwesen hereinkommt, das ihn nur Irdisches und Zeitliches, auch Sündliches und Fleischliches, noch hören läßt, so daß ihm höhere Empfindungen und innere Vernehmungen ganz fremd werden. Solchen Menschen kann man schon natürlich nennen; aber ganz ist er's doch nicht. Zu Zeiten regt sich doch etwas in ihm von dem durch die heilige Taufe Empfangenen; und weil auch ein Zug des Heilands zu ihm verbleibt, der ja durch die Taufe einen Bund mit ihm gemacht hat, so drängt sich ihm oft, wenn auch nur auf Augenblicke, ein Besseres auf. Sonst fragt er vielleicht dem Ansehen nach nichts nach dem Jenseits, nichts nach Seligkeit oder Unseligkeit, macht sich auch im Leichtsinn allerlei dumme Gedanken, wie, daß Gott nach dem Menschen nicht viel frage, daß es ihm undenkbar sei, wie Gott solle Alles vor Gericht bringen, ferner, daß Gott nicht anders könne, als Alle selig machen, daß es gar keine Verdammnis gebe, daß wohl gar nach dem Tode der Mensch nichts zu erwarten habe, u. dergl. So kann Mancher schwatzen; aber drunter hinein wird es ihm doch auch wieder anders. Der Heiland sucht ihn wohl auch; und das menschliche Leben hat seine Stacheln, die ihm empfindlich werden, ihn besonnener machen, daß er ein wenig aufwacht. Fängt er aber an zu erwachen, so zupft's ihn schon, daß er mit einiger Sorge denkt, wenn er doch nur auch gewiß selig werde. So geht es Unzähligen, über welche wir oft ein wenig teilnahmslos hinwegsehen, während doch in ihnen noch nicht Alles erstorben ist. Meines Dafürhaltens soll man bei gewöhnlichen Menschen, wenn sie auch ferne bleiben, den Willen zur Seligkeit nie als gar nicht vorhanden nehmen. Denn, wie gesagt, nach ihrem Geschwätz darf man sie nicht immer nehmen; und je nachdem man sich zu ihnen stellt, kann man merken, daß im Stillen etwas Besseres schlummert, das oft schnell sich vordringt und ernster macht. Werden sie krank, so greifen sie nach Büchern, lieben Zuspruch, schämen sich wohl auch etwas, und haben Besuche von Seelsorgern und Freunden nicht ungerne. Fragt man sie da: "Willst du denn auch selig werden?" so ist's ihnen ernst, wenn sie antworten: "Ja wohl, in die Hölle möchte ich nicht kommen."
Sonst ist der ernstliche Wille nach der Seligkeit allerdings nur bei bekehrten Christen, wiewohl es deren Manche gibt, die ihn mehr im Munde als im Herzen haben; sonst wären sie oft vorsichtiger in ihrem Wandel. Unbekehrte bekommen gar zu viele Einflüsse von Seiten der Finsternis, und können, wenn immer nur Ungöttliches auf sie einwirkt, außerordentlich stumpf werden. Aber daraus folgt nicht, daß nicht auch ein Keim zur Bekehrung in ihnen liege, und somit auch ein Zug der Bekehrung an sie kommen könne, wozu der Heiland mancherlei Wege hat. Oft kann ein kräftiges Wort eines Predigers plötzlich den unbekehrten und stumpfen Menschen aufschrecken, daß es ihm um's Seligwerden bange wird. Als Petrus an Pfingsten den Juden predigte, eben angetan mit der Kraft des heiligen Geistes, waren die Juden lauter solche, die nicht viel nach der Seligkeit gefragt hatten; denn wie Viele hatten kurz vorher noch gerufen: "Kreuzige Ihn!" Aber Petri Wort drang ihnen durchs Herz, daß ihrer dreitausend mit Einem Mal fragten: "Was sollen wir tun, daß wir selig werden?" Darum meine ich, muß man jeden Menschen, wer er auch sei, so nehmen, daß für ihn die Zeit kommen könne, da er ernstlich darnach trachtet, selig zu werden. Einstweilen müssen wir mit Allen Geduld haben, weil so gar sehr Alles mit Finsternis bedeckt ist. Warten wir auf eine Zeit, - und sie ist vielleicht näher, als wir glauben, - da der Herr die Hülle von den Menschen wegnehmen, und sie frei machen wird von den Gebundenheiten der Finsternis, auch den Geist der Buße und des Gebets wieder geben wird. Da können wir noch Wunder erfahren, eben an denen, von welchen wir geglaubt haben, der Wille zur Seligkeit bleibe ihnen ewig fern. Ich sage frei, daß alle Menschen fähig sind, den Willen zur Seligkeit zu bekommen, weil es von Gott heißt, daß Er wolle, daß Alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen; und wenn sie ihn nicht haben, sind sie nur Gebundene und Geknechtete. Der Herr wird aber einmal alle Gebundenheit aufheben, und dann wird man sehen, was Gutes im Grunde in allen Menschen steckt. Nur Niemanden weggeworfen! Der Heiland tuts auch nicht! Ach, daß Seine Erlösungsgnade bald anbräche, das angenehme Jahr des Herrn, da Alles rufen wird: "Was sollen wir tun, daß wir selig werden!"
43) Beschlossen unter den Unglauben.
(Erster Abschnitt.)
Frage: "Ich wage es, mit einer Bibelstelle vor Sie zu kommen, über die ich noch nie recht Klarheit bekommen konnte. Es ist die Stelle Röm. 11, 32: "Denn Gott hat Alles" (sollte heißen: Alle) "beschlossen unter den Unglauben, auf daß er sich Aller erbarme". Gott pactirt doch nie und nimmer mit dem Unglauben. Wie will doch wohl der Apostel verstanden sein, wenn Er das göttliche Erbarmen (scheinsweise?) mit dem Unglauben in Verbindung bringt? Überhaupt ist mit die Ausdrucksweise des Apostels in diesem Verse dunkel, wenn er sagt: "Beschlossen unter den Unglauben."
"Wollten Sie darüber in ihren Blättern mir Ihre Erklärung zukommen lassen, so wäre ich Ihnen dafür sehr verpflichtet."
Antwort. Wenn der Fragesteller meine Erklärung des obigen Spruchs zu bekommen wünscht, so muß ich zum Voraus bekennen, daß ich bisher so wenig über den Spruch klar gewesen bin, als er. Es war mir daher ein wenig bange vor der Frage, die schon im November vorigen Jahrs an mich gekommen ist. Ich fürchtete mich, dran zu gehen, weil sie in Allerlei führt, darüber es schwer ist, sich auszusprechen, ohne etwa da und dort anzustoßen. Aber mein Sohn, der mir die eingelaufenen Fragen sammelt, und, wenn ich sie brauche, zuschiebt, legte mir einmal über das Andere diese Frage vor, und meinte, ich werde doch diese wichtige Frage nicht ganz fallen lassen. So unternehme ich's endlich, muß aber erst mich besinnen, wie ich soll zu etwas Bestimmterem und Sicherem kommen. Wie's ausfällt, weiß ich noch nicht; denn bei so wichtigen und tief gehenden Punkten kommen mir die mich befriedigenden Gedanken gewöhnlich erst unter dem Schreiben. Der Spruch nämlich ist der Art, daß man bei ihm mit der angenommenen Kirchenlehre oder mit herkömmlichen Vorstellungen nach manchen Seiten in Konflikt kommen kann, weswegen auch meines Wissens Niemand recht über den Spruch zu reden wagt. Der Kirchenlehre aber entgegen zu denken oder mich auszusprechen, habe ich mich immer gescheut. Denn ich habe eine Ehrfurcht vor ihr, und fühlte mich daher durch sie in Allem, das ich etwa anders habe, als Andere, stets in den rechten Schranken. Je und je kann's den Schein haben, als weiche ich von ihr ab, aber nur den Schein; denn der Geist der Kirchenlehre kann eingehalten werden, auch wenn der Buchstabe etwas freier genommen werden muß. Sonst aber haben sich auch an die Kirchenlehre allerlei Gedanken nach einer Art Tradition angehängt, die man oft als zur Kirchenlehre gehörig nimmt, ohne daß es so ist. Wenn z. B. viele Gläubige es als zur Rechtgläubigkeit gehörig nehmen, daß der geistliche Zustand des Menschen, in welchem er sich beim Sterben befindet, entscheidend für ihn sei auf alle Ewigkeit, so sagt das die sanktionierte Kirchenlehre kaum irgendwo; und nur ein unberechtigter Eifer hält dran fest, der dann leider in dieser Beziehung auch kein Ohr hat für entgegenstehende Winke der Schrift. Wie ihm nun sei, so versuche ich es, obige Stelle zu erklären, bitte aber um Nachsicht, wie ich auch mit dem, was ich sage, nicht etwas bei mir Abgeschlossenes geben will. Die Ausleger alle, soweit ich sie kenne, lassen den Forschenden in der Hauptsache im Stich. Sie begnügen sich etwa mit allgemeinen Redensarten, ohne in die Tiefen zu führen, oder die Hauptschwierigkeiten zu lösen.
Wollen wir uns zuerst den Spruch nach seinem Wortlaut, und was sonst zu ihm gehört, in einem Gesamtbild vergegenwärtigen. Der Spruch heißt eigentlich: "Zusammengeschlossen hat Gott die Alle in Unglauben;" d. h. Er hat sie Alle gleichsam in eine Kategorie kommen lassen, nämlich in die des Unglaubens. Zunächst ist von den Juden die Rede; und es sind unter dem Wort "die Alle" diejenigen Juden verstanden, welche zur Zeit Pauli "die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, nicht überkamen" (9, 31), also ungläubig geblieben sind. Wie sie damals, will Paulus sagen, ungläubig waren, so bleiben sie es fortan im Allgemeinen, und sollen sie nach Gottes Rathschluß, als Strafe, können wir sagen, für ihre bereits bewiesene Hartnäckigkeit, bleiben, bis die Zeit käme, da Gott sich Aller zumal erbarmen könne, Der fortdauernde Unglaube Aller aber, soweit sie nicht auf den ersten Gnadenruf sich willig gemacht hatten zum Glauben, ist Folge einer Verstockung, wie Paulus sagt (11, 7): "Die Wahl aber," d. h. die Vorerwählten, die gläubig wurden, "erlanget es; die Andern sind verstockt." Paulus nennt es auch, nach einem ihm geoffenbarten "Geheimnis" eine Verblendung, wie es heißt (11, 25): "Blindheit ist Israel eines Teils widerfahren." Paulus drückt sich hier mild und schonend aus, als wäre den Juden Blindheit nur teilweise, oder zu geringerem Teile, widerfahren, während der Wirklichkeit nach die Masse der Juden es ist, welcher sie widerfuhr. Daß solche Verstockung den Juden widerfahren würde, beweist Paulus auch aus Stellen in den Propheten. Er sagt:
11, 8. "Wie geschrieben steht: Gott hat ihnen gegeben einen erbitterten Geist, Augen, daß sie nicht sehen, und Ohren, daß sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag." - v. 9. "Und David spricht: Laß ihren Tisch zu einem Strick werden, und zu einer Berückung, und zum Ärgernis, und ihnen zur Vergeltung" - v. 10. "Verblende ihre Augen, daß sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit."
Solche Verstockung oder Blindheit, durch Kräfte der Finsternis gewirkt, wenn gleich durch Schuld Israels gekommen, weswegen Gott selbst als der Ursächer angegeben wird, macht doch den hartnäckigen Unglauben Israels entschuldbarer vor Gott. Sie erscheinen dadurch mehr als unzurechnungsfähig und unglücklich, denn in vollem Grade wegen ihres fortdauernden Unglaubens schuldig, weswegen ein Erbarmen ihnen in Aussicht steht, nach den Worten: "auf daß er sich Aller erbarme." Auch die verhängte Blindheit regt endlich Gottes Mitleiden an, nach den Worten Pauli:
v. 26. "Daß also ganz Israel selig werde, wie geschrieben stehet: Es wird kommen aus Zion, der da erlöse, und abwende das gottlose Wesen von Jakob."
Hienach ist eine Zeit zu erwarten, nach den klaren Worten des Apostels, in welcher Verstockung und Blindheit aufhören, und dann ganz Israel vom Unglauben in den Glauben hereinkommen wird. Denn nur in dieser Weise kann sich Gott Aller erbarmen, und kann ganz Israel hoffen, selig zu werden.
So sieht sich das an, was Paulus sagt. Es bleibt uns aber da Vieles zu erörtern und in's Klare zu bringen übrig. Der Herr gebe, daß mir's im Nachfolgenden gelinge!
(Forts. folgt.)
44) Beschlossen unter den Unglauben.
(Zweiter Abschnitt.)
Das Uebersichtliche im ersten Abschnitt bedarf noch vieler Auseinandersetzungen.
1) Vorerst müssen wir suchen, das Wort Jesu: "Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden" (Marc. 16, 16), in Einklang zu bringen mit dem, was Paulus sagt. Um das zu tun, wird nichts übrig bleiben, als daß man unterscheidet zwischen Unglauben und Unglauben. Der Unglaube kann entweder ganz der Person des Menschen angehören; oder wirkt auf ihn ein unwiderstehlicher Einfluß der Finsternis. Ist Letzteres der Fall, so kann das Wort des Herrn: "Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden", nicht gleichgewichtig sein, wie da, wo es nicht der Fall ist. Fällt der Mensch ganz aus eigener Schuld, ohne in einer Gebundenheit seines Willens zu stehen, in Unglauben und verharrt darin bis zum Gerichte, so mag, weil der ganze Unglaube seine eigenste Tat ist, also ihm voll angerechnet wird, das ganze Gewicht des Worts Jesu auf ihn fallen, daß also sein Unglaube ihm die Verdammnis zuzieht. Im andern Fall scheint es die Gerechtigkeit Gottes zu fordern, wie auch die Rede Pauli darauf führt, daß mindestens der Gebundene muß freigestellt werden, ehe sein durch Gebundenheit gebliebener Unglaube mit der Verdammnis bestraft werden kann. Die Juden nun waren in der Gefahr, ihrer ganzen Art nach, einem Unglauben, der ganz ihre Tat wäre, anheimzufallen, also nahe daran, gar verloren zu gehen, während ihnen doch mit besonderer Wärme die Verheißung der Erlösung gegeben war. Da hat nun Gott einen solchen rein natürlichen, ganz im Menschen allein liegenden Unglauben bei Israel verhüten wollen, damit es nicht dem Gericht des Unglaubens hingegeben werden müsse. Hierauf bezieht sich vornehmlich das Geheimnis (v. 25), das Paulo zum Trost geoffenbart wurde. Gott ließ es daher geschehen, daß die Juden in einen der vollen Zurechnung nicht unterliegenden Unglauben verfielen. Denn Solches geschah durch eine satanische Verstockung und Verblendung, bei welcher, wenn sie einmal da ist, der Mensch seiner selbst nicht mehr mächtig ist, aus dem Unglauben zum Glauben sich herauszukämpfen. Die Gebundenheit wurde so groß, daß ein Jude außer Stand war, in den Gehorsam des Glaubens zu kommen, und so verbitterter Feind des Glaubens und des Evangeliums verblieb. Die Verblendung übrigens war zugleich eine Strafe Gottes, weil im tiefsten Grunde doch Israel eine Schuld hatte. Deswegen heißt es nicht, Satan, sondern Gott selbst habe ihnen einen verbitterten Geist gegeben, oder habe es in Unglauben zusammengeschlossen. Die Verblendung selbst aber war dennoch eine satanische, durch Sataus eigene List und Bosheit herbeigeführte. Menschen aber, die durch solche Gebundenheit außer Stand sind, das zu werden, was zu ihrer Seligkeit gehört, kann Gott nicht nach dem Grundsatze des Evangeliums, daß Unglaube verdamme, richten, ohne daß Er die Möglichkeit zu glauben in ihnen hat wieder werden lassen. Es bleibt also für verstockte und verblendete Menschen eine Hoffnung übrig, wenn nur die Zeit kommt, da sie von ihrer Gebundenheit frei werden. Somit kommen wir schon dem Verständnis der Worte nahe: "auf daß Er sich Aller erbarme."
2) Bei den Juden aber war's noch etwas Besonderes, was machte, daß Gott gerade sie "in Unglauben zusammenschloß" in angeführter Weise, und so sie unfähiger wurden, zu glauben, als sonst alle Völker der Erde. Selbst ihr Glaube nämlich war selten ein rechter Glaube, weil zu viel Stolz auf ihre Vorrechte, zu viel Eigenliebe, zu viel eigene Gerechtigkeit, zu viel Hängen an Gesetzlichem, sie verhinderte, auf Grundlage völliger geistlicher Armut (Matth. 5, 3) Jünger Jesu im Glauben zu werden. Solches war um so auffallender, da nicht einmal der Besitz des heiligen Geistes von dem Angeführten sie zu läutern vermochte. Da schien es, als wäre überall nichts mit den Juden zu machen. Es war etwas Ähnliches, wie bei den Weisen und Klugen überhaupt, denen es Gott verborgen hatte, während Er's den Unmündigen offenbarte (Matth. 11, 25). Mit jenen, wenn sie auch zum Glauben sich angeschickt hätten, wäre es doch nichts gewesen, wenn sie nicht vor Allem, auf ihre Weisheit und Klugheit Wert zu legen, aufgegeben hätten. So war's auch mit dem Glauben der Juden überhaupt nicht viel, weil sie zu viel Anderes behielten, das ihnen neben Christo etwas galt. Wie viele Kämpfe hatten nicht die Apostel mit getauften Juden zu bestehen! Am stärksten ist das Unvöllige des Glaubens solcher Juden in der Apostelgeschichte (21, 20) ausgedrückt, da die Brüder zu Jerusalem dem Paulus sagen mußten:
v. 20. "Bruder, du siehest, wie viel tausend (eig. Myriaden) Juden sind, die gläubig worden sind, und sind Alle Eiferer über dem Gesetz."
Ein solcher Glaube aber, wie ihn hier die gläubigen und getauften Juden hatten, konnte nicht in gleicher Weise zum Leben und zur Seligkeit führen, wie der Glaube, der rein an Christo dem Gekreuzigten hängt. Es war kein seligmachender Glaube; und somit war auch den Gläubigen mit ihrem Glauben nicht geholfen. Weil es denn immer nur eine halbe, mithin keine ausreichende Sache bei den Juden blieb, auch wenn sie getauft wurden, so konnte sie Gott nicht vor den Angriffen der Finsternis, welche letztere auf nichts mehr aus ist, als den Glauben, der selig macht, zu rauben, nach Recht schützen, und mußte es geschehen lassen, daß sie ganz verblendet und endlich gar verstockt wurden. Eben damit aber fielen sie in einen Unglauben, der ihnen minder angerechnet werden konnte, und welchem gegenüber Gott noch vor dem Endgericht einen Act der Barmherzigkeit verheißen kann. Gelingt's nach Seinem Rate, nach langer Nacht Alle zum Glauben zu bringen, so führte das zu dem Erbarmen, das Gott mit Allen vor hat. So kann man sich den Sinn des Ausspruchs Pauli denken. Wären die Juden ganz aus eigener Schuld ganze oder halbe Ungläubige geblieben, so wäre gerade das vorerwählte Volk vor andern Völkern nach dem Grundsatz des Evangeliums: "Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden," verloren gewesen. So aber steht noch eine Türe zur Rettung Aller offen, eben vermittelst des Unglaubens, in dessen Netzen sie zuletzt unfreiwillig gefangen wurden, weil dieser nicht das entscheidende Gewicht zur Verdammnis hat. Da kann man es begreifen, wie Gott einen geheimnisvollen Weg mit Israel einschlug, der insofern ganz besonders rätselhaft ist, weil gerade der Unglaube sollte eine Brücke zur Rettung Aller werden. (Forts. folgt.)
45) Beschlossen unter den Unglauben.
(Dritter Abschnitt.)
Wir fahren fort, die aus dem Bisherigen noch weiter sich ergebenden Fragen zu erörtern.
3) Wenn Gott zuletzt Aller sich erbarmen will, und wenn ganz Israel selig werden soll, so wäre die nächste Frage, wer unter Allen, und wer unter ganz Israel zu verstehen sei. Hier kommen wir auf einen sonst wenig besprochenen und wenig betrachteten Punkt zu sprechen, dem man auch in der Kirchenlehre wenig Aufmerksamkeit schenkt, ja welcher der Kirchenlehre, wie man sie gewöhnlich nimmt, ganz fremd erscheint. Denn wir werden darauf geführt, daß auch Verstorbene, die im Unglauben, sei's in dem minder verschuldeten Unglauben, in die Ewigkeit gekommen sind, auch sollen noch Erbarmung zur Seligkeit erfahren dürfen. Vielleicht, weil man sich scheute, auf so etwas einzugehen, und dem Gedanken näher stand, daß Verstorbene, die nicht völlig bei ihrem Scheiden aus dieser Welt gewesen sind, keine Gnade mehr jenseits finden, unselig Verstorbene die Seligkeit nicht mehr erlangen können, wurden die Folgerungen, die aus dem Spruch Pauli sich ergaben, lieber mit Stillschweigen übergangen, als eigentlich besprochen, so daß der Spruch selbst jedem Bibelleser unverständlich blieb, wenn er ihn in die gewöhnlichen dogmatischen Vorstellungen einreihen wollte.
Wie ihm aber sei, so ist klar, daß Paulus, wenn er von Allen redet, deren sich Gott erbarmen werde, nicht von Juden allein reden kann, die zur Zeit, da die Gebundenheit aufgehoben wird, noch leben, sondern an alle bis dahin verstorbenen Juden mit denkt, und unter ganz Israel Alles, was nur Anspruch darauf machen kann, zum Samen Abrahams zu gehören, verstehen muß. Denn sowohl ihm selbst, als auch Andern, an die er schrieb, wäre es ein geringer Trost gewesen, wenn sollten von den Allen alle bis zur Befreiung vom Bann verstorbenen Juden vom Erbarmen Gottes und vom Seligwerden ausgeschlossen sein, so daß nur die, welche gerade leben, wenn auch dann die Alle, sollten den Gewinn von der verheißenen Erbarmung und Seligkeit haben. Schon in der ganzen Darstellung des Apostels liegt Solches eingeschlossen, weil mit derselben Paulus ja trösten und beruhigen will, auch bezüglich der zu seiner Zeit ungläubig Gebliebenen, für welche er "große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in seinem Herzen hatte" (9, 2). Auch liegt es ausdrücklich in den unsrem Spruch vorausgehenden Worten:
v. 31. "Also auch jene haben jetzt nicht vollen Glauben an die Barmherzigkeit, die euch (den Heiden) widerfahren ist, auf daß sie auch Barmherzigkeit überkommen."
Wenn es nicht so wäre, so wäre das Erbarmen Gottes über Alle und über ganz Israel nur ein scheinbares, wenn von dem gesamten Volke von Abraham an sollte nur das letzte Geschlecht, das eben noch lebte, Anteil am Erbarmen Gottes haben, alles aber vor ihm Hingegangene ewig verloren sein. Man bedenke zugleich, wie gering die Zahl der Juden in unsern Tagen geworden ist, die doch nach der Verheißung sein sollten wie der Sand am Meer, und das gewiß nicht zu einer ihnen bevorstehenden ewigen Verdammnis. Jetzt schätzt man sie auf der ganzen Erde höchstens noch auf fünf Millionen; und nicht ohne Berechtigung schätzen sie Andere nur noch auf drei Millionen. Es bleibt also nichts übrig, wenn die Rede Pauli überhaupt soll gewürdigt werden, als die Annahme, daß nach ihm sämtliche Juden, die je gelebt haben, wie es auch auf Erden mit ihnen ausgesehen haben mag, mit den zuletzt noch Lebenden sollen zur Erbarmung Gottes kommen. Das wäre das dem Paulus geoffenbarte Geheimnis, das er nun verkündigen darf (v. 25).
Andeutungen von Errettungen Verstorbener durch Gottes Erbarmen finden sich zwar nicht viele in der Schrift, wie es auch begreiflich ist, daß sie bei dem Ernst, den die Ewigkeit hat, welche auch Zustände von Pein und Qual im Feuer augenblicklich bringen kann, als wäre es eine Verdammnis (Luk. 16, 23. 24. 26), nicht in den Vordergrund gestellt werden konnten. Auch die Kirchenlehre, wenn sie weniger darauf hinweisen wollte, ist um des eben Angeführten willen nicht im Mindesten zu tadeln, wenn gleich eine unbarmherzige Schroffheit, die aus der nächsten Qual gleich eine ewige Verdammnis macht, wie sie viele Orthodoxe unsrer Tage angenommen haben, nicht gebilligt und Angesichts der Andeutungen der Schrift, die doch vorhanden sind, sogar sehr verkehrt genannt werden kann. Denn Andeutungen haben wir immerhin. Man denke an Sodom und Gomorrha, an Tyrus und Sidon, und die Worte des Herrn:
Matth. 10, 15. "Wahrlich ich sage euch, es wird ihnen erträglicher ergehen am jüngsten Gericht, denn solcher Stadt" (welche die ausgesendeten Jünger nicht aufnimmt), d. h. "sie werden leichter über das Gericht hinüberkommen, also jedenfalls auch zur Seligkeit noch kommen."
Hätte der Herr solche Worte nicht gesprochen, so würden wir gewiß gar nicht anders denken, als daß jene argen Menschen ohne Weiteres ewig verloren wären. Will man aber sagen, bei ihnen nehme Gott darauf Rücksicht, daß ihnen die Offenbarungen Gottes fremd blieben, (Sodom aber konnte von Abraham und Lot her viel wissen), weil es ausdrücklich heiße (Matth. 11, 21), wenn solche Taten bei ihnen geschehen wären, wie sie Jesus tat, so "hätten sie vor Zeiten im Sack und in der Asche Buße getan," so kann man an das erinnern, daß Paulus von einem Christen, den er dem Satan übergab, sagt (1 Kor. 5, 5), das geschehe "zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu." Ebenso sagt er von Arbeitern, welche unrichtig auf den einmal gelegten Grund gebaut hätten, die also jedenfalls eine verkehrte Stellung zum Herrn hatten, bei dem eher Verdammnis als Erbarmen sollte zu fürchten sein, wenn sie in ihr aus diesem Leben schieden:
1 Kor. 3, 15. "Wird aber Jemands Werk verbrennen, so wird er's Schaden leiden; er selbst aber wird selig werden, so doch, als durch's Feuer." (Letzteres bis zum Tage des Herrn).
Da sieht man, daß auch bei gläubigen Christen, die dennoch fehl gingen, der Zustand beim Tod nicht Alles ausmacht, wenn gleich er nach Umständen Pein, ja Feuerspein, zunächst bringen kann, sondern am jüngsten Tag noch Befreiungen und Errettungen von der ewigen Verdammnis Statt finden können. Nicht unwichtig ist auch, was Paulus von denen sagt, die wegen Mißbrauch des heiligen Abendmahls sogar mit dem Tode bestraft wurden, wenn es heißt:
1 Kor. 11, 30. "Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen" (d. h. ziemlich Viele haben in Folge eines Gerichts, das über sie kam, - nicht "des Gerichts" nach v. 29 - sterben müssen).
Diese Strafen mit Krankheit und Tod, immerhin ein Gericht, für Verstorbene auch mit nachfolgender Pein im Jenseits, nennt Paulus doch nur eine Züchtigung; und eine solche muß sie auch für die mit dem Tod Bestraften sein, nicht bereits die ewige Verdammnis, da es heißt:
v. 32. "Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir von dem Herrn gezüchtiget, auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden.
Hier macht offenbar Paulus zwischen Gericht und Verdammnis einen Unterschied, jenes nur eine Züchtigung nennend.
Wir sehen, daß wir die Gedanken an ein mögliches Erbarmen Gottes auch über unselig Verstorbene am jüngsten Tage nicht ganz auf der Seite lassen dürfen; und sie sinds allein, welche ein Verständnis des Spruchs, den wir auslegen, zulassen. (Forts. folgt.)
46) Beschlossen unter den Unglauben.
(Vierter Abschnitt.)
Ich fahre fort mit den Betrachtungen, die sich an die Stelle Röm. 11, 32 anschließen, und die heißt:
v. 32. "Gott hat Alles (Alle) beschlossen (zusammengeschlossen) in Unglauben, auf daß Er sich Aller erbarme."
4) Wenn die Blindheit oder Verstockung, welche Gott über Israel kommen ließ, zuletzt, wenn Seine Zeit da ist, aufgehoben werden soll, damit sich Gott Aller erbarmen könne, so folgt daraus, daß die Verstockung der Juden mit ihrem Tode nicht aufhört, sondern ihnen auch ins Grab und in den unseligen Ort, der sie aufnimmt, nachfolgt. Es ist also falsch, zu glauben, daß der Mensch mit dem Tode plötzlich offene Augen bekomme über das, worin er's in seinen Gedanken und Gesinnungen verfehlt hat. Seine Sünden, über die er auch gleich mag besonders gerichtet werden, mögen ihm wohl klarer vor der Seele stehen; aber seine Stimmungen, Ansichten, Gesinnungen, Neigungen bleiben ihm mit allen ihren Verkehrtheiten, wie er sie in diesem Leben gehabt hat, daß also der Spruch wahr wird: "Wie der Baum fällt, so liegt er." Demgemäß bleiben die verstorbenen Juden, als in der Verstockung, jenseits, selbst mitten unter Qualen, denen sie meist als Unversöhnte anheimfallen, so sehr Feinde Christi und des Evangeliums, als die auf Erden lebenden Juden, bis die Zeit der Aufhebung der Verstockung eintritt. Kommt diese Gnadenzeit, so mag sie gleichzeitig wie für die lebenden, so auch für die verstorbenen Juden kommen. Von Beiden wird die Gebundenheit weichen, was den Weg zu dem bahnt, daß sich Gott über Alle erbarmen kann.
5) Wenn dieses Erbarmen über Alle kommen soll, so ist das nicht anders möglich, als daß Alle auch zum Glauben kommen; denn ohne Glauben, daß Jesus Christus der Herr sei, wie ja zuletzt alle Kreaturen im Himmel und auf Erden und unter der Erden bekennen müssen, kann Niemanden geholfen werden, über Niemanden ein Erbarmen kommen. Auch Verstorbenen ist also, mit Ablegung des Unglaubens, ein Glaube möglich, und zwar ein Glaube, der durchschlägt, daß Gott sich erbarmen kann, um Christi willen. Dies ist ein Satz, den man nicht gewohnt ist, auszusprechen, der auch im gewöhnlichen Glaubenssystem ganz übergangen wird. Daß man aber zu ihm einige Berechtigung hat, zeigt nicht nur unsre Stelle, sondern auch das, was über die Städte Sodom und Gomorrha, Tyrus und Sidon vom Herrn gesagt wird, worauf wir das letzte Mal hingewiesen haben. Diese kommen leichter durchs Gericht, als das Geschlecht Jesu, wie sie auch als Kläger gegen dieses auftreten werden, angebend, daß sie einst geglaubt hätten, wenn sie gesehen hätten, was die Zeit Jesu sah, zum Zeichen, daß sie wenigstens jetzt im Glauben stehen.
Indessen ist auch die Kirchenlehre solchen Gedanken nahe, da in ihr der Artikel von der Höllenfahrt fest gilt. Dieser beruht auf einer Stelle im Briefe Petri (1 Petr. 3, 19. 20), da gesagt wird, daß Christus nach Seinem Scheiden hingegangen sei und den Geistern im Gefängnis gepredigt habe, namentlich denen, die zur Zeit Noah's nicht glaubten. Wozu aber predigt ihnen Christus? Offenbar damit sie, wenn sie, wie es heißt, "vor Zeiten nicht glaubten," jetzt wenigstens zum Glauben kommen möchten, nun freilich nicht zum Glauben an eine kommende Sintflut, sondern zum Glauben an eine kommende Gnade, also zu einem Glauben, der sie retten sollte, wie die Lebenden. Verstorbenen also, selbst bei der Sintflut schon Verstorbenen, muß es möglich sein, zu glauben, oder gläubig die Erlösung zu erfassen, die durch Christum da ist, und so, daß es vor Gott gilt zur Seligkeit. Noch deutlicher sagt Solches die andere Stelle in Petrus (1 Petr. 4, 6). Nachdem da Petrus gesagt hatte, Christus sei "bereit, zu richten die Lebendigen und die Toten," sagt er:
v. 6. "Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf daß sie gerichtet werden (eig. wären) nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gotte leben."
Ehe also die Toten gerichtet werden, oder ins große Gericht kommen, sollte ihnen noch das Evangelium verkündigt, oder, wie den Lebendigen, die frohe Botschaft gebracht werden, daß Befreiung von der Verdammnis durch Glauben an Christum möglich sei. Immerhin ist anzunehmen, daß Petrus auch in dieser zweiten Stelle nur von der Predigt, die Christus selbst tat, berichtet; und er deutet an, daß die Wirkung derselben damals dieselbe sein konnte, wie bei den Lebenden. Waren sie nämlich vorher gerichtet nach dem Fleisch, als Unversöhnte in Peinzuständen verschiedener Art, so sollten sie jetzt im Geist, d. h. als leiblose Menschen oder als Geister, in ähnlicher Weise Gotte zu leben fähig werden, wie gläubige Christen auch nach ihrem Tode das ewige Leben haben, oder leben, obgleich sie sterben (Joh. 11, 25), ohne gleich der Auferstehung teilhaftig zu werden. So lehrt wenigstens die Höllenfahrt Christi, welche in die Kirchenlehre aufgenommen ist, von einem nach dem Tode möglich werdenden Glauben, auch wenn derselbe im Leben nicht da gewesen war.
Ich erlaube mir, noch ein Weiteres zur Sprache zu bringen. In der bekannten Stelle bei Johannes (5, 24-29), da der Herr von Toten redet, die Seine Stimme hören werden, spricht Er zuerst mit Bezug auf Lebende Folgendes:
v. 24. "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein höret, und glaubet dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben, und kommt nicht in das Gerichte; sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen."
Sodann redet er von wirklich Toten, nicht mehr von geistlich Toten, wie man gewöhnlich es auffaßt, die Seine Stimme hören würden, und zwar ehe die allgemeine Auferstehung erfolgt, wenn Er sagt:
v. 25. "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie hören werden, die werden leben."
Die Worte: "Es kommt die Stunde, und ist schon jetzt", machen es gewiß, daß nur von wirklich Toten die Rede sein kann; sie zeigen aber auch an, daß zu ihnen der Schall des Evangeliums in Bälde kommen soll, damit sie, wenn sie hören, in ähnlicher Weise das ewige Leben haben oder bekommen, wie die Lebendigen (v. 24), welche hören. Dies konnte jetzt schon geschehen, sofern irgendwie die Stimme Jesu auch eine Einwirkung auf horchende Tode haben konnte; oder bezieht sich der Herr auf Sein Vorhaben, alsbald, wenn Er abscheiden würde, auch bei den Toten sich hören zu lassen, und zwar "jetzt schon," weil es ja bald kam, mithin jedenfalls vor der großen Auferstehung. Die Stelle kann also für den Gedanken beweisend sein, daß auch Verstorbene hören und glauben und durch den Glauben sodann ganz so gestellt werden können, wie Lebende, die glauben, daß sie das ewige Leben haben, nicht mehr in das Gericht kommen, vom Tode zum Leben hindurchdringen (v. 24). Man kann also auch bei Verstorbenen ein Erwachen zum Glauben erwarten. Erst im Weiteren der jetzt besprochenen Stelle redet der Herr von der allgemeinen Auferstehung mit den Worten:
v. 28. "Verwundert euch des nicht; denn es kommt die Stunde, in welcher Alle, die in den Gräbern sind, werden Seine Stimme hören," - v. 29. "Und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels getan haben, zur Auferstehung des Gerichts."
Dieser Tage ist mir eine andere Stelle in Johannes (6, 40) durch eine Betrachtung über sie sehr bedeutungsvoll geworden, weil sie auch für unser Thema etwas abwirft. Sie lautet:
v. 40. "Das ist aber der Wille des, der mich gesandt hat, daß, wer den Sohn siehet, und glaubet an Ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage."
Ist's nicht, muß ich denken, auch darum, daß Jesus die Höllenfahrt machte, um nach dem Willen Gott@s an Ihn, sich auch von den Toten sehen zu lassen, damit auch an ihnen das Wort sich erfüllen könne: "daß, wer den Sohn siehet, und glaubet an Ihn, habe das ewige Leben?" Wenn wir darum überhaupt fragen oder darüber nachdenken wollen, wie doch die verstorbenen Juden alle einmal sollten zum Glauben an Jesum kommen, ist es nicht denkbar, daß sich Jesus ihnen irgendwie, begreiflich nicht durch wiederholte Höllenfahrten, sondern etwa unter den letzten ernsten Gerichtsverhandlungen, zeigt, sich von ihnen sehen läßt, um durch Seine Persönlichkeit, Seine Freundlichkeit und Liebe, wie Seine Macht und Größe, sie zum Glauben zu wecken, neben der Befreiung von dem Unglaubensdämon, damit, wer Ihn sehe und glaube, habe das ewige Leben? Schon der Wille Seines Vaters, daß es so gehen soll, daß, wer den Sohn sehe und glaube, habe das ewige Leben, kann Ihn dazu bestimmen, indem der Vater selbst das Glauben vom endlichen Sehen abhängig sein läßt. Es sind das Gedanken, die ich nur berühre, um das große Wort Pauli ein wenig deutlich zu machen oder zu einiger Anschauung zu bringen, daß sich Gott einmal aller Juden, wenn sie von der Blindheit oder Verstockung, die sie im Unglauben erhielt, würden befreit sein, erbarmen werde, indem sie dann wirklich Alle zum Glauben an Jesum, daß Er der Herr und Christ sei, kommen würden. (Schluß folgt.)
47) Beschlossen unter den Unglauben.
(Fünfter Abschnitt, Schluß.)
Wir fahren fort mit unsern Betrachtungen über Röm. 11, 32, um sie heute zum Schluß zu bringen.
6) Wenn wir von einer Verkündigung des Evangeliums an die Toten zu reden veranlaßt waren, so weist doch die Schrift den Gedanken zurück, daß fortwährend seit Christus den Toten gepredigt werde. Mit nichts wird dieser Gedanke begünstigt, selbst der Gedanke, daß überhaupt mit den Toten eine allmähliche Veränderung zum Besseren eintreten werde. Solches würde schon dem Ernste nicht entsprechen, den der Herr neben dem Evangelium angekündigt hat, da das, was auf Erden geschieht, grundlegend für das Sein im Jenseits sein soll. Wie es mit dem Menschen nach dem Tode wird, so bleibt es zunächst; denn für andere Vorstellungen hat man keinen Schriftgrund. Nach der Schrift ist es ohnehin nur Christus selbst, der einmal den Toten predigte; und pure Träumereien sind es, was man von etwa bestehenden Predigtanstalten im Jenseits sich je und je denkt, oder von Seelenerlösungen, die durch Fürbitte Lebender erreicht werden könnten. Denkbar ist Letzteres nur als Vorzeichen, ja, ich möchte sagen, als Anfang der letzten Zeit. Nicht einmal das ist man berechtigt anzunehmen, daß Christus allen Toten sich gezeigt habe. Dies ist schon darum nicht denkbar, weil verstorbene Heiden aus einem gekommenen Heiland nichts zu machen wußten. Auch mag der Grundsatz, den der Heiland auf Erden für Seine Person befolgte, nur zu den Verlorenen aus dem Hause Israel zu gehen, für Ihn auch im Jenseits gegolten haben. Denn nur Israel konnte Ihn verstehen, auch erwarten. Nur mit den in der Sintflut Umgekommenen macht der Herr eine Ausnahme, weil diese weder Bund noch Verheißung gehabt hatten, also ausgeschlossen schienen, wenn Veides erst durch Noah mit seinen Söhnen aufkam; auch mag Noah's Mitleiden unter Flehen zu Gott für die Umkommenden jetzt noch angesehen worden sein. Wie ihm auch sei, so hat man sich jedenfalls die Predigt an die Verstorbenen ruhend zu denken bis auf die Zeit, da die Zukunft Christi nahe oder vorhanden ist. Denn in den oben angeführten Stellen haben wir alle Errettungen Verstorbener auf die Zeit der Zukunft Christi gesetzt gefunden. Bis zu dieser Zeit, oder bis zu der Zeit, da die Offenbarung der Kinder Gottes eintreten wird, befindet sich die Kreatur, worunter namentlich die im Jenseits als unselig Schmachtenden verstanden sein mögen, in einem ängstlichen Harren auf Hoffnung (Röm. 8, 19. 20). Solches bestätigt sich auch durch die Stelle, da gesagt wird, Israel habe zuerst den Eingang der Fülle der Heiden abzuwarten, ehe die Blindheit von ihm genommen werde; und auch unsre Stelle (11, 32) ist so gegeben, daß man sieht, die Zusammenfassung in dämonischen Unglauben daure unausgesetzt fort, bis die große Befreiung komme, in Folge deren sich Gott Aller erbarmen könne. Auf diese schließlich noch eintretende Gnadenzeit bezieht sich auch der prophetische Spruch, den Paulus anführt (v. 26): "Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen aus Jakob," ferner (v. 27): "Und dies ist mein Testament mit ihnen, wenn ich ihre Sünden werde wegnehmen." Eine plötzlich eintretende Erlösung für Alle, ein plötzliches Abwenden der Sünden, wie das werden mag, wird kommen, was ein fortgehendes Erlösen von Anfang an bis zu dieser großen Epoche völlig ausschließt.
7) Kommt die große Befreiung von Blindheit und Verstockung, überhaupt der neue und letzte Ruf der Gnade, ich wiederhole es, wie der nun kommen mag, an die gesamte Kreatur, die lebende und die tote, so setzt Paulus voraus, daß dann ganz Israel zum Glauben sich wenden und alle seine Widerspenstigkeit aufgeben werde, weswegen dann es möglich sei, ganz Israel selig zu machen, und Aller sich zu erbarmen. Die Wahrnehmung, die dann gleichzeitig gemacht werden wird, wie groß der Eifer der Heiden sein wird Jesu nach, wird das hauptsächlichste Mittel werden, wie Paulus verschiedentlich andeutet, auch die Propheten öfters sagen, sämtliche Juden, deren "Gaben und Berufung ja Gott nicht gereuen mögen" (v. 29), empfänglich zu machen für den Glauben; und auch die mehr oder weniger großen Peinzustände, welche im Jenseits die Verstorbenen unausgesetzt gelitten haben, und die erst mit der Anrufung des Herrn Jesu aufhören werden, mögen das Ihrige dazu beitragen.
8) So erscheint es als ein weiser und barmherziger Rat von Gott, wenn Er zunächst Alle, weil sonst verdammlicher Unglauben bei ihnen gewesen wäre, immerhin und eben darum aus eigener Verschuldung, in Unglauben zusammenschließt, auf daß Er sich endlich könne Aller zumal erbarmen. Deswegen schließt der Apostel mit den feierlichen Worten:
v. 33. "O welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind Seine Gerichte, und unerforschlich Seine Wege."
9) Fragen ließe sich bei dem Allen, ob es nicht ein Ähnliches mit der ganzen Christenheit, ja mit allen Heidenvölkern geworden sei, nachdem der heilige Geist mit Seinen Kräften von der Erde weggenommen werden mußte. Gott nimmt den heiligen Geist, und überläßt Christenheit und Heidenwelt den fortan Alles überflutenden Mächten der Finsternis, daß Alle mit einander, geringe Ausnahmen abgerechnet, zusammengeschlossen wurden teils in Unglauben, teils in sonstige Gebundenheiten der Finsternis, teils in Übermacht der Sünde im Menschen. Hat sie nicht Gott etwa auch in solches Alles zusammengeschlossen, auf daß Er sich endlich, um das Wort Pauli beizubehalten, Aller erbarme? Wird Er nicht endlich wenigstens ein großes allgemeines Erbarmen auch über alle Völker der Erde eintreten lassen, um die große Schaar zu bekommen, "welche Niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen" (Off. 7, 9)? Es übernimmt mich, wenn ich an Solches denke; und ich kann nicht anders, denn abermals mit Paulus ausrufen (v. 33): "O welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind Seine Gerichte, und unerforschlich Seine Wege." - v. 36. "Denn von Ihm, und durch Ihn, und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehrein Ewigkeit! Amen."
48) Zur Beichte.
Frage einer Ungenannten: "Ich dachte zuerst immer, meinem lieben Manne meine Sünde zu bekennen, weiß aber nicht bestimmt, ob er mich ganz verstehen würde. Wenn Sie glauben, es sei durchaus nötig, daß ich's sage, so bitte ich, es mit einigen Worten am Schlusse Ihrer Blätter zu bemerken. Es ist mir oft, wie wenn Finsteres in mir wäre, das mir Gedanken und Bilder aufdrängt, deren ich mich fast nicht erwehren kann."
Antwort. Mit einigen Worten nur Ihre Frage abmachen, kann ich nicht, weil ich in weiterem Umfange auch Andern dienen möchte. Nachdem Sie mir, um Ihnen besonders zu antworten, was Sie auf dem Herzen hatten, offen geschrieben haben, ist es durchaus nicht nötig, das auch dem Manne zu sagen. Das wäre überhaupt nicht gut, auch wenn er es verstünde, weil's das innige Band der Liebe, in welchem Eheleute zu einander stehen sollten, stören könnte. Es ist genug, gegen Jemand, der mit priesterlicher Teilnahme den Herrn um Vergebung und Hilfe anrufen kann, sich geäußert zu haben. Ich nehme mich nun in der Fürbitte Ihrer an; denn der Heiland weiß, wer Sie sind, wenn Sie auch nicht, wie Sie schreiben, den Mut haben, Ihren Namen unter Ihr Bekenntnis zu setzen. Ich will Ihn bitten, Ihre Aufrichtigkeit und den zarten Sinn, den Sie haben, gnädig anzusehen, daß Er nicht nur vergebe, was zu vergeben ist, sondern auch helfe, namentlich helfe wider Einflüsse der Finsternis, welche allerdings in der Art, wie Sie vermuten, oft da sind. Wo Aufrichtigkeit und kindlicher Glaube ist bei ernstem Streben, erhört der Herr die Fürbitte wider die Macht der Finsternis leicht. Denken Sie denn auch Ihrerseits an diese meine Fürbitte; und der Herr wolle einen Engel des Friedens und der Kraft Ihnen zusenden.
Sonst nehme ich hier gerne Veranlassung, ein Allgemeineres zu sprechen, worin viele im Gewissen Beschwerte oft in großem Gedränge sind, und innerlich sehr umgetrieben werden. Auch Seelsorger sind nicht immer im Klaren darüber und mögen daher gerne es näher besprochen sehen. Bekenntnisse nämlich von Eheleuten gegen einander sind selten gut, am allerwenigsten dann, wenn die gegenseitige Wertschätzung darunter in Gefahr kommt. Es macht Eins das Andere nur unglücklich, wenn Unangenehmes und Widriges, oder gar Schweres, das nicht erwartet wurde, zur Kenntnis kommt. Also schon aus Liebe zu einander, um einander nicht zu betrüben, oder gar unglücklich zu machen, sollen sie gegen einander schweigen, es wäre denn, daß schon ein halbes Wissen, oder ein Vermuten, oder Argwohn beim andern Teile vorhanden wäre, da volles Wissen auch wieder beruhigen könnte, und Schweigen einer Verheimlichung gliche, bei der man auch keine Beruhigung für sich fände. Viele Ehen aber, wie ich mehrfältig erfahren habe, werden getrübt und gestört, sogar fast, oder ganz aufgelöst, wenn Eins dem Andern etwa frühere Jugendsünden, oder sonst vorgekommene Übereilungen glaubt Gewissenshalber, wie beichtend, sagen zu müssen. Jedenfalls ist ernste Überlegung nötig, ob man nicht aus Einer Sünde eine zwiefache mache, wenn man die Ruhe des Andern stört.
Häufig ist auch das Bekenntnis nur einseitig, indem der andere Teil dann nicht gleich auch das Seine sagt, dessen oft auch viel zu bekennen wäre. Dann steht der eine Teil als schuldig vor dem andern, und dieser als unschuldig da; und läßt's dieser vollends jenen also fühlen, so leidet der bekennende Teil durch des Andern Härte zu viel; und das macht in der Ehe Alles uneben. Eine Beichte hat überhaupt vor Gott nur den rechten Wert, wenn sie vor priesterlich denkenden Personen geschieht, was bei Beteiligten selten der Fall ist. Denn es sollte durch sie eintretende Vergebung und Hilfe des Herrn möglich werden. Ist aber, in Folge priesterlicher Fürbitte und Hilfe, die Vergebung da, wie ja der Herr zusagt, so bedarf's gegen Niemanden mehr eines weiteren Bekenntnisses. Seelsorger, die ein priesterliches Herz haben, sind daher stets die geeignetsten Personen für eine Beichte; und Einmal eine Sünde unter Gottes Angesicht vor Jemanden gebeichtet zu haben, ist genug und ganz ausreichend zur Beschwichtigung eines beschwerten Gemüts. Wiederholte Beichte an Andere hat einen Unsegen und kann die Wunde des Herzens frisch machen, weil dann der Glauben an die alleinige Versöhnungsgnade durch Jesum fehlt.
Man kann die Wahrnehmung machen, daß wirkliche eheliche Liebe dem Herrn so wohlgefällig ist, daß sie, für die Ehe wenigstens, bezüglich des Früheren versöhnend wirkt. Es ist eine besondere Gnade Gottes, daß Er solcher Ehe, wenn wirklich die Herzen in keuscher Zucht und in Gottesfurcht mit einander verbunden sind, einen hehren Duft schenkt, wie wenn vorher Alles in der Ordnung gewesen wäre. Dieser Duft aber, der als eine besondere Gabe Gottes anzusehen ist, wird dadurch verwischt, daß Eines gegen das Andere sich in der Art offen erklärt, daß ein Schatten auf ihn bei dem Andern fällt. Sonst sind wir ja Alle so, daß wir uns davor fürchten müßten, ganz offenbar zu werden. Da darf denn Vieles, wenn es nur nicht wirksam bleibt, sondern ganz der Vergangenheit anheimfällt, wohl verdeckt bleiben, damit die Gabe Gottes nicht verderbt, und schnell, was Gott für Beide ebnen wollte, verbittert wird. Eheleute haben Alles zu tun, um sich in der Wertschätzung gegen einander zu erhalten; denn nur bei dieser ist die Liebe möglich, an welcher auch die Engel im Himmel sich freuen. Sie schließt auch sonstige Aufrichtigkeit gegen einander, der ich keineswegs zu nahe treten will, nicht aus. Ich möchte es den Seelsorgern, die je und je anders denken, recht aus Herz legen, Beichtenden es nie aufs Gewissen zu legen, wenn nicht besondere Umstände es anders nötig machen, daß sie vor ihrem Ehegemahl auch bekennen müßten. Sie sollten sie vielmehr alles Ernstes beruhigen, daß von Gott das nicht gefordert werde.
Das aber ist nicht zu übersehen, daß bei aller Geduld und Freundlichkeit, mit welcher der Herr eine Ehe glücklich macht, die Sünde, die trüben könnte, möglicherweise nicht vergeben ist. So weit geht das Versöhnende der ehelichen Liebe nicht. Vor dem Herrn bleibt Sünder, wer Sünder ist und etwa einen Bann auf seinem Gewissen hat, wenn nichts geschieht, damit der Bann vom Herzen fällt. Daher, daß mancher Ehegatte, der etwas auf dem Gewissen hat, einen schwermütigen Zug bekommt und behält, der sich in seinem Herzen als ein schwarzer Faden durch Alles hindurchzieht, was sonst die Ehe Freundliches darbietet, und das um so mehr, je unschuldiger er sich den andern Teil ihm gegenüber denken muß. Ein Bekenntnis aber kann oft Alles gut machen, wenn es vor einem priesterlich denkenden und wirkenden Manne geschieht. Ohne ein solches Bekenntnis bleibt oft der Stachel der Sünde im Gewissen haften.
Mir kam einst der Fall vor, daß eine Frau von Stand, die aus der Ferne zu mir kam, sonst aber schon länger mit mir bekannt war, durch ein Bekenntnis von einem Seelendruck sich half, den sie 30 Jahre lang gehabt hatte. Sie hatte sich einer schweren Jugendsünde anzuklagen, welche ihr die glücklichste, mit vielen Kindern gesegnete Ehe fortgehend trübte. Zuweilen kamen ernstere Schwermutszeiten an sie, welche den Ihrigen, die den Grund nicht ahnen konnten, sehr drückend wurden. Jetzt eröffnete sie sich mir, unter einem Strom von Tränen. Nun aber kehrte eine seit 30 Jahren nicht gekannte Ruhe bei ihr ein; und im Frieden konnte sie einige Jahre darnach entschlafen. Ihr biederer Mann aber, der sie herzlich liebte, und nun auch längst heimgegangen ist, hätte kaum das Bekenntnis zu tragen vermocht.
49) Vermeintlicher Familienbann.
Frage (aus der Ferne): "Seit vielen Jahren, so scheint es, lastet es wie ein Bann auf unserer Familie. Abgesehen von den schweren Lebenswegen, die fast jedes meiner Kinder zu gehen hat, lastet es besonders auf uns, den Eltern, weil alle geschäftlichen Unternehmungen meines Mannes scheitern. Obwohl ich annehmen muß, daß mein Mann schon früher den Herrn hat kennen gelernt, fürchte ich doch, daß besonders sein sich Abschließen von aller engeren, christlichen Gemeinschaft ihm irgendwie besonders geschadet hat etc."
Antwort. Vorerst spreche ich gegen Sie meine herzliche Teilnahme aus, wegen des Mißgeschicks, von dem Sie und Ihre Familie in verschiedener Weise heimgesucht sind. Gern befehle ich Sie mit den Ihrigen fürbittend der Freundlichkeit des Herrn an. Aber oft will eben der Herr mit Seinen Kindern sicherere Wege gehen, daß es nur unter Bekümmernis und Seufzen vorwärts geht. Bei Andern geht Alles eben und glatt. Warum macht Er es so? Das fragen wir gerne; aber am Besten ist's, wenn wir immer die Antwort im Munde haben: "Denen, die Ihn lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen." Sollen wir nicht etwa gerade durch Kümmernisse Ihn lieben lernen? Ja, wer das versteht, wird's wohl am Besten treffen. Denn die Frucht des Schwersten kann ja gerade das Beste sein. Ihn, den Herrn lieb haben, auch in der Trübsal, wird daher das Geratenste bleiben.
Mit dieser Liebe zum Herrn verträgt sich aber das nicht recht, wenn man sich unter einem Banne denkt, wenn dies und das nicht gelingen will, namentlich geschäftliche Unternehmungen, die man immer neu anfängt, nicht recht von Statten gehen wollen. Da kann Mancher leicht auch eigene Wege gehen; und wenn da der liebe Gott nicht immer mitgeht, darf man sich doch kaum verwundern. Ehe man sich also unter einem Bann denkt, muß man zuerst fragen, ob man bei neuen Unternehmungen nicht etwa zu wenig mit dem Herrn, so zu sagen, zu Rat gegangen sei, zu wenig zu Ihm aufgeblickt, auch zu wenig auf stille Winke, die Er gegeben, geachtet habe.
Weil ich hier öffentlich rede, so spreche ich mich gerne weiter aus, das vielleicht Andere mehr zu beherzigen haben, als gerade Sie und Ihre Familie. Häufig fehlts am rechten Vertrauen zum Herrn, daß man nicht fest bei einem Angefangenen bleibt und immer wieder nach Anderem und Neuem greift. Es kann sein, daß das, worin man steht, weniger einträglich ist; aber es ginge doch, wenn man nur mit Treue dem obläge, worin man steht. Da sorgt man aber zu viel, und meint von Anderem mehr zu hoffen, auf das man dann schnell hineinfällt, ohne Alles, was dazu gehört, gründlich überlegt zu haben, und ohne viel bei sich zu Rat zu gehen, ob auch der Herr mitgehen werde. Andere sehen oft ein scheinbar Gewinnreicheres bei Andern. Sie sehen an diese hin; und ob dem scheinbaren Glück, das diese haben, werden sie lüstern, es auch mit Ähnlichem zu versuchen, um zu ähnlichem Gewinn zu kommen. Aber leicht macht man da falsche Rechnungen, indem man dazu in Manchem nicht den erforderlichen Verlag hat; und so scheitert's. Indem man so nach allen Seiten seine Blicke richtet, geschwind dieses und jenes anfängt, aber immer mehr oder weniger ohne die Vorteile, die man von vorn herein zum Gelingen haben sollte, will's in Nichts recht gehen; und man wird bekümmert und verdrießlich, kommt endlich auf den Gedanken, als müsse ein hindernder Bann dem Mißlingen zu Grunde liegen. Solcher vermeintliche Bann würde aber oft bald aufhören, wenn man bescheiden und mit Gottvertrauen bei dem Einen bliebe, in das man Einmal gesetzt ist, und in diesem sich immer mehr vervollkommnete. Denn dann ist unfehlbar ein Segen vom Herrn zu hoffen.
Vielleicht habe ich zu viel geredet; und ich bitte um Nachsicht. Was aber das betrifft, daß Jemand von aller engeren christlichen Gemeinschaft sich abschließt, d. h. zu keiner sich förmlich hergeben kann, so muß man das nicht mit so ängstlichen Augen ansehen. Die engeren Gemeinschaften, namentlich wenn sie recht enge sein sollen, haben oft etwas an sich, das nicht jedermann anzieht; und wenn ein Mann mit den Seinen sich christlich zu halten weiß, bezüglich der Hausandachten und des Besuchs der Kirche, so fordere man nicht weiter von ihm, wenn's ihm nicht selber kommt, eine engere Gemeinschaft aufzusuchen. Denn unter Umständen können solche Engen auch schädlich sein. Soll's weiter werden, so weiß der Herr durch Seinen Geist zu helfen, daß es noch zum Rechten komme. Einen Bann kann es jedenfalls nicht zur Folge haben, wenn man zu einem engeren Anschluß von innen heraus es nicht zu bringen weiß.
50) Angeschrieben im Himmel.
Frage: "Der Heiland ermahnt Seine Jünger (Luk. 10, 20): Freuet euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind. An was für Kennzeichen kann man unzweifelhaft erkennen, daß unsre Namen im Himmel geschrieben sind? Ich bin der Zeit sehr blöde. Ich fürchte mich einesteils vor Selbstbetrug, und andernteils vor Zaghaftigkeit. Denn da die lang gehoffte Hilfe nicht gekommen ist bis jetzt, so kommen oft Zweifel, Furcht und Kleinmütigkeit, besonders da ich an mir so viele Mängel und Fehler finde."
Antwort. Obige Worte des Herrn sind an die 70 Jünger gerichtet, welche von ihrer Wanderung durch die Städte voll Freude darüber zurückkehrten, daß ihnen auch die Teufel untertan seien. Darüber, sagt der Herr, sollten sie sich nicht freuen. Wenn sie sich freuen wollten, sollten sie sich darüber freuen, daß ihre Namen im Himmel geschrieben seien. Daß dem bei ihnen so war, ist leicht zu denken. Denn sie standen im vollen Glauben an Jesum, den von Gott gegebenen Heiland der Menschen; und ihr Glaube war so stark und ihre Anhänglichkeit an Jesum und die Sache des Reichs Gottes so groß, daß sie willig und tüchtig waren, frei und offen das Evangelium in Städten und Märkten zu verkündigen, und durch Wunder zu bestätigen, wo es noch unbekannt war, obwohl sie dabei manchem Gespötte ausgesetzt waren. Bei solchem Glaubensstand konnten sie doch wohl geschrieben sein im Himmel, als solche, auf welche Gott Acht habe, daß sie es sollten durchbringen zur Seligkeit.
Unsere Namen nun sind im Himmel bereits dadurch angeschrieben worden, daß wir in der heiligen Taufe dem Heiland und Seiner Gnade zur Kindschaft mit Gott übergeben worden sind. Das wollen wir doch nicht so gar nichts sein lassen. Wir bleiben denn auch angeschrieben, wenn wir im Glauben bleiben und solchen beweisen durch gottseligen Wandel, bei dem wir in all unsrem Dichten und Trachten durch den Gedanken an Ihn und unsre Kindschaft mit Ihm uns leiten lassen. Fehlt's je und je bei uns, wie leider viel, so streicht uns der Heiland nicht so schnell aus; denn gerade darum sind wir geschrieben, daß wir auch bei Irrgängen, die wir machen, Seines Andenkens und Seiner Fürsorge versichert bleiben. Wollen wir also innerlich unzweifelhafte Gewißheit haben, - von Kennzeichen brauchen wir nicht zu reden, - so müssen wir nur treu sein und Acht auf uns selber haben, daß wir in nichts Ungöttliches und Widergöttliches hineinkommen; und sind wir schon in Allerlei hineingeraten, so müssen wir eben wieder umkehren und Buße tun. Denn angenommen wird ja auch der verlorene Sohn, weil er Kind ist, in's Herz des Vaters geschrieben.
Weiter, liebe Frau, braucht's gar nichts. Manchmal aber sorgt man so gar sehr um eine Gewißheit, wie wenn man die auch bei weniger Treue, die man beweist, haben müßte. Man bekommt Unruhen aller Art, geht aber diesen nicht recht auf den Grund und will nur immer Gewißheit seiner Hoffnung. Fühlen wir uns aber innerlich frei, so sollen wir nichts sorgen, vielmehr denken, daß der Heiland uns nicht verlassen werde und uns zu den Angeschriebenen zähle, an die Er Alles rücken wolle, daß sie Ihm nicht abhanden kommen. Ein Selbstbetrug kann's nur da sein, wo man halb und halb mit der Sünde im Accord steht und doch im Lebensbuch stehen will. Zaghaftigkeit aber, wenn man ein Gewissen zu Gott und dem Heiland hat, ist ein Unglaube, der einfach nichts taugt. Am Ungeschicktesten ist's, wenn man will um's ewige Leben in Sorge kommen, weil gewisse Hilfen, die man hofft, nicht eintreten. Dafür, daß Er nicht gleich aufwartet, und daß Er überhaupt es anders gehen läßt, als man immer denkt und hofft, hat Gott auch Seine Gründe; und vielleicht gerade darum, weil die Namen geschrieben sind im Himmel, muß er die Leute hienieden knapp halten, weil's sonst fehlen könnte. Darum nur gutes Muts!
51) Das Zeichenfordern.
Briefliche Frage: "Von Kind auf habe ich etwas ängstliches an mir gehabt. Mit den Jahren, - ich bin jetzt 23 Jahre alt, - steigerte sich's zu einer peinlichen Angst, daß ich nun fortwährend fürchte, bald sterben zu müssen, obwohl ich nicht eigentlich krank bin. Ich befinde mich also immer in einer Art Todesfurcht, daß mich selbst ein Zittern anwandeln kann. Es gesellen sich dann auch noch andere Leiden und Gliederschmerzen dazu, die mich oft recht in's Gedränge bringen, weil ich dann auch noch mit dem Gedanken geplagt bin, der Heiland habe mich verworfen und ich könne nicht selig werden. Nun habe ich oft schon, wenn ich Schmerzen hatte, den Heiland gebeten, Er möchte mir doch die Schmerzen nehmen, und habe dabei mit rechtem Ernste gebetet, der Heiland möchte mir an dem ein Zeichen geben, daß Er mich nicht verworfen habe. Aber der Heiland hat mir nie geholfen, wenn ich so betete; und dann wurde meine Angst noch größer, daß ich in eine wahre Konfusion gekommen bin. Ich möchte Sie nun fragen, ob ich's recht machte, wenn ich so betete, oder ob ich's nicht lieber unterlassen solle."
Antwort. Vorerst erwidere ich dir, daß ich recht viele Teilnahme für dich empfinde, wegen der peinlichen Angst, die dich so viel beunruhigt, und wegen der Todesfurcht, die dich fortwährend begleitet. Ich kann mir nichts Anderes denken, als daß da finstere Einflüsse obwalten müssen, unter denen du leidest, weil auch kein Grund da ist, warum du ein baldiges Sterben fürchten solltest. Es treibt mich nun auch, recht ernstlich für dich zu beten, daß doch der Heiland von der Angst und der Todesfurcht dich befreien möchte. Bei dergleichen Anfechtungen erhört denn doch der Herr oft die Fürbitte. Ich bitte dich daher, den Mut nicht zu verlieren, und den Glauben an die endliche Erhörung des Gebets und der Fürbitte nicht aufzugeben. Wenn dich aber der Herr warten läßt, so mußt du dich einstweilen geduldig darein ergeben, überzeugt, daß dir die Furcht doch nicht schaden dürfte, und daß die Todesfurcht insbesondere jedenfalls keine gegründete ist, als wäre sie eine Art Vorzeichen, daß wirklich ein baldiges Sterben dir bevorstehe. Die Erregungen, die du dabei hast, sind offenbar ein Beweis, daß es nur etwas Schreckhaftes ist vom Feinde aus, dem kein Glauben zu schenken ist. Dergleichen Empfindungen oder Eingebungen darf man nie glauben, weil das einem Aberglauben ähnelte und dem Glauben an den alleinigen Gott Eintrag brächte. Man hat auch gleich den Nachteil davon, daß die Empfindungen nur um so stärker und peinlicher werden. Drum sei mutig und harre des Herrn, der gewiß dir nicht gar sich entziehen wird, namentlich, wenn du unter der Furcht doch Ihm vertraust!
Aber freilich solches Vertrauen will dir auch geraubt werden. Des bösen Feindes Tuck ist immer ein doppelter. Erstlich plagt er, und zweitens will er den Glauben an die Hilfe Gottes nehmen. So gibt er dir denn ein, als wärest du vom Heiland verworfen, und als frage Er nichts nach dir. An dem kann Jeder den Schalk merken, wenn ihm die Liebe Gottes verdächtig gemacht werden will. An dem kannst du merken, daß es auch mit der Todesfurcht nichts ist. Bedenke doch, wie weit es schon muß mit einem Menschen gekommen sein, bis er soll zu denken berechtigt sein, Gott habe ihn verworfen. Selbst mit großen Sündern hat der Herr Geduld, daß auch sie sich nie verworfen denken dürfen, wenn sie nur wieder umkehren. Aber das ist des Feindes Art, den lieben Gott und gar den Heiland den Menschen so hinzustellen, als mache es Ihm nichts aus, Jemanden auch ohne allen Grund zu verstoßen und in die Hölle zu werfen. Du meinst zwar auch ein Sünder zu sein, und tust recht daran; aber wenn der Heiland, der für die Sünder Sein Leben gelassen hat, dich verwerfen wollte, wen dürfte Er dann Rechtens unverworfen lassen? Erkennst du da nicht den Lügner? Aber wir wollen mit einander beim Heiland anhalten, daß Er des Feindes Lügengeist von dir nehme, und dir etwas von Gefühl Seiner Alles übersteigenden Liebe und Gnade geben möchte, deren du, wie ich mit Bestimmtheit dir sage, dich versichert halten darfst.
Du hast dir aber anders helfen wollen, und fordertest, da du sonst Schmerzen hattest, mit dem, daß Er dir helfe, ein Zeichen von Gott, daß Er dich nicht verworfen habe und du Seiner Liebe gewiß sein dürfest. Da muß ich dir aber sagen, daß du es sehr ungeschickt angegriffen hast. Es ist an und für sich schon seltsam, daß der liebe Gott für etwas, das doch ganz selbstverständlich ist, ein Zeichen geben soll, wie auch, daß Gott durch ein Zeichen den Menschen es soll erkennen lassen, daß des Feindes Eingebungen erlogen seien, Gottes Wort aber wahr. Siehst du nicht, liebes Kind, von selbst ein, daß damit eigentlich doch der Herr sehr herabgesetzt und etwas Seiner ganz Unwürdiges gefordert wird? In Seinem Wort hat Er doch gesagt, Er wolle, daß Allen Menschen geholfen werde, und wolle nicht, daß Jemand verloren werde; und soll Er das, als ob man auch an Seinem Worte zweifeln dürfte, mit einem Zeichen Jemanden versiegeln? Wiederum soll Er mit einem Zeichen es deutlich machen, daß der Lügner lüge? Begreiflich ist es da wohl, daß auf dergleichen Forderungen der liebe Gott auch nicht das Mindeste gibt. Ja, Er wird noch weniger geben, als wenn man einfältig allein Seine Liebe und Freundlichkeit, wie sie aus Seinem Worte bekannt ist, in Anspruch nimmt. Damit hättest du, liebes Kind, Glauben bewiesen, mit Jenem aber hast du, ohne es zu merken, puren Unglauben vor dem Herrn sehen lassen. Ich bitte dich darum sehr, ja in solcher Weise nie mehr ein Zeichen vom Herrn zu fordern. Du sollst an Seine Liebe und Gnade glauben, auch wenn Er nicht auffallend nach deinem Willen dir gibt. Sein Wort muß dir eine Leuchte auch in der Finsternis sein; und gerade unter dem Druck, den dein Herz sonst erfährt, mußst du beweisen lernen, daß du dennoch Glauben habest, auch wenn du keine direkte Hilfe erfährst. Wer zu solchem Glauben sich nicht hergeben mag, dem wird der Herr nicht so schnell gleichsam mit einem Wunder aufwarten, damit er seine Schwachgläubigkeit oder gar seinen Unglauben verliere. Wir müssen es mit einem David halten lernen, der sagt (Ps. 73, 26): "Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil."
Die nämliche finstere Macht, möchte ich sagen, die dir Angst und Todesfurcht eingibt, gibt dir auch ein, es mit deinem Beten zu machen, wie du's gemacht hast, oder dich frech und anmaßend im Bitten zum Heiland zu stellen, damit sie dich hintennach auch wieder damit plagen könne, dir gleichsam vorhaltend: "Du siehst, dein Heiland will nichts von dir; sonst hätte Er dir ja geholfen." Du hast es ja selbst erfahren, wie die Nichterhörung deiner Bitte, wenn du diese als Zeichen begehrtest, dich nur verwirrter, ängstlicher und verzagter machte. So aber will's der Feind, daß der Mensch lieber vollends allen Glauben wegwerfe. An Vielen ist ihm das auch schon gelungen, sofern sie, weil Gott sie nicht zu erhören schien, vor Unmut allen Glauben an Gott und einen Heiland hingegeben haben.
Ich bin nicht umsonst, weil ich öffentlich rede, weitläuftig gewesen. Ich möchte nämlich gerne auch andere redliche Seelen warnen, die versucht sind, als Zeichen von Gott Erhörung gewisser Gebete zu fordern, und die damit einen gefährlichen Weg betreten, weil ihnen, wie eben bemerkt, Gott hintennach nur um so ferner kommt. Sie wollen ein Wunder zu einem Zeichen; und weil das nicht kommt, leiden sie gar am Glauben Schiffbruch. Ich kenne zwei Theologen, die als Studenten sich sehr christlich bezeigten und das Beste für die Zukunft versprachen. Beide kamen später in Anfechtungen hinein, deren Wegnahme sie stürmisch vom Herrn verlangten, mit dem ausgesprochenen Gedanken, daß sie an dem sehen wollten, ob es einen Gott und Heiland gebe oder nicht. Wie kann aber da Gott erhören? Der Eine von diesen Studenten war einmal bei mir in Möttlingen und schien innerlich angeregt zu werden. Er ist aber nachher ein so frecher Gottes- und Christusleugner geworden, wie mir nichts ähnliches vorgekommen ist, und zwar nur, weil ihm der erhörende Gott nicht aufwartete, wie er's glaubte, von Gott ansprechen zu dürfen. Wie kann aber Gott, sage ich noch einmal, solche Bitten erhören? Die ein Zeichen fordern, müssen's haben, wie einst die Pharisäer, denen statt eines Zeichens am Himmel das Zeichen des Jonas allein in Aussicht gestellt wurde. So begehren auch sonst viele Christen ein Wunder an kranken Angehörigen, damit es ein Zeichen wäre für Ungläubige, daß sie sich bekehrten. Wer aber mit dergleichen Gedanken betet, darf nie auf eine Erhörung in unsrer Zeit rechnen, wenigstens auf keine Erhörung auffallender Art. Denn wer nicht glaubt, glaubt in unsrer Zeit doch nicht, auch wenn er Wunder sieht. Wie viele Hintertüren hat er doch, um ein Wunder nicht glauben zu müssen; und wenn man dennoch das Glauben von ihm verlangt, würde er nur um so feindseliger. Wer bitten will, bleibe doch nur in der Einfalt, und halte dem lieben Gott nichts vor, das für Ihn ein Beweggrund sein soll, zu helfen, sofern Er Ehre davon haben müsse. Nicht einmal, wenn Er dir, lieber Christ, etwas gibt, darfst du viel Wesen darüber vor Andern machen, weil's deine kindliche Freude nur verdürbe. Die Zeit aber wird schon kommen, da Gott wieder Wunder und Zeichen tut; aber Er muß anfangen. Wenn Er anfangt, wird's recht; und wie herrlich wird sich Seine Barmherzigkeit an allem Fleisch noch offenbaren!
52) Die Friedensgedanken Gottes.
(Jerem. 29, 10-14.)
Frage: "Möchten Sie die Güte haben, in Ihrem Blatte eine Auslegung zu geben über Jerem. 29, 10-12."
Antwort. Die Frage kommt aus dem Bauernstande; und ich freue mich, wenn von diesem Stande auch mit Interesse gefragt wird. Die Worte in Jeremias, zu welchen aber noch etwas Weiteres gehört, lauten:
Jer. 29, 10. "Denn so spricht der Herr: Wenn zu Babel 70 Jahre aus sind, so will ich euch besuchen und will mein gnädiges Wort über euch erwecken, daß ich euch wieder an diesen Ort bringe." - v. 11. "Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, nämlich Gedanken des Friedens, und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet." - v. 12. "Und ihr werdet mich anrufen und hingehen, und mich bitten; und ich will euch erhören." - v. 13. "Ihr werdet mich suchen und finden. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet," - v. 14. "so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr."
Unverständlich kann wohl die Fragestellerin in diesen prophetischen Worten nichts finden; und nur die Größe der Verheißung mag einen besonderen Eindruck auf sie gemacht haben, daß sie gerne ein Näheres darüber hörte. Es ist immer von großem Interesse, den ganzen Sinn der Propheten verstehen zu lernen, weil sie gewöhnlich, wenn auf die Gegenwart sich beziehend, unendlich mehr sagen, als zunächst in diese hereinkommt; und das in's Auge zu fassen, macht die Propheten für alle Zeiten, und besonders für unsre Zeiten, so wichtig.
Die Worte des Propheten sind aus einem Brief, welchen Jeremias von Jerusalem aus nach Babel an gefangene Juden schrieb. Es war nämlich Nebukadnezar schon zweimal gekommen und hatte jedes Mal viele Juden in die Gefangenschaft abgeführt, um die Macht der Juden zu schwächen, damit sie sollten nichts Aufrührerisches mehr anfangen können. Bis dahin hatten die Juden auf Propheten nicht geachtet. Jetzt aber in der Gefangenschaft waren sie geneigter, zu hören, weil Not und Heimweh sie drückte. Aber jetzt waren's mehr falsche Propheten, die sich unter den gefangenen Juden wichtig machten, indem sie diesen als vom Herrn vorspiegelten, sie würden in nächster Zeit wieder befreit werden und zurückkehren dürfen, weil der Herr Jerusalem durch ein Wunder würde von den Chaldäern, die es wieder belagerten, frei machen. Der Herr aber hatte diese Propheten nicht gesandt; und wer sie hörte, war betrogen. Statt dessen rät Jeremias den Gefangenen, sich vorerst ganz einheimisch zu machen in Babel, und dieser Stadt Bestes, als wäre es ihre Heimat, zu suchen. Denn erst nach Verfluß von 70 Jahren werde die Gefangenschaft aufhören. Bis dahin könnten sie also wohl Häuser bauen, Gärten pflanzen, heiraten und sich vermehren, um im Frieden mit der Stadt zu bleiben und dann auch im Frieden wieder von ihr abziehen zu können.
Nach 70 Jahren nun, kündigt Jeremias an, werde die Gefangenschaft aufhören, daß dann wieder ins gelobte Land kommen dürfe, wer Lust habe (v. 14). Die 70 Jahre aber wurden schon von der ersten Wegführung an gerechnet, welche 18 Jahre vor der eigentlichen Zerstörung Jerusalems erfolgte. Um die Zeit der Rückkehr will sich Gott wieder gnädig bezeigen. Er will sie, wie die angeführten Worte sagen, besuchen und Sein gnädiges Wort über ihnen erwecken, daß Er sie wieder in ihre Heimat bringe. Es haben auch wirklich Propheten, wie Daniel, dazu mitgewirkt; und die Zurückgekehrten durften wieder Propheten haben, darunter Haggai, Sacharia und Maleachi, welche viele mit dem künftigen Messias kommende Gnaden anzeigten. Denn in Allem - das ist nun die Hauptsache der Stelle, - hatte Gott Gedanken des Friedens, nicht des Leides. Auch in den Gerichten lagen Gedanken des Friedens versteckt. Es ging vorerst nicht mehr mit Israel, wie es gehen sollte. Der Herr muß ihm scheinbar den Garaus machen, hatte aber dabei Seine Absichten mit den Übrigen des Volks, die zurückkehren sollten, durch welche Er Seine großen Friedensgedanken zum Ziel zu bringen vorhatte. Israel war ja das Volk, durch welches noch alle Geschlechter der Erde sollten gesegnet werden. Darauf hin zielen schließlich die Gedanken des Friedens, die Er hat, und die Er jetzt wieder durch Segnungen, welche die Übrigen erfahren sollten, durchblicken ließ. Er wollte es so weit kommen lassen, daß die ursprünglichen Gedanken, welche Gott schon mit der Berufung Abrahams hatte, in Vollzug kommen möchten. Das waren die vollen Gedanken des Friedens, "daß ich euch," sagt Er, "gebe das Ende, des ihr wartet."
Dieses Ende war nun für gewöhnliche Hörer zunächst das Ende der Gefangenschaft, auf welches die Gefangenen hofften. Aber das prophetische Wort geht, wie schon angedeutet, weiter. Wenn's heißt das Ende, so ist's das nämliche Wort, welches sonst die Propheten brauchen, wenn sie sagen: "Zur letzten Zeit." Bei Jeremias heißt's eigentlich: "Das Ende, und die Hoffnung oder die Erwartung." Gott blickt weiter, als die Juden; und gläubige Juden, die den Beruf Israels für die ganze Welt verstanden, konnten schon eine Ahnung davon haben, was Gott meine. Das nächste Ende der Gefangenschaft ist nur ein Vorbild des großen Ziels und der großen Erwartung für die ferne Zukunft. Wie jetzt Gott wird wieder freundlich sein und aus der Gefangenschaft führen, so wird Seine Freundlichkeit in der Folge sich verklären und verherrlichen, da sie doch nicht gleich so völlig da war, wie es in der Stelle steht. Diese weist nun auch auf Christum hin, den erwarteten Heiland der Welt. Der war Ziel und Erwartung eines gläubigen Juden. Diesen Verheißenen zu senden, ist Gottes Absicht; und weil derselbe ein Friedefürst ist, heißen Gottes Gedanken vorzüglich mit Bezug auf Ihn Gedanken des Friedens. Weil aber mit der Erscheinung Christi die Gedanken des Friedens noch nicht zum ganzen Vollzug kamen, so ist abermals auf ein Ende, auf ein Letztes, zu warten, bis sie ganz voll da sein werden zum Heile der ganzen Welt. So müssen auch wir in unsrer Zeit der Gedanken des Friedens uns trösten, die Gott auf das Ende hin gibt, des wir warten, und wir sagen jetzt auf die Wiedererscheinung Jesu hin.
Jeremias gibt besondere Verheißungen auf die kommende Friedenszeit. "Ihr werdet mich," spricht der Herr, "anrufen und hingehen und mich bitten; und ich will euch erhören." Wenn die 70 Jahre um sind, werden sie an ihrem Gott einen erhörenden Gott und Helfer und Führer haben. Er sendet den Zurückkehrenden einen neuen Geist, daß sie ihren Gott suchen und finden. "Wenn ihr dann," heißt's weiter, mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen." Dergleichen Verheißungen gingen wohl in etwas schon damals in Erfüllung, aber, wie die Geschichte zeigt, doch nicht ganz so, daß die vollen Friedensgedanken eintreten konnten; denn so gar mit ganzem Herzen lernten vorerst nie die Juden den Herrn suchen. Es muß aber noch so werden, daß Israel von ganzem Herzen Gott suche; und ist's nicht das bisherige Israel, so ist's das erweiterte, die Christenheit, mit der es noch so weit kommen muß, daß ein neuer Geist sie beseelt, von ganzem Herzen ihren Gott, jetzt ihren Heiland, zu suchen, damit Er sich kann zur Verherrlichung Seiner Gnade finden lassen, und zur Erfüllung aller Gedanken des Friedens, die Gott mit den Menschen hat, auf das Ende hin, des wir warten, nämlich die endliche Wiederkunft Jesu. Diese Gedanken des Friedens hat Gott heute noch nicht vergessen; denn in Folge ihrer soll es nicht bloß zur Ruhe in Kanaan kommen, sondern zu der Ruhe, die dem Volke Gottes noch vorhanden ist. Lernen wir vorerst den Herrn bitten und anrufen, daß die Herzen völlig zu Ihm sich wenden, will Er ja doch erhören, wenn wir ernstlich bitten. Geschieht das, so werden wir noch große Wunder der Erbarmung erleben, welche die Fülle aller Friedensgedanken Gottes über der ganzen Welt in sich schließen werden. Gebe Gott, daß wir dergleichen Gedanken des Friedens, die nicht Gedanken des Leides sein sollen, vorerst nur glauben, um dann auch bitten zu können, daß sie endlich werden. Werden aber müssen sie, so wahr Gott heißt der Treue und Wahrhaftige!
53) Bileam.
Frage: "Einige Bibelleserinnen bitten in den Boller Blättern um einigen Aufschluß über die Geschichte des Bileam (abgesehen von dem feststehenden Wunder der redenden Eselin). Wie soll man aber den Bileam in 4 Mos. 24 mit dem in Kap. 31, 16 in Einklang bringen?
Antwort. Das Rätselhafte für die Leserinnen liegt in dem, daß nach 4 Mos. 24 Bileam nur Gutes von Israel sagen mußte, und doch in 31, 16 steht, die Kinder Israel seien durch Bileams Rat abgeleitet worden, sich am Herrn zu versündigen. Es ist allerdings nicht besonders bemerkt in der Geschichte, also nur gelegentlich in Kap. 31, 16 nachgetragen, daß Bileam, als er von dem Könige der Moabiter wieder entlassen wurde, von sich aus etwas Böses dem Könige geraten hatte, um doch noch einen Fluch, den er nicht aussprechen durfte, auf Israel zu bringen. Wir wollen aber nun ein Näheres über Bileam sagen, wodurch für die Leserinnen Alles kann in einiges Licht kommen.
Bileam, von welchem 4 Mos. 22-24 ein Umständliches erzählt wird, jedoch so, daß die Geschichte wie ein Einschiebsel da steht in die übrige Geschichte der Kinder Israel, war ein Mann von rätselhafter Persönlichkeit, aber doch, trotz allem Schein des Gegenteils, ein Heide durch und durch. So Bedeutendes er auch für Israel weissagen mußte, hat man sich doch sehr in Acht zu nehmen, ihn höher zu stellen, als er verdient, wie wenn er etwas Gehobeneres gewesen wäre, als sonst die Heiden. Mose nennt ihn nirgends einen Propheten; und ein Prophet des Herrn war er auch nicht. Josua (13, 22) nennt ihn nur einen Weissager, eig. Wahrsager. Petrus zwar (2 Petr. 2, 16) nennt ihn einen Propheten, aber nur mit Bezug auf das, was er vom Herrn genötigt wurde, auszusprechen, nicht weil er in der Tat den Character eines Propheten gehabt hätte. Hierin darf uns auch das nicht irre machen, wenn Bileam in einer Entzückung sagt (14, 3): "Es saget Bileam, der Sohn Beor (Bosor 2 Petr. 2, 15), es saget der Mann, dem die Augen geöffnet sind." (Letzteres kann auch übersetzt werden: "dem die Augen verstopft, geschlossen sind," nämlich bezüglich des eigenen Geistes, daß er, wie bewußtlos, einem ihm fremden Geiste unterworfen war). Ferner: "Es saget der Hörer göttlicher Rede, der des Allmächtigen Offenbarung (eig. Gesicht, Vision) siehet, dem die Augen aufgetan werden, wenn er niederfällt," d. h. dem, wenn er in Entzückung, geistiger Entrückung, äußerer Ohnmacht hinfällt, tiefere Blicke gegeben werden. Denn das Alles hat nur Bezug auf das jetzt Vorkommende; und sonst, wenn er in Entzückung kam, müssen wir denken, waren's dämonische Eingebungen, die ihm, was Andern unbekannt war, mitteilten.
Für gewöhnlich war, wie oben bemerkt, Bileam nur ein Wahrsager gemeiner Sorte (22, 7; 24, 1; Jos. 13, 22), der auch ein Gewerbe mit dem Wahrsagen trieb (22, 7), wie aus der ganzen Geschichte erhellt. Seine Wohnung hatte er in Mesopotamien (5 Mos. 23, 4) nahe am Euphrat (das Wasser, 22, 5, bedeutet den Euphrat). Sein Ruf aber muß weithin sich erstreckt haben, wenn Balak, König der Moabiter, in Verbindung mit den Midianitern, (deren östliche Stämme bis an den Euphrat, wohl auch etwas darüber, reichten, weswegen auch Bileam ein Midianiter gewesen sein mag), mit seinem großen Anliegen zu ihm schickte, und zu ihm sagen konnte (22, 6): "Ich weiß, daß, welchen du segnest, der ist gesegnet, und welchen du verfluchest, der ist verflucht." Man traute es ihm also zu, er stehe in einem solchen Zusammenhang mit den Göttern der Völker, daß diese jedes Mal ihm gewährten, was er ausspreche, sei's zum Segnen oder zum Fluchen. Indem er nun bezüglich Israels Aussprüche tun sollte, wußte er wohl, daß er es da auch mit dem eigentümlichen Gott Israels, nämlich dem Herrn Jehova, zu tun habe; und das bringt ihn in einige Verlegenheit, daß er zögert und über Nacht bleiben heißt, mit den Worten (v. 8): "Ich will euch wieder sagen, wie mir der Herr (Jehova) sagen wird." Man darf also aus dem, daß er den Herrn Jehova fragen wollte, nicht schließen, daß er ein Prophet des Herrn gewesen sei, so wenig, als er darum ein Jehovadiener genannt werden kann, wenn er das zweite Mal sagt (v. 18): "Ich kann nicht übergehen das Wort des Herrn, meines Gottes," d. h. "des Gottes, der für eure Sache jetzt mein Gott ist, nach dem ich mich zu richten habe." Der Herr Jehova geht ihn persönlich nichts an. Denn seine Wahrsagerei kann er nur mit finsteren Kräften getrieben haben; und wie kann er da gleichzeitig ein Prophet, oder ein Anbeter Jehova's gewesen sein? Denn, sagt Paulus (2 Kor. 6, 14): "Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?"
Balak nun, der König der Moabiter, in Verbindung mit den Ältesten der Midianiter, welche beide Völkerschaften hinter dem toten Meere wohnten, hatten Angst vor den Israeliten, die aus der Wüste heraus, an den Edomitern, Amonitern und Moabitern vorbei, gegen den Jordan gekommen waren, und sich (22, 1) in das Gefilde Moab gelagert hatten, jenseits dem Jordan, gegenüber von Jericho. Die Israeliten aber hatten Weisung gehabt, die Moabiter zu umgehen und zu schonen, weil diese, als Nachkommen Lot's, sollten als Brüder unangetastet bleiben. Balak dagegen meinte, sie würden ihn auffressen, wie ein Ochse Kraut auf dem Felde auffresse. Krieg mit ihnen zu führen, war er zu schwach; und darum wollte er abergläubisch auf sie wirken lassen durch Fluchsprüche, damit ein geheimer, sie verzehrender Fluch über sie kommen möge, in Folge dessen die Gefahr vor ihnen vermindert werden sollte. Balak aber beachtete es nicht, daß es mit dem Herrn Jehova, dem Gotte Israels, ein Anderes sei, als mit andern Göttern, und daß ein Einverständnis des Bileam zum Verfluchen mit diesem Jehova nicht möglich sei. Bileam aber zögert, da er besser in Solches hineinsah, und will daher, als ihm's Gott verwehrte, zu Balak zu gehen, die Reise unterlassen. Eine zweite Sendung Balaks aber machte ihn lüstern nach dem Lohne, wie er auch nicht gern ungefällig war gegen den König. Er fragt wieder den Herrn, freilich mit großem Unverstand, da ihm doch Gott gesagt hatte: "Gehe nicht hin, und verfluche auch nicht das Volk; denn es ist gesegnet," ihm damit andeutend, daß er mit einem Verfluchen auch nichts ausrichten werde. Gott aber müssen wir hereindenken, findet's unter Seiner Würde, zum zweiten Male die Reise zu verbieten, wie wenn er sein Fluchen gar fürchtete, läßt ihm daher den Willen, jedoch abermals ihm anzeigend, daß er nur tun dürfe, was Er ihm sage.
Hier nun kommt die Geschichte mit der Eselin vor. Der Herr nämlich, der Bileams falschen und feindseligen Sinn erkannte, stand ihm im Wege, und machte es so, daß zunächst die Eselin des vermeintlichen "Propheten Torheit wehrte" (2 Petri 2, 16). Wenn es heißt: "Der Herr tat der Eselin den Mund auf," so müssen wir das als ein Wiedergeben dessen nehmen, wie es dem Bileam vorkam, der in halb ekstatischem Zustande, seiner nicht recht bewußt, mit der Eselin, als wär's etwas Vernünftiges, ein Gespräch führte. Es war ihm, als käme, was ein anderer gewöhnlicher Engel, der verschieden war vom Engel des Herrn, und sich in die Stelle des Tiers versetzte, redete, aus der Eselin, und wäre dieser ein Organ zum Reden gegeben. Bileam erfährt hiebei eine empfindliche Strafe mit äußerster Geringschätzung von Seiten Gottes. Es sollte ihm zum Bewußtsein kommen, daß er, was er sonst als göttliche Offenbarung nehme, nur als etwas zu nehmen habe, das von einer Eselin, einem stummen Tiere, herkomme, und demnach auch zu beurteilen sei, weswegen gleich der Engel des Herrn selbst mit ihm Weiteres redete. Er hat's mit Eseln, oder Dämonen, die nichts wissen, oder Alles nur dumm wissen, nicht mit Gott, zu tun, wenn er weissagte. Ja, auch bei Balak soll er gleichsam selbst das stumme Tier sein, aus dessen Mund der Geist Gottes, der seine höheren Absichten hatte, sich ausspreche. Der Herr redet da wohl und redet Beachtenswertes; der Sprecher aber ist nichts weiter als sein stummes lastbarstes Tier. Darüber konnte Bileam, der sonst so große Stücke auf sich hielt, auf seiner ferneren Reise nachdenken.
(Schluß folgt.)
54) Bileam (Schluß).
Bileam, bei Balak angekommen, läßt sich auf die Höhe führen, von welcher aus er ganz Israel übersehen konnte. Auf dieser Höhe stand auch der Tempel Baals, wahrscheinlich innerhalb eines Haines, wie es bei den Heiden gewöhnlich war. Dort wurden Opfer gebracht. Bileam aber ging rasch bei Seite, als wollte er, in der Einsamkeit stehend, nachsehen, ob ihm der Herr begegne, d. h. er sah sich nach Wahrsagerstimmen um (vergl. 24, 1), wie es Wahrsager machen. Wie er solche Stimmen sonst von den Göttern der Völker erwartete, da er sich mit Dämonen in Verkehr zu setzen, oder von diesen sich einnehmen zu lassen wußte, so hier von dem Herrn Jehova, der Israels Gott war. Gott, begreiflich nur ein Engel Gottes, begegnete ihm auch wirklich, und legte ihm, was er sagen sollte, in den Mund, ohne nach dem zu fragen, was Bileam im Stillen zu wünschen schien. Beim Opfer wieder angekommen, hub er dann seinen Spruch an, der dem ganz entgegengesetzt lautete, was Balak und die Fürsten der Moabiter wollten. Balak will's an einem andern Ort versuchen, von dem aus nur das Ende des Volks gesehen werden konnte, und nachher an einem dritten Orte auf derselben Höhe des Berges Peor, gegen die Wüste hin, auf welcher Israel gelagert war. Immer wurden neue Opfer hergerichtet. Bileam aber kann und darf nicht anders reden, als wie Gott es ihm eingab, bis er es bestimmt "erkannte, daß es dem Herrn gefiel, Israel nur zu segnen" (24, 1). Vorher muß er noch andere Hoffnungen gehabt haben, zum Beweis, wie unlauter er es meinte, und wie er nur ein willenloses Werkzeug in der Hand des Herrn war, ohne eine eigene tiefere Empfindung von dem Gott Israels zu haben. Das dritte Mal ging er nun nicht mehr bei Seite, wie "vormals" (vorher), "nach den Zauberern" (24, 1), wie Luther übersetzt, was aber eigentlich heißen sollte: "nach Wahrsagung;" d. h. er gab es auf, Wahrsagerstimmen im Sinne Balaks zu suchen und zu erwarten. Er blieb bei den Opfern, sein Gesicht stracks zur Wüste gerichtet, da er Israel sah, "wie sie lagen in ihren Stämmen." Da "kam der Geist Gottes über ihn," ihn hinnehmend und seinen eigenen Geist verdeckend (vergl. Nr. 53); und er tat wieder verschiedene Sprüche, die von der Zukunft Israels, auch seinen großen Hoffnungen, viel sagten. Balak entließ ihn endlich; und Bileam ging wieder an seinen Ort (24, 25). Dieser mag ab und zu, diesseits und jenseits des Euphrats unter den Midianitern gewesen sein. Alles aber, was zwischen Balak und Bileam vorfiel, geschah ganz nur auf heidnischem Boden unter Heiden; und Israel war dabei völlig unbeteiligt. Auch Mose kann nur unter der Hand Nachricht von Allem, und von den Sprüchen insbesondere, die Bileam tat, gehört haben. Deswegen steht auch der ganze Abschnitt (Kap. 22-24) wie eingeschoben da. Denn 22, 1 und 25, 1 schließen sich enge an einander an. In 22, 1 heißt es: "Die Kinder Israels zogen und lagerten sich im Gefilde Moab," was 25, 1 mit den Worten ergänzt wird: "Und Israel wohnete in Sittim." Auch ist die Versündigung des Volks als eine gelegentliche, nicht mit der Geschichte Bileams zusammenhängende, dargestellt, wie aus nachbarlichem Verkehr entstanden, während die Einladung der Moabiter ein schlau angelegter Plan war, in Folge eines Rats, den Bileam noch gegeben hatte.
Daß der Herr mit Bileam in angezeigter Weise sich einließ, kann auffallen, und bedarf einer näheren Erklärung. Vorerst wollte der Herr nur die Berufung Bileams verhindern, weil seine Erscheinung, als eines berühmten Mannes, der Israel fluchte, sowohl bei den Moabitern, als auch bei den Israeliten Aufsehen machen und nur üblen Einfluß haben konnte. Zwingen will aber der Herr den Bileam nicht, wegzubleiben. Ist sein Gelüste zu groß, so läßt Er ihn ziehen. Aber nun sollte sich's herausstellen, wie gar nichts es sei, mit den Künsten der Zauberer und Wahrsager, deren Verwerflichkeit Bileam selbst aussprechen mußte, wenn er, um zu erklären, warum Israel gesegnet sei, sagte (23, 23):
"Denn es ist kein Zauberer in Jakob, und kein Wahrsager in Israel. Zu seiner Zeit wird man von Jakob sagen, und von Israel, welche Wunder Gott tut" (im Gegensatz zum Tun der Zauberer).
Ohne Weiteres den Bileam dem Volke fluchen lassen konnte Gott nicht. Denn wie konnte sichs mit der Würde Jehova's vertragen, daß Jemand gleichsam unter Seinen Augen und vor Seinen Ohren dem fluchen sollte, den doch der Herr gesegnet hatte. Gesetzt ferner, Bileam hätte nach seiner Weise geflucht, und es hätte hintennach Israel sich so betragen, daß ein vorübergehender Fluch über sie kommen mußte, wie auch wirklich geschah, so hätten die Moabiter denken können, man sehe es, daß der Gott Israels doch nicht stark genug sei, des Fluchenden Fluch zu hintertreiben. So kam es, daß der Herr sich drein legte, und so, daß Bileam eine reine Maschine wurde, wie er's freilich auch sonst in seinem Geschäft war, und daß der Herr nur durch seinen Mund redete, als wäre Bileam selber die Eselin, welcher unterwegs der Herr nach dem Gefühl, das Bileam bekam, den Mund aufgetan hatte. Bileam selbst, und auch Balak, mußte den Eindruck bekommen, daß Niemand etwas gegen den Herrn Jehova, den Gott Israels, ausrichten konnte, und zugleich, welche Bedeutung in der Zukunft Israel bekommen werde. Es war auch darauf abgesehen, die Moabiter geneigter gegen ein Volk in seiner Rähe zu machen, das nichts als Segen von seinem Gott bekam. So kam es, daß der Herr ausnahmsweise, zu Gunsten Israels, sich auch unter Heiden vernehmen ließ; denn Alles verlief ja ganz auf heidnischem Boden.
Wie es aber bei Gott entfremdeten Menschen häufig vorkommt, so wurden Balak und Bileam durch die offenbare Kundgebung Gottes, die einen Strich durch ihre Rechnung machte, mehr verbittert, als gebeugt; und namentlich bekamen sie Haß und Neid gegen die Gesegneten, für welche sich der Herr so sehr verwendete. So machten sie einen bösen Plan, wie sie doch könnten einen Fluch auf Israel bringen. Da hat denn der finstere Geist, der in Bileam die Oberhand hatte, ihn noch vor seiner Abreise dem Balak einen Rat geben heißen, wie er es anstellen solle, daß Israel an seinem Götzendienst und an den Buhlereien, wie sie mit denselben verbunden waren, sich beteilige. Denn wenn sie das täten, so wäre das ein solcher Greuel vor ihrem Gott, daß sie ohne die empfindlichste Strafe, oder gar ohne einen das ganze Volk verzehrenden Fluch nicht wegkommen würden. Daß es Bileam war, der so riet, ist ausdrücklich gesagt (4 Mos. 31, 16), auch von Petrus angenommen (2 Petr. 2, 14-16), und selbst in der Offenbarung Johannis (2, 14), vorausgesetzt. Bileam muß bereits abgezogen gewesen sein, als Balak ein Götzenfest anordnete, und dazu Israel, wie nachbarlich freundschaftlich, einlud. Das lüsterne, vielleicht zunächst nur neugierige Volk, nahm die Einladung an, und kam sehr zahlreich. Ihrer Etliche wurden so frech, daß sie selbst heidnische Buhldirnen mit in's Lager nahmen, und fast offen da Schande trieben (25, 1-8). Da ergrimmte denn freilich der Herr über Israel; und auf Seinen Befehl kam es zu einem entsetzlichen Würgen unter dem Volke mit großer Plage. Nur des Pinehas, des Enkels Aarons, Eifer, den Gott dem ganzen Volke zu gut kommen ließ, brachte die Plage zum Aufhören. Aber nicht weniger als 24,000 wurden in der Plage getötet.
Die ganze Geschichte blieb sehr im Andenken des Volkes Gottes. Auch Paulus benützte sie (1 Kor. 10, 8) zur Warnung für die Christen vor dem Götzendienst; und Judas (v. 11) spricht von dem Irrtum Bileams, oder von Verirrungen, welche auch Christen der ersten Zeit gleichgiltig nahmen, da es zu allen Zeiten wenigstens leichtsinnige Ratgeber gegeben hat, wie Bileam es war. Ebenso war es im Sendschreiben an die Gemeine zu Pergamon (Off. 2, 14) nötig geworden, wider die zu reden, "die an der Lehre Bileams hielten, welcher lehrete durch den Balak ein Ärgernis aufrichten vor den Kindern Israel, zu essen der Götzen Opfer und Hurerei treiben." Auch in unserer Zeit darf man wohl dran denken, welch ein Fluch drauf liegt, dem Herrn anhängen zu wollen und doch ungescheut dem Gelüste der Welt zu frönen.
Später wurde ein Kriegszug gegen die Midianiter von Seiten Israels unternommen. Als ferner wohnend, waren sie strafbarer, als die Moabiter, wie sie auch mögen wüster sich betragen haben bei den angeordneten Götzenfesten, war doch die, welche es am ärgsten im Lager machte, eine Midianitin (31, 3). Auf sie fiel der Zorn Gottes besonders. Die Moabiter aber wurden wahrscheinlich, als Nachkommen Lot's, abermals geschont. Von den Midianitern wurde Alles, was männlich war, so weit es sein konnte, erwürgt. Auch die Weiber, die mehr als die Moabiterinnen (25, 6), zu greuelhaftem Benehmen sich hergegeben hatten, wurden getötet, so weit sie schuldig zu sein scheinen konnten, selbst solche, die man schon als Gefangene ins Lager gebracht hatte (31, 16). Unter den Getöteten war denn auch Bileam, als böser Rädelsführer von Allem (v. 8).
55) Vom Trauergeiste.
Frage: "Wie ist es möglich, daß Leute, die den Herrn lieben und an Ihn glauben, doch lange Jahre eines trüben, schweren Trauergeistes nicht los werden können? Müssen und können wir nicht durch den Glauben selige Menschen, allezeit fröhliche werden?"
Antwort: Daß Leute, die wir nicht anders, denn als redliche und aufrichtige Christen ansehen können, oft einen andauernden Trauergeist an sich haben, ist allerdings eine unbestrittene Tatsache, die wohl einer näheren Erwägung verdient, weil sie mit der Verheißung des Evangeliums nicht übereinzustimmen scheint. Seinen Höhepunkt erreicht solcher Trauergeist in der Schwermut, da er sich zu einer wirklichen Krankheit gesteigert hat, bei welcher die Willenskraft und die Tatkraft angefangen hat, Not zu leiden. Bis zu diesem Höhepunkt gibt es verschiedene, untergeordnete Grade eines Trauergeistes, der ab und zu sich fühlbar macht. Oft ist er nur in der leisesten Art vorhanden, aber kaum je ganz weg. Immer aber erscheint er auch da als die unterste Stufe der Schwermut, und ist etwas von dem Seufzen, das der gesamten Kreatur inne liegt, von dem sie erst bei der Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes, wie Paulus schreibt, durch das Kommen des Herrn ganz befreit werden wird. Paulus sagt ja (Röm. 8, 22. 23): "Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns, und ängstet sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft, und warten auf unsres Leibes Erlösung." Bis zu einem Trauergeist freilich steigerte sich diese Sehnsucht bei den ersten Christen nicht, wie bei uns, die wir unter demselben oft recht sehr leiden.
In der Regel, wenigstens denke ich mir jetzt nur solche Fälle, weiß man keinen Grund, auf dem der Trauergeist ruhte. Denn oft findet er sich bei Leuten, die in den glücklichsten Verhältnissen stehen, da sie sich selbst ein Rätsel sind, und begreiflich Andern noch mehr. Auch körperliche Affektionen weiß man nicht immer als Grund anzugeben, wiewohl diese bei Andern je und je einige Schuld tragen mögen, wenn sie auch ihrem Wesen nach nicht recht zum Bewußtsein kommen. Wenn man genauer drauf Acht hat, möchte man sagen, daß kein Mensch in unsrer Zeit ganz davon frei ist; und ihrer Viele, die den Trauergeist an sich haben, reden nur nicht davon, und verdecken ihn lieber vor sich und Andern. Selbst in Stunden, da sie fröhlich, ja lustig zu sein scheinen, drückt sie doch im Hintergrunde ein Trauergeist; und mitunter geben ihn selbst unwillkürliche Seufzer kund, und zwar gerade bei solchen, von denen man sagen kann, daß sie den Herrn lieben und an Ihn glauben. Es ist mir daher schon oft vorgekommen, daß Personen, die man zu den heitersten zählen könnte, wenn sie zu mir als einem Seelsorger kommen, von einem tieferen Trauergeiste, der sie quält, mitunter unter Tränen, mit mir reden; und ich konnte nicht die geringste Ahnung davon haben, besonders wenn auch volle Gesundheit und Frische nach außen zu sehen war. Nicht bloß weibliche, auch männliche Personen sind's Viele, bei welchen ich diese Erfahrung mache. Oft liegt einiger Grund vor, aber keineswegs immer. Auch angegebene Gründe erklären den Trauergeist nicht immer zur Genüge. So spielen etwa auch unangenehme und schmerzliche Erfahrungen, namentlich durch Sterbefälle, dabei mit; aber genau genommen liegt auch da der erwähnte Trauergeist tiefer, weil sich gegen natürliche und begreifliche Traurigkeit doch eher Trost und Erleichterung geben läßt.
Beachten wir das, so liegt der Grund des Trauergeistes, wenn nichts Besonderes vorliegt, schon in der Zeit. Er ist gleichsam ein verborgenes, schmerzliches Vermissen von etwas, das gläubige und redliche Christen haben sollten und nicht haben. Sie fühlen sich zu einsam, fühlen sich als Waisen, weil sie Den, der bei uns sein wollte alle Tage, nicht so bestimmt sich nahe fühlen, als ihr frommer Sinn es wünschte. Sie wollen's oft gleichsam erzwingen, weil sie meinen, es sollte anders sein; und es liege an ihnen die Schuld, daß es nicht anders sei. Aber wenn sie oft auch meinen, den Herrn so recht zu haben, ist's doch nicht ganz so in Wahrheit. Je mehr sie aber darum ringen, ohne daß es nach Wunsch wird, desto stärker wird der Trauergeist. Da ist's am Ende doch das Beste, daß man sich ergibt, seine jetzige Lage nach der Zeit erkennt, und auch den Trauergeist kindlich trägt auf Hoffnung. Was nun einmal nicht ganz sein kann, wie ich's wünsche, muß ich so hinnehmen, überzeugt, daß die Zeit des Seufzens und Sehnens schon aufhören und dann aller Trauergeist weichen werde.
Wenn man denn immer das Gefühl hat, als sei der Heiland ferne, und stehe man in einer Einsamkeit ohne Ihn, so viel man auch bete, so ist der Hauptgrund der, daß wir der persönlichen Inwohnung des heiligen Geistes seit der Apostel Zeit entbehren, ohne welche auch das Wort die volle aufrichtende Kraft nicht haben kann. Denn nur was der Geist von oben in uns erleuchtet und belebt, auch bezüglich dessen, was wir nach dem Wort glauben, gibt uns eine Befriedigung, welche der Trauer steuert. Außer dem heiligen Geist, so sehr auch dieser es nicht fehlen läßt, uns anzuwehen, wenn wir kindlich sind, da es denn auch Augenblicke der Erquickung ohne Traurigkeit geben kann, haben wir Alles mehr nur nach menschlichen Begriffen, oft auch nach angenommenen Vorstellungen von Andern her, Alles mehr dem Verstande und dem Denken entnommen, ohne die tiefere innere Wahrnehmung, wie sie uns sollte zu eigen sein, als solchen, die von Gott gelehrt sind (Joh. 6, 45). Hieraus entsteht immer eine mehr oder weniger fühlbare Leere und Öde in uns, die sich gerade bei ausgebildeten Christen nie verbergen kann. Haben daher schon die ersten Christen, die doch des Geistes Erstlinge hatten, ein empfindliches Sehnen und Ängsten in sich gehabt, wie erklärlich ist es, daß sich Solches bei uns bis zu einer Trauer steigern kann! Besser kann's nur werden, oder verlieren kann sich der Trauergeist ganz nur dann, wenn es dem Herrn gefällt, eine erneuerte Ausgießung des heiligen Geistes Seinen schmachtenden Kindern zukommen zu lassen. Dann erst mögen wir völlig und durch den Glauben selige und allezeit fröhliche Christen sein, wie die Fragestellerin meint, daß wir's etwa könnten und müßten sein. So wie jetzt die Sachen stehen, müssen wir mehr im Dunkeln gehn, obgleich der Herr genügender Schutz und Trost ist, denen, die Ihn von Herzen lieben, und die kindlich an Ihn glauben.
(Schluß folgt.)
56) Vom Trauergeist.
(Schluß.)
Um weiter von dem Trauergeiste zu reden, unter dem Viele so sehr leiden, so ist nicht zu übersehen, daß vielfältig auch Anfechtungen von Seiten der Finsternis Grund zu demselben legen. Man redet wohl auch häufig von leiblichen Ursachen, die den Trauergeist erzeugen sollen. Indessen lehrt die Erfahrung genugsam, daß zwar mit leiblichen Übeln häufig und leicht, je nachdem sie sind, ein Trauergeist sich verbindet, daß aber doch der letztere etwas ganz Anderes ist, als die Leibestrauer, daß ich so sage, mehr nur etwas zu dieser Hinzugekommenes. Der Trauergeist hat einen seelischen Charakter, der auf etwas ganz Anderem beruht, als auf leiblichen Affektionen, wenn gleich er zu diesen, selbst nach einer scheinbaren Regel, hinzutreten kann. Wenn sich leibliche Unordnung nicht zu wirklichen Übeln gestaltet, können Mittel gegen vermutete Leibesstörungen oft sehr schädlich wirken, keinenfalls vom Trauergeist befreien. Denn oft ist dieser ganz offenbar der Ausdruck eines Fremden, das der Mensch in sein geistiges Wesen eingedrungen fühlt, und das ihn, wenn es ein wenig sich steigert, an die Grenze einer Geisteskrankheit bringt, namentlich in schwere Vorstellungen, oder in fixe Ideen bei ihm ausartet.
Wir sind nämlich den Einflüssen unsichtbarer Mächte viel mehr ausgesetzt, als die Mehrzahl der Christen das sich denkt. Manches ist Vielen wie angeboren, etwas Seufzendes, etwas zur seufzenden Kreatur Gehöriges, das aus vergangenen Geschlechtern auf ihnen liegt und sich fortgeerbt hat, ohne daß sie sich's bewußt werden, wie das sein solle. Auch der Verkehr in der Welt unter Menschen, die auffallender als unter die Finsternis geknechtet da stehen, hat leicht etwas Ansteckendes, daß man es schwer hat, ganz frei zu bleiben, namentlich wenn eine gewisse Empfänglichkeit für fremde Einflüsse vorhanden ist. Man kann es verzeihlich finden, wenn ein tiefer Blickender an ein in der Unsichtbarkeit Seufzendes sich erinnert fühlt, das leicht von einem Menschen zum andern überspringt. Allerlei Schrecknisse, die an den Menschen kommen, besonders bei Sterbefällen, lassen gerne etwas Bleibendes zurück, das einem andauernden Trauergeist Bahn macht. Auch hier läßt's der Vermutung Raum, daß einem seufzenden Fremden durch die eingetretenen leiblichen und seelischen Erschütterungen der Eingang möglich gemacht wurde. Wenn man mit Leuten umgeht, die viel zu üben, und Anlaß zu ungöttlichen Erregungen und Leidenschaften geben, indem man zornig, neidig, eifersüchtig, lieblos, unbarmherzig, mürrisch und mannigfach ungezügelt wird, hat sich bald innerlich etwas festgesetzt, das gar nimmer weichen will, und in der Form eines Trauergeistes, der abermals den Character eines seuzenden Fremden hat, sich empfindlich macht. Selbst eine ausgelassene Freude kann so auf die Nerven fallen, wie man sagt, daß sie in's Gegenteil umschlägt und einen Gemütsdruck zurückläßt, der zu jenem bleibenden Trauergeist wird. Durch's ganze Leben hindurch ist Mancher solchen Erregungen ausgesetzt, oft mehr nur still, von Andern nicht bemerkt, aber doch so, daß er innerlich umgetrieben ist, was jenen Trauergeist zur Folge hat. Bei Vielen hören unerquickliche Einflüsse gar nie auf; und so wächst in sie ein trüber, schwerer Trauergeist herein, dessen sie nicht los werden können, selbst wenn sie in gemütlichere Verhältnisse kommen. Auch harte Behandlungen von Eltern und Lehrern, oft von Kindesbeinen an, oder später Jahre lang fortgesetzt, besonders wenn man mit den Jahren freiere Bewegung glaubt beanspruchen zu dürfen, ferner übermäßige Forderungen, die an die Jugend gestellt werden, und die sie nicht anders, denn durch Überanstrengung des Leibes oder des Geistes fertig zu bringen wissen, können in angezeigter Weise einen Trauergeist einimpfen, der durchs ganze Leben sich fühlbar macht. Wenn denn auch christliche Gesinnungen da sind, Liebe zu Gebet und Wort Gottes, frommer Sinn überhaupt, so können selbst wohltuende christliche Empfindungen den eingewurzelten Trauergeist, weil diesem etwas Fremdes zu Grund liegt, nicht recht überwältigen; ja dieser Trauergeist kann Ursache zu einem düstern Christentum werden, als ob dieses das richtige wäre. Da kann es bei allem Eifer für's Göttliche dem Menschen vorkommen, als ob ihm der Heiland mehr ferne als nahe sei. Will man in allen oben angeführten Fällen den eingewurzelten Trauergeist näher erklären, so erscheint er meist als ein dem Menschen eigentlich Fremdes, wie wenn etwas aus der Unsichtbarkeit im Menschen Platz genommen hätte, aus Anlaß dieser oder jener Ursachen, etwas, das in gegenwärtiger Zeit selten wieder völlig weicht, weil das eingedrungene Fremde selbst eine Erleichterung sucht, deren es nicht habhaft werden kann. Zu seiner Verdrängung gehörten offenbar Gaben und Kräfte des heiligen Geistes, die wir für gewöhnlich gar spärlich haben, wenn wir sie überhaupt noch haben. Ließe sich der Herr bewegen, eine erneuerte Ausgießung des heiligen Geistes uns wieder zukommen zu lassen, wie vielen Tausenden könnte das zu gut kommen, welche mehr oder weniger unter einem fremden Geiste seufzen, der sich als Trauergeist in ihnen geltend macht.
Des Trauergeistes, wie der nun auch in den Menschen kommen mag, können sich Viele auch darum weniger erwehren, weil sie den Herrn wohl lieb haben und an Ihn glauben, aber doch nicht eigentlich, wie das in ihnen Seufzende, der Versöhnung durch's Blut Jesu sich trösten. Der Gekreuzigte, wie Er für uns geblutet hat, damit wir Gnade und Vergebung der Sünden bekämen, steht ihnen nicht klar genug vor der Seele; und so stehen sie doch eigentlich als unversöhnt und unerlöst von den Banden der Finsternis vor dem Herrn. Man liebt oft den Heiland, fast ohne recht zu wissen, warum? Das Eigentlichste, was Er geben will, völlige Aussöhnung des Gewissens mit Gott, hat man nicht bekommen. Rechte Buße, die auch, wo es nötig ist, durch Bekenntnis der Sünde sich Luft macht, um bußfertig als Sünder vor Gott zu stehen und sich selbst zu richten, haben oft Leute, die seit Jahren den Herrn lieben, nie in ihrem Leben gehabt; und so kann das rechte Gefühl der Gnade, die selig macht, und gründlich tröstet, nicht an sie kommen. Darum heißt es:
Hebr. 13, 9. "Lasset euch nicht mit mancherlei und fremden Lehren umtreiben; denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nich durch Speisen" (d. h. irgend äußerlich bleibende fromme Übungen), "davon keine. Nutz haben, die damit umgehen."
Je und je brennt auch etwas, wie ein geheimer Bann, im Herzen; und man tut nicht das Seine, des Bannes los zu werden. Ich weiß auch von andern Sachen, die einen Bann im Menschen zurücklassen, der als eine Gebundenheit an die Finsternis sehr schwer wieder wegzubringen ist, wenn's kein evangelisch Völliges wird. Man kommt nämlich nur gar zu leicht, schon als Kind, in abergläubische Dinge und Brauchereien hinein, bei denen man's mit Kräften der Finsternis zu tun hat, die dann mehr oder weniger festen Fuß fassen im Menschen, ohne daß dieser es merkt, nur daß er Einbuße hat und behält im Empfange der geistlichen Güter, die sonst ihm offen stünden. Wieder Andere denken zu sehr an sich, nicht an die leidende und seufzende Menschheit, werden von dieser nicht berührt, und sollten das doch. Da kommt, wie zur Strafe, der Trauergeist an sie; und indem sie nicht freiwillig trauern mit der gesamten seufzenden Kreatur, müssen sie unfreiwillig trauern, müssen sie, daß ich so sage, die seufzende Kreatur in sich seufzen hören. Andere lassen sich im Allgemeinen gegen Jedermann, der ihnen nicht nahe steht, namentlich gegen Niedrige, gerne gehen, achten sie kaum, lassen's an leiblichen und geistlichen Hilfeleistungen nach dem Herzen fehlen, wie sie innerlich dazu gemahnt werden. Da entsteht eine Leere und Öde eines nicht befriedigten Gewissens, die zum Trauergeist sich gestaltet. Sie stehen nicht genug in der Liebe, nicht genug in der Selbstverleugnung, Barmherzigkeit, Sanftmut und Friedfertigkeit, haben aber den Herrn lieb und glauben an Ihn. Wie kann aber das Letztere ausreichen, um einen Freudengeist zu geben, wenn man nicht Freude zu machen sucht durch Teilnahme, Liebe und Sorgfalt jeder Art, wenn man gar auch den Empfindlichen spielt gegen Leute, die weniger zusagen. Stille für sich fromm sein und abgesondert mit seiner Andacht und Frömmigkeit stehen, hat in der Regel einen Trauergeist zur Folge, weil man des Herrn erquickende Nähe da nicht fühlen darf, wie man wünschte. So ist man nie recht befriedigt, grübelt immer an sich herum, meint, man habe kein Gefühl von Gnade und Sündenvergebung, zweifelt an seiner Seligkeit, denkt dann auch, keine Buße und keinen Glauben zu haben, und was Alles die Schwermutsgedanken Vieler sind. In Allem ginge es bald leichter, wenn man freier und frischer in der seufzenden Mitwelt lebte, und seine Liebe zum Heiland mehr mit der Tat bewiese, daß man ein Herz für Alle zeigte, wie Er für alle geblutet hat. Würden die lieben Christen in dergleichen Allem richtiger stehen, so müßte es auch mit einem eingewurzelten Trauergeist ein Ende nehmen. Auch das in ihnen Seufzende würde schweigen oder weichen. Ach, wie Not tut eine neue Kundgebung Jesu von Seiner Barmherzigkeit durch Kräfte des heiligen Geistes! Aber es wird kommen. Zuletzt soll ja allem Seufzen der gesamten seufzenden Kreatur gewehrt werden und alles Trauern in Freude sich verkehren!
57) Die Märtyrer des 5. Siegels.
Frage: Wollten Sie nicht die Güte haben, in Ihren Blättern die Stelle Offenb. 6, 9-11 zu besprechen.
Antwort. Die angeführte Stelle enthält das 5. Siegel. In diesem ist von Märtyrern die Rede, welche im Jenseits Klage führen, daß ihr Blut so lange nicht gerächt werde an denen, die auf Erden wohnen, die aber doch zuletzt ein weißes Kleid bekommen und Ruhe finden, mit Vertröstung auf kommende ganze Vollendung. Ein Bestimmtes nun darüber aussprechen, ist nicht leicht, weil wir vom Jenseits zu wenig wissen. Vermuten läßt sich Folgendes:
Die Klage der Märtyrer mag ihren Grund in dem haben, daß sie nach ihrem Tode nicht, was sie hofften, bekommen haben. Es sind das solche Märtyrer, welche innerlich nicht lauter genug gestanden sind. Wir wissen aus der Kirchengeschichte, daß zu gewissen Zeiten Viele durch Herausforderungen der Feinde sich zum Märtyrertod gedrängt haben, was ihnen nicht zu Gutem angerechnet werden konnte. Andere mögen sonst sich nicht gerade durch einen ächten Christensinn bewährt haben. Ganz besonders sind Viele nicht mit dem Vergebungssinn gestorben, der allein dem Märtyrertod einen Wert gibt. Mitunter haben sie gar ihren Mördern geflucht und angedroht, wie ihnen Gott einmal ihre Bosheit heimzahlen werde. Solche Märtyrer bleiben vorerst als Geopferte unter dem Altar liegen, ohne vom Herrn besonders berücksichtigt zu werden. Ihre rachsüchtige Stimmung geht denen nach, die sie hatten, wie überhaupt alle nicht alsbald selige Menschen mögen bleiben, was sie sind, wenn sie nicht vermittelst ihres Glaubens durch's Blut Christi gereinigt worden sind. So rufen jene Märtyrer auch dort unaufhörlich um Rache, ihre Racheworte auf Erden gleichsam wiederholend, ohne sich anders machen zu können. Daß es lange währt, deutet auf einen Verzug der Zukunft Christi hin. Die Erinnerung aber an die zuletzt noch nachfolgenden Märtyrer zeigt an, daß gegen das Ende hin, oder als Anfang des Endes, im Jenseits werden viele Erlösungen und Befreiungen Statt finden, unter welchen dann vornehmlich die Märtyrer bedacht werden. Sie werden gereinigt von dem ihnen Anklebenden, und bekommen weiße Kleider, nun doch noch als wirkliche Märtyrer aus Gnaden angesehen. Sie kommen zur Ruhe, müssen aber bis zur Sammlung aller Märtyrer, wie überhaupt alle Seligen, auf die ganze Vollendung warten, die mit der Zukunft Christi eintritt.
So etwa läßt sich die Stelle erklären.
58) Die Lauen, nach Off. 3, 15. 16. (Erster Abschnitt.)
Frage: "Würde durch eine Bibelrevision, welche für scharfe Worte in der Uebersetzung Luthers Milderungen aus dem Grundtext hervorsucht und darstellt, nicht dem heiligen Ernst Gottes die Spitze abgebrochen, der durch das ganze Sendschreiben an die Gemeine von Laodicea (Off. 3, 14-22), welche die Repräsentantin aller Lauen der ganzen Welt ist, sich hinzieht? Würde nicht eben damit dem herrschenden Unglauben, der alles Göttliche verwirft, noch weiter Anlaß gegeben, die Wahrheit der heiligen Schrift in Zweifel zu ziehen und zu verwerfen? Ferner: Wenn es je der Fall sein sollte, daß Luther Fehler gemacht hätte in der Uebersetzung, obwohl er doch auch den Beistand des heiligen Geistes in reichem Maße hat erfahren dürfen während seiner Arbeit, würde eine Uebersetzung von anderer Seite fehlerfreier ausfallen? Wenn endlich solche Geringe und Schwache, wie ich, von einem andern Wortlaut lesen, als wir bisher es in unserer Bibel gefunden haben, und wie es der Geist Gottes in unsern Herzen fest macht, ist da nicht Gefahr vorhanden, die Gewissen zu verwirren?"
Antwort. Obige Frage bezieht sich auf einen Artikel, der in den Blättern aus Bad Boll von mir stand und vom Stuttgarter evangelischen Sonntagsblatt (Nr. 25), auf Befragen mit meiner Bewilligung, abgedruckt wurde, über Off. 3, 16, da ich nach meiner Auffassung des Grundtextes übersetzt wünschte: "Ich möchte", statt, "ich werde dich ausspeien aus meinem Munde." Von Lesern meiner Blätter ist mir gegen den Artikel nichts erwidert worden. Im Gegenteil hat ein Freund mich extra besucht, um für den Artikel zu danken, weil er ihm in einer großen Anfechtung, in der er gerade stand, ein besonderer Trost gewesen sei. Aber von Lesern des Sonntagsblatts ist mir viel Tadel zugekommen, als hätte ich ein ernstes Wort der Schrift abgeschwächt. Es ist mir das aufgefallen, weil der Redakteur des Sonntagsblatts glaubte seinen Lesern mit der Aufnahme des Artikels einen Gefallen zu tun. Denn der Angefochtenen, die sich lau fühlen, gibt es sehr Viele; und die werden sehr erschreckt über die gewöhnliche Uebersetzung jener Bibelstelle. Nun gibt es freilich auch Solche, die sich nicht unter die Lauen zählen zu dürfen glauben, die aber gerne für Andere, die sie lau finden, jenes Drohwort volltönend wünschen. Auf vier Briefe, die mir zukamen, glaubte ich nur auf obigen antworten zu müssen, den eine einfache Christin vom Lande geschrieben hat.
Ich möchte aber zuerst bezüglich der Bibelrevision, von welcher im Briefe auch die Rede ist, etwas erwidern. Milderungen scharfer Worte nach dem Grundtext, um damit anzufangen, können "dem heiligen Ernst Gottes" keinen Eintrag bringen; denn den Ernst Gottes schärfer zu machen, als ihn Gott selbst macht, wird nicht das Richtige sein. Auch "der herrschende Unglaube" kann dadurch nicht gestärkt werden, wenn hart Scheinendes nach dem Grundtexte gemildert wird, da im Gegenteil der Unglaube Vieler eher dadurch Nahrung bekommt, wenn ihnen anstößige Härten in der Darstellung der christlichen Wahrheit vorzukommen scheinen, als wenn sie nach der eigentlichen Wahrheit die Sachen milder und annehmlicher finden. So hat mir eine Frau anonym, weil sehr erregt, geschrieben, ihr Mann, der sich nicht so recht zum Christlichen hergebe, habe sich durch die angegebene Milderung angesprochen gefühlt, weil's nicht so hart laute, als sie sich auszusprechen gewohnt sei. Darüber wurde die Frau böse auf mich, weil sie meinte, ihr Mann sei durch den Artikel sicher gemacht worden und seiner Bekehrung ferner gekommen. Wie ihm nun sei, so wird der ursprüngliche Text doch das Recht haben, gelten zu dürfen; und Verantwortung kann der keine haben, der auf das Ursprüngliche hinweist.
Die Fragestellerin denkt auch, wenn Luther Fehler gemacht habe, so werde eine andere Uebersetzung nicht fehlerfrei ausfallen, weil jedenfalls Luther, wie Andere, denkt sie wohl, nicht leicht, den Beistand des heiligen Geistes gehabt habe. Letzteren hat Luther sicher gehabt. Wenn aber doch Fehler sich nachweisen lassen, so muß man eben denken, daß der Beistand nicht derselbe gewesen sei, wie ihn die Verfasser der heiligen Schrift gehabt haben; und dies kommt auch daher, daß der heilige Geist, wenn nicht persönlich einem Menschen innwohnend, wie den Propheten und Aposteln, kein Sprachlehrer für Luther war, dem schon aus natürlicher mangelhafter Erkenntnis der Sprachen Manches dunkel und unverständlich blieb. Auch kann drunter hinein ein Übersetzer aus natürlicher Schwachheit weniger aufmerksam auf dieses und jenes gewesen sein. Denn die Arbeit war eine Riesenarbeit. Fehler aber wird man doch korrigieren dürfen, wenn man kann. Fehlerfrei mögen freilich selbst die Revisionen nicht alle bleiben; und es tut mir Leid, sagen zu müssen, daß ich unter schon angenommenen Einige gefunden habe, in welchen ich Luthern mehr Recht geben muß. Deswegen möchte ich Veränderungen nur bei wichtigeren Stellen wünschen, bei denen etwas darauf ankommt, daß man sie ganz richtig habe. Man kann wirklich zu viel und zu düftelnd korrigieren, und auch da, wo Andere entschieden anders denken, und man es darum ganz unangetastet lassen sollte. Wenn man wollte, könnte man des Korrigierens gar kein Ende machen; und Beispiele sind schon vorhanden, wie leicht unsere Bibel ihr edles Deutsch einbüßen kann. Aber die Revisoren haben es doch anders im Sinne; und machen sie's recht, so können Leser der Schrift darunter nichts verlieren, wenn ihnen das Richtige des Wortes Gottes dargeboten wird. Zählen die Leser sich auch zu den Geringen und Schwachen, so sollten sie doch nicht so gering und schwach sein, daß sie ihr Gewissen sich verwirren lassen, wenn sie hie und da ein wenig anders lesen, als zuvor. Man lese meine Berichtigung von 2 Mos. 34, 6. 7 (Nr. 24, IV) und von Matth. 26, 24 (Nr. 26, IV), und frage sich, ob das die Gewissen verwirre.
Aber freilich, was ich über Off. 3, 16 sagte, schien Einiger Gewissen verwirrt zu haben, wenn ich den Heiland sagen lasse, Er möchte, statt Er werde ausspeien. Es fragt sich aber da nur, ob ich Recht habe, oder nicht. Ich meine, Recht zu haben, weil jedenfalls die wörtliche Uebersetzung wäre: "Ich bin im Begriff, oder bin nahe daran, dich auszuspeien aus meinem Munde." Die Bedeutung des Worts dabei ist so schwebend, daß man es oft, wo es in griechischen Schriften steht, mit: "Ich möchte" übersetzen kann und muß, und sonst auf manch andere Weise, wie: "Ich habe Lust." Letzteres, scheint's, hat man mir besonders übel genommen. Aber ich sagte das mehr nur zur näheren Erklärung, und blieb bei: "Ich möchte." Will nun Einer scharf: "Ich werde" sagen, so sagt er eben nicht, wie der Heiland sagt; und wie Er's sagt, sollte man's doch gelten lassen, ohne darüber aufgeregt zu werden. Gefällt es nun nicht, zu übersetzen: "Ich möchte", so übersetze man wenigstens: "Ich bin nahe daran". Aber Beides wird ziemlich neben einander feil haben. Mir liegt bei solchen Stellen aus zwei Gründen daran, daß das Richtigere gegeben werde. Erstlich möchte ich verzagte und ängstliche Leute nicht zu viel schrecken, indem ich stärker rede, als der Heiland. Zweitens möchte ich Eiferern, die Andern immer nur das Schärfste vorhalten wollen, sich selbst dabei ziemlich übersehend, die Handhabe nehmen, es doch nicht gar zu scharf zu nehmen. Die Barmherzigkeit des Heilandes, der Sein Leben für alle Sünder gelassen, sich selbst für Alle zur Erlösung gegeben hat (1 Tim. 2, 6), vor Allem zu preisen, und in Allem, auch wo Er droht, durchblicken zu lassen, sollte uns doch ein großes Anliegen sein. Sonst könnte man auch Seiner Liebe, oder Ihm selbst wehe tun, wenn wir Ihn strenger oder unnachsichtlicher machen, als Er selbst tut. Wie mannigfaltig sind nicht die sogenannten Lauen, auf welche alle das Kategorische des Spruchs, das er nicht hat, unmöglich passen kann, wie die Fragestellerin sich's denkt, wenn sie "die Gemeine zu Laodicea für die Repräsentantin aller Lauen in der ganzen Welt hält."
Nun will ich aber die Stelle in ihrem Zusammenhang näher besehen. Da spricht der Heiland zu dem Engel der Gemeine zu Laodicea. Diese Engel waren Sterne, die der Herr in Seiner rechten Hand hielt (Off. 1, 20; 2, 1), die also in der engsten Gemeinschaft mit dem Herrn standen. Er verkehrte persönlich mit ihnen, und sie mit Ihm, und Er hat sie so gleichsam in Seinem Munde. Sie ausspeien, würde also nur sagen, daß Er Seinen Verkehr mit ihnen abbreche, sie nicht mehr Engel der Gemeine sein lasse, weil die laue Art, mit der sie ihres Berufes warteten, Ihm zuwider war, so zuwider, wie ein Laues, das Einer, wenn kaum in den Mund genommen, wieder ausspeien möchte. Der Engel zu Laodicea würde also ausgespien, wie etwa einst Saul, als er verworfen wurde, König zu sein. Ein ähnliches war's bei dem Engel der Gemeine zu Ephesus, zu dem der Herr sagte (Off. 2, 5): "Ich werde dir kommen bald, und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße tust", nämlich zur ersten Liebe zurückkehrst, deren Mangel im Grunde auch Lauigkeit war. Daß nun der Herr bei dem Engel zu Laodicea, wegen Seiner bisherigen nahen Beziehung zu ihm, nicht rasch zufahren wollte, gleichsam noch zögerte, ist doch leicht denkbar, wenn mehr nur, wie auch bei dem Engel zu Ephesus, eine allgemeine Haltung, denn eine Sünde oder ein Frevel, Veranlassung zu solcher Strafe war. Wie begreiflich ist es namentlich, wenn der Herr nicht gleich kategorisch sagt: "Ich werde dich ausspeien", sondern nur droht, es könnte dazu kommen, Er möchte es tun, ähnlich, wie Er auch dem Engel zu Ephesus droht. Dem heiligen Ernst Gottes wird doch da gewiß nicht die Spitze abgebrochen, wenn man das Wort weniger schroff lautend nimmt, als gewöhnlich vorausgesetzt wird.
Die Fragestellerin schreibt, dieser heilige Ernst Gottes "ziehe sich durch das ganze Sendschreiben hindurch", was aber so ganz nach ihrem Sinn auch nicht der Fall ist. Wohl wirft der Herr dem Engel noch seine Sicherheit und Selbstgenügsamkeit vor (v. 17). Sonst aber rät Er ihm auch, was er tun und kaufen soll, damit es besser mit ihm werde. Ferner sagt Er auch zu ihm: "Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich." So ganz hat also der Herr den Engel noch nicht aufgegeben, trotz seiner Lauigkeit. Ferner heißt Er ihn mit väterlichem Tone nun "fleißig sein und Buße tun", d. h. anders werden. Zuletzt redet der Herr auch noch so, daß Er bei dem Engel es für möglich hält, so zu überwinden, daß der Herr es einmal ihm geben könnte, mit Ihm auf Seinem Stuhl zu sitzen. Väterlich, freundlich, aufmunternd spricht also der Herr zu dem Engel, obwohl Er im Anfang, wie in dem Affekt des Unwillens, zu ihm sagt, daß Er ihn ausspeien möchte aus Seinem Munde.
Ein Weiteres, besonders über die Lauen, das nächste Mal.
59) Über Harmageddon.
Off. 16, 16.
Frage: "Ich möchte mir die Frage erlauben, ob man den Ort Harmageddon in Off. 16, 16 nur geistlich zu nehmen habe. Ich bitte um gütige Auskunft in Ihrem Blatte."
Antwort. Von Harmageddon nimmt man gewöhnlich an, daß es, nach dem Hebräischen, den Berg oder die Stadt (Beides liegt im Wort) Megiddo bedeute, eine Stadt in der Ebene Jesreel, südlich von Galiläa, wo einst bedeutende Schlachten vorkamen. Nun lesen wir in Off. 16, 12, daß der 6. Engel den Euphrat, weit östlich davon, vertrocknet habe, "auf daß bereit würde der Weg den Königen vom Aufgang der Sonne", also den Königen von Mittelasien her. Indessen werden durch Geister der Teufel (v. 14) die Könige von dem ganzen Kreis der Erde, also auch die vom Abendlande, angetrieben, "sich in den Streit zu versammeln auf den großen Tag Gottes, des Allmächtigen." Wenn es ferner heißt (v. 16): "Er hat sie versammelt", so ist nicht klar, wer eigentlich der Versammelnde sei. Bengel meint der 6. Engel, Andere die Geister der Teufel, wieder Andere der Drache, oder das Tier, oder der falsche Prophet (v. 13), von welchen die Geister ausgingen. Wie dieses nicht klar ausgedrückt ist, so läßt sich auch das Nachfolgende (v. 17-21) nicht in ein geschichtliches Gesamtbild bringen.
Einer buchstäblichen Auslegung nun steht schon die Örtlichkeit der Gegend Megiddo im Wege, wenn diese der Sammelplatz aller Könige sein soll. Alles aber geistlich nehmen, geht auch nicht an, weil von einer wirklichen Versammlung der Feinde (v. 12. 14. 16) so bestimmt die Rede ist. Es bleibt daher nichts übrig, als Harmageddon, oder die Ebene Megiddo, wo einst Sissera's Heer durch Barak vernichtet wurde (Richt. 5, 19), so auch Sissera selbst mit seinem Unterdrückungsheer, ebenso den Euphrat (v. 12), vorbildlich zu nehmen, auf die Zeit, da einst (2 Thess. 2, 8) würden die versammelten Feinde Christi, durch Christum selbst, gleichsam den himmlischen Barak, vernichtet werden, wo das nun sonst in der Welt, namentlich in Europa, sei. Mit diesem Hauptgedanken meine ich, können die Leser der Offenbarung sich zufrieden geben, ohne sonst über eine so mannigfach dunkle Stelle sich viele, wohl auch von Wichtigerem abziehende Gedanken zu machen.
60) Die Lauen,
nach Off. 3, 15. 16.
(Zweiter Abschnitt und Schluß.)
Die Verbesserung der besprochenen Stelle wird nach dem Bisherigen auch darum wünschenswert, weil dann das Wort "ausspeien" richtiger aufgefaßt wird. Die meisten Leser denken dabei an das Hinwerfen in die Verdammnis, welches der Herr mit dem Ausspeien gemeint habe. Aber es ist doch an und für sich kaum denkbar, daß unter dem Bilde des Ausspeiens das Verweisen in die Verdammnis ausgedrückt werde, als spuckte der Herr die, welche Er verdammen will, in die Hölle hinunter, oder als würde der letzte Ausspruch des Herrn, als Richters, ein Hinspeien genannt. Mögen es Andere vom mitleidigen und ernsten Heilande sich so denken, ich kann es nicht; und daß es anders zu nehmen sei, habe ich in Obigem schon darlegen wollen, worauf auch die veränderte Uebersetzung den Leser von selbst führen könnte.
Daß ich umständlicher davon rede, so verliert das erschreckende Wort, das Viele auch wie unanständig finden mögen, von seinem Erschreckenden viel, wenn man die Veranlassung zum Ausdruck, wie sie im Tert steht, bestimmter sich denkt, indem sich's da als sehr natürlich, und nichts weniger als unanständig ausnimmt. Da sind die Engel der Gemeinen, die mit Jesu in engster Gemeinschaft stehen, als solche genommen, die sich mit ihren Gebeten und Andachten, und all ihrem Verkehr mit Ihm gleichsam Ihm in den Mund geben, als kalt oder warm, oder lau. Kaltes verträgt man; und geistlich genommen, ist mit ihm noch etwas anzufangen, zum Erwärmen oder Bessern, weil in solcher Kälte auch Aufrichtigkeit liegt. Warmes befriedigt beim Genuß. Laues aber (geistlich genommen, das warm sein will und doch nur lau, also unaufrichtig ist) schmeckt widerlich im Munde; und man hat nahe dazu, oder möchte es lieber ausspeien. Bleibt man bei dieser Vergleichung und Anschauung, so hat das Bild durchaus nichts Auffallendes, und zeigt nur an, wie widrig das christliche Benehmen lauer Christen dem Herrn ist, während es ganz unnatürlich und übertrieben erscheint, wenn man nun gleich aus dem Ausspeien ein Hinspeien in die Verdammnis macht. Es ist sicher nicht recht, wenn man solche Bilder gleich zu grellen Vorstellungen ausbeutet, und gar den lieben Heiland als ein Schreckbild hinstellt, mit dem man Effekt bei den Leuten machen will.
Wie soll man's denn auch denken? Die Meisten, die in die Verdammnis fahren, kann man gar nicht als Leute nehmen, die der Heiland, so zu sagen, im Mund habe, weil sie ganz ferne von Ihm stehen. Soll Er denn etwa gar den Hinfahrenden noch zornig oder höhnend nachspucken? Das kann doch Niemand im Ernst denken. Mit dem Ausdruck aber wird im Grunde nichts Anderes gesagt, als was unter dem Bilde von Reben gesagt wird, welche nicht Frucht bringen und darum vom Weinstock weggenommen, d. h. abgeschnitten werden. Es ist hier, wie dort, etwas diesseitiges gesagt, das nicht geradeaus auch ins Jenseits geht, obwohl es für dieses gefährlich werden kann, wie eine weggenommene Rebe verdorrt, und zuletzt möglicherweise, wenn sie nicht wieder zum Anwachsen kommt, zum Brennen gesammelt wird. Ein Ausspeien, mit obiger Vergleichung zu reden, könnte man auch das nennen, wenn Paulus ärgerliche Christen dem Satanas übergab, d. h. aus der Gemeine ausschloß, da er aber hinzusetzte: "Zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist selig werde am Tage Jesu Christi."
Die nächste Anwendung der Stelle, die von Engeln redet, die der Herr ausspeien möchte, geht, wie aus Obigem ersichtlich ist, auf Hirten und Lehrer, die einen wichtigen Beruf vom Herrn empfangen haben, die etwa auch in einen fühlbaren Verkehr, nach Erfahrungen, die sie gemacht haben, gekommen sind. Wenn diese der Herr lau erfindet, daß sie weit hinter dem zurückbleiben, was ihre Berufung erfordert, so könnte sie wohl der Herr als unbrauchbar ausspeien wollen, daß Er sich nämlich von ihnen zurückzieht, sie allein machen, Seiner Hilfe nicht mehr inne werden läßt, nichts mehr, so zu sagen, mit ihnen zu schaffen haben, und all ihr Tun, als wäre es nichts, als ein Ihm Widriges zurückweisen, oder gar sie völlig absetzen will, womit aber noch nicht die Verdammnis ausgesprochen wäre, der sie anheimfallen würden. Aufmerksame Leser meines ersten Artikels@, freilich mehr nur unter den Freunden meines Hauses, hätten sich's können heraus finden, wie ich es, wenn ich am Schlusse von mir redete, mit dem gefürchteten Ausspeien meiner Person meinte. Ich hatte eine Zeit, in der ich Grund hatte, zu fürchten, daß der Herr den Beruf, in den Er mich gesetzt hatte, mir entziehen, mich also insofern aus Seinem Munde als unbrauchbar ausspeien werde. Meine inneren Kämpfe waren groß, bis ich mich aufraffte, als ich im Grundtexte fand, man hätte zu übersetzen: "Ich möchte," statt, "ich werde dich ausspeien." Ich schloß, da ich so neuen Mut faßte, den Artikel mit den Worten, mit denen ich mich damals tröstete: "Lieber Heiland, du möchtest wohl, aber du tust es nicht." Ich preise Ihn, man verzeihe mir's, wenn ich's offen sage, daß Er mich nicht ausgespien hat.
Die Lauheit nun Berufener irgend welcher Art besteht darin, daß dieselben zwar das ihnen Befohlene treiben, aber ohne Selbstverleugnung, ohne genügendes Interesse des Herzens, ohne Aufmerksamkeit auf Höheres und Göttliches, ohne Gefühl für die, um welcher willen sie berufen sind, darunter auch mehr auf sich und ihre Bequemlichkeit, auch Eigennutz sehend, ferner ohne Bedacht darauf zu nehmen, vom Herrn immer mehr zu empfangen, um immer brennender für ihre Aufgabe zu werden, so daß es ein stagnierendes Wesen wird. Sie kommen in einen Schlendrian hinein, der ihnen genügt, ob etwas dabei herauskomme, oder nicht. Dabei fühlen sie sich sicher und recht, und werden unter solchem Wesen immer elender, jämmerlicher, ärmer, blinder und bloßer. Sie holen ja nichts mehr beim Herrn durch kindliches, demütiges, anhaltendes Bitten, wie wenn es überflüssig wäre, daß der Herr ihnen noch etwas gebe. Auch von Andern nehmen sie nichts mehr an, indem sie Alles überhören, oder gar, wenn's ihnen neu und unbequem ist, widersprechen. So ist's, weil sie sich reich fühlen, und haben gar satt und bedürfen nichts. Dabei verliert auch ihr Gutes seine Lauterkeit und Göttlichkeit. Sind sie demütig, sanftmütig, fromm, barmherzig, so wissen sie das Alles als ein Selbstgemachtes zu sehr von sich, innerlich sich damit brüstend. Alles ist geglättet und gestriegelt und in gefällige Form gebracht, und immer so, daß sie sich darin gefallen. So haben sie Alles, auch ihr Gutes, in einem falschen Licht, daß sie nicht lauter und göttlich genug sind, dem Herrn immer ungenießbarer, bis zum Ausspeien. Daß es, wenn es so bleibt, auch für die Ewigkeit seine Fehler bringt, darf freilich nicht übersehen werden.
So etwa war's bei dem Engel zu Laodicea, der auch seines Verkehrs mit dem Herrn nur schläfrig pflegte, nichts fragte, nichts suchte, sich nichts vom Herrn sagen ließ. Er hat sich, ohne es so zu wollen, halb emanzipiert, meinend, Alles zu haben, während er doch ohne fortdauernden Zufluß von oben immer ärmer und armseliger wurde. So weit kam er, weil das rechte Interesse für seinen Beruf ihm abging. Er fühlte sich wohl als einen Stern, brauchte aber weder der rechten Hand noch des Mundes des Herrn; und was er von sich aus dem Herrn gleichsam als Speise darbot, war als lau ungenießbar. O wie viel Beten kann zum Gewäsche werden, wie viel Singen zum Geplärr, wie viel Opfern zum Verstampfen der Vorhöfe des Herrn (vergl. Jes. 1, 11-14.), wie viel Andacht zu siecher Andächtelei und selbstzufriedenem Gebaren! Durch alles das, um es nicht weiter auszuführen, bekam der Herr Lust, den Engel gar auszuspeien, von ihm ganz sich zurückzuziehen, und einen Andern an seine Stelle zu setzen, Alles jedoch so, daß Er zögernd zuwarten wollte.
Wie irgendwie Berufene lau werden können, so begreiflich auch jeder Christ. Ein schläfriges und ärmliches Christentum ist bei unzählig Vielen, auch solchen, die etwas zu sein meinen, Mode geworden. Was ist denn Vieler Beten, Andacht, Singen, Glaubenseifer wohl auch, selbst sogenanntes Arbeiten für den Herrn, das oft die Lauheit nur zudecken soll? Freilich wird's der Herr Vielen kaum zur Schuld anrechnen. Denn sie bekommen zu wenig Hilfe von Andern, auch solchen, die wirklich ihnen etwas sein sollten. Was haben sie denn auch oft viel, selbst an sogenannten Brüdern? Sie haben eben nichts an ihnen; und von sich aus können sie's nicht machen. Ach, wie arm hat sich alles in unserer Zeit gemacht! Mitunter hat jeder, auch der beste Christ einen wahren Eckel vor sich selber wegen gefühlter Lauheit. Denn es gibt wirklich unter den Lauen zweierlei Leute. Die Einen fühlen's und beklagen sich über ihre Schläfrigkeit zum Gebet und Wort Gottes, über die Öde ihres geistlichen Lebens, sind auch fast außer Stands, sich zu etwas Wärmerem zu erheben. Diese Lauen sind zu bemitleiden. Sie leiden eben unter der allgemeinen Schwachheit, in welcher gegenwärtig Alles darniederliegt, weil kaum Jemand mehr mit dem, was er ist und wirkt, sich Jesu gleichsam als eine genießbare Speise in den Mund zu geben weiß. Sie aber sinds, die keineswegs sich satt dünken (v. 17), die vielmehr es schmerzlich fühlen, wie elend, jämmerlich, arm, blind und bloß sie sind. Ja, das Gefühl davon, daß ihre Sache nicht viel ist, erfüllt sie mit der Angst, sie könnten zu den Lauen gehören, welche der Herr einmal, nach der gewöhnlichen Auffassung der Stelle, ausspeien werde. Darf man diese Leute nicht trösten? Darf man sie nicht aufrichten und klar machen über eine Stelle, die sie mit einem Todesschrecken je und je erfüllt? Haben wir doch Mitleiden mit den Elenden und Armen!
Wir haben uns überhaupt zu merken, daß eine Lauheit, die bloß im Gefühl sich kund tut, auch matt zu Gebet und zu Geistlichem macht, nicht die Lauheit ist, die dem Herrn so wehe tut. Nur wenn sie mit Selbstzufriedenheit verbunden ist, und zugleich im ganzen Verhalten, namentlich gegen Andere sich zeigt, ist Ihm alles, was man fromm tut, gleichsam zum Ausspeien. Man erwäge, daß eine Mischung von Wärme und Kälte lau macht, namentlich wenn auch noch irdisches Getriebe innerlich herunterbringt. Manche nun haben wohl eine evangelische Wärme, daneben aber fast eine Eiskälte gegen ihre Mitwelt, namentlich die unbekehrte. So wird ihr Wesen überall lau, wo sie mit Andern in Verkehr kommen, weil kein Eifer für die Seelen zu ihrer Rettung da ist. Begreiflich ist's so auch eine Lauheit gegen den Herrn, den wir doch uns für die Seelen brennend denken müssen. Warm sind wir nur, wenn unser Herz warm schlägt für Andere; und nur so sind wir mit unsrem Christentum dem Herrn "ein süßer Geruch, ein angenehm Opfer, Gotte gefällig" (Phil. 4, 18). Möchte der Geist Gottes es bald in Allem anders machen!
61) Vermeintliche Schutzlosigkeit.
Frage: "Ich habe Zeiten, da ich große Angst ausstehe, vor Übeln, die kommen könnten. Der Gedanke ist es, daß Gottes Macht nicht so weit reicht, mich zu schützen. da ja so vielfach gesagt ist, der Teufel habe auf Jeden die größere Macht, der mich ganz mutlos macht. Gleichzeitig fallen mir viele Fälle ein, schon aus meiner Kindheit, da es nicht den Anschein hatte, als wäre ich beschützt. Denke ich vollends an das Schreckliche, das ich erlebt, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte dann Hilfe suchen gegen kommende Übel, und es fehlt mir doch die Entschlossenheit etc."
Antwort (weil öffentlich, allgemeiner gehalten, damit es vielen Lesern, und diesen nach vielen Seiten dienen möge). Ihren Brief habe ich mit großer Teilnahme gelesen; und besonders hat mich das bewegt, was Sie von einem Schrecklichen schreiben, das Sie erlebt hätten. Solch Schreckliches kommt freilich nur gar zu oft vor; und verwirren können sich nach unsrer Schwachheit unsre Gedanken schon dabei, weil wir eine befriedigende Antwort auf die gewöhnlich gemachte Frage, warum doch Gott Solches zulasse, nicht zu geben vermögen. Es bleibt aber dem armen und schwer heimgesuchten Menschen nichts übrig, als die Hand auf den Mund zu legen und stille zu sein. Ein Beispiel ist uns in der Schrift gegeben, das gewiß der liebe Gott mit besonderem Bedacht hat niederschreiben lassen, an dem wir an das Stillesein, wie es ein Anderer vermochte, erinnert werden sollen. Schrecklicheres kann doch keinem Menschen begegnen, als einem Hiob begegnet ist. Denken Sie sich an Einem Tage sieben Söhne und drei Töchter durch den Einsturz eines Hauses zerschmettert, und sonst auch die Beraubung alles Eigentums, durch greuelhafte Ereignisse gekommen! Dazu kam gleich darauf noch die schrecklichste Krankheit über Hiob selbst, die sich denken läßt, wahrscheinlich der ausgeprägteste Aussatz. Dem Weib Hiobs verwirrten sich da auch die Gedanken, daß sie sagte, wozu man doch fromm sei, wenn es dem Frommen und Gottesfürchtigen also gehe. Hiob aber, es kurz zu sagen, rief aus: "Der Name des Herrn sei gelobet, ob Er gebe oder nehme." Er scheute sich, irgend einen besonderen Gedanken gegen Gott zu fassen; und sein frommer Sinn sagte ihm Gott sei in Allem, auch im Unbegreiflichsten, zu preisen. Er hatte so viel Licht nicht, als wir jetzt haben, und konnte dennoch stille sein. Wir wissen klar und deutlich, auch faßbar, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge, also auch die schrecklichsten, müssen zum Besten dienen. Glauben wir das, werde es uns in unsrer Unwissenheit und Kurzsichtigkeit noch so schwer, so kommen wir, da den Aufrichtigen der Geist Gottes auch nachhilft, über Alles, sogar noch mit einiger Gemütsruhe, glücklich hinüber. Die Treue Gottes wird aber schon noch offenbar werden, wenn nicht hienieden, doch drüben gewiß. Er möge Ihnen, werte Freundin, aufrichtenden Trost nach Bedürfnis schenken!
Bei Hiob nun war's wirklich so, daß es den Anschein hatte, als wäre er nicht beschützt; und genau genommen, war es auch so. Der Herr hatte ihn bis auf ein Gewisses dem Satan preisgegeben, hatte ihm also allen Schutz entzogen, so daß Satan freies Spiel mit ihm hatte. Weiter aber, als Gott zuließ, durfte doch Satan nicht gehen. War das nicht wieder auch ein Schutz, unter dem Hiob stand, obgleich derselbe vorerst ihm nicht bewußt wurde? Denn dem Anschein nach war's wirklich, als ob aller Schutz weg gewesen wäre. Wenn wir uns also unbeschützt fühlen, müssen wir nur gleich denken, wir seines nur bis auf einen gewissen Grad; und nicht um ein Haar breit weiter darf die Schutzlosigkeit gehen, als Gott will. Man kann es auch wahrnehmen, daß die Schutzlosigkeit vorübergeht, ja daß selbst unter dem scheinbaren Preisgegebensein doch ein verborgener Schutz waltet; und hintennach sagt man oft, auch mit Verwunderung, es hätte noch viel schlimmer sein können. Wie viel wir aber sonst Schutz haben, das soll uns dadurch bewußt werden, daß Gott uns manchmal auch schutzlos stellt. Ist's doch nicht auszusprechen, wie viele Engel Gottes, was man sich leicht denken kann, täglich und stündlich um uns sein müssen, zur Bewahrung vor tausend Gefahren, die uns drohen.
Wenn daher die Leute, wie Sie schreiben, sagen, der Teufel habe auf Jeden die größere Macht, so ist das sehr unfromm gesprochen. Er hat keine größere Macht, als die ihm zugelassen wird; und die Macht, die ihm Einhalt gebietet, muß doch die größere sein. Das aber ist wahr, daß Gott gerne zurücktritt, wenn die Menschen nichts nach Ihm fragen, wenn sie Seiner Hilfe nicht begehren, wenn sie gar nicht an Ihn als einen Helfer und Erretter glauben, und es Ihm gar nicht zutrauen, daß Er sich um die Menschen bekümmere, wenn sie überhaupt gar keine Bitte zu Ihm tun mögen. Leute, die sich nie in Seinen Schutz stellen, können's gar nicht ansprechen, daß Er dennoch nur immer schützend um sie herum sein solle, zumal sie Ihm für allen Schutz, den Er immerhin auch ihnen, aus unverdienter Güte, angedeihen läßt, nie danken, indem sie Alles nur dem Zufall oder dem natürlichen Zusammentreffen günstiger Umstände zuschreiben. Da tritt Gott allerdings gerne zurück, und läßt Er in Vielem des Teufels Gelüste geschehen. Lernen wir's daher, nur in Allem uns unter Gottes Schutz zu stellen. Andere stehen sogar wider Gott, indem sie nicht viel nach Seinen Geboten fragen, oder wenigstens, ganz unbekümmert um Ihn, böse Sachen tun, die ganz wider alle Rechte und Ordnungen Gottes sind. Wer aber Sünde tut, der ist, wie der Sünde, so auch des Teufels Knecht. Wenn's übrigens gilt, wollen auch diese Leute den Schutz Gottes haben; und wenn sie ihn nicht haben, so klagen sie, der Teufel habe die größere Macht. Allerdings ist's bei ihnen so. Wie sie des Teufels Willen tun, so sind sie auch seiner Macht hingegeben. Da müssen sie noch froh sein, daß dennoch der liebe Gott insofern sie unter Seinem Schutz hat, als Er dem Teufel auch da Grenzen setzt, weil die Menschen doch eigentlich Gottes sind und werden müssen. Lernen wir daher vor allem die Sünde meiden. Dann gibt es wieder Andere, und dazu sehr Viele, die, statt Gott anzurufen, lieber verbotene Hilfe durch Geheimkünste aller Art aufsuchen, also geradezu einen andern Gott sich erwählen. Sie spielen mit Kräften der Finsternis und tändeln gleichsam mit dem bösen Feind, lassen sich von ihm helfen, weil sie glauben, von Gott keine Hilfe zu haben. Nun aber müssen sie's wieder haben, wenn der Feind nach seinem Sinn mit ihnen hantiert. Sind denn die Menschen der Plackereien des Feindes müde, wie sie sie selbst sich zugezogen haben, so klagen sie wieder, sie seien unbeschützt; und der Teufel habe die größere Macht. Hüten wir uns daher nur vor aller widergöttlichen Selbsthilfe. O blinde Menschen, daß ihr doch nur möchtet aufrichtige Herzen zu Gott bekommen, damit Er Seine Macht euch zeigen und mit dieser aus dem Joch der Finsternis euch herausreißen könnte!
Ich muß da wieder auf Hiob zurückkommen. Hat denn Satan über den Macht gehabt? Satan beschwert sich doch vor Gott, - alle Schrift ist uns ja zur Belehrung geschrieben, - daß Er das Werk der Hände Hiobs gesegnet, und daß sich sein Gut ausgebreitet habe im Lande, womit Satan zu verstehen gab, daß Gott ihn, den Satan, ja nicht an Hiob hinlasse. Warum aber das? Weil Hiob fromm und gottesfürchtig war und das Böse meidete, wie Keiner im Lande, stand er auch unter dem besonderen Schutze Gottes, wie kein Anderer. Nun aber, weil Satan meinte, so habe Hiob gut fromm sein, nimmt der Herr auf eine Zeit dem Hiob Seinen Schutz, damit Hiob sich bewähren und zeigen könne, daß er fromm sei, auch wenn Gott ihm Seinen Schutz entziehe. Hintennach aber, da Hiob treu blieb, ist's ihm wieder besser gegangen, als je. Daraus lernen wir, daß, wer gottesfürchtig ist und das Böse meidet, den Schutz Gottes gewiß habe, und nur etwa dann auf kurze Zeit nicht, wenn seine Frömmigkeit auf die Probe gestellt werden soll. Satan hat also nicht die größere Macht; ja, er hat sie nicht einmal wider die größesten Sünder. Immer behält sich der Herr Sein Oberrecht vor; und wie wird der Herr sich noch am Ende der Tage so stark und mächtig zeigen, damit es sich herausstelle, wie Er allein mächtig und stark sei, wenn Er das Joch Satans gar zerbrechen wird!
Wenn Sie also, werte Freundin, von dem Gedanken beunruhigt sind, daß Gottes Macht nicht so weit reiche, Sie zu schützen, so müssen Sie diesen Gedanken ja nicht Herr über sich werden lassen. Er lautet bis zum Erschrecken widrig, und kündigt durch seinen Ausdruck schon seinen wahren Ursprung an. Läuft er doch ganz wider die Ehre Gottes. Sie beten alle Tage: "Dein Name werde geheiligt." So heiligen Sie diesen zuerst damit, daß Sie den Vater im Himmel nehmen als den, dessen Macht gewiß nicht zu kurz ist, Sie zu schützen.
Oft hat's freilich den Schein, als ob's so wäre, wie Sie reden. Aber der Unglaube ist's, der Gott für uns gleichsam unmächtig macht. Ehren wir Ihn nicht genug, trauen wir Ihm nicht genug, sind wir gar von Ihm damit abfällig, daß wir den Widersacher der Menschen für mächtiger halten, als Ihn, dann, ja, dann steht Gott ferne von uns, und ist Er für uns nicht mächtig genug, will Er es schon gar nicht sein. So ist's auch, wenn wir nicht in Seinen Wegen wandeln, wenn wir Allerlei uns erlauben, das wider Sein Gebot läuft. Dann kann Er uns gleichfalls dem Verkläger überlassen. So kommen wir in des Bösen Macht, wie der Heiland sagt: "Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht," und eben damit der Finsternis preisgegeben, wiewohl auch so nur, so weit der Herr es zuläßt. Aber, wir können uns helfen durch den Glauben an Jesum, der alle Anklagen wider uns zum Schweigen bringt und den Schutz Gottes über uns auf die Dauer herstellt.
Nun klagen Sie noch über eine große Angst, die Sie ausstehen vor Übeln, die kommen könnten. Begreifen kann ich das schon. Denn wenn der Herr Jesus gesagt hat: "In der Welt habt ihr Angst," so gilt das von der Welt in unsrer Zeit besonders, da so Vieles uns umschwebt im Sichtbaren und Unsichtbaren, das Empfindungen der Angst in uns erregen kann. Indessen könnten obige Betrachtungen mit der Bitte um Hilfe zum Herrn die Angst Ihnen nehmen oder mildern. Treten Sie nur ganz mit kindlichem Glauben und Lieben auf die Seite Gottes. Dann dürfen Sie getrost sein, und mit David ausrufen (Ps. 27, 1): "Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?" Mitunter freilich ist solche Angst nicht natürlich und vom Feinde dem Menschen eingehaucht. Aber von diesem Feinde kann Jesu Macht und Liebe befreien, wenn Er ernstlich angerufen wird. Wird Jemand für sich nicht Meister, so darf man ja für einander beten. Möge der Herr Sie frei machen, und mehr mit Hoffnungsfreude erfüllen!
62) Bezüglich unechter Christen.
(Erster Artikel.)
Frage: "Eine Frage möchte ich schon lange machen, wenn Sie sie passend finden: ""Wie soll ein aufrichtiger Christ sich gegen Solche verhalten, welche sich an die Christen anschließen, aber unecht sind und dem Christentum durch ihren Wandel Unehre machen?""
Antwort: Mehrmals angegangen, doch diese Frage möglichst zu beantworten, versuche ich es, einige Gedanken zu äußern, wie sie mir eben kommen. Viel Bestimmtes, auf jeden Fall Zutreffendes kann man nicht sagen, da es nach der Erfahrung mit den sogenannten unechten Christen sehr verschieden sein kann. Namentlich kommt sehr viel darauf an, ob mit ihnen leicht oder schwer zu reden ist, ob sie etwas anzunehmen im Stande sind, ferner ob sie auf unpassende Dinge erpicht sind oder nicht, ob sie empfindlich und übelnehmerisch sind, ob sie etwa auch leicht abgestoßen werden können, wenn man bei ihnen Zurechtweisungen anbringen will. Da sieht man leicht, daß das Verhalten Anderer gegen sie sehr verschieden sein muß. So lange man nun in der Liebe leicht reden kann, ohne zu verletzen, kann ein aufrichtiger Christ Manches, wenn auch immer mit Vorsicht, durch Belehrung oder Bestrafung, oder sonst Besprechung, vorbringen. Ist aber Empfänglichkeit für irgend welche Zurechtweisung schwierig, und letztere fast untunlich, dann etwa wäre es das, was in der Frage gemeint ist, wie man gegen unechte Christen, die nicht mit sich reden lassen, sich zu verhalten habe. Mit Beziehung hierauf nun will ich vornehmlich antworten.
Im Allgemeinen nun ist es mein Grundsatz, nicht so schnell bei Fehlenden oder unrecht Stehenden strafend und zurechtweisend vorzugehen, und namentlich gegen sogenannte Christen, sonst Brüder genannt, die viel zu wünschen übrig lassen, mehr schweigend, so lange es geht, sich zu verhalten. Es tut sich nicht, nur gleich den Mund aufzutun und dieses und jenes vorzuhalten. Denn leicht gewinnt es den Schein, als ob man richten wolle, oder, mit Übersehen seiner eigenen Gebrechen, splitterrichterlich verfahren. Auch das ist nicht recht, mit Dritten viel zu reden über solche Christen, also hinter ihnen, da es raisonnierlich herauskommt, wenn man so Allerlei gegen Brüder weiß und deren Sache als unecht verschreit. Jedenfalls leidet so die priesterliche Liebe, die doch jeder aufrichtige Christ gegen Jedermann haben sollte, Not. Denn priesterliche Liebe ist schweigend, gleichviel, ob dem, der priesterlich denkt, gebeichtet wird oder nicht. Sie nimmt Alles lieber in's stille und verschlossene Kämmerlein. Mit Hin- und Herreden endlich über Gebrechen und anstößige Dinge eines Christen wird man unvermerkt ungerecht und unbillig, da Vieles bei Vielen ihnen selbst unbewußte, und, wenn ihnen Vorhalt gemacht wird, ihnen unfaßbare Charakterfehler und Eigenheiten sein können die so hoch nicht angeschlagen werden dürfen, als wirkliche sündliche Dinge, die Manche sich erlauben. Da sieht oft etwas vor den Menschen schlimmer aus, als der rechte Richter es anschlägt. Überhaupt muß man sich in Acht nehmen, einen Bruder, wenn er auch Vieles an sich hat, das anders sein sollte, nur gleich unecht zu nennen.
Je und je kann es glücken, daß Jemand gegen einen minder vorsichtig wandelnden Christen auf frischer Tat augenblicklich das rechte Wort hat, auf etwas aufmerksam zu machen. Tut man Letzteres liebend und kurz, ohne es so hochwichtig zu nehmen, wenigstens dem Scheine nach, so mag's denn selbiger Christ annehmen und sich merken. Wills nicht sein, namentlich bei eigener Erregung, so sei man vorerst lieber still. Eigentlich darauf ausgehen, Jemanden über Allerlei, wie man sagt, den Leviten zu lesen, wird selten gut ausfallen, weil der Bruder da wie vor ein Gericht sich gestellt sieht; und da steht der Andere für ihn zu hoch da.
Das nächste Mal weiter.
63) Bezüglich unechter Christen.
(Zweiter Artikel.)
Da die Frage bezüglich unechter Christen ziemlich allgemein gehalten ist, und keine speziellere Andeutungen in ihr gegeben sind, welcher Art das etwaige Anstößige im Wandel ist, um dessen willen Christen könnten für unecht gehalten werden, so kann es mir erlaubt sein, nach allerlei Seiten hin Bemerkungen zu machen, welche jedenfalls in Brüderkreisen eine Beherzigung verdienen möchten, wenn sie auch nicht ganz dem entsprechend sind, was mit der Frage eigentlich gemeint ist.
Häufig ist's mit dem Ungebührlichen, das man an Andern sieht, wenn's nicht offenbares Ärgernis ist, so, daß es geraten ist, vorerst zu tun, als sähe man es nicht, mithin ihnen gegenüber es zu ignorieren und in keiner Weise an der gewohnten Liebe und Wertschätzung es fehlen zu lassen. Die Unterredungen mit ihnen kann man, ohne sich anders, als sonst, zu stellen, gehalten und ernst machen, daß es christlich lautet, ganz fern von aller Anzüglichkeit. Bleibt man bei dem pünktlich und gewissenhaft, so möchte sich bei unecht scheinenden Christen leicht Vieles von selbst bessern; und erreicht man dieses damit, daß man nur sein Licht leuchten lässet, ohne es gleichsam zu verstecken, wie der Heiland sagt, so ist das sicher das Beste und Wünschenswerteste, wenn man einen förmlichen Vorhalt zu machen nicht geraten findet. Geduld, die viel trägt, auch Ungebührliches nicht empfindlich und tugendstolz, daß ich so sage, aufnimmt, sondern gleichsam übersehen kann auf Hoffnung, gefällt dem lieben Gott sehr, der ja auch geduldig und langmütig sein muß, ach, wie viel, selbst gegen den, der sich für einen aufrichtigen Christen hält.
Besonders ungeschickt ist es, wenn man zwar schweigt, aber doch so sich stellt, daß der, der mißliebig geworden ist, es merkt, man habe etwas wider ihn. Kalt, finster, wortkarg, geringschätzig sich benehmen, gleichsam Verachtung fühlen lassen, ohne sich zu äußern, ist durchaus unrecht, und nur geeignet, den Bruder bitter zu stimmen und abzustoßen, oder gar zu vertreiben, da man's dann geradezu aufs Gewissen bekommt. So weit kann's namentlich kommen, wenn derselbe den Grund der veränderten Haltung ein wenig merkt, aber nicht recht. Eingetretene Kälte verbittert ihn, als geschehe ihm Unrecht, und dürfte man dieses und jenes nicht so hoch anschlagen. Wer keine Geduld und Nachsicht sieht, kann in große Aufregung kommen. Überall kann man die Erfahrung machen, daß Leute, die im Benehmen Anderer weder Geduld noch Nachsicht gegen sich sehen, aufs Äußerste abgestoßen werden. Denn auch der Sünder will nicht so plötzlich weggeworfen sein; und sieht er in liebendem Benehmen eine Art Vergebung, so kann man ihn oft, wie man sagt, um den Finger wickeln. Am Schlimmsten ist's, allerlei Stichreden fallen zu lassen, ohne eigentlich mit der Sprache herauszurücken, und das dazu noch vor vielen Andern, die es merken. Dergleichen können Fehlende oft nie mehr vergessen. Mienen und Gebärden und Worte dürfen also nie die Haltung der Liebe verlieren; und macht man, wie aus Mitleiden, die Liebe noch fühlbarer, so kann diese sogar schlagen und das Gewissen treffen, somit auch Wirkungen zur Besserung haben, sei's auch ganz in der Stille. Den sichersten Gewinn hat man aber davon in dem, daß man das Zutrauen des Fehlenden gewinnen kann, und dieser dann leicht sich sagen läßt und Weisungen annimmt. Wenn dem Sünder nur die Liebe fühlbar bleibt, so gibt er sich unter Alles.
Übrigens wird man wohl auch darauf aufmerksam machen dürfen, daß man, wie den Bruderkreis überhaupt, so auch den Einzelnen in demselben, wenn's Not tut, dem Herrn wirklich fürbittend anzubefehlen habe. Vielleicht geschieht solche Fürbitte, die mehr eine Sache des Kämmerleins ist, oder des eigenen und besonderen Verkehrs mit dem Herrn, ziemlich selten. Fürbittend für einander vor Gott zu treten, sollten wir uns doch angewöhnen, damit wir auch vor Gott unsre persönliche Liebe und Teilnahme kund tun. Ich habe oft schon gedacht, mir selbst es vornehmlich vorhaltend, es sei nicht recht, wenn man so viel an einzelnen Brüdern auszusetzen habe, und über sie sich Gedanken mache, die leicht an Mißliebe grenzen, ehe man auch vor Gott für sie irgendwie getreten sei; und man habe bei jedem Tadel oder Vorwurf, den man Andern, die Christen sein wollen, macht, sei's ins Gesicht oder hinter dem Rücken, kein ganz gutes Gewissen, wenn man's nicht zuerst mit dem Herrn selbst besprochen habe. Tut man Letzteres, so wird man häufig dadurch schon um Vieles nachsichtiger und geduldiger, wie wenn der Geist Gottes selbst es innerlich anwiese. Überhaupt wird man immer liebender gegen den, für den man bittet. Man hat aber in doppelter Weise Fürbitte zu tun, einmal, daß Gott dem Bruder seine Fehler vergeben, Geduld mit ihm und Nachsicht haben möge, auch nicht so schnell oder hart es ihn entgelten lasse, dann auch, daß Gott durch Seinen Geist Sinn und Charakter und Wandel des Christen, der anders und echter sein sollte, ändern möge. Ohne Hilfe von oben gelingt's ja doch nicht, Untugenden und Gewohnheitssünden abzulegen.
Noch etwas möchte ich berühren, was von großer Wichtigkeit ist. Brüder, die sich wollen mit einander verbunden haben, stehen häufig doch gar zu ferne von einander. Viele sehen sich nur in Versammlungen, und sonst nur ganz gelegentlich, und vorübergehend. Sie besuchen sich nicht viel; oder hat Jeder nur nach einer gewissen Neigung eigentlichen Umgang mit den Einen oder Andern, sonst aber mit den andern Allen so gut als gar keinen. Sie suchen sich gegenseitig nicht geflissentlich auf, um einander näher zu kommen, und so auch persönlich in dem Herrn verbunden zu werden. So tauschen sie wohl auch nicht genug ihre Anfechtungen, Kämpfe und Erfahrungen gegen einander aus. Da kann's geschehen, daß man gerade die, welche man für unecht hält, am Wenigsten aufsucht; und doch bedürfen's diese am Meisten, nicht daß man ihnen predige, sondern daß mit ihnen ein Austausch von Gedanken und eine Kundgebung gegenseitiger Liebe Statt finde. Wird man mit einander näher bekannt, und so, daß die Bekanntschaft sich auch in etwas geistlich macht, so fördert das die Schwachen. Es reinigt die unecht sich stellenden Brüder ganz von selbst von Untugenden aller Art, und weckt überhaupt eine dem Herrn wohlgefällige Haltung. Nur durch einen häufigen, christlich sich haltenden Umgang wird man gleichsam geistlich kultivierter. Ehe ein aufrichtiger Christ mit dem unecht scheinenden Christen in solcher Weise bekannt und vertraut geworden ist, kann er von ihm fast Echtheit gar nicht verlangen; denn woher soll er sie bekommen? Von sich selbst allein kann nicht Jeder Alles haben und bekommen, wie es sein soll. Ich möchte sagen, der aufrichtige Christ hat nicht einmal das Recht, sich um irgend etwas zu bekümmern, was der unechte etwa Ungeschicktes an sich hat. Steht er ja doch zu ihm fast nur, wie zu andern Christen, die man zur Welt rechnet; das heißt, er steht in gar keinem Verhältnis zu ihm. Deswegen rate ich dem aufrichtigen Christen vor Allem, den unechten Christen nur fleißig zu besuchen, sei's auch, daß er dessen ungeschickte Sachen vorerst ganz auf sich beruhen läßt, und daß nur die Angelegenheiten, wie sie Jeder hat, mit brüderlicher Teilnahme besprochen werden, damit Beide einander persönlich nahe kommen. Von unberechenbarer Folge müßte es für den Bruderkreis überhaupt sein, wenn Jeder vor Gott sich das zur Pflicht machte, die, welche einmal in den Kreis gekommen sind, nun auch damit als Brüder zu behandeln, daß er mit ihnen in emsigsten Verkehr zu kommen trachtet. Wird er unter diesem Eifer je und je auch an Solche geraten, die noch ferne stehen oder noch nicht dabei sind, wie leicht könnte dadurch der Kreis von außen her einen Zuschuß bekommen, durch den er selbst mehr Leben und Bewegung bekäme, als wenn er immer sich gleich bleibt, und dazu so, daß doch die Beteiligten einander nicht genug nahe kommen.
Immer aber hat man sich vor dem in Acht zu nehmen, daß man sich nicht gegen einander als fertig darstellt, namentlich nicht so, als fühle man sich über Andern. Aufrichtigkeit macht am Ende Alles aus, nicht ein großes Wissen, nicht große Erfahrung, nicht Fertigkeit in der Rede, nicht einmal, daß ich so sage, christlich geschliffenes Wesen. Aufrichtigkeit aber ist eine Sache, an der sich Keiner beschauen darf, deren auch Keiner sich gegen einen Andern rühmen kann. In diesem Punkte kann der Schwächste dem Stärksten gleich sein, kann sogar der Letztere unter den Ersteren stehen. Darum hat kein Bruder das Recht, sich höher zu stellen, als Andere, von sich mehr zu denken, als von Andern, wenn auch nach außen mehr Schein da ist; denn er weiß doch nicht recht, wer eigentlich der Aufrichtigere ist. Keiner, ich wiederhole es, darf vor dem Andern mit gefühlter Selbstbeschauung, als wäre er's, da stehen. Denn Jeder, wenn er sich nach der Aufrichtigkeit vor dem Herrn prüft, kann merken, wie ihm oft an dieser mehr fehlt, als wenn er sonst weniger weit wäre, oder scheinbar weniger rein da stünde. Vor Gott aber bist du nur etwas, wenn deine Aufrichtigkeit keinen Mackel hat; und wenn der Herr die Wage nimmt, und wiegt und mißt, darfst du wohl in der Angst stehen, der, den du unecht nennst, könnte vor Gott aufrichtiger stehen, als du selbst. Denn was das Alles ist, worin Einer unecht scheint, wer will's gleich taxieren? Oft meint man auch nur, gewisse Christen machen durch ihren Wandel dem Christentum Unehre. Vielleicht nimmt oft Niemand so viel Notiz davon, als eben der Christ, der sich aufrichtig nennt, und der oft eine selbstgefällige Art an sich hat, die dem Christentum auch keine Ehre bringt. Man kann daher zu ängstlich sein, wenn ein Christ in Vielem nicht ganz ebenso ist, wie man selber ist, und träumt von Anstößen, die durch ihren Wandel gegeben werden, und die doch eigentlich nicht gegeben werden. Begreiflich gibts Dinge, bei denen es anders und ernster zu nehmen ist. Aber tragen wir uns so lange als möglich geduldig und nachsichtig, auch demütig für uns selbst, mit Schwachen und noch nicht ganz als echt Erscheinenden, auf Hoffnung, daß es allmählich, namentlich durch unser priesterliches Mitwirken, immer besser kommen und zum Rechten sich ebnen werde.
Den Schluß das nächste Mal.
64) Bezüglich unechter Christen
(Dritter Artikel und Schluß.)
Bei dem, wie ich bisher die vorgelegte Frage bezüglich unechter Christen besprach, könnte es aussehen, als ob ich zu viel zu Gunsten unechter Christen sagte. Sei's; aber wenn man alt geworden und viel mit Brüdern und Christen schon in Verkehr gekommen ist, - ich war schon vom zehnten Jahre meines Lebens an in Brüderkreisen, - wird man nachsichtiger und schonender gegen jüngere Christen. Man weiß, über wie viele Klippen die Jüngeren und Anfangenden hinüberzukommen haben, bis sich's bei ihnen eben macht, wie viele Gebrechen oft auch in den Kreisen überhaupt hervortreten, welche ein schnelles und sicheres Wachstum schwächerer Brüder nicht gerade fördern, wie viel ferner der Feind anstürmt und zu Diesem und Jenem reizt und treibt, da sie sich zwar nicht reizen und treiben lassen sollten, aber, wenn sie zu schwach sind, doch nicht gerade gleich wegzuwerfen sind. Denn man muß daran denken, wie oft und wie lange man selbst auch stolperte in seinem Christenlaufe, bis sich das Unlautere vom Lauteren, das Unechte vom Echten abgesondert hatte. Man weiß und fühlt dazu, wie der Arge in unsrer Zeit immer heftiger angreift und versucht. Darum rate ich, daß man doch ja nicht so leicht Jemand wegwerfen, oder gar vom Bruderkreise auszuscheiden trachte. Wer einmal im Kreise ist, den muß man nimmer hinauslassen, sei's auch, daß man ihm gegenüber wie auf Eiern laufen müßte, wenn man viel an ihm zu tragen und zu tadeln hat. Wie hat nicht der Heiland selbst einen Judas getragen, ohne vor Seinen Jüngern ihn auch nur verdächtig zu machen; und das sicher darum, daß hintennach der unechte Jünger dem Heiland nicht den Vorhalt machen sollte, Er hätte nicht genug Geduld mit ihm gehabt, sonst wäre er nicht so mißraten!
Nur wenn schwerere Sünden, die ein allgemeines Ärgernis geben, vorkommen, hat man ein Recht, ja fast die Verpflichtung, auszuweisen, wie es Paulus je und je getan hat, wenn er auffallend ärgerlich wandelnde Personen dem Satan übergeben hat, d. h. der Welt zurückgegeben, in welcher, weil damals Heidenwelt, der Satan regierte, daß er sie also mit Ausschließung aus der Gemeine bestrafte, oder die Brüder bestrafen hieß. Aber auch hier ist es nicht zu übersehen, daß der Ärgste von ihnen, der es bis zur Blutschande getrieben hatte, und so, daß es "ein gemein Geschrei" wurde (1 Kor. 5, 1 ff.), als er genügende Buße tat, wieder aufgenommen werden mußte, da denn das Geschrei unter den Heiden nicht weiter beachtet wurde, "auf daß wir nicht," schreibt Paulus, "übervorteilet werden vom Satan. Denn uns ist nicht unbewußt, was er im Sinne hat" (2 Kor. 2, 11). Wie viel mehr müssen wir oft geringere Unehre, welche da und dort ein Bruder macht, mit Geduld tragen? Wirkliche Sünden freilich, oder gar Verbrechen, welche den ganzen Bruderkreis in's Geschrei bringen können, namentlich wenn sie offenbar geworden sind, kann man nicht dulden, schon um der Ehre des Herrn willen, die augenscheinlich dadurch Not leiden müßte, wenn man notorische Hurer und Ehebrecher, Trunkenbolde, Lästerer und Flucher mir nichts, dir nichts im Bruderkreise belassen würde. Sonst aber muß man alle Geduld beweisen, um ein mögliches Werk des Geistes Gottes nicht zu zerstören.
Am Ungeschicktesten aber ist es, wenn ein Bruder, den ja doch unter dem Christen der Fragesteller versteht, wie im Unmut nur gleich dem Bruderkreis, oder der Versammlung, zu der er mit den unecht scheinenden Brüdern gehört, aufkündigen wollte, und sagen: "Da kann ich nicht mehr sein, wo die oder die sitzen." Um so es zu machen, muß es doch weit gekommen sein. Er mag sich wohl besinnen, ob er nicht, wenn er's so macht, selbst aufgehört hat, ein aufrichtiger Christ zu sein, indem er um einzelner, unecht scheinender Brüder willen die Andern alle richtet und verwirft. Mitunter muß man auch, wie oben bemerkt, Schmach leiden ob fehlenden Brüdern. Können wir's anders machen? Die Liebe beugt sich, demütigt sich vor dem Herrn, aber bleibt standhaft bei denen, die den Herrn Jesum lieb haben und einander in erquicklicher Gemeinschaft lieb haben wollen.
Hiemit sei's genug. Vielleicht habe ich zu viel Worte gemacht. Aber brüderlich mit Brüdern zu reden, hat mich's aus Anlaß obiger Frage gedrungen.
65) Der letzte Heller.
Frage: "Bitte, haben Sie die Güte, und erläutern Sie die Stelle in Matth. 5, 26: ""Bis du auch den letzten Heller bezahlest."
Antwort. Ich bedaure, in meinen Betrachtungen über Matthäus in §. 19 nicht mehr und eingehender über den letzten Heller gesprochen zu haben, und hole daher aus Anlaß der Frage Einiges nach.
Vielleicht macht man aus dem letzten Heller mehr, als man sollte, wie wenn derselbe für die Glaubenslehre etwas austragen möchte. Leicht legt man in Gleichnisreden Jesu mehr hinein, oder sucht man mehr in ihnen, als nötig ist, wobei auch gerne der eigentliche Nerv der Rede unbeachtet bleibt. Zunächst nämlich ist jene Rede des Herrn eine Art Gleichnis, genommen aus dem Gerichtsverfahren jener Zeit. Auch wird die Schuld, die Jemanden einen Widersacher zugezogen hat, die aber sonst Allerlei sein könnte, wieder gleichnisartig als eine Geldschuld genommen, die Einer bezahlen sollte und nicht kann. Geht nun der Gläubiger oder der Beeinträchtigte vor Gericht, und der Schuldner kann nicht zahlen, kann etwa auch nicht eine angesetzte Strafsumme an den Widersacher bezahlen, so wurde er nach damaliger Sitte in den Schuldturm gesteckt, bis er bezahlt hatte. So lange der Widersacher auf seiner Forderung beharrt, wird der Schuldner nicht frei gelassen. In der alten Zeit war's nun gewöhnlich, daß Verwandte und Freunde des Eingekerkerten sich annahmen, und die Schuldsumme aufzubringen suchten. Je feindseliger der Widersacher war, desto mehr drang er darauf, daß ihm auch der letzte Heller bezahlt wurde. Hatte nun der Schuldner oder Beleidiger sich nicht vorher willfertig gegen den Widersacher gemacht, so lange es noch Zeit war, oder, wie es heißt: "Dieweilen er noch bei ihm auf dem Wege war," so ist der Widersacher um so erbitterter, daß er auch nicht einen Heller erläßt. Würde der Andere bei Zeiten freundlich mit ihm reden und ihn zu beschwichtigen suchen, so könnte er des Widersachers Sinn und Mißstimmung ändern und sein Mitleiden anregen, daß dieser nicht vor Gericht geht, sondern sich erweichen läßt, die Schuld gar zu erlassen.
Die Rede des Herrn ist also zunächst nur ein guter Rat, es mit denen, die man beleidigt oder beeinträchtigt hat, nicht zu leicht zu nehmen, und es gleichgiltig auf sich beruhen zu lassen. Solches wäre eine Art Stolz oder Trotz, der den Eifer des Widersachers zur Rache reizt. Wer sich aber unter den Widersacher, den er eben durch sein Benehmen sich zum Widersacher gemacht hat, demütigt, sich schuldig gibt und ihn um Verzeihung und Nachsicht bittet, kann hiedurch Alles ohne viel Umstände möglicherweise wieder gut machen, während er sonst das Äußerste zu fürchten hat, wenn der Widersacher nach der strengsten Gerechtigkeit mit ihm fährt. Die Rede des Herrn hat schon in dieser Weise eine große Bedeutung für den Jünger des Herrn. Diesem könnte es einfallen, vor Nichtjüngern oder Nichtchristen, auch wenn er sich wirklich an diesen verfehlt hat, sich nicht demütigen zu wollen, indem er um deswillen, daß er Jünger des Herrn ist, wie die Andern nicht, über diese geringschätzend hinwegsieht. Solch ein Stölzlein kann einen Bruder oder einen Christen schon ankommen. Damit aber macht er's ganz schlimm. Nur um so schärfer fährt der Widersacher über ihn her, daß er Himmel und Hölle aufregt, um den, der Unrecht getan hat, es auf's Empfindlichste fühlen zu lassen. Deswegen sagt der Herr: "Ich sage dir wahrlich, du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlest."
Hienach hat das Wort des Herrn direkt gar keine Beziehung auf Ewigkeit und Höllenstrafen; und es fragt sich nur, wie man's gleichnisweise auf diese anwenden kann. Da mag man nun Allerlei sagen, aber nicht so, daß man Glaubensartikel daraus machen kann. Man soll, kann man sagen, allezeit Alles mit Gott und Menschen zeitig auszugleichen suchen, und nicht gleichgiltig oder aus Eigenliebe und Störrigkeit an der Selbstdemütigung es fehlen lassen. Wer der Störrige bleibt, so lange er lebt, oder "mit seinem Widersacher auf dem Wege ist," kann, wenn er auch sonst ein Jünger des Herrn ist, um dessen willen, der unversöhnlich geblieben ist, auch im Jenseits büßen müssen, und auch da um so mehr bis auf's Äußerste gebracht werden, je härter und eigensinniger er sich in seinem Unrecht bewiesen hat. Bezahlen kann da der Mensch nichts mehr, wenn sein Widersacher klagend wider ihn aufsteht. Er bleibt, wie in der Schuld, so in der Strafe, wenn nicht endlich Einer sich erbarmt, der die Schuld auf sich nimmt; und da kann ja möglicherweise unser Heiland, Jesus Christus, der alle Schuld getragen hat, zuletzt noch, ehe es in's Gericht geht, mit Gnade und Barmherzigkeit eintreten, wie bei sonst im Glauben stehenden Christen denkbar ist, daß er der Haft entkommt, und zuletzt selig wird, "auf daß, wenn er auch in etwas zum Verderben des Fleisches gekommen ist, der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu" (1 Kor. 5, 5). Geschieht das, so wird er doch sagen müssen, er habe für seine Gleichgültigkeit und geistliche Sicherheit auch den letzten Heller bezahlen müssen.
So kann man Mancherlei denken, aber nur anwendungsweise; denn förmliche Glaubenssätze lassen sich aus der Stelle keine entnehmen. Besonders ungeschickt ist es, wenn man aus dem "bis" so viel macht, als ob es jenseits eine allmähliche Abbezahlung der Schuld und Heranreifung zum Stande der Seligkeit andeute, was Beides nur durch Büßungen, wie man diese sich unter dem Fegfeuer vorstellt, geschehen müßte. Das Entkommen aus der Haft aber ist nur durch einen Act der Gnade möglich, wie wenn für jene Eingekerkerten andere Leute bezahlen müssen. Man sieht aber, wie leicht man, wenn man vom ersten und nächsten Sinne einer Bibelstelle abgeht, auf Gedanken kommen kann, die nicht mehr mit der biblischen Erlösungslehre in Einklang zu bringen sind.
66) Annütze Worte.
Frage: "Wir bitten Sie, in Ihrem Blatte doch gefälligst die Schriftstelle (Matth. 12, 36) näher zu beleuchten, daß wir einst Rechenschaft zu geben hätten von einem jeglichen unnützen Wort, das wir geredet haben."
Antwort. Um das Wort des Herrn recht zu verstehen, wie Er's eigentlich meint, müssen wir den Zusammenhang in's Auge fassen, in welchem es Jesus sagt. Er sagt's mit Bezug auf Pharisäer, welche von Ihm gesagt hatten (v. 24): "Er treibet die Teufel nicht anders aus, denn durch Beelzebub, den Obersten der Teufel." Nachdem der Heiland Allerlei darauf erwidert hatte, von einem faulen Baume, den man an seiner Frucht erkenne, von einem bösen Herzen, bei dem, "wes das Herz voll ist, des der Mund übergehet" (v. 34), von einem bösen Menschen, der Böses hervorbringe aus seinem bösen Schatz (v. 35), sagt Er die angeführten Worte:
v. 36. "Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben."
Man sieht es da deutlich, daß der Herr unter unnützem Wort ein böses Wort versteht, nicht jedes gleichgiltige, bedeutungslose Wort, das Jemand redet. Das griechische Wort bedeutet zunächst faul, träge, müßig, dann auch unbrauchbar, unnütz." Aber auch wir brauchen die Worte müßig, unnütz in ungutem Sinne, als von etwas, das seiner Art nach nicht recht ist und darum nicht sein sollte. Sie kommen dem schwäbischen "knütze" gleich, welches wahrscheinlich herkommt von: "kein Nütze", und bei dem wir an ein verstecktes Böses denken, ein Schalkhaftes, das von einer falschen, bösartigen Gesinnung zeugt. Wir wissen ja, wie leicht man in ein Wort ein Gift legen kann, mit dem man wehe tut, Sachen verdreht und in ein schlechtes Licht stellt, sticht, Ehre und guten Ruf angreift, verdächtigt etc. Solche unnütze, knütze Reden, besonders wenn sie gegen fromme Christen und deren Wirken gerichtet sind, werden nach dem Wort des Herrn einmal vor Gericht kommen. Bei den Pharisäern zeugte es doch von einer recht bösartigen Gesinnung, wenn sie im Neid und Ärger mit ihrer Rede Jesum in's Geschrei bringen wollen, Er sei ein Zauberer und tue Seine Wunder mit teuflischer Macht. Bösartiger und knützer hätten sie sich nicht ausdrücken können. In ähnlicher Weise kann man vielfältig mit einem Wort sich versündigen, das unnütze ist, weil sündlich.
Es ist also nicht richtig, wenn man mit so viel Ängstlichkeit an den Spruch hinsieht, als verdamme er jedes unbedeutende, nichtssagende Wort oder Gespräch, an dessen Stelle es wertvoller sein sollte. Recht ist es freilich oft nicht, wenn man Stunden lang mit einander plaudern kann, auf eine Weise, daß nichts dabei herauskommt, als daß man die Zeit verbringt. Ein Verdammliches aber kann solch Geplauder nicht sein, wenn nichts Böses, Kränkendes, Giftiges, Verleumderisches, Knützes mit unterläuft. Fehlt dieses gänzlich, so läuft in solcher Unterhaltung doch auch wieder manches Gute unvermerkt mit; und Viele machen sich oft unnötigerweise ein böses Gewissen daraus, wenn nichts Besonderes von Bedeutung zum Wort kommt. Denn ganz umsonst sind Worte und Unterhaltungen auch so nicht, sofern es immerhin ein gutmütiger, freundschaftlicher Verkehr mit Andern sein kann, der eine Bedeutung an und für sich hat, auch wenn die gegenseitig ausgetauschten Worte weiter nichts zu besagen haben. Auch so können die Bande der Freundschaft und Liebe fester werden, während es oft sehr steif herauskommt, wenn man erzwungen auf etwas zu kommen sucht, das mehr soll zu besagen haben. Man bringt damit auch leicht den Verkehr in eine Schiefe; denn unvermerkt kommt man in einen Lehr- und Hofmeisterton hinein, als wollte man Andern nur predigen. Nichts ist ungeschickter, als das; und ich weiß es aus Erfahrung, daß scheinbar nichts besagende Worte, die nur Freundschaft atmen, viel wirksamer sind zum Guten, als die Sucht, nur immer ein Gehaltvolles, und auf Andere Wirksames vorbringen zu wollen. - Auch scherzhafte Reden, wenn sie nichts Arges enthalten, gehören nicht zu dem verdammlichen Unnützen.
Wenn ich auf das, was ich mit Bezug auf unechte Christen in den letzten drei Nummern gesagt habe, noch einmal zurückkommen darf, so möchte ich das noch nachtragen, daß der aufrichtige Christ sich sehr in Acht zu nehmen habe, daß er nicht von oben herab, als wäre er's und der Andere nicht, mit dem Christen, den er unecht findet, rede. Ich habe geraten, jener soll diesen besuchen und mit ihm in Verkehr zu kommen trachten. Aber ernstlich warne ich davor, daß er da nicht mit der Türe in's Haus falle, weil er damit gleich sich über den Andern stellt und Alles verderben kann. Diesem soll er den Eindruck geben, als stelle er ihn sich gleich; und kommt, so zu sagen, aus dem Besuch nicht gleich viel heraus, so kommt doch das heraus, daß man überhaupt sich gesprochen, und damit etwas von einem Liebeszug erzeugt hat. Ganz falsch aber ist es, wenn der aufrichtige Christ solchen scheinbar unbedeutenden Besuch oder Verkehr nur gleich unnütz, und damit dem Herrn mißfällig, ansehen wollte. Er mag und kann wohl auf eine etwaige Frucht bedacht sein; aber es muß sich geben. Sonst soll er mehr dem Andern den Mund öffnen, als selbst reden, gehe es, wie es wolle, um nicht der zu scheinen, der nur zu belehren und zu bekehren komme, als Einer, der sich für bekehrt, den Andern für unbekehrt halte.
Im Allgemeinen bemerke ich noch, daß Gott von nichts Rechenschaft fordern wird, in dem nichts Arges, nichts Böses liegt, das nur nicht vor Augen einen Wert zu haben scheint. Der Wert einer Rede aber liegt nicht im Wort, sondern im Ton der Rede und des Gesprächs, wenn derselbe Liebe und Wertschätzung gegen den Andern durchblicken läßt. Jedes Wort ist recht, wenn's nur Liebe, Freundlichkeit, Sanftmut, Demut, Bescheidenheit, Ehrerbietung atmet, wenn auch nicht immer etwas daran gelernt, oder ein Behältliches von Bedeutung damit gegeben wird. Wenn der Herr sagt (Marc. 9, 50): "Habt Salz bei euch, und habt Frieden unter einander," so ist offenbar die Liebe das vom Herrn gemeinte Salz." - Wenn Paulus (Eph. 4, 29) von einem faulen Geschwätz redet, das nicht aus dem Munde gehen soll, so braucht er da ein Wort, das faulicht, auch schmutzig und unsauber bedeutet (vergl. Eph. 5, 4).
Aber bedenke man, - das ist die Hauptsache bei jenem Spruch des Herrn, - wie viel daran liegt, daß man nicht "Otterngift unter seinen Lippen habe" (Röm. 3, 13), das beißt und sticht, verwundet, kränkt, verletzt und sonst böse Folgen hat, wie auf Schaden berechnet. Geschieht's vollends mit schmeichelnden Worten und geheuchelter Freundlichkeit, so ist das um so mehr ein Böses aus bösem Herzen. Dafür, ja, dafür wirst du einmal, wenn du nicht Buße tust, Rede stehen müssen vor dem Richter, dem Falschheit und Bosheit in jeder Form ein Greuel ist.
67) Vom Totenreich.
Frage: "Es hat unser Herr Pfarrer schon einige Male in der Predigt vom Totenreich gesprochen. Da möchte ich fragen, ob wir jetzt noch von einem Totenreich reden können, oder ob im Neuen Testament es anders ist. Unser Heiland hat ja gesagt: "Siehe, ich mache Alles neu." Hat nicht der Herr Jesus durch Seinen Tod (Höllenfahrt) und Seine Auferstehung das Endziel erreicht? Ich möchte darüber in's Klare kommen."
Antwort: So lange es noch Tote gibt, die nicht zur Ruhe in Gott kommen, - und deren gibt's auch unter den Christen Viele, ja zu Viele, - gibt's ein Jenseits, das man Totenreich nennen kann. Man kann also wohl von einem Totenreich in der Predigt reden, ohne etwas Unrechtes zu sagen, zumal man mit dem Namen allein noch nichts Bestimmteres sagt. Denn immerhin muß man sich's nicht vorstellen, und will man's auch nicht, als ob alle Tote an einerlei Ort sich befänden, und mit einander ein besonderes Dasein hätten und insofern ein Reich bildeten. In dieser Weise sich ein Totenreich zu denken, hätten wir keine Andeutung in der Schrift. Auch die Stelle (Ps. 49, 15): "Sie liegen in der Hölle" (der eigentliche Schriftausdruck für das, was wir Totenreich nennen) "wie Schafe; der Tod naget sie," leitet nicht auf den Begriff von Reich. Unvollendete Tote sind eben irgendwo, teils auf der Erde, teils unter der Erde, teils in der Luft, wie Paulus von bösen Geistern unter dem Himmel redet (Eph. 6, 12). Auch von Finsternissen, da sein wird Heulen und Zähneklappern, und von Feuerspein, wie die des reichen Mannes, redet die Schrift. Wenn Paulus die bösen Geister unter dem Himmel auch Fürsten und Gewaltige, Herren der Welt, nennt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, so läßt das erkennen, daß die Unseligen ihre böse Art auch im Jenseits behalten; und haben sie mit dieser eine Art Herrschaft auf Erden gehabt, so haben sie's auch dort, so weit ihnen Freiheit gelassen wird, und sie nicht in Peinzustände verbannt sind, daß sie in einer Gemeinschaft mit gleichartigen Geistern bleiben, die zusammen wieder auf die lebende Menschheit wirken, diese wohl auch als besitzende oder umschwärmende Dämonen beunruhigen und verderben. Sie haben in der ganzen Schöpfung nirgends einen Raum zur Ruhe, und haben, scheint es, nach Eph. 2, 2, unter der Knechtschaft des Fürsten und Geistes der Finsternis, auf Lebende, "die tot sind in Übertretung und Sünde," sich gleichsam aufzulagern das Recht bekommen, bis die Zeit der Erlösung kommt, da der Herr sie auflesen und sammeln wird, nach Seinem Rat ihr Bestimmtes ihnen anzuweisen. Wie ihm aber sei, - denn tiefer in dieses Schauerliche hineinzublicken, ist uns nicht gestattet, - so möchte ich lieber von einer Totenwelt als von einem Totenreich reden. In jener, d. h. im Jenseits überhaupt, mag es Allerlei geben, davon wir nur, wie gesagt, zu wenig wissen, von dem aber der Heiland zuletzt uns frei machen wird, ehe Er kommt, wie wir wenigstens hoffen und uns in Aussicht nehmen dürfen.
In der neutestamentlichen Zeit ist es mit der Totenwelt, sofern diese aus Verstorbenen besteht, welche Jesum nicht kennen oder glauben, nicht anders geworden, als es vorher war. Denn anders kann es, wie im Diesseits, so auch im Jenseits, nur werden, wenn Jesus erkannt und angenommen wird. Jesus allein kann, so zu sagen, nichts anders machen, ohne Sinn und Willen der Menschen für sich zu haben. Nur der Umstand, daß unter unselig Verstorbenen nun nicht bloß Heiden, sondern auch Namenchristen sind, mag Zustände und Art der Totenwelt wenigstens für die Letzteren anders gemacht haben. Möglicherweise aber sind unter diesen auch die ärgsten Feinde Jesu zu denken, die unter der Herrschaft des Fürsten der Finsternis, welcher sie sich jetzt, auch wenn sie wollten, weniger als im Leben erwehren können, ihre Influenzen auf die lebenden Menschen haben, so daß es erklärlich ist, wie mit der Zeit Unglaube und Widerchristentum, und unbeugsamer Sinn darunter, so umfangreich werden konnte, als man's in unsrer Zeit findet, weil die früheren Geschlechter vom Jenseits her in's Diesseits herein die Verderbnis und Gottentfremdung immer mehr steigern. Viele Gedanken sehr ernster Art kann man nach dieser Seite haben, welche man aber, weil sie weniger gewöhnlich sind, ungern ausspricht, welche aber auch zu einem Mitleiden für die Lebenden, wenn sie so umgarnt sind, treiben kann, und zu dem stillen Seufzen, daß doch der Herr Jesus vor Allem die geknechtete Menschheit von dem Fremden aus ihrer eigenen Mitte, das so verderblich auf sie zu Unglauben und Sünde wirkt, befreien möchte. Wenn's Niemand hofft, ich hoffe es.
Die Worte: "Siehe, ich mache Alles neu," hat der Herr nicht gesagt, so lange Er noch auf Erden war, sondern erst vom Himmel her in der Offenbarung, die Er dem Johannes gegeben. Sie haben ihre Beziehung auf das Ende, wenn die ganze Erlösung, deren Erfüllung ja Zeit braucht, wird vollendet sein. Als Verheißung, nicht als etwas, das gleich im Anfang nach der Himmelfahrt schon war, steht es da, wenn es heißt (Off. 21, 5): "Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mach's Alles neu. Und Er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß." Geschrieben wenigstens soll's sein, damit man sich daran tröste, wenn im Verlaufe der Zeit immer Alles beim Alten zu bleiben scheinen würde. Zuletzt also wird schon noch die Totenwelt, und was man unter ihr zu denken und zu leiden hat, aufgehoben werden. "Der letzte Feind," wie wir ja lesen (1 Kor. 15, 26), der aufgehoben wird, ist der Tod; und dann erst wird Alles neu sein.
Das Endziel, um die Frage weiter zu beantworten, konnte mit dem Tode und der Auferstehung Jesu noch nicht erreicht sein. Zunächst ist Alles sich gleich geblieben; und nur die Predigt vom Siege Christi, so weit sie geglaubt würde, sollte allmählich Alles anders machen. Wir haben wohl an dem, der für uns gestorben und auferstanden ist, einen Helfer, welchem es möglich ist, jetzt das Endziel, die Seligkeit und vollständige Erlösung, zu schaffen; aber geglaubt muß werden, sonst ist's nichts. So wenig ferner alle Menschen, denen vom Tod und der Auferstehung Jesu gepredigt wird, zum Leben erwachen, so wenig sind durch die Predigt bei der Höllenfahrt alle Tote, die sie hörten, so angeregt worden, daß sie zu der Ruhe derer kamen, die fortan selig in Christo entschlafen. Wir wissen überhaupt nur, daß Jesus zu den in der Sintflut Umgekommenen gekommen sei, als Er den Geistern im Gefängnis predigte (1 Petr. 3, 19 ff.); und wenn Er auch "in die untersten Örter der Erde hinunter gefahren ist" (Eph. 4, 9), um sich der Totenwelt, so zu sagen, zu repräsentieren, so ist auch damit kein Endziel erreicht worden. Denn von einem augenblicklichen Erfolg solcher Höllenfahrt ist nichts angedeutet. Wie kann sonst von einem Endziel die Rede sein, so lange das Sterben fortdauert, unter Christen, wie unter Heiden; denn so bekommt ja die Totenwelt vorerst immer nur neuen Zuwachs, nicht einmal eine Abnahme, auch keine Veränderung.
Betrachtungen über dergleichen Dinge, oder nur auch ein Drandenken an sie, weil sie uns so nahe angehen, sind wichtig; und sie werden mit Unrecht ganz gemieden. Mit dem Gesagten habe ich indessen nur eine Anregung geben wollen zum Denken, auch bezüglich der uns vorangegangenen Geschlechter, mit denen es doch drüben noch etwas sein oder werden muß, während sie doch großenteils in gar jämmerlichem Zustande dahingefahren sind. Ist uns viel Düsteres dabei vor Augen gestellt, so soll's wenigstens antreiben, mit desto größerem Ernst zu beten: "Dein Reich komme!" Ja, wenn dieses kommt und fertig ist, dann wird Alles neu werden, wird auch die Totenwelt aufhören, wird das Endziel erreicht sein. Möchten wir's dann nur im Himmel haben, und nicht da, "wo der Wurm nicht erstirbt, und das Feuer nicht verlöscht!"
68) Der allein Unsterbliche.
Frage: "Wie ist die Stelle in 1 Tim. 6, 16 zu verstehen: ""Der allein Unsterblichkeit hat.""
Antwort. Nach dem Vorhergehenden ist die künftige Erscheinung Jesu als eine solche bezeichnet, welche "zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige" (eig. derer, die königlich herrschen), "der Herr aller Herren" (eig. derer, die Herren sind). Man könnte nun versucht sein, unter dem, der die Erscheinung zeigen wird, selbst wieder Jesum zu verstehen, als den, der Seine Erscheinung zeigen, d. h. sich offenbaren werde, weil eben Jesus in der Offenbarung zweimal (17, 14 und 19, 16) "der Herr der Herren und der König der Könige" genannt wird. Wer es so nimmt, den können die Worte: "Der allein Unsterblichkeit hat," auf Jesum bezogen, dem als Gottessohn doch auch Unsterblichkeit zuzuschreiben sei, weil Er als Menschensohn doch gestorben ist, befremden. Es ist aber Gott der Vater gemeint, welcher die Erscheinung Seines Sohnes zeigen, Ihn der Welt vorstellen wird, wie ja auch "des Menschen Sohn in der Herrlichkeit Seines Vaters kommen wird" (Matth. 16, 27). Dies zeigen auch die Worte an: "welchen kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann." Gott der Vater ist auch gemeint in 1 Tim. 1, 17, wo es heißt: "Aber Gott, dem ewigen Könige, dem Unvergänglichen, dem Unsichtbaren, und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit."
Wenn nun von Gott gesagt wird, daß "Er allein Unsterblichkeit habe," wie Er auch "wohne in einem Lichte, da Niemand zukommen kann", so ist damit das Nämliche gesagt, was in dem andern Spruche, da Er "der Unvergängliche" heißt. Von Ihm, wie es von keiner Kreatur gesagt werden kann, heißt es auch (Jak. 1, 17): "Bei welchem ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis." Seinem Wesen nach bleibt Gott ewig derselbe, wie dies bei keiner Kreatur vorausgesetzt werden kann. Wenn nun bei Ihm jede Veränderung Seines Wesens ausgeschlossen gedacht werden muß, so begreiflich auch Alles, was an Sterblichkeit erinnert; und sind bei Kreaturen Veränderungen denkbar, so sind sie auch nicht unsterblich zu nennen. Der Fragesteller denkt wohl an Engel, daß sie auch unsterblich sein möchten; und darum will es ihm unklar sein, daß Gott allein solle unsterblich sein. In Wahrheit aber sind doch auch die Engel sterblich, auch wenn sie nicht sollten, was ich sonst nicht in Abrede ziehen möchte, ursprünglich in ähnliche Lagen, gleichsam als Erziehungsschulen, gewesen sein, wie der Mensch. Denn mit allen Wesen@, auch den himmlischen, sofern sie Kreaturen sind, sind Veränderungen möglich. Wir wissen, daß ihrer Viele, wie man sich auch den Teufel ursprünglich als einen Engel des Lichts denkt, in einen Abfall gekommen sind, und dadurch von der Nähe Gottes ausgeschieden. Das war für sie ein Herabsinken in einen Zustand, den wir Tod nennen können, ähnlich dem Zustande, in welchen ein verstorbener Mensch nach seinem Tode versetzt ist, wenn er nicht zu Gott sich erheben kann. Solcher Mensch bleibt tot nach dem Tod, obgleich er noch ein Geistleben hat; und jene werden in ähnlicher Weise tot nach ihrer Verstoßung vom Himmel, obgleich sie auch eine Art Geistleben behalten, und in diesem mit ursprünglich ihnen gegebenen Kräften noch viel vermögen, wie wohl auch Geister der Menschen im Jenseits. Wie aber auf diese, wenn's nicht anders mit ihnen wird, der andere Tod noch wartet, nämlich die Verdammnis, so auch auf jene, wie wir lesen (Judä v. 6): "Auch die Engel, die ihre Fürstentümer nicht behielten, sondern verließen ihre Behausung, hat er behalten zum Gerichte des großen Tags, mit ewigen Banden im Finsternis." Kann es mit Engeln so werden, so kann man sie nicht unsterblich nennen, können sie doch, wie der Mensch, in todähnliche Zustände kommen. Bei Gott also ist's allein so, daß man sagen kann, Er habe Unsterblichkeit, weil ewig unveränderlich. Hervorgehoben aber wird's von Paulus, uns anzuzeigen, wie wir einen ewig festen, unveränderlichen, in alle Ewigkeit sich gleich bleibenden, also einen nie uns fehlenden Hort an Gott, dem Vater, haben, wenn wir einmal mit Ihm Eins geworden sind. Alles Andere, wenn es auch die höchste Kreatur wäre, darauf wir bauen wollten, ist sterblich, weil vergänglich.
Mit dieser Erklärung wird die Frage genügend beantwortet sein.
69) Von Besprechungen.
Frage: "Wollten Sie nicht wieder einmal ein kurzes Mahnwort sagen gegen Anwendung von Besprechung der Warzen und anderer Übel. Solche unbedeutende, und scheinbar unschuldige Sympathie, bei der einfach Gottes Namen angerufen und irgend ein Kreuzeszeichen mit Speck oder Stroh bei abnehmendem Monde gemacht wird u. dergl., wird hier zu Lande (Schlesien) auch von ernsten gläubigen Christen nicht für unerlaubt, oder gar gefährlich angesehen. Und solch einem unerleuchteten Menschenkind, wie ich bin, fehlt die Gabe, es den Leuten klar zu machen. Man glaubt mir nicht."
Antwort. Du darfst dich nicht wundern, wenn man dir nicht glaubt. Man glaubt ja auch dem Worte Gottes nicht. Was den Menschen beliebt, muß recht sein. Was fragt man da viel nach Gottes Gebot? Gefragt werde ich viel über Sachen der Sympathie; aber ich bin's fast müde, weiter zu reden. Denn entweder gilt's den Leuten nichts, oder haben sie's im Nu wieder vergessen. Wie ihm nun sei, so will ich diesmal den Katechismus zur Hand nehmen. Das zweite Gebot heißt: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen," d. h. nicht da brauchen, wo er nicht hingehört. Auf die Frage: "Was ist das?" antwortet Luther: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir bei seinem Namen nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen und trügen." "Wie wird Gottes Name abergläubisch geführt?" fragt unsre alte Unterweisung. Abergläubisch ist nämlich Alles, was ich auf Hoffnung einer verborgenen Hilfe tue, die ich mir nicht erklären, auch nicht auf ein Naturgesetz zurückführen kann. Die Antwort lautet: "Wenn man Gottes Namen, gewisse Worte der heiligen Schrift, das Kreuz Christi u. dergl. zum Segensprechen und andern unnatürlichen Künsten mißbraucht." Ich meine doch, das sei deutlich gesprochen, wie widergöttlich der Gebrauch des Namens Gottes bei Besprechungen sei.
Die Leute aber sagen: "Wenn es doch hilft, warum soll es unrecht sein?" Der liebe Gott jedoch wird wohl wissen, warum Er verboten habe, Seinen Namen vergeblich zu führen, und warum Er ein Hauptverbot daraus mache. Droht dir nicht dabei eine Gefahr, oder ein Schaden, auch wenn's hilft? Wenn's hilft, wer ist der Helfer? Doch nicht, weil die Hilfe aus dem Unsichtbaren kommt, eben der, der das Verbot gegeben hat? Das wäre doch seltsam, wenn Gott auf den Ungehorsam den Segen der Hilfe legte. Wer tut's also? Siehe, der Widersacher möchte nur alle Leute an sich binden; und er ist's, der sich herzumacht, wenn du auf den Namen Gottes, mechanisch, also mißbräuchlich ihn ausrufend, etwas tust, dazu Er selbst nicht kommen kann. Das aber wollte Gott verhüten, indem Er das Verbot gab. Hörst du nicht und gehorchest du nicht, so soll dir's doch gesagt werden, was du riskierst. Ein Geringes ist es nicht, an die finstere Macht gebunden zu werden; denn es reicht, wenn du nicht Buße tust, über dieses Leben hinaus, auch wenn du meinst, ein gläubiger Christ zu sein.